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Full text of "Onanie und Homosexualität. (Die homosexuelle Neurose) [Störungen des Trieb- und Affektlebens II., 2., verbesserte und vermehrte Auflage]"

ONANIE 



UND 



• • 



HOMOSEXUALITÄT 



(DIE HOMOSEXUELLE NEUROSE.) 



VON 



D E WILHELM STEKEL 

NEBVENABZT IN "WIEN. 



Zweite, verbesserte und vermehrte Aullage. 



ürban & Sehwarzenberg 

BERLIN WIEN 

N., FriedrichstraQe 106b. I-> Mahlerstraße 1. 

1921. 



Verlag von ürban & Schwarzennerg In Berlin und Wien. 



Soeben erschien: 

PSYCHOLOGIE DER FRAU. 

Versuch einer synthetischen, sexualpsychologischen Entwickelungslehre. — In 
zehn Vorlesungen, gehalten an der Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin von 

W. Liepmann. 

Mit einer Tafel und 10 Textabbildungen. H i2 ~ > ?eb. M 54.—. 

VORWORT: 

Seitdem ich im Jahre 1909 die klassischen Vorlesungen v. Winckels über L ' . 

Frauenkunde gelesen hatte, war in mir stets der Wunsch rege gewesen, eine 
ähnliche Vorlesung für Studierende aller Fakultäten hier in Berlin zu halten. 
Wissenschaftliche Arbeiten, Berufsgeschäfte und schließlich der Weltkrieg ließen 
fast ein Dezennium vergehen, ehe ich diesen Plan zur Ausführung bringen konnte. 
Als ich die Vorlesungen begann, war ich über die Zahl von 150 Hörern und Höre 
rinnen aller Fakultäten überrascht; als ich sie schloß, waren es mehr als 700. 
Dieses rege Interesse für das Problem der Frauenseele un^ die vielfachen Bitten 
meiner Hörerschar, das Gehörte auch nachlesen zu können, bestimmten mich, 
die Vorlesungen, die nur in kurzen Notizen bestanden, auszuarbeiten und dem 
Druck zu übergeben. 

So wie sie entstanden, wollen sie genommen werden. Nicht die Erfahrungen 
des Frauenarztes,' von dem v. Winckel behauptet, „daß er das Weib in allen und 
jeden Beziehungen genau kenne", sollten diesen Vorlesungen zugrunde liegen, 
sondern die Genese alles Werdens. So wurden sie zu dem Versuch einer synthe- 
tischen, sexualpsychologischen Entwicklungslehre. Manche von den Fragen, die 
hier nur angedeutet werden konnten,; JüsJ^en Raum nicht über Gebühr in An- 
spruch zu nehmen, habe ich mit deikH£rer*rln>iner sexual-psychologischen semi- 
naristischen Übungen sorgsam besprochen. -und diskutiert. Manche ernste An- 
fängerarbeit ist in diesen Übungen;;«* W-9Stigefcommen, die anderen Ortes noch 
Frucht tragen soll. Sie würden erwfeisen, wie wichtig für das Leben dieses Problem 
und seine Behandlung für alle Berührten, geworden ist. Aber eine Frucht meiner 
Vorlesungen und Übungen sowohl w^_e meiner volkstümlichen Hochschulkurse 
durfte in diesem Buche nicht fehlen : das sind die Bekenntnisse am Schluß unserer 
Vorlesungen. Sie reden ohne viel Kommentar eine beredte Sprache, sie sind 
Illustrationen des Gesagten. Aber diese Bekenntnisse sind nicht nur Illustration, 
sie zeigen auch, was uns not tut: Wir müssen die Natur im Bewußtsein und in 
der Erziehung des Einzelnen beleben, vergöttlichen. Sexual-pädagogische Vor- 
lesungen sind es, die wir brauchen, die durch die Lehrer den Schülern, durch die 
Volkshochschulen den Eltern nutzbar gemacht werden, daß die Heiligkeit alles 
Seins statt, der Lüge in die Herzen der neuen Generation einzieht. Auch hier- 
für geben unsere Vorlesungen manch einen Fingerzeig, besonders in den Schluß 
deduktionen. 

VORWORT. Inhaltsverzeichnis im Auszug: 

I. Einleitung. Biologische Grundlagen . . ...:...... . s. 1—16 

II. Biologische Grundgesetze der psycholog. Geschlechtsdifferenz . S. 17—55 

III. Die sekund. Geschlechtscharaktere in ihrer Beziehung zur Psyche S. 56—69 

IV. Sexualpsyche und Stammesentwicklung (Phylogenese) . . . . S. 70—100 
V. Sexualpsyche und Völkerentwicklung , . S. 101— 134 

VI. Sexualpsyche und Individualentwicklung. Tierpsychologische 

Einleitung S. 135—157 

VII. Die Durchgeistigung der Sexualpsyche nach der Geschlechtsreife . S. 158—174 

VIII. Die Ehe als biolog. Einheit und Stufe zu höherem Menschentum . S. 175—194 

IX. Die Ursache der Promiskuität und die Psyche der Prostituierten . S. 195—205 

X. Die Psychedes Weibes. Vergleiche, Zusammenfassung u. Ergebnis S. 206—243 

Anhang: Bekenntnisse und Arbeiten meiner Hörer und Hörerinnen . S. 244 308 

Anmerkungen und Hinweise S. 309— 315 



STÖRUNGEN 



DES 



TRIEB- UND AFFEKTLEBENS. 

n. 




< 



STÖRUNGEN 



DES 



TRIEB- UND AFFEKTLEBENS 



(DIE PARAPATHISCHEN ERKRANKUNGEN). 



VON 



D E WILHELM STEKEL, 



NEBVENARZT IN WIEN. 



IL 



ONANIE UND HOMOSEXUALITÄT. 



& 



URBAN & SCHWARZENBERG 

BERLIN WIEN 

N., FRIEDRICHSTRASSE 106b I., MAXIMILIANSTRASSE 4 

1921. 



ONANIE 



UND 



• • 



HOMOS EXUAL I TAT 



(DIB HOMOSEXUELLE NEUROSE.) 



VON 



D R WILHELM STEKEL, 



NERVENARZT IN WIEN. 



ZWEITE, VERBESSERTE UND VERMEHRTE AUFLAGE. 



-» • *- 



u 



URBAN & SCHWARZENBERG 

BERLIN WIEN 

N., FRIEDRICHSTRASSE 105b I., MAXIMILIANSTRASSE 4 

1921. 



. 



Alle Rechte, gleichfalls das Becbt der Übersetzung in die rassische Sprache 

vorbehalten. 



^ 




Copyright, 1920, by Urban & Schwarzenberg, Berlin. 



V 






Vorwort zur zweiten Auflage. 



Die vorliegende Auflage enthält einige wichtige Ergänzungen 
und mehrere neue Beobachtungen. Seit der Publikation der ersten 
Auflage, die eine so freundliche Aufnahme gefunden hat, hatte ich 
Gelegenheit, viele Homosexuelle beiderlei Geschlechtes zu sehen 
und zu analysieren. Ich konnte meine Erfahrungen vertiefen, ohne 
an meinen Schlußfolgerungen rütteln zu müssen. Ich kann nur 
wiederholen, was ich schon in der ersten Auflage gesagt habe : 
Die Homosexualität ist eine Seelenkrankheit (Parapathie) und ist 
heilbar! 

Viele Ärzte aus der Schule Hirschfelds haben mir die Er- 
gebnisse der Experimente von Steinach entgegengehalten. Sie 
finden in dieser Auflage ihre Antwort. 

Ich hoffe in der nächsten Auflage diesem Werke noch eine 
Reihe von neuen, überzeugenden Analysen hinzuzufügen. Leider bin 
ich durch den Aufbau der neuen Bände zu sehr in Anspruch ge- 
nommen, als daß ich schon jetzt diese Pflicht hätte erfüllen können. 

Ich bin aber fest überzeugt, daß die Zukunft mir recht geben 
wird. Ich hoffe, daß andere Ärzte meine Ergebnisse an ihrem Material 
nachprüfen und sich von ihrer Wichtigkeit und Richtigkeit über- 
zeugen werden. Bis heute ist es noch nicht der Fall gewesen . . . 

Wien, Oktober 1920. 

Der Verfasser. 



Inhaltsangabe. 



Erster Teil: Die Onanie. 

Seite 

I. Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie . . . 2—29 

Über die Sexualität des Kindes. — Coitus im Kindesalter. — Warum 
alle Ärzte die Sexualität der Kinder übersehen haben. — Die Asexuali- 
sierung und Vergöttlichung des Kindes. — Schilderung der Säuglings- 
onanie. — Zwei verschiedene Typen. — Die Friedmannscha Krankheit. — 
Onanierende Kinder werden als epileptisch angesehen. — Freuds Ansichten 
über die Säuglingsonanie. — Gibt es eine Latenzperiode? — Die Onanie des 
talentierten und die Onanie des geisteskranken Kindes. — Paraphilie, Pa- 
rapathie und Paralogie. — Neue Ausdrücke für neue Anschauungen. — 
Rückständige Ansichten über Onanie. — Versuch einer Definition. — Die 
verschiedenen Formen der Onanie. — Verschiedene statistische Angaben 
über die Häufigkeit der Onanie. — Alle Menschen onauieren. — Die Neu- 
rose eine Folge der Abstinenz, nicht der Onanie. — Gibt es eine Neur- 
asthenie als Folge der Onanie? — Analyse eines Falles von sogenannter 
Neurasthenie. — Beschreibung eines älteren Kinderfreundes, der sich 
durch Onanie vor dem Verbrechen schützt. — Ein onanierender Lust- 
mörder. — Die Onanie als sozialer Schutz vor sexuellen Verbrechen. 

II. Onanie und Neurose , 30—53 

Die Onanie ein Abwehrsymptom. — Geisteskrankheit und Onanie. — 
Die Neurose bricht aus, wenn die Onanie aufgegeben wird. — Fall eines 
abstinenten Studenten. — Eine Arztensfrau, die in den Büchern ihres 
Mannes liest, ihr Kampf gegen die Onanie, ihr Brief vor dem Selbst- 
mord. — Selbstmord und Onanie. — Die Onanie die einzig adäquate 
Form der Befriedigung für viele Menschen. — Chronischer Selbstmord 
durch Onanie. — Onanie und Inzest. — Der stotternde Onanist. — 
Analyse eines Schülerselbstmordcs. — Die Bedeutung der spezifischen 
Phantasie beim onanistischen Akte. — Ein Fall von Onanie wegen Fi- 
xierung einer Phantasie. — Ein Fall von Onauismus. — Schaden des 
Onanismus. — Konstitution und Onanie. — Übergang von der Onanie 
zum allerotischen Verkehre. — Es gibt keinen Kanon für die normale 
Sexualität. — Die verschiedenen kriminellen Phantasien der Onanisten. — 
Die Neurotiker als Schauspieler. 



VIII Inhaltsangabe. 

Saite 

III. Sanierte Onanie ." 54—74 

Die Pollution als onanistischer Akt. — Der Fall von Folien Ca- 
bot. — Ein anderer Fall meiner Beobachtung. — Eine Dame, die an 
Pollutionen leidet. — Der Kampf gegen die Pollutionen. — Schlaflosig- 
keit und Kopfdruck. — Ein Student, der 4—5 Pollutionen in einer Nacht 
hat. — Erforschung der spezifischen Phantasie. — Onanie im hysteri- 
schen Anfall. — Die Schädlichkeit der Onanie bedingt durch das Schuld- 
bewußtsein, r— Süße Ohnmacht. — Reizung erogener Zonen. — Ver- 
längerung der Vorlust auf Kosten der Endlust. — Verschleierter Orgas- 
mus. — Dermatosen als Ersatz der Onanie. — Pruritus vulvae. — Sper- 
matorrhoe. — Analerotik. — Luthers Leiden. — Tagträume mit geistiger 
Onanie. — Ein Fall von Zwangsneurose nach Aufgeben der Onanie; 
Heilung nach Wiederaufnahme der Onanie. — Unbefriedigte Menschen 
werden Verbrecher. 

IV. Andere Formen larvierter Onanie. — Erotische Rei- 
zungen als Heilmittel. — Zur Psychogenese des Schuld- 
bewußtseins ;\ 75_ioo 

Ein Fall von geistiger Onanie, deskriptiv von Krafft-Ebing be- 
schrieben. — Mitteilung eines analytisch aufgeklärten Falles von larvierter 
Onanie. — Fixierung einer traumatischen Szene durch Onanie. — Neben- 
wirkungen der Prostatamassage. — Die Heilkraft des Magnetismus be- 
ruht auf Sexualität. — Eine Dame, die sich von einem Magnetiseur be- 
handeln läßt. — Wirkung der Massage auf den Eros. — Der Entero- 
kleaner. — Gonorrhoe und Neurose. — Ein Fall von Wunderheilung durch 
Prostatamassage. — Analyse des Schuldbewußtseins der Onanisten. — 
Die Onanie als Symbol jeder Schuld. — Ein Beispiel von Schuldver- 
schiebung. — Die aufreizende Wirkung des Verbotes. — Die Gefahr und 
die Schuld als Steigerungen der Lust. — Prophylaxe der Kinderonanie. — 
Erziehungsfehler. — Onanie und Potenz. — Die Onanie eine Regression 
auf das Infantile. 

V. Onanie und Religion jqi 117 

Die Religion der Wächter der Sexualität. — Onanie und Frucht- 
barkeit. — Der alte und der neue Priester. — Ein Fall von Religions- 
neurose. — Einfluß eines Pfarrers auf seine Gemeinde. — Glossolalie. — 
Dement infolge des Kampfes gegen die Onanie. — Der Onanist selbst 
ein Gott. — Die Sexualität durchsetzt die Religion. — Was ein Pfarrer 
über den Schaden der Onanie schreibt.— Der Seelsorger der Zukunft. — 
Ein Fall moderner Seelsorge. — Die neue Religion von Marcinowshi. 

VI. ZwangsliaiKllungenfeines Onanisten. — Askese und Al»- 

stinenzbewegung. — Allgemeine Betrachtungen . . . 118—139 

Zwangshandlungen eines Philosophen, der die Onanie überwunden 
hat. — Sein Zeremoniell im Klosett. — Zeremoniell am Morgen. — Beim 
Verlassen der Wohnung. — Im Parke. — Auflösung seiner Zwangs- 
handlungen. — Die Psychologie der Askese und der Abstinenz. — Der 
Wille zum Rausch. — Die Abstinenzbewegung eine soziale Phobie, — 
Verschiebung auf das Kleine und das Große. — Soziale Sicherungen gegen 



Inhaltsangabe. 



IX 




die Onanie. — Die Eltern als sexuelle Wächter ihrer Kinder. — Die 
Asexualisierung des Kindes. — Der Onanist sein eigener Gott. — Fi- 
xierung der Onanie aus Trotz. — Die Revolte gegen das Teleologische. — 
Die Schule des Opfers und der Liebe. — Läßt sich die Onanie aus- 
rotten? — Sublimierung der sexuellen JEnergien. 



Seite 



Zweiter Teil: Die Homosexualität. 

I. Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der 

Homosexualität 143—166 

Krafft-Ebing hält die Onanie für die Ursache der Homosexu- 
alität. — Verwechslung von Ursache und Folge. — Kraepelins Ansichten 
über Onanie und Homosexualität. — Die Thesen von Krafft-Ebing. — 
Die Ansichten von Moll, von Havelock Ellis, Bloch, Magnus Hirschfeld,. — 
"Wie wird die Diagnose der Homosexualität begründet? — Über die all- 
gemeine Bisexualität aller Menschen. — Zusammenhang von Neurose 
und Homosexualität. — Die Familie der Homosexuellen. — Blochs An- 
sichten über das Rätsel der Homosexualität. — Die Wirkung der Psyche 
auf den Organismus. — Der Wunsch als wichtiger Faktor in der 
Psyche. — Meine Theorie der Homosexualität. — Theorien von Kiernan 
Chevalier und Lombroso. — Der Neurotiker als Rückschlagserscheinung. — 
Frühes Erwachen der Sexualität bei allen Homosexuellen. 

II. Latente Homosexualität. — Masken der Homosexua- 
lität. — Das kritische Alter. — Don Juan und Ca- 
sanova 167—201 

Entwicklung der Sexualität. — Das bisexuelle Ideal aller Men- 
schen. — Das sexuelle Grundgesetz. — Bedeutung der Homosexualität 
für die Neurose. — Weibliche Männer und männliche Frauen. — Geron- 
tophilie. — Dirnenliebe. — Die Bedeutung der sexuellen Symbole. — 
Verschiedene Masken der Homosexualität. — Transvestiteu. — Ein Fall 
von Transvestismus. — Die Bedeutung der Hose als Symbol. — Ein Fall 
von Verlieben infolge eines Symbols. — Eine Liebe auf den ersten Blick. — 
Das kritische Alter. — Der Wollüstling. — Der Fall eines Mannes, der 
das kritische Alter durchgemacht. — Neurotische Zerrbilder der Homo- 
sexualität. — Der Don Juan. — Psychoanalyse eines Don Juan. — Eine 
heiße Liebe im hohen Alter verdächtig. — Analyse eines Don Juan. 

III. Satyriasis und Nymphomanie 302—223 

Diagnose der Satyriasis. — . Priapismus. — Ein Fall von Satyriasis. 
— Ein zweiter Fall von Satyriasis. — Ein Fall von Nymphomanie. — 
Nachweis, daß hinter diesem leidenschaftlichen Drängen der homosexuelle 
unbefriedigte Trieb steckt. 

IV. Der rudimentäre Don Juan. — Die moderne Messa- 

liua 224—253 

Schilderung von Don Juan-Typen, die sich mit der Eroberung be- 
gnügen und auf den physischen Besitz verzichten. — Ein Pechvogel. — Ein 
St ekel, Störungen dos Trieb- und Affoktlebons. II. S. Aufl. b 



X Inhaltsangabe. 

Seito 

Mann, der durch Magenschmerzen in der Liebe gehindert wird. — Eine 
Messaliria, welche durch Erbrechen ihre Keuschheit bewahrt. — Einfluß 
der Religion auf diese Neurosen. 

Y. Homosexualität und Alkohol 254-271 

Der Widerstand der Homosexuellen gegen ihre Genesung und ihr 
Stolz auf ihren Zustand. — Erworben oder angeboren? — Der "Wahnsinn 
und der Alkohol als Verräter des inneren Menschen. — Drei Fälle von 
Colla betreffend homosexuelle Handlungen im Rausche. — Erfahrungen 
von Nuuia Praetorius. — Der Fall von Hugo Deutsch. — Die Ansichten 
von Juliusburg er. — Zwei eigene Beobachtungen. — Ein Fall von Moll. 

— Ansichten von Fleischmann und von Nicke. — Eine eigene Beobach- 
tung. — Bloch über den Weiberhaß. 

VI. Tardive Homosexualität. — Bedeutung der sexuellen 

Infektionen. — Einfluß «1er Traumen 272—294 

Kanu der Ekel die Ursache der homosexuellen Einstellung sein ? 

— Beobachtungen von Krafft-Ebing, Fleischma7in und Ziemcke. — Eigene 
Beobachlungiund ein Fall von Bloch. — Ein Trauma in späten Jahren 
als Ursache der Homosexualität. — Eigene Beobachtung einer tardiven 
Homosexualität. — Zwei Fälle von Bloch. — Weitere Kasuistik. — Ein 
Fall von Pjister und einige Traumanalysen. 

VII. Das Verhältnis des Homosexuellen »um anderen Ge- 
sehleehte. — Angst, Ekel, Haß und Wut. — Homosexua- 
lität und Epilepsie. — Die Forschungen Sadgers . . 295—315 

Die Thesen von Hirschfeld. — Die Angst vor dem geschlechtlichen 
Partner. — Ekel vor dem Weibe. — Sadistische Einstellung. — Epilepsie 
und Homosexualität. — Andere Abwehrreaktionen. — Meine ersten Er- 
fahrungen. — Die Forschungen Sadgers. 

VIII. Die Familie des Homosexuellen. — Sein Verhalten 

zur Mutter 316—350 

Erotik und Sexualität. — Das Unerfüllte als treibende Kraft. — 
Der männliche Protest. — Das Verhältnis des Homosexuellen zur Mutter. 

— Das Grundschema von Hirschfeld. — Infantile Eindrücke. — Der 
Einfluß des stärkeren Elternteiles. — Der Brief eines Kenners der Homo- 
sexuellen. — Analyse eines Homosexuellen. — Ein Künstler, der für 
ordinäre Männer schwärmt. — Der Einfluß des Vaters auf das Schicksal 
des Sohnes. — Zwei Fälle von Fe"r(. — Einfluß der inneren Sekretion 
auf psychische Vorgänge und umgekehrt. — Die Krankengeschichte eines 
akromegalen Riesen, der ein Weib sein will. — Die Arbeiten von Steinach. 

IX. Die Bolle des Vaters und der Geschwister. — Der 

Kinderhaß 351—378 

Der Brief eines Homosexuellen, der sich vor den „prüfenden Blicken" 
der Mädchen fürchtet. — Eine Ehe mit dem .Vater. — Eifersucht auf 
den Vater. — Ein Homosexueller, der seine Mntter haßt. — Ein geliebter 
Knabe als Imago der Schwester. — Ein Fall von Fdri. — Psychologie der 
Familienliebe. — Die Angst vor dem Kinde. — Ein Mädchen, das alle 
Kinder haßt. — Differenzierung von der Mutter. 






Inhaltsangabe. 



XI 



Seite 

X. Homosexualität und Eifersucht 379—399 

Psychologie der Eifersucht. — Die Bedeutung des Persönlichkeits- 
gefühles. — Ur-Gefühle und Muttergefühle. — Ein Mann, der seine 
Frau betrügen will. — Argwohn. — Eifersucht als Projektion der eigenen 
Unzulänglichkeiten. — Maskierte Eifersucht. — Eine eifersüchtige Arztens- 
frau. — Homosexuelle Wurzel der Eifersucht. — "Warum Frauen die 
Dienstmädchen schlagen. — Verschiebung der Eifersucht auf die Um- 
gebung. — Eifersucht auf den Vater. — Eifersucht auf die Wohnung. 

— Eifersucht auf die Vergangenheit. — Ein Fräulein, das gegen alle 
Geräusche überempfindlich ist. 

XI. Homosexualität und Paranoia 400—419 

Die Eifersucht als Projektion 'der eigenen Unzulänglichkeiten. — 
Freuds Forschungen über die Paranoia. — Die Forschungen von Julius- 
burger. — Die Eifersucht eines Paranoikers. — Eifersuchtswahn eines 
Kaufmannes. — Eifersucht und Aljcoholismus. — Paranoia und Alkoholis- 
mus. — Die Entwicklung der Menschheit von der Bisexualität zur Mono- 
sexualität. — Metamorphosis sexualis paranoica. — Der Monotheismus 
der Sexualität. — Eifersucht und Kriminalität. 

XII. Homosexualität und Sadismus 420—435 

Ein sadistischer Homosexueller (Beobachtung von Fleischmann). 

— Der lesbische Lustmord. (Kratter.) — Die Wiederholung der spezi- 
fischen Szene. — Geständnisse eines sadistischen Mediziners. — Ein 
psychanalytischer Ahasver. — Schwanken zwischen unterwürfiger Liebe 
und tödlichem Hasse. — Der Einfluß der Eltern. 

XIII. Analyse eines Homosexuellen 436—463 

Die Analyse eines Homosexuellen. — Erste Erinnerungen. — Die 
erste Schilderung seiner Einstellung. — Die Angst vor der Tuberkulose. 

— Sein Verhältnis zu den Eltern. — Der erste Traum. — Träume von 
Pissoirs. — Analerotik. — Koprophagie. — Die Mutter als Tyranuiu. — 
Verkleidungstrieb. — Ein wichtiger Traum. — Voyeur und Exhibitionist. 

— Andere Träume. — Gedichte an die Mutter. — Mutterleibsträume. 

— Sadistische Phantasien. — Ein Spermatozoentraum. — Der Traum 
vom wilden Bären. — Zusammenfassung der analytischen Erkenntnisse 
dieses Falles. — Die Formel der Homosexualität. 

XIV. Ergänzungen 464—477 

Der Fall von Freud: Analyse einer weiblichen Homosexuellen. 

— Ein Fall von geheilter Homosexualität. — Finten und Schliche der 
Homosexuellen. — Wie die Ehe eines Homosexuellen aussieht. — Die 
Bedeutung der Schläge im Kindesalter für die Psychogenese der Homo- 
sexualität. 

XV. Rückblick und Ausblick 478—497 

Die Unfähigkeit der Neurotiker zur Liebe. — Der Narzißmus der 
Homosexuellen. — Fortschreitende Geschlechtsditferenzierung mit fort- 
schreitender Kultur. — Stellung des Homosexuellen im Kampfe der Ge- 

b* 



XII Inhaltsangabe. 

Seite 

schlechter. — Die sozialen Ursachen der Homosexualität. — Die Homo- 
sexualität bei den Griechen. — Zunahme der polaren Geschlechtsspannung. 
— Die verschiedenen therapeutischen "Wege. — Die Hypnose. — Die 
Assoziationstherapie von Moll. — Die Psychanalyse. — Der Weg der 
Heilung und die Bedingungen der Heilung. 
Appendix: 

XVI. Depression und Homosexualität 498—521 

Gibt es grundlose Depressionen ? — Die Stimmungsschwankungen 
des Tages. — Sonntagsneurosen. — Der geheime Kalender. — Ursache 
der Morgendepressionen. — Depressionen, die jeden zweiten Tag auf- 
treten. — Jahresperioden und ihre Ursache. — Die Aussichtslosigkeit 
der Liebe als Ursache der Depression. — Der "Wille zur Krankheit. — 
Todeswünsche. — Die Haßbereitschaf t der Kranken. - Der Realitäts- 
koeffizient. — Unterschied zwischen Melancholie und Trauer. — Homo- 
sexuelle Regungen beim Ausbruch der Depression. — Steinachs Beob- 
achtungen an künstlichen Zwittertieren. — Verschiedene Fälle periodischer 
Depressionen mit Veränderung der sexuellen Einstellung. — Allgemeine 
Psychotherapie der Depressionen. 



-ww— 






ERSTER TEIL. 

Die Onanie. 



Unsere höchsten Weisheiten müssen — 
und sollen! — wie Torheiten, unter Um- 
ständen wie Verbrechen klingen, wenn sie 
unerlaubterweise denen zu Ohren kommen, 
welche nicht dafür geartet und bestimmt sind.' 

Nietzsche. 



Stekel, Störungen deE Trieb- nnd Aflektlebent. II. -J. Aufl. 



_ 



Die Onanie, 
i. 

Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 

Es gibt Bücher, welche für Seele und 
Gesundheit einen umgekehrten Wert haben, 
je nachdem die niedere Seele, die niedrigere 
Lebenskraft oder aber die höhere und ge- 
waltigere sich ihrer bedienen. Nietzsche. 

Das Geschlechtsleben des Menschen beginnt vom Tage der Geburt 
und endet mit seinem Tode. Andere Forscher, die der orthodoxen Freud- 
schule angehören, wollen noch weiter gehen und auch dem Fötus eine 
gewisse Sexualität zuschreiben. Ich will es nicht bestreiten, aber ich 
kann es nicht bestätigen. Dagegen weiß ich aus eigener- langjähriger 
Anschauung, daß wir bisher über den Beginn des Geschlechtslebens 
falsch unterrichtet wurden. Hieß es doch immer, beim normalen Menschen 
erwache die Sexualität erst in der Pubertät. Wo das früher der Fall 
sei, da handle es sich um Ausnahmen und um Zeichen psycho'pathischer 
Konstitution. Wollte ich die Autoren zitieren, welche noch heute dieser 
Ansicht sind, ich würde Bände füllen können. Ich habe mich immer 
gewundert, daß die Ärzte so wenig über das Sexualleben der Kinder 
wissen, da sie doch Gelegenheit haben, es so gründlich zu beobachten 
und da sie nur an die eigene Jugend denken müßten. Ich kannte damals 
noch nicht die Phänomene der „geistigen Skotome" und „des Nicht- 
sehenwollens". Es hängt zuviel Persönliches an den sexuellen Dingen, 
als daß alle Ärzte unbefangen urteilen könnten. So kommt es, daß 
sich lächerliche Vorurteile als wissenschaftliches Edelgut durch Jahr- 
hunderte behaupten konnten, so kommt es, daß unbefangene Laien und 
erfahrene Prostituierte noch heute einen Jünger Äskulaps in der Sexua- 
logie unterrichten könnten. 

Wie ist es möglich, daß alle Menschen, Mütter, Väter, Ärzte, 
Kinderfrauen die ersten sexuellen Regungen des Kindes übersehen? 
Hier hört jede Möglichkeit auf, diese Erscheinung rein individuell als 
eine zufällige zu erklären. Sie ist ein soziales Phänomen und vielleicht 

1* 






Erster Teil. Die Onanie. 



das bedeutendste Zeichen für die Stellung des Kulturmenschen zu seiner 
Sexualität. Denn es handelt sich doch da um ein Nichtsehenwollen. E s 
ist kein Übersehen, sondern ein Vorübersehen. 

Ich möchte jetzt an dieser Stelle auf einen prinzipiellen Unter- 
schied zwischen meiner Darstellung der Störungen der Geschlechtsfunk- 
tionen und der bisherigen hinweisen. Die Darstellung dieser Störungen 
war eine rein deskriptive oder eine individuelle. Ich bestrebe mich, diese 
Störungen als soziale Erscheinungen aufzufassen und immer wieder 
auf den Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen hinzuweisen. 
Das Übersehen der Kindersexualität ist auch eine wichtige soziale Er- 
scheinung, welche uns die Menschheit im Kampfe gegen ihre Sexualität 
zeigt. Dies Übersehen mußte sich auch auf die Ärzte erstrecken. Sie 
können sich dem sozialen Zuge ebensowenig entziehen wie die anderen 
Menschen. Das ist der Grund, weshalb die berühmtesten Sexualforscher 
von diesen Tatsachen nichts wußten. 1 ) 

Selbstverständlich mußte Freud, als er die Sexualität der Kinder 
neu entdeckte, auf heftigsten Widerstand stoßen. Das Nichtsehenwollen 
bestand auch dem einzigen Forscher gegenüber, der das Phänomen, das 
vor aller Welt, die sehen wollte, offen da lag, wieder beschrieb. Daß 
Freud dies sehen konnte, mag auch darin begründet sein, daß wir in 
einer Zeit leben, die sich als heftige Reaktion gegen das Verhüllen der 
sexuellen Frage bezeichnen läßt. Denn unabhängig von Freud begannen 
viele Forscher mit der Veröffentlichung sexueller Tatsachen. Die Zeit 
war wieder für das Sehen reif geworden. Ich habe wohl als erster — 
unbekannt mit den Lehren Freuds — schon im Jahre 1895 auf die 
Tatsache kodierender Kinder aufmerksam gemacht. (Über Koitus im 
Kindesalter. Eine hygienische Studie. Wiener med. Blätter, XVIII. Jahr- 
gang, Nr. 16, 18. April 1895.) Die Ausführungen scheinen mir so wichtig, 
daß ich sie hier zum großen Teil wiedergebe. 

„Daß der Koitus im frühen Kindesalter ein gar nicht seltener Vorgang 
ist, scheint in ärztlichen Kreisen eine wenig bekannte Tatsache zu sein. Einige 
der hiesigen Spezialisten, die ich über dieses Thema befragte, gestanden mir, 
darüber noch keine Kenntnisse zu haben, und nahmen meine diesbezüglichen 
Mitteilungen mit ungläubigem Achselzucken auf. Krafft-Ebing berichtet in 
seiner siebenten Auflage der „Psychopathia sexualis" bloß von Masturbation 
im frühen Kindesalter und glaubt jedes ohne peripheren Anlaß entstehend« 
Geschlechtsleben in diesem Alter einer neuro-psychopathischen Belastung zu- 
schreiben zu dürfen, eine Behauptung, die nach der Ansicht des Verfassers 
keineswegs für alle Fälle zutrifft. Merk erzählt von einem achtjährigen 
Mädchen, das seit dem vierten Jahre masturbierte und mit Knaben von zehn 
bis zwölf Ja hren Unzucht trieb. Lombroso weiß nur über onanierende Kinder 

l ) Moll sieht die Erscheinungen des Geschlechtstriebes vor dem siebenten Lebens- 
jahre als pathologisch an. Dann freilich bestünde die Welt aus lauter krankhaft ver- 
anlagten Individuen und dann wäre Sexualität überhaupt Krankkeit. 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 5 

von drei bis sieben Jahren- zu berichten. In einem unlängst erschienenen inhalts- 
reichen Aufsatze „Die Anthropologie im Dienste der Pädagogik" („Die Zeit", 
1895, Nr. 27) erwähnt er flüchtig des Geschlechtslebens der Kinder. Dort 
heißt es: „Auch kann man bei Kindern von drei bis vier Jahren, selbstver- 
ständlich in einer durch die unvollkommene Entwicklung beschränkten 
Form (?), die ersten Anzeichen der Tendenz zur Unanständigkeit beobachten". 

Zambuco beschreibt ein siebenjähriges Mädchen, das Unzucht mit 
Knaben trieb und pervers-sexuellen Trieben ergeben war. Für bringer datiert 
in seinem jüngst erschienenen Buche „Die Störungen der Geschlechtsfunktionen 
des Mannes" die Erektion durchschnittlich vom 15. Lebensjahre, also der er- 
wachenden Pubertät, hat aber gleich Curschmann Masturbation bei Kindern 
von fünf Jahren und darunter gesehen. Vom Koitus zwischen Kindern wird 
in keiner Weise gesprochen. 

Henoch erwähnt trotz seiner reichen Erfahrung keinen einzigen Fall. 
Dagegen beschreibt er die von ihm. wiederholt beobachteten Wiegebewegungen 
des Oberkörpers bei kleinen Kindern, die er als Ausdruck onanistischer 
Reizung auffaßt. Ein einziger Fall (Henoch, „Kinderkrankheiten", S. 220) 
streift unsere Ausführungen. Es handelt sich um einen siebenjährigen Knaben, 
Karl A., der seit seinem fünften Jahre, angeregt durch das lange Zu- 
sammenschlafen mit einer Verwandten, welche ihr Spiel mit ihm getrieben 
hatte, an Erschlaffung, Enuresis, Schlaflosigkeit erkrankte, vom fünften 
Lebensjahre an heftig masturbierte. Leider ist nichts über das Alter der Ver- 
wandten angegeben und auch nicht erklärt, ob der Knabe masturbiert oder 
zum Koitus gebraucht wurde. 

Eigene Erfahrung, klare Erinnerung und Zufall haben mich schon vor 
einigen Jahren zu Nachforschungen auf diesem für die Hygiene des Kindes- 
alters so wichtigen Gebiete geführt. Fragt man eine größere Anzahl intel- 
ligenter Personen über diesen Punkt aus, fordert man sie auf, genau nachzu- 
denken, so wird fast jeder Zweite sich an gewisse Vorgänge in seiner Kindheit 
erinnern, die ihm früher unverständlich waren, die sich aber bei genauer Be- 
trachtung als die ersten Anfänge des Geschlechtstriebes erweisen. Fälle 
von wirklichem Koitus sind seltener. Meist kommt es zu einem mit für die 
Kinder überraschendem Wollustgefühl verbundenen Betasten von Genitalien. 
Oft genügt der bloße Anblick derselben, wie er sich zufällig beim Spiel ergibt, 
um bei den Knaben (und nur von solchen ist ja ein gewissenhaftes Geständnis 
zu erhalten) plötzlich mit elementarer Gewalt bisher unbekannte Geschlechts- 
gefühle hervorzurufen. Im Kindesalter zeigt sich eben klar, wie viel von dem, 
■was die Menschen mit Willen und Überlegung zu tun glauben, auf Rechnung 
des Instinktes kommt. Das Kindesalter ist die Brücke, die den Homo sapiens 
mit dem Tierreiche verbindet. Sieht ja z. B. Lombroso bei jedem Kinde gewisse 
Anzeichen zum Verbrecher, weil es, wie der Fötus in den ersten Monaten eine 
niedrigere Tierspezies, in den ersten Jahren den niedersten Menschentypus 
repräsentiert. 

So wird auch der Koitus im Kindesalter meistens von den Kindern 
— instinktiv — auf dem Wege des Geschlechtstriebes gefunden. Fälle, wo 
Kinder von älteren Personen mißbraucht werden, sind ja allbekannt und ge- 
hören nicht in den Rahmen dieser Ausführungen. 

Ob bei dem versuchten oder bei dem wiederholt ausgeführten Koitus 
auch eine vollständige Immissio penis stattfindet, ist zweifelhaft. Meistenteils 



6 Erster Teil. Die Onanie. 



spielt sich der Sexualakt in der Vulva ab. Einige meiner Beobachtungen 
Schemen jedoch für eine teilweise Immission des Penis in die Vagina zu 
sprechen. - Von vornherein ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen 

Das u™: \ Kmder T S £ tbeh f t keinGSWegS der nöti S en ***» KonsMen 
Das- Hymen kann rudimentär entwickelt sein oder es kann ja ein sogenanntes 
ringförmiges Hymen vorliegen. Es ist mir niemals gelungen S£S 

AfeLS. RlT ZU entdeCken ° dGr POSitiv verwendbar! fiU 
Schmerzen Blutungen usw. zu erhalten. In Huzulendörfern - so teilte mir 
ein Student mit - sei der Koitus unter Kindern sehr häufig. Er konnte 

iV^^d^^v/Jiar^rVhrnY 1 ^^ ^»^"» I 

E» *■ -5 es viel f cht m d er Jugend so reich an elastischen Fasern daß es 

TT™ ^f. ch , ff ^' ( T °P°graphi-sche Anatomie) nimmt ja die Stärke des 
iSwenf Jahl ' en " ^ S0U daSß6lbe bei alten J-gfrauen zlhu^ 

mP rkW,H Kindei '' d ^ *!f n K ° ituS instinktiv gefunden haben, wissen aber auch 

mSeT dTT' d3ß SiG ^ Er . fiDdung V ° r den Eltern ^heim Llten 
müssen. Daher kommen so wenige Fälle zur Beobachtung des nrakti^hL 

Arztes, der unbekannt mit diesen Tatsachen, die Eltern nSt rettzeft^ 
auf gewisse Vorsichtsmaßregeln aufmerksam macht. Häufig st der Ä 
oder die erwachte Sinnlichkeit die Ursache einer früh begLnenden Onanie 
Der Koitus selber scheint für die Gesundheit der Kinder keinen ha 

SrbefÄ^ 76 ^ 116 " Eln T f ^^ ^bezüglichen robact 
tungen betrifft kraftige, nichts weniger als neuropathische Männer." 

Ich breche jetzt die Publikation dieser kleinen Studie ab Ich 
erwähne nur, daß ich noch einige Beobachtungen anführe, welche uns 
beweisen, daß dies Phänomen bei ganz normalen gesunden Menschen 
vorkommt und eine häufige Erscheinung ist, die alle Ärzte bisher einfach 
übersehen haben. Der erste Fall, den ich in der erwähnten Studie pu- 
blizierte, ein Knabe, der mit vier Jahren mit einer Freundin den Koitus 
ausführte, schien den meisten Ärzten eine Ungeheuerlichkeit Aber ich 
kenne seit jener Publikation, seit der ja schon 25 Jahre verstrichen sind 
die Materie viel besser. Ich habe unzählige Normalmenschen über ihre 
sexuellen Erinnerungen ausgefragt und alle meine Erfahrungen bestätigt 
gefunden. Ich kenne einige Fälle, in denen der erste Versuch mit 2 bi. 
3 Jahren unternommen wurde. Aus diesen Kindern wurden hochintel- 
hgente, hochkulturelle, feinsinnige Menschen. 

Und trotzdem haben alle anderen Ärzte die Kindersexualität nicht 
sehen wollen. Wo liegen die Gründe? 

Zuerst wohl in dem Umstände, daß alle Menschen sich bemühen 
mre eigene sexuelle Vergangenheit, soweit sie der Kindheit angehört,' 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 7 

zu vergessen. Wir alle haben das latente Bestreben der Entschul- 
dung. Wir haben die Tendenz, das individuelle Schuldbewußtsein zu 
verringern. Wir betonen gerne die Erziehungsfehler, die Sünden der 
Jugend, die an uns begangen wurden, um die Verantwortung von uns 
abzuwälzen. Wir wollen nicht an unsere Jugend denken, in der alle 
Urtriebe der Menschheit in uns lebendig waren. Wir dürfen diese 
Erscheinungen an den Kindern nicht sehen, weil sie 
uns an unsere eigene Jugend erinnern würden. 

Die Verdrängung der eigenen infantilen Sexualität führt auch 
zur Nichtbeachtung der Sexualität der eigenen und der fremden Kinder. 
Wir benehmen uns wie der Bauer, der im Tiergarten von Schönbrunn 
vor einem Rhinozeros staunend steht und schließlich ausruft: „Zu blöd! 
Ein solches Tier gibt's ja gar nicht!" 

Nein! Es gibt für die meisten Ärzte keine infantile Sexualität, 
weil sie mit ihr nichts anzufangen wissen. Wohin sollen dann alle 
Schlagworte vom reinem Kinde, von der richtigen Erziehung, die das 
reine Kind bewahrt, kommen? Soll man auch immer daran erinnert 
werden, wie deutlich unsere Zusammenhänge mit der Natur, dem Tiere 
und dem Verbrecher sein können? 

Eine andere Begründung findet dieses Phänomen in dem Verhalten 
des Menschen zum Problem der Schuld. Die Gründung sozialer Ver- 
bände war nur möglich, wenn das Selbstbewußtsein des Einzelnen zu- 
gunsten des Ganzen verstärkt wurde. Die Religion machte den Starken 
schwach, indem sie ihn mit Schuld belastete. Das Symbol dieser Schuld, 
das Sinnbild der Sünde schlechtweg, wurde die Sexualität. Der Mensch 
lebte im Paradies asexuell, bis die Schlange Adam verführte und er 
vom Baume der Erkenntnis kostete. Rasch vertrieb ihn die Gottheit 
aus dem Paradies, ehe er vom Baume des Lebens kosten konnte. Er 
wäre dann unsterblich und ein Gott geworden. Das heißt, er hätte dann 
die sexuelle Lust genießen können, ohne sie als Schuld zu werten. . . . 
Die ganze Disziplin und das Gemeingefühl des Kulturmenschen bauen 
sich auf diesem Schuldgefühl und auf der Angst vor der Strafe auf. Der 
Mensch fühlt sich als schwacher Sünder. 

Das Kind soll uns über uns hinaus entwickeln. Das Kind soll alle 
Stufen erreichen, die wir nicht erreichen konnten, weil unsere Kräfte 
versagt haben. Es soll den Traum unserer „großenhistorischen 
Mission" erfüllen, es soll unseren brennenden Ehrgeiz stillen. Können 
wir selbst nicht Götter sein, so wollen wir Götter zu Kindern haben. 
Das Kind soll die Reinheit zeigen, die uns gefehlt hat. Das Kind soll 
uns entschulden und entsühnen. Sündige Eltern pflegen oft ihre Kinder 
dem geistlichen Stande zu widmen. Es ist dies der primitive Ausdruck 
eines uns allen innewohnenden Wunsches, das Kind heilig zu machen. 



8 



Erster Teil. Die Onanie. 



So kommt es, daß der Glaube der Eltern an die Reinheit ihrer Kinder 
die lächerlichsten Grade annimmt. Ich habe es erlebt, daß Mütter die 
Ärzte tätlich angegriffen haben, weil sie ihnen von einer unerwarteten 
Gravidität der ledigen Tochter Mitteilung machten; ich habe beobachtet, 
daß kluge Mütter einen Eid geleistet haben, ihre erwachsenen Söhne 
. wären ganz unschuldig und hätten keine Ahnung von solchen 
„schmutzigen Dingen", während die Söhne schon eine reiche Erfahrung 
hinter sich hatten. Die offenkundigen Regungen der Sexualität werden 
als Zufall, als unsinnige Spielerei, als ein fremder Instinkt aufgefaßt. 
Das Kind hat etwas Heiliges, Reines, Erhabenes für die Mütter. Jede 
Mutter fühlt sich als Maria, die den Heiland geboren hat. Schließlich 
gibt sie zu, daß andere Kinder schon so früh verdorben sind, aber ihr 
Kind mache bestimmt eine rühmliche Ausnahme. 

Und in Wahrheit sind alle Kinder einander gleich. Nur die 
Formen, in denen sich die Sexualität äußert, sind verschieden. 

Es ist also falsch, daß unser Geschlechtsleben erst in der Pubertät 
beginnt. Es ist falsch, daß die Kinder nur durch Verführung und durch 
fremdes Beispiel mit den Regungen der Sexualität bekannt werden, und 
daß es nur von der Erziehung abhänge, ob das Kind frühreif oder 'spät- 
reif werde. 

Die Kinder beginnen mit der Onanie gleich in den ersten Tagen 
nach der Geburt. Bei den meisten bemerkt man leichte Wiegebewegungen 
rhythmischen Charakters, welche uns die ersten Zusammenhänge 
zwischen Rhythmus und Sexualität verraten. Bald aber wird die Hand 
suchend nach unten gestreckt und findet die Genitalien. Kaum geborene 
Säuglinge zeigen oft Erektionen. Jede erfahrene Hebamme wird diese 
Tatsache bestätigen können. Ich habe Erektionen schon einige Stunden 
nach der Geburt beobachten können. Die Säuglinge betreiben die Onanie 
auf verschiedene Weise. Manche haben ihre Hand, sobald sie frei ist, 
sofort unten an den Genitalien und reiben dieselben, Knaben an dem 
Penis, Mädchen an der Klitoris. 

Außer den Genitalien dienen noch alle anderen erogenen Zonen 
des Körpers der Gewinnung der autoerotischen Lust. „Der ganze 
Körper", sagt Marcus in seiner ausgezeichneten Studie „Über ver- 
schiedene Formen der Lustgewinnung am eigenen Leibe" 1 ) , "„kann als 
Lustquelle dienen und diese Art der Lustgewinnung ist die aller-. 
häufigste. Das Kind kann durch Saugen (das bekannte Lutschen) , durch 
allerlei Muskelspiele, durch Reizung der Haut, der Harnröhre, des 
Afters, mit Hilfe aller Nerven autoerotische Lust gewinnen. Trotzdem 



*) Zentralbl. f. Psychoanalyse, III. Bd., S. 225. 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 



halte ich dafür, daß wohl am häufigsten die Onanie an den Genital- 
zonen schon in frühester Kindheit vorkommt." 

Nicht in allen Fällen kann man deutlich das Eintreten des Orgas- 
mus beobachten. Es scheint mir, daß es zweierlei Typen gibt: Kinder, 
welche eine Art permanenter Lu6t [die Vorlust Freuds 1 )] empfinden 
und Kinder, welche zeitweise onanieren und dann zum Orgasmus ge- 
langen. Viele rätselhafte Anfälle der Kinder und besonders der Säug- 
linge, das bekannte „Wegbleiben", sind nur Erscheinungen infantiler 
Onanie. Da die Kinder oft eingebunden sind und ihre Hände nicht an 
den Genitalien sein können, so erkennen die Eltern und Pflegepersonen 
nicht, daß es sich bei den rhythmischen Bewegungen um Onanie handelt. 
Der onanistische Anfall beginnt meist mit lebhafter Bewegung des 
Kindes im Becken; die Beine bewegen sich auf und nieder; oder die ■ 
Muskeln werden mit aller Kraft angespannt, die Oberschenkel fest zu- 
sammengepreßt; die Atmung wird rascher; der Blick scheint in die 
Ferne gerichtet und wie glasig; die Wangen röten sich; unter allerlei 
Zuckungen, oder unter Stöhnen und Seufzen, unter Keuchen und zeit- 
weisem Aussetzen des Atems, in dem die Kinder ganz blau werden 
können, geht der Orgasmus vorüber. Die Eltern sind sich über die 
Natur dieser Anfälle niemals im klaren und protestieren meist sehr 
ungläubig, wenn man sie aufklärt, daß es sich um Onanie handelt. Die 
Ärzte erscheinen meist nach den Anfällen, haben selten Gelegenheit, 
sie zu beobachten und denken auch nicht immer daran, daß es sich um 
verschiedene Formen autoerotischer Orgasmen handelt. 

Der Mannheimer Neurologe Friedmann hat als erster auf die 
häufigen Absenzen der Kinder aufmerksam gemacht; daher machte 
Bleuler den Vorschlag, dieses Leiden die „F r i e d m a n n s c h e K r a n k- 
h e i t" zu bezeichnen. Schröder 2 ) nennt sie „Pyknolepsie". Die 
einzelnen Anfälle sind „kurze, etwa 10 Sekunden dauernde Unter- 
brechungen der Fälligkeiten, zu denken, zu ßprechen, sich willkürlich 
zu bewegen, aber nicht des Bewußtseins überhaupt und der auto- 



') „Es scheint mir nicht unberechtigt, diesen Unterschied in dem Wesen der 
Lust durch Erregung erogener Zonen und der anderen bei Entleerung der Sexualstoft'e 
durch eine Namengebung zu fixieren. Die erstere kann passend als Yorlust bezeichnet 
werden im Gegensatz zur Endlust oder Befriedigungslust der Sexualtätigkeit. Die Vor- 
lust ist daun dasselbe, was bereits der infantile Sexualtrieb, wenngleich in verjüngtem 
Maße, ergeben konnte; die Endlust ist neu, also wahrscheinlich an Bedingungen ge- 
knüpft, die erst mit der Pubertät eingetreten sind. Die Formel für die neue Funktion 
der erogenen Zonen lautete nun: Sie werden dazu verwendet, um mittelst der von 
ihnen wie im infantilen Leben zu gewinnenden Vorlust die Herbeiführung der größeren 
Befriedigungslust zu ermöglichen." 

2 ) Prof. P. Schröder: „Die Bedeutung kleiner Anfälle (AbBenzen, petit mal) bei 
Kindern und Jugendlichen." (Med. Klinik, 1917, Nr. 17.) 



■ 



10 



Erster Te'l. Die Onanie. 



matischen Bewegungen. Die Kinder erstarren einfach, 
stets mit aufwärts gedrehten Augen, mit Zittern der 
Lider, Arme und Beine erschlaffen, bald wenig, bald etwas mehr, die 
Anfälle brechen meist plötzlich aus, kommen zwischen 6mal bis lOOmal 
täglich, stören im übrigen weder das Befinden noch die geistige und 
körperliche Entwicklung. So dauert der Zustand jahrelang, um schließ- 
lich vollkommen zu verschwinden." 

Friedmann bezeichnet die kleinen (pyknoleptisehen) Anfälle als 
erstaunlich einförmig und gleichmäßig; stets hätten sie den gleichen 
Typus des einfachen Vorganges der höheren Denk- und Willensfunk- 
tionen. Für einen großen Teil der Fälle trifft das sicherlich zu; die An- 
fälle erscheinen lediglich als Zustände von momentaner Geistesabwesen- 
heit, ohne alle gröberen Symptome. „Die Kranken starren einen Moment 
gerade aus,* bekommen nur für einen Augenblick einen anderen Ausdruck 
im Gesicht und fahren dann sofort in ihrer Beschäftigung weiter, als 
sei nichts gewesen; Gegenstände, die sie gerade in der Hand haben, 
lassen sie nicht fallen, sie sinken auch nicht zusammen, fällen z. B. auch 
nicht, wenn sie gerade auf einem Baum herumklettern. Das unterscheide 
sie wesentlich von Kranken mit epileptischen Absenzen, die zumindest 
sehr häufig zusammensinken und in gefährdeten Stellungen herab- 
stürzen. Oft melden die Kinder selber den Anfall mit „jetzt war 
es wieder" — „jetzt habe ich es wieder gehabt" usw., 
oder sie können jedenfalls auf Befragen angeben, daß ein Anfall dage- 
wesen sei. Als ganz leichte „motorische" Erscheinungen sind auch in 
diesen typischen Fällen häufig ein Drehen des Kopfes zur Seite, Lid- 
fiimmern, Herabsinken der Lider und des Kopfes, sowie ein Ver- 
drehen der Augen nach obe n." 

„Von diesem Typus aber entfernen sich die Anfälle durchaus nicht 
selten mit einzelnen ihrer Erscheinungen. Vor allem kommt es vor daß 
etwas stärkere Reiz- und Lähmungssymptome auftreten: Wackeln 
des Kopfes, Zucken der Augen, steifes Ausstrecken 
der Arme, Spreizen der Finger, Taumeln, auch vorübergehend mehr 
allgemeine Starrheitund Steifheit oder aber auch plötz- 
liches Reißen an den Haaren, Drehen mit den Fingern, Schmatz- 
bewegungen, Murmeln einiger Worte, Fallenlassen eines 
Gegenstandes; in einem Fall wendete sich die Kranke in ihren sehr 
vielen Anfallen jedesmal dem Licht zu, sie lief rasch nach dem Fenster 
hin. Fälle mit noch gröberen motorischen Symptomen müssen zunächst 
fraglich bleiben bezüglich ihrer Zugehörigkeit zur Pyknolepsie. Die 
Regel ist, daß Anfälle mit etwas gröberen, über die einfache momentane 
Geistesabwesenheit hinausgehenden Erscheinungen erst im späteren 
Verlauf des Leidens auftreten, wenn die einfachen kleinen Anfälle bereits 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onauie. ±\ 

jahrelang bestanden haben, und daß sie dann auch wieder verschwinden 
und in die einfachen übergehen. Auch die Bewußtseinsstörung kann 
manchmal tiefer sein, derart, daß die Kranken tatsächlich Amnesie 
für den Anfall haben, daß sie in die Knie sinken, zu Boden fallen; doch 
ist dies stets nur ganz selten der Fall, ganz vereinzelt einmal im Ver- 
lauf von vielen Jahren nebst sonst typischen massenhaften pyknolep- 
tischen Anfällen. Auch die Dauer des Anfalles kann gelegentlich etwas 
größer sein. Ebenso wird in gar nicht ganz seltenen Fällen, aber jedes- 
mal auch nur wieder ganz vereinzelt, unwillkürlicher Urinabgang er- 
wähnt, der sonst als charakteristisch für Epilepsie gilt. Zungenbisse 
sind nie beobachtet worden, wohl aber wiederum gelegentlich Pupillen- 
starre." 

Ich habe diese Ausführungen von Friedmann und Schröder wört- 
lich wiedergegeben, weil schon die Kenntnis der gesperrt gedruckten 
Stellen, die, von mir hervorgehoben, im Originale im gleichen Drucke 
dastehen, dem guten Kenner der Sexualität verraten, daß es sich bei 
der Friedmannechen Krankheit oder der „Pyknolepsie" um autoerotische 
Akte handelt, wie sie bei Kindern und selbst bei Säuglingen sehr häufig 
und gerade in diesem Alter in gehäufter Form auftreten. Die Schil- 
derung eines Orgasmus im Kindesalter ist uns schon von verschiedenen 
Kinderärzten gegeben worden x ) , aber sie ist noch immer nur einigen 
Auserwählten bekannt und wird von ernsten Forschern, die das sexuelle 
Leben des Kindes nicht sehen wollen, beharrlich ignoriert und übersehen. 
Der veränderte Ausdruck im Gesicht, das Drehen der Augen nach oben, 
das Strecken der Extremitäten, das Murmeln einzelner Worte ent- 
sprechen dem Eintritt des Orgasmus, der nach allerlei onanistischen 
Manipulationen, Wetzen, Reiben, Aneinanderpressen der Beine (die 
einfachste und häufigste Form, die beim weiblichen Geschlecht auch im 
späteren Alter persistiert) zustande kommt. Darum hat die Kinder- 
epilepsie oft keine Folgen. Verschiedene Ärzte haben darauf hin- 
gewiesen, daß so oft im Kindesalter Epilepsie diagnostiziert wird, die 
dann später vollkommen verschwindet. Eine Rundfrage unter den Eltern 
vieler epileptischer ' Kinder hat nach zehn Jahren die überraschende 
Tatsache ergeben, daß die meisten geheilt waren. 2 ) 

Verschiedene Krampfanfälle der Kinder, welche für epileptisch 
gehalten werden, sind auch nur Äquivalente der Onanie. Immer werden 
wir die zwei Formen beobachten können: Lawinenartig anschwellenden 



>) Vergl. besonders die Arbeiten des Freudschülers Friedjung: „Erfahrungen über 
kindliche Onanie", Zeitschr. f. Kinderheilkunde, 1912 und „Erlebte Kinderheilkunde", 
Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1919. 

') Zappert: Zur Prognose der Epilepsie im Kindesalter. Med. Klinik. 1912. Kr. 6. 






12 Erster Teil. Die Onanie. 

Orgasmus und dann Abklingen oder einen leichter betonten, aber fast 
permanenten Orgasmus. 

Freud ist auch der Ansicht, daß alle Kinder onanieren und seine 
berühmten „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" haben diesen Stand- 
punkt deutlich genug vertreten. Freud sieht in der Kinderonanie die 
erste Onanieperiode, die nicht lange dauert und auf die dann eine Latenz- 
zeit folgt, in der die Onanie ganz aufgegeben wird. Wir sehen in der 
Tat, daß die Säuglingsonanie bald aufhört. Die Mädchen hören auf 
die Hand hinunterzugehen und in der Schamspalte zu halten, die Knaben 
reiben nicht mehr an den Genitalien. Fraglich ist' mir aber, ob die 
Onanie wirklich aufhört. Die Kinder stehen schon unter dem Einflüsse 
der Erziehung Die Wärterin nimmt die Hand weg und schreit: „Pfui! 
Hier darfst du die Hand nicht halten!" Dem Knaben wird ein Klaps auf 
die Hand gegeben. Es beginnt das Verstecken der Kinder vor den Eltern. 
Die Kinder geben die Onanie an den Genitalien auf und benützen zur 
Lustgewinnung die erogenen Zonen. Die offene Onanie wird zu einer 
larvierten. 

Ich glaube also nicht an die Latenzperiode, die uns Freud be- 
schreibt. Ich glaube an das permanente Fortbestehen der Onanie mit 
zeitweiligen Pausen. Ich möchte aber sagen: Beim Neurotiker tritt die 
scheinbare Latenzperiode deutlicher zutage als bei dem Normal- 
menschen. 

Eine Reihe sehr gut beobachteter Fälle liefert mir den Beweis, 
daß die Onanie ein ganzes Leben bestehen kann — ohne irgend eine 
Latenzperiode. Wo diese Latenzperiode eintritt, ist sie ein Produkt 
der Verdrängung und eigentlich schon der Beginn der Neurose. Wir 
werden später bei der Besprechung der therapeutischen Maßnahmen 
sehen, welch unheilvollen Einfluß die Abwehrmaßregeln der Umgebung 
auf das Kind haben. 

Freud äußert sich über die Latenzperiode nach der Säuglings- 
onanie mit einer gewissen Reserve und gibt zu, daß Abweichungen vor- 
handen sind : 

„Unter den erogenen Zonen des kindlichen Körpers befindet sich 
eine die gewiß nicht die erste Rolle spielt, auch nicht die Trägerin der 
ältesten sexuellen Regungen sein kann, die aber zu großen Dingen in 
der Zukunft bestimmt. Sie ist beim männlichen wie beim weiblichen Kind 
m Beziehung zur Harnentleerung gebracht (Eichel, Klitoris) und beim 
ersteren m einen Schleimhautsack einbezogen, wahrscheinlich damit 
es ihr an Reizungen durch Sekrete, welche die sexuelle Erregung früh- 
zeitig anfachen können, nicht fehle. Die sexuellen Betätigungen dieser 
erogenen Zone, die den wirklichen Geschlechtsteilen angehört, sind ia 
der Beginn des später „normalen" Geschlechtslebens." 



i 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 13 

„Durch die anatomische Lage, die Überströmung mit Sekreten, 
durch die Waschungen und Reibungen der Körperpflege und durch gewisse 
akzidentelle Erregungen (wie die Wanderungen von Eingeweidewürmern 
bei Mädchen) ist dafür gesorgt, daß die Lusterapfindung, welche diess 
Körperstelle zu ergeben fähig ist, sich dem Kinde schon im Säuglingsalter 
bemerkbar maehe und ein Bedürfnis nach ihrer Wiederholung erwecke. 
Überblickt man die Summe der vorliegenden Einrichtungen und bedenkt, 
daß die Maßregeln zur Reinhaltung kaum anders wirken können als die 
Verunreinigung, so kann man schwerlich die Absicht der Natur ver- 
kennen, durch die Säuglingsonanie, der kaum ein Individuum entgeht, 
das künftige Primat dieser erogenen Zonen für die Gesehlechtstätigkeit 
festzulegen. Die den Reiz beseitigende und die Befriedigung auslösende 
Aktion besteht in einer reibenden Berührung mit der Hand oder in einem 
gewiß reflektorisch vorgebildeten Druck durch die zusammenschließenden 
Oberschenkel. Letztere Vornahme scheint die ursprünglichere zu sein 
und ist die beim Mädchen weitaus häufigere. Beim Knaben weist die 
Bevorzugung der Hand bereits darauf hin, welchen wichtigen Beitrag 
zur männlichen Sexualtätigkeit der Bemächtigungstrieb einst leisten 
wird." 

„Die Säuglingsonanie scheint mit dem Einsetzen 
der Latenzperiode zu schwinden, doch kann mit der 
ununterbrochenen Fortsetzung derselben bis zur 
PubertätbereitsdieerstegroßeAbweichungvonder 
für den Kulturmenschen anzustrebenden Entwick- 
lung gegeben sein. Irgend einmal in den Kinderjahren nach der 
Säuglingszeit pflegt der Sexualtrieb dieser Genitalzone wieder zu er- 
wachen °und dann wiederum eine Zeitlang bis zu einer neuen Unter- 
drückung anzuhalten oder sich ohne Unterbrechung fortzusetzen. Die 
möglichen Verhältnisse sind sehr mannigfaltig und können nur durch 
genauere Zergliederung einzelner Fälle erläutert werden. Aber alle 
Einzelheiten dieser zweiten infantilen Sexualbetätigung hinterlassen die 
tiefsten Eindrucksspuren im (unbewußten) Gedächtnis der Person, be- 
stimmen die Entwicklung ihres Charakters, wenn sie gesund bleibt und 
die Symptomatik ihrer Neurose, wenn sie nach der Pubertät erkrankt. 
Im letzteren Falle findet man diese Sexualperiode 
vergessen, die für sie zeugenden bewußten Erinne- 
rungen verschoben; ich habe 'schon erwähnt, daß ich auch die 
normale infantile Amnesie mit dieser infantilen Sexualbetätigung in Zu- 
sammenhang bringen möchte. Durch psychoanalytische Erforschung ge- 
lingt es, das Vergessene bewußt zu machen und damit einen Zwang zu 
beseitigen, der vom unbewußten psychischen Material ausgeht." („Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie", S. 42— 43.) 

Es gibt also kein asexuelles Kind! Ich sagte, sein Geschlechtsleben 
erwache schon in den ersten Lebenstagen. Es zeigt sich als Onanie und 
als Freude an jeder erotischen Lust. Das Saugen an der Mutterbrust 
ist gewiß ein erotischer Akt und in gewissem Sinne auch das Ludein, das 
mitunter bis zum Orgasmus führen kann. Alle Ludelbewegungen möchte 
ich aber nicht als Onanie ansprechen. Das Kind hat noch die unbefangene 



14 



Erster Teil. Die Onanie. 



Freude an allen Reizzuständen des Körpers. Von allen Seiten strömt 
ihm die Libido zu. Es befindet sich in einem förmlichen ständigen 
Libidorausche. Von den Genitalien, von dem Munde, aus dem Anus, von 
der ganzen Haut sammeln sich lustvolle Innervationen, die noch nicht 
als verboten und Sünde gelten. Es ist eine Lustorgie, die der Erwachsene 
nicht vergessen kann. Deshalb treffen wir unter den Neurotikern so 
viele Menschen, welche die Säuglingszeit nicht überwinden können sich 
nach ihr sehnen und den Säugling imitieren. Ich habe sie „ewige Säug- 
linge" genannt. 

Nun kommt die Erziehung und beginnt mit der traurigen Lehre, 
daß das Leben keine Folge von Lustmomenten, sondern eine Kette von 
Pflichten bedeutet. Es beginnt die Arbeit der Verdrängung, da alle lust- 
betonten kulturwidrigen Regungen des Kindes, wie z. B. seine Myso- 
phihe, von der Umgebung nicht geduldet werden. Es setzt der uner- 
müdliche Kampf zwischen dem Egoismus und den sozialen Verpflich- 
tungen ein, die in der Kinderstube beginnen. 

Ich möchte hier nochmals betonen: Frühes Erwachendes 
Geschlechtstriebes ist nicht die Ausnahme, sondern 
die Regel. Koitus und Onanie im Kindesalter sind 
nicht Zeichen von Degeneration und Entartung, 
sondern im Gegenteil häufig die ersten Symptome 

eines regen Geistes, einer starken Begabung, deren 
erste Anfänge immer ein gesundes, urkräftiges 
Triebleben darstellen. 

Es ist dies der Trost, den ich allen Eltern sage, wenn sie zu mir 
kommen und klagen, daß sie entdeckt hätten, ihr Kind sei schon so früh 
sexuell erregt und onaniere: „Das kann das Zeichen sein, daß Ihr Kind 
außerordentlich begabt ist und daß sich in ihm schon frühzeitig starke 
Kräfte regen." 

So teilt mir ein genialer Student der Medizin folgende eigene Er- 
fahrungen mit: „Schon als kleines Baby von einigen Monaten sqll ich 
angefangen haben zu onanieren. Ich hielt die Hände immer in der Scham- 
gegend. Mein Penis soll vom ewigen Spielen immer gerötet gewesen 
sein. Trotzdem man meine Hände unzählige Male von unten entfernte 
gab ich sie immer wieder hin. Das weiß ich aus Mitteilungen meiner 
Mutter. Des Nachfolgenden erinnere ich mich genau. Als vierjähriger 
Knabe wurde ich von einem Sechsjährigen angeleitet zu onanieren. Ich 
gewöhnte mich daran und onanierte 4-6mal in der Woche. Ich unter- 
richtete alle meine Spielkameraden in der neuen Kunst. Im neunten 
Jahre hörte ich, daß die Onanie schädlich wäre. Auch meine Mutter 
warnte mich in sehr vorsichtiger Weise, ohne die Schäden zu übertreiben. 
Tch gab ihr das Versprechen aufzuhören, konnte aber dies Versprechen 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 



15 



nicht halten. Im 11. Jahre gab ich das Onanieren auf, weil meine Freunde 
es aufgegeben hatten und ich nicht schwächer sein wollte als sie. Mein 
Ehrgeiz war stärker als mein Sexualtrieb. Ich war nur ein Jahr bis 
auf einen einzigen Rückfall abstinent. Vom zwölften Jahre onanierte 
ich wieder fast täglich, mitunter sogar 5— 6mal an einem Tage. Im 
17. Jahre ging ich zu einer Dirne. Ich koitierte mit guter Potenz und 
normalem Orgasmus. Aus Mangel an Geld und aus Angst, von den 
Professoren bemerkt zu werden, zog ich die Onanie vor. Jetzt — ich 
bin 21 Jahre alt — onaniere ich nur, wenn ich keine Frauen zur Ver- 
fügung habe. Mein blühendes Aussehen beweist, daß die Onanie mir 
nicht geschadet hat. Ich bin sehr kräftig, habe eine starke Muskulatur 
und eine enorme Ausdauer in verschiedenen Sportsarten." Geistig er- 
scheint dieser Mediziner weit über seine Jahre entwickelt. Er hat eine 
enorme Belesenheit und große Bildung, spricht viele Sprachen und ver- 
spricht, ein großer Gelehrter zu werden. Als Schüler war er immer faul, 
war aber trotzdem infolge seiner glänzenden Anlagen immer einer der 
Besten in der Klasse. 

Es handelt sich um einen hochbegabten Menschen, dessen Trieb- 
leben mit großer Entschiedenheit sehr früh einsetzte und eine Parallel- 
erscheinung zu seiner Begabung bedeutet. 

Ich will nicht vergessen, darauf hinzuweisen, daß auch das Gegen- 
teil gar nicht selten ist. Daß auch abnorme Kinder, welche den Keim 
einer schweren Geisteskrankheit in sich tragen, auffallend früh stark 
zu onanieren anfangen. Dann wird später die Geisteskrankheit als 
Folge der Onanie aufgefaßt, während das hemmungslose Trieblcben 
bereits das erste Symptom der Krankheit gewesen ist. Aber bei diesen 
Kindern findet man auch andere Zeichen der Degeneration, eine v e r- 
spätete geistige Entwicklung, während die nicht psycho- 
pathischen onanierenden Kinder oft eine auffallende Frühreife zeigen. 
Manchmal ist die Diagnose jedoch schwer zu stellen und erst die 
späteren Jahre belehren uns über den wahren Tatbestand. Wie wir uns 
in solchen Fällen zu benehmen haben, das will ich später ausführen. 
Ich möchte nur betonen, daß die Onanie bei starkem Widerstand der 
Umgebung heimlich fortgesetzt wird, sich aber meistens in Formen 
äußert, die ich als larvierte Onanie beschrieben habe. 1 ) 

Doch ich spreche immer von der Onanie als einer normalen Er- 
scheinung und dies Buch soll die krankhaften Verirrungen des 
Geschlechtstriebes beschreiben. Wenn man nur wüßte, wo das Kranke 
anfängt und das Normale aufhört! Perversionen gelten als krankhaft 
und sind bei allen Naturvölkern verbreitet, also im Grunde genommen 



| >) Über larvierte Onanie. Sexualprobleme. 9. Jahrg., 2. EL, Februar 1913. 



16 



Erster Teil. Die Onauio. 



naturlich. Sie werden aber von unserer Zeit als krankhaft empfunden 
*ie ist das Normale in größerer Wertung gestanden als jetzt und nie 
wurde im Dienste des Normalen mehr Abnormes, d. h. Naturwidriges 
verbrochen. Ich habe eine zu tiefe Bewunderung für die Natur, als daß 
ich mir herausnehmen wollte, sie zu korrigieren und üire Äußerungen 
als krankhaft hinzustellen. Es wird meine Aufgabe sein, nachzuweisen 
wie vieles von dem natürlich ist, was wir als krankhaft bezeichnen, und 
wie viel Krankheit in unserem Bestreben steckt, die Natur zu verge- 
waltigen. < 

• m\ Wm f -T l n die8em Buche den Glichen Ausdruck Perver- 
sion (Naturwidrigkeit) nicht gebrauchen und mich eines anderen be- 
dienen, den /. S. Kraus, vorgeschlagen hat : P a r a p h i 1 i e. Dieser 
Ausdruck paßt in mein System besser hinein. Ich sehe nämlich in allen 
sogenannten Perversionen „Parapathien", d. h. Störungen des Affekt- 
lebens. Die Paraphihe ist also nur eine besondere Form der Parapathien 
Psychosen werden von mir als Paralogien bezeichnet. Dies betone ich 
nur zur Information des Lesers, der sich sonst an den neuen Ausdrücken 
Paraphihe, Parapathie, Paralogie stoßen wird. Eine neue Auffassung 
verlangt auch eine neue Nomenklatur, die etwas von dem Odium zer- 
stört, das den Verirrungen des Sexuallebens anhaftet. Die sogenannten 
Verirrungen und Laster" sind meist n W Variationen eines und 
desselben Triebes! Und meine Werke sind eine Schilderung der Zu- 
stande, welche die Moralisten insgesamt als „Laster" und , Folgen der 
Laster" bezeichnet haben. 

Und da wüßte ich mir kein besseres Beispiel als die Besprechung 
der Onanie! Was für rückständige Ansichten herrschen über die Onanie 
in Ärztekreisen, die leider in sexualibus nicht viel mehr wissen als ge- 
bildete Laien, die ihren Krafit-Ebing, Block und Forel gelesen haben. 
Und selbst berühmte Sexualforscher, die ihre ganze Lebensarbeit dem 
Erkennen der Sexualprobleme widmen, wie z. B. Rohleder, sprechen von 
der Onanie immer als dem „Laster" und können sich gar nicht genug 
tun in dem Bestreben, die zahllosen Schäden der Onanie aufzuzählen 
und die zahllosen nutzlosen prophylaktischen und therapeutischen Be- 
helfe vorzuführen, welche das Laster „ein für allemal" ausrotten sollen. 
Über die angeblichen Schäden der Onanie äußert sich Kraepelin 
in ungemein temperamentvoller Weise. Es handelt sich freilich um 
eugenische Bestrebungen und um Schaffung neuen Menschenmaterials. 
Unter den „Arbeiten der vom Ärztlichen Verein München eingesetzten 
Kommission zur Beratung von Fragen der Erhaltung und Mehrung der 
Volkskraft" findet sich im Artikel Kraepelins „Geschlechtliche Ver- 
irrungen und Volksvermehrung" (M. m. W. 1918, Nr. 5) folgende be- 
zeichnende Stelle: 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 



17 



„Auch die Onanie ist trotz ihrer außerordentlichen Häufigkeit nur 
ausnahmsweise ein dauerndes und unbedingtes Hindernis der Fort- 
pflanzung. In der ganz überwiegenden Mehrzahl der Fälle bleibt sie eine 
vorübergehende Verirrung der Jugend- und Entwicklungsjahre, und auch 
dort, wo sie beim Erwachsenen fortbesteht, braucht sie, die natürliche Ge- 
schlechtsbetätigung nicht aufzuheben. Wo das dennoch geschieht, handelt 
es sich ausnahmslos um psychopathische oder sonstwie krankhafte Ver- 
anlagung, namentlich um die Anfänge der Dementia praecox. Begünstigt 
wird eine solche Entwicklung in ersterem Falle durch den Eintritt 
psychischer Impotenz, in letzterem durch die dem Leiden eigentümliche 
„autistische" Abschließung von der Umgebung, die eine geschlechtliche 
Annäherung wesentlich erschwert oder unmöglich macht. Ein Umstand, 
der hier selbstverständlich nur als erwünscht bezeichnet werden kann. 
Dagegen erscheint das Einwurzeln der Onanie bei Psychopathen auch 
noch insoferne bedenklich, als sie bei diesen bestimmbaren Persönlich- 
keiten eine dauernde Verschiebung des Geschlechtszieles begünstigen und 
damit einer Reihe anderer geschlechtlicher Verirrungen die Bahn frei 
machen kann. Weiterhin aber verbreitet sich die Onanie erfahrungsgemäß 
sehr leicht durch Verführung, besonders jugendlicher Personen, so daß, 
wo der Boden dafür empfänglich ist, die erwähnten Folgen sich auch 
auf mehr oder weniger zahlreiche weitere Personen ausdehnen und da- 
durch zu einer Gefahr für die Volksvermehrung werden können. Wenn wir 
daher auch heute an die ehemals befürchteten schrecklichen Folgen der 
Onanie für die persönliche Gesundheit nicht mehr glauben, so werden 
wir darüber doch nicht im Zweifel sein, daß es dringend notwendig ist, 
ihre Entstehung und ihre Verbreitung mit allen Mitteln zu bekämpfen." 

Diese argen Übertreibungen und falsche Darstellung leistet sich 
der Münehener berühmte Psyehiater im Dienste der Menschenver- 
mehrung, als ob die Unterdrückung der Onanie die Fortpflanzung be- 
günstigen würde. Wenn es sich aber nach Kraepelin um so furchtbare 
Psychopathen handelt, die das „Laster" durch das ganze Leben schlep- 
pen, so müßte man ihnen eigentlich dankbar 6ein, daß sie auf die Fort- 
pflanzung verzichten und ihr asozialer Akt wird eine eugenischc 
Maßregel. 

Ich wünschte mir, mit Keulenschlägen in den ganzen Wust drein- 
hauen zu können, um Platz für eine vernünftige, von Vorurteilen nicht 
getrübte Auffassung zu schaffen. Ich glaube, daß mein Bestreben ver- 
geblich ist und daß ich eher Spott und Hohn ernten werde als Aner- 
kennung und Nachprüfung. Aber ich erfülle meine Pflicht als ehrlicher 
Forscher und weiß, daß es nie eine größere und wichtigere Pflicht ge- 
geben hat. 

Da ich von den psychischen Störungen der Sexualfunktion sprechen 
will, so hätte ich eigentlich kein Recht, mit der Onanie anzufangen. 
Denn sie soll ja eine unendliche Reihe von physischen Störungen im Ge- 
folge haben Und erst durch diese Schädigungen auf die Psyche wirken. 

Stekel, Störungen doa Trieb- und Affektlobens. II. 2. AuB. 2 



18 



Erster Teil. Die Onanie. 



Ich behaupte aber: Alle Schädigungen, die man der 
Onanie zuschreibt, existieren nur in der Phantasie 
der Arzte! Alle Schädigungen sind Kunstprodukte 
der Arzte und der herrschenden Moral, welche seit 
zwei Jahrtausenden einen erbitterten Kampf gegen 
die Sexualität und alle Lebensfreude führt 

• a , D fi ° Ch + da 7 I i n S i äter! Jeder Weiß ' was 0nanie ^ und doch 
wird definiert und klassifiziert, eingereiht und eingeschachtelt, erst dann 
gibt sich die Wissenschaft zufrieden. Rohleder >) definiert: „Unter 
Onanie versteht man diejenige Betätigung des Geschlechtstriebes, bei 
welcher die äußeren Schamteile nicht wie beim Koitus durch Vereinigung 
und Friktion der männlichen und weiblichen Genitalien, sondern durch 
Manipulierung mit den Händen bis zur Ejakulation, zur Ausspritzung 

SÄT £ eim weiblichen Geschlecht bis zum höchsten Gi P fel g- 

schlechtlicher Erregung gereizt werden, entweder allein durch die Hände 
oder " durch irgendwelche Instrumente." Diese Definition ist weder' 
richtig noch erschöpfend. - Sie berücksichtigt nicht die so verbreiteten 
* ormen der psychischen Onanie, bei der es nie zur Berührung der Geni- 
talien kommt sie vernachlässigt die Onanie an den erogenen Zonen 
(z. B die mechanische Reizung des Afters), sie nennt jeden Lusterwerb 
am geschlechtlichen Partner (durch gegenseitige Reizung) Onanie 

Ich halte dafür, daß der Ausdruck von Havelock Ellis Auto 
erotismus dem veralteten und mißbräuchlich angewendeten Onanie" 
vorzuziehen wäre. Denn Onanie ist für mich im strengsten Sinne des 
Wortes nur Autoerotismus. Die Onanie ist ein asozialer Geschlechts- 
akt. Das ist ihr wesentliches Merkmal. Es gibt für Männer keine 
Onanie beim Weibe, wenn sie ohne besondere Libido kohabitieren wie 
viele Autoren annehmen. Es gibt für mich auch keine mutuelle Onanie 
zwischen zwei Männern oder Frauen. Meine Definition lautet also- 
Jeder sexuelle Akt, der ohne Mithilfe eines Anderen 
vollzogen wird, ist Onanie. 

Dabei kommen die Vorgänge der Phantasie nicht in Betracht 
Denn in der Phantasie gibt es eigentlich sehr selten einen „auto- 
erotischen Akt weil man ja dabei meistens eine oder mehrere Personen 
als Objekte der Befriedigung zur Verfügung hat. Die selteneren Fälle 
ausgenommen, in denen der eigene Körper zum Sexualobjekt wird, die 
auf den Narzissmus (das Verliebtsein in sich selbst, die sogenannte 
„Ichliebe , den „erotischen Egoismus") zurückgehen. Eigentlich ist 
jeder onamstische Akt ein Symptom des Narzissmus. Denn die Lust 
wird am eig enen Körper gewonnen, überdies zeigt eine genauere psycho- 

') Die Masturbation. III. verbesserte und vermehrte Auflage. Berlin, W 35 
Fischers medizm. Buchhandlung H. Kornfeld, 1912. 







Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 19 

logische Untersuchung der Liebesbeziehungen, daß jeder Mensch sein 
Ich in der nächsten, sein Ich spiegelnden, Umgebung sucht und daß jede 
Liebe im gewissen Sinne eine „Ichliebe" ist. Wir lieben u n s in Anderen 
und hassen u n s in Anderen. 

Wir bleiben also beim historischen Ausdrucke „Onanie", aber wir 
verstehen darunter immer nur den „Autoerotismus". Wie weit käme 
man, wollte man die verschiedenen Variationen des Liebesverkehres 
zwischen Mann und Weib oder zwischen zwei Männern Onanie nennen! 
Nach meinen Erfahrungen ißt der Koitus zwischen Eheleuten absolut 
nicht die Regel. Zahllos sind die mir bekannten Fälle, in denen zwischen 
Ehe und Liebesleuten statt des Koitus nur die gegenseitige Frictio 
genitalium stattfindet. Die Motive sind verschieden. Teils aus Angst 
vor Kindersegen, teils aber, weil der Orgasmus für beide Teile so stärker 
ist. Auch geht es nicht an, zu sagen, zwei Homosexuelle hätten mit- 
einander Onanie getrieben. Das ist eben keine Onanie mehr. Das sind 
keine asozialen Akte, das sind schon Liebesbeziehungen zwischen zwei 
Personen. 

Merkwürdigerweise empfinden die wenigsten dieser Menschen diese 
Akte als Onanie. Das Odium, das der Onanie anhängt, klebt vielmehr 
am autoerotischen Akte. Das hat eine tiefe Begründung. Die seelischen 
Vorgänge bei der solitären Onanie sind ganz andere, als die bei der Be- 
friedigung durch einen anderen. Wir werden später beim Eingehen auf 
die Psychologie der Onanie noch darauf zurückkommen müssen. 

Wir kommen jetzt zur Beantwortung der wichtigen Frage: Ist 
diese autberotische Betätigung schädlich oder nicht? In dieser allge- 
meinen Fassung ließe sich die Frage kaum beantworten. Wir könnten 
ebenso fragen: Ist. die Sexualität schädlich oder nicht? 

Jeder „normale" Akt kann unter bestimmten Umständen und in 
bestimmter Ausführung eine Schädlichkeit werden. Ein Übermaß von 
Essen, Trinken, Schlafen und vieler anderer physiologischer Funktionen 
kann durch falsche Anwendungsweise und durch Übermaß schädlich 
werden. Meiner Erfahrung nach steht die Onanie an Schädlichkeit (wenn 
wir von den sekundären seelischen Begleiterscheinungen absehen) in 
gleicher Linie wie der sogenannte „normale" Akt. Es gibt verschiedene 
Variationen des autoerotischen Aktes, die zu einer Reizung der Ge- 
schlechtsdrüsen und zu Störungen der inneren Sekretion führen. Wir 
müssen uns daher einen flüchtigen Überblick über die verschiedenen 
Formen der Onanie verschaffen. 

Wir können da unterscheiden: 

A. Die Onanie ohne mechanische Reizung. 

1. Durch die Produktion autochthoner Phantasien. 

2. Durch obszöne Reden. 

2* 



20 



Erster Teil. Die Onanie. 



3. Durch Lektüre. 

4. Durch den Anblick einer bestimmten Situation oder eines 
bestimmten Körperteiles. 

5. Durch verschiedene Affekte - hauptsächlich durch Angst. 
Der fünfte Punkt bedarf einer kleinen Erörterung. Es gibt 

Onanisten, die sich in Situationen bringen, in denen sie Angst empfinden 
worauf unter großem Lustgefühl eine Ejakulation eintritt. Ein Mann 
meiner Beobachtung machte einen kaum angedeuteten exhibitionistischen 
Akt. Dieser führte nur eine allgemeine Spannung herbei. Dann kam die 
Phantasie, er würde von einem Wachmanne beobachtet werden. Er er- 
griff nun die Flucht, wobei es zur Ejakulation kam. Ein anderer 
onanierte mit der Vorstellung des „Nicht Erreichens". Er richtete es 
so ein daß er z. B. sich zu einem Zugesehr viel Zeit ließ, so daß er sich 
im letzten Momente sehr „hetzen" mußte. Dann kam die Vorstellung - 
Das wirst du nicht erreichen! Sofort setzte eine Angst 
ein die Sich allmählich steigerte, bis es zum Orgasmus mit allen seinen 
Begleiterscheinungen kam. Dasselbe konnte er auch durch die Lektüre 
eines beliebigen Buches erzielen. Der Leser sagte sich plötzlich- Du 
mußt in zehn Minuten mit dem Buche fertig werden. Damit du dich 
aber nicht beschwindeln kannst, mußt du -laut lesen und jeden Vokal 
genau und deutlich betonen." Er legte die Uhr vor sich hin und bald 
hatte er wieder die gesuchte psychische Spannung des „Nicht Erreichend 
durchgesetzt, die zum Auslösen des Orgasmus führte. Dieser Mann 
konnte durch eine gewöhnliche Friktion kaum einen Orgasmus erzielen 
Auch m solchen Fällen mußte die Phantasie des „Nicht Erreichens'" z„ 
Hilfe genommen werden, um den Orgasmus durchzusetzen. 1 ) Ähnliche 
Erscheinungen kann man bei anderen Affekten beobachten (Zorn, Haß 
Mitleid, Scham usw.). 

Wir können ferner unterscheiden: 

B. Onanie mit mechanischer Reizung. 

1. Mechanische Reizung ohne Zuhilfenahme der Phantasie. (Diese 
Form ist sehr selten, da die Phantasie meist „unbewußt" bleibt 
worüber wir noch ausführlich sprechen werden.) 

2. Mechanische Prozeduren am Schlüsse der Phantasie. 

3. Die Masturbatio prolongata. Die Ejakulation wird durch Auf- 
hörender Friktionen oder Einschieben anerotischer Phantasien zurück- 

') Hinter diesem Affekt steckt eine ganz bestimmte (verborgene) Phantasie 
Auf den Kern reduziert, ließ sieh in dem beschriebenen Falle eine besondere Para- 
plnlie« nachweisen, die ihm unerreichbar schien. Da er die Situation so gestaltete daß 
er schheßhch den Zug oder das andere Ziel doch erreichte, so konnte die Wunsch- 
pl.antas.e auch mit der Erfüllung abschließen, die sich im Orgasmus ausdrückte. 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 21 

gehalten. Nach einer Pause kommt es zu neuen Friktionen oder Lust- 
produktionen, die aber wieder vor dem Eintreten des Orgasmus einge- 
stellt werden, so daß eine Verlängerung des sexuellen Aktes bis zu einer 
Stunde und darüber hinaus durchgesetzt werden kann. 

4. Eine besondere Form ist auch die von Rohleder zuerst be- 
schriebene Masturbatio interrupta. Bei dieser Form wird der Orgasmus 
überhaupt nicht herbeigeführt. Der Onanist begnügt sich mit der Vor- 
lust und verzichtet aus hygienischen oder ethischen Motiven (Samenver- 
lust, Angst vor Schmutz) auf den Orgasmus und die Ejakulation. 

C. Endlich haben wir den „Unbewußten Auto- 
er o t i s m u s" zu erwähnen. Die verschiedenen Formen der 
Spermatorrhoe (z. B. beim Defäzieren) und die Pollutionen x ) , manche 
rätselhafte Krampfanfälle mit darauffolgender süßer Erschlaffung (bei 
Kindern und Erwachsenen), kleinere und längere Absenzen sind ver- 
steckte autoerotische Akte. Bei den Pollutionen macht der Träumer ent- 
weder Friktionen oder die charakteristischen Bewegungen, welche den 
Orgasmus herbeiführen. Auch die Defäkation wird bei solchen Menschen 
unter Begleitung unbewußter analerotischer Phantasien ausgeführt. 
Die Spermatorrhoe geht unter schwachem Lustgefühl oder leichtem 
Kitzelgefühl vor sich. Übrigens ist zu erwähnen, daß es vielen Menschen 
gelungen ist, die große Endlust dadurch zu maskieren, daß sie die Vor- 
lust in kleinen Libidoteilen genießen. Sie kommt nicht mehr als Libido 
zum Bewußtsein. 

Solche autoerotische Vorgänge sind sehr häufig und meistens sehr 
geschickt maskiert. Die Erwachsenen haben dabei z. B. keine Erektion. 
Sie halten den infantilen Typus der Lustgewinnung fest, so daß eine 
Urinabsonderung die Ejakulation ersetzt. (Enuresis!) Ähnliche Vor- 
gänge sind beim Lutschen und beim Hutschen und bei verschiedenen 
Muskelaktionen nachzuweisen. Diese Prozeduren sind in praxi nicht 
so scharf geschieden, als ich sie hier geschildert habe. Denn es gibt 
unzählige Kombinationen und Übergänge. So kenne ich einen Mann, 
cer zuerst ohne Friktion mit phantastischen Vorstellungen einer Orgie 
onaniert. Dann spannt er seine Muskeln auf das Äußerste an und setzt 
so erst den Orgasmus durch. Andere können beim Turnen, Schwimmen, 
Radfahren, Reiten durch Kombinationen mechanischer und seelischer 
Reize zur Befriedigung gelangen. 

Alle Menschen onanieren. Von dieser Regel gibt es 
keine Ausnahmen, wenn man einmal weiß, daß es eine unbewußte Onanie 
gibt. Man könnte sie auch die maskierte oder larvierte Onanie nennen. 






*) Vgl. die tvett'liehe Schilderung der Pollutionen von Dr. S. A. Tannenbaum im 
IV. Bd. (Die Impotenz des Mannes). 



22 



Erster Teil. Die Ouanie. 



Einige dieser Formen habe ich bereits erwähnt. Aber es gibt deren 
anzählige. Der Eine hat die Gewohnheit, mit dem Finger in den Anus 
zu fahren, angeblich weil er den harten Stuhl herausbringen muß. Denn 
die Lustgewinnung auf dem maskiert autoerotischen Wege wird immer 
„rationalisiert". Der Zweite fühlt ein heftiges Jucken im Mastdarm 
so daß er immer kratzen muß. (Häufig bei Hämorrhoidariern, die auch 
die „süßen Lustgefühle" bei diesem Jucken und Kratzen betonen.) Die 
Dritte leidet an einem Pruritus vaginae, der sie zum Kratzen zwingt 
* ach dem Orgasmus hört das Jucken allmählich auf. Diverse Spiele mit 
der Zunge, das Kratzen der Haut, das Nasenbohren, manche Tics ge- 
hören in dieses Gebiet. Charakteristisch ist dabei immer, daß der 
Charakter der Lust so mitigiert erscheint, daß er dem Beteiligten gar 
nicht als „erotisch" zum Bewußtsein kommt. Beim Manne wird die 
Phnr'^rT g T an Y U8geSchaltet - Die Erektion würde ja den sexuellen 
Charakter der Lustgewinnung sofort verraten. Selbst die Ärzte kennen 

üon 1 ^e tr "TT C1Wakter dleSer Gewinnung Ä 
!Z J? S ~° rrl > oe wird «* besondere Schwäche des Sexual- 
apparates au gefaßt. Dieser Ansicht widerspricht die Tatsache daß 
noch immer das beste Mittel gegen Spermatorrhoe regelnder Ge 
chlech -erkehr 1S Wenn eben eine andere Form der LustgewTnnung 
zur Verfugung steht, ist die Spermatorrhoe überflüssig 

,„«* ?f "T 1 ^ ^ TatSaChe der all g e ^nen Säuglingsonanie 

bXeiL SpH 16 qUltäre T erbr 1 tUnS ^ ° nanie im «Päterfnllt 
bestreiten. Sehen wir einmal von der Säuglines und THn,w u 

und versuchen wir iestzueteHen, wie viele UeZZ^tlTZm 
dem Autoerotismus huldigen. *-uDertat 

stellt g p ß 1St die f ahl d / r n ° nanierenden Menschen? Ernßte Forscher 
stellen den Prozentsatz auf 90% und darüber. Selbst Rohteder gibt 

eine so hohe Ziffer zu. Dr. Meirowsky (Köln) stellte Rohleder seine 
private Statistik, die er einer brieflichen Anfrage bei Ärzten verdankt 
zur Verfügung. Von 88 Ärzten hatten 78 masturbiert, was 88 7% 
ergibt. Rechnen wir aber die Fälle von larvierter Onanie hinzu über 
die wir noch sprechen werden, so können wir ruhig behaupten, daß alle 
Menschen onanieren. Die Nicht-Onanisten sind die Ausnahme. Ich habe 
einige solcher Exemplare gesehen. Es waren die schwersten Neurotiker 
und auch da ergab die genaue analytische Durchforschung, daß sie un- 
bewußte Onanie trieben. Eine sexualpädagogische Enquete in Budapest 
aber hatte sogar 96% Onanisten ergeben. Ich meine natürlich Menschen 
weiche m ihrem Leben überhaupt jemals onaniert haben. 

Wie verbreitet die Onanie ist, das beweist die neueste kleine 
Statistik von Johannes Duck (Sexualprobleme, 10. Jahrgang Heft 11) • 
90.8% seiner Befragten gaben die Onanie zu. Nehmen wir jetzt die 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 23 

Fälle von unbewußter Onanie dazu, ferner den Prozentsatz der Lügner, 
die es in solchen Fällen immer gibt, und man wird meinen Satz unter- 
schreiben müssen : Alle Menschen onanieren! 75% der Be- 
antworter sagten aus, daß sie keinen Schaden von der Onanie verspürten. 
Über die Zahl der Onanisten äußern sich andere Autoren, wie folgt: 
Marcuse 92%, Herrn. Cohn 99% und Oskar Berger (Arch. f. Psychiatrie,' 
Bd. 6, 1876) 100%. Wie müßte also das Menschengeschlecht aussehen, 
wenn dieses „furchtbare Laster" in der Tat schädlich wäre? . . . 

Und doch seilen wir eine Reihe von Schädlichkeiten, die immer 
n n. c h onanietischen Akten auftreten. Wir hören, daß die Leute gleich 
danach oder am nächsten Tage sich matt und müde fühlen, daß sie über 
Kopf- und Kreuzschmerzen klagen und unfähig zur Arbeit scheinen usw., 
eine Erscheinung, die Ferenczi „Eintagsneurasthenie" genannt 
hat. Ich kann jedoch den Beweis liefern, daß diese Eintagsneurasthenie 
ein psychogenes Gebilde ist. Ich habe viele Menschen gesehen, welche 
diese sogenannte Eintagsneurasthenie sofort verloren haben, nachdem 
sie von mir belehrt wurden, daß der onanistische Akt als solcher voll- 
kommen unschädlich und harmlos ist und daß nur ihre Angst ihnen 
einen Schaden vorgetäuscht und dadurch auch erzeugt hat. 

Unzählig sind die Kranken, die mir beweisen wollten, daß sie nach 
der Onanie die sonderbarsten Schwächezustände erleiden. Der eine kann 
nichts arbeiten, der andere fühlt sich wie zerschlagen, der dritte er- 
krankt an Migräne, der vierte zeigt eine schwere Depression, der fünfte 
ist verstopft, der sechste hat heftige Herzbeschwerden, der siebente 
Schmerzen im Hoden oder im Anus, der achte einen schier unerträg- 
lichen Kreuzschmerz. Ich sah Hypochonder, welche mir bewiesen haben, 
daß sie nach einem onanistischen Akte um ein Kilo an Gewicht ab- 
nahmen. Die Gewichtsabnahme war die Folge eine6 pathologischen 
Schwitzens infolge der Angst vor den grauenhaften Folgen. 1 ) Alle 
diese Beschwerden sind die Folge von mächtigen Autosuggestionen, 
welche jene Symptome erzeugen, vor denen sich die Kranken fürchten. 
Auch die Besserungen nach dem Aussetzen der Onanie beweisen nichts. 
Die Onanisten zählen die Tage, welche sie onaniefrei verbracht haben, 
und fühlen einen ungeahnten Kräftezuwachs. Der Zauber dauert nicht 
lange. Entweder sie werden wieder rückfällig und sind so unglücklich 
über ihre eigene Schwäche, daß sie sogar zu einer Kastration bereit 
wären, um Leben und Gesundheit zu retten, oder sie erkranken nach 



t 



*) Der Kranke zeigte den bekannten Heißhunger der Sexualhypochonder nach 
onanistischen Akten. Diese Kranken versuchen die Samenverschwendung durch eine 
übermäßige Ernährung wettzumachen. Unser Patient verzehrte nach'einem onanistischen 
Akte am nächsten Tage 20 Eier, selbst in der Kriegszeit, in der diese restitutio ad 
integrum ihm ein kleines Vermögen kostete. 



24 



Erster Teil. Die Onanie. 



dem kurzen Irühling der Genesung an einer schweren Neurose, die sie 
nicht ; als Folge der Abstinenz, sondern als Folge der Onanie auffassen. 
Der furchtbare psychische Konflikt ist es, der die Onanisten ihrer 
seelischen Energien beraubt und sie schwer schädigt. Ein großer Teil 
ihrer seelischen Energie wird im Kampfe gegen die Onanie' aufgezehrt. 

a, IRk ^T \ Gren Pßychischen Kampf, den die Onanisten 

auskämpfen müssen ehe es zum Akte kommt. Sie binden sich mit 

ausend Eiden, mit Gebeten, mit Versprechungen usw. Sie haben sich 

£ Sril m tr fallen - Dieses Mai eom - d - «* 

T$J ? ? a ,i er Elde Und Vor8ätze erlie ? en si * wieder dem 
Tnebe und werden rückfällig.- Dor seelische Katzenjammer der Nieder^ 

wSlfft 1 "" SChWere Depressi0n " °™ ^mmt 
jer Einfluß der bekannten Abschreckungsbücher und der wohlgemeinten 

Erz ehungsemflusse der Lehrer, Eltern und des Hausarztes ES 

mehr Schaden angestiftet, als die Onanie selbst 
Alle diese Hemmungen bilden beim Onanisten schwere psychische Kon-' 

täuscht, einer Krankheit, die meiner Erfahr ™u 

rt t n i c h t e ■ x i . t i e r t und die nur so la „ g e Sä»' '* 
lange man eich nicht bemüht, hinter ihr die psychT.! " Sh 
Angstneuroee Zwangsneurose, Hypochondrie «ÄLT^Ä, 
ein eueres Leiden (Schizophrenie - Cyfclothymie - psyeZathi* he 
Mmder.er igkeit) herauszuschälen. Klärt man die MeLZ» ■ 
Harmlosigkeit des autoerotischen Aktes auf oder haben sie diese yer 
schiedenen Hemmungen nicht erhalten, so tritt anch keine Depression 
nach der Onanie auf, ja, man kann wiederholt hören, daß die Leute sich 
nach emem autoerotischen Akte erfrischt fühlen und ihre Angstzustände 
und Zwangsyorstelhmgen zurücktreten. «ustanae 

Wie wären sonst die folgenden Beobachtungen zu erklären? Ein 
dre,undzwanz.gjähriger Jüngling mit allen Zeichen einer schweren 
Neurose gibt an daß er seit zwei Jahren die Onanie aufgegeben hat 
kann/rT, fV .TV ^ An ^ tz »««nden und Schlaflosigkeit. B* 
Angstn r s 7t ^ ™ f ™ ks ™ ■«*», daß Onanisten der 

unC el%7 k V enn 8fe dle ° nanie aufgeben - Sie "■*• sich 
Tdt Arz Tft -V M w Mle ? ,eben ' DfeSe feine Beobachtung kann 
W.h', *? ^' r 6ehen di6 «»ersten Neurosen, wenn die 

i-eute die lange geübte Onanie aufgeben. Dann wird infolge 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 25 

eines Trugschlusses die Neurose als Folge der 
Onanie aufgefaßt. Es ist aber gerade das Gegen- 
teil wahr. DieNeurose ist eine Folg e der Abs tinenz. 1 ) 

Auch der Jüngling, der die Onanie aufgegeben hat und schwer er- 
krankt ist, leidet an der Abstinenz. Wir geben ihm die Onanie frei, da 
er nicht dazu zu bringen ist, ein Weib aufzusuchen, und siehe da, der 
vorher kranke Mensch wird vollkommen gesund und zeigt gar keine 
Zeichen einer Parapathie. 

Es ist interessant, daß die gleichen Störungen 
bei. Sexual-H y p o chondern auch nach d e n n o r mal e n 
Geschlechtsakten auftreten. Der Sexual - Hypochonder 
zittert vor den schädlichen Folgen der Samenverschwendung und produ- 
ziert die bizarrsten Krankheitssymptome post coitum. Oft genügt 
eine einfache Aufklärung über die Harmlosigkeit der Samenverluste, 
die sogar ein organisches Stimulans für den Stoffwechsel bilden und 
die Vitalität steigern, die Oxydationen anregen, lebensanregend und 
lebenserhaltend wirken, und die vermeintlichen Krankheitssymptome 
zerstieben in nichts und erweisen sich als Folgen der lächerlichen Auto- 
und Heterosuggestion. v 

Solcher Beobachtungen könnte. ich Hunderte anführen. Ich wähle 
aus meiner Erfahrung nur einige prägnantere Fälle hervor, die uns den 
gleichen Zusammenhang zeigen werden. Unbegreiflich ist es mir, daß 
ein Forscher wie Freud, der doch auf das Typische der Kinderonanio 
hingewiesen hat, zum Trugschlüsse kommen konnte, die Onanie ver- 
ursache eine Neurasthenie, und daraus eine „Aktualneurose" 2 ) kon- 
struierte. Sehen wir uns einen, solchen Neurastheniker etwas näher 
an und erforschen wir, ob seine Symptome auch wirklich die Folge der 
Onanie sind. 

Fall Nr. 1. Herr T. 0., ein Dozent der Medizin,, aus dem. Auslande zu- 
gereist, stellt sich mir als typischer Neurastheniker vor. Er leidet — jetzt 
ein 34jähriger Mann — an einem furchtbaren Kopfdruck, der sich meistens 
des Morgens einstellt und erst im Laufe des Tages besser wird. Seine Ver- 
dauung liegt ganz darnieder. Er ist meist obstipiert, muß Abführmittel 

') Da nach Freud die Onanie die Ursache der Neurasthenie ist, das 
Aufgeben der Onanie zur Angstueurose führt, so bliebe den armen „Neu- 
rasthenikern" nur die bange Wahl zwischen Neurasthenie oder Angst- 
neurose, es sei denn, sie hätten sich zu einem ^normalen Geschlechts- 
verkehre" entschlossen, welcher Weg, wie wir bald sehen werden, ihnen 
meistens versperrt ist. 

2 ) Freud kennt zwei Aktualneuroseu, die ohne psychogenes Moment, uur 
durch die physische Schädlichkeit der Sexualität zustande kommen: 1. Die Angst- 
neurose (Ursache meist eine frustrane Erregung, wie Coitus interruptus). 2. Die 
Neurasthenie. 



26 



Erster Teil. Die Onanie. 



ShZfr a/T r t Chten A / Petit ' klagfc über eincn faden > Pappigen Ge- 
schmack m Munde. Er empfindet keinen rechten Geschmack bXlsen 
AK was er ißt, wird ihm zu Stroh und hat den gleichen Geschmack Er 
fühlt sich müde, matt und abgeschlagen. Oft fühlt er schon nach !wSL«2 
eines Stockwerkes heftige Schmerzen im Rücken HezWonfen IT 
Müdigkeit, daß er sich am liebsten niederlegen ShtfÄ £ g ln t 
seh af rig und muß sich durch Tee und schwarzen Kaffee müS^aXechf 
halten. Er mochte immer schlafen und wenn der Abend kommet scWätt 
wohl rasch ein, fahrt aber mit einem Angstschrei aus dem Schlafe auf und 
kann sehr schwer wieder einseht fW. TT- u ++ \ 7 ,1 t? 

5SÄÄW r KtfaF Ar 52 ? - P " 

aufgeweckter Ä'ÄSS ST"^ ^ ™ d "* 

begannt tSÄS Vt^Är f " wäre, und 
zu beschränken. Wenn er aber SS e t M,l „' l Tf" deB Abcnde 

nicht einschlafen über dioFW, • eme , Mal auslassen wollte, so konnte er 

klar. Er onaSe ÄaÄÄÄÄ -' ? <?f f* ga " Z 
Bild in den Traum überging. läÄ^Ä« Ut SST* 

Ente, nie die Hohe erreicht hätte, wie bef der Onanfe Kr toZte da" 

*S ^ Sber trote 'wechiedener Liebschaften, zu denen er bald 

gelangte, noch immer des Abends onanieren müssen. Auch der Koitus M. 
auf ihn eme einschläfernde Wirkung und er schlafe oft in den Irmen eint 
Frau erm Aber es gäbe dann bald ein angstvolles Erwachen, wahrend dt 

Vor vier Jahren hatte ihm Prof. X. geraten, die Onanie schrittweise" 
aufzugeben und nur mit Frauen zu verkehren. Er habe fem« eile 1 
Willensanstrengung durchgeführt. Es sei aber nicht besser geworden im 
Gegenteil! Seit dieser Zeit hätten alle nervösen BeschwerdT begönnen 
Vorher war er eigentlich gesund, er machte sich nur Gedanken ob die Onon?. 
nicht schädlich wäre. Er suchte nun den erwähnten ProTessor tTÄ 

MwÄT ?T abzub ™ hen - Seit damals träten erst die schädlichen 
Folgen der Onanie hervor Nun habe er meine Publikation übe, die Onan™ 
gelesen und es war ihm sofort klar, daß es sich bei ihm auch so verhalte Tch 
m?r " u , raSthenlech ' sat «* "ie Onanie aufgegeben habe. Doch künnenst 
E kl *ng? "" e meme S -™ Pt0me damit z ™hangen? Ich finde kern 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 27 

Ich setzte dem Kollegen nun auseinander, wie der Kopfdruck des soge- 
nannten Neurasthenikers entsteht. Er ist nicht toxischer Natur, sondern die 
Folge eines beständigen Kampfes im Innern des Kopfes. Im Gehirn tobt die 
Schlacht zwischen den rebellischen Gedanken, die deutlich bewußt werden und 
sich in Taten verwandeln wollen, und den Hemmungen des Bewußtseins. Dieser 
Kampf verstärkt sich bei Nacht. Deshalb das Aufschrecken, wenn die rebel- 
lischen Gedanken zu siegen drohen, deshalb am Morgen das Gefühl der Mattig- 
keit, weil der Kampf die ganze Nacht nicht ruhte. Und am Morgen ist der 
Zustand am schlimmsten, weil die Gedanken in das Bewußtsein brechen wollen 
und das Bewußtsein sich mit aller Kraft zur Wehre setzen muß. Aber auch 
am Tage geben diese aufrührerischen Wünsche keine Ruhe. Sie wollen wieder 
Bewegungsfreiheit und diese haben sie vorläufig nur im Schlafe als Traum- 
gestalten. Deshalb die Schläfrigkeit. Das „nebenbewußte" Ich will herrschen. 
Man nickt für einige Minuten ein, damit der verdrängte Wunsch doch auch 
einige Sekunden im Gehirne ungestört hervortreten kann. So ein Zustand ist 
qualvoll und raubt alle geistige Energie. Alles zersplittert sich in inneren 
Kämpfen. Solchen Menschen werde die Welt lästig und sie verlieren die 
Lebensfreude, und das äußere sich als Appetitlosigkeit und Verstopfung, die 
ja die Folge jeder Depression und Verlangsamung des Stoffwechsels sei. 

„Welches sind aber meine rebellischen Wünsche? Was läßt mich nicht 
schlafen? Wogegen kämpfe ich?" 

„Gegen den Wunsch zu onanieren. Das wäre freilich oberflächlich ge- 
sprochen. Besser würde ich mich ausdrücken: Sie kämpfen gegen jene Trieb- 
richtung, welche Ihnen die Onanie ersetzt hat!" 

„Ich kämpfe nicht mehr gegen die Onanie. Ich habe gekämpft, fühle 
aber jetzt gar keine Versuchung mehr." 

„Das ist nur scheinbar. Der Kampf ist für das Bewußtsein erledigt. 
Für die neben- und unbewußten Elemente Ihrer Psyche tobt er jetzt stärker 
denn je. Denn Ihr Leiden, die „Neurasthenie", ist das Symptom des Kampfes. 
Sie ist das Zeichen eines seelischen Konfliktes! Oder gibt es noch andere 
Konflikte, welche Sie mir verschwiegen haben?" 

So geht unsere Rede hin und her. Der Patient ist nicht befriedigt von 
unseren Auseinandersetzungen. Er fühlt, daß seine jetzige Neurasthenie die 
Folge seiner Onanieabstinenz ist, aber er. kann es sich nicht erklären, wie 
und warum die Onanie für ihn unersetzlich sein sollte. Er hat mehr Befriedi- 
gung an Weibern als alle seine Bekannten. Ich erkläre ihm, daß die Onanie 
mit einer anderen Sexualbetätigung zusammenhängen müsse. Er solle einmal 
versuchen, sich über die Phantasien klar zu werden, die er beim Onanieren 
hatte. 

Die Antwort, die man in solchen Fällen zuerst erhält, heißt meistens: 
„Ich habe mir immer eine Frau vorgestellt." Erst bei näherer Erforschung 
kommt die spezifische, dem betreffenden Menschen eigenartige und unersetz- 
liche Phantasie hervor. 

So auch bei unserem Patienten. Er beobachtete sich und bemerkte mit 
Erstaunen, daß er beim Einschlafen immer einen schönen nackten Knaben vor 
sich sah und daß sich aus diesem stereotypen hypnagogen Traumbilde erst 
der Traum und Schlaf entwickelte. Die weitere Analyse ergab das Vorhanden- 
sein mächtiger homosexueller Triebkräfte, die sich in einer leidenschaftlichen 
Knabenliebe äußerten. Dem Kranken waren diese Regungen nicht bewußt 
worden. Erst seit er krank war, fühlte er Interesse für schöne Knaben und 



28 



Erster Teil. Die Onanie. 



konnte sich förmlich in sie verlieben. Nie sei ihm der Gedanke gekommen 
mit einem Knaben etwas anzufangen. . . . Während er dies spricht, errötet 
er und ich merke, daß er sich an eine Szene erinnert. In der Tat' Voriges 
Jahr habe er in Ostende mit einem Knaben gebadet, dem konnte er stunden- 
lange zusehen und er wollte ihn auch ansprechen. Dann aber habe er die 
Mutter des Knaben kennen gelernt und sie sei seine Geliebte geworden 

Er hatte eine Transponierung vom homosexuellen Interesse auf das 
Heterosexuelle vorgenommen und die Mutter dieses Knaben erwählt, weil an 

mSS&X * haftete und er sie mit dem Knaben iden ' 

Wir sehen daß die Onanie hier einen bestimmten Zweck hat. Sie 

ST hn tXt r ? f h0m08exuelle Betätigung, welche offenbar 
für ihn lustbetonter ist als die heterosexuelle 

Mrr l St s r h AUf f bGn / er ° nanie i8t die Neurose ausgebrochen, weil 
wellr w ^^ n mPf ^^ die Horao ^alität eröffnet wurde, 
welcher wahrend der Onanieperiode psychisch erledigt war. Wir ** 

mußte. Bei den Frauen konnte er nur eine Komponente seiner Sexualität 

Sl TiT " m f te " ^ ^ PhantaSle d6r Onanie bt» 
Seme Traume und sein sonstiges Verhalten zeigen, daß seine aus- 
gesprochene Bisexualität die Ursache seiner Neurose ist Daß e krank 

:iiS« ss — t und ** h — *&£ 

Man stelle sich etwa vor, daß dieser Dozent ein Lehrer sei und 

SToZn .T ' daß in r lchen Fäl,en die 0nanie ein Sch « 

die Gesellschaft sem kann. Ich denke dabei an folgenden Fall: 

m der Kindheit zu onanieren begonnen und diese Gewohnheit bis zum 53 Jatl 

Ä ■* *X TT 9 * Jahren suchte er öffentliche Mä dchen auf und hatte 
schon mit 13 Jahren Verhältnisse mit jungen Dienstmädchen. Trotzdl 
mußt, er weiter onanieren und mitunter auch vier- bis sechsmal im Ä 
er ruhig war. Er konnte sich manchmal nicht anders beruhigen. Mit 53 Jahren 

lt - » A 2?T SÄ WGil 6r gl3Ubte ' Bie kÖnnte ihm sch ^n. Er verkehrte 
aber bis dahin täglich mit seiner Frau und mußte manchmal noch überd 1 

ÄEÄ- ¥* ""T, 1111 * einei ' b6Stimmten Phantasie onane 

flLÄ- 7 ? u h ° b ihnen die Röcke auf und trieb mi * ihnen 

allerlei Kindereien, die einer bestimmten Szene seiner Kindheit entsprachen 

Solange er onanierte, konnte er der Versuchung, dieTe 

Fr£? \ aS ;n ln -W lrkl Ä chkei * umzusetzen, widerstehen 
Er betont, daß er oft genug Gelegenheit dazu hatte. Es gäbe in jeder großen 
Sta «„eformhce Kinderprostitution. Die betreffenden Kinder würden 
die alten Herren sofort erkennen, welche auf sie „fliegen" und sich gleich kn 

ZT?*\~ S J öei . eS i hm im Wiener Prater P«*«*. daß si <* ibnKinder 
angeboten hatten. Er habe aber bisher leicht widerstehen können Er agte 



Allgemeines. — Die soziale Funktion der Onanie. 29 

s,ie davon und onanierte dann in einem Gebüsche. Jetzt sei er auf dem 
Lande gewesen und dort hätten ihn zwei Kinder immer herausgefordert. 
Schließlich sei er schwach geworden und habe sich mit ihnen eingelassen. 
(Das Gericht fand diese Verführung durch Kinder lächerlich und unwahr- 
scheinlich. Ich habe von manchen Frauen, die als Kinder ähnliche Szenen auf- 
geführt haben, Geständnisse gehört, die solche schier unglaubliche Vorkomm- 
nisse aus eigener Erfahrung bestätigen.) Kurz, er ließ sich mit den Kindern 
ein, da er um keinen Preis der Welt wieder onanieren wollte. Nun hatte ihn 
die Leidenschaft in den Krallen. Er wurde bei seiner Frau impotent und hatte 
jetzt kein anderes Sinnen und Trachten als Kinder, die er sich um jeden 
Preis verschaffen wollte und mußte. Schließlich kam er in die Hände der 
Justiz und mußte seine Taten durch längere Kerkerhaft büßen. 

Für diesen Menschen war die Onanie eine Rettung und ein Schutz. 

Zugleich aber auch ein Schutz für die Gesellschaft. 

Noch wichtiger scheint mir der nächste Fall zu sein: 

Fall Nr. 3. Herr W. V., ein 34j ähriger Mann, onaniert seit dem achten 
Lebensjahre mit kurzen Unterbrechungen. Er onaniert immer mit der Phan- 
tasie, daß er ein Mädchen vergewaltigt und erwürgt. Mit 14 Jahren wurde 
er von einem Kollegen über die Schädlichkeit der Onanie aufgeklärt und 
erhielt auch ein Buch, in dem furchtbare Dinge über die Folgen dieses Lasters 
standen. Er versuchte sich die Onanie abzugewöhnen. In den Zeiten der 
Abstinenz traten die Phantasien so stark auf, daß er sich fürchtete, er könnte 
«sich zu einem Verbrechen hinreißen lassen. Er begann wieder zu onanieren 
und fühlte sich Yor seinen sadistischen Trieben sicher. Mit 18 Jahren versuchte 
er normalen Verkehr mit einer Puella publica, war aber vollkommen impotent. 
Mit 21 Jahren ein Suicidversuch, nachdem er drei Monate nicht onaniert hatte. 
In diesen Zeiten der Abstinenz ist er furchtbar aufgeregt, wird von sadistischen 
Träumen gefoltert und flieht alle Menschen, da er seiner nicht sicher ist. 
Schließlich mußte er sich zu regelmäßiger Onanie entschließen. Er fühlt sich 
bis auf seine krankhaften Phantasien gesund. 

Kann man diesem Menschen die Onanie entziehen, wenn man weiß, 
daß man eventuell ein Verbrechen provozieren würde? 

Die Onanie hat in diesem Sinne eine wichtige 
soziale Bedeutung. Sie ist gewissermaßen ein 
Schutz der Gesellschaft, gegen unglückliche 
Menschen mit übermächtigen Trieben und allzu 
schwachen ethischen Hemmungen. Würde man die 
Onanie vollkommen unterdrücken, die Zahl der 
Sittlichkeitsdelikte würde ins Unglaubliche 
steigen. Andrerseits schützt die Onanie manchen Onanisten vor 
dem Verbrechen. Er tobt sich nur in seiner Phantasie aus und ist sozial 
ungefährlich. So wird der asoziale Akt des Autoerotis- 
muß zu einer sozialen Notwendigkeit. 






Die Onanie. 

ii. 

Onanie und Neurose. 

Denken ist nur ein Verhalten der 
Triebe zueinander. Nietzsche. 

In dem Kampf zwischen Trieb und Hemmung, den die ganze 
Menschheit durchführen muß, ist die Onanie der Repräsentant dieses 
Streites geworden. Das böse Gewissen des Onanisten entsteht nicht 
immer durch die Belehrung der ominösen Rettungsbücher, die insgesamt 
behördlich verboten werden sollten. Das böse Gewissen des Onanisten 
entsteht autochthon, weil er sich etwas herausgenommen hat, was ihm 
mit den ethischen Satzungen der Kultur nicht vereinbar erscheint 
Unter Gewissen verstehe ich die Summe aller Hemmungen, die sich 
zwischen Trieb und Tat eingeschaltet haben. Das Gewissen ist die endo- 
psychische Erkenntnis der Differenz zwischen der individuellen Anlage 
und den Forderungen der Kultur. Noch klarer ausgedrückt: Die Span- 
nungsdifferenz zwischen dem Urmenschen und dem Kulturmenschen. Der 
Kampf gegen alle kriminellen, egoistischen Triebe des Urmenschen ruht 
keine Sekunde. Die Onanie wird zum Symbol aller Schuld, weil der 
Geschlechtstrieb der Repräsentant aller Triebe wird. Die Verbindun- 
zwischen den kriminellen und den sexuellen Trieben tritt sehr früh auf" 
weil beide der Region des Verbotenen angehören. 

Der Analytiker schaudert, wenn er den Urmenschen im Kultur- 
menschen entdeckt. Er merkt mit Grauen, wie viel Geheimes Ver- 
brecherisches, Grausames in allen Neurotikern schlummert. Und wie 
häufig kann er konstatieren, daß beim Neurotiker alle verbotene Lust 
sich m den onanistischen Akten entladen muß, wenn er sein seelisches 
Gleichgewicht nicht verlieren will! Wie viele Lustmorde wurden - um 
nur ein Beispiel anzuführen - nicht ausgeführt, weil die Onanie es 
den Sadisten ermöglichte, ihre Instinkte in der Welt der Phantasien 
auszuleben ! 

Die Onanie wird auf diese Weise eine Sicherung 
der Gesellschaft gegen ihre Vergangenheit. Sie 



Onanie und Neurose. 31 

erfüllt eine bedeutsame soziale Funktion. Sie 
schütztdasIndividuumgegendiestrengenStrafen 
der Gesellschaft, sie behütet es vor dem „bürger- 
liehen Tode" und bewahrt die Gesellschaft vor 
seinen asozialen Trieben. 

Ich betone diesen Umstand nicht ohne zwingenden Grund. Die 
Autoren der modernen Schule machen einen strengen Unterschied 
zwischen Onanie und Onanismus. Die Onanie, das ist der mäßig be- 
triebene Autoerotismus, wäre harmlos und unschädlich. Das geben jetzt 
fast alle ernsten Forscher zu. Aber der Onanismus, die schrankenlos 
betriebene Onanie, wäre sehr schädlich und gefährlich. Wo liegt die 
Grenze zwischen Onanie und Onanismus ? Bloch *) sagt in seinem vor- 
züglichen, rühmlichst bekannten Werke: 

' „Eine Grenze, wo die ungefährliche Onanie aufhört und der ver- 
derbliche Onanismus anfängt, läßt sich generell nicht bestimmen. Die 
Verschiedenheit der Individuen gestaltet auch die Reaktionen verschieden. 
So erwähnt Curschmann einen geistvollen Schriftsteller, der, trotzdem 
er seit 11 Jahren der Onanie gefröhnt, körperlich und geistig frisch ge- 
blieben, und mit bedeutendem Erfolge literarisch tätig war. Gleiches 
berichtet Fürbringer von einem Dozenten. Es ist hier mit der Onanie 
wie mit dem Geschlechtsverkehr, dessen Wirkungen auch individuell ver- 
schieden sind." 
Ich bin der gleichen Ansicht. Nur vertrete ich die Anschauung, 
daß die Schädlichkeiten von der psychischen Hemmung herrühren und 
durch Autosuggestion und Suggestion der Ärzte zustande kommen. 
Wir werden in unseren Krankengeschichten noch öfters auf diese Fragen 
zurückkommen. Ich möchte hier nur gegen die Behauptung protestieren, 
daß die Onanie die Ursache der Perversionen werden könne, eine An- 
sicht, die auch Bloch vertritt. Er sagt: 

„Die nahe Beziehung zwischen Perversionen und Onanismus liege 
auf der Hand. Je häufiger der onanistische Akt wiederholt, je mehr die 
normale Sensibilität abgestumpft wird, desto stärkerer und seltsamerer, 
vom Gewöhnlichen abweichender Reize bedarf es, um Orgasmus herbei- 
zuführen. Der Inhalt der lasziven Vorstellungen muß immer häufiger 
variiert werden und wird bald ganz dem Gebiete des Perversen ent- 
nommen. Allmählich nisten sich die perversen Ideen ein und werden 
schließlich zu vollkommen geschlechtlichen Perversionen." 

Und nun wird als Beweis der Fall von Tardieu angeführt, daß 
ein Mann, der sieben- bis achtmal täglich onanierte, schließlich seine 
Phantasie bis zur Schändung weiblicher Leichen erhitzte und zerrüttete, 
endlich auch zur praktischen Ausführung dieser scheußlichen Idee über- 



*) Das Sexualleben unserer Zeit. 41. biß 60. Tausend. Luis Marcus' Verlag, Ber- 
lin 1909. 



3'- v Erster Teil. Die Onanie. 

ging, die deutlich sadistischen Charakter angenommen hatte. „Er ver- 
schaffte sich den Anblick aufgeschlitzter Tierleiber, tötete Hunde grub 
menschliche Leichname aus, alles, um dadurch seiner durch die Onanie 
verderbten Phantasie und damit seiner Libido Befriedigung zu schaffen." 
Das ist der gleiche Trugschluß, der bei der Beschreibung des 
Zusammenhanges zwischen Onanie und Geistesstörung begangen wurde 
Die Geisteskranken onanieren, weil ihre Hemmungen weggefallen sind . 
Die Onanie ist die Folge der Geisteskrankheit 
n i c h t u m g e k e h r t, eine Erkenntnis, die wir noch Griesinger zu ver- 
danken haben. Der Kranke Tardieus kam nicht durch die Onanie zur 
Perversion, sondern er onanierte, w e i 1 er pervers war, offenbar immer 
mit der bestimmten perversen Phantasie, die ihm vielleicht unbewußt 
war. Solcher fälle könnte ich eine Menge anführen. Welches Glück 
für die Menschheit, daß wir nicht alle Phantasien kennen, welcjhe teils 
bewußt teils unbewußt oder nebenbewußt jeden erotischen Akt be- 
gleiten! Doch davon später. Kehren wir zum Thema der Schädlichkeit 
der Onanie zurück und lassen wir uns durch einige Beobachtungen be- 
lehren wie das Aufgeben der Onanie die schwersten Neurosen zur 
rolge hatte. 

Fall Nr. 4. Herr D L stud. med., 26 Jahre alt, sehreibt mir: „Ich habe 
vor einiger Zeit Ihren Aufsatz über Onanie in den „Sexual-Problemen" Se- 
esen und darin so viel Treffendes gefunden, daß es mich drängt, Ihnen einige 
Mitteilungen über mein Sexualleben zu machen. Vielleicht werden sie Ihnen 
in irgend einer Art dienlich sein. Ich war in sexueller Hinsicht ein sehr 
truhreifes Kind. Ich verwandte die ganze Schlauheit eines aufgeweckten 
Kindes dazu, um möglichst häufig die Genitalien meiner Umgebung zu sehen 
bah ich einen nackten Mann oder eine, nackte Frau, so wurde ich von wol- 
lustigen Schauern geschüttelt. Ich erinnere mich an solche Begebenheiten 
die sich in meinem vierten Lebensjahre abspielten. Eine andere Erinnerung 
aus meinem fünften Jahre ist für ewig in mein Gehirn gegraben. Ich wurde 
unvernünftigerwei'se von meinen Eltern auf einen Ball mitgenommen. Dort ■ 
erblickte ich eine schöne Dame mit einem roten Rooke, der auf mich einen 
unerhörten Eindruck machte. Ich wünschte mir damals, nackt mit ihr in 
einem Bette zu liegen. Ich dachte jahrelang an diese Dame. Immer mit 
Erektionen, die schon seit frühester Jugend sehr häufig waren Ich war 
nicht heiter wie die anderen Kinder. Immer traurig, immer unzufrieden, immer 
in Erwartung, immer wie hungrig. Keines der kindlichen Spiele machte mir 
Freude. 

Mein Bedürfnis nach Liebe war grenzenlos. Schon mit sechs Jahren 
verliebte ich mich in ein kleines schönes Mädchen. Während die anderen 
Knaben spielten, saß ich still bei meinem Liebchen, streichelte und bewunderte 
es. Bis heute kann ich ohne einen Gegenstand der Liebe nicht leben. Ich muß 
immer ein Ideal haben, in das ich verliebt bin. 

Ich wurde im 12. Jahre von Kollegen zur Onanie verleitet. Ich legte 
nur keine Beschränkung auf und onanierte täglich und oft auch mehrere Male 
im tage. 



Onanie uud Keurose. 33 

Ich war 14 ins 15., da erwischte mich mein Vater. Er hielt mir eine 
große Strafpredigt, erzählte mir, ich werde mich ganz krank machen, ich 
werde einmal blöd werden, wenn ich nicht von der Selbstbefleckung ablasse. 
Meine ganze Kraft ginge durch den Verlust des Samens dahin. Ich nahm mich 
zusammen und ließ die Onanie ein halbes Jahr. 

Nun erkrankte ich an Herzklopfen, Angst zuständen, 
w.a r.sehr erregt und schlief sehr schlecht. Bi6 zum Auf- 
geben der Onanie war ich ganz gesund und wußte nichts 
von anderen Störungen, als von meinem ernsten Te m- 
perament. Jetzt bekam ich Angst vor den Schularbeiten und vor lauter 
Angst immer Pollutionen. Auch sonst stellten sich so viel nächtliche Samen- 
ergüsse ein, daß ich lieber wieder onanierte. Ich war damals sexuell so erregt, 
daß ich am liebsten Tag und Nacht onaniert hätte. Dabei war ich ein 
glänzender Schüler und gab Proben eines außerordentlichen Gedächtnisses. 
Ich brauchte ein drei Seiten langes Gedicht nur einmal durchzulesen und 
konnte es schon auswendig, wußte, in welcher Zeile ein bestimmter Vers 
stand. Ich konnte die schwersten Kopfrechnungen in unglaublicher Zeit zu- 
sammenbringen. 

Nun begann aber wieder der Kampf gegen die Onanie. Mit meiner Ge- 
sundheit war es bald dahin. Ich begann an Kopfschmerzen und Herzklopfen 
zu leiden. Mein Kopf schien mir wie ausgebrannt. In der Nacht wurde ich 
von einem schrecklichen Urindrang befallen. Ich mußte jeden Moment auf- 
stehen und zu urinieren versuchen. Immer war ich müde und schlechter 
Laune und lebensüberdrüssig. In der Onanie legte ich mir die größte Be- 
schränkung auf, betrieb sie aber weiter. Mit 16 Jahren hatte ich Gelegenheit, 
einem Dienstmädchen bei zuschlafen. Meine Potenz war sehr gut, ich verkehrte 
mit ihr viele Male in der einen Nacht. 

Der Morgen nach dieser Nacht ist mir ewig unvergeßlich. Ich fühlte 
mich als ein neugeborener Mensch. Mein Kopf war rein, mein Gemüt zufrieden, 
die ganze Welt erschien mir wie ein Paradies. 

Aber leider dauerte das Glück nicht lange. Das Mädchen verschwand 
an diesem Tage aus dem Hause und mein Kampf gegen die Onanie fing wieder 
an mit allen seinen .furchtbaren Folgen. Ich war 18 Jahre und fühlte mich 
matt und schwach wie ein Greis. Ich lief zu Ärzten und klagte mein Leid. 
Alle befahlen mir Zurückhaltung von der Onanie. Ich erhielt Brom, Kalt- 
wasserkuren, Valeriana und keiner empfahl mir natürlichen Geschlechtsver- 
kehr als einziges Mittel zur Heilung. Ich wurde abgeschreckt und hörte ganz 
zu onanieren auf. Nun stieg meine Nervosität aufs höchste. Ich wurde direkt 
trübsinnig, kämpfte mit Selbstmordgedanken. Nichts gelang mir, was ich 
mir vornahm, über alles mußte ich mich ärgern. Ich litt an ewigen Kopf- 
schmerzen, war so gereizt, daß man mit mir nicht auskommen konnte. Schon 
früh morgens war ich schlechter Laune, die Glieder zitterten mir wie bei 
einem alten Manne. Ich konnte meine Gedanken nicht konzentrieren, ich war 
ewig zerstreut und geistesabwesend. Ein Gefühl, als ob der ganze Körper, 
speziell die Mundhöhle verbrannt und vergiftet wäre. Dazu gesellten sich 
ein ewiger Urindrang und ein unstillbares Herzklopfen. 

Ich konnte nie im Zimmer bleiben, war immer draußen und immer in 
Gesellschaft von Mädchen, die ich ideal liebte. (Aber ein Mädchen, das ich 
ideal liebte, konnte ich nie entwürdigen und zu meiner Geliebten machen. Ich 

Stekel, Störungen des Trieb- uud Affektlebens. II. 2. Auti. 3 



u 



Erster Teil. Die Onanie. 



war in solchen Fällen impotent. Männerliebe war mir stets ein Ekel und 
ich konnte sie nicht begreifen.) 

Nun war ich vollkommen abstinent, um die Samenverluste meiner 
Kindheit wieder einzubringen. Was half es mir? Manchmal legte ich mich 
inä Bett, machte nur eine Wendung und schon kam es zur Ejakulation. Auch 
bei Aufregungen kam es zu Pollutionen. Mein Gang wurde unsicher ich 
traute mich keinem Menschen ins Antlitz zu sehen. Es flimmerte mir vor den 
Augen. Ich hatte vor allem Angst, selbst vor kleinen Kindern. Flimmern 
vor den Augen, Diarrhöen. 

Ich stand vor der Matura. Da hatte ich wieder Gelegenheit, mit einem 
Madchen im Hause durch drei Wochen täglich zu verkehren. Ich legte mir 
keine Beschrankung auf. Mein Hirn wurde rein und klar und ich 
konnte wieder studieren und spielend meine Prüfung 
machen. . • . 

Dann aber nahm ich mir vor, keusch in die Ehe zu treten. Ich wurde 

,TnH ti, S w , a^ 6 Z , uvo £ 1 " nd noch schlimmer. Ich hielt mich für verloren 
und glaubte daß nun die Folgen der Onanie aufgetreten seien. Erst Ihr Auf- 
satz hat mich belehrt und aus mir einen neuen Menschen gemacht. Ich habe 

ZJ S ^\T ^f^ Und füMe mich geboren. Ich habe alle hypo- 
chondrischen Ideen verloren und bin in jeder Hinsicht leistungsfähiger als 
zuvor. Ich sehe ein, daß ich meine ganze Kraft auf einen überflüssigen Kamp 
Kj Ä Der p G 1 f c f hlechtstrieb war doch immer stärker als meine W Ue 
Ich hatte zahllose Pollutionen trotz aller Mittel, die ich anwandte. Nun bin 

tröbS Zukunft* b6trachte die Ver S an genheit nicht mehr als Quelle einer 

Der Fall ist in mancher Hinsicht sehr lehrreich. Erstens gelang 
dem jungen Manne der Übergang von der Onanie zum Koitus sehr leicht 
ein Beweis, daß es sich nur um eine Notonanie handelte; zweitens aber 
sehen wir, wie die schweren neurotischen Symptome erst hervortreten, 
sobald er abstinent lebt. Es handelt sich um einen Menschen mit sehr 
starkem Geschlechtstrieb, der ohne irgend eine Form der sexuellen Be- 
tätigung nicht leben kann. 

Ebenso lehrreich ist der nächste Fall: 

Fall Nr. 5. Frau W. Q., eine Arztensgattin, wird mir überwiesen, weil 
sie einmal ein Suicid ausführte und nun seit Monaten in der schwersten De- 
pression lebt. Sie starrt stundenlange vor sich hin, spricht kein Wort 
verweigert die Nahrung und magert schrecklich ab. Überdies hat sie Zwangs- 
vorstellungen, daß ihre Kinder bald sterben werden, daß sie der Erziehung der 
Kinder nicht gewachsen sei, daß ihr Mann keine rechte Frau an ihr habe usw. 
Sie erzählt, daß das Leiden folgendermaßen entstanden sei. Sie hätte schon 
seit dem vierten Lebensjahre onaniert und vielleicht noch früher. Aber an das 
vierte Lebensjahr erinnere sie eich ganz genau, weil sie damals diese „Kunst" 
einem anderen Mäderl vorzeigte und sie dann jede für sich durch viele Jahre 
vor einander onanierten. Sie sei immer ein aufgewecktes Kind gewesen und 
wußte die Onanie so zu verbergen, daß man zu Hause davon keine Ahnung 
hatte. Das belehrte sie schon ein Instinkt, der ihr sagte, sie dürfe von diesen 
Dingen zur Mutter und zur älteren Schwester nicht sprechen. Sie ent- 
wickelte sich ausgezeichnet und war immer stärker als 



Onanie und Neurose. 



35 



ihre Mitschülerinnen. Auch ihre Fortschritte in der 
Schule waren ausgezeichnete. Sie onanierte mindestens einmal 
täglich, manchmal auch mehrere Male. 

So wuchs sie heran, wie alle anderen Mädchen, interessierte sich für die 
schönen Künste, lernte vorübergehend malen und hatte keine Sehnsucht nach 
Liebe, da sie sich durch die Onanie vollkommen befriedigt fühlte. Sie lernte 
mit 18 Jahren ihren jetzigen Mann kennen, in den sie sich verliebte. Sie 
heirateten nach einer längeren Verlobungszeit, während der es ihr auffiel, daß 
sie wohl ein warmes Gefühl für ihren Mann hatte, aber von seinen Kü6sen 
nicht sinnlich erhitzt wurde. Sie tröstete sich damit, daß ihre Liebe eine 
geistige wäre, während die Onanie für ihre körperlichen Bedürfnisse aufkam. 
Nach der Heirat mußte sie weiter onanieren, da sie die Umarmungen des 
Mannes kalt ließen. Sie hatte nur ein Wohlgefühl, daß sie ihn besitze, und 
freute sich, daß er sie so heiß begehrte, aber es kam nie zu einem Orgasmus. 
Als ihr Mann einmal ihre Klitoris durch Friktion erregen wollte, war es ihr 
unangenehm, und sie bat ihn, das zu lassen. Sie schämte sich. . . . (Es be- 
stätigt sich immer wieder, daß das Schamgefühl sich an 
die stärksten erogenen Zonen heftet.) Sie onanierte still für 
sich weiter, widmete sich ihren Kindern, welche sie trotz fehlendem Orgasmus 
ihrem Manne in der Zahl eines Vierteldutzend schenkte. 

Da begann sie in der Bibliothek ihres Mannes herumzustöbern und 
fand Geschmack daran, verschiedene Werke zu lesen. Sie las auch ein Buch, 
das von der Masturbation handelte. Erst wußte 6ie nicht, wa6 das zu be- 
deuten hatte, aber bald merkte sie, daß es sich um die Form von Befriedigung 
handelte, welcher sie ihr Leben lang fröhnte. Dort las sie, daß die Onanie 
furchtbare Folgen hätte. Besonders erschreckte sie ein Bericht, in dem es 
hieß, „es hatte das gräßliche Laster bei diesem zarten Kinde die Gesundheit 
arg zerrüttet"'. An anderer Stelle aber stand von den entsetzlichen Folgen 
für die Nerven und den Geist, und es hieß: Wo die Folgen sioh nicht 
gleich zeigten, da kämen sie später. . . . Nun war es ihr klar, 
daß sie verloren war. Bisher war sie heiter und voll Lebenslust gewesen, 6ie 
sang wie eine Lerche den ganzen Tag, machte die schwersten Arbeiten. Nun 
wandelte sich alles in das Gegenteil. Sie wurde mißmutig, verschlossen, sie 
hörte auf zu singen. Bisher wußte sie nichts von körperlichen Besehwerden. 
Jetzt begannen Schmerzen in den Beinen, im Rücken und besonders im Kreuze, 
die sich bis zur Unerträglichkeit steigerten. Es stand für sie nun fest, daß 
sie sich auch innerlich geschädigt haben müsse. Im Buche war ja zu lesen, 
daß heftige Schmerzen, Krämpfe, Konvulsionen, Hysterie, selbst Epilepsie 
die Folge der Onanie seien. Die Schmerzen traten jetzt im Unterleibe auf 
und wurden zur Zeit der Menstruation unerträglich. 

Es war ihr nun sichere Gewißheit, daß sie infolge der Onanie so krank 
geworden. Sie schwur sich, daß sie nicht mehr onanieren werde und hielt 
den Schwur drei Wochen nach der verderblichen Lektüre. Dann überraschte 
sie sich, daß sie in einer Art Halbschlummer onanierte. Ihr Entsetzen war 
namenlos und sie fürchtete nun einzuschlafen, band sich ein Tuch um die 
Schamgegend und fuhr immer mit Schrecken aus dem Schlafe auf. Trotzdem 
überwältigte sie das Verlangen, so daß sie rückfällig wurde. Sie war nicht 
imstande, sich ihrem Manne zu entdecken. Denn er hatte einen so hohen Be- 
griff von der Reinheit der Frau, daß er sie sicher verachten und vielleicht 
von sich weisen würde. Sie aber liebte ihn leidenschaftlich und konnte ohne 

3* 



36 



Erster Teil. Die Onanie. 



ihn nicht leben. In ihrer Verzweiflung beschloß sie, zu sterben, nahm eine 
große Dosis Veronal und schrieb ihrem Manne einen Abschiedsbrief den wir 
als erschütterndes Dokument menschlicher Leiden hier publizieren wollen 
bie überstand die schwere Vergiftung, nachdem sie 30 Stunden geschlafen 
hatte, ohne schädliche Folgen für den Organismus. 

Der Brief lautete: 

. Mein lieber Otto! 

T,h «fiW°L? U t ie : e u Brief l iest ' bin ieh nicht meh1 ' unter den Lebenden. 
trLll"! me ! ne , Schul k d J* d em T ode, da ich nicht länger ein Leben er- 
KÄ 1 em ' Ch d w schrecklich ^en Laster verfallen bin, während 
£r foni!? r TT W / S ™ mUt So wißse denn: Ich fröhne seit 
ne ttd ttl £ ^I d ? u »f atol Es Nami in der frühesten Kind- 
ern Z a X m ^ / n v r E, l e f0rt Da ich merke > daß ich ™ schwach 
skh Z m In , " Z eTS ™ h T? Jf rtig ZU Werden > da ich merke, daß 
D ch lh m t " dle f h T kh( S en FoIgen d^ Esters einstellen und ich 

5EÄ ÄJ? kÖ ~ * Ä so^l- h 

«11p TiprL IC n kann ni0ht S ° Weiter leben! Hab e Dank, Du Guter für 

F u teiche e r D^'ni^ ^t «"S"* 4 hast Ich ^^ ^ir'e n 
schenkt- Suoho Di, J^bens Dein Vertrauen und Deine Liebe 

intrLn tu LT Z™*' *l Deiner WÜrdig ist! Kto die süßen 
rvinaercnen. Von ihnen scheide ich am schwersten. 

Verzeihe mir! Ich kann doch nichts dafür! 

Meine letzten Seufzer gehören Dir. 

Deine 



. Dei tief erschütterte Mann versprach, ihr zu helfen und in dem schweren 
Kampfe beizustehen. Sie versprach, ihm von jedem onanistischen Akte 
sofort Mitteilung zu machen. Dies Versprechen, das ihr heilig war schilt 

sie vor weiterer Onanie Aber wie böse entwickelte sich ihr Seelenleiden t 

Sie onanierte nicht mehr, aber sie war schlaflos, hatte Weinkrämnfe mar-ht« 
sich endlose Vorwürfe, kam physisch sehr herunter, so daß sie in ein Sann 
tonum gebracht werden mußte. Als ihr der Arzt, nachdem er alle Mittel 
vergeblich versucht, raten mußte, wieder zu onanieren und sie zu überzeugen 
suchte daß die Onanie nicht die Krankheit hervorgerufen, sondern das Auf- 
geben der Onanie verlor sie das Vertrauen zu ihm. Sie rief ihm zu: „Selbst 
wenn ich wußte, daß ich gesund werde, ich könnte nicht mehr onariSen* 
Ich habe viel zu viel mitgemacht, ich bin viel zu stolz darauf, daß ich jetzt 
nicht mehr onaniere/- Ihr Mann aber, dem sie den Rat des Arztes mitteilte 
oL a^ U 6t o U \ dm ? anatori ™ ™d machte dem einsichtigen Kollegen 
in hl IT,!?? d J ann ZU mir und erzählte mir alle Vorgänge, die 

ich ber geschildert habe In der Analyse traten dann verschiedene Fixierungen 

mit^aßZn $*rl?*/ ie Gnm ,? age der 0nanie gebildet hatten - E * t5at 
unter g roßen Widerstanden eine die Onanie begleitende Phantasie hervor 
welche immer wieder eine Szene enthielt: 



Onanie und Neurose. 37 

Sie war noch ein kleines Kind. Da kam ein großer Bub und hob ihr 
das Kleidchen auf und begann sie an der Scheide zu kitzeln. Diese Phantasie 
erwies sich als die Wiederholung einer infantilen Szene, in der ihr um sechs 
Jahre älterer Bruder, eine Rolle spielte. Es ergaben sich Fixierungen an die 
Familie und ausgesprochene homosexuelle Tendenzen. Nach der Analyse eine 
große Besserung. Allerdings gelang es mir, die sonderbare Ablehnung auf- 
zulösen, die sie gegen die Frictio clitoridis von Seite ihres Mannes an den 
Tag legte. Es war das Erinnerungsbild an die pathogene Szene ihrer Ver- 
führung, das sich aufdrängte. Etwa ein unbewußter Gedanke, der lautete: 
„Wenn dein Mann wüßte, daß dein Bruder das mit dir getan hat und daß du 
nicht unschuldig warst, al6 er dich heiratete!" Sie hatte eine Differenzierung 
zwischen Mann und Bruder vollzogen. Für den Koitus war sie Virgo intacta, 
für die Frictio nicht. 

Eine weitere Determination ihres Selbstmordversuches ergibt der Um- 
stand, daß der Bruder um diese Zeit geheiratet hatte und sie nicht zur 
Hochzeit des Bruders fahren konnte, weil ihr Mann und ihr Bruder sich schon 
lange entzweit hatten. Nach der Analyse jedoch konnte sie die Frictio clitori- 
dis vertragen und kam dabei zu starkem Orgasmus. Sie hatte wieder ihre Be- 
friedigung und das war wohl der große Fortschritt, dem sie ihre endgültige 
Genesung verdankte. Sie gelangte auch zu einer anderen Auffassung der 
Onanie und lernte es bald, daß sie sich alle Leiden als Folgen der Onanie ein- 
gebildet hatte. 

Zwei wichtige Gesichtspunkte haben wir bei der Betrachtung des 
Falles neu gewonnen: Der erste, daß Selbstmordideen eine Beziehung 
zur Onanie haben. Ich habe mit aller Schärfe schon vor Jahren auf 
diese Beziehungen hingewiesen. 1 ) Zweitens die Wichtigkeit der den 
onanistischen Akt begleitenden Phantasien. 

Der Selbstmord stellt nur die extremste Folge der Onanieabstinenz 
dar. Es läßt sich eigentlich eine Skala konstruieren, die lauten würde: 
Angstneurose, Hypochondrie, Verstimmungen, Depressionen, Melan- 
cholie, Selbstmord. Mit dem Aufgeben der Onanie verliert für diese 
Menschen das Leben jeden Wert. 

Der Unerfahrene kann ja die Frage aufwerfen: Warum verschaffen 
sich diese Menschen nicht ihre Befriedigung auf dem allerotischen Wege? 
Warum suchen sie nicht die Libido im normalen Geschlechtsverkehre 
oder in perversen Akten mit anderen Personen? Das rührt eben daher, 
daß die Onanie für sie die e inz i g mö gliche adäquate Form 
direr Befriedigung darstellt. Ich betonte schon: Würde man alle Phan- 
tasien der Onanisten kennen, man wäre entsetzt über die unerfüllbaren 
Forderungen ihres Triebes. Da gibt es Onanisten, welche mit krimi- 
nellen Phantasien onanieren, andere, welche perverse Akte vollbringen, 
die dritten feiern Orgien, deren Erfüllung die Macht eines Nero ver- 
langen würde, die vierten spielen eine bestimmte Szene ihrer Kindheit 



*) Siehe meinen Beitrag in den Diskussionen „Über den Selbstmord", 
insbesondere den Schülerselbßtmord. Verlag J.F.Bergmann, Wiesbaden. 






B8 



Erster Teil. Die Onanie. 



und eine Unzahl anderer schwelgt in Inzestphantasien, welche ihnen 
nicht bewußt sind. Vor dem onanistischen Akte gibt es 
eine Art Rausch oder Ekstase, in der die Gegenwart 
ganz versinkt und die verbotene Phantasie allein 
herrscht. Nur einige Minuten oder Sekunden, und dann fällt der 
Vorhang über dem Geheimnis und das Licht des Bewußtseins vermag 
nicht durch diesen Vorhang zu dringen. Diese Onanisten spielen vor 
sich und mit sich; das Spiel gelingt meistens; sie haben wirklich eine 
Zweiteilung der Persönlichkeit, welche es der einen gestattet, mit einer 
Phantasie zu onanieren, welche die andere nicht kennt, nicht kennen 
will oder nicht kennen darf. \ 

Wir haben gesehen, wie die Neurose ausbricht, sobald die Onanie 
aufgegeben wird, und wie die Folgen der Onanieabstinenz dann als 
Folgen der Onanie aufgefaßt werden. Ebenso konnte man behaupten, 
die Onanie zerrütte die Nerven so, daß die Onanisten zu Selbstmördern 
werden Die nächsten Fälle beweisen das Gegenteil. Sie beweisen uns 
alle, daß viele Menschen unfähig sind, ohne die Onanie zu leben und 
daß sie lieber auf das ganze Leben verzichten, als ohne die gewohnte 
Befriedigung zu verschmachten. 

Es gibt unter den Onanisten auch viele, welche gewarnt wurden 
und die Abschreckungsbücher gelesen haben. Sie onanieren dann mit 
dem Stolze des Menschen, der über sein Leben selbst verfügen und 
sich auf diese lustbetonte "Weise ums Leben bringen will Der Selbst- 
mordversuch durch den Abusus der Onanie ist gar nicht so selten 
und kommt besonders in Gefängnissen vor. Es ist eine Form der 
Selbstvernichtung, die ich als „chronischen Selbstmord" be- 
zeichnet habe. 

Es ist wenig bekannt, daß die Onanie auch als Strafe und Buße, 
als ein Mittel, sich das Leben zu verkürzen, angewendet wird. Die 
Verknüpfung von Luet und Strafe ist uns ja nichts Unbekanntes. Wir 
brauchen nur an den Flagellantismus und die Askesen wunderlicher 
Heiliger zu denken. Wir werden bald ersehen, welch gewaltige Rolle 
der Onanie beim Zustandekommen eines Selbstmordes zukommt. Ich 
möchte aber schon jetzt betonen, daß die Drohungen der Eltern, welche 
Kindern die Onanie dadurch abgewöhnen wollen, daß sie ihnen die 
furchtbarsten Folgen für Leben und Gesundheit bei Fortsetzung des 
Lasters prophezeien, oft den entgegengesetzten Effekt erzielen: gerade 
um das Leben zu verkürzen, setzen manche störrische Kinder die Onanie 
fort: für die geheime Lust büßen sie dadurch, daß sie einen Teil ihrer 
Lebenskraft zu opfern wähnen. Das Verbotene und das gruselige Spiel 
mit dem Tode erhöhen den Reiz des Lustgewinnes. Vom chro- 
nischen Selbstmord bis zu dem akuten führt eine gerade Linie. 



Onanie und Neurose. 39 

Der antisexuelle Instinkt ist eigentlich der lebensfein d- 
liehe Instinkt. 

Es gibt Menschen, die den Mut zur Liebe verloren, denen Hem- 
mungsvorstellungen, Imperative der Eltern und der Gesellschaft den 
Genuß der Liebe geraubt haben, die unfähig sind, Libido ohne Schuld- 
bewußtsein zu empfinden. Ich denke hier an ein Mädchen, das von 
glühender Liebeslust erfüllt war, das alle Instinkte dazu drängten, sich 
sexuell auszuleben, das jedoch eine übermoralische Erziehung mit so 
vielen Verboten und Hemmungen umgeben hatte,- daß es schließlich 
keinen anderen Ausweg wußte, als aus dem Leben zu gehen. Die Angst 
vor der Liebe war fast 60 groß, als da6 Verlangen nach ihr. Sie war zu 
schwach ihre sexuellen Instinkte auszuleben; zu moralisch, zu schwer 
mit bürgerlich hausbackener Moral belastet. Andrerseits war das 
Leben ohne Ausleben der erotischen Instinkte für sie nicht lebenswert 
und so wollte sie den unlöslichen Konflikt dadurch lösen, daß sie zu 
sterben beschloß. 

Allerdings beweist uns dieser Fall auch die Wahrheit der von 
Freud . vorgebrachten Beobachtungen, daß Selbstmorde sehr häufig 
mit Inzestgedanken zu tun haben, die oft die Quelle des tiefsten Schuld- 
bewußtseins darstellen. Auch dieses Mädchen hatte ein inzestiöses 
"Trauma in der Kindheit erlebt. Auch ein Trauma mit dem Bruder ! Und 
vielleicht war ihre Unfähigkeit zu lieben darauf gegründet. Sie war zu 
fest bei der Familie verankert. Außer den moralischen 
Hemmungsvorstellungen kam noch das geheime Band in Betracht, das 
sie an den Bruder knüpfte. Sie kannte nur eine wahre Liebe: die zu 
ihrem Bruder, ihrem ersten Geliebten, den man doch nie vergessen 
kann. Aus diesem Dilemma wählte sie dann den Ausweg des Selbst- 
mordes. Aber noch einen neuen Gesichtspunkt lernen wir bei der 
Analyse dieses Falles, einen Gesichtspunkt, den ich eigentlich bisher 
in keinem der von mir beobachteten Fälle von Selbstmord oder Selbst- 
mordabsichten vermißt habe. Die Selbstmordideen traten bei dieser 
Patientin erst zu einer Zeit auf, nachdem sie die Onanie auf- 
gegeben hatte. Die strenge Abstinenz war mit eine der Ursachen 
des Selbstmordes. Wir wissen schon, daß für solche Personen die 
Onanie deshalb so wertvoll ist und sogar durch den sexuellen Akt 
nicht ersetzt werden kann, weil sie mit verschiedenen Phantasien einher- 
geht. Die Vorwürfe, die sich die Patienten wegen der Onanie machen, 
richten sich eigentlich gegen die Phantasien. So war es auch in diesem 
Falle. Die Patientin verband mit dem Autoeroti6mus die Phantasie 
an das Erlebnis mit ihrem Bruder. Das Aufgeben der Onanie verlangte 
zugleich das Aufgeben der Inzestphantasie. Den Selbstmord, der zum 
Glücke nur ein Selbstmordversuch war, vollzog sie, nachdem sie sich 



40 



Erster Teil. Die Onanie. 



aus dem Elternhause entfernt und eine Stelle in der Fremde gefunden 
hatte. Sie verschaffte sich Morphium und Veronal, welche Mischung sie 
jedoch gleich erbrach. Der Lebenstrieb wehrte sich gegen den Selbst- 
mord. In ihr schrie eine Stimme: „Du kannst noch glücklich werden!'' 
Diese Stimme behielt recht. Sie fand nach einigen Jahren einen Mann, 
der sie glücklich machte. Es war ein Vetter, der ihrem Bruder in vielen 
Stücken glich. 

Noch beweisender scheint mir ein anderer Fall zu sein, der Selbst- 
mordversuch eines hochbegabten Künstlers, der sich von einem Freunde 
eine größere Dosis Zyankali geben ließ, sie rasch austrank in der 
sicheren Gewißheit, in den Tod zu gehen. Es hatte sich aber nur um 
eine gehörige Dosis Bromkali gehandelt, denn der Ärmste erwachte nach 
einem etwas längeren Schlaf mit einem dumpfen Kopf und war dem 
Leben wiedergegeben. Auch dieser Patient litt ebenso wie unter Zwangs- 
vorstellungen und Selbstmordimpulsen unter den Vorwürfen/die er sich 
wegen der bis ins hohe Alter hinein betriebenen Onanie machte. Seine 
schwerste Zwangsvorstellung lautete: Es könnte ihm jemand entgegen- 
kommen und an ihm ein Attentat verüben. Eigentlich eine homosexuelle 
Reminiszenz aus seinem 9. Lebensjahre. Die Angst entsprach hier dem 
brennenden Wunsche, jene einzige Art der Befriedigung zu finden die 
die höchste Libido erzielt hatte, weil auch aus homosexuellen Trieb- 
quellen Lust zuströmte. Auch dieser Patient hatte ein schweres Inzest- 
trauma hinter eich (mit der Schwester!) und auch bei diesem Kranken 
erwies sich das Aufgeben der Onanie verknüpft mit dem schweren 
Schuldbewußtsein als wichtigste Triebfeder des Selbstmordimpulses. 
Die Angst, es könnte ihm jemand „entgegenkommen", entsprach dem 
Wunsche, seine Schwester sollte ihm entgegenkommen. Sein höchster 
Wunsch, der ja seine tiefste Angst werden mußte. 

Noch von einem dritten Patienten möchte ich erzählen, der bis zum 
34. Lebensjahre onanierte. Mit dem Aufgeben der autoerotischen Be- 
friedigung traten die Selbstmordimpulse auf. Auch hier bewies die 
Analyse in klarer Weise die Verknüpfung des autoerotischen Aktes mit 
Inzestphantasien. Er hatte in der Kindheit an Blasenstörungen gelitten. 
Die den Penis sanft streichelnde Hand der Mutter konnte die Anurie 
leicht beheben. Bei den onanistischen Akten imitierte er diesen Vor- 
gang. Ist doch jede Onanie eine Rückkehr zur infantilen Form der Be- 
friedigung, zu den ersten Lustquellen. Auch seine Potenz war 
launisch und die Erektion konnte in manchen Fällen nur durch denselben 
Griff zustande kommen. Noch ein zweites Moment ist bei diesem wie 
bei allen anderen Fällen in Betracht zu ziehen. Handelt es sich doch bei 
allen onanistischen Akten- (siehe den vorigen Fall) um ein Kompromiß 
aus homo- und heterosexuellen Regungen! Speziell in diesem Falle war 



Onanie und Neurose. 



41 



es ganz deutlich, daß die Onanie neben der Inzestphantasie auch einen 
homosexuellen Akt darstellte. 

Alle diese Menschen waren unfähig, ein Leben 
ohne Onanie zu ertragen. Für sie war die Onanie 
nicht, wie ich es früher erwähnt habe, Strafe und 
Buße, sondern geheime Lust, an die sich ein tiefes 
Schuldbewußtsein knüpfte. Dieses Schuldbewußtsein kann 
eich, wie Beobachtungen anderer Ärzte zeigen, so steigern, daß der 
Selbstmord direkt nach einem onanistischen Akt ausgeführt wird. Hier 
gpielt neben der Onanie der Ekel eine große Rolle. Solche Auto- 
erotisten betrachten ihre Selbstbefriedigung als einen „ekelhaften", 
erniedrigenden Akt. Der Ekel vor der eigenen Person steigert sich zum 
Ekel vor dem Leben, zum Weltekel. Das Leben, das stets sexuell ge- 
wertet wird, verliert jeden Wert. Es steht im Affekte der Ablehnung. 
So führt die Onanie auch in ihren Verdrängungsformen zum Selbstmord. 
Besonders Onanisten, die lange Zeit hindurch abstinent waren und 
denen es gelungen war, die Onanie wirksam zu bekämpfen, neigen nach 
einem Rückfall, der sie ihrer stolzen Hoffnungen auf Genesung beraubt, 
leicht dazu, „Hand an sich zu legen" und mit dem letzten onanistischen 
Akt, das ist mit dem Selbstmorde, die letzte große Strafe an sich zu 
vollziehen. . 

Ich möchte hier noch die Analyse eines Knaben erwähnen, bei dem 
Selbstmordideen eine große Rolle spielten, dessen Krankengeschichte 
ich in meiner Arbeit: Zwangszustände, ihre psychischen Wurzeln und 
ihre Heilung" (Medizinische Klinik, 1910, Nr. 5—7) beschrieben habe. 
Ich erlaube mir, das eine uns interessierende Stück dieser Krankenge- 
schichte hier mitzuteilen: 

Fall Nr. 6. „In meinem Buche „Nervöse Angstzustände" habe ich auf 
die psychischen Wurzeln des Stotterns hingewiesen. Ein stotternder Knabe, 
den ich im letzten Jahre behandelte, teilte mir mit, daß er nicht stottere, 
wenn er die Hand auf die Nase lege. Er drückte den rechten Zeigefinger auf 
den Nasenrücken und konnte sofort fließend und deutlich sprechen. Dieser 
Knabe war ein arger Onanist. Seine heimliche Angst bestand darin, man 
könne ihn vielleicht entlarven, man könnte vielleicht erkennen, daß er 
onaniere. Sein Vater hatte ihm einmal aufgetragen, die Hände im Bette 
immer auf der Decke ruhen zu lassen. Also schien sein Vater Onanie zu be- 
fürchten. Was drückte er nun durch diese symbolische Handlung aus? Wenn 
er die Hand in der Tasche hatte, so konnte er onanieren. Dadurch, daß er 
die Hand auf die Nase legte, demonstrierte er aller Welt: Seht nur her, ich 
onaniere nicht, ich habe Ja nicht die Hand in der Tasche, sie liegt auf meiner 
Nase. Dabei war ihm die Nase das Symbol des Gliedes und er drückte durch 
diese Zwangshandlung dem Kundigen gerade so viel von seinem Geheimnis 
aus, als er verbergen wollte. Derselbe Knabe litt eine Zeitlang auch an 
Zwangslügen. Eines Tages erzählte er mir eine lange Geschichte, der ich 



42 



Erster Teil. Die Ouauie. 



sofort anmerkte sie wäre erlogen. Ich fragte ihn sofort, warum er mich 

S und fl^^^ ** e ^T e nJChtS dafür ' » eß komme Such über 
ihn und dann müsse er lugen". Gestern habe er den Vater angelogen ohne 

Als e'rrTÄrT ^J* L ? hw erkrankte Und sie bekamen" ch^YeT 

we 1 dZt&SSt n ' t ag , tö € 5f? m Vater ' Sie hatten ßchuIfrei bekommen, 
weil das schadhafte Dach der Schule ausgebessert werden müsse. Für diese 

Luge wisse er keinen Grund anzugeben. Ob er sich sehr darüber gefreu habe 

daß sie einen schulfreien Tag gehabt hätten? „Ja sehr!" ' 

gewordflst^^attm^ih^Äf^ ^ff gefreut ' daß der Lehrer krank 
Schuld gehört« * m Mlüeid ZU haben ' Wie eß eich für einen braven 

kranken 1 möi b un e [r ; " S? tte Sich " ao ° ft g ew ünscht, daß der Lehrer er- 

äxtä rar u r e d R T g , vor seinem 

^Ä Ä ~ Se T^ L " * Va^ertr ^ g r £ 
daß er onSier^dÄ rÄÜSJt St » 

übergeben worden war, und er Xitaa^Ä^^^^^^S^ 

sah ihm prüfend ins Gesicht und sagte Du onan faS? n ? **"* Y^ 

das Schlechteste, was er tun konnte D 5 "d toSib. St T T^ 

Angst, alle Welt bemerke, daß er onaniere Gerade Inlolee dW I l 

war er verlegen und stotterte in Gesellschaft, vo seine r Ä„ T &t 

Vater - kurz vor aller Welt, während er/ wlTÄr T 

Stotterer fließend sprechen konnte. Nun wu de e ^ durch d? fertJS 6 

der Meinung bestärkt, man könne sein heimliches Stt« Ätf™ 

Blick erkennen. Er demonstrierte dann durch die ZwaLshandS, S" 

Hand auf der Nase) aller Welt, daß er nicht onaniere. DtoÄS 

von ihm. Weshalb hatte er mich nun belogen? So wie er In mit dei LüS 

die Allwissenheit seines Vaters zu Schanden machen wollte, o log e auch 

mich an, um mich zu „prüfen" und sich zu überzeugen, ob ich wirklich luZ 

SI2 weil ?^a so viele Dinge von semem^Ä*^ 

zahlt, die keiner vor mir bei ihm vermutet hatte. Dieses Lügen geschah 1 

Sffi »?«*»«*" Motiven und war deshalb voTÄC 

In diesem Falle sehen wir das ganze geheime Räderwerk- Das frliriM 
bevv-ußtsein dem Vater und dem Lehrer gegenüber, denen er den Tod gewünscht 
hatte; die Hemmungen, mit denen er belastet wurde. Wir begreifen daß (mit 
treten mußtn ^ ^^ auf8ngebeb ' Selbstmordimpulse folgerichtfg a Tf- 

•*■ K ZUm o ,v Chluß di6Ser Außführun 8 en über den Zusammenhang 
nmtm Selbstmord und Onanie wil! ich die Analyse eine« Schüler 



Onanie und Neurose. 



u 



Selbstmordes mitteilen, welche mir geeignet erscheint, die hier vorge- 
brachten Ansichten in unwiderstehlicher Weise zu bestätigen. 

Fall Nr. 7. Es handelt sich um einen 18jährigen Handelsschüler, der 
noch des Vormittags in die Schule ging, am Unterrichte sehr aufmerksam teil- 
nahm und sich eine Stunde später eine Revolverkugel in den Kopf 6choß. Die 
Ursachen dieses Selbstmordes waren scheinbar leicht zu ergründen. Das Motiv 
hieß : „Unglückliche Liebe." Er hatte seit 2 Monaten ein Liebesverhältnis mit 
einem gleichaltrigen Mädchen und teilte seinen Eltern den Entschluß mit, 
sich mit diesem Mädchen zu verloben. Weil die Eltern ihm die Einwilligung 
nicht gegeben hatten und er sich unfähig fühlte, ohne Unterstützung der 
Eltern weiter zu leben, wollte er sich, so lautete seine erste Aussage, das Leben 
nehmen. Nach mehrwöchentlichem Krankenlager konnte er, vollkommen ge- 
nesen, seine Studien fortsetzen. Die durch die Tat erschreckten Eltern gaben 
ihm die Einwilligung zur Verlobung; allein schon während des Kranken- 
lagers hatte er bemerkt, daß seine Geliebte für ihn den Wert verloren hatte, 
und so war es ihm ein Leichtes und gar kein Opfer mehr, nach mehreren 
Monaten das Verhältnis vollständig aufzugeben. 

Er gibt zu, daß die gegen die Eltern gerichteten Rachephantasien bei 
der Tat den Ausschlag gegeben haben. Er hatte sich als verlorenen Menschen 
betrachtet, der nicht mehr denken könne, dem der Wahnsimi bevorstehe. Zeit- 
lebens hatte er ein großes Bedürfnis nach Zärtlichkeiten und diese wurden 
ihm auch von einer älteren Schwester zuteil. Wir erfahren, daß in dem Ab- 
sagebrief der Eltern sich auch ein Schreiben seiner Schwester befand, die 
ebenfalls mit sehr energischen Worten auf die Aussichtslosigkeit 
seiner Liebe hinwies. Kurze Zeit nach Erhalt des Schreibene führte er 
den Selbstmord aus. 

Sein Geschlechtsleben zeigt bei erster Erforschung keine besonders auf- 
fälligen Abweichungen von den normalen Linien. Von Kollegen verführt Suchte 
er mit 15 Jahren eine Prostituierte auf und versagte die ersten Male voll- 
kommen. In der siebenten Gymnasialklasse begann er zu onanieren, wobei 
er eine Libido empfand, die ihm bisher unbekannt gewesen. Er las jedoch ver- 
schiedene Bücher, die ihn über die Schädlichkeiten der Onanie belehrten, so 
daß er sie aus Angst, sich das Leben zu verkürzen, aufgab. 'Er hatte dann 
spärlichen sexuellen Verkehr mit Dirnen und Dienstmädchen. In der achten 
Gymnasialklasse onanierte er bloß 3mal im Jahre. Er gab aber zu, daß 
die Höhe der Libido beider Onanie niemals von dem 
normalen Akt erreicht wurde. Und nun erfahren wir, daß die 
Onanie bei ihm tatsächlich mit Inzestphantasien verknüpft war. Es war 
ihm beim ersten onanietischen Akte plötzlich eingefallen, ob er nicht eine 
alte Frau besitzen könne. Plötzlich tauchte zu seinem Entsetzen vor seinen 
Augen die Mutter auf. Wir begreifen jetzt, warum er die Onanie aufgegeben 
hat. Es war die Inzestphantasie, die ihn als hochmoralischen Menschen an 
der Fortsetzung dieser Art von Befriedigung hinderte. Er erinnerte sich 
auch an verschiedene Vorkommnisse, die eine Inzestneigung zur Mutter be- 
stätigen. Tief im Gebirge traf er auf einer Wanderung eine alte, häßliche 
Bäuerin; da tauchten ihm „böse Gedanken" auf, die er voll Ekel sofort ver- 
drängte. Verschiedene Träume handelten von seiner Mutter und von seiner 
Schwester. Jetzt erfahren wir auch, daß das Verhältnis mit dem Mädchen 
eigentlich ein sehr intimes gewesen und wahrscheinlich zu den letzten Kon- 



44 



Erster (Teil. Die Onanie. 



Sr'T f fÜhrt MWe ' wenn er nicht ei " hemmende Kraft in sich «fühlt 
zu eriSen '°l ^ , A "»**™* seiner bebten hinderte, von ihr Bes ttfe 

. s» ä asrsa *s sä» i- 

M h De ™ 1 k k u " dl 8 e J n Psychotherapeuten wird es sofort klar, daß es sich 

d sXel? ^ 7, eine " P ° ena taIionis " S etad * hat Ein Brte 
** -e ' M"" 6 "-. ^r von der Aussichtslosigkeit der Lieh 

auf dT Peliit h • ™ n 6r Mutter ' der Schwc8ter U »<1 dem Bruder 

sfl§tii§5§ 

tiefes Schuldbewußtsein - die TfL 
seiner seelischen Konflikte u nd' di e^nflhi ^ 
die Onanie als Ersatz der Inz es t n h » n+ • i 

homosexuellen Akte wei t er llToltVsT ' '" ™? 
Wir hören ferner, daß der erste onanistische Akt direkt nach 
einem Besuche bei einer Prostituierten - wohl gemerkt nach 
erfolgreichen - ausgeführt wnrde. Das beweist "ns daß die Wirk! cT 
tat ,hm „.cht die Befriedigung geben konnte, wie sie der m^der In Z t" 
Phantas,e verknüpfte autoerotische Akt zn gewähren vermochte 

Die Bedeutung der spezifischen Phant»»i- 
beim onan.Lti.ehe» Akte kann gar nicht hoch » 
eingeschätzt werden. Das Schuldgefühl, daV 

an die Onanie knüpft, hängt damit zusammen ,h ' 
auch d Hähe des Lustgefühles Erst ««.aber 

tische Phantasie gibt dem onan i s ti sehen Tkte 
seine besondere Färbung, seine hoho LustquaHtä 
und seine Unersetzlichkeit. «"antat 

Es gibt Beobachtungen, welche solche Zusammenhänge förmlich 
ra Reinkultur bringen. Eine solche mag jetzt an dieser Stelle folgen 

Fr „,/"" Nr ' 8 ' Herr B -, M - kons ultiert mich wegen folgender Erschein™», 
d« ihm sehr gnt gefi el. «Mit Ä^- *«3Ä 



Onanie und Neurose. 



45 



plauderte mit ihr besser als mit jeder anderen. Schließlich machte er ihr 
den Antrag, mit ihm eine Reise zu machen. Sie ging darauf ein und sie 
machten eine sehr schöne Reise, die 6 Wochen dauerte. Allein seine Hoffnungen 
auf den Besitz des Mädchens gingen nicht in Erfüllung. Sie legte sich mit 
ihm ins Bett; wenn er sie jedoch berühren wollte, so wehrte sie sich und er 
konnte nichts erreichen. Sie schrie, er wolle sie unglücklich machen. Er hoffte, 
mit Geduld und durch Erregung des Mädchens zu seinem Ziele zu gelangen. 
Vergebens. Alle Bemühungen scheiterten an dem Widerstände der Geliebten, 
so daß er genötigt war, in dem Bette an ihrer Seite zu onanieren. 

Nach der Reise versuchte er vergebens bei anderen Mädchen seine Glut 
zu kühlen. Er war impotent und konnte weder Erektion noch Orgasmus er- 
zielen. Aber er mußte täglich onanieren und stellte sich 
immer das Mädchen vor. Auf meine Frage, warum er sie nicht ge- 
heiratet habe, erwidert er: 

„Das geht nicht. Der soziale Unterschied ist zu groß. Sie war Er- 
zieherin, also ein besseres Dienstmädchen, und ich bin akademisch gebildet, 
bin Advokat. Dann habe ich eine Mutter, die das nie zugegeben hätte. . ." 

„Sind Sie der einzige Sohn?" 

„Jawohl . . . und ich lebe mit meiner Mutter so harmonisch, so schön 
und so friedlich, daß ich eine Ehe nicht benötige. Ich habe mir vorgenommen, 
nie zu heiraten. Aber die Leidenschaft für das Mädchen wurde so groß, daß 
ich fürchtete, sie heiraten zu müssen. Ich kam auf die Idee, ihr zuzureden, 
nach Amerika zu fahren, und gab ihr auch das Geld für die Reise. Jetzt ist 
sie in Amerika. . . . Trotzdem sie so weit ist, kann ich sie nicht vergessen. 
Ihre Briefe werden immer kühler, ich aber liebe sie wie vorher und liebe sie 
täglich mehr." 

Er führt einen erbitterten Kampf gegen die Onanie und muß sich be- 
schämt eingestehen, daß er immer wieder erliegt. Obwohl er sich in diesen 
vier Jahren physisch ganz außerordentlich erholt hat, fürchtete er, daß ihm 
die Onanie doch schade. Er fürchte für sein Rückenmark und für sein Ge- 
dächtnis. Er möchte die Liebe vergessen und wieder andere Mädchen besitzen 
können. 

In diesem Falle sehen wir die Macht eines unerfüllten Wunsches der 
immer wieder auf Erfüllung dringt. Solche unerfüllte Wünsche sterben nicht 
Hatte er das Mädchen geheiratet, so wäre die Entwertung durch den Besitz 
eingetreten. ... Der große Orgasmus bei der Onanie rührt hier daher daß 
er sich immer wieder das Mädchen vorstellt und ihren Besitz phantasiert. 
Hier bringt die Phantasie die Erfüllung und die einzige Erfüllung, die er 

Die einzige? Das müßte erst eine sehr genaue Analyse lehren. Es ist 
sehr wahrscheinlich, daß hinter dem Mädchen die Fixierung an die Mutter 
steckt. Das Mädchen und die Mutter haben viel Gemeinsames. Sie sind beide 
unerreichbar, beide dem sexuellen Wunsche gegenüber negativistisch. 
Oer Mutter halber hat er das Mädchen nicht geheiratet, weil er die Mutter 
hätte verlassen müssen. Das beweist, daß die Mutter die stärkere ist und 
daß wir in seiner Onanie auch eine Regression auf die Lustquellen der Kind- 
heit erblicken müssen. Er arrangierte auch das Verhältnis so, daß sie ihm 
fern und unerreichbar wurde. Er wandte auch keine Gewalt an, weil er 
hoffte, das Mädchen werde sich freiwillig ergeben. Frauen wollen aber ge- 






46 



Erster Teil. Die Onanie. 



nommen sein, um sich vor den selbst mit der vis major entschuldigen zu 
WesenT g ' ebenS ° m d6r ° na ^ e m der Seite eines begehrten 

Der M^S^w^ ZU Zlehen > er6cheint "* überflüssig. 
JJei Fall ist deshalb so instruktiv, weil er uns die Bedeutung der die Onanie 
begleitenden Phantasie wie kein zweiter vor Augen führt 

uab ganze naus nabe unter seiner Nervosität oaiiU**. v t v , 

Nachts Erregungszustände gehabt, wÄe S^^Ä5S*fi 
sie um den Hausarzt schickte. Der aber riet ihm ! 1^7 u!' , 

Die Onanie ersetzte ihm das für ewig verlorene Marien n„. m-j u 
aber „ „ ein Symbol der Mutter. Da! «ÄÄVSÄ^ 

^ " bei a nton l^^ÄÄ^ 

Er war aber fernerhin bei anderen Mädchen impotent. Allein er könnt* 
nicht mehr einschlafen und wurde von einem nervösen Zittern befallen Wann 
er sich ins Bett legte, begann sein ganzer Körper zu zittern und zu' bebT 
Es arbeitete in ihm wie in einer Maschine. Er sprang auf und lief wie «in 
Verrückter im Zimmer umher. Schließlich sagte er sich: Jetzt onanierst 7„ 
auch wenn dein Leben dabei zugrunde geht. Dann beruhigte er sieh ™S 
konnte wieder schlafen. Nachdem er eine mäßige Onanie wieder aufgenommen 
hatte, besserte sich sein Zustand, er wurde wieder arbeitsfähig und war all!« 
seinen schweren Aufgaben vollkommen gewachsen. '"' " 

Ich könnte Hunderte von ähnlichen Fällen anführen. Nur einige 
die mir gerade einfallen, seien noch kurz erwähnt: Eine Frau die bis 
zum Aufgeben der Onanie vollkommen gesund war und dann an 
Melancholie erkrankte, als sie auf den Rat eines Arztes abstinent wurde 
(Sie hatte ihn wegen eines unschuldigen Fluor konsultiert.) Ein Arzt 
der bis zum 35. Jahre onaniert hatte und dann nach Lektüre eines 
medizinischen Werkes die Onanie aufgab. Nach einigen Wochen traten 
Zwangsvorstellungen bei ihm auf, er werde ßeine Frau ermorden. Ein 
mtessor, der bis zum vierzigsten Jahre täglich onanierte, verhältnis- 
mäßig gesund war und aus eigenem Antriebe die Onanie aufgab. Nach 









Onanie und Neurose. An 

einigen Monaten traten Schwindel, Platzangst, Unfähigkeit zu essen 
und andere neurotische Symptome auf. 

Das ist eine Beobachtung, die wir immer wieder 
machen können. Die Neurose bricht erst aus, wenn 
die Menschen die Onanie aufgeben. Die Krankheit 
wird dann fälschlich als eine Folge der Onanie und 
nicht als eine Folge des Aufgebens der Onanie auf- 
gefaßt. Man nehme sich die Mühe, die Anamnesen schwerer Fälle 
Ton Neurosen durchzusehen. Man wird häufig genug finden, daß die 
Kranken die Onanie aufgegeben haben, und daß dann danach die Neu- 
rose ausgebrochen ist. In meinem Buche „Nervöse Angstzustände und 
ihre Behandlung" findet sich eine ganze Menge hierher gehörender Fälle. 

Dagegen kenne ich Menschen, die Jahrzehnte täglich onanieren und 
gar keine Spur eines Schadens zeigen. Ein 54jähriger Mann gestand 
mir, daß er seit seiner frühesten Jugend täglich onaniere. Manche Tage 
mehrere Male. Er ist verheiratet und übt überdies noch täglich den 
Verkehr mit der Frau aus. Seine Potenz ist vorzüglich und er zeigt 
keinerlei Zeichen, die man gebräuchlicherweise als neurasthenische 
Stigmata bezeichnet. Ein anderer Fall meiner Beobachtung betrifft 
einen Künstler, der seit seinem vierten Lebensjahre bis zum 16. Jahre 
onaniert hatte. Nachher litt er an täglichen Pollutionen, die ihn fast 
zur Verzweiflung brachten, bis ihm ein Arzt den Rat gab, die Pollu- 
tionen durch häufigen Geschlechtsverkehr zu heilen. Solange er nur 
einmal in der Woche verkehrte, half das Mittel gar nichts. Erst als er 
das Glück hatte, eine Geliebte zu finden, die an ihn große Ansprüche 
stellte, verschwanden die Pollutionen, um nie wiederzukehren. Dieser 
Mann zeigt keinerlei Schaden an Leib und Seele und erreichte eine hohe 
Stelle auf der sozialen Stufenleiter. Auch seine Potenz hatte nicht ge- 
litten und gestattete ihm die Rolle eines bekannten Don Juans. 

Hier möchte ich auf die Lebensgeschichte eines 41jährigen Advo- 
katen hinweisen, die ich im „Zentralblatt für Psychoanalyse" (III. Bd., 
S. 250) zum Teile publiziert habe. 1 ) 

Fall Nr 9. „Ich leide an abnormaler Geschlechtsempfindung, welche 
durch Onanie befriedigt wird. Im 16. Lebensjahre onanierte ein Schulkollege 
vor mir. Einige Wochen später erweckte in mir der Anblick, als ein Herr 
einer Dame ehrerbietig die Hand küßte, ein noch nie empfundenes wollüstiges 
Gefühl. Abends im Bette reproduzierte ich in meiner Phantasie die gesehene 
Handkußszene, erinnerte mich an den onanisti'schen Akt meines Schulkollegen 
und onanierte das erstemal. Von da an onanierte ich täglich einmal, später 
auch öfter, sogar auch sechsmal des Tages. Die begleitende Phan- 

J ) In den Krankenberichten, Briefen, Träumen sind der Stil und die Ortho- 
graphie der Patienten fast gar nicht geändert. Eb handelt sich oft um Ausländer, 
welche die deutsche Sprache nicht beherrschen. Diese Bemerkung ein- für allemal! 



48 



Erster Teil. Die Ouanie. 



tasie war immer ein Handkuß, den ich oder ein anderer einer Dame gab. Wenn 
ich jemand die Hand einer Dame küssen sah, oder wenn ich selbst hierzu Ge- 
legenheit hatte, oder wenn ich einer solchen Episode in einer Lektüre oder 
auf einem Bilde begegnete, so empfand ich heftige Libido, welche sodann durch 
Onanie befriedigt wurde. Je mehr Devotion, Erniedrigung sich 
im Handkusse äußerte, um so gröller war dieLibido Da 
ich fast immer Gelegenheit hatte, Handküsse zu sehen, oder selbst auszu- 
üben, so hatte meine Geschlechtsempfindung immer neue Nahrung, was immer 
wieder zu onamstischen Akten führte. Als ich in meinen Universitätsiahren 
zur Kenntnis gelangte, daß meine Geschlechtsempfindung eine abnormale und 
deren Befriedigung eine schadhafte sei, da war in mir der perverse Trieb schon 
derart emgewurzelt, daß ich das Laster nicht mehr bekämpfen konnte. Trotz 
h in<W T m lr i? Vei ' hel .| ch bei ™ geringsten Reize wieder der Onanie. Dies 
c hm IT' P Ze ; WGlllg an dei " Beendi S un g '»"ner Studien, denn wenn 
n ZLti Pl ' llf ';ng vorbereitete, so hatte mich die hierzu notwendige 

Einsamkeit tomer zu häufiger Onanie veranlaßt. Statt zu studieren hing 

Ko^Lf^^-^^^ nach " Zweimal versuchte deinen 
•fbe r <üe Ä tS * "?£ Die Puella rdzte mich zwa <"- Nachdem 

St k , g$am VÜI * 81Ch gmg ' fin « die Puella ^ ungeduldig und 

spottisch zu werden, was sodann die Stimmung ganz verdarb Ein scUes 

oaZ Z GeS U d ß'ic mlCh a V nd ,fV ich -en Reiz aus, und ich ha^ 
beledigen konnte "" Geschleehtstrieb in ^rmaler Art und Weise 

Hohe AÄ F vef kam meine8 WiSSenS k6ine gGi8tige 0d - **»**£ 

Als körperliche Folgeerscheinungen kann ich nur 
etwas Mattigkeit und öf te r s R e i ßen In den Gliedern 
besonders in den Füßen anführen. Geistig bin ich ganz' 
normal bekunde sogar einen Scharf einn, und entfalte 
als Leiter einer großen Adv o katu rekanzlei re«e 
geistige Tätigkeit." ege 

So der Bericht eines Onanisten. Er gesteht mir, daß er in de» 
letzten zehn Jahren niemals weniger als dreimal tü„ 
lieh onaniert hat. g " 

Und wie sieht der Mann aus? Wir sehen einen blühenden, gut genährten 
Menschen vor uns, der kein graues Haar zeigt. Die Muskelkraft normal die 
Reflexe leicht gesteigert, sonst keinerlei pathologischer Befund. 

Also ein sogenannter „Onanisraus" durch 25 Jahre und keinerlei 
Zeichen einer Neurasthenie, wie sie Freud 1 ) in einem Aufsatze als charak- 
teristisch für die Onanie anspricht. Kein Kopfdruck, keine leichte Ermüd- 
barkeit (höchstens etwas Mattigkeit), keine Dyspepsie, keine Stuhlverstopfun-* 
und keine Spinalirritation! 



J ) Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. Sammlun- 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Erster Band. (Franz Deuticke, 1906, Leipzig und 
Wien.) Dort heißt es wörtlich: „Die Neurasthenie läßt sich jedesmal auf 
einen Zustand des Nervensystems zurückführen, wie er durck 
exzessive Masturbation erworben wird." (S. 187.) Jetzt möchte Freud diese 
Behauptung abschwächen. 



. ', 



Ouauie und Xeurose. 



49 



Die Symptome Mattigkeit und Reißen in den Gliedein machen doch 
keine „Krankheit" aus! Das Reißen ist ausgesprochen rheumatischer Natur. 
Auf die Psychologie dieses Falles will ich nicht eingehen. Hier stammt die 
Libido aus einem Gefühl der Unterwerfung unter das Weib, mit dem er mög- 
licherweise seine Schwäche geschickt maskiert. Denn die Episode bei der 
Merctrix beweist, daß er in der Phantasie auf eine Demütigung eingestellt 
ist, sie aber in der Realität nicht vertragen kann. Aber allen Sexologen sei 
dieser Fall zur Beachtung empfohlen, wenn sie von den Schäden der Onanie 
sprechen. Ich verweise auf einen anderen Fall, den ich in den „Diskussionen" 
erwähnt habe. Ein hoher Vierziger, der täglich onanierte und außerdem noch 
täglich einen Kongressus mit seiner Frau ausführte, dabei über eine ausge- 
zeichnete Potenz verfügte, wofür ich das Zeugnis seiner Frau anführen kann, 
die er während eines Kongressus mehrmals zum Orgasmus brachte. 

Ich kenne sehr viele Männer und Frauen, welche gegen sich ge- 
wütet haben, in der Absicht, sich auf diese süße Weise umzubringen. 
Ähnlich gesteht ja auch Goethe, daß er in Leipzig gegen seine physische 
Natur gewütet habe. So kenne ich eine Frau, welche sehr lange Zeit 
bis zu sechs Malen in der Nacht masturbierte. Sie las von Japanerinnen, 
die sich durch Einführen von kleinen Silberkugeln, die durch Schaukeln 
zur Vibration gebracht werden, erregen und schaffte sich einen Vibrator 
an, den sie angeblich gegen Schmerzen verwenden mußte. Sie benützte 
den Vibrator zur Erregung der Klitoris, mitunter auch zur inneren Er- 
regung, so daß sie einen außerordentlichen Orgasmus erzielte. Während 
der Zeit der Onanie, die in der Tat ein ausgesprochener Onanismus war. 
blühte sie auf und nahm um acht Kilo an Gewicht zu. Erst der Kampf 
gegen den Vibrator begann eine Neurose auszulösen, die bald ver- 
schwand, als sie zu ihrer Befriedigung zurückkehrte. Sie wollte von 
mir nur wissen, ob sie wirklich rückenmarksleidend werden müßte, 
wenn sie die Onanie nicht aufgeben würde. Versuche einer analytischen 
Erforschung ihres Sexuallebens wurden zurückgewiesen. Es wären 
Dinge, über die sie mit keinem Menschen in der Welt sprechen könne. 
Ich sah sie nach einigen Jahren zufällig auf der Straße. Sie sah blühend 
aus und behauptete, vollkommen gesund zu sein. Über die Art der 
weiteren Befriedigung war nichts zu eruieren. 

Also auch das Übermaß der Onanie, der furchtbare „Onanismus", 
zu dem die Onanie führen kann, scheint mir nicht so gefährlich zu sein, 
wie w lr es lesen und hören. Die Krankengeschichten erzählen uns immer 
nur von Menschen, die im Kampfe mit der Onanie stehen und infolge des 
Katzenjammers erkranken oder die nach der Abstinenz und infolge der 
t nanieabstinenz erkranken. Immer sind es die Reue, das Gewissen, der 
Kampf, die die Onanisten krank machen. Ich kenne einen Jüngling, der 
durch viele Monate in geradezu exzessiver Weise onaniert hatte. Er 
onanierte jede Nacht mehrere Stunden hintereinander, wobei er fünf- 

Stekel, StörunRun ,dos Trinb- und Affoktlabens. II. 2. Ana. 4. 



50 



Erster Teil. Die Onanie. 



bis sechsmal ejakulierte. Er sah gar nicht schlecht aus und zeigte sehr 
unbedeutende somatische und geistige Störungen. Es war ein frischer 
und munterer Junge, der sich auch hervorragend künstlerisch betätigte. 
Er gab die Onanie auf meinen Rat auf und wurde ein Frauenjäger. Er 
war ein sexueller Athlet und hatte großes Glück bei Frauen und das 
Unglück, ein Mädchen zu verführen, das er heiraten muße. Er stellte 
sich mir dieser Tage als Familienvater vor. Obwohl er seit früher 
Jugend und, wie gesagt, in den erwähnten Monaten exzessiv onaniert 
hatte, konnte ich keinerlei Folgen der exzessiven Onanie konstatieren. 
Man kann ja behaupten, dieser Jüngling habe eine außerordentlich 
kräftige Sexualkonstitution aufzuweisen. Sicherlich! 

Diese Konstitution hat ihn ja eben zur exzes- 
siven B e t ät i gung g etr i eb en. Die Onanie soll leicht zur Un- 
maßigkeit führen. Ich habe das nie beobachtet. Der Geschlechtstrieb 
aßt sich nie unterdrücken. Aber er läßt sich auch nicht so leicht 
künstlich steigern, als man gemeiniglich annimmt. Wenn die Libido 
abgeführt wird, so entfällt der Anreiz zur Onanie. Mensehen, di e 
sehr oft onanieren, haben ein sehr großes Bedürf- 
nis. Wie lächerlich ist es, nach Martin Luther den Menschen Regeln 
vorzuschreiben! Unsere nach ärztlichen Imperativen hungernde Zeit 
verlangt durchaus Vorschriften für die Häufigkeit des Verkehres Es 
gibt auch da keine Vorschriften. Alles richtet sich nach dem Bedürfnis. 
Ich kenne Ehemänner, die durch viele Jahrzehnte den Koitus täglich 
ausgeführt haben, andere, die sehr wenig Bedürfnis haben. Ich habe 
auch nie beobachten können, daß häufiger Geschlechtsgenuß die 
Lebensdauer abkürzt. 1 ) Ein starker Trieb verlangt eine stärkere Be- 
tätigung. Ich habe immer wieder gefunden, daß die 
Mensehen erkranken, wenn sie ihrer inneren Natur 
und ihren Bedürfnissen aus den verschiedensten 
Motiven Gewalt antun. 2 ) 



*) Ausführliches darüber in meiner Broschüre: „Keuschheit und Gesundheit" 
erlag Paul Knepler, Wien) und in Band IV: „Die Impotenz des Mannes". 

2 ) Es kommt vor, daß Onanisten einen onanistischen Akt erzwingen wollen 
obgle.ch keine Erektion vorhanden ist. (Auch Frauen versuchen oft ohne Libido einen 
Orgasmus zu erzwingen.) Mitunter gelingt es, die Libido aufzupeitschen. Aber das ist 
nur der Fall, wenn irgend eine tiefverborgene Komponente der Sexualität (Kannibalismus- 
Vampinsmus-Nekrophilie), die einem strengen Veto unterliegt, vordringen will Dann 
steht der „Wille zur Lust" gegen den „Willen zur Macht über sich selbst". In solchen 
Fällen handelt es sich immer um schwere seelische Konflikte, deren Lösung nur durch 
eine eindringliche Analyse möglich ist. Auch Menschen, die unter unsäglichen Kämpfen 
und Qualen die Onanie aufgegeben haben, scheinen später unfähig zu sein, auf diesem 
autoerotischen Wege -Orgasmus zu erzielen. Die Hemmungen sind zu groß 



Onanie und Neurose. 51 

Und es gibt eben viele Menschen, welche ohne die Onanie nicht 
leben können. Nimmt man ihnen die Onanie, so verliert das Leben für 
sie jeden Reiz, wie ich es in meinen Ausführungen über den Selbstmord 
nachgewiesen habe. 

Die Onanie ist für viele Menschen deshalb un- 
ersetzlich, weil sie für sie die einzig adäquate 
Form der Befriedigung darstellt. 

Die „spezifischen" Phantasien machen die Onanie dem Individuum, 
das sich an sie gewöhnt hat, unentbehrlich. Sie können in den seltensten 
Fällen von der Wirklichkeit erreicht und durch eine nur einigermaßen 
befriedigende Realität abgelöst werden. So wird die Onanie zur einzigen 
adäquaten Form der Befriedigung für viele Menschen. Am klarsten 
sehen wir das an der Homosexualität. Von der großen Bedeutung der 
Homosexualiät für die Neurosen und unsere ganze Kultur läßt sich die 
Schulweisheit noch lange nichts träumen, obwohl die Arbeiten unserer 
Schule aller Welt hätten die Augen öffnen können. Wie viele 
Homosexuelle gibt es, die es selbst nicht Avissen! 
Deren ganze Neurose eine Flucht vor den homo- 
sexuellen Regungen darstellt! Für alle diese 
Menschen, ebenso für die bewußt Homosexuellen, 
die sich vor einem homosexuellen Akte aus ver- 
schiedenen Gründen scheuen, ist die Onanie das 
einzige Surrogat, das ihnen ein gewisses Ausleben 
der Triebe gestattet. (Es ist ja eigentlich jede Onanie ein 
homosexueller Akt und dient auch beim sogenannten Normalen zur Be- 
friedigung der nie fehlenden homosexuellen Komponente.) 

Aber wie viele andere verbotene Regungen können durch die 
Onanie einen Ausdruck und eine Abfuhr finden! Soll ich die ver- 
schiedenen Formen des Fetischismus, des Sadismus, des Masochismus ' 
die kriminellen Regungen erwähnen? Nimmt man diesen Menschen die 
Onanie, so werden sie unglücklich und sterben daran. Es ist eine 
billige Phrase, solchen Kr anken zu säg en- Gehen 
Sie zum Weibe oder: Suchen Sie sich einen Mann. 
Wie viele alte Jungfern, keusche Witwen, einsame Hagestolze machen 
sich das Leben nur durch die Onanie erträglich, die sie wenigstens keinen 
sozialen Gefahren aussetzt! Ich habe zahlreichen jungen Leuten und 
auch älteren den Rat gegeben, den normalen Geschlechtsverkehr aufzu- 
suchen. In vielen Fällen ist das unmöglich, weil die Onanisten bei dem 
Weibe impotent, die Frauen beim Verkehre anästhetisch sind. Aber nicht 
weil die Onanie sie impotent und anästhetisch gemacht hat. Nein! Weil 
sie gar nicht das Weib (respektive den Mann) suchen. Emanzi- 
pieren wir uns einmal in sexuellen Dingen von 

4* 



52 



Erster Teil. Die Onanie. 






dem Kanon des Normalen, der in Wirklichkeit 
nicht existiert! Der Homosexuelle kann heiraten und Kinder 
zeugen und trotzdem unbefriedigt sein, weil er die ihm adäquate Form 
der Sexualbefriedigung nicht findet. Er erkrankt unter Umständen an 
einer Angstneurose, die er verliert, wenn er sich durch eine mäßig be- 
triebene Onanie einen Ersatz verschafft. 

Würde man die Onanie ganz unterdrücken können, die Zahl der 
Sexualverbrechen würde ins Unermeßliche steigen. Auch die Kriminali- 
tät würde sich rapid verbreiten. Ich will liier nur ein einziges Beispiel 
anführen. Ich konnte bei einem Onanisten nachweisen, daß er mit der 
Phantasie onaniert, seinen Vater zu erschlagen, wohlgemerkt mit der 
unbewußten Phantasie. Der Penis (der Gebärvater) wurde ihm zum 
Symbol des Vaters, die Ejakulation war ein Blutstrom, der dem Leben 
des „Erzeugers" ein rasches Ende mächte. Das Kollabieren des Phallus 
symbolisierte das Sterben. 1 ) Doch diese Phantasie ist nur eine der 
Phantasien aus den unzähligen, die diesem Kranken zu Gebote standen. 
Er spielte in der Onanie alle Rollen, ähnlich wie es der geniale Ent- 
deckerblick Freuds für den hysterischen Anfall nachgewiesen "hat. Er 
war Weib und Mann zugleich (bisexuelle Tendenzen) , also aktiv und 
passiv beteiligt. Je nach der Lage konnte er die eine oder die andere 
Rolle spielen, meistens beide zugleich. Erst die Analyse konnte ihn 
von diesen wilden Phantasien befreien, indem sie alle ans Licht des 
Tages zog und ihm so den Weg zum Weibe frei machte. 

Ärzten, welche die Schleichwege neurotischer Phantasien nicht 
kennen, mag diese Schilderung lächerlich und phantastisch vorkommen. 
Psychotherapeuten kommen bald darauf, daß ihre Kranken bestimmte 
Rollen spielen und bestimmte Theaterstücke aufführen. Der eine ist 
Christus, der andere Judas, der dritte Ahasver. Es gibt unter ihnen 
einen Faust, einen fliegenden Holländer, einen Napoleon, ein Gretchen. 
eine Ophelia, ein Lottchen und eine Messalina. Je stärker die Tätigkeit 
der Phantasie ist, desto hartnäckiger wird die Fiktion festgehalten. 2 ) 
Ich kenne Patienten, welche den verlorenen Sohn spielen und alles so 
inszenieren, daß die Tatsachen des Lebens sich mit ihren Phantasien 
decken. In der Onanie wird Jede Phantasie reichlich ausgenützt. Ich ' 
kenne eine Dame, welche die Desdemona posiert, immer mit der 

1 ) Sein tiefes Schuldbewußtsein stammte aus dieser Quelle. Er gab die Onanie 
auf und erkrankte an einer schweren Zwangsneurose. jEs gelang ihm, die Sexualität 
so zu unterdrücken, daß er keine Erektion mehr hatte. Er wurde keusch — aber 
vollkommen lebensunfähig. 

2 ) Vergleiche „Schauspieler des Lebens" in „Nervöse Leute" (Wien 
1911) und „Der Neuro tiker als Schauspieler" (Zentralbl. f. Psvchoanalv,* 
I. Bd., 1911). 



Onanie ,uud Neurose. 



53 



Phantasie onaniert, daß sie ein schwarzer Mann erwürgt. Im Momente 
des Erwürgens tritt der Orgasmus auf. 

Eine andere Patientin onanierte mit der Phantasie, ihre Mutter 
zu ermorden. Sie machte sich später heftige Vorwürfe. Sie habe durch 
die Onanie ihre Gebärmutter ruiniert. Sie habe sich etwas „innerlich" 
zerrissen. Sie habe deshalb keine Kinder und sei deshalb in der Ehe 
frigid. Das sei die gerechte Strafe für die schwere Sünde der Onanie. 
Wir sehen aber, daß diese Vorwürfe sich eigentlich nicht auf den 
onanistischen Akt als solchen, sondern auf die den Akt begleitenden 
Phantasien beziehen. Das verraten uns die hypochrondischen, nach dem 
Prinzipe der Talion aufgebauten Befürchtungen, sie habe ihre „G e- 
bärmutte r" ruiniert usw. Wir sehen, wie kompliziert die Frage des 
Schuldbewußtseins bei der Onanie ist. 

Bevor wir aber zur Analyse des Schuldbewußtseins bei der Onanie 
schreiten und die für unsere Ausführungen wichtigen Schlußfolgerungen 
ziehen, müssen wir uns noch mit der Analyse einzelner Fälle und be- 
sonders mit den Formen der larvierten Onanie eingehend beschäftigen. 
Das Verständnis der Onanie wird uns das Verständnis aller Paraphilien 
vermitteln. Die meisten Paraphilien sind mit onanistischen Akten ver- 
bunden, d. h., sie spielen sich nur in der Phantasie des Autoerotisten 
ab. Sie sind oft nur Umwege und Schleichwege der Onanie. 
Halten wir die wichtigsten Errungenschaften fest: 

1. Die Onanie ist nicht die Ursache der Neu- 
rosen. Die Neurose bricht aus, wenn die Onanie 
aufgegeben wird. 

2. Die Onanie bezieht ihre psychische Wertig- 
keit aus der sie begleitenden spezifischen Phan- 
tasie. 

3. Bei vielen Individuen erlischt die Lebens- 
freude, wenn sie die Onanie aufgeben. 

4. Die psychischen und organischen Schädi- 
gungen der Onanie und des Onanismus existieren 
nur in der Phantasie der Ärzte. 






Die Onanie. 

in. 

Larvierte Onauie. 

Es gibt nur eine Art Liebe, aber tau- 
send verschiedene Nachahmungen. 

Im Rochefoucauld. 

Kampf und Spiel sind die Lebenselemente . des Menschen. In der 
Neurose richten sich Kampftrieb und Spieltrieb nach innen. Man 
kämpft mit sich selbst und spielt mit und vor sich selbst. 

Auch in der Onanie muß sich der Trieb der Selbstbefriedigung als 
eine Form des Kampfeß und als eine Art von Spiel äußern. Uns inter- 
essieren jetzt besonders die Formen, in denen der Kampf zum Spiele 
wird. Es gibt unzählige Menschen, die sich brüsten, sie hätten die 
Onanie sehr leicht überwunden. Die nähere Erforschung des Falles 
zeigt aber, daß sie eine bewußte Onanie in eine spielerische halbbewußte 
oder unbewußte verwandelt haben. Daß so viele Menschen das Auf- 
geben der Onanie leicht vertragen, hängt von zwei Momenten ab. 
Erstens war die Onanie für sie nur eine Notonanie und konnte von dem 
Geschlechtsakt abgelöst werden. Die spezifische begleitende Phantasie 
war eben nur der Geschlechtsakt ohne Komplikation, ohne Paraphilie, 
ohne erschwerende, nicht realisierbare Begleitumstände. Zweitens aber 
onanieren diese Individuen im Schlafe weiter. Man nennt diese Form 
der Onanie Pollution. Es gibt aber viele Menschen, die gar nicht wissen, 
ob und daß sie eine Pollution gehabt haben, und dann stolz verkünden, 
daß sie sehr lange Zeit abstinent leben können. Wir werden bald eine 
ganze Serie von Formen larvierter Onanie kennen lernen. Sie ist nach 
meinen Erfahrungen häufiger als die bewußte Onanie. 1 ) Ich zitiere nach 
Rohleder einen sehr charakteristischen Fall von Folien Cabot. 

Fall Nr. 10. Ein geistig und körperlich gesunder, auch auf sexuellem 
Gebiete normaler Student von 22 Jahren träumte, daß er ohne Gefahr für 
seine Gesundheit masturbieren könne, ja diese Art der sexuellen Befriedigung 

') Rohleder s.chätzt auf hundert bewußte Onanisten einen unbewußten ! 



.1 



Larvierte Onanie. 



55 



für ihn die beste sei. Post ejaculationem erwachte er, hochgradig deprimiert, 
unwillig, sich selbst zum Ekel. Die Folge war Verlust des eigenen Selbst- 
vertrauens und Furcht vor geistiger Erkrankung. Alle Anstrengung zur 
Heilung, Brom, Regulierung der Diät, der körperlichen und geistigen Betäti- 
gung, selbst Festbinden der Hände und ein Verband um die Genitalien sind 
erfolglos. Lederhandschuhe, die angelegt wurden (im Handgelenk mit einem 
Schlüssel verschlossen!), wurden trotzdem des Nachts im Traume geöffnet, 
nachdem Patient im bewußtlosen somnambulen Zustand den in einer" Vase 
verborgenen Schlüssel gefunden hatte. Nach dem Erwachen vollständige 
Amnesie. Heilung durch eine Ehe. . . . 

Wie anders waren doch die Alten! Sie hätten die Stimme des 
Traumes als göttliche Eingebung aufgefaßt, wie wir solche Aufforde- 
rungen zur Onanie häufig bei Geisteskranken bemerken können. Sie 
berufen sich auf himmlische Stimmen, die von ihnen das Onanieren ver- 
langen. Ich behandelte einmal einen etwas exaltierten Studenten, der 
mir nach langem Zögern mitteilte, er allein habe das Mittel gefunden, 
das Leben zu verlängern, ja vielleicht unsterblich zu werden. Dies Mittel 
war die Onanie und er erstaunte später nicht wenig, als er hörte, dieses 
Mittel wäre nach den Behauptungen so vieler Ärzte so schädlich, 
während eine innere Stimme das Gegenteil behauptet hätte. Solche 
Fälle von Onanie im Schlafe und Traume, wie der oben zitierte, habe 
ich häufig beobachtet. Ich habe diesen nur referiert, um zu zeigen, wie 
barbarisch in der modernen Zeit der Geschlechtsinstinkt mißhandelt 
wird. Die Heilung durch Ehe beweist, daß es sich nur um N eine Not- 
onanie gehandelt hat und daß dem jungen Manne nichts fehlte. als eine 
entsprechende Ergänzung. Statt dessen erhielt er Lederhandschuhe und 
Keuschheitsschlösser, die an das graueste Mittelalter erinnern! 

Gleich der nächste Fall wird u-ns zeigen, wie ein Mann seine Pollu- 
tionen sehr richtig als „unbewußte Masturbation" auffaßte. 

Fall Nr. 11. Ich erhalte von einem Kranken folgenden Brief: 

Sehr geehrter Herr Doktor! 

Ich versuche es, Ihnen meinen gegenwärtigen trostlosen Zustand sowie 
die Entwicklung meines Leidens zu schildern. 

Ich bin gegenwärtig 23 Jahre alt. In der Elementarschule war ich ein 
sehr lebhafter' und talentierter Junge, doch habe ich damals an periodischem 
Kopfschmerz und Bettnässen gelitten, sonst war ich nie ernstlich krank. 

Im 13. Lebensjahre lernte ich von einem meiner Schulkameraden die 
Onanie kennen, ich betrieb sie fast täglich und dachte dabei immer an den 
normalen Koitus; erst später bin ich davon abgekommen und habe unter dem 
Eindrucke der Angst masturbiert. 

Bei jeder Schularbeit habe ich gefürchtet, ich könnte zur rechten Zeit 
nicht fertig werden, sofort bekam ich eine große- Angst, die sich 
rasch steigerte und mit der Ejakulation endete, wobei es 
aber zu keiner vollständigen Erektion gekommen war. 



56 Erster Teil. Die Onanie. 

Anfangs habe ich mir gar kein Gewissen daraus gemacht, doch höchstens 
einmal täglich das Laster betrieben und fühlte mich ganz gesund. Später aber 
liel mir ein Buch in die Hand, das die schrecklichen Folgen der Selbstbe- 
fleckung schilderte. Von dem Zeitpunkte habe ich immer einen schweren 
seelischen Kampf auskämpfen müssen, ehe ich nachgab. Ich habe mir immer 
fest vorgenommen, es nie mehr zu wiederholen, doch alle Vorsätze halfen 
nicht, ich wurde immer rückfällig. Die Folge war wieder eine schwere De- 
pression. 

Aus diesen Kämpfen kam ich nie heraus, ich wurde traurig, zog mich 
zurück, wurde zerstreut, vergeßlich, kam mit meinen Studien nicht recht 
vorwärts und bedurfte im Obergymnasium ständiger Nachhilfe, obwohl ich 
in den ersten zwei Klassen Vorzugschüler gewesen war. 

In der Sexta verliebte ich mich in die 14jährige Tochter meines neuen 
Kostgebers. Es war meine erste Liebe, die auch erwidert wurde. Rein plato- 
nisch. Nie habe ich Erektionen bei der Anwesenheit des Mädchens gehabt, 
obwohl wir oft längere Zeit beisammen waren und uns viel geküßt und um- 
armt hatten. Diese innige Freundschaft dauerte so ein ganzes Jahr, ich wurde 
dem Müßiggang und den Grübeleien über mein Leiden entzogen und kämpfte 
auch mit mehr Erfolg gegen dasselbe, ich brachte es sogar zustande, 1 bis 
2 Wochen lang nicht zu masturbieren und war mit mir zufrieden. Doch bald 
wurde ich auf die Pollutionen aufmerksam, die ich bis dahin nicht gekannt 
hatte. Ich hielt sie für unbewußte Masturbation und wußte 
nun, daß es für mich keine Rettung mehr gab, denn sobald ich mit der Onanie 
aufhörte, kamen die Pollutionen, die, wie ich gelesen hatte, ebenfalls Irr- 
sinn und Impotenz zur Folge haben ; ich onanierte lieber bewußt und 
hatte nicht mehr unter den Pollutionen zu leiden. 

Gelegentlich versuchte icli einmal mit einem Bauernmädchen den Koitus 
auszuführen, der infolge unvollständiger Erektion mißlang. Ich hielt mich 
also für impotent und wagte einen letzten Versuch, indem ich mich an einen 
Spezialisten wandte; der erteilte mir jedoch den Rat, mich zur Kur in seine 
Heilanstalt zu begeben, wobei er mir allerdings vollständige Heilung ver- 
sprach, doch konnte ich teils aus materiellen Gründen, teils aus Furcht, mein 
Leiden könnte allen meinen Bekannten verraten werden, den Rat nicht 
befolgen. 

Ich gab jede Hoffnung auf Rettung auf, wechselte das Kosthaus, um 
mit dem Mädchen nicht zusammen zu kommen, das mich an ein nie zu er- 
reichendes Glück erinnerte. 

Ich mied jede Gesellschaft, fühlte mich tief unglücklich und habe oft 
an Selbstmord gedacht. 

In der Schule machten mir die einfachsten Sachen Schwierigkeiten, mein 
Gedächtnis wurde geschwächt und ich absolvierte mühsam das Gymnasium. 

Nach der Matura setzte ich mir ein anderes Ziel. Ich beschloß, auf 
alle Freuden der Welt zu verzichten und mich ganz der 
Wissenschaft zu widmen. 

Das erste Universitätsjahr habe ich auch wie eine Maschine gelebt, mit 
niemandem verkehrt und fort studiert, so daß ich am Ende des zweiten 
Semesters die ersten drei Prüfungen mit Auszeichnung bestehen konnte. Doch 
diese Erfolge brachten mir keine Ruhe und Zufriedenheit, ich bin immer 
traurig und unglücklich, besonders wenn ich sehe, wie meine Kollegen lustig 
leben und immer voll Witz und. Humor sind. 



Larvierte Onanie. q"j 

Mein Leben ist für mich eine ständige Qual, bei der geringsten Ver- 
anlassung habe ich eine große Angst, das Herz schlägt dann sehr heftig und 
ich bin dann ganz krank. Mein Gedächtnis ist sehr geschwächt und ich habe 
keine Lust zu irgend einer Beschäftigung. Ich habe nur wenig Hoffnung, daß 
mir noch Heilung zuteil werden kann, da ich fürchte, daß mein Leiden schon 
zu weit vorgesehritten ist, doch bitte ich Sie, Herr Doktor, wenn irgendwie 
möglich, mich der körperlichen und geistigen Vernichtung zu entreißen, der 
ich sonst ganz sicher entgegensehe. . . . stud. med. G. H. 

Der Fall zeigt uns die bekannte Form der Onanie mit Ausnützung 
von Affekten. Er onaniert mit Hilfe der Angst. Ferner sehen wir, wie 
schon durch die Angst, die Onanie erzeuge Impotenz, der Jüngling bei 
seinen Versuchen impotent ist, ja impotent sein muß. Auch das Schreck- 
bild des Irrsinns erscheint an der Bildfläche. Wir sehen ferner die oft 
betonte Askese; er will auf alle Freuden der Welt verzichten und sich 
der Wissenschaft widmen. Die Onanie mit Hilfe der Angst gibt schlechte 
Aussichten für eine Überleitung des sexuellen Bedürfnisses auf das 
Weib, weil er in dieser Situation immer Angst produzieren wird und 
bestenfalls mit einer Ejaculatio praecox reüssiert, außer es gelänge 
einer analytischen Behandlung, ein „redressement psychique" zu er- 
zielen. 

Die Einsicht in das Wesen der Pollution macht dem angehenden 
Arzte alle Ehre, sie wird von vielen seiner fertigen, erfahrenen Kollegen 
nicht gekannt. 

Viel tiefer in alle unsere Probleme führt uns der nächste Fall: 

Fall Nr. 12. Im Sommer dieses Jahres konsultierte mich eine Frau 
wegen Schlaflosigkeit. Die Form der Schlaflosigkeit war eine solche, wie 
man sie bei der Angstneurose sehr häufig beobachtet. Die Dame schläft bald 
ein, wacht aber plötzlich mit Herzklopfen und einem heftigen Angstgefühle 
auf, wälzt sich stundenlang auf dem Lager und kann nicht wieder einschlafen. 
Durch den Kopf gehen ihr allerlei wirre Gedanken, über die sie keine Aus- 
kunft geben könne. Das Leiden sei wahrscheinlich durch die Onanie ent- 
standen, welche sie seit ihrer Jugend bis vor einigen Monaten betrieben habe. 
Sie wisse von Ärzten und aus Büchern, daß sie sich die Nerven durch das 
Laster vollkommen ruiniert habe. Sie mache sich die heftigsten Vorwürfe. 
Ihr Mann wisse von der Schlaflosigkeit gar nichts, sie fürchte sich, ihm die 
Krankheit einzugestehen, weil er sich denken werde: Aha — sie hat sicher 
onaniert! Jetzt sei zu der Schlaflosigkeit noch eine quälende Grübelsucht 
gekommen. Sie müsse immer denken, wie glücklieh sie sein könnte, wenn sie 
nicht onaniert hätte. Sie mache im Geiste der Mutter die heftigsten Vor- 
würfe, weil sie sie nicht entsprechend belehrt und vom Laster abgehalten 
hätte. Sie kämpfe mit Selbstmordgedanken und wolle nicht länger leben, 
wenn ich ihr keinen tiefen Schlaf verschaffen würde. 

Dieser Fall ist typisch. Unsere Kranke war so lange gesund, als sie 
onanierte. Einige Wochen nach der Abstinenz setzte die Schlaflosigkeit und 
bald darauf die Grübelsucht ein. Diese Beobachtung können wir immer wieder 



58 



Erster Teil. Die Oaauie. 



machen. Auch unsere Patientin dachte an Selbstmord. Nun gibt es ein 
wichtiges Gesetz im psychischen Leben, das der Talion, der W^defvergeTtun e 
Keiner tötet sich selbst, der nicht einen anderen töten wollte I S2 
sieht verlangt unser Fall noch nähere Erklärungen 

Koitus verbiete, le fügte S d™ ^J ^"Ä ^ lhm einen häufi § en 
es zu Pausen von ÄtlT? 1 ^ ^ ArZte8> W ° bei 
mädchen zu ihr und kündigte ih r ?i P TS" Eme \ + Tagee kam das Stubefl - 
„gnäd.ge Herr" lasse ihr keL Ruhe | SS** im *? U8e "*«. der 
und sie habe kein anderes MtJ „™ £ ?t lg ! ? e Schon seit Monaten 
kündigen. Die Wirkung die! r ^Ä£\ Unschuld zu wahren, als zu 
fürchterlichen Szenen. Si T^Zl iTÄ ^SL^Sf ** *& VOn 
reuigen Mann jede Gunstbezeigung. Was B t a ™ ?JS ^ Jf7? i " rto dem 
Vergangenheit. Sie war eine schöne S^£,fi S 8tea krankte ' War ihre 
nachgestellt hatten und ATöÄfet' 1 *^ 
Gedanke war, sich zu revanchieren AIl2J5X*ff k ^ Ihp erster 

Und sollte sie jetzt mit 40 Jahren anWen schlecht? erWachsen L Kinder - 
bisher konsequent den Pfad der TugJ^^i? ""S naChdem * 
so dumm gewesen? Wenn sie die Macht hätte 31 V ~ t *? rum War Ble 

zu machen und die ewig Vtal^gÄ 1 *^ 
Gedanken der Revanche näherzutreten. Aber der M^S il S? de ? 
und eifersüchtig und suchte nach Gelegenheiten, um i der UntZ ^k * 
uhren und so quitt zu sein. Sie konnte auch nicht ,, o schS?^ f 6 ? 
wenn sie es wollte. Sie war zu moralisch erzogen. Solange d er Mann' |2? 
2 e «yhn nicht betrügen! Dieser Gedanke blitzte ihr d ur ch d ' 
W?n' als . de f - Mann «*nmal fiebernd nach Hause kam. Und JLtiuLw 
Wenn dem Mann jetzt stirbt, so bist du frei und kannst machen t 
du wülst Der Mann wurde gesund, das Haus noch ungemTt hZ'r IT 
bi her. Bald setzten weitere Beseitigungsideen ein, die sTch 1 v£ 
giftungsphantasien verdichteten, aUe im Dienste der Rachetenden Z en dTI 
£n*fl !TV are V C u h0n ^ÄteateilB unbewußt. Jetzt war der p^ch^Z 

S 8 ÄS^ da eiü T6il der Motive und *** *^ss 

Und jetzt erst hörte sie zu onanieren auf. Sie hatte eigentlich beim 
,1,1 F me LK ne J mB fei B ? g f habt Sie ™ in ^n anästhetisch, so da ß T 
Ko iL Pi- ;°r ^^tom/betnebpe Onanie ihr mehr bedeutete 5? der 
A-oitus. Plötzlich aber kam ihr der Gedank« «io >„k «-.t. a v 7- A 









Larvierte Onanie. 59 

Schuldgefühle, die aus anderen Quellen stammen, aber nicht bewußt werden 
dürfen und können. Die Onanie ist der Repräsentant aller Schuld. 

So war es in diesem Falle. Diese Frau machte sich Vorwürfe über die 
Todeswünsche und kriminellen Phantasien. Diese Affekte verschoben sich auf 
die Onanie. Jetzt verstehen wir erst ihre Selbstmordtendenzen. Sie waren die 
Strafe für ihre Vergiftungsideen. Auch das Aufgeben der Onanie entstammte 
einem Verdikte des inneren Richters. Sie hatte sich für schuldig gefunden und 
strafte sich mit der Entziehung der höchsten Lust, die sie kannte, der Onanie. 
Sie war aber unfähig, ein Leben ohne Onanie zu tragen. . . Sie war schlaflos, 
weil die wichtigste Wurzel der Schlaflosigkeit die mangelnde sexuelle Befriedi- 
gung ist, wie ich an anderer Stelle in meinem Buche „Nervöse Angstzu- 
stände" 1 ) ausführlich dargestellt habe. Ihre Schlaflosigkeit hatte aber den 
merkwürdigen Typus, daß sie erst ruhig einschlief und dann aus wirren 
Träumen plötzlich mit Schrecken erwachte. Was für Träume konnten das 
sein? Sie teilte mir einige davon mit. Es handelte sich um Liebesszenen mit 
fremden Männern. Sie wachte knapp vor dem Orgasmus oder während des 
Orgasmus auf und fand ihre Hand regelmäßig an ihrem Genitale. Sie onanierte 
also im Schlafe weiter. 

Auch hier sehen wir die häufigste Form der unbewußten Onanie: 
die Pollutionen. 2 ) Alle Neurotiker haben ein wichtiges Prinzip, ohne 
dessen Kenntnis sich viele ihrer Handlungen nicht erklären lassen. Es 
lautet: Lust ohne Schuld. Die Pollution ist eine Form der Onanie, für 
die man nichts kann. Die Vorwürfe können sich nicht mehr an die 
eigene Adresse wenden. Aber unsere Patientin übernahm auch die Ver- 
antwortung für ihre Träume. Sie wollte auch im Traume nicht fallen 
und wollte keinen Orgasmus mit der Phantasie einer Sünde. Sie wollte 
keusch bleiben. Es war das die geheime Strafe, die sie sich unbewußt 
auferlegt hatte. Es setzte dann bei ihr eine Angst vor der Nacht ein, 
die eigentlich nur eine Angst vor den bösen Gedanken der Nacht war." 
Sie schlief nicht ein, weil sie sich bewachen mußte, um nicht im Schlafe 
zu onanieren. 

Ich will nun diesen Fall zu Ende referieren. Die Aufklärung der 
Beseitigungsideeh, die offene Aussprache der Patientin hatten einen 
ziemlich guten Erfolg. Die Kranke konnte mit einem halben Gramm 
Adalin fünf Stunden schlafen. Aber sie wachte in der Nacht auf und 
nahm aus Angst, sie könnte schlaflos- bleiben, wieder ein halbes 
Gramm U6w. Nun ist eine solche Kranke nicht geheilt, wenn sie nicht 
ohne Schlafmittel schlafen kann und ßie nicht die Angst vor der Nacht 
verliert. Diese Angst wollte nicht weichen. Eines Tages jedoch kam sie 
glückstrahlend zu mir. Sie habe die ganze Nacht ruhig geschlafen. Sie 
war geheilt. Nach Wochen gestand sie mir, daß sie er6t schlafen konnte, 
als ßie wieder .zu onanieren anfing. Ihr Aussehen veränderte sich auf- 



/) Vgl. Bd. I, 3. Aufl., das Kapitel „Schlaflosigkeit". 
s ) Vgl. das Kapitel „Pollutionen" in Bd. IV. 



60 



Erster Teil. Die Onanie. 



fallend. Sie wurde wieder lebensfreudig, konnte lachen, eich unterhalten 
kurz, sie fühlte sich als Gesunde und war es auch. 

Wo sind also in diesem Falle die schädlichen' Folgen der Onanie» 

■ jJSüT , r r, rUhig TT"" 1 NutZe " 6prechen - ohTO «™ ^<*te 8 
n müssen, als Onanieadvokaten" verschrien zu werden. Denn meiner 

tXl^'t" die t °r iead ™ kat - -*■«* weniger Schaden 
f* a ! d,e ,. <>na '; le J 8ta ^ a ™ älte - ■ ■ Wir ersehen aber aus diesem 
Tet VI seZ 7 W *?» ** ^Bewußtseins bei der Onanie 

Onante aus^lr ; lne n ,'r tnäCkigen Kami ' f gegm die ™ b e<™«te 
Unanie aus Gründen der Selbstbestrafung 

Ich kenne h Zwa e „^n htUn f e J 1 *T **" unbefa "«ene Beobachter machen. 
W kenne Zwangsneurotiker, die vollkommen gesund wurden, an Ge- 
wicht zunahmen leistungsfähiger wurden, wenn man ihnen ein Gewisses 

mir heTr S fe r !, edigUn8 he ^ AU » P^^otlierapeuen Verden 

Zw !ff ' dle 6ChWerSten PäIk TOn N ««» Jen" sind die an 

geblich vollkommen abstinent sind und nie onaniert haben 

4„„n a"" »k ,' Ch eingangS an «eführt, daß alle Menschen onanieren 
Au h diese Abstinenten müssen onaniert haben. Und das Hab n ie 
auch und meistens in ausreichendem Maße. Daß sie es „ Li, Jssen 
nicht einmal ahnen, zeigt uns die Größe der Verdrtanin* Z «L!T ' 
der Spaltung ihrer Psyche, zeigt uns die K^tÄt^Ä 
wußtsein und Unterbewußtsein dehnt. Deshalb sind diese *S so 
»chwere, weil es große Mülle kostet, die infantile und larvierte Onan c 
zu entdecken und bewußt zu machen. Denn alle diese scheinbar Ab 
stinenten betreiben irgendeine Form der unbewußten (larvierten) 

Die häufigste ist - wie schon erwähnt - die Pollution Viele 
Menschen nehmen sehr energisch Stellung gegen die Pollutionen und 
fuhren gegen sie einen schweren erbitterten Kampf. Der Gesunde nimmt 
nie Pollution als ein Fatum, ja sogar in manchen Fällen als eine will 
koramene Erleichterung auf. Er hat sieb mit dieser Art der Onanie 
ohne „Schuld des Bewußtseins" abgefunden und freut sich dieses harn, 
osen Betruges. Der Neurotiker, dessen die Onanie begleitenden Pham 
tas.en immer ins Verbotene münden, kämpft gegen die Onanie, weil sie 
mit Inzestphan asien kriminellen Regungen, „Paraphilien" verknüpft 

K Lf F r 6U r St ei " e J Strenge Diat ' hartes La «<*. Medikamente 
Kuh senden, Erschöpfung durch physische Arbeit, Hypnose usw. de 

Pollutionen Herr zu werden. Jede P„l lu tion erfüllt ihn mit Sorge, Angs 
m d,e Gesundheit und Verzweiflung. Meistens treten diese Pollutionen 

WarnZl- n 6 7 T' ^^ durCh eines der preislichen 
Süonen v ^ •V""' *" " anieren «*»*«- Ma " «ieht die 

P ollutmnen verschwinden, wenn sie wieder zu onanieren anfangen Wir 



Larrierte Onanie. öl 

wissen es schon : Der normale Geschlechtsverkehr ist 
nicht immer ein Heilmittel gegen die Pollutionen. 
Man sieht manche Männer, deren Pollutionen vollkommen aufhören, 
wenn der normale Verkehr aufgenommen und häufig genug ausgeübt 
wird. Andere jedoch gehen zu einem Weibe und bekommen noch nachher 
eine Pollution oder müssen nachher onanieren. Woher kommt das? 

Das rührt daher, daß diese Menschen beim Weibe nicht ihre 
adäquate Form der Sexualbefriedigung gefunden haben, oder daß nur 
eine Komponente ihrer Erotik bei dem Akte in Aktion trat, die anderen, 
wie alle hungrigen Triebe, auf Erfüllung lauern. So gibt es heimliche 
Homosexuelle, die selbst nicht wissen, daß sie - homosexuell begehren, 
welche immer nach einem Akte bei einer Meretrix onanieren müssen. 

Also die verschiedenen Formen der Pollutionen sind nichts als 
eine mehr oder minder geschickt larvierte Onanie. Manche Patienten 
geben das direkt an. Sie überraschen sich dabei, daß sie im Schlafe die 
Hände bei den Genitalien halten, wehren sich dagegen und versuchen, 
durch allerlei Manipulationen die Hände außerhalb der Decke zu fixieren. 

Denn der Kampf gegen die Pollutionen kann ebenso erbittert ge- 
führt werden wie gegen die bewußte Onanie. Ich kenne viele Menschen, 
die an Schlaflosigkeit leiden x ) , weil sie sich vor den Pollutionen und 
vor dem die Pollution einleitenden Traum fürchten. Häufig wird der 
anstößige Traum vergessen. Ein „wüster Kopfschmerz" am Morgen 
oder ein arger Kopfdruck (der bekannte eiserne Reifen Um den Kopf, 
lange Zeit ein Stigma der „Neurasthenie") verraten dem Psychothera- 
peuten, daß die Kranken nach dem Erwachen große Anstrengungen 
gemacht haben, um den Traum der Nacht zu „verdrängen". 

Besonders tragisch nehmen Jünglinge die gehäuften Pollutionen. 
Es sind wahre Orgien des Unbewußten, die in wirren wechselnden Traum- 
bildern gefeiert werden. Zu dem Schuldbewußtsein wegen der den Traum 
begleitenden Traumbilder treten noch die hypochondrischen Vorstel- 
lungen. Die erschreckten Pollutionisten wähnen, daß ihre Gesundheit 
vollkommen ruiniert sei, sie fürchten, daß sie sich nie mehr im Leben 
erholen und rückenmarksleidend oder wahnsinnig werden könnten. Sie 
laufen zitternd von Arzt zu Arzt und flehen um Hilfe. Aber alle inneren 
Mittel (Brom, Kampfer, Lupulin), alle diätetischen Maßnahmen er- 
weisen sich als machtlos und selbst die Psychotherapie kann vollkommen 
versagen, wenn die Kranken nicht den Mut zur Aufrichtigkeit finden. 

Mitunter gelingt es, durch freundlichen Zuspruch, durch Be- 
lehrung, durch offene Aussprache die Patienten zu beruhigen und ihnen 



1 ) Vgl. „Der Wille zum Schlaf!" Ein Vortrag. (Verlag von J. F. Bergmann, 
Wiesbaden 1915.) 






62 



Erster Teil. Die Onanie. 



Ruhe und Heilung zu verschaffen. In dem Falle, den ich jetzt referieren 
werde, ist das leider nicht gelungen. Der Fall ist auch deshalb von Be- 
deutung, weil der Kranke bald zur Einsicht kam, daß die Pollutionen 
nur Onanie wären. Diese Einsicht wurde ihm nicht von mir aufgedrängt 
Er fand sie selbst. Immer werden wir unter den Patienten, die uns 
wegen nächtlicher Pollutionen konsultieren, einige finden, für die der 
Ausdruck Pollutionen ein Euphemismus für „Onanie" bedeutet. Es ist 
die Art, wie sie dem Arzt die Onanie gestehen. Besonders ältere 
Menschen schämen sich,, zuzugeben, daß sie gezwungen sind, zu 

ÄÄ*T ÜW Pollutionen ' die wider tan **- * der 

tioJi^^Ä^ *5* daß er iede Nacht 4-5Pollu- 

mu S , Si£S^^äSt% Äi^^ 

a ä « s™^^ 

seien * SftSÄÄ*? fc ■** ^ Pollutionen Entlieh Onanie 
w L Sem Zustande besinnungslos, wie in einem Traum und 

wisse nicht, was er mache. Er sei am nächsten Tage nach den p2«I 
(oder eigentlich nach der Onanie, denn er berühre mit der Hand da S 
ganz zerbrochen und zu jeder geistigen Arbeit unfähig. Trägt sich mit Selbst- 
mordgedanken fürchtet wahnsinnig zu werden. Ordination 3 p SeTobÄ 
Abends. Empfehle ihm nach Ablehnung einer Psychanalyse Jbk Sanatorium 
welchen Vorschlag er mangels von Mitteln nicht annimmt. (Wie es sTch 2 
herausstellte, wollte er nicht in ein Sanatorium gehen!) * SPater 

Trotz Sedobrol der gleiche Zustand. Onanie „unzählige" Male Er 
könne gar nicht angeben, wie oft er onaniert habe. Ich erfahre endlich' daß 
die Pollutionen eingesetzt haben, seit er mit dem Bruder und dem Freund 
in einem Zimmer schläft. Der Bruder wird von dem Kranken furchtbar 
tyrannisiert. Er will nicht allein ausgehen, er fühlt sich zu schwach Er 
benotigt den ganzen Tag die Hilfe des Bruders. Ich rate, er möge in einem 
eigenen Zimmer schlafen, und motiviere, daß er frische Luft brauche 

Hat den Rat nicht befolgt. Er kann nicht ohne den Bruder allein im 
Zimmer bleiben. Er fürchtet, daß er sterben werde. Er kann nicht allein sein 
&r beschuldigt den Bruder, daß er an seinem Leiden schuld sei. Der Bruder 
ÄÄ r™^? ^^verkehr, weil er ihm sage, daß er 
Frauen T ^ ™*1 Der Brud <* Bei gegen jeden Verkehr mit 

Tauen. I mraer deutlicher wird es, daß er mit homo- 



Larvierte Onanie. 63 

sexuellen Phantasien onaniert. Die Phantasien beim Onanieren 
kennt der Kranke nicht. Er will nicht wissen, was er während der Onanie 
denkt, und behauptet: (rar nichts. 

Der Versuch, die Libido auf ein Mädchen abzuleiten, wurde wieder unter- 
nommen und hatte folgendes Kesultat: Er erzielte keinen Orgasmus. Die 
Erektion hielt stundenlang an, aber es erfolgte keine Ejakulation, die sonst 
während der Berührung mit der eigenen Hand sofort eintrat. Er wehrt sich 
noch immer mit allen Kräften gegen meinen Vorschlag, allein zu schlafen, 
will auch keine Anstalt aufsuchen. Ob der Bruder nicht nebenan in einem 
Zimmer schlafen könnte? Er motiviert die Angst vor dem Alleinsein mit 
Krankheit, Schwäche, Angst. Er gesteht, daß er trotz der Anwesenheit des 
Mädchens onaniert habe. 

„Woran denken Sie, wenn Sie onanieren?" 

„Ich weiß es nicht." 

„Sie wollen es nicht wissen." 

„Sie haben recht. Ich will es nicht wissen. Mir fällt immer etwas 
Dummes ein. Das werde ich Ihnen nie erzählen" . . . 

„Warum nicht?" 
„Weil ich mich schäme. Oder ich kann es Ihnen andeuten. Es ist eine 
Szene aus der Kindheit. Dummheiten, wie sie die Kinder untereinander machen. 
An diese Dummheiten denke ich immer. Sagen Sie mir, gibt es keine Hilfe 
gegen diese Gedanken? Warum verfolgen sie mich die ganze Nacht? Ich schlafe 
immer ruhig ein, um 7»1 oder 1 Uhr erwache ich und fange mit den Pollu- 
tionen an. Ich erwache schon mit der Pollution." 

„Das heißt, Sie onanieren . . ." 

„Ja, ich kann mir nicht helfen. Ich onaniere." 

Nach zwei Tagen wird mir berichtet, daß er sich erschossen habe. Ein 
Beitrag zum Thema: Selbstmord und Onanie. Er nahm das Geheimnis seines 
Leidens mit ins Grab. Es ist anzunehmen, daß er sich mit aller Kraft gegen 
homosexuelle Phantasien wehrte. Die Frauen hatten für ihn jeden Wert ver- 
loren. Der Bruder und der Freund waren sein einziger Umgang. Er nahm sie 
ganz für sich in Anspruch und verhinderte es, daß sie mit anderen verkehren 
konnten. Er hatte nur ein einziges Mal in den letzten zwei Monaten einen 
Orgasmus, als er mit der Geliebten des Freundes verkehrte. Wir werden bei 
der Besprechung der Homosexualität diese Tatsache eingehender würdigen. 
l)ie Gehebte des Freundes war der Umweg, wie er den Freund besitzen 
Konnte eine „Maske der Homosexualität". Nachdem er sich überzeugt hatte, 
üaü er bei anderen Frauen keinen Orgasmus erzielen konnte, wurde er traurig 
und verstimmt. Kein Weib konnte ihm den Orgasmus der Onanie ersetzen. 

1 In i° r mcht Weiter onanieren un <* schied lieber aus dem Leben, 

als lau er sich seine homosexuellen Phantasien eingestehen wollte. Der Durch- 
bruch dieser Phantasien in das Bewußtsein stand drohend vor seinem geistigen 
Auge Lr drohte ihm, so daß sich sein armer Kopf verwirrte und er an 
„Angst vor dem Wahnsinn" erkrankte. Damit motivierte er seinen Selbst- 
mord. Diesen vollzog er in der Wohnung des geliebten Bruders. Er zog sich 
in den Abort zurück, nachdem der Bruder ihm einen kleinen Wunsch ab- 
schlagen mußte, und jagte sich eine Kugel durch den Kopf. 

Zur Erforschung der spezifischen Phantasie 
sind die die Pollutionen begleit enden Träume von 



64 



Erster Teil. Die Onanie. 



aller grüßt er Bedeutung. (Wir werden solche Beispiele noch 
kennen lernen, wie ja überhaupt die späteren Ausführungen häufig die 
Bestätigungen dieser Ausführungen bringen werden.) Läßt man sich 
den Pollutionstraum erzählen, so hört man oft, daß die Patienten ihn 
vergessen haben oder daß sie sich das Gesicht des Sexualobjektes nicht 
gemerkt haben. Andere sprechen ihre Verwunderung über die ver- 
schiedenen Paraphilien aus, die sie im Traum ausführen, und versichern 
komischerweise, daß ihnen so eine Handlung „selbst nicht im Traum" 
einfallen würde. 

Für die Therapie der Pollutionen ergeben sich aus diesen Be- 
trachtungen die wichtigsten Anhaltspunkte. Oft müssen die Verhält- 
nisse erforscht werden, in denen die Patienten leben. Man kann durch 
einlache Maßregeln, wie durch eine veränderte Umgebung, die wunder- 
barsten Heilungen erzielen. So kommt es, daß manche Menschen in 
Wien an Pollutionen leiden und in Salzburg davon verschont bleiben. 
Sie pflegen das auf die Luft zu schieben. Es hängt aber mit den Assozia- 
tionen zusammen, welche aus der betreffenden Gegend zuströmen, es 
hangt von den Reizen des Milieus ab. So empfahl ich dem letzten 
Patienten die Abreise aus Wien. Ich bin überzeugt, daß sich der Zu- 
stand des hoffnungsvollen Menschen in anderer Umgebung rasch ge- 
bessert hätte, daß ein Aufenthalt in einer Anstalt das kostbare Leben 
des hochtalentierten Menschen hätte retten können. 

Eine weitere Form unbewußter Onanie ist die Onanie in hyste- 
rischen Anfällen, die in allen möglichen Abstufungen vom großen 
hysterischen Anfalle mit Are de cercle bis zur vorübergehenden Absence 
von einer Sekunde vorkommen. In allen diesen Vorgängen, in denen 
das Bewußtsein ausgeschaltet ist, gehen verbotene Handlungen vor sich 
Eine dieser Handlungen, und zwar die häufigste, ist die Onanie. Die 
Onanie ist mit verschiedenen Phantasien verbunden, mit kriminellen x ) 
und perversen Vorstellungen. Droht der Durchbruch einer dieser Phan- 
tasien ins Bewußtsein, so wird durch einen hysterischen Anfall der 
onanistische Akt im Unbewußten erledigt. Die charakteristischen Be- 
wegungen mancher Hysterischen lassen ja darüber gar keinen Zweifel 
ebenso kann man auch direkte Onanie, Bettnässen, Samenabgang bei 
diesen Anfällen beobachten. Nach dem Anfall fühlen die Kranken ent- 
weder ein tiefes Schuldbewußtsein, quälende Reue, oder sie geben an, 
daß sie sich auffallend leichter (wie ohne Gewichte, als wenn sie Flügel 
hätten) vorkommen. Solche Beobachtungen kann man auch nach dem 
Koitus oder dem onanistischen Akte machen. Kein Wort ist falscher 

*) Vgl. meinen Aufsatz „Die psychische Behandlung der Epilepsie". Zentralblatt 
für Psychoanalyse, I. Bd. und „Nervöse Angstzustände", 3. Aufl. 



Larvicrte Onanie. . 65 

als das bekannte lateinische Post coitum omne animal triste! Die 
Stimmung nach dem Akte hängt nur davon ab, ob sich ein Schuldbe- 
wußtsein an den Akt knüpft oder nicht. 

Die Frage nach der Schädlichkeit der Onanie erledigt sich mir 
nur in diesem Sinne. Wer ohne Schuldbewußtsein (ohne Angst) onaniert, 
empfindet bei mäßiger Onanie keinerlei Schaden, auch keine schädlichen 
Nachwirkungen. Alle gegenteiligen Beobachtungen sind falsche Auf- 
fassungen einer psychogenen Depression. Glaubt der Onanist sieh ge- 
schädigt zu haben, hat er irgend ein Buch über die Schäden der Onanie 
gelesen, oder wurde er vom Arzte oder Erzieher falsch belehrt, so wird 
nach jedem Akte das Schuldbewußtsein alle jene Symptome erzeugen, 
die man der Onanie zuschreibt. Ich habe noch nie einen 
Schaden von der Onanie beobachten können bei 
Menschen, die an den Schaden nicht geglaubt haben. 
Alle die6e Schäden kommen von autosuggestiven Angstvorstellungen. 
Die Ärzte wissen noch immer nicht, daß die Angst die schwersten 
Krankheiten hervorrufen kann. Sah ich doch bei einem Arzte, der eine 
Lues überstanden hatte, infolge der Angst vor Tabes eine hysterische 
Pseudotabes auftreten ! 

Doch zurück zu unseren larvierten Formen der Onanie. Da gibt 
es Frauen, denen plötzlich schlecht wird, sie werden schwach und fühlen 
eine süße Ohnmacht. 1 ) Diese süße Ohnmacht ist der Orgasmus nach 
einem unbewußten oder nur halbbewußten onanistischen Akte an der 
Nähmaschine oder nach einer Phantasie (geistige Onanie) , nach einem 
automatischen Spiel, z. B. im Täschchen, das auf- und zugemacht wird, 
wobei der Finger hineingesteckt wird. Solche symbolische Formen der 
Onanie sind sehr häufig. Hierher zählt das Nasenbohren, gewisse Be- 
wegungen mit den Fingern, Spiele mit den Taschen, den Ringen, Reiben 
der verschiedenen Öffnungen des Körpers, z. B. Ohrmuschel, der Anal- 
gegend usw. 

Es kommt nur darauf an, daß die Phantasie erregt oder eine ero- 
gene Zone gereizt wird. Diese erogene Zone kann die Haut oder eine 
Schleimhaut sein, es können aber alle Stellen des Körpers dazu ver- 
wendet werden. Ieh habe an dieser Stelle keineswegs alle Möglichkeiten 
der larvierten Onanie erschöpfend geschildert. Das ist fast unmöglich. 
Ich wollte nur zeigen, daß es Onanieformen gibt, welche von den Ona- 
msten nicht als Onanie erkannt und gewertet werden. Ich kenne eine 
Dame, die durch Immissio et frictio digitis in anum onaniert. Sie weiß 
aber, daß sie onaniert, und erzielt auf diese Weise vollen Orgasmus 
•Uas ist offene Onanie. Eine andere Dame aber behauptet, sie müsse 

') Vgl. „Nervöse Angstzustände", 3. Aufl., S. 000. 

Steköl, Störungen des Trieb- und Affektlebens. II. 2. Aufl. 5 



66 



Erster Teil. Die Onanie. 



TnL b*- a "T^ÜT' WaS S6hr ßchmerzha ^ und unangenehm wäre 
sonst könne der Stuhl nicht passieren. Sie öffnet sich den Anus vor' 
jedem Stuhlgang. Das ist larvierte Onanie. Wieso kommt es aber Z 

käln e d^n aSmUS mCht ^ daß WeSen dieser Prozed - bBleh^tT Oder 
kann der Orgasmus ganz ausbleiben? 

In allen diesen Fällen von Onanie in maskierter Form kommt es 

....... ...... ::. d ::.^"-.r,.'~ :„ ; »<•; 

können auch auf einem an eren W e g e SJtf'Ä °TT" 
erzeugt werden u v m «„ • r, . auf dem autoerotischen 

Laien ausgeführt wurde und in Jeder ÄÄ^ Sen 

Ptel Li' m d a T' BreCh , rel2 r d ^ R6ihe and - r nemsVst- 
K™L u rff ™ a *w*«Kg« Krampfzustände, in denen Ter 
Kranken alle Glieder „steif" wurden. Dabei klaate sin 8U p . T 
und heftige Magenschmerzen. Am Schluß ÄL« ^ 5£*? 
Masse Gesicht und es trat eine angenehme Erschlag £ MudigkeH 
ein. Diese Krämpfe waren die unbewußte Wiederholung rt«, m™ 
Dm Steifheit der Glieder entsprach einem *ÄftSÄ 
Hohe des Orgasmus und hatte ihr Analogen in dem bekannten Ar, dl 
-rele der Hysterischen und der an Erotomanie IdLdtTrlüen L, 
kenne Turner, die mit Hilfe ihrer Muskeln onanieren Sie smnnl In 
Muskeln des Körpers aufs stärkste an und erzielen so den O^L o 
In ahDl ' cher Weis * «<**" ™le Formen larvierter Onanie voHch >') 

") Vgl. den schon erwähnten instruktiven Artikel ,on Ermt K™„ m. 



Larvierte Onanie. 



67 



Alle diese Menschen wissen angeblich nicht, daß sie einen Orgas- 
mus empfunden haben. Im Gegenteil! Sie klagen über Schmerzen. So 
auch die erwähnte Dame, die jedesmal vor der Massage versicherte, es 
wäre ihr eine Tortur und sie wäre glücklich, wenn die Martere! vorüber 
wäre. Aber sie ging immer wieder zur Massage und protestierte lebhaft, 
als ihr Mann die Kur abbrechen wollte, weil er merkte, daß in ihr eine 
sonderbare Veränderung vorging. Sie motivierte, man müsse eine be- 
gonnene Behandlung zu Ende führen und 1 die „kleinen Unannehmlich- 
keiten" ertragen. Sie wollte auf ihren Orgasmus nicht verzichten. Hätte 
man sie über den Charakter der Schmerzen aufgeklärt, sie hätte ent- 
rüstet protestiert. So wollen sich die Menschen selten dazu bekennen, 
daß sie in versteckter, heuchlerischer Form weiter onanieren. Soll 
doch diese Form dazu dienen, das Gewissen zu beruhigen und sich die 
lästigen Vorwürfe zu ersparen, die sich an den auto erotischen Akt 
knüpfen! 

Noch häufiger sind die Formen der larvierten Onanie, die sich 
in Hautjucken äußern. Z. B. eine siebzigjährige Frau, die an Pruritus 
vulvae leidet und nicht einschläft, ehe sie sich „ordentlich" gekratzt 
hat. Das Kratzen ersetzt die Onanie und wird bis zum mitigierten 
Orgasmus fortgesetzt. Eine fünfzigjährige Frau produziert jeden Abend 
ein heftiges, unerträgliches Jucken am ganzen Körper; die ganze 
Familie, der Mann, die Tochter, der Sohn müssen sie kratzen. Zuletzt 
kratzt die Dame selbst überall, wie gesagt, wo es sie am heftigsten 
beißt, fühlt plötzlich einen heftigen Urindrang, womit die Szene be- 
endet erscheint und sie einschlafen kann. Jeden Abend wiederholt sie 
das Manöver. Viele rätselhafte, jeder Therapie trotzende Fälle von 
Urtikaria und anderen Neurodermatosen, die mit heftigem Jucken ein- 
hergehen, sind nur larvierte Formen der Onanie. 

Eine häufige Form der Onanie, die Spermatorrhoe der Männer, 
habe ich schon als typisches Leiden der Sexualabstinenten erwähnt' 
Bei Menschen die häufigen Geschlechtsverkehr pflegen, habe ich sie nie 
beobachtet Die Spermatorrhoe geht manchmal mit einer leisen oder 
komln 1 ^, l ke l Lustem P find ™S **«. Solche Lustopfindnngen 
ro3 7 ^ StUhlgang V ° r ^ Ve ™ ten > daß d ^ Anus eine 

72TI l ? ^ Gben dn Irrtum ' daß <*« Onanie nur an Geni- 

Z£ V 1 a g *' JGde er ° gene Zone kan » ™ Onanie benützt 
werden. Der Anus ist eine erogene Zone ersten Ranges. Daher gibt 

aLT JT 161186 ?° F0men Werter Onanie an dieser Stelle. 
Manche bohren mit dem Finger wegen Jucken, ein anderer, ein Stuhl- 
hypochonder - man entschuldige das unappetitliche Thema -, um 
sich den Stuhl, der angeblich nicht herauskommen will, mit dem Finger 
zu entfernen, ein dritter, um seine Hämorrhoiden zu untersuchen nnd 

5* 






68 



Erster Teil. Die Onanie. 



zu reponieren, die erwähnte Dame, um den Anus zu erweitern. Es 
werden immer organische Unlustempfindungen benützt, imi sich den un- 
entbehrlichen Orgasmus zu verschaffen. 

Viele Analerotiker leiden an Obstipation. Sie benützen das Leiden 
dazu, um mit Hilfe des Stuhles zu onanieren. Schon die kleinen Kinder 
halten den Stuhl gern zurück, weil sie beim Durchpressen des harten 
Stuhles Libido empfinden. Deshalb klagen die an Spermatorrhoe 
Lernenden meist über Verstopfung und geben an, daß mit dem Stuhle 
Sperma abgeht. Sie gestehen ungern, daß sie dabei einen mehr oder 
minder stark ausgeprägten Orgasmus empfinden. Andere Analerotiker 
haben eine anregende Spielerei mit dem Irrigator und fühlen sich nach 
einer ausgiebigen Stuhlentleerung erfrischt, wie neugeboren, geben zu. 
daß das Defäzieren die größte Wonne ihres Lebens ist. Ihr ganzer 
geistiger Horizont ist von analerotischen Vorstellungen erfüllt. Auch 
Hämorrhoiden, Analfissuren, die unter Umständen große Beschwerden 
machen, sind oft artifiziell erzeugt, die Folge der zahllosen Manipula- 
tionen m der Analgegend. 

Der Irrigator ist oft nur ein Objekt der Lustgewinnung und dient 
bei Mannten und • Weiblein zu mechanischen Reizungen unter dein 
Deckmantel hygienischer Maßnahmen. Vielen Menschen ersetzt der 
Irrigator ein Liebesobjekt, so daß es mich nicht Wunder nimmt, daß 
er m den Phantasien der Onanisten und Fetischisten eine so über- 
ragende Rolle spielt. 1 ) 

Mit großer Offenheit schildert Luther seine analen Beschwerden 
5° r i \* S m * inem Briefe an Melanchthon: „Der Herr schlug mich 
durch heftigen Schmerz in den Posterioribus; mein Stuhl ist so hart, daß 
ich gezwungen werde, ihn unter großem Schmerz herauszupressen, bis 
mir der Schweiß herabrinnt; uud je länger ich es aufschiebe, um so härter 
ist der Stuhl. Gestern ging ich seit vier Tagen wieder einmal, und des- 
halb schlief ich die ganze Nacht nicht, noch habe ich jetzt Ruhe. Dies 
Leiden wird unerträglich, wenn es fortschreitet, wie es begonnen hat" 
Das Leiden wird so arg, daß er auf alle Heilmittel verzichten will 
„Indes — berichtet Ebstein*) — war das Fleisch noch immer verletzt 
und wund durch die alten Einrisse, obgleich er ausgiebig sich der 
Laxantien bediente. Trotz aller Abführmittel habe er nicht weniger 
Schmerzen im After verspürt, sei es durch die gewaltsame Wirkung der 
Pillen, sei es durch irgend einen anderen Zufall." 

Solche Schmerzen sind Surrogate der Libido. Natürlich nicht immer 
aber in vielen Fällen. Luthers Obstipation wird auf der Wartburg- 
besser, aber sein Gemütsleiden viel schlimmer. Mitunter vergleicht er 
sich mit einer aufgerissenen, verletzten blutigen Wöchnerin. Seine 



*) Interessante Beispiele finden sich im 3. Bande „Die Geschlechtskälte der Frau" 

v t ] ) ® r - Wilheln Ehstein: Dr- Martin Luthers Krankheiten. Stuttgart, Ferdinand 
i'.nii!'. iyUö. 



Larvierte Onanie. 



69 



Hämorrhoidalblutungen nennt er „Molimina excretoria". Ein Steinleiden 
quält ihn überdies, von dem er sagt, daß es als der Satan in ihm wüte. 
1528 schreibt er über seine Blutungen an Justus Jonas : „Meine Krankheit 
war eine solche, daß mit dem Stuhlgange zugleich eine angeschwollene 
L i p p e des Afters hervortrat. Darauf saß eine kleine juckende Erhaben- 
heit. Dieselbe machte um so mehr Beschwerden, je weicher der Stuhl 
war. Ging geronnenes Blut ab, so befand ich mich um so 
wohler und angenehmer, ja mit Vergnügen ver- 
bunden war der Akt der Stuhlentleerung. Je mehr 
Blutgerinnsel abgingen, um so mehr Vergnügen 
hatte ich, so daß diese angenehme Empfindung 
mich mehrmals täglich veranlaßt e, zu Stuhle zu 
gehen. Drückte ich mit dem Finger, so juckte das 
äußerst angenehm und es floß Blut. Deshalb durfte 
nach meiner Ansicht dieser Blutstuhl durchaus 
nicht gestillt oder vermindert werde n." 

Deutlicher kann man die Libido beim Stuhlgang und die Lust- 
erapiindungen durch Kratzen wohl nicht beschreiben. Später litt er 
auch an Diarrhöen und Tenesmus. Der Abort ist für ihn immer ein 
kritischer Aufenthalt. 1546 entging er glücklich der Lebensgefahr, indem 
ein „sehr großer Stein, der von der Decke sein Haupt bedrohte", 
kurz nachher herunterfiel, „nachdem Luther sein natürliches Geschäft 
verrichtet hatte". Bald nachher hatte er ein Phantasma: Ihm gegenüber 
saß der Teufel am Röhrtroge und kehrte ihm seinen Hintern zu. 

Von seinem Kampfe gegen die Sexualität in der Jugend erzählt 
Ebstein; „Er wurde erst von geschlechtlichen Erregungen nicht sehr 
gepeinigt, je mehr er sich aber kasteite, um so mehr traten auch diese 
Reizungen hervor. Dabei bewahrte er aber seine Keuschheit. Er legte 
sich durch seine übermäßige Enthaltsamkeit allerlei schwere Ent- 
behrungen auf, ferner brachte er die Nächte auf möglichst hartem Lager 
mit unzureichender Bedeckung zu, andrerseits lief er in der heißen Jahres- 
zeit mit entblößtem, von den Sonnenstrahlen gequältem Haupt herum. 
Er magerte ab und nennt sich selbst ausgemergelt und ausgedörrt. In 
diesem Zustande körperlicher und geistiger Erschöpfung stellten sich 
einmal heftige geistige Erregungszustände und ein anderes Mal exzen- 
trische Gemütsverstimmungen ein, welche seine Klostergenossen zu dem 
Glauben verführten, daß er ein Epileptiker oder ein von Dämonen Be- 
sessener sei. 

Ich habe den Fall nur erwähnt, weil er uns eine ausgezeichnete 
Schilderung der analerotischen Spielereien gibt. 

Zu ähnlichen Spielen wird natürlich auch jede andere Schleimhaut, 
der Mund und besonders die Zunge benützt. Die verschiedenen Formen 
des Wonnesaugens (Ludeins) gehören hierher, die bekannten Spiele 
mit der Zunge, die im Munde gerollt wird, an der gesogen wird, usw. 

Noch häufiger sind die Formen der larvierten geistigen Onanie, 
bei denen keinerlei Manipulation vorgenommen wird. Die Betreffenden 
versinken in ihre Träumereien, die mit Ekstasen enden. Sie wissen nie, 
woran Sie gedacht haben, wenn man sie aus den Träumen herausreißt. 



70 



Erster Teil. Die Onanie. 



Manche kleine Symbolhandlung verrät den Inhalt der Phantasien So 
üatte ein Mann meiner Beobachtung die Gewohnheit, bei den Tas- 
traumen deren Inhalt ihm unbekannt war, den Penis in der Hand zu 
halten. Er hatte sich deshalb ein Loch in die Hose gemacht. Im Leben 
war er Mitglied eines Vereines zur Bekämpfung der Schmutzliteratur 
ein Apostel der Reinheit und brachte halbe Tage mit den larvierten 
Formen der Onanie zu. Seine Träume brachten mir dann den Zugang 
zu seinen Tagesphantasien. Ja gerade die negative Beschäftigung mit 
der Erotik in Form von Ekel, Abscheu, Entrüstung ist eine FW der 
geistigen Onanie, die in unserer Zeit der Heuchelei und Priiderei unge- 
mein verbreitet ist Es gibt Menschen, die sich eine artige Sammlung 

eZr^lT\ vr en - naCkten L ™^™> Ansichtskarten an 

Z u Hüflttn /l 61 ?* *• KünStler hetzen ' den Staatsanwalt 
zu Hüte rufen, und d*e sich doch nur mit diesen Dingen beschäftigen 
weil sie ihnen eine Reihe erotischer Anregungen gewähren. Esl M 
eben eine larvierte Form der Onanie, die sich in negativer Form als 
Abwehr der erotischen Reize äußert. In diese Gruppe genören aut 
Weltverbesserer, Schwärmer für die sexuelle Aufklärung Es Ist "2 
eine Ar , wie che rohen erotischen Triebe sublimiert und in den Dienst 
der Kultur gesteht werden. So kenne ich einen Mann, der an 2er 71 
unbewußten Pa^aphahe, der Neigung zu Kindern leidet, 7e e" 
Dertat 7*5*;* ** die ßich als " ha -lose" Kinderliebe äußert 

der kZ N ^ "f ff legentliCl1 mlt der sexueUen Aufklärung 

der Kinder. Nun wäre es töricht, schon diese Form der Sexualbetätigung 

Onanie zu nennen. Aber gerade bei solchen Keuschheitsfanatikern, ffitt- 

hchkeitsaposteln, Asketen, Abstinenten aus Überzeugung kann man 

die schönsten Formen der larvierten Onanie beobachten. Die Natur läßt 

71 7? !n? ht vergewalti S en ' ™ d wenn dter Geschlechtstrieb das 
Feld des Bewußtsems räumen muß, so schleicht er sich über Umweße 
ms Unbewußte und setzt sich gegen den Willen des Kämpfers durch 
So streichelt der Kinderfreund die Kinder, wobei ihm ein 
warmer Strom über den Körper rieselt, er ganz heiß 
wird, was er als die Manifestation der idealen Liebe auffaßt 

Es ist mir gelungen, in einer Reihe von Zwangsvorstellungen den 
Eisatz der Onanie zu finden. Freud hat bekanntlich darauf hingewiesen 
daß viele Zwangsvorstellungen - er meinte seinerzeit sogar alle - 
\orwurfe über eine mit Lust begangene sexuelle Aktion der Jugend 
darstellen. Diese Erklärung steht noch heute für viele Zwangsvorstel- 
lungen zu Recht, wenn sie auch nicht den Reichtum der Zwangsvor- 
stellungen, die vielfach determiniert erscheinen, erschöpft 'jede 

häTtTf 7® w g iSt / in Kompromiß aus ^eb und Hemmung und ent- 
halt auf dem Wege des neurotischen Kompromisses in einem Symptom 



Larvierte Onanie. ^i 

beide Strömungen. Man kann nun viele Zwangshandlungen beobachten, 
welche eine Darstellung der Onanie bezwecken und auch eine Art von 
larvierter Onanie darstellen. 

Unter den Menschen, die an Zwangsneurose leiden, findet man 
sehr häufig solche, welche angeblich nie onaniert haben oder die Onanie 
„überwunden" haben. Ihre Zwangshandlungen zeigen aber, daß sie 
sich immer mit der Onanie beschäftigen, von ihr nicht loskommen, 
ferner findet man die schönsten Formen larvierter Onanie unter diesen 
Überwindern. 

Besonders häufig treten solche Zwangshandlungen auf, wenn die 
Neurotiker die Onanie aus ethischen oder hygienischen Motiven auf- 
geben. Ein solcher Fall soll diese Ausführungen illustrieren. 

Fall Nr. 14. Es handelt sich um einen 26jährigen Angestellten, der in 
seinem Geschäfte solche Unsicherheit zeigte, daß er in Gefahr war, seinen 
Posten zu verlieren. Er mußte alles mehrere Male zählen und war dann noch 
immer im Zweifel, ob er sich nicht geirrt habe. Solche Erscheinungen der 
Arithmomanie sind bei Onanisten sehr häufig. Zählen sie doch im Kampfe 
gegen die Onanie die Tage, da sie keusch sind. Manche sind glücklich, wenn sie 
acht Tage widerstehen können, und fallen regelmäßig in bestimmten Inter- 
vallen. Andere können länger widerstehen, haben größere Intervalle, die 
allerdings von mehreren Tagen unterbrochen werden, in denen sie stürmisch 
onanieren. Alle diese Onanisten führen ein genaues Tagebuch über ihre Onanie 
(natürlich meistens nur im Geiste). Wenn sie die Onanie dann aufgeben, 
setzt sich das Zählen fort, kommt aber durch die larvierte Onanie und durch 
die Pollutionen ins Schwanken. Unser Patient wußte nicht, wieviel Geld ihm 
der Chef übergeben hatte (ein Symbol seiner Schuld!), er konnte nicht fest- 
stellen, vor wieviel Tagen sich ein V.orfall abgespielt hatte, er zählte die ihm 
übergebenen Briefe oder Pakete bi6 zur Erschöpfung durch, ohne deren Zahl 
bestimmt feststellen zu können. Diese Erscheinungen, die sich mit vielen 
hypochondrischen kombinierten, waren in dieser Stärke seit den zwei Jahren 
aufgetreten, seit er nicht mehr onanierte. Natürlich führte jeder Medikus 
Bei J xe ' »»Neurasthenie", so nannten die meisten Ärzte seine Zwangsneurose, 
auf die Onanie zurück, was seine vorgefaßte Meinung bestätigte. Dieser 
Patient kam jede Woche für ein halbes Stündchen zu mir und ließ sich von 
mir über seine Krankheit belehren. Er war ein sehr gelehriger Schüler und 
einer meiner schönsten Erfolge. Ich kann nicht genug staunen über die Ver- 
änderung zum Guten, die sich mit dem Kranken vollzogen hat. Er hat jeden 
Zweifel verloren zählt nicht mehr, ist vollkommen sicher, fühlt sich frisch 
und gesund, sieht blühend aus und hat in den ersten Monaten, seit er wieder 
onaniert, um- 3 Kilo zugenommen. Der vorher unruhige Schlaf ist tief und 
ruhig. Die Pollutionen haben aufgehört. Wie in aller Welt kann man hier 
von einem Schaden der Onanie sprechen? Warum wollen die Ärzte 
nicht sehen, daß es auch einen Nutzen der Onanie 
gibt, daß der Autoer otismus zahllosen Witwen, alten 
Jungfern, Hagestolzen die einzig mögliche, sozial 
mögliche Form der Sexualbetätigung darstellt? Ich 
lasse die von dem erwähnten Patienten nach zwei Jahren der Genesung ver- 



12 



Erster Teil. Die Onauie. 






faßte Krankengeschichte in ihrer naiven stilistischen Fassung ungeändert 

fillTÜf fT/p ^ iebene " L ° b P reisun ^ ^ Krauken nST 
Last zu legen Diese Publikation wäre geschmacklos, wenn sie nicht einen 
tiefen Einblick m die dankbare Psyche des Wiederhergestellten gestatt" 

'JJk " Von 7 gl l i . ckl J ichen und dankbaren Gefühlen erfüllt, will ich kurz meine 
seelischen Zustande vor und nach meiner Kur niederschreiben. 

Vor allem muß ich bemerken, daß ich meine Heilung lediglich durch 
folgende angewendete Mittel erreicht habe: Giguen duicn 

wußteeinttLhfwr^ 1 '" 118 ? ^ mpfindungen und Gedanken zu klarem Be- 
^ÄÄ^h"* ^V 1 ^ He ™^^hlen infolge Auf- 
mm verschiedenen ÄÄ 1Ch mir *™ freiere Weltanschauung 
mC & mm^M ^^ Gewissensbisse verflüchtigten sich und 

.2. Durch Regelung des Geschlechtslebens, nämlich durch die Onanie. 

treten A und S mußtf P in P l a : rei , S ^% JCh $* GeSetze der Kirche ■*** '*&• 
Sir4rdS SteS?» Ä^S abstinentes Leben führen. Ich 
gonnT hafen wäh S t™ ^"^tellungen im 19. Lebensjahr be- 
onanierte fasT'täS nh V^a, ägli ° heS Nach »et verrichtete. Ich 

^ückdrängem Dadu,h wurde ich wirr^ethÄm' ^ ^ £ 
Worte, dieselben Absätze unzählige Male. Zur selben Zeit fing ich auch an 
unsicher zu arbeiten. Eines Tages wurde mir die falsche Thf orie über 2 
verheerende Wirkung der Onanie mitgeteilt. ' ' 

a täÄ-^ k l Chte tT? . mÜ " Vonvürfe > gesündigt und meinen Körper be- 
schädigt zu haben. Ich habe mich mit aller Energie gegen einen RücfhlHn 
die alte Gewohnheit gewehrt, zählte die Wochen* Monate? ja auch Jah? s 
waren sogar vier, meiner mir zur Pflicht gemachten Keuschheit, indem 'ich 
eine robuste Gesundheit und Wohlbefinden als natürliche Folge meiner Fnt. 
haltsamkeit erhoffte. Ich erfuhr das Gegenteil. Bei der Arbeit wurde ich 
immer zerstreuter, unsicherer, besonders beim Rechnen. Ich glaubte stets 
falsch gerechnet zu haben, mehr Ware ausgefolgt zu haben, ich glaubte stets 
daß ich meinen Chef betrüge, glaubte jeden Menschen benachteiligt zu haben' 
Eines Tages flog mir der Gedanke durch den Kopf, ich wäre ein Mörder Als 
namheh mein Vater vor mehreren Jahren im Sterben lag, legte ich ihm meinen 
Finger m den Mund. Nun, nach einigen Jahren erinnerte ich mich an die 
Situation und redete mir ein, ich hätte den Vater dadurch erdrosselt Bald 
darauf peinigten mich neue und neue Mordbeschuldigungen, selbst wenn ich die 
Leute vor mir sah, die ich ermordet zu haben mir einredete. Ich konnte nichts 
unternehmen, denn ich hatte stets Angst, daß dies schreckliche unglückliche 



Larvierte Onanie. 73 

Konsequenzen nach sich ziehen könnte, die mich zum Verbrecher machen 
würden. Zeitweise wurde ich melancholisch, schlaflos, gereizt und sehr 
empfindlich gegen Geräusche. Natürlich wurde ich täglich energieloser, verlor 
alles Selbstvertrauen und wurde mir dieses Leben nur zur Qual. Nach fast 
vierjähriger Selbstqüälerei, von der ich durch Brom, kalte Waschungen, 
Tropfen etc. befreit werden sollte, entschloß ich mich zum letzten Versuche, 
nämlich zur psychotherapeutischen Behandlung. 

Durch sie wurde mir eine neue Welt geöffnet. Ich wurde einer ana- 
lytischen Behandlung unterzogen. Vor allem wurde mir klar gemacht, daß 
ich ein geregeltes Geschlechtsleben führen muß, entweder durch den Koitus 
oder durch Onanie. Ich entschloß mich vorläufig für das letztere. Mein Zustand 
besserte sich täglich. Die Behandlung eröffnete mir neue Gesichtspunkte. Ich 
lernte mein Inneres und seine rohen Triebe kennen. Verdrängte Gedanken 
wurden mir zum Bewußtsein gebracht. Allerlei traumatische Erlebnisse aus 
der Kindheit kamen mir in Erinnerung. Es wurde mir klar gezeigt, seit wann 
diese oder jene nervösen, Erscheinungen datieren, es wurde die Wurzel der ver- 
schiedenen Chaosgedanken aufgesucht und mir gezeigt. So wurde mir deut- 
lich gezeigt, welche unangenehme, unsichere, melancholische und energielose 
Zustände das Zurückdrängen des Geschlechtstriebes bewirkt. Natürlich hatte 
mich im Anfange das Aufwühlen der unbewußten Gedanken auch sehr auf- 
geregt, doch als ich später mich mehr in die Anschauungen meines Arztes 
vertiefte, lernte ich mit offenem Auge auf den schmutzigen Untergrund 
des Menschen schauen, ihn anders beurteilen. Ich lernte, mich über vieles 
Kleinliche, welches so oft das Leben des Menschen trübt, hinwegzusetzen. Wie 
atmete ich nach jeder Ordination, in der ich gebeichtet und mein Gewissen 
erleichtert habe, auf! Wie lebensfroh wurde ich, nachdem ich jedesmal so viel 
Schönes, Neues, Fesselndes zugelernt habe! Mein Selbstvertrauen und mein 
Lebensmut steigerten sich nach jeder Aussprache. Und nun bin ich über- 
zeugt, daß Aussprache, das furchtlose Überlegen jedes Gedankens, geregeltes 
Geschlechtsleben resp. richtige Ausnutzung der überschüssige^ Energien die 
sichersten Mittel zur Heilung der Kranken und zur Erhaltung der gesunden 
Psyche sind. Beim Eückblicke und der Übersicht über meine Krankheits- 
geschichte sehe ich erst, wieviel ich gelitten, deshalb weiß ich die Heilung 
um so mehr zu schätzen und um so stärker ist mein Dankgefühl." 

Bei diesem Kranken zeigte es sich, daß eine innerliche Frömmig- 
keit ihm verbot, vor der Ehe zu einem Weibe zu gehen. Er stand auf 
einer ziemlich hohen ethischen Stufe. Nun möchte ich noch nachtragen, 
daß dieser Mann seither — ich beobachte den Fall schon acht Jahre — 
geheiratet hat und außerordentlich potent ist. 

Solche Fälle sind gar nicht so selten. Viele Menschen tragen eine 
latente Neurose mit sich herum, die erst ausbricht, wenn das Leben 
sie ihrer Lustquellen beraubt. Mit dem Aufgeben der Onanie sinken die 
Lebensfreude und. der Lebensmut. Unbefriedigte Menschen sind immer 
unglückliche Menschen. Tritt aber einmal der Sexualhunger ein, so löst 
er verborgene Kräfte und auch die anderen gebändigten Triebe rütteln 
an ihren Ketten. So macht ein Rebell die ganze Gemeinde rebellisch. 
In dieser Hinsicht ist die psychologische Erforschung der Verbrechen 



74 



Erster Teil. Die Onanie. Larvierte Onanie. 



von allergrößter Bedeutimg. Auch bei diesem Kranken traten Mordim- 
pulse in negativer Form (Abwehr des Gedankens, Selbstbeschuldiguxig) 
erst auf, als er ganz abstinent und unglücklich wurde. Ich habe bei 
vielen Verbrechern konstatieren können, daß sie erst nach einer großen 
Liebesenttäuschung hemmungslos wurden. Es ist eine alte 
Erfahrung, daß eine glückliche Liebe gut macht, 
wahrend eine unglückliche die ganzeBüchse der 
rand'ora öffnet. . . . 









Die Onanie. 

IV. 

Andere Formen larvierter Onanie. — Erotische Reizungen als 
[Heilmittel. — Zur Psychogenese des Schuldbewußtseins. 

Man wird am besten für seine Tugenden 
bestraft. Nietzsche. 

Klärt man die Patienten über die Gefahrlosigkeit der Onanie auf, 
so bemerkt man häufig, daß sie ungläubig den Kopf schütteln und die 
neue Lehre nicht glauben wollen. Sie können das Spiel mit der Gefahr 
nicht entbehren. Oder sie fürchten die Onanie, weil sie bei ihnen mit 
den oft erwähnten Phantasien verknüpft ist. Die Onanie gestattet 
nämlich eine Verschiebung, welche oft die interessantesten Konflikte 
verbirgt. Dabei ist nicht immer die manuell betriebene Onanie die 
Quelle des Schuldbewußtseins. Daß auch psychische Onanie dieselben 
Erscheinungen zeitigen kann, beweist der nächste Fall. Der Kampf 
gegen die psychische Onanie ist noch schwerer als der gegen die 
physische, weil sich ja die lasziven Vorstellungen immer wieder auf- 
drängen und sich nicht so leicht durch allerlei Hemmungen des All- 
tags abweisen lassen. Auch sehen wir in der nächsten Beobachtung 
deutlich die Pollution als Onanieersatz, resp. die unbewußte Onanie an 
Stelle der bewußten treten. Krafft-Ebing 1 ) teilt folgenden charak- 
teristischen Fall mit: 

Fall Nr. 15. Frl. X., 30 Jahre, aus belasteter Familie, von Kindes- 
beinen auf neuropathisch, versichert, daß schon in ihrem 6. Jahre bei ihr 
lüsterne Bilder auftraten, denen sie sich immer mehr überließ. Es kam 
mit der Zeit zu förmlicher psychischer Onanie und in den letzten Jahren 
•stellten sich Beschwerden im Sinne einer Neurasthenia sexualis ein. 
Patientin ahnte den Zusammenhang zwischen Leiden und schädlicher 
Gewohnheit. Das populäre Buch von Bock schaffte ihr die gewünschte 
Aufklärung unter heftigen Gemütsbewegungen. Diese wurden noch ver- 
mehrt durch Schicksalsschläge, welche die Familie trafen. Patientin 
ließ nun ab von ihrer schlechten Gewohnheit, aber 
gleichwohl verschlimmerte sich von nun an ihr 
Befinden zusehends. Sie wurde nervös, sehr erregt, dysthymisch. 



l ) P6ychopathia sexualis. 14. Auflage. Stuttgart, Ferdinand Enke, 1912. 



76 



Erster Teil. Die Onanie. 



litt an schlechtem, unerquicklichem, von lasziven Träumen gestörtem 
öchlate, Spinalirritation, Anämie, schwachen und schmerzhaften Menses 
Die von jeher schwache Neigung zum männlichen Geschlechte und zum 
Eingehen einer Ehe sank auf ein Minimum, dagegen wurde Patientin 
trotz allen Widerstrebens immer mehr das Opfer eines dem Priapismus 
des Mannes ähnlichen, an und für sich nicht wollüstigen, oft geradezu 
peinlichen genitalen Orgasmus. Es gesellten sich nächtliche Pollutionen 
hinzu, insofern Patientin anläßlich lasziver Traumsituationen mit einem 
Wolluetgefuhl erwachte und eine Nässe in den äußeren Genitalien ver- 
spürte. Nach solchen Pollutionen fühlte sie sich tagelang ganz 

^^S^^^^^ Und VOn heftiger Spinalirritation 
heimgesucht. Die nächtlichen Pollutionen wurden mit der Zeit auch 

eszu?nX^ e ft en / aSZiVe J\ TräUme aU8gelöst und -hließlich kam 
ltT£ Zustanden auch bei Tage. Patientin entschließt sich mit 
ÄÄ? Konfidenzen dem Arzt zu machen. Sie ist blut- 

säl mSSSa T*°$ Jv'f h r t - Die Lenden - u » d Nackenwirbel- 
ich ^^h; druckempfindlich. Patientin schläft wenig und unerquick- 
lich, fühlt sich matt und elend, klagt über Ziehen und paraWhe 

IraSi' in d fuiC ^ et .. R u ucke " raa ^sleiden und findet den Grund ihrer 
Lkttt von ßnl langiahr ! ge i; Panischen Onanie. Erst durch die 
ftft n l T £ S1Ch lhres Unrech ts bewußt geworden Mastur- 

Äe und SÄSf^ Jft »Hauptklage ist eine fast kontinulr 1 
Unruhe und Aufregung m den Genitalien. Es sei wie beim Magen wenn 
er hungrig werde. In den Genitalien (objektiver Befund n2) Jpüre 
e em qualvolles Brennen, Hitze, Pulsieren, Unruhe, wT wenn ön 
Uhrwerk drinnen los wäre. Nur höchst selten verband^ aicTJa^t 
v^llustige Gedanken Diese sexuale Neurose wirke enteetzlich deprim - 
rend auf sie. Sie habe nur vorübergehend Ruhe, wenn der Zustand hfa 
zur Pollution ausarte, und diese vermehre dann wieder Ihre „eur" 
patinschen Beschwerden. Zur menstrualen Zeit leide sie am heftigsten 
Halbbäder von 23—19° R, Suppositorien von Camphor. monobrom fi 
mit Extr. belladonn. 0,04, Bromnatrium 3 bis 4,0 abends Pulver 'ni 
Camphora 0,1, Lupulin 0,5, Extr. secal. 0,08, zweimal täglich, brachten 
der Kranken große Erleichterung und tageweise völlige Ruhe. Damit 
kehrte auch das schwer erschütterte Vertrauen in die Zukunft und Hip 
Ruhe des Gemütes wieder." 

Auch in diesem Falle sehen wir eine bedeutende Verschlimmerung 
auftreten, sobald die Patientin den Kampf gegen ihre psychische Onanie 
eröffnet, welche ihr ja doch nur eine halbe Befriedigung gewährte. Sie 
hilft sich schließlich mit den Pollutionen. Sie ersetzt die bewußte psy- 
chische Onanie durch die unbewußte. 

Wie gering sind eigentlich diese Erkenntnisse, welche uns solche 
rem deskriptiv berichtete Fälle bringen! Die verschiedenen Formen 
„unbewußter Onanie" kann man nur durch genaue Nachforschung 
im analytischen Sinne kennen lernen. Diese Erforschung ist aber kein 
einfaches Ausfragen. Sie erfordert Kenntnis der Tech- 
nik und Erfahrung. Deshalb besteht zwischen den 



Andere Formen larvierter Onanie usw. 77 

wirklichen Analytikern und den Ärzten, welche 
ohne Kenntnis der Technik die Resultate der Ana- 
lytiker nachprüfen wollen, eine unüberbrückbare 
Kluft. 

Interessant ist, daß auch Schmerzen eine larvierte Onanie ver- 
bergen können. Nicht immer ist die Erkenntnis, daß es sich um Orgasmen 
handelt, so leicht zu erwerben, und auch dem Analytiker kommen Fälle 
unter, in denen er zweifelt. Und ich wiederhole es: Erst die den 
onanistischen Akt begleitende Phantasie kann uns volle Aufklärung , 

über seine Bedeutung bringen. 

Der nun folgende Fall ist in mancher Hinsicht von großem 
Interesse. 

Fall Nr. 16. Eine zweiundvierzigjährige Frau wird mir von einem 
Landarzte wegen nervöser Bauchschmerzen zugeschickt. Diese Schmerzen 
quälen die Frau schon seit neun Jahren. Es handelt sich um eine merk- 
würdige Neuralgie in der Gegend des Appendix, gegen die Blase und den 
Kücken ausstrahlend. Der Mac Burneysche Punkt ist nicht druckempfindlich. 
Dagegen wächst die Druckempfindlichkeit, je näher man der Medianlinie 
kommt. Die Patientin wurde verschiedentlich behandelt. In Wien führte 
man die Schmerzen auf eine Retrofiexio uteri zurück. Schließlich schlug 
ihr ein berühmter Gynäkologe die Exstirpation des Uterus vor. Sie willigte 
mit Freuden ein, um endlich von den Schmerzen ganz erlöst zu werden. 
Zuerst war die Wirkung ausgezeichnet. Aber schon drei Wochen nach der 
Operation meldete sich der Schmerz in alter Intensität und noch stärker 
wieder. Nun kamen die Ärzte darauf, daß der Schmerz ein nervöser sei, und 
begannen sie mit Brom, Valeriana, Elektrizität zu behandeln. Alles ohne 
Erfolg. Dr. H., ein Arzt, der mein Buch „Nervöse Angstzustände" gelesen 
hatte, sandte mir die Patientin mit der Bemerkung zu, der Fall habe sicher 
eine psychogene Wurzel. Er sei außerstande, sie aufzufinden. 

Die analytische Durchforschung des Falles ergab gleich in der ersten 
Stunde ein wichtiges Resultat. Ein halbes Jahr vor dem Beginn der Schmerz- 
anfälle trat ein Lusttraum auf (der sich später wiederholte), worauf sie 
das erste Mal in ihrem Leben einen Orgasmus gefühlt habe. Während ihrer 
Ehe war sie immer anästhetisch. Sie hatte mit 23 Jahren geheiratet. Und 
erst mit 33 Jahren begann sie im Anschluß an einen Traum zu „empfinden". 
Sie fragte — trotz des Lustgefühles — sehr besorgt und erregt ihre 
Freundinnen, was das wäre, und beruhigte sich, als sie hörte, es sei normal, 
jede Frau müsse das empfinden. Das erlebte sie im Alter von 33 Jahren! 
Und nun erzählte sie, daß ein Zusammenhang zwischen dem Schmerz und 
der Lustempfindung existiert. Sie habe gefunden, daß der 
Schmerz immer heftiger auftrete, wenn sie einen 
„süßen" Traum gehabt hatte. (Es hat den Anschein, als ob der 
Schmerz die Strafe für eine verbotene Lust wäre.) 

Des Inhaltes der süßen Träume kann sie sich nicht erinnern. Sie glaubt, 
sie träume, daß ihr Mann mit ihr verkehre. Manchmal, daß sie an seiner 
Brust liege und sauge. Manchmal etwas anderes, an das sie 
sich nicht erinnern kann. Sie habe auch jetzt bei ihrem Manne 
keinen Orgasmus, empfinde nur ein „leeres Hin und Her". 



»*; 



78 Erster Teil. Die Onanie. 



Schließlich l macht sie noch eine merkwürdige Mitteilung: Wenn der 
Schmerz sehr stark sei, so müsse sie sich massieren 

fZ t r e f d -u Sch : erZ nach > aber si * empfinde ei„ 
N« h, Lust ^ f n uhl » nd wisse dann sicher, daß in dieser 
Nacht ein süßer Traum kommen werde 

*~ n + 6r näC M Eten v. S A tZung erzählt öi « mir Y on ihrer Enttäuschung nach 

tnn P ,n ^ M f hatt r, e ihr 6Tzmt > daß eie kein * ^au mehr sdn werde 
wenn alles entfernt sei Darum ging sie mit Freuden auf den Vorschlag eS 

gtn ^ÄaSfc t/t T, 6ntf r e p n ZU laSS6n - Denn "^ 
SErJ fi -o „ und strebte nach Reinheit. Drei Wochen war sie 

f 5ÄJS S De e r SS kam ; ^^ hStte ßie drd ÄXuSe 
am Ssten Ta^it ? tzte ZUgleich mit einer tiefen ^Pression 

W mlZ et ZZ mderer ' ia mit n ° ch 8tärkerer Inten8ltät ™- 

« , .. ^ h . 8eh * in ein Zuckerlgeschäft, um mir Zuckerl zu kaufen Die 
Verkäuferin gibt mir statt der Zuckerln Tinte. Ich mache mich ganz 
schmutzig. Dann nehme ich einige Bäder, um mich rein zu waschen 
Ich mache die Patientin, der gar nichts zu diesem Traume einfallen 
will, aufmerksam, daß sie etwas erlebt haben müsse, wodurch sie sich befleckt 
fühle. Sie suche sich nun reinzuwaschen. . . Das sei der Sinn des Traumes 
Sie gibt ihre stereotype Antwort: Sie habe nichts erlebt, sie wisse sich an 
nichts zu erinnern. Dann frage ich, ob sie etwas in einem Zuckerlgeschäft 
erlebt habe. Darauf erzählte sie: „In einem Zuckerlgeschäft nicht Aber 
jetzt fallt mir plötzlich etwas Wichtiges ein, das ich ganz vergessen habe 
Ich war sieben Jahre alt; da lockte mich ein Geselle, der bei meinem Vater 
in Diensten stand, mit Zuckerln in eine Scheune. Dort sagte er, er werde 
mir etwas Süßes zeigen. Er hob mir das Kleid auf und vollführte mit mir 
einen Verkehr. 

„Haben Sie den Eltern etwas davon erzählt 9 " 

„Nein, ich schämte mich zu sehr. Aber ich bat den Vater, den Gesellen 
wegzugeben, ich konnte ihn nicht leiden. Ich wich ihm aus und floh immer 
seine Nahe, wenn er mit mir wieder allein war. Ich war aber schon 'siebzehn 
Janre alt, als er wegging. 

„Haben Sie ihn dann wiedergesehen?" 

„Ja, aber da war ich schon lange verheiratet." 



Andere Formen larvierter Onanie usw. 79 

„Wie alt waren Sie da?" 

„Es war gerade im Jahre nach meinem Abortus, also mit 33 Jahren." 
„In demselben Jahre, als Ihre Pollutionen und Schmerzen anfingen?" 
„Ja — in demselben Jahre. Von meiner Heimat ging ich dann nach 
Wien." 

Hier muß ich eine kleine Einschaltung machen. Wir nennen einen 
solchen Vorfall ein „Trauma". Die Bedeutung dieser Traumen ist von der 
Freudschule in ihren ersten Publikationen entschieden überschätzt worden. 
Allein man muß sich davor hüten, die dauernde Wirkung eines so furcht- 
baren Erlebnisses zu unterschätzen. Es sind mehrere Wirkungen möglich. 
Das Trauma wird glänzend vertragen und das Individuum überwindet den 
Shock. Oder der Mensch wird später neurotisch und benützt das Trauma 
nachträglich in der Dynamik der Neurose. Das Erlebnis kann ebenso ein 
Anreiz zum Leichtsinn wie die Ursache einer pathologischen Hypermoralität 
werden. Es kann als Aufforderung zur Wiederholung 
oder als Warnung vor der Wiederholung wirken. Im 
letzteren Falle werden die Kinder durch das Schreckliche des Vorganges, 
durch die Brutalität des Erlebnisses dem antisexuellen Instinkte ausgeliefert 
und zur Keuschheit getrieben. Der Drang nach Wiederholung wird durch 
das Bestreben, der Wiederholung auszuweichen, überwunden. Ein Trauma 
dieser Art hat schon aus manchem Mädchen eine Nonne gemacht. Ich kenne 
einige Fälle, die im Kloster endeten. Oder es wird eine Keuschheit betont, 
welche unnatürlich ist. So war es auch in diesem Falle. Das kleine Mädchen 
wurde übertrieben schamhaft, scheu und fromm. Im Herzen hatte es die 
stille Hoffnung, der Bursche werde seine Sünde durch eine Heirat wieder 
gut machen. Denn es liebte den Gesellen und konnte ihn nie mehr vergessen. 
Es betrachtete sich als seine Frau und heiratete erst nach langem Zögern mit 
23 Jahren. Aber der Bursch war noch ledig. Sie konnte die Hoffnung einer 
alles reinwaschenden Ehe noch aufrecht erhalten. In ihrer Heimat sah sie 
den Burschen zum ersten Male als Ehemann, sie erfuhr, daß er verheiratet 
sei. Sie reiste nach Hause und ein starker „Fluß" zwang sie, nach Wien 
zu fahren. Dieser Fluor war schon ein Zeichen ihrer übergroßen Erregbar- 
keit. Die lange zurückgestaute angesammelte Libido wollte durchbrechen. 
In den nächsten Sitzungen erfuhr ich erst, daß sie in Wien massiert" 
wurde. Die Patientin gab an, daß der Schmerz vorne und hinten "eigentlich 
innen aufgetreten sei. Ich dachte sofort an eine bimanuelle Untersuchung 
die sie aber leugnete. Sie habe bei der Untersuchung nie Schmerzen oder 
Lustgefühle gehabt. Am nächsten Tag erinnert sie eich schon an die 

SÄÄ Sie Sei naCbher f mer ganZ hin g ßwesen . we ™ der 
große starke Doktor m ihr herumgearbeitet habe. Man habe bei ihr eine 

Kuckwartsknickung der Gebärmutter konstatiert und ihr Massage verordnet. 

Sie habe blaue Flecken gehabt und die Nacht danach vor Aufregung nicht 

geschlafen Vor der Massage habe sie immer gezittert, wie vor etwas 

Fürchterlichem. . . 

Kurz, ich erfahre, daß die Massage im höchBten Grade auf 'sie erregend 
gewirkt und nach langer Zeit wieder deutliche Lustgefühle vermittelt habe, 
Lustgefühle, die mit Schmerzen kombiniert waren. 

Der Fall wird nun klar. Das Kind hatte beim ersten Koitus neben 
den Schmerzen ein starkes Lustgefühl empfunden. Das Mißverhältnis zwischen 
großem Phallus und der infantilen Vagina war zu groß. Als sie nun heiratete, 



80 Erster Teil. Die Üuanie. 

enttäuschte sie schon in der Brautnacht die (natürlich nur relative!) Klein- 
heit des Membrum virile. Sie blieb anästhetisch. Die Erinnerung an den 
großen Phallus der Kindheit störte den .' Eindruck der Gegenwart Der 
Anblick des verheirateten Geliebten weckte die alte begrabene Erinnerung 
zu neuem Leben. Die Massage aber brachte die alte traumatische Szene 
in veränderter Form. Einen großen Gegenstand (die Hand des riesengroße» 
Masseurs, der in ihrem Innern herumwühlte, wohl auch Erinnerungen an 
die gänzlich vergessene Kinderonanie. Nun war die Sperrung, der ihre 
Sexualität unterlegen war, wieder aufgehoben. Sie hatte häufig Träume 
welche diese Massage wiederholten. 

Jetzt verstehen wir, warum der Schmerz aufhört, wenn 

PnllVA« mass i ert : und warum sie dann sicher eine 

„ »f\ P i " 8rt Die eigene Mas8a « e weckte d ie Erinnerung 

^ . Hand L f^ T* d ff Kindert ™ a - ™d im Schlafe vollendete 
ihre Hand den autoerotischen Akt. 

zu maeh^T™ **" W^* Über iie unbewußt « Onanie keine Vorwürfe 
SchSdSßfe S n 1St 3a ^' an SChuldl0S - Und doch hat ™ «in tiefes 
und d e ri!-zt S1G beWigt ihren Mann mit dera ersten Geliebte » 

In diese Phantasien mischen sich auch Todesgedanken, die alle Hinder- 
nisse zwischen ihr und der ersten Liebe hinwegräumen 
t a ?Ä die , Erklärun g dieses Schmerzes. Wir sehen, wie recht der 
Landarzt hatte, als er eine psychogene Wurzel annahm. Und wir merk* 
mit Grauen, wie viele Operationen Überflüssigerweiße gemacht werdeT 
• Wieder stoßen wir auf eine pathogene Szene, welche durch die 
Onanie festgehalten wird.*) Es ist, als ob sich alle Fähigkeit zur Libido 
auf diese Szene konzentrieren würde. Bei der Besprechung der An- 
ästhesie der Frau werden wir auf ähnliche FäUe zu sprechen kommen 
(Bd. III) . Die Analyse wirkt auf diese kalten, verzauberten Frauen da- 
durch erlösend, daß sie die traumatische Szene bewußt macht und es 
ermöglicht, die an sie fixierte Libido auf die anderen Formen des Sexual- 
verkehrs überströmen zu lassen. Es sollte mich nicht wundern, wenn 
diese Frau bald auch bei ihrem Manne einen Orgasmus empfinden würde. 
Ich habe keine weitere Nachricht von ihr erhalten. 

In dieser Krankengeschichte erfahren wir wieder etwas von der 
erotischen Wirkung ärztlicher Behandlungen. 

Jedem erfahrenen Arzte ist es bekannt, daß gewisse medizinische 
Prozeduren als erotische Reizungen auf die Patienten wirken. Schon 
die Art und Weise, wie sich die Frauen bei einer genauen Untersuchung 
benehmen, verrät sofort, wie sie den Arzt werten. Für viele Kranke 
bleibt er eben immer nur ein Mann. Sie produzieren teils bewußt, teils 
mit geheimer Absicht allerlei Widerstände, betonen ihre Schamhaftig- 
keit, meinen, der Arzt solle sich umdrehen und wegschauen, er solle 

*) Die Onanie ist das Fixativ, durch das leicht hingeworfene Pastellbilder un- 
zerstörbar werden oder dank dem sie zumindest dem Einflüsse der Zeit widerstehen. 



Andere Formen iarvierter Onanie usw. gj^ 

nur einen bestimmten Teil des Körpers untersuchen, fragen, ob sie 
das Hemd „unbedingt" ablegen müssen. Je unbefangener sich eine Dame 
entkleidet, desto weniger denkt sie daran, die Untersuchung als ero- 
tischen Akt aufzufassen. Daß sich viele Frauen nur aus erotischen 
Motiven untersuchen lassen, kann ich aus der Zeit, da ich noch prak- 
tischer Arzt war, bestätigen. Ja, eine ältere, sehr zurückhaltende Dame 
sagte mir einmal: „Wenn ich Ihnen einen Rat für Ihre Praxis geben 
sollte, ich müßte Ihnen sagen: Untersuchen Sie die Frauen immer 
so genau als möglich und bleiben Sie dabei immer der Arzt. Die 
Frauen verlangen das und sind beleidigt, wenn man es nicht tut. Ich 
habe immer die Ärzte tadeln gehört, die aus Gründen der Zurück- 
haltung oder aus Zeitmangel oberflächlich untersucht haben. Ich 
glaube, die Frauen haben ihre geheime Lust an diesen Dingen und 
gestehen es sich nicht ein." 

Die Dame hat wirklich recht. Alle diese Reizungen liegen auf 
der Linie „Lust ohne Schuld". Doch von diesen alltäglichen Vorgängen 
will ich gar nicht sprechen. Viel wichtiger scheint mir aber der Um- 
stand zu sein, daß der Frauenarzt — ohne es zu wissen — erotische 
Reizungen ausübt. Scheint mir schon die Untersuchung für manche 
Frauen eine Art Trauma, das ihre Phantasie immer wieder beschäftigt, 
so ist die bimanuelle Massage oft nur eine Form der allerotischen Be- 
tätigung, wie wir sie früher Onanie genannt haben. Das wissen die 
erfahrenen Frauenärzte und wenden allerlei Vorsichtsmaßregeln an. 
Die Frauen aber, die sich an die Massage gewöhnen, sind manchmal 
unglücklich, wenn sie aussetzen müssen. Aus meiner Praxis erinnere 
ich mich an eine Dame, die ich wegen eines Exsudats vorsichtig 
massierte. Ich bemerkte deutlich die reizende Wirkung und riet der 
Frau, die einen ordentlichen Orgasmus produzierte, von der Fort- 
setzung der Behandlung ab. Sie bestand aber hartnäckig darauf, es 
wäre da6 einzige, was ihr helfen könnte und .... suchte einen anderen 
Arzt auf. Manche Damen verbergen ihren Orgasmus unter allerlei 
Schmerzensäußerungen, sie werden vor Schmerzen rot im Gesicht, be- 
tonen, es wäre äußerst schmerzhaft und unangenehm. Beim Orgasmus 
winden sie sich „vor Schmerzen", um den Charakter der Lust zu 
maskieren. 

Alle diese Formen der sexuellen Betätigung sind von manchen 
Kranken hochgeschätzt. So erzählte mir ein Frauenarzt, er habe in 
seiner Klientel mehrere alte Jungfern, die jeden Monat einmal oder 
einige Male zur Untersuchung kämen. Diese Untersuchung scheine 
ihrer Phantasie einen Stützpunkt zu geben. Sie ist offenbar der be- 
rühmte „Fetzen der Realität", welchen der Neurotiker als „Flagge" 
seiner Phantasien benötigt. Deshalb werden von vielen Hysterischen 

Steksl, Störungen de6 Trieb- und AfTiiktlebens. n. 2. Autl. g 



82 Erster Teil. Die Onanie. 

■ 

die bekannten Erfindungen vorgebracht, der Arzt hätte bei ihnen ein 
sexuelles Attentat versucht oder ausgeführt, Beschuldigungen, die sich 
in den seltensten Fällen als wahr erwiesen haben. Die Betreffenden 
sind schon mit der Erwartung eines Attentates zum Arzte gekommen. 
Oft ist die phantastische Erzählung die Strafe für das anständige Be- 
nehmen des Arztes, das manche Frauen direkt als Beleidigung auf- 
fassen. Jede Frau wertet den Umstand, daß man sie begehrt, als eine 
Huldigung. Wenn die Form keine rohe ist, so wird sie diese An- 
erkennung ihrer Reize immer dankbar quittieren. Manche anständige 
Frau hat den Arzt schon innerlich zornig verlassen, weil er sie nicht 
als Weib berücksichtigt hat, d. h. ihr gezeigt hat, daß ihre Reize ihm 
ganz gleichgültig sind. 

In der Analyse treten diese Erscheinungen sehr deutlich zutage. 
Die Kranken werben um die Liebe des Arztes und ihre Träume bringen 
immer wieder Situationen, in denen der Arzt sie untersucht. Die 
Kranken wenden, großes Raffinement auf, um den Arzt zu bewegen 
seine Regel aufzugeben, die da lautet: Patienten, die man analytisch 
behandelt, untersucht man nicht! Aber die Kranken wollen den Arzt 
zur Untersuchung zwingen. Sie zeigen irgend eine Effloreszenz am 
Unterarm oder am Sternum, weil sie wegen „einer solchen Kleinigkeit" 
nicht zu einem andern Arzte gehen wollen. Sie behaupten, das nervöse 
Magenleiden wäre bestimmt organisch. Der Arzt solle doch einmal 
untersuchen, dann werde er sich schon überzeugen. Sie hätten bestimmt 
eine Geschwulst, es bilde sich eine Kugel, der Magen stelle sich auf 
und derlei Monstrositäten mehr, nur um den Arzt aus seiner Reserve 
zu locken. Ja, es sind mir schon viele Fälle vorgekommen, daß die 
Frauen am Schlüsse der Behandlung gesagt haben: „Jetzt sind Sie 
mit der Analyse fertig, jetzt können Sie mich ja innerlich behandeln." 
Ganz am Anfang meiner analytischen Praxis kam eine Dame nach dem 
Schlüsse der seelischen Behandlung und bat dringend, ich möge sie 
gynäkologisch untersuchen. Sie habe nur zu mir Vertrauen und werde 
sich von keinem andern Arzte anrühren lassen. Sie fürchte aber, sie 
hätte einen Krebs. ... Ich war damals noch praktischer Arzt und 
kannte nicht die Fallen und Finten der Kranken. Ich untersuchte sie, 
konnte sie wegen des Krebses beruhigen, sah sie aber niemals wieder. 
Sie hatte offenbar gehofft, daß der Anblick ihrer versteckten Reize 
mich überwältigen und zu ihrem Sklaven machen werde. Sie hätte mich 
vielleicht zurückgewiesen, wenn ich um sie geworben hätte, weil sie 
mich als Siegerin verlassen wollte. So ging sie nach ihrer Auffassung 
als Besiegte davon und ließ sich nicht mehr blicken. Einen ähnlichen 
Ausgang nahm ein anderer Fall. Eine Dame wollte mich zu ihrem 
Hausarzte machen und begann mit der Forderung einer gynäkologischen 



Andere Formen larvierter Onanie usw. g3 

Untersuchung! Was sie von mir erwartet hatte, ahnte ich nicht. Aber 
sie kehrte niemals wieder. Später äußerte sie sich zu einer Freundin, 
ich wäre kein Mann. 

Daß Gespräche über erotische Themen als sexueller Reiz wirken, 
müssen sich die Analytiker immer wieder vor Augen halten. Ich weiß, daß 
viele Ärzte mit ihren , Kranken ziemlich offen sprechen und sich dabei des 
gebräuchlichen sexuellen Jargons bedienen. Ich betrachte es als einen be- 
sonderen Vorzug, daß ich bei Besprechung dieser heiklen Themen über alles 
sprechen kann, ohne verletzend zu wirken. 

Sehr viel hängt von der Art und Weise ab, wie man mit den Kranken 
spricht. Prinzipiell vermeide ich alles peinliche Ausfragen, die Form, wie 
sich Hoche und Näcke die Analyse vorstellen. Ich trage nichts in den 
Kranken hinein und lasse ihm das Wort. Ich erleichtere ihm die Geständnisse 
und weiß mich immer wieder zu verständigen, so daß der Kranke oder 
die Kranke sich nicht verletzt fühlen. Ich möchte aber nicht unterlassen, 
zu betonen, daß viele Patienten sich von der Analyse die Vorstellung 
machen, man müsse nur über seine geheimen sexuellen Gedanken sprechen, 
alles andere sei Nebensache. Nun beginnen sie eine Unmenge erotischer 
Phantasien zu produzieren, die sich immer wieder erneuern, so daß man 
leicht verleitet werden könnte zu glauben, man habe nur diese Phantasien 
zu analysieren. Manchmal ist diese erotische Massenproduktion eine Form 
des Widerstandes und ein Versuch, die Analyse ad absurdum zu führen. 
So kam eine außerordentlich feinsinnige Dame wegen Zwangsvorstellungen 
in meine Behandlung. Sie setzte sofort damit ein, daß sie mir ihre Gedanken 
nicht sagen könnte. Sie bezögen sieh auf meine Sexualität. Sie wollte so 
die Kur unmöglich machen. Sie hatte von einer Freundin gehört: „Du wirst 
fürchterliche Sachen hören und sprechen müssen. Denke, du mußt alles sagen, 
was du dir denkst . . ." Ich hörte mir diese Phantasien einige Tage an und 
dann sagte ich: „Sie sind von heute an der Regel enthoben, alle Gedanken 
zu sagen. Das heißt, Sie sprechen jetzt die Gedanken, die meine Person 
betreffen, nicht aus. Ich will überhaupt nicht' alles hören. 'Sie können 
sprechen und auslassen, was Sie wollen." Von diesem Tage an verschwanden 
die Vorstellungen, die meine Person betrafen, vollkommen. Sie hatte auf 
T k a U g der Anal y ße mit einem Zwang geantwortet, der diesen Zwang 
ad absurdum führen sollte. Die Analyse ging flott vorwärts und es gelang 
mir, einen großen Erfolg zu erzielen. Es trat dann jene Reduktion auf das 
Natürliche ein, welche die notwendige Besprechung der sexuellen Themen 
ermöglichte. 

Ich will zu meinem Thema zurückkehren. Manche wunderbare 
Heilwirkung eines Heilmittels geht auf erotische Reizungen zurück. 
So habe ich schon „Neurasthenien" nach länger dauernden Massagen 
der Prostata verschwinden gesehen. 

Es ist erfahrenen Urologen aufgefallen, daß Patienten, die 'eine 
Prostatamassage mitmachen, schwer loszuwerden sind. Sie kommen 
sehr gerne und lassen sich willig quälen. Sie betonen beständig, wie 
schmerzhaft Ulld peinlich ihnen die Massage wäre, aber sie hielten es 
gerne aus wenn der Erfolg nicht ausbleiben werde . . . Und sie kommen 
immer wieder und begehren die unentbehrliche Massage. 

6* 



84 



Erster Teil. Die Onanie. 



Auch die Gonorrhoe-Behandlung mit Sonden kann' bei manchen 
Patienten, die an „Ure t hr a 1-E r o tik" (Sadger) leiden — bei 
denen also die Urethra eine erogene Zone ist — zu erotischen Reizungen 
fuhren. Das erklärt uns die Fixation mancher chronischer Gonorrhoiker 
an ihre Gonorrhoe und ihren Arzt. Onanie durch Einführung von 
Gegenständen in die Urethra ist gar nicht so selten. Jeder erfahrene 
Urologe kennt diese Fälle, welche oft zu schwierigen Operationen 
führen. 1 ) 

In ähnlicher Weise wirken verschiedene andere Massagen, Strei- 
chungen, Reibungen, manche Bäder. Daß Sonnenbäder ein Tummelplatz 
von Menschen sind, welche Exhibitionisten oder bewußt oder unbewußt 
homosexuell sind, brauche ich nicht zu betonen. Weniger bekannt ist 
dies von den Wasserprozeduren, deren erquickende Wirkung in manchen 
Fallen aus den erotischen Anregungen stammt. Ich will hier nicht von 
dem famosen Reibesitzbad von Kühne sprechen, welche Prozedur offen 
eine erotische Reizung bezweckt und einen onanistischen Akt unter der 
Maske einer ärztlichen Verordnung darstellt. Aber die Menschen sind 
glucklich, wenn man ihnen gestattet, sich und die Mitwelt zu belügen 
Es handelt sich ihnen nur darum, das Gewissen zu beruhigen und nach 
dem Prinzipe „Lust ohne Schuld" zu genießen. 

Betrachten wir als Beispiel einer unbewußten erotischen Reizung 
eine Beschreibung der magnetischen Heilungen, wie sie uns Kollege 
Meissner in den „Therapeutischen Monatsberichten" gegeben hat. 

„Wie der Patient — erklärt der Autor — es selber merkt, wenn 
die Elektroden seinen Körper berühren, so wird der „empfängliche 
Patient", der magnetisiert werden soll, nicht mit magnetischen Appa- 
raten, nein, durch den Lebensmagnetismus der streichelnden Hände sehr 
bald in seinem Körper ein ihm fremdes Etwas bemerken, fühlen, ver- 
spüren. Aber man glaube natürlich nicht, daß dieses „Etwas" sich 
ebenso aufdringlich im Körper bemerkbar machen wird wie die Elektri- 
zität, die dem Körper künstlich mit Apparaten zugeführt wird. Es 
zeigt seine Gegenwart vielmehr meist in viel zarterer, milderer Weise 
an, sei es wie ein sanfter Luftzug, ein leiser Wind, der den betreffenden 
Körperteil leise umfächelt, oder wie ein Kribbeln, ein leises Eiii- 
geschlafensein, wie ein Zuströmen von Blut, z.B. unter die Fingernägel, 
und dann wie ein sanfter, warmer, lauer oder auch kühler Strom durch 
einzelne Körperglieder oder durch den ganzen Körper der Gesamtlänge, 
-breite oder -tiefe hindurch, je nachdem die „magnetischen Luftstriche" 



*) Vgl. Schäfer: Ein interessanter Fall von masturbatorischer Handlung. (M. m. W., 
Bd. 63, 1916,' Nr. 52.) — Es ist mir in diesem Werke, das die Psychologie der Onanie 
behandelt, unmöglich, den ganzen Reichtum masturbatorischer Handlungen auszubreiten. 
Die Kombinationen sind so unendlich und so abenteuerlich, daß sie ein besonderes 
Werk füllen würden. Übrigens werden 'die nächsten Bände dieses Werkes zahlreiche 
Beispiele bringen. 



Andere Formen larvierter Onanie usw. 



85 



oder die einzelnen Arten des Handauflegens geschehen. Fast immer sind 
die Gefühle Empfindungen eines hindurchgehenden, meist recht schwachen 
elektrischen Stromes, mit dem Auftreten eines außerordentlichen Wohl- 
gefühls verbunden. Schon manchmal haben wir selbst zur Winterszeit, 
wo oft kaum 13° R Wärme im Zimmer waren, Leute, die vorher vor 
Fieberfrost froren, als ich Sie, wenn dafür empfänglich, selbst bis auf 
Zimmerlänge von mir ab, am halbentblößten Körper magnetisierte, be- 
wundernd gesagt, daß sie wie Sommerwärme in ihren 
Körper eindringen fühlten; andere kranke Personen, die 
über lästige Körperhitze klagten, empfanden beim Magnetisieren an- 
genehmes Gefühl leichter Kühlung. Und nicht zu selten ist es 
mir vorgekommen, daß die Kranken, meist waren es nur speziell Kranken- 
kassenpatienten, denn bei Privatpatienten, die selber zahlen sollen, 
wagte ich aus Furcht vor übler Nachrede meist das Magnetisieren nicht, 
also solche für den magnetischen Körperstrom leicht und schnell emp- 
fängliche Kranke, bei welchen manchmal kaum ein paar Sekunden nach 
Beginn der Strom, von dem ich ihnen nichts sagte (ich erklärte ihnen 
nur ich wollte einmal ihr Hautgefühl prüfen!), schon von ihnen als 
durch den ganzen Körper gegangen konstatiert bzw. nur signalisiert 
wurde plötzlich mit der Erklärung hervortraten, wie merkwürdig es sei, 
daß ihre vorher kalt gewesenen Füße schon ganz warm würden." 

Nun, diese Wunder des Magnetismus sind die Wunder der Liebe 
und der Erotik! Kalte Füße werden auch warm, wenn die fröstelnde 
Frau von ihrem Geliebten umarmt wird. Sie fühlt es dann wie ein 
heißer Strom durch den ganzen Körper rieselt. Die Sexualität kann 
alles! Alle diese scheinbar übernatürlichen Wirkungen kommen durch 
erotische Reizungen zustande. Daß die Sexualität in jeder Form die 
Menschen belebt, wer wollte das bezweifeln? Andrerseits können auch 
derartige Reizungen sehr schädlich wirken, wenn sie Wünsche wecken 
die unerfüllbar sind und die Prozedur nicht zu dem erlösenden Orgasmus 
fuhrt. ^ Ein äußerst lehrreicher Fall meiner Beobachtung zeigt uns 
diese Zusammenhänge in besonders klarer Weise. 

. ,, J ül \ Nr ; 17 ; Eine 37jährige Dame, Frau R. S., sucht mich wegen 
Schlaflosigkeit auf. Sie wünscht hypnotisiert zu werden. Sie schlafe schon 
seit einigen Wochen nicht. Das Schlafbedürfnis sei außerordentlich groß 
Wie sie sym aber ins Bett lege, beginne sie der Gedanke zu quälen: Du 
wirst nicht einschlafen und morgen sehr schlecht aussehen. Wie dieser Ge- 
danke komme, sei es um ihre Ruhe geschehen. Sie werde furchtbar auf- 
geregt und erzwinge schließlich den Schlaf mit einem Gramm Adalin oder 
einem halben Gramm Veronal. „Meine Schlaflosigkeit - erzählt 'sie - begann 
erst, als ich mich an einen Magnetiseur wandte. Ich litt vor 2 Jahren an 
nervösen Magenschmerzen und suchte damals über den Rat einer Freundin 
den Magnetiseur Dr. B. auf. Er magnetisierte mir den ganzen Bauch und ich 
fühlte sofort eine ungeheuer beruhigende Wirkung. Nach 2 Wochen waren die 
Magenschmerzen ganz verschwunden. Ich glaube an den Magnetismus. Demi 
bei Dr. B. ging mir vom Magen aus ein heißer Strom durch den ganzen 
Körper. Ich suchte vor 3 Wochen Dr. B. wieder auf, weil ich an einem 



86 



Erster Teil. Die Onanie. 



Zittern im ganzen Körper und an Herzklopfen litt. Der Arme war schon ge- 
storben. So ging ich zu einem anderen Magnetiseur, Dr. X., der mir ver- 
sprach, mich in einigen Tagen vollkommen zu heilen. Ich war schon furcht- 
bar aufgeregt, wie ich ihn aufsuchte. Ich zitterte am ganzen Körper. Er 
setzte mich in einen Sessel und streichelte mir den ganzen Körper. Er' war 
magnetisch viel stärker als Dr. B. Sofort fühlte ich einen heißen Strom, 
der den ganzen Körper durchrieselte. Es wurde mir heiß und kalt. Dr. X.' 
betonte: „Sie sind für den Magnetismus außerordentlich empfindlich. Sie 
sind ein ausgezeichnetes Medium." Schon am zweiten Tage befahl er mir 
ihm nachzugehen und seine Bewegung nachzumachen. Ich stand unter seinem 
magnetischen Einfluß. Ich tanzte durch das ganze Zimmer, wie es Dr X 
wollte. Aber ich schlief die ganze Nacht nicht. Dr. X. sagte: ,;Das ist die 
Krise. Sie werden jetzt bald gesund werden." Aber meine Aufregung wurde 
immer großer und ich war einmal bei Dr. X. so erregt, daß er die magne- 
tischen Streichungen nicht fortsetzen konnte. Er meinte: „Sie sind heute 
für den Magnetismus zu aufgeregt. Ich werde mit Ihnen ins Kino gehen." 
Wir fuhren dann in ein Kino. Ich saß neben Dr. X. und fühlte so stark den 
magnetischen Strom, daß ich von der Vorstellung nichts wahrnahm." 

Die Vorgeschichte dieser nervösen Erkrankung ist folgende. Frau R. S. 
war schon als kleines Kind sexuell aufgeklärt. Sie onanierte seit den Kinder- 
tagen und onanierte auch mit Freundinnen gemeinsam. Als sie 13 Jahre alt 
war hatte sie ein Verhältnis mit einer Freundin, die ihr den KunnilinguS 
machte. Sie war außerordentlich kokett und hatte keine anderen Gedanken, 

äl^ a Ti 1 P 7 ar T a P hll,e ?" V ■; Sle kS mit Leidenschaf t pornographische 
Bucher. Mit 17 Jahren lernte sie einen Mann kennen, der sie deflorierte und 
sie heiraten wollte. Orgasmus hatte sie nur selten bei ihm, aber das störte 
öie nicht weil sie immer durch Onanie post coitum den Orgasmus erzielte. 
Mit 19 Jahren lernte sie einen andern Mann kennen, der ihr seelisch viel 
besser gefiel. Er machte ihr einen Heiratsantrag. Da er aber Offizier war 
konnten sie nicht heiraten, weil sie nicht die Kaution hatten. Sie lebten 
zufrieden in sehr glücklicher freier Ehe. Sie liebte ihn, weil er ein lieber 
feiner Mann war und sie in jeder Weise verwöhnte. Sie wußte es, daß er 
ihr treu -war und sie sicher heiraten werde, sobald es die Verhältnisse be- 
statten würden. Nun war in ihrem Wesen eine große Wandlung vorgegangen. 
Sie wurde ernst und begann sich mit Kunst und Literatur zu beschäftigend 
Auch freute es sie, daß in letzter Zeit der Orgasmus beim Koitus häufiger 
auftrat als früher. 

Infolge dessen gelobte sie, die Onanie aufzugeben. Dies Versprechen 
hielt sie auch. Es sind schon zwei Jahre, daß sie nicht onanierte. Nach" 
der Onanieabstinenz trat der nervöse Magenschmerz auf, der bald verschwand 
und einer allgemeinen Nervosität Platz machte. 

Das Leiden hängt mit den Verhältnissen des Krieges zusammen. Ihr 
Geliebter stand im Felde. Sie war die ganze Zeit allein mit ihrer Schwester 
und lebte abstinent. Die Versuchung zur Onanie war sehr groß. Sie wider- 
stand aber sehr tapfer. 

Nun war sie aber durch die Lehren des Magnetiseurs Dr. X. in einen 
großen Konflikt gekommen. Dr. X. hatte ihr nach einer Woche gesagt: 
„Ihnen fehlt eigentlich nur ein Mann. Das Nervenleiden kommt von Ihrer 
Enthaltsamkeit." Das hatte sie furchtbar aufgeregt. „Ich wollte — erzählte 
sie mir — nicht wieder onanieren. Um keinen Preis der Welt. Ich war 



Andere Formen larvierter Onanie usw. 



87 



glücklich, daß ich mir das Laster abgewöhnt hatte. Die Worte des Magne- 
tiseurs wirkten auf mich ungeheuer erregend. Die Streichungen beruhigten 
mich nur einen Moment, dann wurde es ärger. Ich lief auf die Gasse und 
es hätte nicht viel gefehlt, ich hätte mich einem fremden Manne hingegeben. 
Ich war rasend vor Aufregung und vor Verlangen. Nun sind alle meine 
Nerven zerrüttet, mein Schlaf ist hin. . . . Helfen Sie mir! . . . Ich kann 
meinem Geliebten nicht untreu sein. Ich nehme mir lieber das Leben. Wenn 
Sie seine Briefe vom Kriegsschauplatz lesen würden. Er will mich sofort 
heiraten, wie er zurückkommt. Und ich soll mir hier einen Geliebten nehmen 
und ihn betrügen!" 

Es gibt wohl keinen schlechteren Rat und der Arzt ist nie berechtigt, 
ihn, zu geben. Denn wäre die Dame nicht im Kampfe mit ihrer Sexualität, 
wäre sie nicht so „moralisch" und neurotisch, sie hätte sich schon den 
entsprechenden Rat selbst gewußt. Hier würde ein Schritt vom Wege den 
inneren Konflikt verschärfen und aus der nervösen Frau eine ganz ge- 
brochene machen. . . . Sie ist fromm, geht täglich in die Kirche, beichtet. 
Sie betrachtet ihr Verhältnis als eine Ehe, was es ja im besten Sinne des 
Wortes ist. . . 

Sie berichtet von jhren schlaflosen Nächten. Sie erzählt dann, daß sie 
ihre Schwester weckt, welche sich an ihr Bett setzt und sie streicheln muß. 
Wir erfahren, daß sie für den Magnetismus besonders disponiert erscheint, 
denn die Haut ist ihre erogene Zone. Der Geliebte erzielt nur dadurch 
Orgasmus, daß sie von ihm vorher lange gestreichelt wird ... Es ist 
eine typische infantile Einstellung. 

Nach einigen Stunden kann ich mir ein Bild von der Entstehung der 
Neurose machen. Es wirkten hier viele Momente zusammen, um das schwere 
Krankheitsbild zu erzeugen. Sie hatte von ihrem ersten Geliebten noch 
immer Nachrichten. Schon bei der Trennung hatte er ihr gesagt, daß er 
immer auf sie warten und nicht heiraten werde. Sie hatte ihm den zweiten 
vorgezogen, weil er materiell besser gestellt war und einen sanfteren Charakter 
hatte. Der erste war jähzornig, spielte, trank hie und da und konnte sehr 
unverträglich werden. Der zweite war sanft und milde. Der Intellekt sprach 
für den zweiten, das Herz für den ersten. Man sieht es häufig, daß rohe 
Männer die Frauen besser an sich binden, sie 'stärker fesseln als die sanften. 
Sie wecken viel mehr die Vorstellung, daß de ein „wahrer Mann" sind. 
Der zweite hatte etwas Weibliches an sich, obwohl er Offizier war. Und 
das spielte in der Neurose eine große Rolle. Ihr psychischer Konflikt war 
momentan, daß sie einen Gedanken verdrängte, der so 'lautete: Wenn dein 
Geliebter im Felde fällt, so bist du frei und kannst den ersten heiraten, 
der ja noch immer auf dich wartet. Doch bist du noch jung und schön, um 
ihm zu gefallen? Der Spiegel sagte ihr täglich: Ja! Sie fürchtete sich 
vor dem Altwerden, vor den Runzeln, vor der Häßlichkeit. Sie hatte deshalb 
nicht auf die Ehe gedrängt, um sich die' Hoffnung auf den anderen noch 
immer zu erhalten. Mit der Ehe wäre dann die Fiktion endgültig zerstört. 
Sie brauchte dieses Stück Realität, um ihre Phantasien daran zu knüpfen. 
An diese Dinge, an den Todeswunsch wollte sie nicht denken. Deshalb trat 
dann die ] Vorstellung auf: Du mußt schlafen und diese Dinge ganz ver- 
gessen. Du solltest den ganzen Krieg verschlafen. Ihr Begehren steigerte 
sich, weil die Abstinenz alle Triebe entfesselte. Nun kam die Suggestion 
des Doktors, der ihr sagte, sie brauche einen Mann. Da ihr Geliebter im 



88 



Erster Teil. Die Onanie. 



Felde stehe, müsse sie sich einen anderen suchen. Sofort fiel es ihr ein: 
Wer sollte der andere sein, wenn nicht der erste Geliebte, den sie nie ver- 
gessen hatte, weil ja kein Weib den Mann vergißt, der ihre Jungfräulichkeit 
genossen und sie in die Liebe eingeführt hat?! 

Da trat die Zwangsvorstellung auf: Du wirst nicht schlafen können 
und morgen schlecht aussehen. Du wirst alt aussehen! Sie mußte sich ja 
für den anderen jung erhalten. ... Sie klammerte sich an diese Zwangs- 
vorstellung, sie hatte nun den ganzen Tag keinen anderen Gedanken als: 
Schlafen. . . Schlafen hieß: den ganzen Konflikt vergessen. 

Ein zweiter Antrieb kam aus dem Infantilen und aus der Homo- 
sexualität. Unvergeßlich war ihr die Zeit, da sie von der Freundin durch den 
Kunmlingus befriedigt wurde. Das Zusammenwohnen mit der Schwester 
mußte sie auf den Wunsch bringen, von der Schwester befriedigt zu werden. 
Spontan sagte sie mir: „Ich glaube, es ist nicht gut, daß ich mit der 
Schwester zusammen wohne. Wir streiten den ganzen Tag und nachts rufe 
ich sie, damit sie mich wie ein Kind streichelt und beruhigt. Ich kann aber 
nicht allem sein. Ich brauche immer einen Menschen, der bei mir ist. Woher 
Hatte ich einen solchen Menschen nehmen können?" 

Ich habe keine weiteren Erfahrungen über das Schicksal' der Patientin 
Ich glaube aber annehmen zu können, daß sie zu dem Magnetiseur zurück- 
gegangen ist, da sie mir in der letzten Stunde versicherte, der Magnetiseur 
habe ihr doch gut getan. Wenn der Doktor nicht von dem Mangel an 
Befriedigung gesprochen hätte, so wäre sie dort gesund geworden. Ich ver- 
mutete gleich, daß die Neigung zu Dr. X. sie wieder in seine Hände treiben 
werde Denn sie erzählte mir unglaubliche Dinge über seine Stärke und seine 
Macht Was sie aber nicht sehen will, ist, daß sie den Tod des Geliebten 
wünscht und den Anderen liebt, Sie zittert, wenn ein Brief kommt Sie 
zittert, wenn sie die Verlustlisten liest. Man könnte sagen aus Liebe und 
Angst um den Geliebten. Das ist ja die Komödie, die sie sich vorspielt 
Sie braucht einen energischen Mann, weil sie fürchtet, der Liebe zum Weibe 
zu erliegen. 

Läßt man sich "von dieser Patientin die Einwirkung des Magne- 
tiseurs schildern, so erkennt man sofort, daß seine Streichungen die 
im Zustande libidinöser Erwartung befindliche und durch eine besonders 
erogene Haut ausgezeichnete Dame in besondere Erregung versetzten. 
Durch die Abstinenz und das Aufgeben der Onanie war ihr eine regel- 
mäßig zuströmende Lustquelle entzogen worden. Sie hatte es ver- 
standen, die Libido fast ganz auf den heterosexuellen Verkehr 2u über- 
tragen. Nun stellte sie die Abstinenz vor neue schwere Aufgaben. Sie 
sollte auf Onanie und Koitus verzichten. Die streichelnde Hand des 
Magnetiseurs weckte so viele heiße Wünsche, daß sie schlaflos wurde. 
Dazu kamen noch die Aufklärungen und Andeutungen auf Heilungs- 
möglichkeiten durch den Verkehr mit anderen Männern, so daß die 
ohnedies übererotische Frau vollkommen aus dem Gleichgewichte ge- 
bracht wurde. Die Vorlust des heißen Stromes, den die erotische 
Reizung des Magnetiseurs erzeugte, genügte ihr nicht mehr. Sie ver- 
langte nach mehr. Diese Dame war eine fanatische Anhängerin der 






Andere Formen larvierter Onanie usw. $9 

Massage. Sie hatte sich schon die verschiedensten Schmerzen „weg- 
massieren" ■ lassen. Masseusen wirkten auftsie sehr erregend, sie war 
dann wie im Fieber. 

Wie viele Massagen mögen auf diese wunderbare Weise wirken? 

Ich möchte noch die erotisierenden Streichungen bei der Hypnose 
und die sexuelle Wirkung der Wachsuggestion erwähnen, welche bei 
masochistisch veranlagten Personen sogar zu Orgasmen führen können. 
Die Hypnose wirkt als Unterwerfung unter den Partner auf dem Wege 
der Faszination (Ferenczi) und wird oft von gewissenlosen Hyp- 
notiseuren in sexueller Absicht mißbraucht. Freilich sind die Schilde- 
rungen hysterischer Damen, die behaupten, sie wären in der Hypnose 
„vergewaltigt" worden, nur mit großer Vorsicht aufzunehmen. Sie 
ersetzen oft ihre Erwartungen und Phantasiebilder durch erdichtete 
Realitäten, um sich an dem Hypnotiseur zu rächen, der ihren Er- 
wartungen nicht entgegengekommen ist. Es läßt sich aber nicht be- 
streiten, daß hypnotische und sogar spiritistische Seancen als erotische 
Reizung wirken können. 1 ) 

Eine große Rolle spielt die erotische Reizung bei einem neuen 
Apparate, der glänzende Erfolge erzielen soll, bei dem sogenannten Entcro- 
kleaner. Es handelt • sich um ein in einem Bade verabreichtes Klysma, bei 
dem große Wassermengen zur Verwendung gelangen. Es werden 15— 20 Liter 
Wasser und darüber hinaus durchgespült. Die Wirkung bei Obstipation und 
bei anderen Erkrankungen des Darmes soll außerordentlich günstig sein. 
Bei dieser therapeutischen Wirkung spielen aber auch erotische Reizungen 
eine große Rolle, wie ich dem Buche des Privatdozenten Dr. Anton Drosch 
„Das subäquale Innenbad", II. Auflage, Franz Deuticke, Leipzig und Wien 
1912,. entnehme. 

So schildert Brosch die Wirkung seines Enterokleaners folgendermaßen : 

.„Auf der Anal- und Rektalschleimhaut kommt nur die höchst 
angenehme, leicht prickelnde Empfindung einer Massage durch einen 
Flüssigkeitsstrom zur Geltung, in ähnlicher Weise, wie wir dies auf 
der äußeren Hautoberfläche beim Anprall eines Wasserstromes emp- 
finden. Augenscheinlich besitzt die Rektal- und Analschleimhaut be-" 
6onders sensible Nerven, welche uns dieses ausgesprochene Lustgefühl 
besonders intensiv empfinden lassen. Hervorgehoben werden muß, daß 
diese Lustempfindung ganz verschieden ist von einer Erregung ge- 
schlechtlicher Natur. Bei Anwendung von kühlem und kaltem Innen- 
badewasser macht sich sogar im Gegenteil auf die Geschlechtsorgane 
eine ungemein beruhigende Wirkung geltend." 

„Das kühle subäquale Innenbad ahmt gewissermaßen künstlich 
die Orgasmusmechanik nach; es verschafft uns alle physischen und 
psychischen Vorteilendes Orgasmus ohne die Nachteile des Koitus." 

„Dieser künstliche Orgasmus sine usu genitalium gibt uns auch 
flen Schlüssel in die Hand zum Verständnis der so überaus erquickenden, 



') Vgl. „Der Psychographißmus und seine Polgen". (Med. Klinik, 1919, Nr. 47.) 



90 Erster Teil. Die Onanie. 

erfrischenden und stärkenden physischen und psychischen Wirkung de6 
subäqualen Innenbades." 

„Wenn es für Zweifler noch eines Beweises bedürfte, daß dieser 
künstliche Orgasmus fast identisch ist mit dem natürlichen Orgasmus, 
so kann dieser Beweis sofort erbracht werden durch zwei dem natür- 
lichen und künstlichen Orgasmus in gleicher Weise zukommende Eigen- 
schaften, nämlich erstens das köstlichste Wohlgefühl und zweitens den 
völligen Libidomangel nach der Prozedur." 



Ich konstatiere mit Befriedigung, daß der Autor den Mut gefunden hat, 
für die Heilwirkung der Sexualität einzutreten. Jede Ehrlichkeit ist ein 
Fortschritt. Und ich kann es mir lebhaft denken, daß der Arzt oft in die 
Lage kommen wird, ein solches Bad zu verordnen, mit der bewußten Ab- 
sicht, einem armen gequälten Menschen zu -einem Orgasmus zu verhelfen, 
ohne sich die Tatsache zu verschleiern. Denken wir nun an das Heer von 
Stuhlhypochondern, denen der Anus tatsächlich der „Mittelpunkt der Welt" 
bedeutet. Aber man wird sich wohl hüten müssen, dem Kranken diese 
erotischen Reizungen zu versprechen. Sie müssen ihm heimlich gegen seinen 
Willen zugeführt werden. 

Ich kann aber nicht verschweigen, daß diese Reizungen auch eine 
gewisse Gefahr in sich bergen. Es wird gewiß viele Menschen geben, die 
sich nach solchen Orgasmen schlechter fühlen werden, in denen eine mächtige 
Übermoralitat selbst gegen diese „subcutanen" Lustempfindungen, revol- 
tieren wird. Wie in allen Fällen, so mag erst bei einem so mächtigen Heil- 
mittel der Satz gelten: Eines schickt sich nicht für Alle! Eine viel größere 
Gefahr besteht aber in der Gewöhnung. Bekanntlich brechen die schweren 
Iseurosen erst aus, wenn uns eine Lustquelle entzogen wird. Brosch sieht 
jetzt die Wunder der sexuellen Befriedigung. Er wird bald die Schrecken 
der Abstinenz 'sehen. . . . Denn solche Prozeduren erzeugen doch keine 
Dauerwirkung! Er erzielt vorübergehend glänzende Erfolge. Zugegeben. 
Aber was geschieht mit den armen Patienten, wenn diese Orgasmen aufhören? 
Jede Lust verlangt nach Wiederholung und sogar nach Steigerung. Die 
Patienten werden sich an den Enterokleaner gewöhnen, sie werden Sklaven 
des Enterokleaners werden. 

Über das Kapitel erotische Reizungen als Heilfaktor wäre noch 
sehr viel zu sagen. Wie viele Erfolge kommen in Sanatorien und in 
der Praxis durch Übertragung zustande? Doch dies Kapitel wäre 
endlos, wollte man versuchen, es zu erschöpfen. Ich habe in diesen 
Ausführungen nur- einige Beispiele geben wollen. Ich halte es für 
würdiger und richtiger, wenn die Ärzte sich darüber klar sind, daß 
sexuelle Reizungen Heilmittel sein können, als daß sie sich ebenso 
wie den Kranken täuschen. Sie sollten wenigstens verstehen, wie die 
schönsten Heilerfolge zustande kommen. 

Diese Frage interessiert mich auch von einem anderen Standpunkte. 
Ich trete immer wieder für die Unschädlichkeit der Onanie ein. Diese 
Prozeduren werden meistens als onanistische bezeichnet. Wenn man 
auch alle onanistischen Akte als autoerotische auffaßt, Massagen aber 



Andere Formeu larvierter Onanie usw. gj 

schon nicht mehr autoerotisch sind, so hat man sich schon gewöhnt, 
bei diesen Vorgängen von Onanie zu sprechen. Wir sehen hier die 
Onanie als Heilfaktor. An der Onanie hängt das Odium von Jahr- 
tausenden. Eine medizinische Prozedur umgeht dieses Odium. Sie 
macht aus dem gleichen Reize einen Heilfaktor und erspart dem Kranken 
die Vorwürfe und die Belastung durch das Schuldbewußtsein. Hat der 
Enterokleaner diese wunderbaren Erfolge, so ist nicht einzusehen, 
weshalb eine onanistische Prozedur nicht den gleichen Effekt haben 
sollte. Der Kranke könnte ja die Analschleimhaut auf eine andere 
Weise reizen. . . 

In der Tat, derartige Fälle sind nicht selten. Wenn ich aus der . 
Fülle meiner Erfahrung einen einzigen herausgreife, so geschieht das, 
weil er in das Kapitel der unbewußten Onanie gehört und weil er einen 
interessanten Beitrag zur Frage „Wie kommen die therapeutischen 
Erfolge zustande?" liefert. 

Ich kannte einen Spezialarzt, der immer darauf verwies, wie häufig 
die Neurasthenie eine Folgeerscheinung der chronischen Gonorrhöe sei. 
Man treffe unter den Neurasthenikern immer einen großen Prozentsatz 
von Menschen, die eine schwere Gonorrhöe überstanden haben oder 
noch daran laborieren. Speziell chronische Prostatitis sei so häufig in 
der Anamnese und im Befund der Neurotiker, daß er sich nicht 
wundere, daß viele Spezialärzte an diesen Zusammenhang- glauben und 
eine toxische Theorie der Neurasthenie aufgestellt hätten. 1 ) 

Dieser Kollege erzählte mir von wunderbaren Heilungen, welche 
bei Neurasthenikern nach einer lange fortgesetzten Prostatamassage 
zu beobachten wären. Nun habe ich schon die Erfahrung erwähnt, daß 
Menschen mit unterdrückter Homosexualität mit ihrem Tripper nie 
fertig werden und immer wieder zum Arzte laufen. Gar nicht so selten 
wird aus Anlaß der gonorrhoischen Infektion das Weib mit Ekel belegt 
und die bisher latente Homosexualität wird manifest. 

Ich hätte also gerne diese Erfolge kontrolliert, da ich a priori 
die Ansicht hatte, es müßten auch erotische Einflüsse den Erfolg 
zeitigen. Nun führte mir der Zufäll einen Expatienten des Kollegen 
zu, der mich wegen Platzangst in seine Wohnung bitten ließ. 

Fall Nr. 18. * Herr Adam leidet seit einem Jahre an Platzangst und 
kann das Zimmer nicht verlassen. Er erzählt eine lange Krankengeschichte, 
in der anale Beschwerden, Obstipation, Analkrämpfe, Analfissuren neben 
einer Neurasthenie und einer Gonorrhöe besonders betont werden. Er hat 
mich bitten lassen, weil er hörte, ich wäre ein geschickter Hypnotiseur und 



*) Über den Zusammenhang von Prostatitis und Neurasthenie vgl. „Nervüse 
Ang6tzustände", S. 45, 3. Aufl., und Max Marcuse: „Über atonische Prostatitis." Med. 
Klinik, 1912. 



92 



Erster Teil. Die Onanie. 



könnte ihm seine Platzangst „wegsuggerieren". Er wäre schon bei einigen 
berühmten Hypnotiseuren gewesen, habe aber gleich gemerkt, daß er es mit 
Schwindlern zu tun hätte (denn er hätte „alle Bücher über Hypnose" gelesen). 

„Wie haben Sie das erkannt?" 

„Sehr einfach. Im Vorzimmer sind schon einige Leute hypnotisiert 
gelegen und haben geschlafen. Ich bin ja nicht so dumm. . . Ich bin gleich 
davongerannt." 

Der erfahrene Analytiker merkt sofort, daß der Patient Angst vor 
der Hypnose hat und sich vor dem Hypnotiseur fürchtet. Er stellt sich nur 
so, als ob er sich hypnotisieren lassen wollte, wird aber immer ein Motiv 
finden, sich mit dem Hypnotiseur nicht einzulassen. 

Ich mache dem Menschen klar, daß er sich wahrscheinlich gar nicht 
werde hypnotisieren lassen. Er habe jetzt schon alle Werke über Hypnose 
gelesen, aber nicht um sich zu informieren, sondern um sich gegen Jen 
Hypnotiseur zu schützen. 

„Das sage ich Ihnen gleich! . . ." ruft der Kranke aus. „Mir werden 
Sie nie etwas suggerieren können, was mir nicht paßt. Das ist meine ein- 
zige Furcht. Sie könnten mir etwas suggerieren, was mir unangenehm oder 
gefährlich werden kann." • 

„Und was wäre das?" 

„Zum Beispiel einen sexuellen Akt, der mir nicht paßt . . . ." 

„Was für einen sexuellen Akt? Drücken Sie sich näher aus!" 

„Einen homosexuellen Akt." 

.... Jetzt wußte ich, warum der Kranke die Hypnose suchte und 
fürchtete. Er sehnte sich nach einem homosexuellen Akt. Aber dieser sollte 
in der Hypnose nach dem Prinzip'e „Lust ohne Schuld" vor sich gehen. 
Andrerseits fürchtete er sich davor. Er stand unter der Herrschaft von 
zwei widerstrebenden Seelenströmungen. 

Nun zu seiner Krankengeschichte. Er war immer ein Stuhlhypochonder. 
Schon diese Beschäftigung mit der analen Zone beweist, daß der Anus mit 
seiner Erogenität intime Beziehungen hatte. Er hatte lange onaniert. Der 
Anfang nicht erinnerlich. Mit 24 Jahren begann er zu Frauen zu gehen 
und mit 40 Jahren hatte er das Unglück, sich eine Gonorrhöe zu holen 
die nicht heilen wollte. Das Wort: „Die Gonorrhöe ist ein Prüfstein der 
schwachen Gehirne" bewahrheitete sich bei ihm. Er wurde schwer krank 
und bekam alle möglichen Angstzustände. Er sah immer Komplikationen, 
lief immer wieder zum Arzte und verlangte, daß etwas gemacht werde. 
Die Gonorrhöe heilte schließlich, aber die nervösen Beschwerden, besonders 
Angstzustände unbestimmter Natur, Herzklopfen, Schlaflosigkeit blieben. Da 
wurde ihm ein berühmter Spezialist empfohlen, der eine Entzündung der 
Prostata konstatierte und ihn durch drei Monate massierte. 

Während dieser Zeit ging es ihm glänzend. Er verlor alle Beschwerden 
und blühte auf. Er verlor alle Angstgefühle und konnte seinen Wunder- 
arzt nicht genug preisen. Er hätte am liebsten die Behandlung ewig fort- 
gesetzt. Doch eines Tages erklärte ihm der Doktor, er wäre jetzt genesen, 
man dürfe nicht mehr massieren. Er war -darüber sonderbarerweise nicht 
sehr erfreut. Und schon nach einiger Zeit traten neue Beschwerden auf und 
er suchte den Spezialisten wieder auf. Dieser jedoch untersuchte ihn und 
meinte, die Prostata wäre jetzt vollkommen geheilt, die Beschwerden wären 
rein nervöser Natur und verwies ihn an einen Nervenspezialisten. Dieser 



v 



Andere Formen larvierter Onanie usw. 93 

war ihm sehr unsympathisch und er blieb lieber ohne jede Behandlung. Aber 
bald, nach einigen Wochen, trat die Platzangst auf und er konnte nicht 
mehr sein Haus verlassen, es sei denn, daß er von seinen Freunden geführt 
wurde, wie zu dem berühmten Hypnotiseur. 

Die Entstehung der Platzangst war folgendermaßen zu erklären. 
Durch die Prostatamassage war eine vorübergehende Befriedigung seiner 
analerotischen Triebkräfte zustande gekommen, welche die Besserung seines 
Zustandes herbeiführte. Die plötzlich einsetzende Abstinenz erzeugte wieder 
eine Verschlimmerung. Seine Angst vor der Straße war die Angst vor der 
homosexuellen Gefahr, welche zugleich sein Verlangen war. Die Angst war 
al60 eine Sicherung gegen die homosexuellen Triebkräfte. 

Zu ergänzen ist, daß der Kranke immer die anale Onanie durch Ein- 
führen eines geölten Glasstabes ausgeführt hatte. Beim Koitus hatte er nur 
sehr geringen Orgasmus, während der Orgasmus bei der analen Onanie sehr 
stark war. 

Die Prostatamassage war also die Wiederholung seiner überwundenen 
Onanieperiode und mußte wieder das Verlangen nach der infantilen Form der 
Befriedigung wecken. Er .war ein Mensch, der ohne den Irrigator nicht leben 
konnte. Wenn die Beschwerden zu arg waren, so machte er sich immer eine 
Irrigation. Es war dies die larvierte Form seiner Onanie. Nachher fühlte er 
sich immer angenehm entspannt und erleichtert. 

Die Hypnose sollte seinen Widerstand gegen einen homosexuellen Akt 
brechen. Von ihr erhoffte er, das nochmals zu erleben, was er durch die 
Prostatamassage empfunden hatte. Der Arzt sollte auch der Arzt seiner 
sexuellen Not sein . . . ; 

Er erzählte einen typischen Traum: 

Ich bin auf der Straße. Da merke ich, daß mir jemand von. hinten 
nachgeht. Ich laufe vor lauter Angst davon. Es könnte ja ein Räuber 
sein. Da fühle ich, wie ein heißes scharfes Schwert mich hinten berührt 
und erwache mit Schrecken. 

Eine Analyse dieses Traumes ist überflüssig. Das Schwert ist als ein 
phallisches Symbol aufzufassen. 

Ich. habe schon betont, daß die erotische Reizung des Arztes das 
Schuldgefühl umgeht, das sich sonst an den autoerotischen Akt knüpft. 
Die Frage der Onanie ist nicht zu verstehen, wenn wir nicht die Genese 
dieses Schuldgefühles kennen. 

Bevor wir zur Analyse des Schuldbewußtseins des Onanisten über- 
gehen, müssen wir noch ein wichtiges Moment hervorheben. Die Onanie 
ist immer eine Regression (Freud) auf infantile Lustquellen. Sie ersetzt 
sogar die erste und stärkste Lust des Menschen: die Säuglingslust. Ich 
habe wiederholt bei den Onanisten Phantasien konstatieren können, 
daß der Penis die Amme sei, die gemelkt werde. Der onanistische Akt 
bei Männern wird häufig als ein Melken bezeichnet. In meinem Buche 
„Die Sprache des Traumes" finden sich bei den Ammen- und den Onanie- 
träumen genügend Bestätigungen für diese Behauptung. 



94 



Erster Teil. Die Onanie. 



Wir können schon aus diesen Ausführungen ersehen, daß es 
Menschen geben wird, denen die Abgewöhnung von der Onanie unmög- 
lich ist. Bei anderen geht diese Entwöhnung leicht vor sich. Diese 
Menschen haben schon mit Phantasien aus dem normalen Geschlechts- 
leben — wenn ich mich zum Verständnis so ausdrücken darf — onaniert 
Die Onanie war für sie nur ein Surrogat des Erreichbaren, aber damals 
noch nicht Erreichten. ; 

Diese Menschen haben auch für gewöhnlich wenig Schuldbewußt- 
sein, das ja sonst im Leben der Onanisten eine so große Rolle spielt 

Wir erleben da merkwürdige Überraschungen. Es kommen Kranke 
zu uns, die sich wegen der Onanie die heftigsten Vorwürfe machen. Man 
klart sie auf und sagt ihnen: Eine mäßig betriebene Onanie ist un- 

™t. ^ ber Sie bleiben "ÄnWg und machen sich weiterhin Vor- 
wurfe. Wir begreifen diesen Vorgang, wenn wir wissen, daß sich diese 
Vorwurfe auf die begleitenden Phantasien beziehen. Wir decken alle 
diese Phantasien in der Analyse auf und merken, daß die Vorwürfe noch 
immer nicht weichen wollen. Endlich merken wir, daß eine Affektver- 
schiebung stattgefunden hat. Die Onanie hat eine Reihe 
von Vorwürfen übernommen, die bewußtseins- 
remd sind, weil sie viel p ei nlich e r si n d, als die 
Vorwürfe wegen der Onanie. Die Onanie ist ein 
Nährboden für alle Vorwürfe. Sie ist das Schuld 
reservoir für alle Schuld. Sie ist gewissermaßen 
das Symbol der Schuld.- 

Daß die Onanie von dem einen glänzend vertragen wird, von dem 
anderen nicht, das hängt nur davon ab, ob sich mit ihr ein Schuldbe- 
wußtsein verbindet oder nicht. Wo sich Schuld an die Onanie hängt, 
da treten alle jene Erscheinungen auf, die wir als Folgen der Onanie 
beschrieben bekommen. Wo die Schuld fehlt, bleiben diese Symptome 
der Neurose aus. Es ist von großer Bedeutung, dies Phänomen der 
Schuldverschiebung zu kennen. Wir können ja die Erfahrung fast täg- 
lich in unserer Sprechstunde machen. Die Patienten geben die Onanie 
zu. Aber das letzte Mal vor drej Jahren u. dgl. Später erfährt man, daß 
der letzte autoerotische Akt vor einem Tage stattgefunden hat. Ähn- 
lich verfahren die Kranken bei einer Gonorrhöe. Sie haben die Tendenz, 
den schuldigen Koitus zurückzudatieren. 

Dies Prinzip der Verschiebung in die Vergangenheit spielt eine 
große Rolle bei den Zwangsvorstellungen. Ein Beispiel für viele. Eine 
Dame machte sich Vorwürfe, sie hätte vor 20 Jahren' einen Abortus 
ausführen lassen. Zwanzig Jahre lebte sie in Ruhe und Frieden und 
plötzlich taucht der alte Vorfall auf und macht sie schlaflos. Notabene 
hatte sie damals den Abortus auf den Rat ihres Hausarztes durchführen 



•1 



Andere Formen larvierter Onanie usw. 95 

lassen. Die Analyse ergab, daß sie nach einer Krankheit ihres Mannes 
erkrankt war. Man möchte nun glauben, das sei die Folge der auf- 
opfernden Pflege und der Sorgen. Im Gegenteil! Sie hatte während der 
Krankheit des ungeliebten Mannes den verbrecherischen Wunsch: 
„0, möchte er sterben, daß ich nun frei über sein Vermögen verfügen 
könnte," Dieser Wunsch war verdrängt worden! Der Affekt jedoch 
suchte einen Punkt, wo er sich im Bewußtsein festsetzen konnte. Die 
Schuld ließ sich nicht betäuben. Sie durchforschte die Vergangenheit. 
Hatte sie nicht einmal einen Mord begangen? War ein Abortus nicht 
ein Kindermord ? Und waren die Todeswünsche gegen den Gatten nicht 
ein Äquivalent eines Mordes? Mord für Mord. So knüpfte sich das 
Schuldbewußtsein, das aktuellen Anlässen entsprang, an einen fast ver- 
gessenen Vorfall und füllte ihn mit frischen Affekten. 

Ähnlich geht es den Menschen mit der Onanie. Sie suchen in der 
Vergangenheit nach einem Vorfall, der ihnen gestattet, ihr Schuldbe- 
wußtsein zu fixieren. Dazu ist die Onanie besonders geeignet. Denn 
kein zweiter Vorgang führt uns den Kampf 
zwischen Trieb und Hemmung so deutlich vor 
Augen. Die Onanie ist das Symbol für den Kampf 
zwischen Trieb undHemmun g. 1 ) Sie wird zum 
Verbotenen und Sündhaften schlechtweg. Deshalb 



) Die Kranken gestehen un6 diese Verhältnisse, wenn wir ihre geheime Sprache 
genau verstehen. So sagte mir eine an Zwangsneurose leidende Dame, die an der 
Vorstellung litt, sie werde ihren Vater oder ihre Mutter umbringen, nach einem auto- 
erotischen Akte folgende Worte: „Ich habe gestern nach zehn Jahren 
das erste Mal wieder onaniert. Jetzt habe ich eine entsetz- 
liche Angst. Ich denke mir, daß ich jetzt auch den Mord- 
impulsen nachgeben werde, weil ich mich bei der Onanie auch 
nicht beherrschen konnte." 

Diese Kranke war vor der Analyse arbeite- und lebensunfähig. Der ganze Tag 
verging im Kampfe gegen die Mordimpulss. Sie konnte das Zimmer nicht mehr ver- 
lassen und ging nie allein über die Straße. Jetzt ist sie selbständig in einem Büro 
tätig, wo sie tagelang allein arbeiten muß. Wie die Analyse ihrer Träume nachweisen 
konnte, hatte sie die ganze Zeit über bei Nacht onaniert. Aber sie wußte von der 
Onanie nichts und brauchte sich keinerlei Vorwürfe darüber zu machen. Sobald sie 
gesund wurde, fing sie an, hie und da bei Tage zu onanieren. Es war eben ein Teil 
ihrer Phantasien dem Bewußtsein wieder zugänglich. — Ich kümmerte mich bei der 
Analyse um die Onanie gar nicht. Ich erklärte ihr nur, daß die Onanie unschädlich 
sei und daß ihr Schuldbewußtsein anderen Motiven entspringe. Diese Kranke hatte 
6ich in der Beherrschung der Onanie eine gewisse Beruhigung geholt. Wenn du 
-nicht onanieren mußt, so wirst du auch nicht töten. Als sie in- 
folge der Analyse ihre Mordgedanken als ein harmloses Spiel ihrer überhitzten Phantasie 
durchschaute und sich nicht mehr vor ßich selbßt fürchtete, konnte sie wieder „bewußt" 

•nanieren. 

r 



96 



Erster Teil. Die Onanie. 



buchten die Belehrungen über die Schadlosigkeit autoerotischer Vor- 
gange gar nicht. Die Vorwürfe entstammen ja anderen Quellen und 
können nur an diesen Quellen gefaßt und in das richtige Strombett 
geleitet werden. 

Die Menschen haben ja alle einen Denkfehler, der sich nie ganz 
ausmerzen laß . Es * dies das teleologische Denken. Die Religion hat 
den Geschlechteak in den Dienst der Menschheit gestellt. Der lust- 

FoTlT a 7't f ?"*■ Wem CT nicht dem höhe ™ Zwecke der 
Ä^T " Sem teleoIo « isohen Si ™ « die Onanie eine 
seh chtTakl S25* ™ n : ertV0,len, Material - Dcr achtbare Ge- 
Ona^e aber NT T 6m f eM *" """»tf«* «Aeiligten Akt. Die 

dTZ den F „ w Und , belastet das 0**«« *s Kulturmenschen. 

Da, wäre die tZf fTtä We6hal ° ? "**' ^kommen kann. 
Uas wäre d le teleologische Quelle des Schuldbewußteeins 

Andrerseits erfüllt das Schuldbewußtsein eine wichtige Funktion 

SÄaS?'*^* f ede Lust hat das ihr '— t 

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tu, /de, V , ! lhl ' eS Lusteharak ters. Sie strebt in die Rich- 

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Diese Stagepmg wäre aber bei der Onanie schwer möglich RaTZ 

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zuerst ausgesprochen, „daß wir uns die Lust dim* sm,„# • 

Widerstände erhöhen wollen". Alles, ^g ^E 

können, ist uns keine Lust mehr. Wir alle suchen dZ^S-Ö 

Wr sind eigentlich alle Kämpfernaturen, denen der C*& 

XTlt ' T. KU ! tUr m$ ni ° ht Gel6genhdt z ™ Kamp nach 
außen gibt so wendet sich der Kampf nach innen. Wir schaffen I 

künstliche Widerstände, um sie überwinden zu können u„d sofe Be 
deutung des Sieges zu vergrößern. Dadurch, daß die Onanie 
$;$)■ ' St ' " hSlt "« ^ •*»'>.%. Lust«* 

So wird das Schuldbewußtsein bei der Onanie 
zu einem stimulierenden Faktor. Wir kö nnen 
auch hier die Bipolarität aller seelischen Ph ä 

R^zTnd d?r R Chten - D ' * = ""'""" Wird »» 
Re ' Z U " d d " Eeiz zur Hemmung. Jeder onanistische 

Man Im ^rt*'*™^ ■** Waffen, Lust ohne Hemmung Z u vertrag» 

bcnaaen, weil sie den Sexualverkehr zur Sund« monht* m r ,;, ., " B 









Andere Formen larvierter Onanie usw. q 7 

Akt wird zu einem Kampf spiel mit einem hohen Einsatz. Es ist der 
Entwertung durch allzuhäufige Wiederholung eine Schranke gesetzt. 
Das Schuldbewußtsein funktioniert dann automatisch; es steigert die 
Lust und schützt gegen das Übermaß. 

Wenn wir aber diese komplizierten Verhältnisse überdenken, die 
Onanie als Schulreservoir und die Schuld als stimulierenden Paktor, so 
wird es uns klar, daß bloße Belehrung über die Unschädlichkeit der 
Onanie den an Angst vor den Folgen der Onanie Erkrankten keine 
Ruhe bringen kann. Oder nur eine vorübergehende Ruhe, wie sie der 
Hypochonder genießt, wenn der Arzt ihm versichert, er wäre voll- 
kommen gesund. Nach einigen Stunden oder Tagen kommt das Schuld- 
bewußtsein wieder, und der Kranke beginnt neuerdings zu zweifeln 
und zu fürchten: Die Onanie müsse doch schädlich sein. Es stehe ia 
in den Büchern. Sein eigener Verstand sage es ihm usw 

Man kann nämlich sehr häufig beobachten, daß Menschen zu 
onanieren aufhören, ohne daß sie von fremder Seite vor den Folgen der 
Onanie gewarnt wurden. Eine innere Stimme sagt ihnen plötzlich: 
..Mache das nicht; es ist eine Sünde und sehr gefährlich!" Manchmal 
sind ehalte infantile Imperative, welche sich wieder melden und als 
neue Überlegungen imponieren. Manchmal jedoch ist es die Angst vor 
der Lust, die den modernen Kulturmenschen nie verläßt. Auch hier 
klammert sich ein aus anderen Triebkräften stammendes Schuldbewußt- 
sein an die Onanie. Eine Stimme, die auch bedeutet: „Du bist all die 
Lust nicht wert!" Eine geheime. Strafe des inneren 
Kichters trifft den Menschen dort am schwersten 
wo seiner die höchste Lust harrt*: Bei der Onanie 
«MW i ° dleSe kranken Menschen kann nur die ^alyse oder eine tiefe 
Surol IT" 18 V n-*? drückenden Schuldbewußtsein und von der 
Neurose befreien. Die Onanie ist nur der Boden, auf dem sich der 

sÄzt v t anstem ' Begehrtem und «ÄS SÄ 

bie rührt dem Menschen immer wieder seine Schwäche vor Augen und 
zwingt ihn zu Abwehraktionen und Schutzmaßregelungen Z u Sperr" 
gen und Sicherungen. Sie ist aber seine beste Sicheinmg gegen I 
Aktivierung der Paraphilien. So lange er onaniert, kann er auf di 
Ausfuhrungen seiner Phantasien verzichten 

... A ™ alhr \ "*5J Ausführungen geht also hervor, daß ein an und 
für sich harmloser Akt teils Ursache einer Neurose werden, teils in 
der Dynamik der Neurose eine große Rolle spielen kann. 

Ich möchte auch einige Worte über die Behandlung und Pro- 
phylaxe der Onanie sprechen. Die Kinderonanie hört von selbst auf und 
erfordert gar kein Einschreiten von Seite der Eltern. Lächerlich ist 
es, mit Abschneiden des Gliedes, Schlägen, mit Krankheit zu drohen 

Stekel, Störungen den Trieb- und Affektlebens. n. 2. Aufl. 17 



98 



Erster Teil. Die Onanie. 



und das empfindliche Kinderherz mit Angst zu erschüttern.- Man sorge 
dafür, daß das Kind nicht zu vielen Reizungen bei der Kinderpflege 
ausgesetzt wird, obwohl ich im Gegensatz zu Sadger nicht der Ansicht 
bin, die Kinderpflege sei die alleinige Ursache der Onanie. Bekanntlich 
onanieren auch Hunde und Affen und manche andere Tiere, bei denen 
diese Momente nicht in Frage kommen. Wir sorgen also dafür, daß 
das Kind keinen erotischen Reizungen ausgesetzt wird, beschäftigen 
es intensiv durch anregende Spiele und übersehen wissentlich die ver- 
schiedenen autoerotischen Handlungen 

Die Onanl^M ^ T? **" ** *"*» SP ° ntan ZU *»*— "* 
*tt hattTdt ?; e 7 ffenbar eine ^Wtee Funktion In der Säuglings- 
zeit hatte das Kind eine unerschöpfhehe Quelle der Lustgefühle im 

IZ s kZZ^ ^ S - Die Entwöhnung ist ein schwe - Tra - 

Nach Z Fntw"! hem ^ gslos seine L ^> wo es sie eben findet. 

Nach der Entwöhnung wird die autoerotische Tätigkeit stärker betont. 

KamprTea dtt ^- ^^ Wie v *ngnisvolI der 

.Kampf gegen die Onanie, den die Erzieher mit den ungeschickteste 
Mitteln dui^hführen, auf die Psyche des Menschen whtafaS t fe 
Dynamik der Neurose hat das Onanieverbot als Repräsentant de 
Verbotenen eine große Bedeutung. Viele schwere Neurosen ge ien au 
die Drohungen der Eltern zurück. Man erstaunt immer wieder übe 
die absonderlichen Ideen, auf welche Erzieher verfallen, um den Kindern 
die Onanie abzugewöhnen! Ein Vater läßt seinen Sohn ..bei seinem 
Leben schworen, daß er nicht mehr onanieren werde; der Sohn erlieft 
bald d e r Versuchung und fühlt sich dann als Vatermörder. ZaS 
Vater droht mit Kastration, wenn er den Sünder noch einmal erwischen 
werde! Der dritte schildert seinem Sohn die furchtbaren Folgen in so 
schrecklichen Bildern, daß jede Onanie durch die Assoziation zu diesen 
Bildern (Verblödung, Paralyse, Rückenmarksleiden, Impotenz Aus- 
zehrung, frühes Altern usw.) zu einem gefährlichen Akte wird Und 
nicht immer wirkt diese Schilderung der Gefahren abschreckend Ich 
habe schon darauf hingewiesen, daß die Onanie als chronischer Selbst- 
mord angewendet wird, um das Leben zu zerstören. Verbote haben 
noch nie erzieherisch gewirkt. Du sollst nicht! - wie oft wirkt dies 
gerade als Anreiz! 

Erzieher sollten auch berücksichtigen, daß das Verbotene die 
Kinder ganz besonders reizt. Das Verbot wirkt als Lusterhöhung. Da- 
gegen kann man viel leichter zum Ziele kommen, wenn man eine mäßige 
Onanie gestattet. Ich glaube überhaupt, daß die Onanie, 
wenn sie gestattet wäre, den größten Reiz ver- 
lieren würde. 1 ) 

l ) Wir sehen ja z. B., daß die Homosexualität in Italien, wo sie nicht bestraft 
wird, eine geringere Rolle spielt als in Deutschland. In Italien ist die homosexuelle 






Andere Formen larvierter Onanie usw. 



99 



In ganz ähnlicher Weise verfahre ich mit den Erwachsenen. Ich 
kläre sie über die Ungefährlichkeit des auto erotischen Aktes auf und 
überlasse es ihrer Entscheidung, was sie weiter machen. Ich versuche 
immer, wo es nur angeht, die mir anvertrauten Kranken auf den „nor- 
malen" Weg zu bringen. Aber ohne Zwang. Manchmal gelingt es. Aber 
nicht immer. Man bedenke, welche Hemmungen Jünglinge haben, welche 
eine Infektion (Lues, Gonorrhöe und ihre Polgen) fürchten. Andere sind 
fromm und sehen jeden außerehelichen Koitus als schwere Sünde an. 
Für diese Menschen ist die Onanie das Hilfsmittel, das sie bis zur Ehe 
lebensfähig und arbeitsfreudig erhält. 

Manche Autoren glauben, sie verringere die Potenz und sei die 
Ursache einer Ejaculatio praecox. Aber man macht sonderbare Be- 
obachtungen bei den an Ejaculatio praecox leidenden Männern. Sie 
kommen eines Tages zu einer Frau, bei der sie außerordentlich potent 
sind. Oder sie probieren irgend eine Variante, welche verdrängte 
Libidoteile freimacht und siehe da, sie sind überraschend potent. Alle 
diese Menschen sind ausgesprochen Bisexuelle oder Perverse, welche 
an dieser Schwäche leiden, weil sie nur mit einem Teile ihrer Sexualität 
arbeiten. x ) 

Ich will hier nur ein Beispiel erwähnen. Ich gab einem Manne, der 
über Ejaculatio praecox klagte und bei dem man deutliche Zeichen 
einer homosexuellen Einstellung konstatieren konnte, den Rat, den 
Koitus inversus zu machen und die Frau zu spielen oder es mit' einer 
anderen Position zu versuchen. Der Mann kam ganz glückstrahlend 
zu mir. Die Potenz wäre so ausgezeichnet gewesen, daß seine Frau 
zweimal zum Orgasmus gekommen sei. Die Kenntnis der „ars amandi" 
ist ein mächtiges Hilfsmittel in der Hand des diskreten Arztes' Oft 

hZl,!T n mder Wlr n en - Lelder nlCht immer! Da gerade die Onaiüsten 
förX l 6 ^° n + 10SexU f le ™ d einer anderen Paraphilie verfallen sind, 
ZXm K ° ltus J mcht die ihnen adä( l liate F orm der Sexualbefriedigung 
darrt eilt, so wird man naturgemäß unter ihnen viele finden, die an 
Ejaculatio praecox oder an einer psychischen Impotenz leiden ») 

^s ist die höchste Zeit, daß die weitver- 
breitete Legende von der Schädlichkeit der 
Onanie gründlich zerstört wird. Die Ärzte 
können in dieser Frage kaum klar sehen, weil 
Sie ach ter und Partei zugleich sind. Das Schuld- 
Prostitution hauptsächlich für die Fremden da und ein blühender Erwerb, zu dem die 
Ausländer am meisten beitragen. 

*) Vgl. das Kapitel „Psychologie der Ejaculatio praecox" in Band rV. 
2 ) Über den Zusammenhang zwischen „Onanie und Potenz" findet sich eine aus- 
führliche Abhandlung in Band IV. 



7* 



10Ü 



Erster Teil. Die Onanie. Andere Formen larvierter Onanie usw. 



bewußtsein, das sich an jede Onanie knüpft, be- 
einflußt auch die Ärzte, die gleich allen anderen 
Menschen auch einmal onaniert haben. Deshalb 
werden so viele unwahre und verlogene Ansichten 
mit. dem Brustton der vollen Überzeugung vor- 
getragen. ' , 

Man kann es aber kaum ermessen, welches grenzenlose Elend 
durch diese falschen Ansichten und die sogenannten Warnungsbücher 
unter der Menschheit erzeugt wurde. Wer einmal offenen Auges die 
schweren Neurosen gesehen hat, die durch die falschen Belehrungen 
der Arzte entstanden sind, der muß zur Einsicht kommen, daß die 
Onanie das geringere Übel ist, als das Mittel, mit dem sie bekämpft 

Wir müssen unsere Ansichten über die Onanie gründlich ändern. 
Es gibt keinen normalen Geschlechtsakt. Es gibt nur eine dem Indivi- 
duum adäquate Sexualbefriedigung. Und diese ist ihm häufig ver- 
schlossen. Durch seine Ethik, durch die Religion, durch die Gesetze 
des Landes. Hier gibt es tausend Übergänge, und wer wollte so ver- 
messen sein, zu bestimmen, wo das Normale aufhört und das Patho- 
logische beginnt? 

Die Onanie ist die Rückkehr zur infantilen 
Lustgewinnung. Sie ist ein Symptom des psy- 
chischen Infantilismus, an dem der Neurotiker 
krankt. Wenn wir aus dem Kinde einen Erwach- 
senen machen, dann kann er auf die infantilen 
Formen verzichten. Das geht aber unmöglich 
durch Verbote und Drohungen, sondern nur 
durch die Erziehung und Befreiung, wie sie die 
Analyse leistet. 



Die Onanie. 



v. 

Onanie und Religion. 

Wo nur auf Erden bisher die religiöse 
Neurose aufgetreten ist, finden wir sie ver- 
knüpft mit drei gefährlichen Diät Verord- 
nungen : Einsamkeit, Fasten und geschlecht- 
licher Enthaltsamkeit. Nietzsche. 

Die schwersten Kämpfe macht der Onanist mit, wenn sich zu 
den übrigen Hemmungen die religiösen gesellen. Die aus Schriften uud 
mündlicher Belehrung stammende Befürchtung, sich die Gesundheit zu 
ruinieren, ein Rückenmarksleiden, Impotenz, frühes Siechtum oder ver- 
minderte Geisteskraft zu erleiden, erhält eine ebenso gewichtige 
ethische Verstärkung. Der Onanist ist einem „Laster" verfallen er 
hat nicht das Repht, sich zu den „reinen Menschen" zu zählen und 
begeht eine Sünde. Die Hemmungen der Religion machen den Kampf 
viel bedeutender, schwerer und erbitterter. Denn es handelt sich nicht 
nur um das Wohlergehen auf Erden, es steht die ewige Seligkeit auf 
dem Spiele. Der Onanist kämpft also dann auch für sein künftiges 
Leben nach dem Tode. Jeder einzelne Akt, der ihm eine flüchtige 
momentane Lust zuführt, bringt ihn um die Freuden der Ewigkeit und 
lietert ihn der Verdammnis aus. Ist es doch merkwürdig, daß alle 
Religionen einen heftigen, unnachsichtlichen Kampf gegen die Onanie 
geiunrt naben, die griechische ausgenommen, welche uns die gesündesten 
Menschen bescherte. Jede Religion ist der Wächter der Sexualität. 
M ist eine Zeremonie von allergrößter Bedeutung, daß die Hochzeiten 
in einem Gotteshause gefeiert werden. Die Religion gestattet dem 
Menschen nicht, über seine Lust frei zu verfügen. Er muß sie als 
Geschenk Gottes aus der Hand des Priesters annehmen. Die freie 
Liebe war immer die Religion der Atheisten oder der Ethiker, die sich 
abseits jeder Religionsgemeinschaft stellten. 

Die Onanie aber entzieht dem Priester die Kontrolle über die 
Sexualität seiner Schutzbefohlenen. Sie macht sie selbstherrlich und 
frei und emanzipiert sie von jeder sozialen Verpflichtung. Sie stellt 
aber auch den Sexualtrieb über jede teleologische Verpflichtung. Der 



102 



Erster Teil. Die Ouauie. 



UrtlV.BIBL, 
BERLm. 



Geschlechtstrieb ist den anerkannten Religionen nur das Mittel zur 
Fortpflanzung. „Du sollst dich mehren wie der Sand im Meere und 
darfst deshalb deinen Samen nicht unnütz vergeuden!" Diese Lehre 
stammt noch aus der Zeit des Nomadentums, in der der volksreichere 
Stamm der stärkere war. Es lag im Interesse der Priester, ihre Völker 
zur größten Fruchtbarkeit anzuspornen. Man sieht auch noch heute 
daß die frommen Juden in Rußland und Galizien alle Mittel zur Ver- 
hinderung der Konzeption als schwere Sünde verabscheuen und selbst 
im schlimmsten Elend die sozialen Folgen der reichen Fruchtbarkeit 
gerne auf sich nehmen. Die Onanie und die Homosexualität standen 
dem Staatsinteresse hindernd im Wege. Sie mußten in der Erkenntnis 
bekämpft werden, daß die Vermehrung eines Stammes sein wichtigstes 
Interesse ist. Die Zeiten haben sich geändert. Der Mensch ist nicht 
mehr das kos barste Kapital des Staates. Aber er war es sicher einmal. 
Und da wir leider stets die Religion der Vergangenheit besitzen und 
die der Zukunft uns noch nichts zu sagen und zu befehlen hat, so 
schleppen wir für immer eine Menge Dogmen mit uns, welche für die 
Vergangenheit von größter sozialer Bedeutung waren, für die Gegen- 
wart .jedoch überflüssig und zum Teil auch schädlich sind 

Übrigens erleben wir jetzt eine Neuauflage dieser Sehnsucht nach 
dem Menschenmaterial. Der männermordende Krieg führte zu einem 
Kampfe der um die Rekrutenanzahl besorgten Gelehrten gegen alle 
1 raventivmaßregeln, gegen Onanie und Homosexualität, da jedes ein- 
zelne Spermatozoon in den Dienst der Nation gestellt werden soll 
Speziell der Kampf gegen die Onanie wurde von Kräpelin in leiden- 
schaftlicher Weise eröffnet. Die Hygiene übernimmt die alten Forde- 
rungen der Religion. 

Wenn ich sagte, die Religion habe keine Kontrolle über die 
Onanie, so muß ich eine Religion ausnehmen: die katholische. Wir 
werden später eine Reihe von Fällen besprechen, die uns zeigen, welchen 
Einfluß die Ermahnungen der Beichtväter auf den Verlauf der Onanie- 
neurose genommen haben. Auch die evangelischen Priester verstehen 
es, ohne Beichte ihre Schutzbefohlenen zu beeinflussen und sie zu einer 
freien Beichte zu bringen. Es fehlt mir nicht an Beispielen zur Be- 
gründung dieser Behauptung. Freudig zu begrüßen ist es, daß die 
Priester jetzt beginnen, sich mit der Psychologie und besonders mit 
der Analyse zu beschäftigen. 1 ) Der Segen, den sie stiften können, ist 

*) Es wäre ungerecht, würden wir hier nicht des wackeren Dr. Oskar Pfister in 
Zürich erwähnen, des ersten Pfarrers, der den Mut hatte, sich offen mit der Paych- 
analyse zu beschäftigen. Sein großes Werk „Die psychanalytieche (er sagt 
sprachlich richtig Psychanalyse und nicht Psychoanalyse!) Methode" (Verlag Julius 
Khnkhardt in Leipzig und Berlin, 1913) ist einer der wertvollsten Beiträge, welche 



Onanie und Religion. \0'A 

noch größer als der Schaden, den manche voreilige Äußerungen an- 
richten können und angerichtet haben. 

Vor allem ist es notwendig, daß sie beginnen, die Allmacht des 
Geschlechtstriebes und seine Äußerungen kennen zu lernen und ilin 
durch die verschiedenen Masken zu erkennen. 

Der nächste Fall, über den ich hier referieren will, führt uns in 
eine der größten Städte Deutsclüands. Er versetzt uns aber auch ins 
finstere Mittelalter und läßt Bilder vor unseren Augen erstehen, die 
wir nicht für „zeitgemäß" halten können. Der antisexuelle Instinkt 
— und einen solchen muß es unbedingt geben, sonst wären solche Er- 
eignisse nicht möglich — entspricht dem Höhendrange des Menschen 
und seinem Unabhängigkeitsbedürfnis. Er will sich über alles Irdische 
und Triebhafte hinausentwickeln und will, sich nicht gehorchen müssen. 
Er will Herr sein auch über seine Triebe. Daß dies ohne schwere Opfer 
nicht möglich ist, weiß niemand besser als der Analytiker, der immer 
die Schwerverwundeten und fürs Leben Verstümmelten zu sehen 
bekommt. 

Fall Nr. 19 Fräulein 0. Z., eine 28jährige Lehrerin, hat seit ihrer 
Kindheit onaniert und sich dabei immer sehr wohl befunden. Sie war stets 
ein kluges, kraftiges Kind und eine sehr gute Schülerin. Sie machte ihre 
*2 Ä anBta " dsl T 0ß und h ^nn schon sehr früh dem schweren Berufe 
einer Bildnerin der Jugend zu leben. Sie war stets im Kreise ihrer Eltern 
und erfreute diese durch ihr lebhaftes Temperament und ihren gesunden 

SS ü S y h m ^r\ me Gedai ? ken Über die 0nanie > wel <*e sie übrigens 
meist taglich betrieb. Sie war sehr aufgeklärt und dachte: „Ich weiß ia 

zu Ä« £ heiraten ™<*e. Wer nimmt heutzutage eine arme Lehrerin 

ZZJifil f War , u 1 ° ht sonderllch anziehend, sehr schlank und mager 

52 1 aus Z M-^ hat V in fl e \ häßliChen Teint Sie machte «ch nfcht 

Mrfflft *szKär der nach der fr-^s 

„ Q w :l° tZh f ka , m Sie nach Wien zurUck - Ihre M utter holte sie weil sie 
taÄÄr S b6gann P / Ötzlich an Anfällen zu Vden u, 

Ihr zu wecken 2?T J? llkom ? n ? 11 Verlor Und für die keine Erinnerung in 
im zu wecken war In diesen Anfällen onanierte sie ohne iede Scheu und 

^itSff'^^ die Umgebung M^d2 

Zi£ wirlrTÄÄ" keUSCheS ^^ bekamt War - D ° ch 

A T ,föi." ICh ^ ill / hnen auf ™ hti e und wahrheitsgetreu schildern, wie meine 
Anfalle entstanden sind Ich war immer ein kerngesundes Mädel, hie und 
da ein bißch en verträumt und romantisch, ein kleiner Hang zur Schwärmerei, 

für die Erweiterung und Verbreitung der Analyse geleistet wurde. Das Buch wendet 
eich, an alle Pädagogen und besondere an die Seelsorger. Es ist aber auch allen Ärzten, 
welche die Psychanalyse nicht kennen, als ausgezeichnete Einführung zu empfehlen! 



104 



Erster Teil. Die Onanie. 



aber sonst immer tatkräftig und energisch. Sie wissen, daß ich seit der 
Kindheit onaniert habe. Ich will Ihnen nun schildern, wie sich mein Kampf 
gegen die Onanie abgespielt hat und welche schreckliche Folgen er für 
mich hatte. 

Vor längerer Zeit kam ich in ein größeres Damenpensionat. Es herrschte 
dort ein streng kirchlich^christlicher Geist, besonders getragen durch eine 
Mitpensionärm und gestützt durch das nahe Freundschaftsverhältnis des 
Hauses zu einem evangelisch-lutherischen Geistlichen. Mir war diese Atmo- 
sphäre völlig neu und fremd. Weder im Elternhause noch im Freundeskreise 
sonst waren mir je Menschen begegnet, wie ich sie jetzt täglich um mich 
salr Ich freundete m.ch mit zwei jungen Damen - beide älter als ich - 
bald an und wir gewannen uns herzlich lieb. Der an mich gerichteten Auf- 
forderung, , n die Predigten und Bibelstunden des Geistlichen zu kommen, 

indt e h 1 v«h a M a + ngS - teil6 J aUS HöfIichkeit > teiI * ™ch aus Neugierde Folge 
und ich verhehlte niemand meinen ganz anderen, freien Standpunkt, Bald 
aber fesselten mich nicht nur die Worte dieses Geistlichen, sondern die ganze 
Religion erschien mir in ein anderes Licht gerückt. Leidenschaftlich gab 

iS ?Z TT GefÜh,e , n n hin \ DaS SchÖnG > ****** « er christlichen 
Religion zog mich so an, daß ich nur den einen Wunsch hatte, auch so 

glauben zu können und so rein und keusch zu sein wie meine Freundinnen 

Ich gab mir das Gelübde, die Onanie aufzugeben. Dies tat ich im geh™ 

Vor meinen Freundinnen sprach ich nur von der Wandlung, die sich in 

religiöser Hinsicht m mir vollzogen. Meine Freundinnen und der Geistliche 

unterstutzten mich und suchten mir meine Zweifel zu nehmen. Immer und 

immer wieder versuchte man, mich von einer mehr in meiner Natur liegenden 

mJ£\T^Z Hl T ? e ^ t- Rdigi0n ZU einera napkten GlaXn zu 
bnngen. Ich fühlte mich lange Zeit in dieser Umgebung äußerst wohl - 

Bemerken muß ich daß ich zu einer Zeit in diese Umgebung kam, wo' ich 
besonders empfänglich war für neue Eindrücke, die ablenkend und ich möchte 
sagen beruhigend auf mich wirkten. Ich hatte - von einer Freundin in 
der Kindheit verführt - die Onanie kennen gelernt, Ich onanierte fast iede 
Nacht vor dem Einschlafen. Nun gab ich unter dem Einflüsse der frommen 
Umgebung das Laster nach langem, hartem Kampfe auf. Die Frömmigkeit 
war mir ein reicher Ersatz, das Gefühl, ein „reines" Wesen zu sein, erhob 
mich. Ich schlief schlecht und lebte eigentlich immer in Ekstase. Es war 
dieser Zustand wohl nicht unnatürlich, aber doch oft quälend, da er auf 
meine Sinne erregend wirkte. Eine Zeitlang gelang es mi> ja, die Erinne- 
rungen an die Onanie und die erotischen Phantasien zu bannen, aber nicht 
lange. Körperliche Arbeit, die mir gesunde Müdigkeit gebracht hätte, hatte 
ich nicht, nur geistige Arbeit, und die verscheuchte den Schlaf, statt ihn 
zu fordern. Ich war oft nervös, gereizt und unruhig. Meine Freundin, die 
mich liebevoll beobachtete, fragte nach dem Grunde meiner Erregung und 
Unruhe. Ich hielt es zunächst nicht für nötig, anderen (und sei es auch 
dieser mir besonders nabestehenden Freundin) von meinen schweren Kämpfen 
und ^sinnlichen Versuchungen zu reden, in der Überzeugung, daß man damit 
am besten allem fertig wird. Sie drang jedoch wieder und wieder in mich 
sagte auch, daß sie mir sicher helfen könnte. Ich war durch anstrengende 
geistige Arbeit schon nervös erregt, nun wuchs die Erregung noch, ich wurde 
angstlicher und ängstlicher, glaubte aus Andeutungen meiner Freundin zu 
hören, daß sie doch alles erriet und verdammte — und ich vertraute mich 



Onanie und Religion. 



105 



ihr rückhaltslo's an, d.h., sie stellte Fragen und ich antwortete, durch diese 
Fragen mich 6elbst freilich in mancher Hinsicht anders beurteilend, als ich 
es ohne ihr Dazutun getan haben würde. Nun stellte sie mir meine Unruhe 
als sündhafte Erregung dar, gegen die ich mit geistlichen Waffen kämpfen 
müßte. Sie drang mit aller Entschiedenheit darauf, daß ich alles meide, 
was mich ablenken könne von dem Wege, auf dem allein sie für mich Ruhe 
für möglich hielt. Sie wünschte, daß ich den Verkehr mit einer Jugendfreundin 
völlig abbreche, da mich diese in ganz entgegengesetzter Weise beeinflußte 
wie sie. Es war dies eine junge Künstlerin, ein sehr intelligentes Mädchen, 
dessen freiere Denkungsweise mich bisher durchaus nicht unsympathisch 
berührt hatte und die mir vor allem nie schlecht und sündig erschienen 
war. Ich war grenzenlos erregt, alles das als sündig hingestellt zu sehen. 
Ich konnte die Notwendigkeit eines Bruches mit der mir lieben Jugend- 
freundin nicht einsehen. Mit allen Erinnerungen sollte ich Schluß machen, 
auch äußerliche Andenken an meine Jugendzeit vernichten, gegen jede sinn- 
liche Erregung mit geistlichen Waffen kämpfen — es gelang mir eben nicht! 
Und das alles wurde mir von einem Menschen gesagt, der mit seiner ruhigen 
Sicherheit, seiner ernsten Güte und Liebe zu mir, einen gewaltigen Einfluß 
auf mich ausübte und sich dieses Einflusses auch wohl bewußt war. Ich 
war überzeugt, daß 6ie alles aus bester Absicht tat — aber ich konnte 
nicht einsehen, daß all das Sünde sei! Ich sollte nicht nur brechen, sondern 
freudig brechen — Christus fordere freudigen Gehorsam — „das Opfer des 
Liebsten ist die Pforte zum Reiche Gottes!" Ja, das konnte ich nun mal 
nicht! Und immer und immer wieder dies schreckliche: Du mußt! Dieses: 
Entweder — Oder! Christus oder Satan! Ganz mit allem, allem brechen 

— sonst nützt es nicht! — In dieser Zeit mußte ich ein Examen in zwei 
fremden Sprachen machen. Diese Aufregungen kamen noch dazu. Meine 
Freundin unterstützte mich in den Tagen in jeder nur möglichen Weise 

— aber auch während der Zeit hielt sie mir wieder und wieder vor, daß 
mein Glaubensleben durch Bezwingen meiner Neigungen stetig wachsen müsse, 
daß alles andere Nebensache sei. Ich wurde 60 hochgradig erregt, daß ich 
wiederholt Schwindel und Ohnmachtsanfälle bekam, daß ich mich kaum die 
Examenstage aufrecht halten konnte. Ich war nahezu verzweifelt und glaubte 
nun wirklich, daß meine Gedanken und Gefühle, meine Neigungen so durch- 
aus sündhaft seien. Ich kämpfte mit heller Verzweiflung dagegen an! Ich 
hatte ja nur den einen Wunsch: Ruhe! Und das versprach man mir ja 
davon! Aber anstatt ruhiger zu werden, wurde ich immer erregter. Ich 
redete nun mit meiner alten Freundin in dem Sinne, daß ich sie bat, den 
Verkehr zu lassen - aber als ich das getan hatte, quälte mich das wieder. 
Und nun wieder die Angst und Erregung, daß mir es als Sünde hingestellt 
wurde, daß ich nicht rasch und freudig bräche mit den alten Beziehungen. 
Und das ging nicht! Meine Freundin suchte mich zu beruhigen und in der 
Tat gelang es ihr, mir über manche bange Stunde fortzuhelfen, durch ruhiges 
Zusprechen, durch gemeinsames Beten. Aber wenn ich allein war, besonders 
in der Nacht, dann packte mich die Verzweiflung: was soll aus dir werden? 
Und dabei redete ich mir fortwährend ein, daß es so das Rechte für mich 
sei, daß dieser Kampf gut sei und endlich zum Siege führen müsse. Ich 
war grenzenlos erregt und dabei doch so müde! Ich war soweit zu Ende 
mit meinen — physischen und psychischen — Kräften, daß es zu einem 
Schluß kommen mußte. Ich mußte Ruhe haben und man verhieß sie mir 



106 



Erster Teil. Die Onanie. 



davon. Sie kannte aU es in meiner Ä^ÄMS 

mehr. llSaTZSäS^V^ ^ .T* ich nichts G « 
Punkt. Ich soll mTcl wie ™fl!TS ? L den Nächten ihren Höhe- 
mich im Bette uXgZiK» ifabeTnS ^ ^ gGSChrien ' ^ ufen > 
haben, was mich woS^moÄan^ «"2 "^ V ° m HerZen geredet 
hatte an all da« keine Erinnerung n ^ ^ IL flSS?? *W ^ Ich 
von einem unnennbaren Etwas ir rJrif ! ? *5 ' aS lch damals hatte: 

eben reden ohne und £i ViU^t af i c w7l ^ "V' 
weiß ich nicht. Man holte dm Ar!?' aIles B *?H 

Herrn - und der gab dn m u ~ ?**" *** gänzlich fremden 

wurde gerufen, der fuf mdne 5^- * T*^! Auch der Gliche 
meine Freundin geraten un? J^S? gI *° ßen EMuß hatte " Alles ' ** 
- wenn auch (glaube ich) ohn! *?**&** ganZ im Sinne des Warrors 
hielt e, nun fürnotwendtg fl£ ' ' ff , geSchehen - Mei ™ Freundin 

-einem Ringen, meinen Zweien. * h fiÄ ^ J^ ^ K « 
nie zu meinem Vertrauten gemacht wenT iot 1 Geistlichen m den Sachen 
Eigenschaften als Mensch jSsS^t^^ * T? VOrZüglichen 
er jetzt alles und nahm die ganze sfch P Z H *S t 'TV* tet * Nun erfuhr 
erst späte, - Nachdem Ä£*# D f h Ja- -fuhr ich 
ruhig; es war eine vollkommene S „ ft J^ 1Ch PUhig ' ganz 
vorbei und war so froh über das bißchen F^iedt , , f ° - mir *"• nun sei es 
m die Bibelstunde, wo der Geist che Z S h ^ mit den äderen 

gesinnt sein ist der Tod, ■ÄfÄ3^^ T 25- * »Fleischlich 

ganze Rede, ein tiefernste BußpredJ ga l m f £?* Und F ™ d *-" Die 
wahrend es Fremden verborgen bleiben mußte Mrfn te daS genau - 

gekämpft Erregung began nieder, 2 S £# RffÜfe 1 **": 

Freundinnen y„ mich nta nl^T t' ** ""f PlÖMidh meine W*- 
schaft für Dich stad an« V T k ^ ""^ VertraM1 . <™ere Freund- 
Du hast in H«, >F w haben auch gar kein Mitleid mohr mit Dir' 

DU bSt dur" ^Z^T*?* 1 * ¥* ,*" ^^*W 
ergeben. DTbtaTfiu toÄ t *" ^f'^ten Leidenschaften 

zurückzugewinnen,™ Sfe^SÄ ! erSUCh6 *?* mS 
Ein Zusammenleben mit Dir ist für ,?„ - ? I « 0der Wlr zleh611 aus - 

nichts mehr zu sagen " _ iS '"a"" 1 unmo « 1 ' cl >- .So, nun haben wir Dir 

gar nicht so sehr Sin. £ Et «3?£ m 'T* & V °^ TZ" 



Onanie und Religion. ^(yj 

meine Anfälle war ich doch, nicht verantwortlich zu machen?! Ich wußte 
ja nicht, was ich in diesen schrecklichen Zuständen gesprochen hatte und 
weiß es heute noch nicht. Kein Mensch kann sich meine Verzweiflung 
vorstellen. 

Ich weiß nicht, wie ich die nächsten Tage verbrachte, ich weiß nur, 
daß alles so wund und weh war, und dann immer das verzweifelte: Warum? 
Sie waren doch sonst gut zu dir!. Du hast doch nichts getan! — Meine 
Eltern, von anderen über meinen Zustand verständigt, riefen mich schnell 
heim. Meine Freundinnen verweigerten mir jede Aussprache. Ich ging noch 
einmal zu dem Geistlichen. Er hielt mir meine ganze Schlechtigkeit vor, 
nannte mein Verhalten in der Nacht „satanisch" und schüchterte und ängstigte 
mich dergestalt ein, daß ich mich nicht verteidigen komite. Ich war fast 
überzeugt, daß ich wirklich so schlecht sei, daß ich all das verdiente — 
ich glaube, ich hätte mich aller Verbrechen damals schuldig bekannt, die 
ich nie vorher gekannt — nur um doch einen Entschuldigungsgrund für das 
harte, lieblose Verhalten meiner Freundinnen zu haben, von denen ich so 
hoch dachte. Der Geistliche versprach mir seine Hilfe für später. Ich 
dankte ihm für alles und glaubte ihm alles! — Man sagte mir, daß man 
noch für mich beten wollte — wie lange man das könnte, wüßte man nicht! 
Aber helfen könnte man mir nicht mehr: „Wir fühlen uns nicht mehr be- 
rufen, Ihr Heiland zu sein!" Also ausgestoßen, fortgeschickt! In hellster 
Verzweiflung, mit dem ewigen „Warum?" in mir, reiste ich heim! Die ersten 
Wochen daheim waren vielleicht die schlimmste Zeit; da nun alle äußeren 
Erregungen aufhörten, quälte ich mich innerlich ab. Ich hatte für nichts 
Sinn und Interesse. Hatte nur den einen Gedanken: „Wenn du so schlecht 
bist, was soll dann werden?" Und dann wieder: „Warum tat man dir da3?" 
Meine Eltern waren ganz ratlos. Und endlich kam auf wiederholte dring- 
liche. Anfragen, Bitten um Aufklärung von Seite meiner Eltern die Wahr- 
heit! In einem Briefe schrieb der Pastor, daß er es gewesen sei, der die 
jungen Damen zum Bruche mit mir veranlaßt hat. Und der Grund? Er 
hätte gefühlt, daß meine Liebe zu meiner Freundin perverser Natur sei' 
Gestützt auf die Worte des Arztes: „Nicht anrühren", gestützt auf die 
Erzählung meiner Freundin, daß ich, als sie mich liebevoll in die Arme 
nahm, ruhiger geworden sei, schleuderte er diesen Verdacht gegen mich' 
Meine Freundin selbst hatte nie dergleichen unnatürliche Gefühle an mir 
gemerkt Sie waren auch (was die zweite Freundin damit zu tun hat ist 
mir noch unklar) durchaus nicht gleich von Herrn Pastors Meinung über- 
zeugt - aber schließlich doch. Ohne jedweden triftigen Grund sahen sie 
sich veranlaßt, mir obenangeführte Worte zu sagen, mich aus dem Hause 
zu weisen - mich in Zweifel und Angst heimreisen zu lassen! Ohne mir 
die Wahrheit zu sagen! Ich bat um Beweise; meine Eltern baten den 
Geistlichen um Angaben von auch nur einem triftigen Grund für seinen 
Verdacht, der so folgenschwer für mich werden sollte! Keine Antwort! — 
Und in dem Brief war außerdem noch die Drohung enthalten, mich den 
Schulbehörden anzuzeigen, wenn meine Eltern seine 
Stellung zu untergraben versuchten! — Mein Zustand 
wurde nicht besser, nachdem ich den Inhalt dieses Briefes erfahren hatte. 
Das war wieder etwas ganz Neues, wovon ich nie gehört hatte; was man 
mir jetzt vorwarf! Zu allen Selbstvorwürfen kamen Vorwürfe gegen die 
anderen. Und dann doch immer wieder dies Nichtverstehenkönnen und dies 



108 



Erster Teil. Die Onanie. 



halfen - UÄÄ^ttl d - ^ Iß ° rger 

. J^Ä W^IS älÄ r o mem "^T^ »i?dete~n 
der Satan treibt ÄJ^ÄÄSSTSÄ ** ^ «« 
^.ÄaTÄÄ* &Ä -f Sie « h vor- 
her. Sie sprach imverstäSÄSS» 7cL f .9**™**** hin und 

und da einzelne Ausdrücke wie Geliebte'^ W " ^ 85 denen man hie 
horte. Dann steckte sie den Finger 7n £, ' A l ^ ' » E " tzücke »" heraus- 

bohrende Bewegungen, die SäSTÜ ^ Or« R t d f ffla ^ fcur?e ' heftige " 
einen ekstatisch verklärten Ausdruck bot %t u 8ten ' ,n dem ihr Gesicht 
der einer P rau a posteriori beTwohnte **** SCheinbar *» Mann, 

schemungen verschwanden. Belffi'Ä^iS alle krank haften Er- 
alle meh, Noch jetzt - aht Jahre ÄÄf S* U * keine An " 
hie und da einen Brief von ihr. Sie i« vollen™ ehandIung - erhalte ich 

Ln h \ mit der ersten ' freisinnig ftÄtS ^ ^ hat den 
hatte schon vorher in halbbewußten iSSSSjE^ aufgen01 ™- Sie 
Phantasien onaniert. Aber sie wußte nicMs von H ° mit hom °sexuellen 
geb lic nicht daß es solche BeSt^ÄT*' ahnte an " 
Erst durch den Pfarrer und durch meine Aufkl? FraU6n geben kö ™*- 

ihrer Freundschaftsbeziehungen kC L i 'f U " gen Wurde ** die Art 
feeb richten kennen unTSnn^ie wLÄS ^ Menschli ^ «— 
auch, daß sie wieder in größeren Z^Jt- emndeiL Sie sc hrieb mir 
danach innner e^chtert^d ^5?SS T ^^ daß sie ^h 
£** Und / €ß nichts ™*r von sich h^ren ÄTftÄS**? 8 Sie > Wurd * 

« d ^ - er 

ÄSSÄ «ÄÄ^Ä ÄS 

Religiöse Strömten VoZ l Ua]lt > " TT ^^ ZU ■*** 
ihre Liebe zu den Preundinn! Z 7 ? otuu *** rammen. Denn 
■ • - auch von fl££fc» T * h ™ UelIe *** 
langten sie die Opferung deT^T^ 7 Tu^ EiferSUCht Ver ' 
alle in der Verehrung feil , ***** **?«* fand ** ■» 
- g IUr den Seelsorger, einer Verehrung, die ihren 

^ seJr MÄÄ^ ,"« 6lbt ^ ° Sk - *~ 
automatischen Kryptographie « (Th rb „c M t ^ WUSiÖßeD G1 ° 8S ° la,ie Und der 
Verlag P. Deuticke ^ en und B^ltt m ^ &lyÜSche F —h U ngen. EH. Band. 



Onanie und Religion. jnn 

erotischen Ursprung auch nicht verleugnen konnte. Die rasche Heilung 
ist ebenso ' bemerkenswert wie die Überwindung der frommen Periode, 
welche eigentlich eine Regression auf eine infantile Einstellung 
bedeutete. 

Viel einfachere Aspekte bietet der nächste Fall, der aber thera- 
peutisch eine schwerere Aufgabe darstellt. 

Fall Nr. 20. Herr T. L, ein 24jähriger Jurist, ist in seinen Studien 
stecken geblieben und leidet an schweren Depressionen. Er sitzt meistens 
zu Hause und starrt in Wachträumen vor sich hin, beteiligt sich kaum am 
Gespräch und benimmt sich fast wie ein dementes Individuum. Er schläft 
•sehr viel und sehr tief-, liegt sehr lange des Morgens im Bette, fühlt sich 
müde und zerschlagen und quält seine Familie, der er immer wieder in 
Beinen redseligen Momenten auseinandersetzt, daß er nicht lange leben werde 
Er ist schwer zu behandeln, da er fast kaum zum Sprechen zu bringen ist! 
Schließlich überwinde "ich seine Hemmungen und erfahre folgende Lebens- 
geschichte. Er war immer ein stilles Kind, aber trotzig, jähzornig und ver- 
schlagen. Mit sechs Jahren begann er zu onanieren, ohne daß er verführt 

Zntw 'S e fr r°? nie Selbst und fröhntc ihr in der Kin dheit ohne 

Hemmung. Bis zum 16. Lebensjahre onanierte er ohne Störung weiter, war 
ein guter Schuler und entwickelte sich physisch ganz ausgezeichnet Da 
aber begann die Belehrung von Seite seiner Mitschüler. Er hörte viel von 
Onanie reden nnd wußte nicht, was darunter gemeint sei. Er hörte, wie 
gefährlich das wäre, daß man davon blöd und rückenmarksleidend werden 
müsse. Er erkundigte sich genauer, was denn Onanie wäre, und hörte mit 
Schrecken daß « der Akt der Selbstbefriedigung wäre, den er schon so lange 
ausgeführt hatte. Lr versuchte sich zurückzuhalten, es ging aber nur sehr 
schwer. Das Einzige, was er erzielen konnte, war, daß er etwas seltener als 
Diener onanierte. Er war immer ein sehr frommes Kind und hatte sich seinen 
Glauben auch im Gymnasium in alter Stärke unvermindert erhalten Er 
Deichtete also das Laster und hörte jetzt, daß es eine gefährliche Sünde 
wäre. &r dürfe sich nicht „unkeusch berühren"! Er gab dem Priester das 
versprechen, nicht mehr zu onanieren. Dies Versprechen hielt er drei Monate 

Degangen hatte, die er büßen müßte, sollte er nicht um die ewige Seliekeit 

^™ten S bGSCh V ?' ZU1 ; Buße dn MönCh ZU W6rden und - ein KU 
nicht d F'JZ- Va £V ber wollte davon nicht * wiesen und erteilte ihm 
wl? Erlaubnis. Er begann also auf eine andere Weise Buße zu tun Er 
kasteite s.ch mit Fasten, entzog sich alle irdischen Vergnügen und gab 

werde^TmSv"', ^ ? k T? * Herr Seines Sexualtriebes 
Z ' B n h V ° n der 0nanie ZU heilen und ^ine Gesundheit zu retten, 

Ä" p W v D ; me ,\ ZU **»• Er w c ar "hr erschrocken, als er wieder in 
tlnl™ v Gr "\ a ^ er Sünder und vom Regen in die Traufe 

gekommen sei. Er müsse nach den Satzungen der Religion keusch bleiben. 
Lr wurde nur. ganz abstinent und versuchte durch eminenten Fleiß alle 
sinnlichen Gedanken zurückzudrängen. 

Er hörte in der Tat auf, an sexuelle Dinge zu denken und wurde auch 
SL? 6 ^ ? n Versuchungen belästigt. Aber wie hatte sich sein Wesen ge- 

w il S r M k °n n ? te ni ° l ht 8 * udleren und seine Gedanken nicht konzentrieren 
Welcher Schluß lag näher als der, daß er sich durch die Onanie ruiniert habe 



110 



Erster Teil. Die Onanie. 



ange es noch dauern würde, bis er in das Irrenhaus käme. Wozu S Z 

Geisteskranken Tspi Ä^fS^S SEf^J 8 ' begann also den 

ein veraSi^ÄÄ? ff £ Sc ^kenteinpo vor sich. Er ist 
Solche Kranke können stundenlang bat TSTT"' ^.^ zu 8a * eD - 
sie sprechen sollen. Sie vezTantn 7^1^ T* WM T nicht ' Was 
nicht, ihre Einfälle frei aneinandelreThen "* ****' Sie Wag8n eS 

Onanie^Ä Bemrchtungen. Die Folgen der 

gehen. Dann gesteh er daR P t>? mU8B ? ^ tin ™t *» ein Irrenhaus 

unternommen h?be Wir Lmen ia die SSJSP'S T fl * hB « 
und Onanie. Dieser MteK^^r 4 Beziehungen von Selbstmord 

Fenster h^u-il^SfB^w^^ 5"S! W ° llt6 * ^ ™ 
konnte ihn noch rechtzeitig retten VirLK , q T™*, anwesend ™d 
nehmung. Es war mehr ein SpS 'mit dem ^tt ^elerische dieser Unter- 
er einen ernstlichen ÄSÄÄr^ Den Mtte 
nicht vor den Augen des BnrfJÄTSÄSS^ "**• - ? a 
Gegenwart seines Schwagers vor sich Dieser Sfaf *» eidversuch S m S in 
Einfluß auf ihn genommen, als er ihn e n 'inl L rÄ?! f*" 
Depression befragte, ob er onaniere. Als er bejahte SÄÄ^ 
vor den schädlichen Polgen dieser Befriedigung u^d Am f ? ff WageF 
gehen Vor ihm wollte er sich den Schädel X«KiS£Ä£ «2?°? ZU 
Versuch wurde verhindert. Es ist bemerkenswert daß all'e V» I /""Ü 
hinausgehen, das Gehirn zu zertrümmern. Dort sfttn die r.T t ^ 
Versuchung und dort lauert die Angst vor dem Wahn nn Er will? T ^ 
gleich mit dem Leben vernichten. ^ r will den Feind 

Zwei Träume der ersten Tage sind bemerkenswert. Der erste lautet- 

Mein Freund K. ist im Theater, wo ein mir unbekannte <?+« i" 

gespielt wird. Er macht sich über den Autor lustig und v TräßtW 

räsonierend das Theater venaut laut 

der öÄTSui? aUm i6d0Ch bFingt UnS d6m Verstä ^nisse der Neurose und 

Ich träume daß ich im Bette auf dem Bauche liege und von 
einem Unbekannten mit einem Stock geprügelt werde. Es tut nicht 
besonders weh, was mich sehr wundert. 



Onanie und Religion. jii 

Ein dummer Traum, der gar keinen Sinn hat! . . . kritisiert der Ana- 
lysand seinen Traum. Diese Kritik enthält einen Widerstand und versucht, 
wichtiges Material zu entwerten, wozu ja Spott am besten geeignet ist. 

Wir können uns aber auf masochistische Einstellungen gefaßt machen. 
Patient erzählt nun, daß er von seinem Vater in der Kindheit oft verprügelt 
wurde. Schon wegen Kleinigkeiten, denn Papa war sehr streng. Einmal bekam 
er Schläge, weil er kein Vorzugszeugnis nach Hause brachte . . . Die Schläge 
waren angeblich nie lustbetont. Er will von masochistischen Phantasien und 
einer masochistischen Einstellung nichts wissen. 

Wer nie einen Patienten analysiert hat, der sich vorgenommen hat, etwas 
Wichtiges nicht zu sagen, der kann sich von den Schwierigkeiten der Analyse 
keine VorsteDung machen. Der Kranke kommt jeden Tag, setzt sich hin und 
wartet, daß man ihn ausfragt. Diese kindische Vorstellung von der Analyse 
haben ja viele Ärzte. Sie sprechen immer wieder von einem peinlichen Kreuz- 
verhör, das man mit dem Kranken anstellt. Derartige Verhöre und das hoch- 
notpeinliche Ausfragen haben gar keinen Sinn. Was der Kranke nicht spontan 
sagt, hat meistens keinen Wert, selbst wenn es .ihm erpreßt wird und 
wenn es von Bedeutung wäre. Er muß verstehen, daß es sich um einen 
Läuterungsprozeß seiner Seele handelt und daß er sich schadet, wenn er den 
Arzt belügt und ihm wichtige Tatsachen verschweigt . . . 

So geht es auch mit diesem Kranken. Man merkt ihm einen furchtbaren 
Kampf an. und er gesteht, daß es Dinge gibt, die er nicht sagen kann obwohl 
er sie sagen möchte . . . 

Er erzählt von sonderbaren schädlichen Szenen, wie ich sie in meinen 
„Nervösen Angstzuständen" eingehend geschildert habe. Er leidet an Angst 
vor einem Herzschlag. Fast jede Nacht hat er einen Anfall, der das ganze 
Haus alarmiert. Er beginnt zu stöhnen und nach seinem Herzen zu greifen 
Dann aber erscheint zuerst der Vater und beginnt ihm freundlich zuzureden 
was ihn ein Wenig beruhigt. Später kommt auch die verheiratete Schwester 
und streichelt ihn wie ein kleines Kind und macht ihm Umschläge auf das 
erregte Herz. Dann erst wird er ruhig wie ein kleines Kind und schläft ein 
Wir kennen die Psychogenese solcher nächtlicher Anfälle aus den 
Analysen neurotischer Kinder. Es sind Sehnsucht und das Verlangen nach 
Liebe, die sich in solchen nächtlichen Anfällen äußern. Die Schwester erscheint 

Er ÄÄ t Yat Tl d " ^^ iSt dGr ^ittelpunkfdTrÄTe' 
Lr ruft die Objekte herbei, welche seine geheimen Gedanken mit- allerlei Phan- 
tasien umspinnen. Welcher Art diese Phantasien sind, das können wir mur 
ahnen aber wir werden es erst wissen, bis der Kranke seinen inneren 
Widerstand gebrochen hat und uns weitere Mitteilungen macht. Daueret 
wird uns der Kampf gegen die Onanie und das Schuldbewußtsein verständlich 
werden. 

Langsam entrollt sich das Bild. Die Einstellung zum Vater erhält neue 
Ueiiexe. Erst war sie eitel Liebe und Ergebenheit, jetzt meldet sich der Haß 
und schickt seine Vorposten zögernd in das analytische Gefecht. Der Vater ist 
sehr strenge gewesen. Er war sicherlich sehr gut, viel zu gut, aber er konnte 
auch strenge sein und dann war er unbarmherzig. Wegen eines minder guten 
Ausweises wurde er geschlagen. Der Vater verlangte von ihm immer die 
besten Noten. Wenn er sie einmal nicht erreichte, so gab es Schläge. Er war 
schon 16 Jahre alt und erhielt Schläge, weil er ohne Erlaubnis des Vaters 
einen größeren Ausflug unternommen hatte. Er lief damals davon und war 



112 



Erster Teil. Die Onanie. 



zwei Tage nicht zu finden. Endlich wurde er im Walde entdeckt und nach 
Mause gebracht. Der Vater sprach dann einen ganzen Monat zu ihm kein 
W ort. Das war die empfindlichste Strafe seines Vaters. Wenn er den Kindern 
zurate, horte er auf, mit ihnen zu sprechen. Der Kranke kann auch in der 
Analyse durch lange Zeit nicht sprechen. Ein ungeheurer Trotz beseelt ihn 
und macht ihm das Reden unmöglich. Er kopiert den Vater, der ihn so 
bestrafte und an dem er sich jetzt durch seine Krankheit rächt. Denn in 
seiner Verstimmung schweigt er auch im Hause durch lange Wochen, sitzt 
stumm brütend in einem Winkel und wird ganz verschlossen. Seine Depression 

I er mm h L h? t^ ^u^f ^ ^ 8t ^ Q * die Schlä ^ des'vaters, 
fst es „tdii Sr n ° Ch ??* r rgeSSeQ hat Noch nicht zu entscheiden 
Hwt'^nf' PSFV?* lustbet0Qt ™« ™d ob er die Wiederholung 
dieser Szenen erwartet. Er hat wiederholt Träume, in denen er geschlagen wird 

MasocMstLTnT ° n Widerständen ««teht er eines Tages, daß er 
vorkommt wL V" "ZTST****** ********* *TOr eine Prügelszene 
echsten Bande hTu hlmt f™*™ ^^ **t, das werden wir erst im 
nm lt Rh Bes P r efhung des Masochismus erfahren. Ich will hier 

nui die Beziehungen zur Onanie feststellen. Es zeigte sich ferner daß er 
an die Familie fixiert ist. Er liebt den Vater, den Bruder und dTsdiwaUr 

vLef Schi eXnt 11 P f gelSZenen bd 86inen «"Ä£ ££& 
m erden. Schließlich tritt noch eine inzestuöse Einstellung zur Schwester 

zutage. Das Schuldbewußtsein des Kranken bezieht seine stärk ten Affekte 
""diesen Quellen. Nicht wegen der Onanie macht er sich dfe VorwU fe 
sondern wegen seiner Inzestphantasien. Wie alle Menschen aZ 1 Atl p ' 

fixiert sind, läuft er davon und macht stets vergebHche \t R ^h. t 
der Familie frei zu machen. Immer tiefer verstrickt ihn «TS ' S1 T 
Netz der FamiHenliebe, immer unfähiger Ältta?^ 
schließ ich ein Kind wird, das von der Gnade seines Vaters 1 ot Mt , ™ 
zeitweilig überwundenen Infantilismus treten die Seilen B™ 
wieder hervor. Mordphantasien sind keine Seltenheit so daß "es * Hern 
Wege der Talion zu Selbstmordimpulsen kommt. dem 

Was er von der Religion erwartete, das konnte nicht eintreten- Er- 
lösung von seinen krankhaften Trieben und vollkommene Befreiung Er 
erwartete von Gott, was er selbst nicht leisten konnte. Er stellte sich dann 
vorübergehend zur Religion mit Trotz ein, hatte eine Periode, in der er 
Blasphemien aussprach und ein atheistisches Tagebuch führte, in das er 
täglich Bewe.se von der Nichtexistenz Gottes eintrug. Die Beweise mußten 
ihn wenig überzeugt haben, denn er fiel bald wieder in die infantile Form 
der Frömmigkeit zurück, sagte seine Kindergebete auf, machte freiwillige 
Gelübde und legte sich strenge Kasteiungen auf. 

. Das größte Opfer jedoch, das er sich auferlegte, war das Aufgeben der 
Onanie Wohl traten nach dem Verzichte auf diese bewußte Form der auto- 
erotischen Betätigung Pollutionen auf. Allein er empfand sie nicht als 
Sunde. Er hatte sich nicht unkeusch berührt. Denn er war wieder fromm 
und nahe daran ein Frömmling zu werden. Er lief in der Dämmerung in 
die Kirche kniete inbrünstig nieder und bat um Erlösung und Vergebung 
tur seine Sünden. Er konnte in der Nacht unzählige Vaterunser aufsagen 
um seine Gedanken abzulenken und sich zu beruhigen. Er vertiefte sich in 
einen schwärmerischen Marienkult, der verständlicher wird, wenn man weiß 
daß seine Schwester auch Maria heißt und daß seine Marienbilder ihre Züge 



• 






Onanie und Religion. 113 

nachbildeten. So vergiftete ihm die Sexualität die reine Quelle seines 
Glaubens und mengte sich in seine Gebete. Er wollte um jeden Preis rein 
sein und wollte sogar den höchsten Preis einsetzen, sein Leben. Er studierte 
nicht und kümmerte sich nicht um die Pflicht des Tages, da ihm ein höheres 
Ziel vorschwebte. Er wollte seine Seligkeit nicht verlieren. Er wollte die 
Wonnen des Jenseits erobern. 

Er lebte in seinen Dämmerzuständen jene seltsame Mischung von 
Religiosität und Erotik, die nur die Asketen kennen. Es kam zu Ekstasen, 
welche ihn wie Wonneschauer durchzuckten. Kein bewußter Gedanke mahnte 
ihn, daß er seine Libido in das Religiöse verschoben hatte und nun doppelt 
schuldig war. Allein sein Inneres ahnte und kannte diese Zusammenhänge. 
Er wurde immer schwerer krank und fürchtete bald jede Berührung mit der 
Umwelt. Er zog sich auf seine Familie und auf das „Kindsein" zurück, 
immer in der Phantasie, er könnte das Leben noch einmal beginnen und 
ein neuer, wiedergeborener Mensch werden. 

Die Analyse wurde vom Kranken plötzlich 'abgebrochen, als sich Er- 
innerungen an homosexuelle Spiele mit dem jüngeren Bruder melden wollten. 
Dadurch glaubte er .eine schwere Schuld auf sich geladen zu haben. Er konnte 
nun wieder studieren und das genügte ihm. Meine Forderung, er möge sich 
längere Zeit von seiner Familie trennen, stieß auf hartnäckigen Widerstand. 
Soviel war zu erreichen, daß die nächtlichen Anfälle aufhörten und er die 
Türe seines Zimmers des Nachts absperrte. Das war die letzte seiner Kon- 
zessionen. Dann aber zitterte er davor, seine geliebte Familie verlassen zu 
müssen. Er begann so eifrig und mit so gutem Erfolge zu studieren, daß 
sein* Vater der Ansicht war, er wäre vollkommen geheilt, und sich, bei mir 
in überschwanghchcn Worten bedankte. Der Kranke spielte die Heilung 
weil er nicht tiefer in sein Inneres blicken, sich nicht erkennen und weil er 
nicht die letzten Konsequenzen ziehen wollte. Ich hörte noch nach drei 
Monaten, daß der Erfolg anhaltend war. Er hatte keine Anfälle mehr und 
bestand sein Examen. 

Ich könnte noch manche Beispiele anführen, die uns von dem 
Einflüsse der Seelsorger auf den Kampf ihrer Schutzbefohlenen mit der 
Onanie erzählen. Ich widerstehe der Versuchung und will mich nur 
auf ein paar allgemeine Bemerkungen beschränken. Ich habe schon 
eingangs dieser Ausführungen auf den hartnäckigen Kampf der Religion 
gegen den Autoerotismus gesprochen. Der Geistliche des ersten Bei- 
spieles hatte mit Recht auf die Bibelstelle hingewiesen: „Fleischlich 
gesinnet sein ist der Tod, geistlich gesinnet sein ist Leben und Friede." 
Dieser Satz enthält das Programm des Kampfes der Religion gegen 
die bexuahtät. Er wäre unverständlich, wüßte man nicht, daß unter 
dem lod das Verlieren der Seligkeit und unter „Leben und Friede" die 
Belohnung im Jenseits zu verstehen sind. Mit einer bewundernswürdigen 
Hartnäckigkeit hat die Kirche das Opfer der sexuellen Lust als Prämie 
für die ewige Lust verfochten. 

Nie wäre der Sieg einer solchen Lehre, die alle natürlichen Werte 
umkehrt, gelungen, wenn nicht die Menschheit selbst das Bestreben 
hätte, sich von allem Irdischen zu lösen und sich durch Überwindung 

Stekel, Störungen de8 Trieb- und Affektlebens, n. 2. Aufl. g 



114 



Erster Teil. Die Onanie. 



der Triebe vom Tiere zur Gottähnlichkeit zu entwickeln. Der Auto- 
erotist zeigt uns diesen Kampf gegen und für sich selbst in seiner 
schärfsten Form. So lange er sich die Lust selbstherrlich spendet, 
dünkt er sich sein eigener Gott. Einer meiner Patienten, der einen 
schweren Kampf gegen die Onanie durchzumachen' hatte, zeigte mir 
sein Tagebuch, das er im zwölften Lebensjahre begonnen hatte. Nach 
Überwindung einer religiösen Abstinenzperiode fing er wieder zu 
onanieren an und schrieb mit großen Lettern auf die erste Seite seines 
Tagesbuches das stolze Wort: Auto theo s! Es ist der göttliche 
Funke des Empörers Prometheus, der in den Seelen dieser Kämpfer 
aufflammt Freilich erlischt der Brand meistens so schnell, wie er ent- 
standen. Die stolze freie Selbstherrlichkeit währt nicht lange. Auch 
unser Autotheos ist ein jämmerlicher Neurotiker geworden, ein halber 
Freigeist und ein halber Frömmling, der schließlich alle seine eigenen 
Gesetze dem großen Moralgesetze seine* Religion opferte 

Es wäre sehr verlockend, an seinem Beispiele nachzuweisen, wie 
die verdrängte Sexualität sich rächte und seine ganze Religiosität 
durchsetzte. Das ist die Rache jeder unterdrückten Erotik Sie be- 
mächtigt sich der Kraft, die sie verdrängen will, und stellt sie in ihren 
Dienst. Das große Beispiel im nächsten Kapitel wird uns das in 
seltener Klarheit vor Augen führen. Das Verdrängte über 
waltigt das Verdrängende. So verliert der Mensch dann 
Deides: Semen Glauben und seine Sexualität. 

Unsere Beispiele haben uns aber gezeigt, wie wichtig eine Reform 
der beelsorge und eine analytische, sexuologische Erziehung der Lehrer 
und Priester ist. Wollte man die verschiedenen Schriften der ganzen 
und halben Pfarrer über die Onanie zitieren, man bekäme erst einen 
Einblick in das furchtbare Treiben, würde erst bemerken, wie unglaub- 
lich leichtsinnig hier mit der Gesundheit des Volkes umgegangen wird. 
Ich zitiere nach Pfister 1 ) das in der Schweiz weitverbreitete Schriftchen 
des Pfarrers Hauri 2 ) : 

„Wenn ein junger Mensen heimlich allerlei Dinge treibt, wodurch 
er seinen Leib befleckt, dann leidet auch seine Gesundheit schlimmen 
Schaden. Er wird müde und schlaff, seine Sinae werden geschwächt, er 
verliert alle Spannkraft und Willenskraft. Immer weniger vermag er 
der bösen Lust zu widerstehen. Auf Schritt und Tritt verfolgen ihn 
seine bösen Gedanken und bringen ihn einmal ums andere Mal zu Fall 
Er verliert die Freude an der Arbeit. Er wird im Aussehen 

und in der Haltung einem Greis ähnlich, und schließ- 
lich rafft ihn vielleicht irgend eine Krankheit, der 






*) 1. c. S. 476. 

a ) Eine Konfirmandenstunde über das 7. Gebot. St. Gallen 1910. 



Onanie und Religion. -. ■• - 

er sonst leichten Widerstand geleistet hätte, in frühem Jahren 
schon weg. Wie mancher Mann ist auf solche Weise 
schon in ein frühes Grab gesunken, und andere sind 
elend und kränklich geworden, oder schwermütig und 
lebensüberdrüs'öi g." 

Leider gibt es unzählige solcher Hauris. Will man den großen 
Fortschritt ermessen, den wir in dem letzten Jahrzehnt gemacht haben, 
so höre man die treffende Antwort, die P fister 1 ) seinem Kollegen gibt: 

Wer den Jammer von Masturbanten gesehen hat, die bei heißem 
Kampf jhren Sexualtrieb nicht zu beherrschen imstande waren, denkt 
mit Grauen an die Verwüstungen, die solche schauerliche Weissagungen 
anstiften müssen. Hauris Ausführungen sind um so mehr zu be- 
dauern, als nachdem Zeugnis jedes erfahrenen Arztes und Erziehers 
die von ihm gegebenen Winke für die meisten Masturbanten . nicht von 
ferne ausreichen, um Erlösung vom Laster zu finden. Warnung vor 
bösen Gedanken, unsaubern Büchern, schlechter GeseUschaft Müßig- 
gang, Nachtschwärmerei, Unmäßigkeit, unwahre BehaupCen überdie 
Notwendigkeit der Sexualbetätigung, Aufforderung zu Sw und 
frommem Chnstenwandel - mehr als diese BineenwahrLtmÄff^ 
nicht anzugeben - helfen nur einem kleinen Teil der ÄdSm D Z 
übrigen, die sich gegen den Feind nicht zu helfen wissen t^tt H 
mit entsetzlichen Todesdrohungen, die sich J ?JZ$}£*F S 
kehrter ausnehmen, als nach den Versicherungen der Sw * T 
über 90% aller Jünglinge Masturbation Sin ha W ^t s^ 
daß sehr oft eine Neurose ausbricht, wenn Onanie abgelegt wurde fe 
wir sollen uns mit brutalen Drohun^n a „f Ai* * Sl ™* e< Und 
Madien stürzen? Ein ÄSÄ^rfSK* 1 *. T* 
■ Schcrgend K nsten nicht hergeben, wie sie Hauri aus ünwLenhe't Irden ' 
Pßeter betont dann, daß man die Onanie nicht mit einem all- 

HiZT Wf T Uni , f ° rmen Sa ^* ü °™, »* Ausspielet von 
ammcl und Holle bekämpfen könne. Er untersucht jeden FaU und 

»oge nun 35 W ' e ^ ^^ ****»' ^ *** vorgeht, 

Gewohnt ist eW^zw 1 Ö m?£* W 8e8Chlagen ' D " 
an Errätunmmrlit^mJV i. i. ün S rfa1 "' ebensolange laboriert er 
durch iriletterL ^f^^rzm. Ausgelost wurde die Onanie 
dör Juni wäS E^Vf Tu ™ tunfcI ) Einige Wochen später rieb 
_JIer^Junge wahrend der Schulpause unter der Bank masturbatorisch die 

') 1. c. S. 476. 

"1 P/irter, l.c.S.478. 

3 ) Ein außerordentlich häufiges Vorkommnis. 



116 Erster Teil. Die Onanie. 

Beine aneinander, als neben ihm ein Knabe aufs Gesäß geschlagen wurde. 
Alsbald setzte die obsedierende Vorstellung ein. Natürlich belebte das 
Schulerlebnis frühere Episoden. Als früheste fand sich folgendes im 
vierten oder fünften Jahr spielende Erlebnis: Im Hausgang war durch 
unbekannten Täter eine Wand mit Bleistift verkritzelt worden. Die 
Nachbarin bezichtigt die Schwester unseres Analysanden der Urheber- 
schaft. Letzterer aber nimmt die Schuld auf sich, jedoch keineswegs, 
um die Schwester zu retten. Da kein anderer Grund ersichtlich, vermute 
ich, er habe einer masochistischen Anwandlung nachgegeben. Bald 
reute ihn die falsche Selbstanklage. Die Schwester klagt den Bruder 
an, findet aber keinen Glauben und bekommt Schläge aufs Gesäß, wobei 
der Bruder, wie er sich deutlich erinnert, Wollust fühlt, während er 
sonst ohne sexuelle Empfindungen der Züchtigung zugesehen hatte; 
auch Schuldgefühl stellt sich ein. Vorher hatte er sexuelle Erregungen 
empfunden, wenn er selbst auf die Nates geschlagen wurde. In späteren 
Jahren traf das sadistische Gefühl nur dann ein, wenn einer seiner 
Kameraden Prügel bekam, weil er ihm ein Unrecht zugefügt hatte. 

Die sadistische Komponente wurde somit zu bewußten Gefühls- 
äußerungen erst dann angestachelt, wenn Haß im Spiele war. Der Haß 
einerseits tritt in unserem Fall offenbar als verdrängte Inzestliebe auf 
In ihr liegt auch die Triebkraft zur Obsession und Masturbation. Die 
pädanalytische Beeinflussung gelang leicht. Als angenehme Kom- 
pensation stellte sich neben gesteigerter Lebens- und Arbeitsfreude ein 
günstiges Verhältnis zur Schwester an Stelle des bisherigen Kriegs- 
zustandes ein." 

So der Bericht des Pfarrers. Wie anders wirkt dies Zeichen auf 
mich ein! Es sind Wege der Zukunft, die P fister kühnen Mutes be- 
schreitet. Wege, welche zur Befreiung der Moralsklaven und in eine 
neue Zeit führen. An Stelle des strafenden Gottes tritt der verstehende 
an Stelle der äußeren Moral die innere! Die Analyse soll eine neue 
Moral anbahnen. 

Zeigt uns einerseits dies Beispiel von P fister, wie sich allmählich 
eine Reform der religiös-moralischen Anschauungen anbahnt, wie der 
Sexualität wieder Raum und Berechtigung zugestanden wird, so finden 
wir auch andrerseits Beispiele, daß Analytiker es versuchen, ihren 
Kranken eine neue freiere Weltanschauung zu geben. Ich weiß, daß 
sich viele Analytiker bemühen, ihre Kranken aus den Banden einer 
veralteten Moralanschauung zu befreien, manche sogar, ihn areligiös 
und atheistisch zu machen. Ich halte das nicht für richtig, da sich 
der Glaube der Neurotiker als zu gut fundiert erweist und wir den 
Kranken durch so ein Vorgehen oft in neue Konflikte versetzen. Unsere 
Aufgabe beschränkt sich nur darauf, den geheimen Kampf in einen 
offenen zu verwandeln und den Neurotiker von dem individuellen 
Schuldbewußtsein zu befreien. 

Viele Kollegen gehen weiter, predigen eine neue Form der Religion 
und werden dadurch selbst zum Priester. 



Onanie und Religion. ii| 

Am schönsten hat dies Marcinowski in seinem prächtigen Buche 
'„Der Mut zu sich selbst!" 1 ) ausgesprochen: 

„Uneern Vätern galt der Gehorsam gegen Moralgebote doch auch 
nur als ein Gehorsam gegen Gott. Thronte der aber im Zeitalter 
dualistischer Religionsformen außerhalb der lebendigen Welt, und hielt 
er ihr von dort aus seine lebensfeindlichen und lebeneinengenden Gesetze 
entgegen, so wohnt unsenn jungen Geschlecht die Gottheit im Lebendigen 
selbst. Sie -ist uns der immanente Gehalt des "Weltalls an Geist, an 
Kraft und Zielstrebigkeit, Sie wohnt in uns, wie unser Leben in ihr 
wurzelt. Wir haben keinen Gott mehr, der uns gegenübertrete, in die 
engen Grenzen einer menschenähnlichen Persönlichkeit gebannt. Wir 
sind zu einer anderen, viel echteren Gottinnigkeit gelangt Wir ver- 
nehmen seine Stimme nicht mehr draußen vom Sinai her auf uns her- 
untergrollen; aber wir spüren sie deutlich in der Tiefe des eigenen 
Herzens; und das so laut und so vernehmlich, daß wir ihr gehorchen 
müssen rücksichtslos gegen die äußeren Folgen, die das für uns und 
andere haben könnte. Darum ist uns eine neue, natürliche Moral viel- 
leicht noch vielmehr Gehorsam gegen Gott, als unseren Vätern die alte, 
denn sie fußt auf einem viel stärkeren Bewußtsein innerster, konflikt- 
losester Übereinstimmung unseres Lebens und seines Lebenswillens. Sie 

n W !,\ 1C n e l nannte ' auf bewußter Gottinnigkeit, und das alte Wort: 
„uu soi st Gott mehr gehorchen als den Menschen!" gilt für uns auch 

TZ ,u \7° V" ™* den Waffen g^chichtlichen Wissens die Gesetze 
der alten Moral in Trümmer schlagen." 

Es ist eine schwere Aufgabe, die sich Marcinowski gestellt hat. 
Alle Neurotiker sind Gottsucher, aber alle wollen ihn auf eigenen 
Wegen suchen, wollen selbst ihre Erlöser werden. Es ist fraglich, ob 
sie unsere Wege gehen können. Ich versuche niemals, die Patienten 
zu m e i n e n Anschauungen zu bekehren. Wenn wir den Autoerotisten 
von dem Zwange seiner die Onanie begleitenden Phantasie erlösen 
wenn wir ihn der Einsamkeit entreißen, wenn wir ihn sozial umgestalten' 
dem Leben wiedergeben, ihn lebens- und arbeitsfreudig machen dann 
bndet er selbst seinen „inneren Gott", dessen Stimme er falsch ver- 
standen oder überhört hat. 

') Verlag von Otto Salle, Berlin 1912. 



Die Onanie. 

vi. 

Zwangshandlungen eines Onanisten. - Askese und Abstinenz- 
bewegung. Allgemeine Betrachtungen. 

Der Unterleib ist der Grund dafür, 
daß der Mensch sich nicht so leicht für 
einen Gott hält. Nietzsche. 

Wer Gelegenheit hatte, eine schwere Zwangsneurose zu ana- 
lysieren, der wird immer wieder konstatieren können, daß sich alle 
Symptome dieses Leidens um die Onanie gruppieren. Ich möchte aus 
einer größeren Analyse hier nur ein Stück publizieren, das die Be- 
ziehungen von Onanie und Beichte illustriert. 

PhilnJnhL*!/'' 22 ' ES h S d S* Sich Um einen 28 i äh "gen Studenten der 
Philosophie, denn seinen Studien stecken blieb und seine Familie durch eine 
Keine schwerer Zwangshandlungen in Angst versetzte. Zuerst wurde er ein 
80 strenger Vegetarianer, daß er nicht einmal Milch und Eier essen wollte 
weil sie Tierprodukte wären. Er nährte sich von Früchten und kam s 9 
herunter, daß er einen erschreckenden Anblick bot. Er klagte über die un- 
angenehmsten Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen. So litt er ent- 
setzlich unter der Angst, etwas zu verlieren. Er zählte fortwährend alle 
seine Gegenstände, die er in den Taschen mit sich herumführte, um zu kon- 
statieren daß er nichts verloren hatte. Zahlte er irgendwo irgend eine 
bumme Geldes, so mußte er noch hundertmal seine Barschaft nachzählen 
um sich zu überzeugen, daß er dabei nichts verloren hatte. Doch dies war 
nur eine seiner unzähligen Zwangshandlungen und Zwangsvorstellungen Der 
ganze Tag, vom Morgen bis zum Abend, war erfüllt mit Zwangshandlungen. 
Ich führe an dieser Stelle nur einige an, besonders das Zeremoniell in dem 
Aborte. Ich möchte noch vorher erwähnen, daß er schon seit zwei Jahren 
keine geschlechtliche Regung mehr zeigte. Bis vor vier Jahren hatte er 
sehr heftig onaniert. Dann litt er an Pollutionen, die ihn ebenso betrübten, 
als wenn er onaniert hätte. Später aber war er allmählich asexuell geworden 
Er wäre damit sehr zufrieden, wenn die Zwangshandlungen ihn nicht gequält 
hatten Doch sie verbitterten ihm sein Dasein und machten es zur „Hölle" 
Lassen wir dem Kranken, der als Russe die deutsche Sprache nicht 
vollkommen beherrscht, das Wort: 

Verschiedene meiner Zwangshandlungen. 

,. D as Zeremoniell im Klosett. „Im Zimmer noch prüfe ich 
die Taschen der Hosen, ob sich in ihnen nichts befindet, obgleich ich in ihnen 



Zwangshandlungen eines Onanisten usw. 



119 



nichts halte. Ich mache es meistens so, daß ich mit den beiden Händen 
gleichzeitig in die Hosentaschen fahre und dieselben untersuche. Dies tue 
ich so, daß ich den Finger von dem inneren Winkel der Tasche bis zum 
äußeren Winkel gleichsam promenieren lasse in ganz kleinen Schritten, damit 
ja keine Stelle der Tasche unberücksichtigt bleibe. Ich betaste oder besser 
gesagt stoße mit ziemlich großer Kraft in die einzelnen Stellen der Tasche, 
dabei zähle ich: 1, 2, 3, 4, 5, 6 usw., bis ich zur Außenseite gelange. Die 
Höhe der Ziffer ist verschieden, je nachdem wie groß die Abstände sind 
bei der Untersuchung. Meistens ist es die Zahl 11, welche ich erreiche, doch 
gibts hier keine Regel, auch verschiedene kleinere Ziffern kommen heraus. 
Das zweite und dritte Mal untersuche ich es nicht mehr mit derselben 
Genauigkeit, ich betaste mit allen Fingern zugleich, wobei meistens die 
Zahl 4 herauskommt. Ich wiederhole die Prozedur mehrere Male. Die 
rechte Tasche untersuche ich oft auf diese Weise, daß ich gleichzeitig, 
während ich die Prozedur drinnen vornehme, mit der linken Hand von außen 
die Tasche festhalte, um mir die Untersuchung zu erleichtern. Schneller geht 
es schon mit der hinteren Hosentasche, in welcher ich ebenfalls gar nichts 
halte. Hier begnüge ich mich meistens damit, daß ich dieselbe von außen 
em paarmal untersuche, während ich mir gleichzeitig vorsage: in dieser 
Tasche halte ich grundsätzlich gar nichts. Oft jedoch 
bin ich genötigt, auch diese Tasche genau zu untersuchen, wobei ich sie 
gleichzeitig von der äußeren Seite mit der linken Hand festhalte. Diese 
Maßregel dient sonst dem Zwecke der Genauigkeit der Untersuchung, wie 
auch als Vorbeugungsmittel, damit beim Herausziehen der Hand nicht 'auch 
die Tasche mitherausgezogen wird. Aus demselben Grunde geschieht es auch, 
daß ich bei Untersuchung der rechten Hosentasche dieselbe mit der linken 
Hand festhalte. Ausgerüstet mit Klosettpapier, welches ich immer in der- 
selben oberen Rocktasche halte, gehe ich ins Klosett. Ich schiebe den Riegel 
zurück und schlage nun mit aller Kraft in denselben meistens fünfmal, ich 
zähle immer, das letztemal drücke ich obendrein mit aller Kraft zu,' um 
festzustellen, daß die Türe gut zugemacht ist. Dann werfe ich 
einen ängstlichen Blick in den Garten, ob mich niemand im Klosett sieht. 
Dann schlage ich meine Hosen auf, damit dieselben, während ich am Brette 
stehe, dasselbe nicht berühren. Wenn das Brett aufgehoben ist, nehme ich 
von der Wand ein Stück Papier und lasse mit Hilfe desselben das Brett 
herunter, ebenfalls, um dasselbe nicht mit der Hand zu berühren. Dann steige 
ich aufs Brett hinauf, wobei ich einen ängstlichen Blick werfe, ob mich 
niemand dabei gesehen. In dieser stehenden Position 1 ) verrichte 
ich meine Notdurft, während ich mit der linken Hand meinen Rock in der 
Weise festhalte, daß derselbe das Brett nicht berühre. Das Abwischen er- 
folgt in der sorgfältigsten Weise. Beim Verlassen des Klosetts untersuche 
ich zunächst das Brett in einer ganz bestimmten Art und Weise. Zunächst 
prüfe ich denjenigen Teil der Bretter, welcher sich unmittelbar unter der 
Wand befindet, einmal aus Angst, ich könnte da einen Gegenstand zurück- 
lassen, andrerseits aus Angst, ob ich ihn nicht mit Kot beschmiert habe. Das 
letztere ist für diesen Teil des Brettes gar nicht möglich. Die Untersuchung 
selbst geschieht in der Weise, daß ich das Brett ideell teile, 
meistens in 4 Teile, und so jeden einzelnen Teil untersuche. Dabei 



1 ) Eigentlich ist es ein Kauern in halb gebückter Haltung! 



120 



Erster Teil. Die Onanie.' 



zähle ich wieder: 1, 2, 3, 4 oder hier mehr usw. Dabei mache ich entsprechende 
Bewegungen mit der rechten Hand, was mir die Feststellung der Teile, die 
sich auf dem Brette gar nicht belinden, erleichtert. Ich sage dabei: Hier 
ist nichts! Hier ist nichts! und sage das so oft, als ich die Untersuchung 
vornehme. Am schwersten ist die Untersuchung des eigentlichen Brettes. 
Hier ist maßgebend nur die Angst, ob nicht Kot auf demselben liege. Zu- 
nächst ein rascher, ' flüchtiger Blick auf den äußeren und inneren Rand des 
Brettes. Dann setzt die systematische Untersuchung ein. Ich beuge mich 
ein bißchen über das Brett und prüfe zunächst meistens den inneren Rand. 
Ich folge auf das Genaueste mit dem Blick jedem Teilchen im Kreise herum. 
Dabei mache ich die entsprechende kreisförmige Bewegung mit dem Finger 
in der Luft und sage mir wieder: Hier ist nichts! usw. Dio Prozedur dauert 
sehr lange — ich muß mehrere Male konstatieren. Besonders genau und 
peinlich ist die Untersuchung derjenigen Teile des Brettes, wo die Möglich- 
keit des Beschmierens mit Kot -tatsächlich vorhanden ist. Die Untersuchung 
geht hier ähnlich vor wie bei den Hosentaschen. Immer ist sie verbunden 
mit Zählen. Dieselbe Prozedur bei dem äußeren Rande des Brettes. Sodann 
widme ich besondere Aufmerksamkeit den einzelnen Flächen, welche sich 
auf dem Brette belinden, oder wenn ein Tropfen Wasser bei Abspülung auf 
dasselbe gefallen ist. Ich muß dieselben lange betrachten, bis ich festgestellt 
habe, daß dort kein Kot vorhanden ist. Viel rascher erfolgt nachher die 
Untersuchung des Fußbodens, sie geschieht nur aus Angst, ob ich nicht 
etwas verloren habe. Zunächst Untersuchung des linken Winkels, dann des 
rechten mit Teilung und Zählen, dann der einen Hälfte. Nachher gehe ich 
hinüber auf die schon untersuchte Seite und untersuche die andere Hälfte. 
Wieder langwierig ist die Untersuchung des Fensters aus Angst zu ver- 
lieren. Vor dem Fenster ist eine schräge Fläche, eine beinahe steil nach 
unten laufende Wand. Jeder Gegenstand müßte von derselben tatsächlich 
herunterfallen. Diese .Wand untersuche ich sehr langwierig in der gewohnten 
Weise mit Teilung und Zählen. Dann fixiere ich die einzelnen Flecke lange, 
um zu konstatieren, daß sie rein sind. Dann kommt der Zug an der Wasser- 
spülung. Nach Abspülung Untersuchung, ob nicht ein Stück Kot im Reservoir 
geblieben ist. Endlich werfe ich noch einmal einen schnellen Blick auf Brett, 
Fußboden und Fenster und verlasse das Klosett. Noch drinnen müßte ich 
die Hose wieder herunterziehen, damit niemand auf den Verdacht komme, 
daß ich mit den Schuhen auf das Brett trete. Während ich noch nach allen 
Seiten ängstlich schaue, ob mich niemand beim Verlassen des Aborts gesehen, 
gelange ich in mein Zimmer. Nachdem ich meine Zimmertür geschlossen 
habe, prüfe ich, ob sie zu ist. Ich tue es so, daß ich zunächst meistens 
fünfmal fest in die Türe stoße — dann an der Klinke ziehe. Sodann wasche 
ich mir sehr sorgfältig die Hände, auch in einer bestimmten Fasson. In 
Wien habe ich alte Schuhe, welche ich -mir anziehe, wenn ich ins Klosett 
gehe. Diese Schuhe haben keine scharfen Nägel an den Absätzen und ich 
würde sie nie auf der Straße tragen. In anderen Schuhen habe ich Angst, 
auf dem Brette Ritzer zu machen oder es mit Straßenstaub zu beschmutzen, 
so daß man darauf kommen könnte, daß ich mit den Stiefeln auf das Brett 
steige. Vor dem Gehen in das Klosett nehme ich also diese Schuhe, wobei 
ich die Bänder in der Weise binde, daß sie das Brett nicht berühren können. 
Wenn ich zurückkomme, wechsle ich die Schuhe und prüfe die abgelegten 
auf Absatz und Sohle genau, ob kein Kot darauf ist, wieder mit Teilung 
und Zählen, wobei ich sage: Hier ist nichts! Hier ist nichts! 



Zwangshandlungen eines Onanisten usw. 121 

Das Zeremoniell am Morgen: Die ersten Dinge nach dem 
Erwachen sind: Wieviel Stunden habe ich geschlafen? Zu diesem Behelfe muß 
ich mir vor Augen halten, um wieviel Uhr ich mich abends niederlegte; dann 
kommt die Frage: wie lange kann es gewährt haben, bis ich eingeschlafen? 
Ich nehme eine spätere Stunde an als die wahrscheinliche — berechne dann 
die Zahl der Stunden bis zum Erwachen, dann wird der Teil, welchen ich beim 
Aufwachen in der Nacht aller Wahrscheinlichkeit nach verloren habe, sub- 
trahiert. Das Ergebnis ist schwer festzustellen. Das Minimalmaß ist 7 Stunden. 
Habe ich das festgehalten, dann sage ich mir: „Septem horas dormire satis 
est, sagen die Römer" und bin in diesem Punkte beruhigt. Nach dem Auf- 
stehen hänge ich meinen Mantel, mit dem ich mich bedecke, an die Türe in 
der Weise, daß das Schlüsselloch verdeckt ist, damit mich niemand beim 
Waschen sehe. 

Die hauptsächlichsten Zwangserscheinungen setzen ein beim Ver- 
lassen der Wohnung: Alles aus Angst zu verlieren. Zunächst wende 
ich mich dem Kasten zu. Hier prüfe ich drei Schubladen, ob sie geschlossen 
sind. Vorher schon habe ich sie geschlossen. Am längsten prüfe ich die erste 
Schublade, von der ich mich überzeugt habe, daß sie trotz Schließens aufgeht. 
Ich probiere an den Klinken, ob sie zu ist, indem ich die Schublade ziemlich 
an mich ziehe. Dabei zähle ich, je .nachdem .verschieden, manchmal bis 30 und 
noch mehr. Viel leichter geht es mit zwei anderen Schubladen, hier mache ich 
es bloß fünfmal. Dann prüfe ich den Schrank, ob er zu ist, auf ähnliche Weise. 
Dann kommt das Sofa dran. Ich stelle mich immer in eine gewisse Entfernung 
vor demselben und untersuche dann, ob nichts auf demselben geblieben ist. 
Ich beginne mit dem Polster. Dieser ist mit einer Serviette bedeckt. Zunächst 
prüfe ich den linken Rand des Polsters, welcher von der Serviette frei ist. 
Ich prüfe in der gewohnten Weise jedes kleinste Teilchen, verbunden mit 
Zählen von oben nach unten gehend. Dann die Serviette in drei ideelle Teile 
geteilt. Die Untersuchung des rechten Randes geht schnell vor sich. Folgt 
Untersuchung des Sofas in drei geteilt. Jetzt folgt der Tisch. Zunächst fasse 
ich hier die einzelnen Gegenstände ins Auge. Es sind immer dieselben Gegen- 
stände und sie müssen immer in derselben Ordnung aufgestellt sein. Ich 
fixiere die einzelnen Gegenstände und sage mir vor: „Hier ist das Blumen- 
sträußchen — hier das Löschpapier — auf demselben Karten — einige be- 
schrieben — andere unbeschrieben. Zwischen dem Sträußchen und dem Lösch- 
papier befindet sich gar nichts." Längere Untersuchung! (Zweifel.) Weiter. 
Hier ist der Umschlag vom Kalodont (welchen wegzuwerfen ich mich nicht 
traue), hier ist die Lampe, hier das Tintenfaß, hier die Tasse. Ich schaue, 
ob unter der Tasse und unter dem Löschpapier gar nichts steht. Dann zerlege 
ich den Tisch in 3 oder 4 ideelle Teile und untersuche jeden einzelnen Teil 
besonders. Dabei versuche ich jeden einzelnen Teil auf einmal zu überblicken 
Es gelingt erst nach einer gewissen Frist, dazu ist eine große Konzentration 
erforderlich. Endlich ziehe ich mit einer energischen Geste eine Luftlinie über 
den bestimmten Teil und sage mir vor: Hier ist nichts! So bei jedem einzelnen 
Teile. Jetzt wende ich mich wieder dem Toilettekasten zu. Auf ihm liegt eine 
Serviette. Auf derselben steht auf einer Tasse ein Wasserkrug und ein Glas. 
Die Überprüfung dieser Serviette ist am schwierigsten. Die Serviette war 
zusammengelegt, davon sind Falten entstanden, welche dieselbe in 4 teilen. 
Die Vierteilung benütze ich bei meiner Untersuchung. Überhaupt suche ich 
immer nach irgendwelchen natürlichen Zeichen, welche mir die Teilung und 



122 



Erster Teil. Die Onanie. 



somit auch die Untersuchung erleichtern. Außerdem befindet sich auf der 
berviette eine bestimmte Zeichnung. Diese Zeichnung läßt mich wieder jeden 
einzelnen Teil in mehrere Stücke zerlegen und jedes besonders überprüfen. Soli 
ich zur letzten Untersuchung schreiten, so stelle ich zunächst den Wasser- 
krug auf die linke Seite des Kastens neben der Wand. Er steht dann auf dem 
ersten der 4 Teile der Serviette, die anderen 3 Teile bleiben frei. Mit diesen 
3 Teilen verfahre ich in der gewöhnlichen Weise, also mit Zählen, doch nimmt 
es nicht lange Zeit in Anspruch. Sehr schwer ist die Prüfung des ersten 
Teiles, auf welchem die Tasse steht, welchen ich immer zuletzt untersuche. 
Die lasse wird zunächst weggenommen und dieser Platz untersucht, dann 
setze ich die Tasse auf diese Stelle und beginne mit dem Rest des Teiles. Der 
Teil wird zunächst wieder in einzelnen kleinen Stücken untersucht, und zwar 

ZZTl ?T? p eit f- Endlich gÜt es ' ihn auf einmaI zu überschauen. Es 
ist de peinlichste Punkt im ganzen Zeremoniell. Wieder ist eine lange Zeit 

«forderlich und eine große Konzentration. Zuletzt werden noch alle 4 Teile 

ZZ I ■ i gG ^T ht JetZt Wende ich mich dem Bette ™- I«h unter- 
suche, ob ich nichts unter dem Polster zurückgelassen habe. Teilung in 3 

mit d^r V™ w n n ? ? r ******* ~ wied <* langwierig. Der Leuchter 
mit der Keize wird fortgenommen, die den Nachtkasten bedeckende Serviette 

Leuchte ei 'n Cht ' na1 ? liChe u T f ^ " 4 ZUgmnde ^ Dann P-fe ich den 
Leuchter. Hier sind gewöhnlich 2 oder 3 abgebrannte Zündholzer Jede* 

wZ TJ ßX T rt . (Z r 1M) - Dann nehme ich ein Stück Klosettpapier 
welches auf dem Tische liegt, mit welchem ich mir am vorigen Tage abend 

nach Anwendung der Zinkpasta welche ich gegen ein Ekzem verwende, die 
Hand abgewischt habe. Ich habe stets Angst, daß es eine 
Banknote ist, untersuche es langwierig, bis ich es 
in den büß werfe. Nun betaste ich noch 3 Taschen, um mich zu über- 
zeugen, daß ich mein Portemonnaie, meine Uhr und Schlüssel in Ordnung habe 
endlich stelle ich mich in die Mitte des Zimmers, um noch einmal zu kon- 
statieren, daß ich alles in Ordnung geprüft habe. Dabei zeige ich mit vorge- 
strecktem Pinger auf jeden einzelnen Gegenstand und sage mir gleichzeitig 
vor: Das ist untersucht worden! Es muß hier wieder eine ganz präzise 
Ordnung eingehalten werden und es darf nicht unterbrochen werden, sonst 
muß ich von neuem anfangen. Schließlich verlasse ich das Zimmer ' sperre 
die Tur hinter mir sorgfältig ab, hänge den Schlüssel auf. Jetzt stoße ich noch 
einige Male fest in die Türe und prüfe an der Klinke, ob sie zu ist und berühre 
paarmal den Schlüssel, um mich zu überzeugen, daß er hängt. - Ich komme 
m den Park, prüfe die Bank, wo ich mich hinsetzen will, ob sie nicht be- 
schmutzt ist, und lege hier meinen Mantel, Schirm und Hut nieder Sodann 
gehe ich in der Allee auf und ab. Bevor ich mich aber irgend einer Arbeit zu- 
wenden kann muß ich noch die Untersuchung der Taschen erledigen Es 
handelt sich darum, ob ich die 3 Gegenstände, Börse, Uhr und Schlüssel bei 
mir habe. Diese Untersuchung ist höchst peinlich und langwierig. Ich beginne 
mit den Schlüsseln. Diese trage ich in der unteren linken Tasche des Rockes 
samt Klosettpapier und Spiegel. Ich ergreife nun diese Schlüssel durch den 
Rock, aber von außen — die Schlüssel sind zusammengebunden — zunächst 
den einen und sage mir vor: Also der eine Schlüssel ist da. Jetzt nehme ich 
den zweiten Schlüssel und sage: Der eine Schlüssel ist da und der andere ist 
auch da. Dabei drücke ich mit aller Kraft die Schlüssel, 
um mich von deren Vorhandensein zu überzeugen. Dann 



Zwangshandlungen eines Onanisten usw. 



123 



schlage ich mit der Hand in die Tasche, damit ich die Schlüssel klirren höre. 
Jetzt wende ich mich der Börse zu. Diese steckt in der oberen linken Rock- 
tasche. Ich stecke die Hand in die Tasche und lasse da die Börse einige Male 
fallen, damit mich der Laut beim Herunterfallen von der Existenz der Börse 
überzeugt. Dann nehme ich meistens die Börse heraus und drücke sie mit 
aller Kraft zu, um mich zu überzeugen, daß sie geschlossen ist. Das mache 
ich gewöhnlich fünfmal, das letzte Mal am längsten und am stärksten und 
viel anhaltender als vorher. Dann schaue ich in die Tasche hinein, um mich 
durch den Gesichtssinn zu überzeugen, einmal, daß die Börse vorhanden ist, 
andrerseits, ob sie geschlossen ist. Ich betrachte sie so sehr lange Zeit auch 
in einer ganz bestimmten Weise, indem ich die einzelnen Teile derselben 
fixiere. Dann fange ich wieder mit dem Werfen an, wobei ich zähle, endlich 
betaste ich sie noch einige Male von der Außenseite des Rockes. In ähnlicher 
Weise verfahre ich mit der Uhr, doch etwas kürzer. Dann überprüfe ich alle 
3 Gegenstände noch mehrere Male. Eine Zeitlang im Sommer trug ich einen 
Lüsterrock — damals trug ich die Schlüssel in der linken, die Börse in der 
rechten Hosentasche. Ich versuche nun häufig, mich zu beruhigen, indem ich 
mir vorsage: „In der linken Hosentasche waren die Schlüssel, diese sind nun 
im Rock, in der rechten war die Börse, diese ist jetzt da, folglich alles in 
Ordnung! In der hinteren Hosentasche trage ich ja 
prinzipiell nichts!" (Untersuchung), also: Schlüssel, Börse, 
Uhr — jedes einzelne Wort betone ich sehr scharf — 3 Gegenstände — die 
Dreieinigkeit ist da — also alles in Ordnung. 

Weitere Zwangshandlungen im Parke: Habe ich mich auf eine 
Bank niedergesetzt, so erfaßt mich die Unruhe, ob die Lehne nicht be- 
schmutzt ist. Ich drehe mich um und prüfe dieselbe mit Teilung und Zählen. 
Gehe ich auf und nieder und denke über ein Problem nach, so stellt sich die 
Angst zu verlieren in folgender Form ein: Mein Blick fällt auf ein auf dem 
Boden liegendes Blatt — ich kann nicht feststellen, was das ist. Ich fixiere 
das Blatt, dann trete ich auf dasselbe, stampfe paarmal mit dem Fuße, wobei 
ich zähle, oder ich zerdrücke es mit dem Fuße. Dann beuge ich mich über 
das Blatt und betrachte genau jedes einzelne Teilchen desselben, wobei ich 
zähle, meistens bis 5. Nach einem Moment beunruhigt mich ein anderes Blatt 
— ich fixiere alle möglichen Blätter unter Bezweiflung ihrer Identität und 
zähle sie alle. Ab und zu werde ich von der Angst erfaßt, ob alle Gegen- 
stände, die ich auf der Bank niederlegte, vorhanden sind. Geht ein Mensch 
vorbei, so muß ich schon stehen bleiben und genau zuschauen, denn ich habe 
Angst, er könnte einen Gegenstand entwenden. Oder ich fürchte, daß der 
Wind einen Gegenstand fortreißen könnte auch bei 
ruhigster Luft. Es ist meistens der Mantel und der Hut — dazu 
gesellt sich mitunter als Angstobjekt der Schirm. Ich wende mich dann der 
Bank zu und sage mir vor, während ich gleichzeitig auf jeden Gegenstand 
zeige oder wenigstens im Gedanken eine Geste mit der Hand ausführe: Also 
der Mantel ist da, der Hut ist da, der Schirm ist da. Also es sind drei Ob- 
jekte da. Ich überzeuge mich mehrere Male. Oft stellt sich der Zweifel 
ein, ob ich nicht mehrere Gegenstände mitgenommen habe. Ich pflege daher 
meistens schon beim Verlassen der Wohnung festzustellen, wieviel Stücke 
ich zu tragen habe. AlßO : Mantel, Schirm, Buch — also 3 und fixiere schon 
die Zahl 3. Stellt sich der Zweifel ein, so berufe ich mich dann darauf, daß 
eben 3 Gegenstände waren. Die Angst stellt sich ferner immer ein, wenn ich 



124 Erster Teil. Die Onanie. 

ein Sacktuch herausnehme. Dann prüfe ich in der gewohnten Weise nicht 
nur die Stelle am Coden, wo das geschehen konnte, sondern die ganze Stelle 
in beiden Richtungen — soweit ich auf und niedergehe. Sehr peinliche Proze- 
dur erfolgt beim Verlassen der Bank. Ich fürchte, etwas zurückzulassen. Zu 
diesem Zwecke prüfe ich zunächst sehr lange den Sitz in gewohnter Weise, 
dann die Lehne, dann besonders die beiden Ausläufer der Bank — dann den 
Boden vor der Bank, manchmal auch unter der Bank. Sind in der Nähe andere 
Bänke oder ein Tisch, so untersuche ich dieselben auch, doch viel rascher ; des- 
wegen ist mir jede Änderung, jede Übersiedlung von einer Bank auf die andere 
sehr unangenehm, weil sie stets mit dieser Untersuchung verbunden ist. Un- 
angenehm ist mir, wenn in der Nähe Personen sitzen. Ihre Anwesenheit wirkt 
auf mich störend. Ich will nicht, daß sie meine Zwangshandlungen sehen 
und bin demnach gezwungen, dieselben ohne alle äußere Manifestierung, näm- 
lich ohne die Handbewegungen vorzunehmen, was mir die Untersuchung er- 
schwert. Ich wende mich dann der Bank zu und fixiere sie längere Zeit — 
scheinbar in Gedanken versunken, ebenso ist es, wenn ich irgendwo in einem 
Geschäfte meiner Börse Geld entnehme. Ich habe stets Angst, Geld auf dem 
Pulte zurückzulassen, und muß die Überprüfung mit Teilung vornehmen — 
doch manövriere ich immer so, daß es der Kaufmann nicht bemerkt. Ferner 
bekomme ich Angst, daß in den Taschen des Mantels etwas Fremdes enthalten 
ist. Ich muß wieder untersuchen. Meistens plage ich mich aber mit den 
Taschenklappen. Ich fürchte, ob die Klappe nicht drinnen in der Tasche ist, 
was das Herausfallen eines Gegenstandes erleichtern könnte, und das führt 
zu einer Zwangshandlung, daß ich die Klappen auf eine ganz besondere Art, 
verbunden mit Zählen streichle. Habe ich meinen Schirm und meinen Hut 
auf einen Tisch gelegt, dann habe ich Angst, daß sie herunterfallen könnten. 
Ich fixiere dann den Schirm und sage mir folgendes vor: „Der Schirm ist 
ja da — 1, 2, 3, 4, 5. Er liegt ja in der Mitte des Tisches. Es ist unmöglich, 
daß er herunterfällt. Es ist ja vom Rande eine Distanz von wenigstens 20 cm. 
Von dieser Seite auch, von jener auch!" Ich nähere mein Gesicht dem Tische, 
um die Distanz zu prüfen, wobei ich sie wieder mit Teilung und Zählen be- 
rechne. Genau so, wenn ich im Zimmer am Tische sitze, fürchte ich, daß die 
einzelnen Gegenstände herunterfallen könnten, und verfahre in ähnlicher 
Weise. Sehe ich ein Blatt am Boden, dessen Identität ich bezweifle, dann 
halte ich mir folgendes vor, um mich zu beruhigen: „Schau — hier ist doch 
die Hauptader und hier sind die einzelnen Adern, 1, 2, 3, 4, 5 usw.!" Besonders 
häufig beunruhigt mich oft eine weggeworfene Zigarette oder ein Zündholz. 
Wenn ich beim Weggehen die Bänke untersuche, beunruhigt mich besonders 
jeder Fleck von Vogelkot oder ein Blatt. Dieses muß ich dann prüfen und 
herunterwerfen. Charakteristisch für meinen Zustand ist das zwangsmäßige 
Ausspucken. Ich spucke häufig stundenlang ununterbrochen, um mich von 
dem Schleim zu befreien." 

Noch viel komplizierter sind die Zwangshandlungen beim Einschlafen, 
welche auch eine Teilung und Untersuchung des ganzen Zimmers enthalten, 
ein sehr kompliziertes Zeremoniell des Auskleidens und schließlich eine Reihe 
von scheinbar sinnlosen Handlungen, welche aber alle nach Kenntnis ihrer 
Bedeutung einen tiefen Sinn verraten. 

Wir wollen aber nicht alle seine Zwangshandlungen analysieren, nur 
einen Teil, der mit unserem Thema direkte Verbindungen hat. Wer öfters 



Zwangshandlungen eines ünanisteu usw. 



125 



mit Zwangsneurotikern zu tun hat, der weiß schon, daß der e r s t e Z w an g, 
dem sie ausgesetzt waren, die Onanie war, und daß ihr ganzes. Leben dann 
ein fortgesetzter Kampf gegen die Onanie ist. Ein Moment mag schon dem 
nicht analytisch Geschulten bei der Lektüre der Zwangshandlungen aullallen: 
der Kranke ist ein vielgeplagter Mann, den seine Zwangshandlungen den 
ganzen Tag beschäftigen und der sicherlich zu keiner Lebensfreude kommen 
kann. Man versteht es, wenn er behauptet, er habe keine Zeit zum Studieren, 
selbst wenn er das Gelesene auffassen könnte. Aber sein Kopf behält gar 
nichts. Es geht nichts hinein. Den ganzen Tag beschäftigen ihn die Zwangs- 
vorstellungen, so daß der Tag in rasender Eile vergeht und ihm keine Zeit 
zu irgend einer Beschäftigung bleibt. Man sieht, diese Zwangsvorstellungen 
und Zwangshandlungen haben eine doppelte Aufgabe: Sie sind eine empfind- 
liche Strafe für den Kranken, eine Bußhandlung für irgend eine schwere Sünde, 
und sie füllen sein Hirn so aus, daß sie keinen neuen sündigen Gedanken 
aufkommen lassen. 

In der Tat! Der Kranke ist ein vollkommener Asket. Er hat seit 
zwei Jahren überhaupt keinen Geschlechtstrieb! Er 
kennt keine sinnlichen Erregungen und' Versuchungen, er hat nie eine Erektion, 
kennt keine Pollutionen. Sein Geschlechtsleben ist für ihn tot und erledigt. 
Für einen Menschen, der noch nicht 30 Jahre alt ist, eine merkwürdige Tat- 
sache. Aber an ihrem Bestehen ist nicht zu zweifeln, der Kranke zeichnet sich 
durch eine seltene Wahrheitsliebe aus, die schon beinahe fanatisch 
ist. (Das Zeichen eines Onanisten, der aller Welt eine Tatsache [seine Onanie!] 
verschwiegen hat und diese Lüge durch Wahrheitsfanatismus überkompen- 
siert.) Er zeigt noch andere asketische Tendenzen. Alle Zwangshandlungen 
enthalten eine Buße, eine Strafe für Sünden der Vergangenheit. Wofür aber 
etraft sich der Kranke? Welches schwere Vergehen bedrückt sein Gemüt? 
Er ist ein Freigeist, der sich bis vor seiner Erkrankung mit Philosophie 
befaßt hat und noch heute am liebsten in den freien Stunden seinen Nietzsche 
liest. Er ist seit dem 16. Jahre ein überzeugter Atheist und hat den Versuch 
gemacht, atheistische Schriften in philosophischen Fachblättern zu publizieren. 
Nichtsdestoweniger schließt die Zwangshandlung am Abend mit einem Gebete 
ab. Diese Tatsache gesteht er sehr ungern und unter Widerstreben; es sei 
eine unglaubliche Kinderei, aber er tue es, um besser einzuschlafen, er habe 
keine rechte Ruhe, ehe er sein Gebet gesagt habe, es sei eine Gewohnheit 
aus den Kindertagen, er tue es nur rein mechanisch aus Gewohnheit usw. . . . 
Hinter diesen Ausflüchten steckt die Tatsache, daß er fromm ist und diese 
Frömmigkeit nicht sehen will. Alle Zwangsneurotiker sind fromm und ihr 
Konflikt ist eben der Kampf zwischen der uneingestandenen Frömmigkeit und 
den eingestandenen oder auch verborgenen Trieben. Wir hören auch, daß 
er als Kind enorm fromm war und die feste Absicht hatte, in ein Kloster 
zu gehen und Mönch zu werden. 

Ich übergehe den langen und mühevollen Weg, den ich zurückgelegt 
habe, um den Schlüssel dieser wirren Zwangehandlungen zu finden. Aber ich 
lernte eineß Tages mit Hilfe eines Traumes *) seine „Angst vor dem Verlieren" 
verstehen EßWäie Angst, die ewige Seligkeit zu ver- 
lieren -' Der Kranke spielte nur äußerlich den Freigeist und war inner- 
lich fromm." Er lebte in der ständigen Angst vor der Sünde und dieses 



>) Mitgeteilt in „Nervöse Angstzustände", 2. Auflage, S.377. 



126 Erster Teil. Die Onanie. 



zeremoniell mußte uns die Aufklärung geben, was eigentlich die Sünde des 
Kranken war und welcher Art dieses Vergehen war. Diese Aufklärung gelang 
mir o h n e H i 1 f e des Kranken, der aber später alle Auflösungen durch Mit- 
teilung der nachfolgenden Tatsachen bestätigen mußte 

Seine Sünde war: Er hatte onaniert, solange er sich 
w ?t n T t ■ a S^« te . .ohne viel darüber nachzudenken, und erhielt 
!iL V P m der f Be / cI ^ die F ^, ob er sich unkeusch berühre. Er ver- 
stand diese Frage sofort. Er hatte schon in den früheren Beichten die Onanie 
wissentlich verschwiegen. Diesmal wurde er direkt darum gefragt und stell te 
sich so als ob er nicht verstehen würde. Schon vorher war er von dem Beicht- 

G?^tLTsVr7o^c r h lm GymnaSi T W ^ Grmahnt W ° rden > «S Ä 
^ e w i s s e n s e r t o r s c h u n g vorzunehmen, und hatte mit sich eekänrnft 

Zi^JuZ iftft ^ 7" g - -Ute. Er dacTte SSTfi 
St und In ™ ?f ? de !f Ä rede gar nichts davon - Nun wurde er 
£ BewiafTi ^ BeWU 1 ßteein - weil »ein Beichtvater sein Lehrer 

Nun hatte er aber eine Todsünde begangen und die ewige Seliekeit für 

eme scüwere Buße. Sein ganzes Leben seit dem 18. Lebensjahre war darum 
eine permanente Askese und Buße. Die Zustände wurden aber m ?t den Jahren 
nicht besser sondern viel schlimmer, weil die fortgesetzte Abstinent ein 

mch meh «, Hi 1*1 \ ,' W16 ^ ir 1 wisßen . bald seinen Glauben und woTlte 
wa ^ kränkte sth £Sfc U ,T B ? Chte -f hen " Seine Mutter ' di * seh r fromm 
SÄS darUb6 / ™ d b f Schw0r lhn ' doch hie ™* da zu beichten und 
IZlZ l Z S 'S dl \ Kirche 1T Zu ^en. Er hatte nur Spott und kühle 
die ST/." 1 * n ^ mUtUng - 7 ori !bergehend schien es, daß er sich durch 
könnte Fr ? 1 f enkeüS K aUS **?, Krall6n der Versündigungsideen retten 
St mit A T beg \™ Mädche » aufzusuchen, machte seine erste 
rrulung mit Auszeichnung. Unter dem Einflüsse homosexueller Trieb- 
regungen jedoch die ihm nie ganz bewußt waren, kam es zu e nem neuen 
Kampe gegen die Sexualität und er beschloß, in Keuschheit Z Jeben, Z 

SELSt h S? m /ff Da " jt War der Kara P f ^ en *>™ bewußte 
otn tslr^nen Zustande^ " ^^^ "*"■ ™ *» *-■* 
Wir sehen also: Sein schweres Trauma ist die Beichte 
und der Umstand, daß er den Beichtvater bei der G e 

On e a S n e i n e Ser v f0rS \ hUng bel ° geD hatte " Er. hatte dU 
verachwieV/« Wl - 6 i ge - 1"'?, offenbar wohlweislich 
teils mit h„™ ?J e t 5 il8 mit Inzestphantasien, 

teils mit homosexuellen Phantasien verbunden war 

ni,K* S ! W - r ' J daß S6ine Zwangshandlungen 

nichts anderes sind als eine Wiederholung der 
Beichte, als ein ewiges Gutmachen der einen Sünde, 
die ihn um die Seligkeit und Ruhe gebracht hatte! 
Er wiederholt immer die Beichte und die Gewissenserforschung und 
konstatiert, daß er nichts vergessen habe. Nun analysieren wir diese merk- 
würdigen Zwangshandlungen und versuchen wir, sie als einen Reueakt dar- 
zustellen, als eine tägliche Warnung und Wiederholung. 









Zwangshandlungen eines Onanisten usw. 127 

Was war seine Sünde? Daß er die Gewissenserforschung nicht exakt 
vollzogen hatte und daß er den Schmutz (Kot!) der Onanie nicht beichten 
wollte. Der Aufenthalt am Klosett wird für seine 
spielerische Phantasie eine Beichte und der Akt der 
Defäkation wird zur Reinigung der Seele. Selbstredend 
erweist schon die Wahl des symbolischen Vorganges eine starke bipolare Be- 
tonung dieser Reue. Seine alten Blasphemien, deren er sich als Jüngling 
schuldig gemacht hatte, als seine erste atheistische Periode begonnen hatte, 
setzen sich in dem symbolischen Akte ebenso durch, wie das Verlangen nach 
tätiger Reue. Er wiederholt täglich die Beichte, täglich unzählige Male die 
Gewissenserforschung und kommt immer zu dem nur vorübergehend tröst- 
lichen und beruhigenden Resultate: Da ist nichts! Da ist nichts! Du hast 
alles gebeichtet und nichts vergessen. 

Er beginnt mit der Untersuchung der Taschen und zählt bis 11. Um 
dieses Jahr hatte sich ja die falsche Beichte, seine Todsünde, ereignet. Die 
Tasche wird ihm ein Symbol seiner Seele und er forscht nach, ob sich irgend 
ein Gegenstand in der Tasche befindet, den er zu der Beichte mitnehmen darf. 
Hier mengen sich die erotischen Beziehungen mit den religiösen. Er wieder- 
holt es in bezug auf die hintere Tasche: In dieser Tasche halte ich prinzipiell 
nichts! Das heißt mit anderen Worten: Wenn auch der Anus für mich als 
erogene Zone eine große Bedeutung hat, so stecke ich prinzipiell in diese 
Tasche nichts hinein. Er teilt alles beim Untersuchen in vier Teile. Er teilt 
sein Leben in vier Teile. 28 Jahre ist er alt; jeder Teil besteht dann aus 
6ieben Jahren. Die Gewissenserforschung erstreckt sich dann auf alle 28 Jahre 
und umfaßt immer eine siebenjährige Periode. Eigentlich trat nach seiner An- 
sicht alle sieben Jahre immer eine Änderung ein. Mit 7 Jahren erinnert er 
sich an die ersten Szenen der Onanie; mit 14 Jahren begann er sich gegen 
die Frömmigkeit zu empören und mit 21 Jahren setzte die schwere Neurose 
ein. Jetzt, mit 28 Jahren, begab er sich in die analytische Behandlung, was 
schon seinen Willen beweist, sich wieder zu ändern und eine neue Metamor- 
phose durchzumachen. 

Doch eine andere Frage: Ist er sich bewußt, daß er innerlich fromm 
i6t und immer wieder die neue Beichte spielt? Daß er die alte, falsche Beichte 
rückgängig macht und sich beweist, wie man das als reifer Mensch machen 
müßte? Er hat keine Ahnung, daß diese Zwangshandlungen einen religiösen 
Charakter haben und daß sie Gebete ersetzen. Er will auch keine Ahnung 
davon haben. Er hat seine Persönlichkeit in zwei Teile geteilt, wobei der eine 
Teil von dem andern nichts wissen darf. Deshalb spielt das gute Versperren 
aller Türen und Kästen eine große Rolle. So muß seine Seele versperrt sein, 
einerseits gegen die bösen Versucher, andrerseits gegen die bewußten Ge- 
danken, welche nichts von den inneren Strömungen erfahren sollen. Er 
fürchtet auch das Gesehenwerden. Er wirft aus dem Klosett ängstliche Blicke 
in den Garten, ob er nicht bei der Defäkation gesehen werden könnte. Das 
geht noch auf eine infantile Angst -zurück : Gott sieht alles und hört alles. 
Gott ist allwissend. Er hat auch seine falsche Beichte gesehen und ihn dafür 
mit Blödheit und Blindheit gestraft. Denn er, der ehrgeizigste Mensch, den 
ich je kennen lernte, bleibt trotz seiner reichen Anlagen im Studium stecken 
und kommt nicht weiter. 

Eine weitere Auflösung. Woher kommt diese unangenehme stehende 
Position bei der Defäkation? Er wird oft so müde, daß seine Beine zu zittern 



128 Erster Teil. Die Onanie. 

anfangen, und würde sich um keinen Preis der Welt trauen, sich auf das Brett 
zu setzen. Dafür gibt uns der Kranke eine ausreichende Erklärung. Er habe 
in jener kritischen Beichte sich nicht getraut, sich niederzusetzen. Er wäre 
auch zu klein gewesen. Stehend war er für die Öffnung zu groß. Also nahm 
er eine Stellung in einer halben Kniebeuge ein. Diese gleiche Stellung muß 
er bei der Wiederholung der Beichte unbedingt einhalten. Die anderen 
Symbolismen, z. B. daß er sich zu beschmutzen fürchtet, daß er eigene Schuhe 
hat, um ins Klosett zu gehen, Schuhe, auf denen nicht ein Stäubchen vom ge- 
meinen Straßenstaub haften darf, sind durchsichtig. Diese Schuhe sind ein 
Symbol seiner Neurose, seiner geheimen Frömmigkeit, es sind seine Büßer- 
schuhe, die ihn in das Land der Ewigkeit bringen werden. Er steht unter dem 
Eindrucke einer Phantasie. Er lebt in einer Welt des Scheines. Er anul- 
liert die Tatsache der falschen Beichte und setzt an 
ihre Stelle eine aufrichtige. Die Szene besagt : Er ist kein 
Sünder. Er hat noch einmal gebeichtet, er hat sich geprüft und kann ruhig 
sagen: Hier ist nichts! Denn er onaniert nicht mehr, er hat mit grausamer, 
übermenschlicher Kraft die ganze Sinnlichkeit aus seinem Leben herausge- 
rissen und ist ein Asket geworden, der sein ganzes Dasein in büßenden Gebeten 
verbringt. Er handelt so, als ob er die Sünde nicht begangen hätte. Als wäre 
er noch ein Kind und stünde vor der Beichte. Seine ganze Krankheit ist 
tätige Reue. Er trachtet gut zu machen, was er verbrochen. Er spielt immer 
wieder die Szene der Beichte und hält sich vor, wie er hätte beichten sollen. 
Sein ganzes Leben geht in dieser Szene auf. Sein Leiden ist eine ewige Beichte. 

So wiederholt er täglich im Klosett das Trauma seines Lebens, so deter- 
miniert die Onanie alle seine Handlungen, raubt ihm die Möglichkeit zur Be- 
tätigung und die Fähigkeit, andere Gedanken zu denken, ausgenommen die 
der Reue und Buße. 

Beim Verlassen der Wohnung aber spielt er seinen Tod, seine letzte 
Reise und macht noch einmal die große Prüfung seiner Seele durch. Er wird 
vor dem Tod einen Priester rufen lassen, wird ihm alles beichten, und er und 
Gott müssen ihm verzeihen, wenn sie merken, was er gelitten und gebüßt hat. 
Alles wird ihm zum Symbol seines Daseins : die Serviette, der Krug, der Kasten, 
das Sträußchen. Und diese fürchterliche Angst, etwas zu verlieren! Hat er 
nicht die ewige Seligkeit verloren? Er kann kein Stückchen Papier wegwerfen, 
es könnte vielleicht eine Banknote, ein Schatz sein. Hat er nicht den schönen, 
sicheren Kinderglauben weggeworfen und gewähnt, er wäre wertlos, und er 
war mehr als alles irdische Geld und Gut? 

Wenn er aber nur wüßte, ob es wirklich einen Gott gibt, ob es wahr 
ist, daß er alles sieht und weiß! Er ist ja ein Zweifler und weiß, daß das 
Ding an sich etwas anderes ist als das Ding, das man zu sehen glaubt. Er 
beginnt an der Identität aller Dinge zu zweifeln. Ist der Schlüssel auch wirk- 
lich ein Schlüssel? Hat er nicht ein Recht, daran zu zweifeln, da alle Dinge 
für ihn Symbole von viel höheren Werten sind? Die Tasche, der Kasten, das 
versperrte Zimmer werden Sinnbilder seiner Seele. Er ist selbst ein Blatt, 
das fahl zur Erde fällt und vergehen muß. Der Schlüssel öffnet die Pforten 
des Paradieses. Alles wird Symbol und nichts ist in dem Spiele wirklich. Er 
muß an der Echtheit der Dinge zweifeln, weil sie für ihn nie in ihrer nackten 
Realität existieren. Er steht unter der Herrschaft der Symbolismen. 

Er fürchtet, ein Wind könnte auch bei ruhiger Luft seine Schätze fort- 
tragen. Was ist der Wind? Ein Symbol seiner seelischen Regungen. Er fürchtet, 



- 



Zwangshandlungen eines Onanisten usw. 129 

eine neue Regung der Seele könnte ihn um die Früchte seines mühevollen 
Kampfes bringen. Wie die Tasche durch die herabfallenden Taschenklappen 
geschützt ist, so möchte er sich gegen jedes Eindringen von außen schützen, 
so möchte er seine geheime Religion behalten. Allen Schmutz möchte er aus 
seiner Seele entfernen. Er besorgt das symbolisch durch ewiges Ausspucken. 

Durch alle Zwangshandlungen zieht sich die Erinnerung an die Onanie, 
an die einzige Zeit, in der er unbeschränkt Lust genossen hat. Seine Hosen- 
tasche war immer zerrissen, so daß die Hand an den Penis fahren und ihn 
halten und reizen konnte. Damals hat er verschiedene Gegenstände verloren, 
weil die Taschen ja immer zerrissen waren. Jetzt aber kann er hineingreifen 
und konstatieren, daß er keine Erektionen mehr hat. Da ist nichts! 

Grenzenlos ist neben diesen religiösen Erscheinungen seine Hypo- 
chondrie, seine Angst, infolge der Onanie früher zu sterben. Er hat sein Leben 
durch das Laster verkürzt, er muß jetzt alles tun, um durch eine naturgemäße 
Lebensweise sein Leben zu verlängern und seine erschütterte Gesundheit zu 
stärken. Er zeigt jenen Gesundheitsfanatismus, den wir so oft bei Onanisten 
finden. Er ist Vegetarier und Naturmensch in jeder Hinsicht. Er zittert, daß 
eine halbe Stunde verlorenen Schlafes ihn ein halbes Jahr seines Lebens kosten 
könnte. Er schiebt ja dadurch auch die letzte große Abrechnung vor Gott 
hinaus, und jedes Jahr der Buße, das er länger lebt, macht seine Schuld 
geringer. Er berechnet ängstlich jeden Tag, wie lange er spazieren gegangen 
ist. Er trägt nur hygienische Wäsche und kann sich nicht genug tun in 
Hygiene und naturgemäßer Lebensweise. Er trat für diese seine Anschauungen 
auch öffentlich ein. Er konnte nicht genug gegen die Ärzte wettern, welche 
keinen Sinn für die Gebote der Natur hatten. Dabei versündigte er sich gegen 
das wichtigste Gebot der Natur: Triebe sind zur Betätigung vorhanden! 

So hatte der Kampf gegen die Onanie seine ganze Existenz gefährdet 
und seine reiche Intelligenz untergraben. Daß er sich eine Weltanschauung 
konstruierte, welche für die Sexualität keinen Raum übrig ließ, ist ja selbst- 
verständlich. 

Interessant ist es, zu konstatieren, wie seine Heilung vor sich ging. Er 
fing eines Tages wieder maßlos zu onanieren an. Es war, als wollte er das 
Versäumte nachholen. Er trieb Mißbrauch mit der neuen sexuellen Freiheit. 
Dann fing er an, Fleisch zu essen und bald hatte er eine Geliebte, so daß er die 
Onanie ganz aufgeben konnte. Die Zwangshandlungen verschwanden, er 
machte sein Examen und widmete sich einem bürgerlichen Berufe. Von seiner 
ganzen Askese blieb nur die Abstinenz vom Alkohol. 

Einmal versuchte er nach langer Zeit, auch wieder Alkohol zu sich zu 
nehmen. Da zeigte es sich, daß er trotz heterosexuellen Verkehres an diesem 
Tage onanieren mußte. Er merkte, daß der Alkohol in ihm Hemmungen frei 
machte, welchen er nur bei Besitz aller bewußten Kräfte gewachsen war. Er 
blieb dann dauernd Alkoholabstinent. Es war die einzige Abstinenz, 'die ihm 
von allen seinen asketischen Abstinenzen geblieben war. Und diese Abstinenz 
hielt er nicht ohne Berechtigung. 

Unter den Alkoholabstinenten habe ich auffallend 1 viele Onanisten 
gefunden, welche nach harten Kämpfen die Onanie aufgegeben haben. 
Sie gestanden mir meist, daß sie nach kleinen Alkoholdosen rückfällig 
werden und daß die Abstinenz sie gegen diese Rückfälle schützt. Das 

Stekel, Störungen dos Trieb- nnd AfMitlebHis. II. 2. Aufl. 9 



130 



Erster Teil. Die Onanie. 



zeigt uns die tieferen Motive der Antialkoholbewegung, die sich meist 
als hygienische Maßregel maskiert. 

Für viele Neurologen ist das Verhalten des Menschen gegen Al- 
kohol ein Symptom, das wichtige Rückschlüsse gestattet. Belastete kön- 
nen sehr wenig Alkohol vertragen und werden leicht berauscht. Bei 
solchen Menschen lösen schon kleine Alkoholdosen unheilvolle Trieb- 
handlungen aus. An diesen Tatsachen ist nicht zu zweifeln. Ich wül nun 
einige Beobachtungen mitteilen, welche beweisen, daß bei der Alkohol- 
toleranz auch psychologische Motive neben der organischen Disposition 
eine Rolle spielen können. Es verhält sich mit dem Rausch ähnlich wie 
mit dem Schlaf. Wir schlafen nicht nur, weil wir müde 
sind, sondern weil das Unbewußte herrsch en will. 
So gibt es auch einen Willen zum Rausch. Dagegen könnte sprechen, 
daß manche Neurotiker sich einen Rausch antrinken wollen und nicht 
berauscht werden. Das beweist natürlich nichts als die Existenz eines 
Nebenwillens. Dieser Nebenwille sträubt sich gegen den Rausch und 
sagt: „Du darfst das Bewußtsein nicht verlieren! Denn sonst . . ." 

Wir werden im Buche über den Fetischismus einen Mann kennen 
lernen, der sich eine sehr komplizierte Paraphilie, eine wunderliche Art 
von Fetischismus zurechtgezimmert hat. Es drängt ihn immer wieder, 
seinen Trieben nachzugeben und irgend einem Fetisch nachzulaufen, 
ihn anzusprechen usw. ... In seiner Verzweiflung beginnt er sich Mut 
zuzutrinken. Allein nach einigen Gläsern tritt ein Ekel ein, der es ihm 
unmöglich macht, weiter zu trinken. Als ob eine Stimme in seinem 
Innern, eine Stimme, die er aber nicht vernimmt, sagen würde: „Jetzt 
hast du genug getrunken, jetzt könnte es gefährlich werden!" Versucht 
er weiter zu trinken, so muß er Sofort erbrechen. Wir sehen hier den 
Ekel, wie in vielen anderen Fällen, als Schutzwall gegen die Triebe. 
Er steht direkt im Dienste einer moralischen Tendenz, um da6 In- 
dividuum gegen sich selbst zu schützen. Ein anderes Mal trinkt der 
Kranke sehr viel und wird trotzdem nicht trunken. Das heißt, sein 
Bewußtsein hält scharfe Wache und duldet keinen Rausch. 

Das Gegenstück ist ein Mann, der seine Urolagnie immer unter 
der Wirkung kleiner Alkoholdosen ausführt. Aber er verübt seine 
Paraphilie auch ohne Alkohol und er kennt auch den Rausch ohne 
Alkohol. Er leidet direkt an Rauschzuständen, ohne einen Tropfen 
getrunken zu haben. Er will berauscht sein. Hier dient der Alkohol als 
Entschuldigung. In der nachfolgenden Periode des moralischen 
Katzenjammers entschuldigt er sich selbst durch den Umstand, daß er 
getrunken habe. Am stärksten ist der Katzenjammer, wenn er nichts 
getrunken und doch einen urolagnistischen Akt ausgeführt hat. Dann 
fehlt dies Motiv der Entschuldigung und er macht sich die schwersten 



Zwangshandlungen eines Onanisten usw. io-i 

Vorwürfe. Das Leitmotiv aller Neurotiker, auf das ich immer wieder 
hinweise, „Lust ohne Schuld", dringt in dieser Handlung durch. Es gibt 
ja verschiedene Variationen dieses Motivs, unter denen die Verringerung 
der Schuld eine große Rolle spielt, Hier wird dem Alkohol diese Rolle 
des Prügelknaben zugeteilt. 

Die Abstinenzbew.egung entschleiert sich 
von diesem Gesichtspunkt aus als eine soziale 
Phobie. Die Menschen trinken nicht, weil sie 
Angst vor sich und ihren Trieben haben. Sie schützen 
sich dadurch, daß sie diese Erkenntnis auf die Allgemeinheit übertragen. 
Der Neurotiker zeigt eben diese beiden bipolaren Bestrebungen: Die 
Verschiebung auf das Kleine und Kleinste (Freud) und die Verschie- 
bung auf das Große und Größte. So behandle ich einen Neurotiker, der 
sich gern der Idee hingibt, die Vagina habe im Laufe der Jahrtausende 
viel von ihrer Vollkommenheit verloren. Eine Vagina der Etruskerinnnen 
und Ägypterinnen müsse ein Ideal gewesen sein, das wir jetzt nicht 
finden können. Dieser Neurotiker zeigt auch eine ausgesprochene 
Gerontophilie. Aber er verschiebt seinen peinlichen Konflikt auf das 
Historische. Der von ihm verurteilte Gedanke an alte Frauen, an 
dekrepide Greisinnen, der auch offen ins Bewußtsein brach, wurde zum 
Gedanken an die Etrusker und Ägypter. Die ursprüngliche Formel „die 
Vagina alter Frauen" und besonders „die Vagina einer alten Frau" 
wurde vergrößert und als die „Vagina der Alten" wieder 
bewußtseinsfähig gemacht. Das ist die Verschiebung auf das Größte. 
Diese Verschiebung macht aus dem Vater die Gottheit und erhebt die 
persönlichen Konflikte zu religiösen. 

Die Abstinenzbewegung ist auch eine Verschiebung auf das Große 
und Soziale, um die eigenen Komplexe leichter zu bewältigen. 
Furtmüller hat in seiner gedankenreichen Arbeit „Ethik und Psycho- 
analyse" (Verlag von Reinhardt in München, 1912) nachgewiesen, daß 
der Neurotiker die Vorschriften und Hemmungen der Autoritäten zu 
seinen Vorschriften gemacht. Er gehorcht nicht fremden Imperativen, 
er gehorcht nur sich. Er ist sein eigener Herr. In diesem 
Falle aber bemerken wir den verkehrten Mechanismus. Der Pro- 
pagandist der Abstinenzbewegung überträgt seine Hemmungen, um 
sie leichter zu ertragen, auf eine große Gemeinschaft, auf die All- 
gemeinheit. So schützt er sich durch Flucht in die Öffentlichkeit, 
durch öffentliche Bindung dadurch, daß er sich der allgemeinen 
Kontrolle unterwirft. Ähnlich hat sich der bekannte Philosoph 
Weininger gegen das Weib geschützt. Sein bekanntes Werk „Geschlecht 
und Charakter" sollte eine Mauer zwischen ihm und dem Weibe auf- 
richten und seine Keuschheit für alle Zeiten sichern. Als er einsah, daß 

9* 

. 



132 Erster Teil. Die Onanie. 

es nicht möglich war, nach den öffentlich preisgegebenen Grundsätzen 
ruhmlos zu leben, zog er es vor, ruhmvoll zu sterben . . . 

Soziale Bewegungen entstehen gewiß aus sozialen Ursachen. Daß 
aber der einzelne sich durch individuelle Motive treiben läßt, erscheint 
mir ziemlich sieh er. Ich kannte einen Arzt, der ein feuriger Apostel der 
Abstinenzbewegung in sexueller Hinsicht war. Er gründete in der 
Provinz eine solche Gesellschaft und erzielte mit einer großen Rede, 
welche die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten durch Abstinenz 
behandelte, einen kolossalen Erfolg. Dieser Arzt war psychisch impotent 
und versagte bei der Dirne vollkommen. Was lag ihm also näher, als 
die Dirne überhaupt aus dem Kreise der Möglichkeiten auszuschalten? 
Er übertrug seinen Konflikt auf das Soziale. Das Nachspiel seiner Rede 
ist sehr heiter. An dem Abend der Gründung des Vereines zur 
Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten erzielte er mit seiner Rede 
gegen die Prostitution einen so kolossalen Erfolg, daß er umjubelt und 
stürmisch gefeiert wurde. Sein geheimer Gedanke war: Heute wärest 
du vielleicht auch bei der Dirne potent. Er fühlte sich als ganzer Mann. 
Gedacht — getan! Nach der Versammlung fuhr er in ein Lupanar. Ein 
Gefühl der Minderwertigkeit hatte ihn impotent gemacht. Das 
gesteigerte Selbstbewußtsein machte ihn wieder potent. Nach dem 
gelungenen Koitus war seine Weltanschauung eine andere und er fand 
den Verein überflüssig und lächerlich. 

Ziehen wir die Nutzanwendung dieser Ausführungen für unser 
Thema, für die Onanie. Es sind so viele Bücher über Onanie geschrieben 
worden und es gibt so viele Forscher, die gegen die Onanie kämpfen. 
Sind das nicht auch Sicherungen der eigenen Individualität, Ver- 
schiebungen der Probleme vom Individuellen auf das Soziale? Ich führte 
es schon wiederholt an dieser Stelle aus: alle Menschen onanieren. Jeder 
hat einen mehr oder minder heftigen Kampf gehabt, um mit seiner 
Onanie fertig zu werden. Er braucht Verstärkungen seiner Hemmungen, 
er braucht Warnungstafeln und er möchte sich immer wieder zurufen: 
Onaniere nicht, denn du verkürzest dein Leben. Deshalb sind die zahl- 
losen Bücher über dieses Thema immer wieder nur subjektive Bücher 
und nie objektive Feststellungen von Tatsachen. Auch ist zu bedenken, 
daß sich der Einzelne — ob er will oder nicht— in den Dienst sozialer 
Kräfte stellt. Die Entwicklung der Menschheit verlangt immer neue und 
immer größere Opfer. Die Ansprüche ah den Menschen werden immer 
größer, sein Anteil an der Lebenslust, an der göttlichen Freude immer 
geringer. Das Leben darf kein Fest sein, es darf kein Tanz von lust- 
betonten Stunden sein. Das Leben ist köstlich, wenn es Mühe und Arbeit 
gewesen. 



Zwangshandlungen eines Onanisten usw. i a o 

So sehen wir, daß auch die Ärzte von der asketischen Tendenz 
ganz durchsetzt werden und daß sie dem Menschen das Recht streitig 
machen, über seine Lust selbstherrlich zu verfügen. Die Ärzte benehmen 
sich dabei genau wie die Eltern ihren Kindern gegenüber. Da alle 
Menschen onanieren, haben auch alle Ärzte einmal onaniert. 

Aber auch alle Eltern waren in der Jugend Onanisten. Wie kommt 
es, daß sie so furchtbar gegen die Onanie wüten? Ich kenne Mütter, die 
es als die wichtigste Aufgabe der Erziehung betrachten, das Kind vor 
der Onanie zu bewahren. Wer hat in seiner Ordinationsstunde nicht die 
verzweifelten Väter gesehen, die irgend einen jungen Knaben bringen, 
der onaniert, und den sie mit Gewalt von seinem Laster heilen wollen! 
Da werden Medikamente zur Beseitigung der „aufgeregten Nerven" 
eingegeben, die Kinder werden strenge bewacht, es werden ihnen die . 
abenteuerlichsten und lächerlichsten Bandagen angelegt der Vater ist 
verzweifelt, die Mutter sieht das Kind schon als Blödling in einer 
Irrenanstalt. Andere Väter lassen sich jeden Morgen von ihrem Knaben 
beichten, ob er onaniert hat, und halten dem rückfälligen Sünder eine 
Strafpredigt oder prügeln ihn, so daß sie ihn noch zum Flagellanten 
machen. 

Es ist dies die Rache der Väter dafür, daß ihnen die Lust der 
Onanie geraubt wurde. Sie greifen jetzt in das Leben der Kinder, wie 
man in das ihre gegriffen hatte. Die merkwürdige Amnesie der Eltern 
für ihre eigene Jugend tritt besonders in bezug auf die Sexualität in den 
lächerlichsten Formen auf. Die Eltern gebärden sich so, als wären sie 
selbst alle Catones in der Jugend gewesen, und wissen für die Kinder 
gewöhnlich kein anderes glorreicheres Beispiel als die eigene Person. 
Das Kind soll schaudernd den Abgrund ermessen, der sich zwischen 
seiner eigenen Lasterhaftigkeit und der Engelsreinheit der Erzieher 
dehnt. Muß es nicht zur Erkenntnis kommen, es sei ganz verworfen und 
lasterhaft wie der arme Jüngling, dessen Zwangsvorstellungen uns 
soeben beschäftigt haben? 

Es ist eine psychologisch sehr bemerkenswerte Tatsache, daß alle 
Eltern den Kindern das Recht der freien Sexualität bestreiten wollen, sie 
darum vielleicht beneiden, sich jedenfalls das Recht der sexuellen Bevor- 
mundung bis in das späteste Alter zu bewahren versuchen. 

Alle Eltern haben die Tendenz, die sexuelle Betätigung ihrer 
Kinder möglichst lange hinauszuschieben. Mütter zittern schon beim 
Anblick ihrer Säuglinge, wenn sie bedenken, daß sie als Erwachsene 
„Fremde" lieben und sexuellen Gefahren ausgesetzt sein werden; ich 
habe unzählige Mütter und Väter bei ähnlichen Gedankengängen ertappt. 
Ich kannte einen auffallend schönen Knaben. Ich war gewöhnt, daß alle 
Menschen seiner Mutter sagten: „Auf den werden Sie gut aufpassen 



134 



Erster Teil. Die Onanie. 



müssen! Dem werden alle Weiber nachlaufen!" Immer war die Aufgabe 
der sexuellen Behütung betont. Eltern sind aber nicht die Hüter der 
Sexualität ihrer Kinder, es sei denn, daß sie sie von den Verführungs- 
künsten der Erzieher und Erzieherinnen, der Ammen und Dienstboten 
bewahren müssen. Sie haben zur richtigen Zeit für die richtige Auf- 
klärung zu sorgen. (Doch davon noch später in den letzten Kapiteln, 
die von der Prophylaxe handeln. Ich will hier nur das Thema so weit 
besprechen, als es in diesem Zusammenhange nötig ist.) Eltern vergessen 
ihre eigene Jugend und haben die Tendenz, die sexuelle Betätigung 
ihrer Kinder möglichst lange hinauszuschieben. Ich kenne eine Mutter, 
die mir sagte, als ich ihr riet, den 24;jährigen (reichen) Sohn heiraten 
zu lassen: „Ich fürchte, er wird beim Geschlechtsakt zusammenfallen. 
1 Ich kann mir nicht denken, daß mein Kind als Mann wie andere Männer 
eine Frau umarmt." 

Nun hat dieser Ausspruch auch eine tiefere psychologische 
Bedeutung. Die Eltern wollen ihrem Kinde nicht das Recht des freien 
Lusterwerbes lassen. Sie wollen bestimmen, wann das Kind eine Freude 
empfinden soll und wann nicht. So war es in der frühen Kindheit und so 
soll es bleiben. Alle Freude und alle Lust sollen von Gnaden der Eltern 
kommen. Das gleiche Recht maßt sich dann der Staat an. Alle Gesetze 
dienen dazu, den freien Lusterwerb aufzuheben. Die Eltern fühlen sich 
so lange der Gott ihrer Kinder, so lange sie über Lust und Unlust 
entscheiden können. Dann sinken sie in das Nichts ihrer menschlichen 
Existenz zurück. Sie beherrschen das Kind, wenn es sein muß, mit einer 

Lüge aber sie geben die Herrschaft über die Sexualität nicht 

aus der Hand. Sie benehmen sich wie der alttestamentarische Gott der 
Bibel. Auch er droht dem Adam: „Aber von dem ■ Baume der 
Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn welchen 
Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben!" 

Aber Adam ließ sich nicht um die Erkenntnis von Gut und Böse 
betrügen und aß von dem Baume der Erkenntnis. Da überkam dem 
Lenker der Welten ein Bangen an und er sprach: „Siehe, Adam ist 
worden als unser einer und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, daß er 
nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baume des Lebens 
und esse und lebe ewiglich." Und nur deshalb trieb ihn der Cherub mit 
flammendem Schwert aus dem Eden. Ist diese Schöpfungsgeschichte 
nicht die Geschichte eines jeden Menschen? Benehmen sich die Eltern 
anders? Sie verwirren die Begriffe des Kindes über Gut und Böse und 
drohen mit den Schrecken des Todes. Sie jagen das Kind aus dem 
Paradiese, in dem es sich die Genüsse holte, wann es ihrer bedurfte. 
Sie hindern es daran, göttlich zu werden und vom Baume des Lebens 
zu essen. 



Zwangshandlungen eines Onanisten usvr. 135 

Onanismus und Atheismus hängen innig zusammen. Jeder Onanist 
ist der Autotheos, denn er anerkennt keinen Herrn über seine Lust. 
Die Eltern wollen aber die Götter der Kinder bleiben. Sie haben nicht 
das Bestreben, sich ihnen als Menschen zu zeigen. Deshalb werden die 
eigenen Streiche der Jugend vergessen und dem sündigen Kinde immer 
wieder vorgehalten, was für ein unerreichtes Muster Seine Heiligkeit der 
Vater und Ihre Heiligkeit die Mutter gewesen. Die Tendenz zur 
Vergöttlichung der Eltern tritt besonders im Mutterkultus deutlich 
zutage. Mir erscheint es als das Schönste, Menschen mit allen ihren 
menschlichen Fehlern zu lieben und über ihren Vorzügen ihre Fehler 
zu vergessen. 

Ich habe von der Tendenz der Eltern gesprochen, ihren Kindern 
die Libido zuzuteilen wie einen Bissen Brot. Man sieht das immer 
wieder: Mütter sind nicht eifersüchtig, wenn die Söhne die Frauen ihrer 
Wahl heimführen. Väter wollen auch den Schwiegersohn wählen und 
es gibt nicht wenige, welche ihrem Sohne die Braut bestimmen, und ich 
kenne sogar solche, die so geschmacklos waren, ihre Söhne in ein Bordell 
zu führen. Immer wieder zeigt sich die Tendenz, den Kindern der Gott 
zu sein, der ihnen alle Lust zuteilt. Deshalb wird auch der Kampf 
gegen die Onanie mit besonderer Erbitterung geführt. Die Onanie 
befreit den Menschen von den sozialen Verpflichtungen der Dankbarkeit. 
Der Onanist verdankt sich alle Lust. Wir sollen aber alle Lust höheren 
Mächten verdanken. So kommt es, daß die Onanie das Zeichen der 
Trotzeinstellung gegen die Eltern wird. Kinder, um deren Onanie sich 
die Eltern nicht kümmern, hören selbst zu onanieren auf. Die 
stärkste Fixierung erhält der Trieb zur Onanie, 
wenn das Kind fühlt, daß es seinen Eltern damit 
zuwider handelt und nun aus neurotischeim Trotz 
weiter onaniert. Ich kenne viele solcher Kinder, die immer 
onaniert haben, wenn sie die Eltern bestrafen wollten. 

Ich habe eingangs meiner Ausführungen über die Onanie betont, 
daß die Eltern sich bestreben, im Kinde jene Reinheit zu erreichen, die 
ihnen selbst versagt blieb. So kommt es zur Vergöttlichung des Kindes. 
Denn alles Streben der Menschheit geht dahin hinaus, sich der Gottheit 
zu nähern, gottähnlich zu werden. Das beweisen mir die zahllosen Fälle 
von Christus- und Marienneurosen, die ich zu analysieren Gelegenheit 
hatte. Im Kinde wollen die Eltern die Gottheit erreichen. Nun merkt 
das Kind diese Absicht und will ein Mensch werden. Je reiner die Eltern 
das Kind erhalten wollen, desto größer werden die Tendenzen des 
Kindes, sich dem Tierischen zu nähern. Du sollst dich bis zur äußersten 
Grenze der Menschlichkeit entwickeln! . . . lautet der Imperativ der 
Kultur. Der Sinn deines Daseins ist eben die Entwicklung, sagen die 






136 



Erster Teil. Die Onanie. 



Theologen. Dein Geschlechtstrieb hat nur einen Sinn, wenn er der Fort- 
pflanzung dient. Die Lust ist nur eine zufällige Prämie dieser Pflicht. 
Die Liebe ist kein Vergnügen, sondern eine Aufgabe. Nicht ohne Grund 
spricht unsere Zeit von ..ehelichen Pflichten". Pflicht ist Zwang, 
Zweckmäßigkeit eine Form der Bevormundung. 

Es liegt in der Onanie auch die Revolte des Menschen gegen das 
Teleologische. Zweck und Sinn des Lebens liegen im Leben selbst. 
Wenn Menschen fragen: Wozu lebe ich denn? — dann sind sie sexuell 
nicht befriedigt. AVer glücklich liebt und befriedigt ist, fragt nicht nach 
dem Sinn des Lebens. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist durch 
die Tatsache des Glückes erledigt. Unglückliche Menschen finden das 
Sinnlose ihrer Existenz und flüchten aus dem Leben. Diese Revolte 
gegen das Zweckmäßige der Liebe treibt aber das Individuum auch zur 
Homosexualität. Hier ist nicht zwischen Trieb und Lust der Imperativ 
der Fortpflanzung eingeschoben. Die Liebe hat keinen anderen Sinn 
als den des Lusterwerbes. 

Wenn wir aber den Kampf der Menschheit gegen die Onanie 
überblicken, so merken wir eine ungeheure Menge von Opfern. Unwill- 
kürlich fragen wir uns nach dem tieferen Sinn dieses Kampfes. Denn die 
Bewegung, welche die Onanie unterdrückt, liegt auf der Linie der 
Fortentwicklung des Menschengeschlechtes. 

So kämpft auch das Individuum diese Kämpfe, weil es von sozialen 
Kräften dazu gedrängt wird. Alle Liebe, die sich einst auf das eigene 
Ich wandte, die sich mit dem Egoismus deckte, wandelt sich im Laufe 
der Jahrtausende und wird sozial. Erst liebte der Mensch nur sich 
selbst, er war Narzisst und Autoerotist (im eigentlichen Sinne des 
Wortes!). Diese Kräfte sind noch heute in ihm vorhanden. Dann 
begann er die Liebe auf die nächste Umgebung auszustrahlen. Liebe 
deinen Nächsten wie dich selbst! Und geht der Fortschritt nicht in eine 
weitere Richtung: Liebe deine Nächsten mehr als dich selbst!? 

Die Entwicklung der Menschheit läßt sich auf die Grundformel 
zurückführen : Der Mensch lernt immer mehr lieben 
und immer mehr geben. Wenn wir auf versunkene Zeiten 
zurückblicken, ersteht vor unserem geistigen Auge der Urmensch, ein 
halbes Tier, egoistisch, nur für sich bedacht, alles hassend, was sich 
den eigenen Wünschen in den Weg stellt. Hunderte Millionen von 
Jahren mußten verstreichen, ehe der Mensch das Lieben lernte. Die 
Schule und das sichtbare Zeichen dieser Liebe war das „Opfer". Die 
ersten Götter wurden gefürchtet. Ehrfurcht ist das Rudiment der 
einst grenzenlosen primitiven Furcht vor der Gottheit. Aus Angst 
vor den strafenden, rächenden Gewalten wurden die ersten Opfer ge- 
bracht. Ungern trennte sich der Urmensch von den Gaben, die der 



4 



Zwangshandlungen eines Onanisten usw. 137 

Altar verzehrte. Noch kannte der Mensch das höchste Opfer nicht, 
das Opfer aus Freude am Geben. Selbst die Griechen, vor deren Kultur 
sich Jahrtausende gebeugt haben, opfern nur aus Angst und aus Be- 
rechnung. In den Stunden der Not malmen die Helden des Homer die 
Götter an ihre Opfer. Zeus wird erinnert, wie viele Hekatomben ihm 
zu Ehren zum Himmel geraucht haben, Pallas Athene wird als un- 
dankbar gescholten, wenn sie den Helden im Stiche läßt, der ihr fett©' 
Lendenstücke geopfert hat. Das griechische Opfer ist ein Geschäft 
auf Gegenseitigkeit. Wehe dem Schiffer, der das Meer durchsegelt und 
Poseidon vergessen hat! Eifersüchtig und kleinlich wartet der grie- 
chische Gott auf sein Opfer, unversöhnlich und rachsüchtig verfolgt er 
die Helden, die an ihn vergessen haben. 

Doch schon keimt die allmächtige Saat der Liebe einer neuen 
Zeit entgegen. Der Grieche liebt seine Heimat mit allen Fasern seines 
Herzens und opfert sein Leben, wenn es gilt, sie zu verteidigen. Das 
Vaterland ist die Gesamtheit, ist das Soziale im Gegensatz zum In- • 
dividuellen, ist die Liebe über das Leben hinaus. Man stirbt für die 
andern, auch wenn man für sich gelebt hat. Aber noch steht hinter 
diesem Opfer die Aussicht auf Belohnungen im Jenseits. In allen 
Religionen steht das Opfer im Dienste des Jenseits. Allah gibt seinen 
Gläubigen, die für ihn sterben, alle irdischen Wonnen vervierzehnfacht, 
sich immer erneuernd; Wotan sammelt die gefallenen, Helden in Wal- 
halla zu ewigen Kämpfen und ewigem Ruhme; Rhadamantis wägt die 
Seelen, die über den Styx kommen, und scheidet die Helden von den 
Feiglingen. Auch Christus, der die höchsten Opfer fordert, verspricht 
als Lohn die ewige Seligkeit, die tiefe Ewigkeit der höchsten Lust. . . . 

Jede Religion fordert Opfer des Trieblebens für geistige Werte; 
sie tauscht Realitäten gegen irreale Werte. Besonders Hunger und 
Liebe sind das Substrat der religiösen Beschränkung. Fasten und 
sexuelle Beschränkung sind Inhalt der Gebote, sind Strafe, sind Ein- 
satz, um das Irdische überwindend zum Himmlischen zu gelangen. 

Wir haben aus zahlreichen Krankengeschichten sehen können, 
wie dieser Handel um die ewige Lust vor sich geht. Die Onanie wird 
als Opfer für eine höhere Lust aufgegeben. Die Lust der Askese kann 
die Lust der sexuellen Betätigung überwinden. 

Ist es aber immer nur ein Handel um die Lust der Ewigkeit? 
Ißt 68 HÄ Wlmehr ein Fortentwickeln einer fernen Zukunft, einem 
Ziele zu, das uns schier unerreichbar dünkt? Einer Zeit der Opfer 
aus Freude am Opfer, einer Zeit des seligen Sichselbstverschenkens 
aus der Wonne des Gebens heraus? 

Die Onanie repräsentiert die Ursexualität des Menschen. In sie 
münden alle unterdrückten und asozialen Strömungen der Sexualität, 



138 



Erster Teil. Die Onanie. 



in ihr tobt sich der sexuelle Urmensch aus, der sich seine Lust raubte, 
wo und wie er wollte, ohne auf den anderen Rücksicht zu nehmen. 
Seine Lust war sein einzigstes und wichtigstes Gebot. Heute hat der 
Mensch nur e i n e n Körper, der ihm willenlos ausgeliefert ist, seinen 
eigenen. An dem kann er sich noch die Lust rauben wie in der 
Zeit des Urmenschen. 

• 

Es ist klar, daß das Bedürfnis nach der Onanie wachsen muß,, 
je höher die kulturellen ethischen Forderungen werden, je verfeinerter 
unser Liebesleben wird. Das Verlangen nach Onanie steigt, je schwerer 
es wird, die Libido an die Umgebung abzuführen. Wir können uns 
eine Zeit vorstellen, in der die Onanie eine sehr geringe Rolle gespielt 
hat. Der Urmensch kannte keine Schranke und holte sich die allerotische 
Lust, die auf seinem Wege lag. Mit der Entwicklung der ethischen 
Imperative „Du darfst nicht!" mußte die Libido autoerotisch gesucht 
v. erden. 

Ich glaube also, daß die Onanie mit der fort- 
schreitenden Kultur immer zunimmt. Damit muß 
auch die Reaktion gegen diese Art des Lust- 
erwerbes zunehmen. Der Kampf gegen die Onanie 
muß wachsen, weil das Bedürfnis nach ihr größer 
wird. Jede Kraft trägt in sich die Reaktion der entgegengesetzten. 
Druck erzeugt Gegendruck. Der Kampf gegen die Onanie ist zugleich 
ein Kampf gegen die Vergangenheit der Menschheit, ein Kampf gegen 
die kulturwidrigen Urinstinkte. Immer wieder wird von dem Individuum 
das „Opfer der Onanie" verlangt werden. 

Wir sehen die Berechtigung dieses Kampfes ein — wie eigentlich 
alles, was ist, seine Berechtigung hat und soziale Strömungen Kom- 
promisse aus vielen Notwendigkeiten darstellen. Trotzdem müssen wir 
als Ärzte jedem einzelnen seine sexuelle Freiheit und die Möglichkeit 
der Genesung wiedergeben. Wir merken, daß die Menschheit im Kampfe 
gegen ihre Vergangenheit ein übriges getan hat, daß die notwendige 
Drosselung der wilden Urkraft Sexualität zu stark vorgenommen wurde. 

Ich fühle mich auch nur als einen Teil der großen sozialen Welle, 
welche jetzt ungestüm die größere sexuelle Freiheit fordert. Aber ich 
täusche mich nicht und glaube nicht, daß jetzt die Ära eines un- 
gehinderten, freien Sexuallebens anbricht. Die Entwicklung der Mensch- 
heit geht in eine andere Richtung und verlangt immer neue Opfer 
des Trieblebens. Wir Ärzte sehen blutenden Herzens die Opfer dieser 
furchtbaren Kämpfe. und müssen trachten, die Wunden der Gefallenen 
zu verbinden. Wir sind nur Samariter. Mag unsere Tätigkeit noch so 
viele Individuen retten — der Kampf wird deshalb nicht aufhören. 



Zwangshandlungen eines Onanisten usw. 139 

Für so viel verlorene Lust, wie sie das Aufgeben der autoero- 
tischen Triebe verlangt, mußte Ersatz geschaffen werden. Ohne Libido 
geht der Mensch zugrunde. Die Energien der Sexualität sublimieren 
sich und wandeln sich um. Im Genüsse des Schönen, der Natur, der 
Kunst, in der Freude des Gebens, in der sozialen Betätigung strömen 
dem Menschen neue Quellen der Lust. Alle diese Kräfte der Askese 
sind nicht verloren gegangen. Die Menschheit wertet sie für ihre Zwecke 
um. Alles Große und Erhabene wurzelt in den Tiefen der Sexualität. 
Das ist eine alte Weisheit: 

OüSeva yap evö-ovciacriAÖv aveu -r5j; spwTtx^; 
STCCTvotac cuaßaivs'. Ytveiftai. 

Geheimnisvoll wirken unbekannte Kräfte in uns und treiben unß 
zu fernen Zielen, die wir nur dunkel ahnen können. Wie verworren 
schlingen sich die Fäden, die Vergangenheit und Zukunft verbindend, 
ans mit dem Schicksal der Welt verknüpfen! Wie hilflos treiben wir 
im Strome des Lebens, getragen, wenn wir zu tragen glauben, 
geführt, wenn wir zu führen wähnen, ans Land geworfen, wenn 
wir uns brüsten, den sichern Strand gesucht zu haben! 









ZWEITER TEIL 

Die Homosexualität. 



Was aus Liebe getan wird, geschieht 
immer jenseits von Gut und Böse. 

Nietzsche. 



Homosexualität. 

i. 

Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der Homosexualität. 

„Leben — ist das nicht gerade ein 
Andersseimvollen, als diese Natur ist?" 

Nietzsche. 

Daß es bedeutende Ärzte gibt, die allen Ernstes die Onanie als 
Ursache der Homosexualität ansehen, würde man kaum für möglich 
halten. Man könnte die Onanie ebenso als die Ursache der Sexualität 
bezeichnen. Wir haben gesehen, daß Onanie die Folge unbefriedigter 
homosexueller Triebregungen sein kann. Sie ist unter Umständen der 
Ersatz eines homosexuellen Aktes, ebenso wie sie al6 Notonanie der 
Ersatz eines heterosexuellen Aktes sein kann. Sie ist der Eratz der 
momentan adäquaten Form der Sexualbefriedigung. Ich sage der 
„momentanen Form", weil auch das Sexualziel nicht immer das gleiche 
bleibt und die sexuellen Leitlinien, um den trefflichen Ausdruck von 
Hans Blüher 1 ) zu gebrauchen, häufig verlassen werden. Die falsche 
Auffassung, die Onanie erzeuge die Homosexualität, wurde besonders 
von Krafft-Ebing vertreten, dessen große Autorität in Fragen der 
Psychopathia sexualis noch heute nicht erschüttert ist. Seine Ver- 
dienste sind gewiß groß und es ist anzuerkennen, daß er sich schließ- 
lich zu der Ansicht von Hirschfeld bekannt hat, daß die Homosexualität 
angeboren ist, daß es erworbene und angeborene Homosexualität gibt. 2 ) 
Aber in der letzten (14.) Auflage, die 1912 erschienen ist, läßt sein 
Herausgeber Alfred Fuchs den Passus über Onanie an der Spitze des 
Kapitels stehen und unterstützt und unterstreicht sogar die Aus- 
füllungen seines großen Lehrers. 

Diese Ansicht von Krafft-Ebing ist keineswegs „veraltet". Sie 
wird auch von Stier (Zur Ätiologie des konträren Sexualgefühls. 
Monatsschr. f. Psych, u. Neur., 1914, Bd. XXXII) vertreten und an 



*) Hans Blüher: Studien über den perversen Charakter. Zentralbl. f. Psychoana- 
lyse. Oktober 1913. 

2 ) Neue Studien auf dem Gebiete der Homosexualität. Jahrb. f. sexuelle Zwischen- 
stufen, Bd. III. Leipzig. 



144 Zweitor Teil. Die Homosexualität. 

gleicher Stelle von Hirschfeld und Burchard (zu Stiers Artikel usw.) 
sehr energisch bekämpft. „Nicht verständlich ist es — sagen die 
Autoren — wie Stier der Onanie einen spezifischen Einfluß im Sinne 
der Homosexualität zuschreiben kann. Bei ihrer — nach der Ansicht 
der meisten Sachverständigen — ubiquitären Verbreitung könnte 
man sie mit demselben Recht für jede Art sexueller Entwicklung ver- 
antwortlich machen." Nach Stier wirkt eine früh einsetzende 
und lange Zeit fortgesetzte (besonders mutuelle) Onanie schädigend, 
„weil sie das auch dem unverdorbenen Erwachsenen noch anhaftende 
Schamgefühl gegenüber den eigenen Genitalien und der Beschäftigung 
damit beseitigt". Auch Fleischmann (Beiträge zur Lehre der konträren 
Sexualempfindung, Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., 7. Bd., 1911) 
findet unter 60 Invertierten 33 exzessive Onanisten und schließt, „daß 
die Onanie gleich dem Alkohol einen Einfluß auf die Entwicklung der 
Perversion haben muß". — Viele seiner Patienten setzen die Onanie 
in kausalen Zusammenhang zum Beginn der Homosexualität. Wir wissen 
ja, daß alle Schuld von der Onanie übernommen wird. Aber Fleisch- 
mann sieht darin einen Beweis. „Der Einfluß" — führt er aus — „der 
Onanie auf die Entwicklung der sexuellen Perversion liegt darin, daß 
sie mit zunehmender Willensschwäche die geschlechtliche Erregbarkeit 
steigert bei immer mehr zunehmender Ablenkbarkeit des Geschlechts- 
triebes vom normalen Sexualziel und Sexualobjekt." 

Auch Kraepelin (M. m. W., 1918, Nr. 5) sieht einen Zusammen- 
hang zwischen Onanie und Homosexualität. Er führt aus: 

„Den Anstoß zur Entwicklung der Homosexualität gibt einmal 
. die Verschiebung des Geschlechtszieles auf das eigene Geschlecht durch 
die Onanie bei geschlechtlicher Frühreife mit späterer psychischer Im- 
potenz, ferner die Anknüpfung frühzeitiger lebhafter geschlechtlicher 
Regungen an gleichgeschlechtliche Beziehungen, endlich die Verführung. 
Begünstigend wirkt der Einfluß des Alkohols. Die Bekämpfung der 
geschlechtlichen Verirrungen wird in erster Linie der Onanie, nament- 
lich auch der mutuellen, entgegenzuarbeiten haben. Das geschieht durch 
, erzieherische Maßregeln, Abhärtung, Stählung des Willens durch Leibes- 
übungen, Zurückdämmen vorzeitiger geschlechtlicher Anregungen, Ver- 
meidung der Verführung, rechtzeitige und vorsichtige Aufklärung. Der 
Eindämmung der Homosexualität dient dann neben Förderung kamerad- 
schaftlicher Beziehungen zwischen beiden Geschlechtern und Begünsti- 
gung der Frühehe vor allem die Fernhaltung von jugendlichen Personen 
und die Ausrottung der männlichen Prostitution." 

Wenn auch die Ausführungen von Kraepelin das psychologische 
Moment in der Genese der Homosexualität betonen, so ist doch hervor- 
zuheben, daß die Onanie mit der Entwicklung der Homosexualität 
nichts zu tun hat. Der Onanist hat sieh der Onanie ergeben, weil ihm 



Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der Homosexualität. 145 

der Weg zum Weibe versperrt ist. Die Meinung von Kraepelin, daß die 
Onanie diesen Weg versperrt, ist falsch! Zugegeben, daß die mutuelle 
Onanie zu Homosexualität führen kann (mutuelle Onanie ist eben keine 
Onanie mein-, sondern ein homosexueller Akt!), wie will Kraepelin 
diese gelegentlichen Ursachen ausschalten? Etwa durch Zwangsmaß- 
regeln gegen die männliche Prostitution? Das würde nur zu einer 
Verstärkung der geheimen Prostitution und zur Vermehrung des Er- 
pressertums führen. 

Wir müssen endlich einmal die Psychologie der Homosexualität 
kennen lernen und dann zu einer entsprechenden Prophylaxe kommen. 

Mein Buch soll zeigen, daß mit der deskriptiven Methode der 
Sexualforschung gebrochen werden muß. Die erste Erzählung des 
Kranken ist nur die Mitteilung der manifesten Bewußtseinsinhalte 
seiner Paraphilie. Es handelt sich aber um die latenten Inhalte, es 
handelt sich um die unbewußten und nebenbewußten Kräfte. Die de- 
skriptive Form der Sexualforschung muß, der Strömung unserer Zeit 
Rechnung tragend, von der psychologischen abgelöst werden. Auf 
keinem zweiten Gebiete kann die Analyse so glänzend und überzeugend 
ihre Überlegenheit beweisen. 

Wie stand es vor der Analyse? Krafft-Ebing sah die Homo- 
sexualität ursprünglich als Folge einer erblichen Belastung an, eine 
Hypothese, welche die Erfahrung aller Beobachter nicht bestätigen 
konnte. Es gibt nämlich — und das macht das Verwirrende dieser 
Frage aus — verschiedene Momente, welche das Manifestwerden der 
allen Menschen latenten Homosexualität begünstigen. Darunter ist 
zweifellos auch das Milieu zu betrachten, das durch „nervöse" und 
„psychopathische" Eltern geschaffen wird. Doch davon später. Diese 
angeblich hereditäre Belastung soll sieh bei -den Homosexuellen schon 
dadurch zeigen, daß ihr Geschlechtstrieb sehr früh erwacht und daß 
sie schon in den Kinderjahren zu onanieren anfangen. Wir wissen, daß 
die Homosexuellen diese Eigenschaft mit allen Menschen, besonders 
aber mit den Neurotikern, teilen. Ein starkes Triebleben ist nicht die 
Folge, sondern die Ursache der Neurose. Nach Krafft-Ebing 
jedoch ist die Kinderonanie die Ursache der später ausbrechenden 
Homosexualität und Pseudo-Homosexualität. „Nichts ist geeigneter — 
sagt er — die Quelle edler, idealer Gefühlsregungen, die aus einer 
normal sich entwickelnden geschlechtlichen Empfindung ganz von selbst 
sich erheben, so zu trüben, ja nach Umständen ganz versiegen zu 
machen, als in frühem Alter getriebene Onanie. 1 ) Sie treibt von der 



*) Diese Behauptung ist vollkommen unrichtig. Ich habe nie so viele und eo 
ausgesprochene Idealisten gefunden als unter den Onanisten. Gerade bei jungen Künst- 

Stekol, Störungen dos Trio))- und Affi-ktlebons. II. 2. Aufl. 10 



146 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

sich entfalten sollenden Knospe Duft und Schönheit und hinterläßt nur 
den grobsinnlichen tierischen Trieb nach geschlechtlicher Befriedigung. 
Gelangt ein dergestalt verdorbenes Individuum in das zeugungsfähige 
Alter, so fehlt ihm der ästhetische, ideale, reine und unbefangene Zug, 
der zum anderen Geschlechte hindrängt. Damit ist die Glut der sinn- 
lichen Empfindungen erlöscht und die Neigung zum anderen Geschlecht 
eine bedeutend abgeschwächte. Dieser Defekt beeinflußt die Moral, die 
Ethik, den Charakter, die Phantasie, die Stimmung, das Gefühls- 'und 
Triebleben des jugendlichen Masturbanten, sowohl des männlichen als 
des weiblichen, in ungünstiger Weise und läßt nach Umständen das 
Verlangen nach dem anderen Geschlecht auf den Nullpunkt sinken, so 
daß Masturbation jeglicher naturgemäßen Befriedigung vorgezogen 
wird." 

Man stelle sich die verderbliche Wirkung dieser Zeilen auf den 
Jungling vor, der masturbiert. Vollends wenn er liest, daß die Homo- 
sexualität am besten dadurch behandelt wird, daß man. die Mastur- 
bation bekämpft (S. 336) . 

Der große Forscher verwechselt Ursache und Wirkung Die 
Masturbanten vermeiden den Weg zum Weibe nicht deshalb weil sie 
masturbiert haben. Sondern sie ma s t u r b i er en, weil ihnen 
der Weg zum Weibe versperrt ist. Die Masturbation ist 
vielen Menschen die einzige mögliche Form der Sexualbefriedigung, die 
sie sozial nicht ächtet. Für Menschen, welche eine stark betonte Homo- 
sexualität haben, bleibt oft kein anderer Weg frei, besonders wenn 
der Weg zum Weibe infolge bestimmter, später zu besprechender 
neurotischer Einstellungen verrammelt ist. 

Die Onanie ist nie die Ursache der Homosexualität! Sie tritt 
nicht, wie Krafft-Ebing glaubt, bei Homosexuellen sehr früh auf, sondern 
bei allen Menschen — und zwar ohne Ausnahme. Die Homosexuellen 
haben die Erinnerung an die Kinderonanie nicht verloren, weil sie 
andere, viel peinlichere Erlebnisse verdrängt und aus dem Gedächtnisse 
vertrieben haben. Doch davon später. Viel wichtiger erscheint uns 
jetzt die Beantwortung der Frage: Wie kommt die Homosexualität 
zustande? Ist sie angeboren oder anerzogen? Ist sie ein unabwend- 
bares Fatum oder nur die Folge bestimmter Familienkonstellationen? 
Ist sie die Folge einer erblichen Belastung? Während Krafft-Ebing 

lern, Dichtern und Musikern habe ich sehr häufig einen unbezwinglichen Hang zur 
Onanie konstatiert, was ja mit der ausgesprochenen Bisexualität aller Künstler zu- 
sammenhängt, auf die besonders Flicss aufmerksam gemacht hat. Sie sind oft so zart 
und empfindsam, daß sie in dem sexuellen Akt nur eine tierische Roheit erblicken und 
eich mit ihrer Sexualität vor aller Welt verstecken. Unter den Onanisten trifft man 
die Wahrheitsapostel, die Übermoralischen, die Ethiker und die Phantasten 



Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der Plomosexualität. 147 

ursprünglich dieser Meinung war und noch die These aufstellen konnte: 
„Es ist überhaupt zu bezweifeln, daß bei normal veranlagten Menschen 
zu irgend einer Zeit ihres Lebens eine Person des eigenen Geschlechtes 
sinnlich eine Attraktion ausüben könne", hat er später seine Ansicht 
gründlich geändert und sich zur Ansicht bekannt, daß es eine an- 
geborene Homosexualität gebe, freilich nur bei erblich Belasteten. 

Er stellte folgende Thesen auf: 

„1. Das Geschlechtsleben derartig organisierter Individuen macht 
sich in der Regel abnorm früh und in der Folge abnorm stark geltend. 
Nicht selten bietet es noch anderweitige perverse Erscheinungen, außer 
der an und für sich durch die eigenartige Geschlechtsempfindung be- 
dingten abnormen sexuellen Richtung. 

2. Die geistige Liebe dieser Menschen ist vielfach eine schwärme- 
risch exaltierte, wie auch ihr Geschlechtstrieb sich mit besonderer, selbst 
zwingender Stärke in ihrem Bewußtsein geltend macht. 

3. Neben dem funktionellen Degenerationszeichen der konträren 
Sexualempfindung finden sich oft anderweitige funktionelle, vielfach auch 
anatomische Entartungszeichen. 

4. Es bestehen Neurosen (Hysterie, Neurasthenie, epileptoide Zu- 
stände usw.). Fast immer ist temporär oder dauernd Neurasthenie nach- 
weisbar. Diese ist in der Regel eine konstitutionelle, in angeborenen 
Bedingungen wurzelnde. Geweckt und unterhalten wird sie durch 
Masturbation oder durch erzwungene Abstinenz." 1 ) 

Das klingt freilich schon viel milder und es werden die idealen 
Regungen der Homosexuellen zugegeben, obgleich sie ja — wie wir 
wissen — alle onaniert haben. Krafft-Ebing weiß eben nicht, daß alle 



1 ) Vgl. dagegen die Ausführung von Block: „Daß die konträre Sexualempfindung 
an und für sich nicht als psychische Entartung oder gar Krankheit betrachtet 
werden kann, geht unter anderem daraus hervor, daß sie sogar mit geistiger 
Superiorit, ät vereinbar ißt. — Beweis dafür Männer bei allen Nationen, 
deren konträre Sexualität festgesetzt ist und die gleichwohl als Schriftsteller, Dichter, 
Künstler, Feldherren, Staatsmänner der Stolz ihre6 Volkes sind. Ein weiterer Beweis 
dafür, daß die konträre Sexualempfindung nicht Krankheit, aber auch nicht 
lasterhafte Hingabe an das Unsittliche sein kann, liegt darin, daß 
6io alle die edlen Regungen des Herzens, welche die heterosexuale Liebe hervorzubringen 
vermag, ebenfalls entwickeln kann — in Gestalt von Edelmut, Aufopferung, Menschen- 
liebe, Kunstsinn, eigene schöpferische Tätigkeit usw., aber auch die Leidenschaften und 
Fehler der Liebe (Eifersucht, Selbstmord, Mord, unglückliche Liebe mit ihrem deletären 
Einfluß auf Seele und Körper U6w.)." (Bloch, 1. c. S. 543.) — Im Gegensatz zu Block 
schildert Fried in seiner Broschüre „Das männliche TJrningtum in seiner sozialen Be- 
deutung" den Homosexuellen als Schädling und Verbrecher und schließt seine \us- 
führungen mit dem Ausrufe: „ crasez l'infame!". Hingegen stellt wieder Blüher in 
seinem vielbeachteten Buche „Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft" 
(Eugen Dicderichs, Jena 1917 und 1919) die These auf, die ganze Sozialisierung der 
Menschheit lasse sich auf die mann-männliche Liebe zurückführen. 

10* 



148 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Künstler Neurotiker sind und daß die Neurose einen wichtigen Zu- 
sammenhang mit dem Problem des Schaffens aufweist. Er kennt also 
auch eine echte und falsche Homosexualität, eine Bisexualität (psy- 
chischen Hermaphroditismus) und andere Formen, wie sie Hirschfeld 

aufgestellt. 1 ) 

Krafft-Ebing merkt, daß ein Zusammenhang zwischen Homo- 
sexualität und Neurose besteht. Da er aber noch auf dem Boden der 
Belastungstheorie steht, muß er schließlich zugeben, daß Homo- 
sexualität auch bei nicht Belasteten vorkommt und somit keine Krank- 
heit sein kann. 

Ganz anderer Ansicht ist Moll, dem wir das erste große, zu- 
sammenfassende Werk über Homosexualität verdanken: „Wenn wir 
den Geschlechtstrieb nicht als ein Mittel zum Vergnügen, sondern zur 
Fortpflanzung betrachten, so müssen wir die ausschließliche Homo- 
sexualität in das Gebiet der Pathologie verweisen." (Die konträre 
Sexualempfindung, Berlin 1899, 3. Auflage.) Dieses Argument ist wohl 
nicht stichhältig. Denn einen Fortpflanzungstrieb als 
solchen gibt es nicht, nur einen Geschlechtstrieb. 

*) Freilich wäre es Pflicht des neuen Herausgebers dieses vielgelesenen Werkes 
gewesen, auf die letzten Ansichten von Krafft-Ebing zurückzukommen. In seinen „Neuen 
Studien auf dem Gebiete der Homosexualität" sagt er: „Der Erkenntnis gegenüber, 
daß die konträre Sexualität eine angeborene Anomalie, eine Störung in der Evolution 
des Geschlechtslebens monosexualer und der Artung der Geschlechtsdrüsen kongruenter 
seelisch-körperlicher Entwicklung darstellt, läßt sich der Begriff der „Krank- 
heit" nicht festhalten. Viel eher kann man hier von einer Mißbildung sprechen 
und die Anomalie mit körperlichen Mißbildungen, z. B. anatomischen Abweichungen vom 
Bildungstypus in Parallele stellen. Damit ist aber der Annahme einer gleichzeitigen 
Psychopathie nichts präjudiziert, denn Personen, welche derartige anatomische und 
auch funktionelle Abweichungen vom Typus (Stigmata degenerationis) darbieten, 
können zeitlebens physisch gesund bleiben, ja selbst über- 
wertig sein." „Immerhin wird ein so schwerwiegendes Ausderartschlagen wie die 
verkehrte Geschlechtsempfindung eine viel größere Bedeutung für die Psyche haben, als 
so manche anatomische oder funktionelle Entartungserscheinung. So erklärt es sich 
wohl, daß die Störung in der Entwicklung eines normalen Geschlechtslebens öfters der 
Entstehung einer harmonischen psychischen Persönlichkeit abträglich werden kann. 
Nicht selten stößt man bei Konträrsexualen auf neuro- 
pathisehe und psychopathische Veranlagungen, so z. B. auf kon- 
stitutionelle Neurasthenien und Hysterien, auf mildere Formen periodischer Psychose, 
auf Entwicklungshemmungen psychischer Energien (Intelligenz, moralischer Sinn), unter 
welchen besonders die ethische Minderwertigkeit, namentlich wenn zugleich Hyper- 
sexualität vorhanden ist, zu den schwersten Verwirrungen des Geschlechtstriebes führen 
kann. Immerhin kann man nachweisen, daß, relativ genommen, die Heterosexualen viel 
größere Zyniker zu sein pflegen als die Homosexualen. Auch weitere Entartungs- 
erscheinungen auf sexuellem Gebiete in Gestalt von Sadismus, Masochismus, Fetischismus 
finden 6ich ungleich häufiger bei den ersteren . . ." 



Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der Homosexualität. 149 

Die Wissenschaft ist nicht die Lehre der Zweckmäßigkeiten, sondern 
die Konstatienmg der Tatsachen. Die Wissenschaft darf und kann 
sich nicht in den Dienst der Teleologie stellen. Allerdings scheint Moll 
geneigt zu sein, die Homosexualität als Neurose aufzufassen: In 
neuerer Zeit sei immer mehr und mehr die Neigung aufgetreten, ein 
Grenzgebiet zwischen Geisteskrankheit und Geistesgesundheit auf- 
zustellen, „und in dieses Gebiet hat man viele Fälle von psychischen 
Entartungen — ich erinnere z. B. an manche Zwangsvorstellungen usw. 
— gerechnet. Ich glaube, daß wir gut tun werden, auch die konträre 
Sexualempfindung zu diesen Zuständen zu rechnen." S. 435 1. c.) Er 
verweist auf Westphal 1 ), der die Homosexualität mit der Moral in- 
sanity vergleicht. 

Moll gegenüber ist zu erwähnen, daß die meisten modernen 
Forscher betonen, sie hätten viele Homosexuelle untersucht, die ganz 
normal sind oder sich zumindestens als normal bezeichnen. Sehr 
treffend sagen Havelock Ellis und Albert Moll 2 ) in ihrem letzten ge- 
meinsamen Werke: „Näcke hat wiederholt behauptet, daß Homosexuelle 
vollständig gesund seien und abgesehen von ihrer spezifischen Ab- 
weichung in jeder Beziehung normal sein können. Es ist dies stets 
mein Standpunkt gewesen, obwohl ich im Gegensatz zu Näcke annehme, 
daß die Homosexualität sehr häufig in enger Be- 
ziehung zu nervösen Zuständen geringen Grade6 
steht. Wir können Hirschfeld zustimmen, daß sich Heredität bei 
nicht mehr als 25% Homosexuellen findet und daß, wenn auch eine 
neuropathische Grundlage bei der Homosexualität besteht, der de- 
generative Faktor sehr gering ist." Diese Autoren finden die Hypo- 
these, daß jeder Mensch eine Mischung aus weiblichen und männlichen 
Elementen darstelle, kühn und zu hypothetisch. „Aber es ist sicherlich 
gerechtfertigt, wenn wir die Homosexualität als eine angeborene 
Anomalie ansehen oder, um genauer zu sprechen, als eine Anomalie, 
die auf angeborenen Bedingungen beruht, die, wenn sie pathologisch 
ist, es nur in Virchows Sinne so weit ist, daß die Pathologie nicht die 
Wissenschaft von Krankheiten, sondern die von Anomalien ist, so daß 
ein Homosexueller ebenso gesund sein kann wie ein Farbenblinder. 
Eine angeborene Homosexualität steht also auf derselben Stufe wie 
eine biologische Variation; es ist eine Variation, die vielleicht durch 
unvollständige sexuelle Differenzierung veranlaßt ist, nicht aber einen 



*) Die konträre Sexualempfindung. Symptom eines neuropatliischen (psycho- 
pathischen) Zustandes. Arch. f. Psych, u. Neur., 2. Bd., S. 106. Berlin 1870. 

2 ) Handbuch der Sexualwissenschaften. (Die Punktionsstörungen des Sexuallebens.) 
Leipzig, Verlag F. C. W.Vogel, 1912. S. 652 



] 50 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

erkennbaren Zusammenhang mit irgend einem Krankheitszustand des 
Individuums hat." 

Dies möchte ich nun bezweifeln. Welche Beweise haben wir, daß 
die Homosexuellen vollkommen gesund sind, wenn wir wirklich einen 
Kanon der Gesundheit annehmen wollten, der nicht existiert? Wir 
haben nur ihre Aussagen. Sie bezeichnen sich alle als gesund. Wio 
oft hören wir das von schweren Psychopathen! Es fehlt ihnen das 
Krankheitsgefühl. Das scheint aber speziell für die Homosexuellen 
charakteristisch zu sein. Sie wollen ihren Zustand als einen normalen 
anerkannt wissen. Sie wollen gesund sein, wünschen in sehr seltenen 
Fällen eine Änderung und kommen meist erst zum Arzt, wenn sie mit 
dem Strafgesetz in Konflikt geraten sind und ihnen Gefahr droht. 
Sehr treffend betonen die beiden Autoren: „Was die Männer anbelangt, 
so stellen sich Homosexuelle selbst gern als normal hin und suchen 
ihren Standpunkt zu rechtfertigen. Diejenigen, die gegen ihren Trieb 
ankämpfen, dauernd ihr Verhalten mißbilligen oder auch nur Zweifel 
fühlen, sind eine kleine Minorität, weniger als 20%." 

Freilich, die große Zahl homosexueller Ärzte hat immer wieder, 
ihre Beobachter zu überzeugen gesucht, daß sie normal seien und sich 
sonst in gar nichts von anderen Menschen unterschieden. Alle un- 
befangenen Beobachter mußten aber die Fülle neurotischer Züge zu- 
geben, die der Homosexuelle zeigt. Ich bin sine ira et studio an die 
Prüfung dieser Frage herangetreten und habe zahllose Homosexuelle 
gesehen und viele eingehend kennen gelernt. Noch nie habe ich 
einen Homosexuellen gefunden, der kein Neuro- 
tiker gewesen wäre. Er muß es sein, wie ich später ausführen 
werde. Er muß es sein ebenso wie der Heterosexuelle, der ein starkes 
Stück Homosexualität zu bewältigen und zu verdrängen hat. So betonen 
auch Havelock Ellis und Moll gleich Krajft-Ebing eine Neigung zu 
Neurasthenie. Doch wer ist heutzutage nicht neurasthenisch? hört 
man oft sagen. So kommt es, daß sich vorurteilslose Forscher wie 
Iwan Bloch bekehrt haben und eine angeborene Homosexualität an- 
nehmen, die nicht als Krankheit aufzufassen ist. Bloch vertrat lange 
Zeit einen anderen Standpunkt, wurde aber durch Hirschfeld und durch 
den Verkehr mit Homosexuellen eines Besseren belehrt. Er glaubt jetzt 
an die angeborene Homosexualität und ließ sich besonders durch die 
Erzählungen der Homosexuellen dazu bestimmen. Wir werden später 
beweisen, wie trügerisch diese Erzählungen sind. Allerdings konnte 
einem so scharfen Beobachter wie Bloch die auffallende Zahl nervöser 
Homosexueller nicht entgehen. Er glaubt aber, sie wären nervös, „weil 
die Homosexualität auf sie wie ein psychisches Trauma wirken müsso". 
„Nach meinen Untersuchungen und Beobachtungen ist - das Verhält- 



Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der Homosexualität. 151 

nis von Gesundheit und Krankheit bei Homo- 
sexuellen ursprünglich das gleiche wie bei Hetero- 
sexuellen und wird im Laufe des Lebens infolge der sozialen und in- 
dividuellen Isolierung der Homosexuellen, die wie ein psychisches 
Trauma wirkt, zugunsten der Krankheit etwas verschoben; hier 
handelt es sich meist um erworbene nervöse Leiden und Beschwerden, 
um die Ausbildung eines eigenartigen Typus „homosexueller 
Neurasthenie", die bei oberflächlichen Beobachtern sehr wohl 
eine Verwechslung des „post hoc" mit dem „propter hoc" hervorrufen 
kann." Es ist sicher, daß die Gefahren homosexueller Betätigung die 
Entwicklung von Angstzuständen begünstigen. Man sieht aber diese 
nervösen Zustände auch in den Fällen, in denen gar keine Veranlassung 
zur Angstentwicklung vorhanden ist, und die Angstzustände erweisen 
»ich oft gar nicht durch die Homosexualität bedingt. 

Für die Homosexualität als normale Erscheinung tritt mit der 
ganzen Wucht seiner Erfahrung Magnus Hirschfeld ein. Zahllos sind 
seine Arbeiten, die dieses Gebiet betreffen. Nun liegt aber sein großes 
Buch über dieses Thema vor: „Die Homosexualität des Mannes und 
des Weibes." (Berlin, SW. 61, Verlag Luis Marcus.) Kein Forscher, 
der sich mit diesem Thema beschäftigt, kann an diesem gründlichen 
und erschöpfenden Werke vorübergehen. Fassen wir die Ansichten 
von Hirschfeld zusammen, so können wir definieren: Es gibt eine 
echte angeborene Homosexualität, die wir nicht 
als Krankheit bezeichnen dürfen. Diese Homosexualität 
ist nicht mit der Bisexualität und nicht mit der Pseudohomosexualität 
zu verwechseln. Auch Hirschfeld hat eine Wandlung in seinen An- 
sichten durchgemacht. Er faßte die Homosexualität als sexuelle 
Zwischenstufe zwischen Mann und Weib auf und prägte den bekannten 
Ausdruck: Das dritte Geschlecht. Alle Menschen sind ja bekanntlich 
bisexuell. Hirschfeld suchte bei Homosexuellen nach den bekannten 
körperlichen Zeichen der Bisexualität. Bei den Männern fand er Busen- 
andeutung, weibliches Becken, eine zarte Haut usw., bei den Frauen 
Andeutung des Bartwuchses, männliche, energische Züge u. dgl. m. 
So konnte er in seinem Buche „Der urnische Mensch" noch behaupten: 
„Einen Homosexuellen, der sich körperlich und geistig nicht vom Voll- 
mann unterscheidet, habe ich unter 1500 nicht gesehen und glaube 
daher an sein Vorkommen nicht eher, bis ich ihn persönlich kennen 
gelernt habe." In seinem neuesten Werke jedoch heißt es: „Der 
androgyne Männer- und der gynandrische Frauentypus sind keineswegs 
immer an Homosexualität geknüpft. Es gibt gewisse Typen, die man 
als eunuchoide bezeichnet hat, sie machen, ohne verschnitten zu sein, 
den Eindruck von Kastraten, besitzen weibliche Körperformen, hohe 



152 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



Stimme, bartlose Gesichter. Meist besteht Azoospermie, vielfach 
Anorchie. Urnen entsprechen Frauen, die körperlich viel Männliches 
haben. Diese auffallend weiblichen Männer und männlichen Weiber 
werden oft für homosexuell gehalten, sind aber nicht selten völlig 
heterosexuell insofern, als sie Ergänzungen ihrer In- 
dividualität unter Typen finden, die dem anderen 
Ge schlechte angehören. Diese sie fesselnden 
Typen sind allerdings auch androgyn." 1 ) 

Hirschfeld erkennt in dieser Wahl des androgynen Typus nicht 
die Kraft der latenten Homosexualität. Ein Homosexueller, der 
nicht manifest homosexuell fühlt, ist für ihn kein Homosexueller. 
Grundlage der Diagnose ist nicht- mehr die Körperbildung mit Ein- 
schlag des entgegengesetzten Geschlechtes. Maßgebend ist Hirschfeld 
nur das Fühlen des Menschen. Fühlt er homosexuell (und 
zwar von Kindheit an), so ist er ein Homosexueller. 
Die eigenen Worte von Hirschfeld lauten: „Der springende Punkt 
bleibt also nach wie vor bei der Diagnose der Homosexualität der 
exakte Nachweis der konträren Sexualempfindung selbst; wesent- 
lich unterstützt wird diese Diagnose durch das negative Verhalten 
gegenüber dem anderen Geschlechte, sowie durch die alterosexuellon 
Einschläge, die aber beide für sich allein genommen eine 
sichere Diagnose nicht gestatten." Da auch Bloch gesteht, 
daß es zahlreiche virile Homosexuelle von durchaus männlichem 
Körperbau gibt, so sehen wir, daß uns die organische 
Diagnose der Homosexualität ganz im Stiche läßt. 
Auch Hans Blüher, ein guter Kenner der Homosexualität, kennt den 
reinsten homosexuellen Typus, den er den „Männerhelden" nennt, der 
in Charakter und Habitus durchaus männlich bleibt und sich dadurch 
vom zweiten Typus, dem „invertierten Weibling", unterscheidet. Der 

) Ich finde bei Bloch eine sehr interessante Bemerkung, die weiteste Verbreitung 
verdient: „Eine letzte und nicht unwichtige Erscheinungsform der Pseudo-Homosexualität 
ist das Z wittert um oder der Hermaphroditismus. Es ist merkwürdig, 
daß die Wissenschaft erst in den letzten Jahren eich eingehender mit den herma- 
phroditischen Zuständen beschäftigt hat, die bisher, wie auch Blumenreich hervorhebt, 
in ihrer sozialen Bedeutung und ihrer Häufigkeit weit unterschätzt wurden. Es ist 
das große Verdienst von Neugebauer und Magnus Hirschfeld, die allgemeine Aufmerk- 
samkeit auf diese merkwürdigen sexuellen Zwischenstufen gelenkt und ihre eminent 
praktische Bedeutung nachgewiesen zu haben, von der niemand vorher eine Ahnung 
hatte, wie sich aus dem auffälligen Umstände ergibt, daß das neue 
Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich die zivil- 
rechtlichen Bestimmungen des alten preußischen Landrechts 
über die Zwitter gänzlich beseitigt hat, mit der Begründung, 
es gebe keine Personen unbestimmten oder unbestimmbarem 
Goschlechtes!" 



Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der Homosexualität. 153 

dritte Typus wäre der latent Homosexuelle. (Die drei Grundformen 
der Homosexualität. Eine sexuologische Studie. Leipzig. Jahrbuch für 
sexuelle Zwischenstufen, Band XIII.) 

Wir müssen das Unglaubliche dieser Diagnosenstellung wieder- 
holen und unterstreichen. Für die Diagnose der Homosexua- 
lität gibt es eigentlich kein objektives Zeichen! 
Maßgebend ist, daß der Homosexuelle betont, daß 
er immer homosexuell empfunden hat und dem 
anderen Geschlechte gegenüber indifferent ist. 

Nur der Analytiker kann . die Unhaltbarkeit dieser Diagnostik 
in ihrer ganzen Schwäche erkennen. Wir sehen immer wieder Menschen, 
die behaupten, sich sein* genau zu kennen; sie hätten sich auf das 
gewissenhafteste durchforscht und nach einigen Wochen, oft schon 
nach einigen Tagen (Beispiele wird auch dieses Buch in Hülle und 
Fülle bringen) muß der Analysierte gestehen, daß er sich nicht 
gekannt hat, daß er sich nicht kennen wollte. In sexuellen 
Dingen lügen alle Menschen und belügen sich in 
erster Linie selbst. Sie spielen alle Vogelstraußpolitik. 

Alle Neurotiker fälschen ihre Krankheits- 
geschichte oder retuschieren sie zum mindesten. 
Sie vergessen einfach die Tatsachen, welche ihnen in ihr System nicht 
passen. Denken wir auch an den Ausspruch von Havelock Ellis, daß 
die Homosexuellen sich so gerne als normal hinstellen. Ebenso wird 
die Kindheitsgeschichte — bewußt oder unbewußt — gefälscht und 
es wird eine Lebensgeschichte konstruiert, aus der alle heterosexuellen 
Biegungen verschwunden sind. 

Die Psychanalyse hat nachgewiesen, daß alle Homosexuellen — 
ohne Ausnahme — in der Jugend heterosexuelle Neigungen gehabt 
haben. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahme. Es gibt keine mono- 
sexuellen Menschen! Die heterosexuelle Periode geht oft weit über 
die Pubertät hinaus. Alle Menschen sind bisexuell. Es gibt aber 
Menschen, die aus bestimmten Motiven und unter dem Eindruck be- 
stimmter Verhältnisse entweder die homosexuelle oder die hetero- 
sexuelle Komponente unterdrücken müssen und dann scheinbar . als 
Monosexuelle gelten. Auch der „Männerheld Blühers" und der „echte 
Homosexuelle Hirschfelds" sind nur scheinbar monosexuell. Ein Blick 
in die von allen Autoren veröffentlichten Lebensbeichten der Homo- 
sexuellen bestätigt schon diese Tatsachen. Betont doch Hirschleid 
selbst, es sei ein Verdienst der Psychanalyse, daß sie die flüchtige 
heterosexuelle Triebrichtung des Homosexuellen entdeckt habe. Damit 
fällt das wichtigste Moment für die Diagnose der Homosexualität in 
sich zusammen. 



154 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



Der Trieb des Homosexuellen ist ursprüng- 
lich gar nicht ausschließlich auf das gleiche Ge- 
schlecht gerichtet. Auch der Homosexuelle ist 
ursprünglich bisexuell. Er verdrängt aber seine Hetero- 
sexualität, wie der Heterosexuelle seine Homosexualität verdrängen 
muß: Blüher, der eine Pathogenese der Homosexualität für den Typus 
des Männerhelden nicht annehmen will, meint, man müßte dann mit 
demselben Rechte sagen: Es gibt auch eine Pathogenese der Hetero- 
sexualität. 

Das ist auch die Wahrheit. Jede Monosexualität ist nicht das 
Normale, nicht das Natürliche. Die Natur hat uns bisexuell 
gemacht und verlangt auch die bisexuelle Be- 
tätigung. Der rein Heterosexuelle ist immer im gewissen Sinne ein 
Neurotiker, das heißt, schon die Verdrängung der homosexuellen 
Komponente verursacht seine Disposition zur Neurose, ja ist schon 
ein Stück Neurose, das ja keinem Normalmenschen fehlt. Die Psycho- 
logie der Paranoia, deren Erforschung wir dem Genie Freuds ver- 
danken, zeigt uns die Extreme dieser Verdrängungsarbeit nach der 
einen Seite, wie sie der Homosexuelle nach der anderen Seite zeigt. 

Es gibt auch keinen Homosexuellen, der nicht neurotisch wäre, 
und zwar neurotisch durch Verdrängung der Heterosexualität. Diese 
Verdrängung ist ein rein psychischer Vorgang und hat mit Degeneration 
nichts zu tun. Die Homosexualität ist kein Produkt der Degeneration 
im gewöhnlichen Sinne. Sie ist eine Neurose und zeigt die Ätiologie 
der Neurose, die wir noch zu besprechen haben. Ich komme wieder auf 
Hirschfeld zurück. Er sagt über den Zusammenhang von Neurose und 
Homosexualität : 

„1. Ausgesprochene körperliche oder geistige Entartungszeichen 
sind bei homosexuellen Männern und Frauen verhältnismäßig selten, 
jedenfalls finden sie 'sich im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Homo- 
sexuellen nicht häufiger als unter Heterosexuellen beiderlei Geschlechtes. 

2. Dagegen findet sich häufig und, wie es scheint, nicht nur als 
eine Folge der Homosexualität eine stärkere Labilität des 
Nervensystems vor (oft mit dem periodischen Charakter endo- 
gener Stimmungsschwankungen). 

3. In den Familien der Homosexuellen findet sich oft eine größere 
Anzahl nervöser, sowie vom normalen Sexualtypus abweichender In- 
dividuen." (Iiirschfeld 1. c. S. 338.) 

Auch Hirschfeld betont also die Labilität des Nervensystems bei 
den Homosexuellen und weist auf die Häufung sexuell abnormer Typen 
in den Familien der Homosexuellen hin. Das ist eine unbedingt richtige 
Beobachtung. Ihre Erklärung kann sie in zwei Momenten finden: 1. In 
dor Heredität. 2. Im gemeinsamen Milieu. Wie diese zwei Faktoren 



Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der Homosexualität. 155 

zusammenwirken, das kann man nur in jedem einzelnen Falle unter- 
scheiden. 

Ich kann aus meinen Erfahrungen bestätigen, daß sich unter den 
Eltern der Homosexuellen immer abnorme Charaktere finden. Bei den 
männlichen Homosexuellen findet man auffallend häufig melancholische, 
zu Depression geneigte oder schwer hysterische Mütter. In allen Ab- 
stufungen, von dem launischen, herrschsüchtigen Weibe bis 
zu der einsamen, schweigsamen Dulderin, die an Melancholie erkrankt 
und zeitweise im Irrenhause interniert werden muß. Ebenso häufig ist 
bei Urlinden ein pathologischer Vater, ein Haustyrann, Trinker, Mor- 
phinist, Wüstling, Frauenheld, Epileptiker und Hysteriker. Wir werden 
später zu entscheiden haben, ob die Einflüsse dieser Eltern auch auf 
psychischem Wege sich bemerkbar machen können und wie die Kinder 
sich zu diesen Eltern stellen. Die genaue Durchsicht der fremden 
Krankengeschichten bestätigt diese Tatsache. 

Doch wie stellen sich die verschiedenen Autoren das Ent- 
stehen der Homosexualität vor ? Wir haben schon erwähnt, daß 
Hirschfeld und alle Forscher, die sich von ihm haben überzeugen lassen, 
die Theorie der angeborenen Homosexualität verteidigen. Diese Va- 
riation ist dann ein Fatum. Das Gesetz der Planeten, nach dem der 
Mensch sein Leben angetreten . . . 

Bloch aber findet den Zustand trotz aller Erklärungen von Hirsch- 
feld noch immer rätselhaft und kommt auf die chemische Theorie von 
Hirschfeld (Andrin und Gynäcin) zurück: 

„1. Das sogenannte „undifferenzierte" Stadium des Geschlechts- 
triebes (Max Dessoir) kann oft ausbleiben, dann, wenn der Geschlechts- 
trieb schon v r der Pubertät bei Heterosexuellen oder Homosexuellen 
eindeutig auf ein bestimmtes Geschlecht sich richtet. Gerade bei der 
Homosexualität zeigt sich oft schon vor der Pubertät die klare und 
eindeutige, bestimmte Richtung des Triebes auf das gleiche Geschlecht. 

2. Eine kritische Theorie der Homosexualität muß auch die 
extremen Fälle erklären, vor allem also die männliche 
Sexualität bei völliger Virilität. 

3. Die Geschlechtsteile und Keimdrüsen können 
nicht das Bestimmende sein, da -bei typisch normalen männ- 
lichen Genitalien und Testikeln Homosexualität auftritt; auch das 
Gehirn an sich kann bei der echten Homosexualität nicht da's Be- 
stimmende sein, da trotz stärkster absichtlicher und 
unabsichtlicher heterosexueller Einflüsse auf 
Denken und Phantasie doch die Homosexualität 
nicht auszurotten ist und sich weiter entwickelt. 

4. Da diese Homosexualität als Neigung (nicht als Geschlechts- 
trieb) oft schon lange vor der Pubertät und vor der eigentlichen Tätig- 
keit der Keimdrüsen auftritt, so liegt die Vermutung nahe, daß irgend 
welche zwar mit der „Sexualität", aber nicht direkt mit den Keim- 



156 Zweitor Teil. Die Homosexualität. 

driisen in Zusammenhang stehende physiologische Erscheinung bei 
Homosexuellen eine Veränderung erfährt, die eine Änderung der 
Triebrichtung zur Folge hat. 

5. Es läge am nächsten, hier an chemische Einflüsse zu 
denken, an Änderungen im Chemismus der Sexualspannung, die sicher 
eine große Unabhängigkeit von den Keimdrüsen besitzt, da sie 
bei Kastraten und Eunuchen erhalten bleiben kann. Das Wesen dieses 
Sexualchemismus ist noch völlig dunkel." (Bloch, 1. c. S. 589.) 

Ferner später: „Meines Erachtens kann der anatomische Wider- 
spruch, die naturwissenschaftliche Ungeheuerlichkeit einer weiblichen 
bzw. unmännlich gearteten Psyche in einem typisch männlichen Körper 
oder einer weiblich-unmännlichen Sexualpsyche bei normal gebauten und 
normal funktionierenden männlichen Genitalien nur auf diese Weise ge- 
lost werden, wenn man diesen interkurrenten dritten Faktor zu Hilfe 
nimmt. Diesen kann -man aber sehr wohl aus irgend welchen bereits 
embryonalen Störungen des Sexualchemismus ableiten. Das 
wurde auch erklären, weshalb die Homosexualität so oft in völlig ge- 
sunden Familien auftritt als eine vereinzelte Erscheinung, die nichts mit 
der Vererbung oder gar. Degeneration zu tun hat. Wenn v. Römer im 
(aegenteil die Homosexualität als eine „Regenerations"erscheinung be- 
zeichnet, so liegen auch hierfür keine genügend sicheren Anhaltspunkte 
vor Hier beginnt das Rätsel der Homosexualität. Wenigstens für 
mich ist es ein solches. Meine Theorie soll nur die Tatsache und d°n 
wahrscheinlichen physiologischen Zusammenhang der Homosexualität 
besser und vor allem naturwissenschaftlich richtiger erklären als die 
früheren Theorien. Über die letzte Ursache des relativ 
Hufigen Vorkommens der Homosexualität als einer 
originären Erscheinung vermag auch sie nichts 
auszusage n." 

„Ich vermesse mich nicht, in die letzten Gründe alles Seins und 
Geschehens eindringen zu können. Es bleibt hier ein Rätsel 
z u 1 ö s an. Aber vom Standpunkte der Kultur und der Fortpflanzung 
ist die Homosexualität eine sinn- und zwecklose dysteleologische Er" 
scheinung, wie manches andere „Naturprodukt", z. B. der menschliche 
tfünddarm. Ich habe bereits in einem früheren Kapitel ausgeführt, daß 
che Kultur eine immer schärfere sexuelle Differenzierung herbeigeführt 
hat, daß die Antithese „Mann" und „Weib" eine immer deutlichere 
geworden ist. Die Scheidung der Geschlechter ist mehr eine Kultur- 
als eine Naturtatsache. Alle sexuelle Indifferenz, alle geschlechtlichen 
„Übergänge sind primitiven Charakters, mit Recht läßt Eduard 
o. Mayer die Homosexualität in der Urzeit des Menschengeschlechtes 
viel weiter verbreitet sein als heute, ja als der heterosexuellen Liebe 
ebenbürtig auftreten. Die Kultur hat mittelst der Vererbung, An- 
passung und Differenzierung die gleichgeschlechtlichen Triebe immer 
mehr eingeschränkt." (Bloch, 1. c. S. 590.) 

Zu dieser neuen Theorie der Homosexualität habe ich zu be- 
merken: Es ist nicht rieht ig, '.daß sich bei den Homo- 
sexuellen vor der Pubertät die eindeutige klare 
bestimmte Richtung auf das eigene Geschlecht 



Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der Homosexualität. 157 

und nur auf das eigene Geschlecht zeigt. Richtig ist, 
daß die Homosexuellen, wie alle Menschen, vor der Pubertät eine bi- 
sexuelle Periode (das undifferenzierte Stadium von Max Dessoir) auf- 
zuweisen haben. Sie haben aber die heterosexuellen Erlebnisse ver- 
gessen. Richtig ist, daß eine kritische Theorie der Homosexualität 
auch die extremen .Fälle erklären muß, gerade auch die männliche 
Homosexualität bei völliger Virilität und die weibliche Homosexualität 
bei vollkommener Weiblichkeit. Diese wird aber durch die Theorie 
Hir schfelds und Blochs nicht erklärt. Ebenso richtig ist der dritte 
Punkt. Am Gehirn und an den Keimdrüsen kann es nicht liegen. Die 
chemischen Einflüsse sind möglich, aber schwer zu beweisen. Auf die 
Forschungen Steinachs werde ich noch zu sprechen kommen. Sie be- 
weisen, was ich nie geleugnet habe: Die Bedeutung der inneren Se- 
kretion. Aber gerade Männer mit normaler männlicher "„Pubertäts- 
drüse" fühlen weiblich und umgekehrt. 

Nun liegt das Verwirrende des Problems offenbar darin, daß man 
versuchte, alle Fälle von Homosexualität nach einem einzigen Schema 
zu erklären. Es gibt aber offenbar verschiedene Wege, die zur Homo- 
sexualität führen und diese müssen wir alle zu erforschen trachten. 
Daß die Keimdrüsen bei der Homosexualität eine Rolle spielen, scheint 
mir sehr wahrscheinlich. Wir können aber diese Zusammenhänge nur 
vermuten und nicht beweisen. Was ich jedoch an meinem Material be- 
weisen kann, das sind die seelischen Zusammenhänge. 

Wir dürfen auch nicht vergessen, daß nicht nur die Physis die 
Seele beeinflußt, sondern daß auch das Gegenteil vorkommt: Die 
Psyche bildet den Körper nach ihren Einstellungen. Wir merken, daß 
der Künstler eine andere Physiognomie erhält als der Handwerker, der 
Arzt eine andere als der Advokat. Das Seelische modelliert auch die 
Physis. Ein Mann, der sich als Weib fühlt und ein Weib sein möchte, 
wird unwillkürlich den Gang der Frauen annehmen und alles Weib- 
liche imitieren. Aber im Laufe der Jahre wird er auch weiblich aus- 
sehen. Vielleicht — und das ist meine Überzeugung — geht diese 
Umformung auf dem Wege der Keimdrüsen vor sich. Das können wir 
uns vorstellen, es geht aber wieder in das Gebiet der Hypothese, die 
ich vermeiden möchte. 

Was alle Autoren vollkommen vernachlässigen, ist die gewaltige 
Kraft psychischer Faktoren. Es mag dem Anhänger mechanistischer 
Theorien unwahrscheinlich klingen. Aber die plastische, den Organismus 
umbildende Kraft der Wünsche wird leider von allen Ärzten unter- 
schätzt. Der Wunsch, ein Mann zu sein, kann Knaben männlich machen; 
der Wunsch, ein Kind zu bleiben, verhindert die weitere Entwicklung 
zum Erwachsenen; der Wunsch, ein Weib zu sein, macht weiblich. 



158 > Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Wer die Forschungen Pawlows über den „psychischen Zündsaft" kennt, 
muß auch annehmen, daß bestimmte Wünsche irgend einen Einfluß 
auf die Keimdrüsen ausüben können. Sicher sind sie imstande, das 
Wesen, das Schaffen, die Bewegungen, die Züge des Individuums zu 
beeinflussen. 

Wenn ein Knabe sich wie ein Mädchen benimmt, so muß es nicht 
eine weibliche Anlage sein. Es kann schon die Identifizierung mit der 
Mutter oder mit der Schwester bedeuten. 

Wie deutlich spricht eine Mitteilung, die ich dem Buche Hirsch- 
felds entnehme! 

Eine homosexuelle Dame schreibt: „Auf dem Lande geboren, wo 
mein Vater einen großen Landbesitz hatte, bin ich bis zu meinem 
14. Jahre dort erzogen. Ich war die Jüngste von meinen Geschwistern 
Mein ältester Bruder hatte etwas Mädchenhaftes und war mehr der 
Liebling meiner Mutter und wenig nach dem Sinn des Vaters, dessen 
Liebling wieder meine älteste Schwester war. Ich bin das ganze 
Ebenbild meines Vaters in allen Charaktereigenschaften so- 
wohl, als in meiner sinnlichen Veranlagung. In späteren Jahren hat 
mein Vater oft gesagt: „Bei dir und Ludwig (unserem ältesten Bruder) 
hat die Natur sich geirrt. Du hättest ein Junge werden müssen und 
Ludwig ein Mädchen." Dabei bin ich gewiß, daß mein Vater von Homo- 
sexualität keine Ahnung hatte und daß auch mein Bruder nicht homo- 
sexuell war. Bei mir zeigte sich meine Veranlagung schon als Kind, 
denn mein sehnsüchtiger Wunsch war es, ein Junge zu 
sein. Ich zog mir als zwei- oder dreijähriges Kind die Westen meines 
Vaters an, setzte mir dessen Mütze auf, nahm einen Spazierstock und 
stolzierte so auf dem Hofe herum." (Hirschfeld, 1. c. S. 43.) 

Wir sehen ja, daß dieses Mädchen sich einfach mit ihrem Vater 
identifizierte! Sie wollte eben ein Mann wie der Vater sein! 

Ebenso kann man die Beobachtungen von Ulrichs 1 ) auffassen: 
„Der Urning zeigt als Kind ganz unverkennbaren Hang zu mädchen- 
haften Beschäftigungen, zum Umgang mit Mädchen, zum Spielen mit 
Madchenspielzeug, namentlich mit Puppen. Wie sehr beklagt ein solches 
Kind, daß es- nicht Knabensitte ist, mit Puppen zu spielen, daß der 
Weihnachtsmann nicht auch ihm Puppen bringt und daß man ihm mit 
den Puppen seiner Schwester zu spielen verbietet! Solches Kind zeigt 
Wohlgefallen am Nähen, Stricken, Häkeln, an den weich und sanft 
anzufühlenden Kleidern der Mädchen, die es am liebsten selbst tragen 
möchte, an farbigen seidenen Bändern und Tüchern, von denen es sich 
gern einzelne Stücke aufbewahrt. Den Umgang mit Knaben, deren Be- 
schäftigungen, deren Spiele scheut es. Das Steckenpferd ist ihm gleich- 
gültig. Am Soldatenspielen, dem liebsten Zeitvertreib der Knaben, hat 



') Ulrichs, Inclusa, S.27ff. 



, 



Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der Homosexualität. 159 

es keinen Gefallen. Es flieht der Knaben Raufereien, deren Schneeball- 
werfen. Am Ballspiel findet es wohl Gefallen, aber nur mit Mädchen. 
Auch wirft es den Ball mit der zarten und schwächlichen Armstellung 
der Mädchen, nicht mit dem kräftigen Armgriff des Knaben. Jeder, 
welcher einen Urning als Knaben beobachten konnte und mit einiger 
Aufmerksamkeit wirklich beobachtete, wird dies bestätigen oder doch 
ganz ähnliches. Sollte das alles Verstellung sein? Die geschilderten 
Eigentümlichkeiten habe ich an mir persönlich schon längst nicht nur 
gekannt, sondern sie sind mir auch stets auffallend gewesen, ohne daß 
ich jedoch gerade etwas Weibliches in ihnen erkannt hätte. Im Jahre 1854 
teilte ich dieselben auch einem meiner Verwandten mit, als etwas mir 
Auffallendes, was wohl mit meiner geschlechtlichen Natur zusammen- 
hängen möge. Weil dieser jedoch mir diesen Gedanken ausredete, so 
ließ ich ihn fallen. Erst 1862 habe ich ihn wieder aufgegriffen: weil 
mir nämlich Gelegenheit ward, auch andere Urninge zu beobachten und 
ich den weiblichen Habitus merkwürdigerweise bei allen sich wiederholen 
sah, wenn auch verlierend in den einzelnen Zügen. Auch bei den Weibern 
variiert ja der weibliche Habitus in den einzelnen Zügen. Über mich 
selbst, als Kind von 10 bis 12 Jahren, folgendes: Wie oft seufzte meine 
gute Mutter: „Karl, du bist nicht so, wie andere Jungen!" Wie oft 
sagte sie warnend: „Wenn du nicht anders wirst, wirst du ein Sonder- 
ling." (Hirschfeld, 1. c. S. 117.) 

Was besagen diese feinen Beobachtungen? Wer die spielerischen 
Charaktere der Kinder kennt, ihre früh auf ein Ziel gerichtete Psyche, 
der muß es sich gestehen: Solches Verhalten kann schon durch einen 
Wunsch beeinflußt sein! 

Nein — alle diese Beobachtungen beweisen nicht das Angeboren- 
sein der konträren Sexualempfindung. Wenn Hirschfeld ausführt — 
„Treffend wird in diesen Berichten die mangelnde Eitelkeit urnischer 
Mädchen hervorgehoben. Nicht ohne Grund sagt ein feiner Kenner 
der urnischen Psyche: „Auf ein junges Mädchen, welches bei einem 
Spiegel achtlos, ohne hineinzusehen, vorübergehen kann, wenn es sich 
ankleidet, auf einen Knaben, der mit großem Vergnügen immer wieder 
zu demselben zurückkehrt, muß man achthaben, denn beide verraten 
oft hierdurch frühzeitig ihre urnische Natur." (Hirschfeld, 1. c. S. 119.) 
— so sehe ich darin nichts als das Bestreben, sich von den anderen 
Genossen zu differenzieren. 

Ich komme endlich zu meiner Theorie der Homosexualität, die 
ich mir in Anlehnung an die Ergebnisse der Psychanalyse und im 
Ausbau der Lehren Freude gebildet habe. 

Alle Menschen sind ursprünglich bisexuell 
veranlagt. Von dieser Regel gibt es keine Aus- 
nahme. Bei dem normalen Menschen zeigt sich 
bis zu der Pubertät eine deutliche bisexuelle 
Periode. Der Heterosexuelle verdrängt dann seine 



160 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



r- 

r 



Homosexualität. Er sublimiert auch einen Teil 
der homosexuellen Kräfte in Freundschaft, Na- 
tionalismus, soziale Bestrebungen, Vereinswesen 
usw. Mißlingt ihm diese Sublimierung, so wird er 
neurotisch. Da jeder Mensch seine Homosexuali- 
tät nicht gänzlich bewältigen kann, so trägt er 
dadurch schon die Disposition zur Neurose in 
sich. Je stärker die Verdrängung ist, desto größer 
dann die neurotische Reaktion, die bis zur Para- 
noia führen kann. (Freuds Paranoiatheorie.) Wird 
aber die H e t er o s exu ali t ä t verdrängt, so entsteht 
die Homosexualität. Beim Homosexuellen wirkt 
wieder die verdrängte und nicht bewältigte 
Heterosexualität als Disposition zur Neurose 
Je sicherer die Heterosexualität sublimiert wird, 
desto mehr kann der Homosexuelle das Bild eines 
normalen gesunden Menschen bieten. Er gleicht 
dann dem normalen Heterosexuellen. Aber gerade 
wie der Nermal heterosexuelle zeigt der „Manne: 
held" eine permanente latente Disposition zu 
Neurose. 

Bei dem Normal homosexuellen scheint aber 
dieser Sublimierungsprozeß schwerer zu sein als 
bei den Normalheterosexuellen. Deshalb sind 
diese Typen sehr selten und eine genaue Analyse 
weist immer typische neurotische Reaktionen 
auf. Die neurotischen Reaktionen der Abwehr 
(Freud) sind Angst, Scham, Ekel und Haß. Der 
Heterosexuelle hat vor homosexuellen Akten Ekel. 
Damit beweist er die affektbetonte negative Ein- 
stellung. Denn Ekel ist ja nur eine negativ be- 
tonte Begierde. Der Homosexuelle hat diesen 
Ekel vor dem Weibe, der ihn zum Neurotiker 
stempelt. (Oder e.r haßt die Frauen!) Denn dem 
Normalhomosexuellen — wenn es einen solchen 
geben würde -müßte das Weib indifferent sein. 
Aus diesen Ausführungen ergibt sich, daß der 
gesunde Mensch sich bisexuell betätigen müßte. 
Wir kennen nur ein Volk, bei dem die Bisexualität staatlich an- 
erkannt war: die Griechen. Wir müssen aber gestehen, daß dieses 
Volk die höchste Stufe künstlerischer und physischer Leistung er- 
klommen hat. Wir werden zu untersuchen haben, warum die Homo- 



Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der Homosexualität. \Q\ 

Sexualität so verpönt wurde und weshalb das Beispiel der Griechen 
trotz Anerkennung ihrer ungeheuren Leistungen auf kulturellem und 
ethischem Gebiete keine Nachahmung gefunden hat. Davon später. 
Wir kommen also zu dem Schlüsse : Es gibt keine ange- 
borene Homosexualität und keine angeborene 
Heterosexualität. Es gibt nur eine Bisexualitä t. 1 ) 
Monosexualität ist schon die Disposition zur 
Neurose, in vielen Fällen schon die Neurose selbst. 
Diese Theorie ist nicht neu. Neu ist nur ihre Verbindung mit 
der Neurose. Das Verdienst, sie zuerst ausgesprochen zu haben, ge- 
bührt Kiernan (Medical Standard, 1888) . Kiernan geht von der Tat- 
sache aus, daß alle niederen Tiere bisexuell sind, und faßt die Homo- 
sexualität als Rückschlagserscheinung in die einstigen 
hermaphroditischen Formen des Tierreiches auf. Wir müssen uns die 
Theorie merken, weil ich auf sie bei Besprechung der Disposition zur 
Neurose noch zurückkommen werde. Auch Chevalier 2 ) (Inversion 
sexuelle, Paris 1893) geht von der ursprünglichen Bisexualität des 
Fötus aus. Es wären hier noch zwei Forscher zu erwähnen: Lombroso, 
dem das Verdienst gebührt, auf die Rückschlagserschei- 
nungen (Atavismus) aufmerksam gemacht zu haben, und Binet, der 
die Homosexualität sich so entstanden denkt, daß der ur- 
sprünglich undifferenzierte 'Geschlechtstrieb 
(also der bisexuelle Trieb) durch ein frühes E r- 



1 ) Daß Homosexualität nichts mit der organischen Bisexualität zu tun hat, 
betont üirschfeld: „Eine Wahrnehmung zu konstatieren scheint mir nicht unwesent- 
lich: Die stärksten Annäherungen an den entgegengesetzten Geschlechtstypus, 
wie beispielsweise beim Weibe Klitorishypertrophie und Vollbart, beim Manne Hypo- 
8padia penisscrotalis und Gynäkomastie, sind häufiger mit Heterosexualität als 
mit Homosexualität verbunden." 

2 ) Ich habe das Werk von Chevalier nicht auftreiben können. Ich zitiere 
Krafft-Ebing: „Auch Chevalier (op. cit. S. 408) geht von der ursprünglichen Bisexualität 
im Tierreich und von der im menschlichen Fötus ursprünglich vorhandenen bisexuellen 
Veranlagung aus. Die Differenzierung der Geschlechter mit markanten körperlichen 
und psychischen Geschlcchtscharakteren ist ihm ein Resultat unendlicher Evolutions- 
vorgänge. Die seelisch-körperliche geschlechtliche Differenzierung geht der Höhe evolutiver 
Vorgänge parallel. Auch das Einzelwesen hat diese Evolutionsstufen durchzumachen 
— es ist ursprünglich bisexuell, aber im Kampf der männlichen und weiblichen Streit- 
kräfte wird die eine besiegt und es entwickelt sich, dem Typus der heutigen Evolution 
entsprechend, ein monosexuales Individuum. Aber Spuren der unterdrückten Sexualität 
erhalten sich. Unter gewissen Umständen können diese „caracteres sexuels latents" 
Darwins Bedeutung gewinnen, d. h. Erscheinungen konträrer Sexualität hervorrufen. 
Chevalier faßt diese aber mit Recht nicht als Rückschlag (Atavismus) im 
Sinne Lombrosos u. a., sondern mit Lacassagne als Störung in der Evolution zur 
heutigen Höhe auf" (I.e.). 

Stokol, Störungen des Trieb- nnd Affektlebcns. ) f. 2. Aufl. 11 



162 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

lebnis in Assoziation zu einer Person des gleichen 
Geschlechts gebracht werde. Also die Theorie des in- 
fantilen Traumas, das bei Freud eine so große Rolle spielt. Wir 
werden einige Fälle kennen lernen, in denen die latente Wirkung in- 
fantiler Erlebnisse deutlich sichtbar wird. 

Hüten müssen wir uns aber, diese uns berichteten Traumen immer 
als wahr anzunehmen. Einige sind in die Lebensgeschichte hinein- 
gezeichnet und erst nachträglich zur Bedeutung gelangt. Doch nichts 
ist in der Psychologie gefährlicher als Einseitigkeit. Gerade in der 
Ätiologie der Homosexualität scheint sich mir die Bedeutung infantiler 
traumatischer Erlebnisse hie und da zu bestätigen. Krafft-Ebing meint, 
daß die Theorie von Binet einer eingehenden Kritik nicht standhält 
und äußert sich sehr geringschätzig über die Bedeutung psychologischer 
Zusammenhänge: „Psychologische Kräfte sind zur Erklärung einer 
solchen schwer degenerativen Erscheinung nicht ausreichend." Diese 
Unterschätzung psychischer Einflüsse war in jener Zeit nicht wunder- 
lich, da man alles mit Heredität und Belastung erklären wollte. Ehe 
ich versuche, die psychologische Theorie der Homosexualität aus- 
einanderzusetzen, muß ich noch die Zusammenhänge zwischen Homo- 
sexualität und Neurose besprechen. Wir haben gesehen, daß alle 
Forscher zugeben, daß diese Beziehungen in der Tat bestehen. Die 
Frage ist nur: Wird der Homosexuelle neurotisch, weil er fürchtet, 
mit dem Strafgesetz in Konflikt zu kommen, weil er seine unglück- 
selige Veranlagung als naturwidrig empfindet (um in seiner Sprache 
zu sprechen), also infolge seiner Homosexualität, oder wird er homo- 
sexuell, weil er neurotisch ist? 

Das führt uns natürlich zur Begriffsbestimmung der Neurose. Was 
ist eine Neurose und wen nennen wir neurotisch? Neurotisch nenne ich 
den Menschen, welchem die Bewältigung der von ihm als unmoralisch 
gewerteten asozialen Triebe nicht gelungen ist. Unter asozialen Trieben 
verstehe ich alle Triebe, welche von der Gesellschaft als kulturwidrig 
verpönt werden. Das zeigt uns schon, daß die Neurose in allen Ländern 
verschieden sein muß. Der eine verdrängt nur die normale Form der 
Sexualität, weil ihre Betätigung schon als unmoralisch gewertet wird. 
(Beispiel: das Mädchen aus gutem Hause in der guten Gesellschaft, das 
keusch bleiben muß.) Der andere kämpft mit Trieben, welche die 
Gesellschaft als krankhaft bezeichnet. (Beispiel: die Schauspielerin, die 
viele Verhältnisse hat, aber die homosexuellen Triebe verdrängen muß.) 
Ebenso können kriminelle Triebe beim Zustandekommen einer Neurose 
eine Rolle spielen. Die Neurose ist also entstanden durch den Kampf 
zwischen Trieb und Hemmung. Wir sehen daher zwei Wege zur Ent- 
stehung der Neurose: Ein starker Trieb, der natürlich immer wieder 



I 



Allgemeines. — Theoretisches. — Meine Theorie der Homosexualität. Xfig 

versuchen wird, die Hemmungen zu überwinden, und starke Hemmungen, 
welche selbst bei starken Trieben die Reduktion der Sexualforderung 
auf das geringste Maß erzwingen werden. 

Die Disposition der Neurose hängt also auf das innigste mit dem 
Triebleben zusammen. Die Entwicklung der Menschheit verlangt aber 
immer wieder das Opfern gewisser Triebe und jeder Fortschritt der 
Ethik und Kultur bedeutet ein Stück Verlust des Trieblebens. Die 
Gesetze sind der Schutz der Gesellschaft gegen die Triebe ihrer 
Mitglieder. Sie duldet von diesen Trieben nur ein gewisses Maß, das 
immer geringer wird, und erklärt alle anderen Triebe als asozial. Die 
Entwicklung der Menschheit würde auf dieser Richtlinie einen Zustand 
erreichen, auf dem das Triebleben schließlich ganz in den Dienst der 
Gesellschaft gestellt wird: die Domestizierung des Trieblebens. Es ist 
dies der seit Jahrtausenden tobende Kampf zwischen Gehirn und 
Rückenmark. Wir würden das Resultat dieses Kampfes erst beurteilen 
können, wenn es uns möglich wäre, einen Urmenschen mit einem Kultur- 
menschen vergleichen zu können. Welche gewaltige Fortschritte haben 
wir in der Beherrschung des Trieblebens gemacht! Die Gesellschaft 
geht aber noch einen Schritt weiter. Sie sorgt dafür, daß sich Menschen 
mit einem abnormen Triebleben nicht weiter fortpflanzen können. 
Verbrecher werden unschädlich gemacht, der asoziale Mensch findet 
keine Lebensbedingung und muß zugrunde gehen. 

Aber — wie ich schon in meinem Buche „Die Träume der Dichter" 
sagte — die Schöpferkraft der Natur weicht nicht den sozialen For- 
derungen der Menschen. Der Kampf zwischen Natur und Kultur tobt 
unaufhaltsam weiter und das Resultat ist eben die Neurose. Allt 
Paraphilien entstehen als ein Kompromiß zwischen Trieb und Hemmung. 

Ich muß hier auf meine Theorie der Neurose zurückkommen, wie 
ich sie zum ersten Male in meinem Buche „Die Träume der Dichter" 1 ) 
ausgeführt habe. Der Neurotiker ist eine Rückschlags- 
erscheinung. Er repräsentiert eigentlich einen überwundenen 
Typus Mensch. Er muß an sich den Kampf durchmachen, den die ganze 
Menschheit bereits durchgemacht hat. Eine Ontogenese der Kultur! 
Immer wenn die Natur etwas Großes, Gewaltiges, Erhabenes schaffen 
will, greift sie weit zurück in das Reservoir ihrer Vergangenheit, 
Rückschlagserscheinungen zeichnen sich durch ein starkes Triebleben 
aus. Das haben der Neurotiker, das Genie und der Verbrecher 
gemeinsam. Dem Menschen mit überstarken Trieben (dem Über- 
menschen, der eigentlich ein Untermensch ist) eröffnen sich drei Wege: 



') Verlag J. F. Bergmann, Wieebaden 1913. 

11* 



164 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Er sublimiert seinen Zerstörungstrieb, seine kriminellen Anlagen, seine 
asoziale Einstellung vergangener Epochen und wird ein Schaffender 
(Dichter, Maler, Bildhauer, Musiker, Prophet, Erfinder usw.); oder er 
lebt seine Triebe ungehemmt aus, dann wird er ein Verbrecher; oder ein 
Teil der Sublimierung mißlingt, er wird ein Neurotiker. 

So berührt sich meine Theorie der Homosexualität mit der von 
Lombroso. Der Homosexuelle ist in erster Linie eine Rückschlags- 
erschemung. Er zeigt ein früh entwickeltes und in die Kultur nicht 
hineinpassendes Triebleben; er steht aber auch der ursprünglich 
bisexuellen Anlage des Menschen biologisch näher als der Normal- 
mensch, der seine Zeit repräsentiert. Dieser Konflikt äußert sich in 

^S ? *° ^ d6r NeUFOtiker dann seiner Z eit voraus- 
eilt und Schopf er der Zukunft wird. Ich muß meine Leser bitten, das 

Nähere in meinem erwähnten Werke nachzulesen. Was ich für unsere 

Untersuchungen brauche, habe ich in Kürze mitgeteilt. 

*l C n rf DaS i G T ie ' A d f KÜnStler ' dGr Verbreche r ™d der Neurotiker zeigen 
also die gleiche Anlage: das überreiche Triebleben. Der Verbrecher lebt 
seine Triebe aus, der Künstler erledigt sie in seinen Werken (daß 
Shakespeare so viele Mörder dichten konnte, rettete ihn davor ein 

i fnlLrr TlV/ • f gt Hebbel) ** dem Neur °tiker werden sie' zum 
unlöslichen Konflikte. Er ist Verbrecher ohne den Mut zum Verbrecher 

Lr ist der Don Juan der Phantasie, der Marquis de Sade der Tagträume' 
der Jack the Ripper, ohne es zu wissen. 

Von dieser Voraussetzung ausgehend, werden wir erwarten daß 
sich bei Dichtern, Künstlern und Neurotikern das Triebleben und 
besonders der Sexualtrieb sehr früh zeigen werden. In der Tat' Von 
den Künstlern ist diese Erscheinung bekannt 1 ), bei den Verbrechern 
wird sie als typische Erscheinung beschrieben und beim Neurotiker 
Haben sie die Analytiker immer wieder aufweisen können. 

Nun werden wir verstehen, warum alle Forscher angeben, bei den 
Homosexuellen sei der Geschlechtstrieb abnorm früh aufgetreten Man 
verstehe mich wohl. Wir verdanken der Analyse die Tatsache, daß bei 
allen Menschen der Sexualtrieb schon in der frühesten Kindheit auftritt, 
und ich habe noch in meiner vorfreudschen Periode in der Studie- 
„Koitus im Kindesalter" auf diese Tatsachen hingewiesen. Doch die 
meisten Menschen verdrängen diese infantilen Erinnerungen und wissen 
nichte mehr von den Regungen der Kindheit. Der Homosexuelle weiß es 
immer und das beweist schon die Tatsache seiner Frühreife. Er wußte 
schon als Kind, daß es sich um verbotene sexuelle Dinge handelte. Er 

*) Vgl. „Dichtung und Neurose". J. p. Bergmann. 



J 



Allgemeines. — Theoretisches. - Meine Theorie der Homosexualität. 165 

hat einzelne Erlebnisse aus seiner Fülle der Erinnerungen verdrängt. 
Die Tatsache seiner Frühreife konnte nicht vergessen werden. Aber alle 
in sein System nicht passenden Erinnerungen scheinen ausgelöscht oder 
mit blassen Farben eingezeichnet. Und das ist das Entscheidende. 
Die sexuelle Frühreife ist eine Tatsache, welche 
in allen Krankengeschichten und Lebensbeichten 
derHomosexuellenbetontwird. Und diese sexuelle Früh- 
reife erklärt uns auch, daß die Vorgänge, welche zur Verdrängung 
der Heterosexualität führten, oft weit zurückliegen und sich der Er- 
innerung hartnäckig entziehen. So betont Krafft-Ebing : „Das Ge- 
schlechtsleben derartig organisierter Individuen 
macht in der Regel sich abnorm früh und in der 
Folge abnorm stark geltend. Nicht selten bietet es noch 
anderweitige perverse Erscheinungen, außer der an und für sich durch 
die eigenartige Geschlechtsempfindung bedingten sexuellen Richtung." 

Ferner an derselben Stelle: „Es bestehen Neurosen (Hysterie, 
Neurasthenie, epileptoide Zustände usw.) . Fast immer ist temporär oder 
dauernd Neurasthenie nachweisbar (S. 259) ." 

Wir sehen jetzt, daß diese beiden Zustände zusammengehören. 
Das Individuum wird neurotisch, weil es die abnorm starken Triebe 
nicht bewältigen kann. Auch die Epilepsie dient der Erledigung 
abnormer Triebe im Schlafzustande wie die große Hysterie. 1 ) Deshalb 
muß auch die Homosexualität Beziehungen zu der Epilepsie haben und 
wir werden auf einen solchen Fall noch genauer eingehen können. 

Es handelt sich bei diesen Trieben nicht allein um den homo- 
sexuellen und heterosexuellen Trieb. Es handelt sich um sadistische 
Regungen, um Mysophilie, Koprophilie, Kannibalismus, Nekrophilie, 
besonders um Verknüpfungen von sexuellen und kriminellen Trieben. 
Alle diese Triebe müssen der Verdrängung anheimfallen. Sie tauchen in 
der Neurose in grotesken Verzerrungen, Verkleinerungen, Umkehrungen 
und Übertreibungen wieder auf und müssen auch in der homosexuellen 
Neurose zu finden sein. Die Beziehungen von Sadismus und Homo- 
sexualität sind besonders interessant und werden in den folgenden 
Kapiteln ausführlich abgehandelt werden. 

"Wir können uns die Entstehung der Homosexualität folgender- 
maßen vorstellen: Ein Mensch mit abnorm starkem 
Triebleben wird schon in früher Jugend dazu 
gebracht, diese Triebe mit Hemmungen zu um- 
geben. Er wird aber auch durch das frühe Er- 



*) „Nervöse Angstzustände." Die psychische Behandlung der Epilepsie. 3. Aufl. 



166 Zweiter Teil. Die Homosexualität. Allgemeines. — Theoretisches usw. 



machen des Geschlechtstriebes und durch seine 
frühen Äußerungen in Konflikte gebracht. Der 
Prozeß derVerdrängung und Sublimierung dieser 
Triebkräfte setzt viel früher ein als bei anderen 
Menschen. Es kommt aus irgend welchen Ursache» 
zur Verdrängung der heterosexuellen Kompo- 
nente und zum Ausbau der homosexuellen. Die 
heterosexuellen Triebe werden durch Ekel, Haß 
und Angst vor der Betätigung geschützt. 

Die Homosexualität entsteht also aus einer Bisexualität infolge 
bestimmter Einstellungen, die m eist in die früheste Kindheit zurück- 
gehen. Aber nicht immer. Es können solche Umbiegungen auch im 
späteren Alter vor sich gehen. Warum und aus welchen Motiven? 
Darüber wollen wir in den nächsten Kapiteln sprechen. 



Die Homosexualität. 

IL 



Latente Homosexualität. - 
kritische Alter. 



Masken der Homosexualität. — Das 
- Don Juan und Casanova. 

Das Christentum gab dem Eros Gift 
zu trinken: — er starb zwar nicht 
daran, aber er entartete zum Laster. 

Nietzsche. 

Freud, der mit dem ganzen Gewichte seiner Autorität für die 
bisexuelle Anlage der Homosexuellen eingetreten ist, machte darauf 
aufmerksam, daß wir uns die Verknüpfung des Sexualtriebes mit dem 
Sexualobjekte zu innig vorgestellt haben. Der Geschlechtstrieb sei 
ursprünglich unabhängig vom Objekte und verdanke auch nicht den 
Reizen dieser Objekte seine Entstehung. Er hat das erste Stadium des 
Menschen als ein autoerotisches bezeichnet und die Säuglingsonanie 
beschrieben, von der wir in unseren Ausführungen über Onanie 
gesprochen baben. 

Wir müssen uns die Entwicklung der Sexuaütät so vorstellen: Das 
erste Stadium ist ein autoerotisches, aber es fehlen keineswegs die 
allerotischen Reize (Saugen an der Mutterbrust, Gestreicheltwerden, 
Wiegen usw.). Das Kind ist für alle Reize viel empfänglicher, und alle 
vegetativen Vorgänge sind viel lustbetonter als beim Erwachsenen. Das 
Sexualleben ist autoerotisch, aber auch bisexuell allerotisch. Das Kind 
macht keinen Unterschied bei seinen geliebten Personen. Alt und Jung, 
Mann oder Weib — das scheint ihm ziemlich gleich zu sein. Aber der 
Autoerotismus beherrscht das Sexualleben. Allmählich aber tritt das 
Autoerotische hinter dem Allerotischen zurück. Das Kind sucht die 
Objekte seiner Sexualität zuerst in seinem engen Kreise. Wie die erste 
autoerotische Periode überwunden werden muß, muß auch die normale 
Fixierung an die Familie überwunden werden. (Du sollst Vater und 
Mutter lassen und deinem Manne folgen!) Aber schon in den ersten 
Lebensjahren sind alle libidinösen Regungen deutlich bisexuell. Diese 
Bisexualität hält gewöhnlich bis zu der Pubertät an. Das ist das 



168 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



indifferenzierte Stadium, von dem auch Dessoir spricht. Dem gewaltigen 
Ansturm der Pubertät jedoch hält die Bisexualität nicht stand. Aus dem 
mädchenhaften Knaben wird der Mann, aus dem knabenhaften Mädchen 
die Jungfrau. Die sekundären Geschlechtsmerkmale drücken dem 
Menschen den Stempel der Monosexualität auf. Hier setzt meistens der 
Kampf gegen die homosexuellen Regungen ein und führt bei dem einen 
früher, -bei dem anderen später zur vollständigen Verdrängung der- 
selben. (Natürlich gibt es da auch Ausnahmen. Bei manchen Menschen 
erhält sich die Bisexualität ohne Störung durch das ganze Leben.) 
Ich habe noch keinen Menschen analysiert, bei 
dem ich nicht die deutlichen Zeichen der Homo- 
sexualität in der Jugend konstatieren konnte. 

Man kann überhaupt beobachten, daß die Neurotiker sich auch 

organisch als Bisexuelle erweisen. Unter den neurotischen Männern 

trifft man häufig Bartlose oder Menschen mit geringem Bartwuchs, von 

rundlichen weiblichen Körperformen, mit weiblicher Stimme oder 

weiblichen weichen Gesichtszügen besonders um Nase und Mund; man 

beobachtet bei ihnen kleine Hände, kleine Füße, einen auffallend kleinen 

Penis, geringe Behaarung am Mons veneris, Kryptorchismus, Hernien. 

Bei den neurotischen Frauen können wir Bartansatz im Gesichte, eine 

flache Brust, starke männliche Formen, die mehr eckig sind als bei 

normalen Frauen, große plumpe Hände, große Füße, Störungen der 

Periode bis zur Amenorrhoe, infantilen Uterus, männlichen Kehlkopf, 

tiefe Stimme konstatieren. Ich kann nicht behaupten, daß dies immer der 

Fall ist. Ich habe hie und da Ausnahmen gesehen; ich glaube aber, daß 

eine genaue Untersuchung die Allgemeinheit dieser Behauptung 

besser stützen würde. 

Die -Disposition zur Neurose ist eben das 
starke Triebleben, das sich bisexuell äußert. 

Nun gibt es ein Gesetz, das ich das sexuelle Grundgesetz nennen 
möchte. Jedes Individuum trachtet danach, in einem 
Liebesakte seine sämtlichen sexuellen Trieb- 
richtungen zu befriedigen. Jeder Mensch sucht 
nach dem sexuellen Ideal, das imstande ist, alle 
seine sexuellen Strömungen aufzunehmen. 

Das sexuelle Ideal der Alten war offenbar ein bisexuelles Wesen. 
Die Gottheit ist das durch ein Vergrößerungs- 
glas gesehene erotische Idealbild. Die ersten Gott- 
heiten waren immer bisexuell. Es waren Frauen mit einem Penis und 
Männer mit einem Busen. Durch die ganze Menschheit geht die Sehn- 
sucht nach diesem bisexuellen Ideal. Plato hat diese Sehnsucht im 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. ^ß9 

Gastmahl durch die bekannten Worte des Aristophanes trefflich 
ausgedrückt. 

Wir fühlen es, daß wir nur mit einem Teile unserer sexuellen 
Kraft arbeiten und daß die anderen Teile brach liegen müssen. Oft 
halten sich diese verschiedenen sexuellen Energien so die Wage, daß 
jede für sich nicht ausreicht, die Mühlen der Sexualität zu treiben. Das 
werden dann die Menschen, welche scheinbar einen geringen Ge- 
schlechtstrieb zeigen, wie Freud und Havelock Ellis es von manchen 
Homosexuellen behaupten. Diese Erscheinung ist trügerisch und hält 
den Erfahrungen der Analyse nicht stand. Diese scheinbar Asexuellen 
schwanken nur zwischen den verschiedenen sexuellen Zielen hin und her 
und kommen nie zu einer Aggression, weil sie nicht imstande sind, 
größere sexuelle Energiemengen zusammenzufassen. Ihre Libido zer- 
splittert sich in autoerotischen Akten, in denen die Vorlust in kleinsten 
Raten ausgegeben wird, wie ich es bei den verschiedenen Formen der 
lar vierten Onanie beschrieben habe. ■ 

Ich wiederhole: Seine ganze Libido auf ein Objekt konzentrieren 
zu können, ist das Ideal eines jeden Menschen. Das erklärt uns, warum 
der Homosexuelle nicht den Vollmann sucht, wenigstens in den 
seltensten Fällen. Freud machte auf diesen Widerspruch aufmerksam. 
Viele Homosexuelle und gerade die Typen mit starker Virilität, suchen 
nicht den Vollmann als Ideal, sondern das Weib im Manne. Sie bevor- 
zugen weibliche Typen, Männer in Frauenkleidern (Transvestiten) , 
Männer mit weiblichem Habitus, aus welchen Umständen die männliche 
Prostitution eine weite Nutzanwendung zieht. Immer bestreben sich 
die männlichen Prostituierten durch Schminke, Korsett, Frauenkleider, 
Bartlosigkeit, durch Bewegung und Sprache ein Weib zu imitieren. 

Was der bewußt Homosexuelle offen sucht, das drängt sich dem 
latent Homosexuellen, als welchen wir den Neurotiker und in geringerem 
Maße jeden Menschen, der sich nur heterosexuell betätigt, bezeichnen, 
in Bestrebungen auf, die ihm dunkel bleiben, aber stark genug sind, sich 
durchzusetzen. Wir wollen jetzt noch diese versteckten Formen der 
Sexualität besprechen, ehe wir daran gehen, den Versuch zu machen, 
die Entstehung der manifesten Homosexualität und der ausschließlichen 
Homosexualität zu erklären. Den Übergang zu diesen Formen bilden 
eben die latent Homosexuellen, welche alle mit dem für sie unerledigten 
und nicht bewältigten Problem der Bisexualität kämpfen und das 
Kompromiß suchen, das ihnen eine zeitweilige Erledigung bringt. 

Die latente Homosexualität ist eine Tatsache, welche die Analyse 
nicht entdeckt, deren Kenntnis sie aber gewaltig erweitert hat. Je tiefer 
wir in die psychischen Mechanismen der Neurosen und Psychosen 
eindringen, desto bedeutsamer erscheint uns die Wirksamkeit homo- 



170 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



sexueller Triebkräfte Die Unterschiede zwischen meiner analytischen 
Erforschung und der gebräuchlichen Anamnese treten nirgends so 
scharf zutage, als bei den Angaben der Neurotiker über Homosexualität. 
Keine zweite sexueUe Triebkomponente unterliegt in diesem Maße der 
Verdrängung und ist so bewußteeinsfremd geworden. Ich bin mir über 
die Ursachen dieser Erscheinung noch nicht klar. Ich kenne Menschen 
die sich ein großes Maß von Paraphilie freigegeben und trotzdem die 
homosexueUe Komponente völlig verdrängt haben. So habe ich eine 
Dame analysiert, die eine ziemlich ereignisreiche Dirnenvergangenheit 
hinter sich hatte. Sie wurde neurotisch, weil sie die Homosexualität 
nicht bewältigen und unterdrücken konnte. Allerdings verstand sie es 
wie alle Neurotiker, ihre Homosexualität in geschickter Weise zu 
maskieren und bewußtseinsfremd zu machen. 

Dem Anfänger wird es daher von großem Nutzen sein, wenn er 
alle che Masken kennt, die dazu dienen, die Homosexualität zu ver- 
decken. Bekanntlich sind alle neurotischen Symptome Ergebnisse eines 
Kompromisses und verbergen einerseits gerade so viel, als sie andrer- 
seits enthüllen, über diese Neigung zu Kompromissen, die der Ausdruck 
der .Spaltung der Persönlichkeit ist, wäre eine eigene Untersuchung 
anzustellen. Die widerstrebendsten Triebkräfte werden berücksichtigt 
und zu e i n e m Symptom vereinigt. Diese Neigung zur Kompromiß- 
bildung beherrscht das Seelenleben des Neurotikers. Sie kommt im 
Traume ebenso zum Ausdruck wie in der politischen Gesinnung der 
Kunstanschauung und den neurotischen Symptomen. Gelingt es nicht 
die widerstrebenden Kräfte zu einer Äußerung zu bringen, so stellt 
sich die bekannte Form der Entschlußlosigkeit, des Schwankens und des 
Zweifels ein. Der Zweifel ist die Folge und das Symptom mißlungener 
Kompromisse. 

Diese oberflächliche Kompromißbildung verrät sich am leichtesten 
in der Homosexualität. Es ist das Bestreben der Neurotiker, möglichst 
viel Triebrichtungen auf ein Objekt zu vereinigen. Dir Ideal wäre ein 
Wesen, das Mann, Weib und Kind (und vielleicht auch Tier und Engel') 
zugleich ist. (In Parenthese: Die katholische Kirche ist diesem Ver- 
dichtungsbedürfnis der Libido entgegengekommen. Die heilige Familie 
ermöglicht alle Fixierungen der Libido durch Sublimierung, wobei alle 
Komponenten berücksichtigt sind. Es fehlt auch nicht das Lamm 
Gottes!) Wir hören von Neurotikern immer eine Schilderung ihres 
Ideals, das dieser polymorphen Tendenz Rechnung trägt. Die Männer 
werden für Frauen schwärmen, die einen stark männlichen Einschlag 
aufweisen: große derbe Gestalten, flachbusig, mit energischen knochigen 
Gesichtern, mit kurzgeschnittenen Haaren, mit tiefer Stimme, einem 
Anflug von Bart oder Sehnurbart. So wird das geheime bisexuelle Ideal 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. 171 

(das Weib mit dem Penis oder der Mann mit der Vagina!) teilweise 
erreicht. So werden die verdrängten Triebrichtungen zum Teile für 
die Libido freigemacht, mit der heterosexuellen Komponente vereinigt 
und in den Dienst der Aggression und des Lusterwerbes gestellt. — 
Wo die Natur diesem Bestreben nicht entgegenkommt, da werden 
äußere Merkmale, das Kleid und der Schmuck, zu Hilfe genommen. 
Das Symbol muß die Realität ersetzen. Männer verlieben sich in 
Damen, wenn sie Hosen tragen (denselben Tendenzen dienen Männer- 
hüte, Offiziersjacken, Spazierstöcke usw.). Also in Schauspielerinnen, 
Fechterinnen, Radfahrerinnen, Bergsteigerinnen, Reiterinnen oder in 
Dirnen, die sie in Unterhosen bewundern konnten. Andere verlangen 
von ihren Sexualobjekten, daß sie Männersymbole tragen, um ihre 
Libido aufzustacheln. Oder das Weib gefällt ihnen am besten in einer 
Militärbluse oder mit einem männlichen Hut, in einer männlichen Rolle, 
welche der Phantasie einen Schein von Realität verleiht (R e a 1 i- 
sierungstendenzen!). 

Bei Frauen tritt die parallele Erscheinung 
auf. Sie verlieben sich in Mäjnner, die bartlos sind, 
Gynäkomastie, starken Panniculus adiposus, ein 
großes Becken, grazilen Kehlkopf (weibliche 
Stimme) aufweisen — oder die einen langen Rock 
oder lange Haare tragen. Ich will hier nur einige Beispiele 
anführen. Der Priester, der Arzt im Arbeitskittel, besonders Operateure 
mit aufgestülpten Ärmeln, Damenimitatoren, Männer ohne Bart mit 
weiblicher Stimme, die sich parfümieren und Armbänder tragen, 
Künstler mit langen, wallenden Haaren können außerordentlich stark 
erregend wirken. 1 ) 

Auch das psychische Wesen kommt in Betracht. Frauen, die 
rauchen, reiten, bergsteigen, sehr aggressiv sind, können auf Neurotiker 
einen großen Eindruck machen. Ebenso Männer mit spezifisch weib- 
lichem Wesen auf die Frauen. Viele Neurotiker wollen „genommen" 
werden. (Lust ohne Schuld!) Energische Frauen wirken auf sie 
faszinierend, ebenso wie der ängstliche sensible Mann die Hysterische 
mächtig anzieht. 

Weniger bekannt sind die anderen Masken der Homosexualität, 
die ich jetzt erwähnen werde. Hinter der Liebe zu alten Frauen 
(Gerontophilie) und der Liebe zu Kindern verbirgt sich häufig eine 
homosexuelle Triebrichtung. Alle Menschen, die von der spezifisch 
weiblichen oder männlichen Linie abrücken, können in diesem Sinne 



l ) Vielleicht erklärt die Tatsache, daß alle Künstler ausgesprochene Bisexuelle 
sind, am besten ihre große erotische Anziehungskraft. 



1 ' * Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

erregend wirken Das Alter verwischt die sekundären Geschlechts- 
merkmale. Im Alter wird der Mann zum alten Weibe und alte Frauen 
nelimen exquisit männliche Züge (Schnurrbärtchen alter Frauen') und 
mannliche Gewohnheiten an. (So beginnen alte Sennerinnen zu rauchen 
usw.) Auch Kinder wirken mangels der sekundären Geschlechtsmerkmale 
stark bisexuell. 

«™ilW m< f kWUrdi , ge Form . hi nter der sich die männliche Homo- 
sexual tat verbergen kann, ist die Neigung zu Dirnen. Bei der Dirne 

aß dafwlT t 6 V ° rStellttng (aUf di6 '""* Komponente 
daß das We,b vorher von anderen Männern besessen wurde.') Diese; 

Vorgang (der Umweg über das fremde Geschlecht!) spielt noch 7n 
anderer Hme.cht bei der Homosexualität eine große Bolle Di" Dirne 

VowteUung einer männlichen Pereon herbeigeführt worden. Nachher war ich d ir ,hi 
große Anstrengung sehr abgespannt und ich schwur mir, mich e w-ied r u £S£ 

ztz ,\ fühi ; e mich damais zu einem ve ™ dt - ^ -i e ige r 

der Altere und bei den Weibern Einflußreichere mußte für ihn immer dTe Mädel I 

::tzr und e \ haben * ° ft nacheinander den *» ***** ^ * £-1 

ach tun g seines heißen Temperaments reizt e mich bis zum äußerstl 
und war dann die Ausführung des Verkehres ein leichtes." Ein Hotel^ £ TÜZ 

zszrtsjisr bericht n te ganz ähnHch - daß «• ~ -EXs ;z 

d 6 ^Ä W^V^ 1 ™ " abkÜ6SeD " mÜSSe " D « ^haffte ihm 
Bettt ch im NK T mit ^ CF ß ° raSCh Wie mö e lich z « «einer Frau deren 

B tt -weh m Nebenzimmer befände, eile.» Ferner die Stelle: „Ich will diese Parad kmX 
aus dem Leben mit den Angaben eines Patienten schließen der ^TZ^Z^r 

eo ,-n9 p„„j„* j • r. A , „ . , löl "" ,:, ' mcnt waör.' faeme Livree schien neu zu 
sen? Fandoet du ht daß ]hm etwag eng gaß? ^ ^^ 

Nu wenn er so che Gespräche mit seiner Frau führte, deren 
Ab., cht zu verdecken großes Geschick erforderte, gelang *« 
'hm, zu makulieren und - Kinder zu zeugen deren er dr P i 
besaß." (Hirschfeld, I.e. S. 86.) * * " drei 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. ^73 

sehen und Zusehenlassen kann neben anderen Wurzeln (Voyeur) dieses 
Motiv aufweisen. 

Auch in der spezifisch bevorzugten Art des Sexualverkehrs setzt 
sich in vielen Fällen die Homosexualität durch. Die Männer wählen die 
untere Position oder betreiben den Coitus a posteriori, oder gar in 
anum. Bei Frauen treten ähnliche Bestrebungen zutage. Sie empfinden 
nur dann Libido, wenn sie oben sind. Manche Paraphilien (Fellatio, 
Kunnilingus !) enthüllen außer dem sexuellen Infantilismus homo- 
sexuelle Regungen. 

Gewisse äußerliche Zeichen verraten die starke homosexuelle 
Komponente oder ihr plötzliches Aufflammen. Männer lassen sich 
plötzlich den Bart rasieren oder stutzen. Sie fangen an sich für Sport 
zu interessieren, der Gelegenheit gibt, entkleidete Männer zu sehen. 
Sie besuchen leidenschaftlich Ringkämpfe, Sonnenbäder, Sportplätze, 
beginnen für Nacktkultur zu schwärmen und dergleichen Erscheinungen 
mehr. Frauen finden eines Tages, daß ihnen die langen Haare lästig 
sind, und lassen sich die Haare schneiden. Manchmal ohne Wissen des 
Mannes, der „freudig" überrascht werden soll. Sie wechseln die Mode, 
tragen gerne kurze englische Jacken und enganliegende Röcke, Girardi- 
hüte und beginnen sich für Frauenemanzipation zu interessieren. 

Auf die Maske des gemeinsamen Sterbens sei nur kurz hingewiesen. 
Die Menschen, die nicht den Mut haben, gemeinsam zu leben, sterben 
gemeinsam. Ein gemeinsamer Selbstmord aus idealen Motiven bei zwei 
Freunden oder Freundinnen geht häufig auf unbefriedigte Homosexua- 
lität zurück. Ein Leben, das nicht die Erfüllung der adäquaten, von 
unbewußten Trieben hartnäckig verlangten, Befriedigung bringen kann, 
verliert seinen Wert. 1 ) 

Daß Onanisten, die die Onanie nicht aufgeben können, mit den 
autoerotischen Akten auch homosexuelle Regungen befriedigen, haben 
wir schon in den Kapiteln über Onanie ausführlich besprochen. Das 
Schuldgefühl stammt zum Teil (aber nur zum Teil !) aus dieser Quelle. 
Je schwerer die Entwöhnung von der Onanie vor sich geht, desto stärker 
scheint der homosexuelle Trieb zu sein. Viele dieser Onanisten sind 
asoziale Menschen und scheuen die Gesellschaft. Ich kenne aber einige, 
die sich außerordentlich stark als „Vereinsmeier" betätigen und in 
verschiedenen Vereinen Ehrenstellen bekleiden. Daß besonders Frauen- 
rechtlerinnen einen stark homosexuellen Einschlag zeigen, ist bekannt 
und wird ja von Witzblättern häufig genug in diesem Sinne ausgenützt. 

x ) Frenssen sagt: „Wenn einer kein Interesse mehr an Sonne, Mond und Sternen 
hat, dem sagen sie auch nichts mehr; und wenn man nicht mehr am Hausstand arbeitet, 
verfällt er; das ist mit allem ßo. Die Gleichgültigkeit macht alles tot; die Liehe 
macht alles lebendig." 



174 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Weniger bekannt dürfte sein, daß manche schrankenlos . dem Auto- .' 
erotismus und der Tribadie huldigen, wie ich es bei näherer Bekannt- 
schaft konstatieren konnte. 

Schließlich wäre noch eine wichtige Form der Maskierung zu er- 
wähnen: die künstlerische. Dichter, die mit Vorliebe Frauencharakter« 
zeichnen, sind zum Teil homosexuell. Sie leben sich — sie fühlen sich 
in Frauen ein, weil sie selber ein Stück Weib in sich herumtragen. 
Chamisso konnte so wunderbar die „Frauenliebe" schildern, weil er 
selbst, wie schon sein Bild beweist, ein Weib war. Bei Malern kann 
der umgekehrte Fall eintreten. Sie zeichnen mit Vorliebe männliche 
Akte oder schaffen lieber männliche Statuen. Sie verraten ihre Homo- 
sexualität in dem ästhetischen Werturteil. Die einen finden, ein 
Mannerkörper sei viel ästhetischer, die anderen finden ihn „ekelhaft"! 
In der affektativ gefärbten Ablehnung verrät sich die homosexuelle 
Komponente ebenso wie in der affektativ gefärbten Bevorzugung. 

Die Wahl eines Pseudonyms kann ebenfalls ein charakteristisches 
Symptom sein. Ebenso wie die Transvestiten deutlich ihre homo- 
sexuellen Züge verraten, sind Männer, die in anonymen Zuschriften oder 
auf Werken ein weiblich klingendes Pseudonym wählen (z. B. La Wara, 
Ilona, Madlena usw.), häufig homosexuell. Bei Frauen kann allerdings 
das bekannte Motiv mitspielen, daß sie der Meinung sind, man achte 
ihre Bücher mehr, wenn sie einem männlichen Autor zugeschrieben 
werden. Sie verraten damit jedenfalls den Wunsch, daß sie für viele 
Leserinnen ein Mann sein wollen. Eine mir bekannte Schriftstellerin, 
die unter männlichem Pseudonym segelte, machte mir als Einwand 
gegen diese Auffassung den Umstand geltend, sie wäre geradezu männer- 
süchtig. Sie sei eine Messalina. Hinter dieser Unersättlichkeit ver- 
birgt sich, wie ich schon ausgeführt habe, die Homosexualität als un- 
befriedigter Trieb. Sie suchte mit Vorliebe bekannte Frauenhelden, 
typische Casanovas auf. Offenbar spielt auch da die Vorstellung der 
vielen eroberten Frauen die Hauptrolle. Diese Männer tragen den Duft 
zahlreicher Frauen. Sie sollen angeblich Künstler der Liebe sein und 
die Frau erwartet von ihnen besondere Sensationen und vielleicht auch 
Baffinements; aber sie versagen meistens, da sie rasch müde werden 
und der unbefriedigte Homosexuelle der unbefriedigten Homosexuellen 
nichts bieten kann. (So entstehen die unglücklichsten Ehen!) Wieder 
fällt der Umstand auf, daß gerade die Homosexualität bei dieser Dame, 
die sich ein großes Maß von Sexualfreiheit gewährte, Tabu war. 

Ich habe nur einen kleinen Teil der Masken der Homosexualität 
angeben können. Manche sind ja so durchsichtig, daß sie selbst dern 
analytisch Ungeschulten nicht entgehen können. Man heiratet eine 
Schwester, weil man in den Bruder verliebt ist, oder einen Bruder 



J 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. i7~ 

eines homosexuellen Objektes, wie ich es in der Krankengeschichte 
Nr. 93 meiner „Angstzustände" an einem sehr lehrreichen Falle aus- 
geführt habe. 

Ebenso kann die Frau eines Freundes sehr gefährlich werden, 
und dieser Weg über eine Dritte war schon oft die Ursache fürchter- 
licher Ehedramen. Ich kenne Männer, die sich immer in die Geliebte 
ihres Freundes verlieben, natürlich, ohne es zu ahnen, daß sich hinter 
dieser Liebe die Liebe zu ihrem Freunde verbirgt. 

Zum Schlüsse möchte ich noch eine markante Maske der Homo- 
sexualität erwähnen. Es ist dies die psychische Impotenz, die sich 
besonders vornehmen Frauen gegenüber äußert. Männer, die bei der 
Dirne potent sind und bei der „Anständigen" versagen, sind Homo- 
sexuelle, die sich an der Vorstellung, die Dirne sei vor ihnen von 
einem anderen Manne besessen worden, entzünden. Selbstverständlich 
hat diese Impotenz noch viele Determinierungen. Die hier erwähnte 
fehlt niemals. 

Erst das Studium dieser larvierten Formen der Homosexualität 
wird uns die nicht abzuschätzende Bedeutung der Bisexualität für das 
Seelenleben der Kulturmenschen begreiflich machen. 

Auf andere Masken der Homosexualität, wie sie sich in Phobien 
and Zwangsvorstellungen äußern, will ich nur flüchtig hinweisen. Es 
gibt viele Männer, die von schweren Angstzuständen befallen werden, 
wenn ein anderer Man hinter ihnen geht, die mit einem Manne aus 
rationalisierenden Motiven nicht allein im Zimmer bleiben wollen, die 
immer Szenen träumen, in denen ein Mann einen Revolver oder ein 
Messer auf sie richtet, die die Sensation haben, ein harter Gegen- 
stand, ein Stück zylindrischen Stuhles, stecke in ihrem Rektum. Sie 
verraten ihre verdrängte Homosexualität, ebenso wie die Paranoiker, 
die sich von Männern verfolgt wähnen. Bei Frauen treten ähnlich« 
Phobien auf, besonders Angstvorstellungen, die sich auf die Dienst- 
boten richten. Frauen, die immerwährend die Dienstboten wechseln, 
Eich bei jeder Gelegenheit über sie ärgern, zanken, sich zu tätlichen 
Berührungen (welche eigentlich Sexualakte ersetzen) hinreißen lassen, 
sind häufig Homosexuelle. Ebenso kann manche Form des Feti- 
schismus die Homosexualität verraten. 

Wir können uns mit Recht darauf gefaßt machen, daß die Er- 
forschung der homosexuellen Masken die Sexualwissenschaft fördern 
wird. Ebenso sieher dürfte der Widerstand weiterer Kreise diesen 
neuen Erkenntnissen gegenüber ein ungeheurer sein. Vielleicht Btammt 
ein guter Teil aller Widerstände gegen die Analyse aus diesen Quellen. 
Was die Menschen am wenigsten einsehen wollen, 
ist ihre ausgesprochen bisexuelle Anlage. 



176 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Ich werde diesen allgemeinen Ausführungen noch zahlreiche Be- 
obachtungen aus meiner Praxis folgen lassen, welche uns alle beweisen, 
welche große Bedeutung die homosexuelle Komponente im Liebesleben 
scheinbar normal empfindender Menschen spielt. Man wird jetzt ver- 
stehen, warum ich nie den Ausdruck „konträre oder verkehrte Sexual- 
empfindung" gebrauche, warum ich nie von Inversion und Perversion 
rede, wenn ich die Homosexualität behandle. Zweck dieses Buches ist, 
auf das Vorhandensein homosexueller Triebkräfte in jedem Menschen 
hinzuweisen und das Normale an dieser Erscheinung klarzustellen. 
Denn normal ist alles, was natürlich ist. Und von 
Natur aus sind wir nie monosexuell, sondern bi- 
sexuell. 

Es tut mir sehr leid, daß ich einem so verdienstvollen Forscher 
wie Hirschfeld widersprechen muß. Aber ich begreife nicht, wie er 
neben den Hetero- und Homosexuellen noch eine dritte Gruppe, die 
„Transvestiten" 1 ), aufstellen konnte. Die schönsten Beispiele von 
maskierter Homosexualität und angestrebter Bisexualität finden wir 
unter den Transvestiten. So nennt Hirschfeld Männer, welche — aus 
einem inneren unwiderstehlichen Drange — Frauenkleider tragen 
müssen, und Frauen, die aus den gleichen Motiven Männerkleider tragen. 
Ich habe in einer eingehenden Kritik 2 ) darauf hingewiesen, daß es nicht 
angehe, die Transvestiten als eigene sexuelle Spezies zu betrachten, 
daß sie vielmehr nur als Bisexuelle mit stark homosexuellem Einschlag 
anzusprechen sind. Hirschfeld legt Wert darauf, daß die Transvestiten 
geschlechtlich normal fühlen, aber nur den Drang haben, die Kleider 
des anderen Geschlechtes anzulegen. Leider berücksichtigt er nur die 
bewußte sexuelle Leitlinie. Er nimmt die ersten Angaben 
der Untersuchten als unumstößliche Tatsachen an und vernachlässigt 
die wichtigsten Mechanismen der Verdrängung und Verheimlichung, 
des Spieles vor sich selbst und mit sich selbst. Erst die genaue Ana- 
lyse kann darüber Aufschluß geben, wie die Angaben der Untersuchten 
zu werten sind. Da erleben wir freilich die merkwürdigsten Über- 
raschungen. Es zeigt sich immer wieder, daß es keine monosexuellen 
Menschen gibt und daß die Transvestiten ebenso wie die Homosexuellen 
ihre Verdrängungen haben. Der Homosexuelle verdrängt seine Hetero- 
sexualität, der Transvestite seine Homosexualität. In der Phantasie 
ist er dann ein Weib (für die Frauen gilt das Umgekehrte !) und kann 
auf diese Weise die beiden Komponenten seiner Libido vereinigen. 



*) Die Transvestiten. Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidung6trieb. 
Alfred Pulvermacher, Berlin 1910. 

2 ) Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. I, S. 55. 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. 177 

Es heißt den Tatsachen geradezu Gewalt antun, 
wenn man die Transvestiten von den Homo- 
sexuellen trennen will. 

Liest man die von Hirschfeld publizierten Fälle genau durch 
und forscht man nach latenter Homosexualität, so wird man sie in 
keiner Krankengeschichte vermissen. Der Eine macht in coitu den 
Succubus, was ebenfalls ein Symptom latenter Homosexualität dar- 
stellt; geht er als Dame aus, so empfindet er Ekel vor den Herren, 
die ihm nachsteigen. Der Zweite konnte überhaupt erst nur mit Hilfe 
von Alkohol einen heterosexuellen Verkehr erzwingen, kokettiert und 
spaßt gerne mit Männern, wenn er in Frauenkleidern ausgeht. Dem 
Dritten ist der Gedanke an den homosexuellen Verkehr „zuwider", 
er hat Verlangen nach Schwangerschaft, spielt in coitu den Succubus, 
empfindet seine Frau als Mann. Den Vierten muß seine Frau pressen, 
an sich drücken, in die Ohrläppchen die Nägel eingraben, damit er 
die Illusion hat, er werde von einem starken Manne besessen. 

Und gar erst der Fall 12! Ein Mann, der nach vier Jahren des 
Zusammenlebens mit seiner Frau nur ein einziges Mal den Kongressus 
ausgeübt hat! Dieser Kranke macht sogar eine offene Schwenkung 
zur Homosexualität durch, die nach Hirschfeld eine scheinbare ist . . 
Wie unterscheidet man eine scheinbare von einer wirklichen Schwen- 
kung? Offenbar nur, wenn man das Phänomen der Bisexualität über- 
sehen will und sich auf den starren Standpunkt der angeboren unver- 
rückbaren Homosexualität stellt. 

So berichtet dieser Transvestite über seine Homosexualität: 
„Über Homosexualität erhielt ich zuerst Aufschluß durch das Buch- 
Die Enterbten des Liebesglückes. Hier fesselten mich manche Stellen 
außerordentlich, mehr noch als in masochistischen Werken, deren ich 
gleichfalls eine ganze Reihe gelesen habe. Da ich auf mein Weibideal 
aus obigen Gründen Verzicht leisten mußte, kam ich in Ge- 
danken dazu, mir als Komplement meiner Sehn- 
sucht einen Mann zu wünschen. Denn auch die stärkste 
Frau wird in der Liebe dem Manne stets unterlegen sein wollen. 
Ich brauche aber einen Partner, der mich gewisser- 
maßen erobert und vergewaltigt. So sagte ich 
mir, diese Rolle könne nur einem Manne zufallen. 
Vieles, was ich von der Homosexualität in den Büchern las, bestärkte 
mich in diesen Vorstellungen." 

Wenn das nicht eine fadenscheinige Rationalisierung seiner 
Homosexualität ist, — was sollen wir dann als Homosexualität be- 
zeichnen? 

Stakel, Störungen des Trieb- nnd Affektlebeus. II. 3. Aufl. 12 



178 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

. ( 

Bemerkungen sind eigentlich überflüssig. Die Homosexualität 
bricht in der Lebensgeschichte an allen Ecken und Enden durch. 
Hirschfeld aber findet, daß die Schwenkung zur Homosexualität nur 
eine scheinbare ist und daß die Grundfärbung seiner Libido der Trans- 
vestismus ist. Die Homosexualität sei ein zufälliges Akzidens. Es 
gibt aber keine solchen Akzidentia im Sexual- 
leben! Auch beweist ein Tagtraum, der ebenfalls publiziert wurde, 
daß der Wunsch des Herrn M. immer war: Ich möchte ein Weib sein.' 
Aber es gibt Stellen in dieser Lebensbeichte, welche uns beweisen, 
wie hoch er den Mann stellt und daß dieser Wunsch auf eine bestimmte 
infantile Einstellung und auf ein Gefühl der Minderwertigkeit zurück- 
gehen muß. Wie sonderbar mutet der Passus an: „Für den echten 
Mann, der zu den stolzesten seines Geschlechtes gehört, ist die Be- 
friedigung seines Geschlechtstriebes nur ein Gebot der Gesundheits- 
erhaltung, eine Körperübung: sein großzügiger schaffender Geist 
wandelt sonst in höheren Bahnen . . . usw." 

Bei der Besprechung des Masochismus werden wir solche Fälle 
wie den eben beschriebenen erst recht verstehen lernen. Er will Weib 
und will gedemütigt sein. Er kann auch mit Frauen verkehren, wenn 
sie etwas aktiv dabei vorgehen. Er hält immer an der Fiktion fest: 
Ich bin ein Weib und bin dazu gezwungen, ein Weib zu sein. 
Folgerichtig mußte er zu homosexuellen Betätigungen kommen. Der 
Mann in ihm duldet keine Demütigung. Das Weib läßt sich willig 
unterwerfen. Die Neurose zeigt sich in der Unterdrückung der männ- 
lichen Komponente. 

Wer die nachfolgende Krankengeschichte aufmerksam liest, der 
wird die homosexuelle Wurzel des Verkleidungstriebes leicht erkennen. 1 ) 

Fall Nr. 23. Frau H. S. konsultiert mich wegen vollständiger sexueller 
Frigidität in der Ehe. Sie ist jetzt 24 Jahre alt und heiratete mit 19 Jahren 
aus Liebe. Sie war immer sehr leidenschaftlich und verliebter Natur, so 
daß sie seit dem 14. Lebensjahre kein anderes Sinnen und Trachten hatte 
als sexuelle Phantasien. Mit 15 Jahren verliebte sie sich in einen Vetter. 
Bei seinen Küssen wurde sie sehr warm und hätte sich ihm am liebsten 
ganz hingegeben. Der Vater aber merkte etwas und verbot dem Vetter 
das Haus. Sie lebten am Lande und 'sie sah keinen Mann, der ihr gefährlich 
werden konnte. Erst mit 19 Jahren lernte sie ihren jetzigen Mann kennen, 
in den sie sich blitzschnell verliebte. Sie überwand den Widerstand der 
Eltern und heiratete nach einigen Monaten. Schon während der Brautzeit 
sagte sie ihrem Manne: „Ich glaube, ich werde nie mit einem Manne genug 
haben! Du mußt auf mich gut aufpassen! . . ." Ihr Mann war die ersten 
Wochen der Ehe impotent, was sie mit Verzweiflung erfüllte. Dann wurde 
sie nach einer ärztlichen Behandlung des Mannes von ihm defloriert und 

*) Vgl. auch die „AnalyBe einer Tranevestitin" in Band III, Kapitel XIV. 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. ^79 

nach einigen Monaten gravid. Nach der ersten Gravidität gab es eine kurze 
Periode, in der sie einen Orgasmus erzielen konnte. Dann aber schwand 
das Gefühl für ihren Mann vollkommen und sie wurde tief unglücklich. 
Sie änderte sich ganz in ihrem Wesen. Vorher war sie lebenslustig, eitel, 
immer heiter. Sie wurde jetzt still, lebte zurückgezogen und mied besonders 
alle Männer, weil sie sich vor ihnen fürchtete. 

Die tiefere Erforschung des Falles zeigt, daß sie nach dem Tode ihres 
Vaters, an dem sie mit leidenschaftlicher Liebe hing, sexuell anästhetisch 
wurde. Der Vater war ein sehr ernster, strenger Mann, der seine schöne 
Frau vergötterte und ein Muster an Pflichterfüllung und Treue war. Die 
Mutter war eine Künstlerin, welche mit dem Tode des Vaters ganz halt- 
los wurde. Sie konnte nicht allein bleiben und übersiedelte vom Lande 
zu ihrer Tochter in die Großstadt. Ich vermutete, daß die Anwesenheit 
der Mutter mit der plötzlich eintretenden Anästhesie in Zusammenhang 
stehen müsse. Ob sie zu der Mutter eine besondere Neigung habe? 

Sie betont, daß sie ein unaussprechliches Mitleid mit der Mutter hatte, 
weil sie jeden Halt verloren hatte. Sie hätte ihr gerne den Vater ersetzt, 
wenn es möglich gewesen wäre. Und nun gesteht sie: 

„Sie werden kaum begreifen, wenn ich Ihnen erzähle, daß ich mir 
damals sehnsüchtig gewünscht habe, ein Mann zu sein. Ich dachte immer 
an die Mutter. Sehen Sie — sie ist noch so frisch und schön, so lebensdurstig. 
Ich weiß auch, daß sie sehr leidenschaftlich ist. Wie wird sie ohne einen 
Mann leben können? Nun muß ich etwas gestehen, was mir auszusprechen 
außerordentlich widerstrebt. Sie kennen schon viele meiner Phantasien. Aber 
eine habe ich Ihnen bis heute hartnäckig verschwiegen. Ich wollte die 
Kleider des Vaters anziehen, von denen ich einige im Besitze hatte, und 
des Nachts zur Mutter gehen. Ich habe mir einen solchen .... Apparat 
verschafft. Aber es fehlte mir der Mut. Ich blieb in den Kleidern in meinem 
Zimmer. Ich stellte mich vor den Spiegel und sah stundenlange hinein." 

„Paßten Ihnen die Kleider?" 

„Wissen Sie, ich hatte längst einige alte Anzüge von Papa. Ich habe 
sie mir unter allerlei Vorwänden ausgebettelt. Ich. schrieb ihm, ich wollte einen 
armen Mann unterstützen. Ich ließ sie ungefähr für meine Figur verkleinern 
und trug sie sehr gerne, wenn mein Mann nicht zu Hause war. Ich habe 
Bchon als kleines Mädchen die Kleider von meinem Bruder getragen. Das 
war immer ein Festtag für mich." 

„Erinnern Sie sich, was Sie sich vorgestellt haben, wenn Sie die 
Kleider des Bruders an hatten?" 

„Ach ja! Ich spielte immer, ich wäre der Papa . Ich war eine 

Zeitlang recht unglücklich, daß ich ein Mädchen war. Ich beneidete alle 
Knaben." 

„Auch später, als Sie schon verheiratet waren?" 

„Freilich! Sie wissen, ich habe nie den Mut zu einer Untreue aufge- 
bracht. Aber ich dachte mir, wenn ich ein Mann wäre, ich könnte nie treu 
sein. Ich habe immer die Männer beneidet. Ich fühlte mich seelisch eigentlich 
mehr als ein Mann." 

„Wie war es während der Zeit, als Sie Ihren Mann liebten?" 

„Ich stürzte mich in diese Liebe und vergaß meine Neigung für Männer- 
kleider. Ich fühlte mich damals ganz als Weib. Besonders als ich Mutter 
wurde. Da war es aus mit meinen Träumen von Männlichkeit." 

12* 



180 Zweiter Teil. — ^Die Homosexualität. 

„Das war auch die einzige Zeit, in der Sie im Verkehre mit Ihrem 
Manne empfanden." 

„Ich habe nie an diesen Zusammenhang gedacht. Aber Sie haben 
recht. Damals war ich kurze Zeit ganz Weib, bis der Vater starb 

„Und die Mutter ins Haus kam." 

„Ja . . . so ist es . . . Sie meinen, daß ich da wieder ein Mann sein wollte» 
Nun, ich kann Ihnen gestehen, daß ich immer den Papa um die Mama beneidet 
habe. Ich dachte mir, wenn ich ein Mann wäre, ich müßte auch die Mama 
lieben. 

M J* r^u a ?^ Se Crgibt einige sehr Pressante Momente. Sie 
träumt wiederholt daß sie ein Mann ist und einen Phallus hat. Sie träumt 
auch daß sie nach der Art der Männer die Blase entleert. Sie gibt zu, daß sie 

tu Ko tl S t° n vu Km i eiden u schaftlich *W* Sie hatte auch wiederhol! 
tZ^hln t Eltem belauscht, einmal direkt durch ein Schlüsselloch 

KSt*' H T v hr ent ' S6tzt ^ dachte ' die Mutter Äse große 
5SÄV^ r Mr ein großes Vergnügen. Diese infantile 
aifS?W männlichen Lust ist ihr bis heute geblieben. Ihr Lieblings- 
Ä W ? ich nochmals auf die Welt komme, werde ich ein Mann. Die 
homosexuelle Einstellung zur Mutter raubte ihr die Libido in der Ehe. 
FW io7/ mP V Tr f nnua g von der Mu tter, wa6 S ie entrüstet ablehnte. 
?.ft S n T S xf h T lhrem MaMe Scheiden lassen - Si * ^hrte auch einige 

ä«lÄ ^ ^ S* mit der Mutter gemeinsam - MeS 
StTtr 8r °S' a u SIe emeS Tages ZU mir in Männerkleidern kam. 

bie bat mich um eine Bescheinigung, daß sie abnorm sei und deshalb das 

Be'rlin ÄnfSfÄT! *T* ?" "£ ■*■* daß MÄ* ' 

erhalL hätten arztllchen Zeugnissen diese Erlaubnis von der Polizei 

Vorhält di6 + Frage ^ Ch ? rem SexuaIleben gibt sie an, daß sie jetzt ein 

Jwt Q mit T m , ^ nn hab6 ' der Sich für die Li ebe ß szenen Frauenkleider 
anziehe. Sie erziele dabei einen sehr großen Orgasmus. Auf die Frage zu den 
Beziehungen zur Mutter gibt sie ausweichende Antworten. Aber ich solle ia 
nicht denken, daß sie eine „Urlinde" sei. Sie habe vor solchen Personen 
geradezu einen Ekel. Ihre Mama sei jetzt nur ihre beste Freundin. 

Es ist ganz klar zu ersehen, daß sie ihre homosexuelle Liebe zur 
Mutter verdrängt hat und sich mit dem Symbol der Männlichkeit der 
Hose begnügt. Der Mann, den sie umarmt, wird durch den Unterrock 
zum Weibe. So führen beide Partner eine Komödie auf, in der der 
heterosexuelle Akt ein Ersatz des ersehnten homosexuellen wird 

Ich kenne eine Reihe von Fällen, in denen die Verkleidung eines 
Mannes als Frau oder umgekehrt den Ausbruch einer Liebesraserei 
hervorrief, zumindestens das Verlangen enorm steigerte. Immer wird 
es sich um eine latente Homosexualität handeln, von der Blühev (1 c) 
eine so schlechte Meinung hat. Während er sonst meinen Standpunkt zu 
teilen scheint („man kann nämlich heute nicht mehr sagen, die Homo- 
sexualität oder Heterosexualität seien angeboren, sondern vielmehr nur: 
die Bisexualität ist angeboren, und zwar bei jedem Individuum 
mit Prävalenz einer der beiden Richtungen"), unterscheidet er eine 



_ 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. \Q\ 

„gesunde Inversion" 1 ) (das Heldentum) und den Durchbrach einer 
latenten Homosexualität (die Dekadenz des römischen Kaisertums); 
die eine kulturtragend und urwüchsig, die andere aus der „Versenkung 
des Unbewußten durch eine Aufhebung der Hemmungen empor- 
gestiegen" . . . Auch das heißt den Tatsachen Gewalt antun. Blüher will 
gerade wie Hirschfeld die latente Homosexualität als ein „Pseudo", als 
etwas unnatürliches ansehen und demgemäß beurteilen. Ich kann nach 
den Erfahrungen meiner Praxis diese theoretischen Folgerungen nicht 
unterstützen. Ich kenne nur eine Homosexualität und diese ist immer 
angeboren. Aber sie ist immer mit der Heterosexualität vergesellschaftet 
und trachtet sich unter allen Umständen durchzusetzen. Das 
Wissen um seine eigene Homosexualität ist kein 
Zeichen, an das wir uns halten können. Schätzt man 
die Zahl der bewußt Homosexuellen auf 2%, so können wir ruhig 
behaupten, daß 98% der Menschen von ihrer Homosexualität nichts 
wissen oder zumindestens nichts wissen wollen. 

Wenn wir die Masken der Homosexualität genau kennen, so 
werden uns plötzliche homosexuelle und heterosexuelle Leidenschaften 
verständlich. Ich verweise nur auf die Bedeutung der „Hose" im 
Liebesleben. Wie häufig verlieben sich Männer in Frauen, die sie in 
Hosen sehen! Ich erinnere mich, daß wir im Gymnasium eine ganze 
Menge Kollegen hatten, die in eine Sängerin verliebt waren, seit sie sie 
in einer Hosenrolle gesehen hatten. Grillparzer verliebte sich angeblich 
einmal in seinem Leben sehr stürmisch. Es war die Sängerin, der er das 
begeisterte Gedicht in einer Art Absence geschickt hatte. Sie war als 
Cherubin in einer Hosenrolle aufgetreten. Das Weib in der Hose ist 
ein typisches Kompromiß. Durch solche Kompromisse kann auch der 
Homosexuelle plötzlich heterosexuell werden. Hirschfeld, der auf diese 
Tatsache aufmerksam macht, erzählt, ein in der Berliner Urningwelt 
bekannter Kavallerieleutnant habe eines Tages seine Bekannten mit 
einer Verlobungsanzeige überrascht und noch mehr durch die Mitteilung, 
er sei völlig heterosexuell geworden. Er liebte vorher nur Jünglinge in 
Mädchenkleidern und traf offenbar ein Wesen, das dem Jünglingstyp 



*) Auch das neue großangelegte Werk von Blüher „Die Rolle der Erotik 
in der männlichen Gesellschaft" (Eugen Diederichs, Jena 1917 und 1919) 
bringt sehr 6chöne Worte und anregende Gedanken, aber keine Beweise für die Hypo- 
these, daß die Homosexualität angeboren ist. Der Homosexuelle, wie ich ihn beschreibe, 
ist für Blüher nur der „Typu6 neuroticu6 inversue", von dem er den angeborenen Homo- 
sexuellen, den Männerhelden, den Ausbund aller Tugenden, scharf unterscheidet. Ich 
bedauere lebhaft, daß ich trotz großer Erfahrung diesem Männerhelden nie begegnet 
bin. Alle Homosexuellen, die ich seelisch entkleiden konnte, waren alles andere eher 
— als Helden. 



182 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

entsprach, so daß er beide Komponenten seiner Libido befriedigen 
konnte. Das Symbol kann eben eine ungeheure Kraft entfalten. Die 
Hose ist das Symbol der Männlichkeit. Ich erinnere mich an den Sturm 
der Entrüstung, der im Volke aufflammte, als die Frauenmode die Hose 
usurpieren wollte. Der Rock, die langen Haare sind wieder Symbole der 
Weiblichkeit. Das Symbol bildet oft die Brücke, über die sich die sonst 
antagonistisch widerstrebenden Triebrichtungen verbinden. 
Der folgende Fall gehört zu dieser Gattung. 

Fall Nr. 24. Herr E. W. onanierte schon mit fünf Jahren und stellte' 
sich dabei immer vor, daß er ein Mädchen betaste. Später ma'sturbierte er mit 
Mitschülern zusammen. Sie versuchten auch päderastische Akte, bei denen er 
weder Ekel noch besondere Libido empfand. Mit vierzehn Jahren verführte 
ihn ein Dienstmadehen, zu der er ein Jahr hindurch jede Nacht ins Bett stieg. 
Bis dahin ein schlechter Schüler, wurde er der Beste in der Klase. Bald 
wurde er ihrer müde und suchte sich andere Gelegenheiten, die sich immer 
wieder fanden. Er behauptet, daß er bis zu seinem zwanzigsten Jahre 
sämtliche Madchen besessen hatte, die bei seinen Eltern dienten, nach seiner 
Schätzung waren es ungefähr zwanzig. Auffallend war ihm, daß er nicht immer 
Orgasmus erzielen konnte. Er war wohl immer sehr potent, oft so potent, daß 
die Madchen sich wunderten. Aber er wurde müde und kam nicht zur 
Ejakulation. Das passierte ihm oft bei dicken Frauen, die ihn sehr reizten 
und trotzdem nicht befriedigen konnten. 

Er begann, sich sehr früh mit Malerei zu beschäftigen und sehnte sich 
danach, das Cxefühl der Liebe kennen zu lernen. Denn diese kleinen Abenteuer 
hatten nichts mit seelischen Empfindungen zu tun. Er wurde immer älter und 
alle Frauen waren für ihn bloße Objekte der Lust. Er hatte verschiedene Ge- 
liebte und konnte keiner lange treu bleiben und hatte nicht immer Orgasmus. 
Erst bis er auf die Idee kam, den Situs inversus zu versuchen, war er immer 
imstande, den Orgasmus zu erzwingen. Auch bei dem Coitus a posteriori ge- 
langte er leichter zum Ziele als bei der normalen Position. Er war schon dreißi" 
Jahre alt, als er in einer Gesellschaft ein Mädchen sah, das in einem lebenden 
tfild als Knabe auftrat. Er wurde sofort von einer glühenden Leidenschaft 
tur sie erlaßt. Er unterhielt sich den ganzen Abend mit ihr, war begeistert, 
endlich in ihr das entsprechende „seelische Komplement" gefunden zu haben 
Wach einigen Wochen verlobte er sich mit ihr. Immer schwebte ihm ihr Bild 
als Knabe vor. Er heiratete bald, koitierte mit sehr starkem Orgasmus und 
war in seiner Ehe außerordentlich glücklich. Nach einigen Jahren jedoch bildete 
sich eine Störung der Potenz heraus, die ihn sehr kränkte, weil er seine Frau 
sehr liebte und sich schämte, ihr den wahren Sachverhalt mitzuteilen. Er 
wurde kalter und es kam vor, daß seine Potenz versagte. Da kam er einmal in 
das Schlafzimmer seiner Frau (sie hatten getrennte Schlafzimmer), als sie sich 
auskleidete. Sie stand m Unterhosen, in den modernen Reformhosen, in denen 
sie wie ein Bub aussah. Sofort fühlte er wieder ein mächtiges Verlangen und 
eine sehr kräftige Erektion. Er stürzte sich auf seine Frau, bedeckte sie, die 
sehr schamhaft war und gegen sein Benehmen protestierte, mit Küssen. Es war 
dies am hellen Tage. Niemals vorher hatte seine Frau einen Koitus am Tage 
zugegeben. Diesmal aber nötigte er sie dazu, so daß sie ganz überrascht war 
und immer wieder ausrief: Was hast du nur heute! Er gestand ihr den Grund 



_ 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. 183 

seiner Erregung nicht ein; er schämte sich von ihr zu verlangen, daß sie sich 
das nächste Mal wieder in Hosen zeigen sollte. Er wollte die Erklärung dieses 
merkwürdigen Zustandes und die Befreiung von diesem lästigen Zwange. Er 
konnte später wieder die Potenz erzielen, stellte sich aber immer vor, seine 
Frau trage Männerkleider. Dieser Mann war aus der Fremde und war nur für 
einen Tag nach Wien gekommen. Ich konnte nichts von den psychischen 
Wurzeln dieser Neigung erfahren. Er weiß sich an keinen infantilen Eindruck 
zu erinnern, glaubt aber, daß er schon beim Anblicke seiner Schwester in 
Unterhosen sehr erregt gewesen sei. Er interessiere sich sehr für die 
weiblichen Unterhosen und könnte leicht Fetischist werden und sich solche 
Höschen in den verschiedensten Qualitäten sammeln. Ich rate ihm, sich seiner 
Frau anzuvertrauen und sie zu ersuchen, sich ihm in dem verlangten Kostüme 
zu zeigen. Das wäre doch eine harmlose Neigung, die er mit vielen anderen 
Männern teile. Ich sah ihn nach einigen Jahren wieder. Er hatte meinen Rat 
befolgt, und seine Frau, die ihn sehr liebte, war schließlich darauf einge- 
gangen, weil er auf keine andere Weise eine Erektion erzielen konnte, und sie 
ohne die Erfüllung seiner ehelichen Pflichten nicht leben konnte. Seit sie „die 
Laune" ihres Mannes berücksichtigt, kann sie ihn — so oft sie will — zu einem 
Koitus anregen. Sie braucht nur die Hosen anzubehalten .... Den größten 
Genuß erzielt er nämlich, wenn seine Frau die Hosen anbehält und dabei den 
Situs inversus zugibt. Durch solche kleine Kompromisse, durch ein Eingehen 
auf die spezifische Phantasie kann manche unglückliche Ehe in eine glückliche 
verwandelt werden. 



Das ist nicht der einzige Fall, den ich beobachtet habe. Ich kenne 
Männer, welche im Lupanar von den Dirnen verlangen, daß sie sich nur 
bis zu den Unterhosen ausziehen und dann in diesem Kostüme bleiben. 
Andere, welche sogar von den Mädchen verlangen, daß sie Männer- 
kleider anziehen. Den Dirnen sind diese latenten Homosexuellen gut 
bekannt. Sie bleiben auch meistens passiv und verlangen die Aggression 
der Frau. Das beweist, daß sie die Fiktion, sie wären ein Weib, auf- 
recht erhalten wollen und sie durch kleine reale Werte zu unterstützen 
trachten. Mancher Fall von Liebe auf den ersten Blick hat eine ähnliche 
Motivierung. 

Fall Nr. 25. Herr Z. I., ein Mann von 48 Jahren, war schon einige Male 
leicht verliebt gewesen, war zweimal unglücklieh verheiratet. Seit der zweiten 
Scheidung — vor sechs Jahren — zog er sich von den Frauen zurück, weil 
er von ihnen eine schlechte Meinung hatte. Er pflegte zu sagen: „Alle Frauen 
sind Ludern und keine ist wert, daß man sich ihretwegen ein graues Haar 
wachsen läßt". Er war wegen dieses seines Leibspruches in der Tafelrunde 
erklärter Frauenfeinde als der „Ludernmann" bekannt. Seine grobsexuellen 
Bedürfnisse befriedigte er bei Dirnen oder bei den leichten Eroberungen der 
Straße. Sonst aber wich er den Frauen aus und suchte nur die Gesellschaft der 
Männer auf. Es war deutlich zu merken, daß er sich von der Hetero Sexualität 
abwandte und der geistigen Homosexualität zuneigte. Da kam es, daß er einer 
Künstlerin zu einer Büste Modell sitzen mußte. Die Bildhauerin war noch in 



184 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

den gewöhnlichen Kleidern und machte keinen besonderen Eindruck auf ihn. 
Sie bat ihn einen Moment zu warten, sie müsse noch die Arbeitstoilette machen. 
Er wartete einige Minuten und als sie wieder erschien, war er verblüfft. Sie 
trug einen langen weißen Kittel, der das Kleid ganz bedeckte, ein kleines 
kokettes Barett, um die Haare vor dem Staube zu schützen, und einen Zwicker, 
den sie nur bei der Arbeit anlegte. Sie sah so reizend aus, daß er sich in diesem' 
Moment in sie blitzartig verliebte. Er machte aus seiner Neigung kein Hehl 
und holte im Frauendienste nach, was er die letzten sechs Jahre versäumt . 
hatte. Sie ließ sich seine Huldigungen gerne gefallen. Um seine Ruhe war es 
geschehen. Er war in sie verliebt, wie er nie zuvor verliebt gewesen. Nach 
einigen Wochen machte er ihr einen Heiratsantrag, den sie höflich ablehnte. 
Sie hatte sich vorgenommen, nie zu heiraten. Er gab aber nicht nach und 
verfolgte sie mit seinen Aufmerksamkeiten und Zärtlichkeiten. Er ging nicht 
mehr m den Klub, nicht mehr zu seinen Freunden. Er war verliebt wie ein 
dummer Junge und behauptete, er wisse erst jetzt, was Liebe sei. Da wollte 
ihn einer semer Freunde von seiner Leidenschaft kurieren und teilte ihm im 
Vertrauen mit, er habe gehört, daß die Bildhauerin homosexuell sei und ein 
Verhältnis mit einer Sängerin habe, die immer in Hosenrollen auftrete. Die 
ganze Stadt wisse davon. Es sei ein öffentliches Geheimnis. Diese Mitteilung 
hatte die entgegengesetzte Wirkung. Seine Leidenschaft erreichte einen Grad, 
der ihn das Leben ohne sie als wertlos erachten ließ. Er kämpfte mit Sclbst- 
mordideen und teilte sie auch der Auserwählten mit. Das machte auf sie 
einen großen Eindruck und sie teilte ihm offen mit: Sie wolle gern seine 
Geliebte werden, aber nie seine Frau. Er sträubte sich eine Zeitlang gegen 
dieses Kompromiß und wollte nur einen Bund für das Leben. Schließlich kam 
es zu dem Verhältnis. Sie war keine Virgo mehr und erzählte ihm, sie wäre 
schon die Geliebte ihres Lehrers gewesen. Deshalb wollte sie auch nicht 
heiraten. Sie habe aber beim Lehrer nie auf normale Weise einen Orgasmus 
erzielen können. Sie blieb auch in seinen Armen anästhetisch. Bloß cum digito 
war Befriedigung und Orgasmus zu erzielen. Z. I. blieb ihr jedoch einige Jahre 
treu und wollte sie trotz ihres Widerstandes immer wieder zur Ehe bewegen. 
Er sah sie immer am liebsten in dem Gewände, das ihn so erregt hatte. Sie 
hatten ihre Zusammenkünfte immer in ihrem Atelier und er kam immer erst 
wenn sie in Arbeitstoilette war. Schließlich erkaltete seine Liebe und er 
kehrte reuig zu seinem frauenfeindlichen Stammtisch zurück. Ein Versuch mit 
einem bei ihm angestellten Mädchen mißlang und führte ihn. in meine Be- 
handlung. Er glaubte sich impotent. Es war aber nur der in diesem Alter 
auftretende homosexuelle Nachschub, der so viele Erscheinungen verursacht 
welche die Arzte das Klimakterium des Mannes nennen. Die Analyse ergab' 
daß die Künstlerin die Kusine eines seiner Lieblingsschüler war, dem sie 
außerordentlich ähnlich war. Dieser Schüler trug in seinem Laboratorium 
gleichfalls einen weißen Kittel, wie ihn die Bildhauerin an hatte. Diese 
Ähnlichkeit war es, welche seine Libido so entflammt hatte. Der Schüler hatte 
sich gerade einige Wochen vorher verlobt. Er war aus verschiedenen Motiven 
gegen diese Verlobung. (Ein junger Mann solle sich wegen einer Frau nicht 
eeme wissenschaftliche Karriere verderben!) In diesen Schüler war er verliebt, 
ohne es zu wissen. Die Ähnlichkeit der Kusine hatte die Transkription der 
Neigung in das Heterosexuelle gestattet und das Kostüm es ermöglicht, daß 
ein Teil der homosexuellen Triebkräfte in das heterosexuelle Strombett 
geleitet wurde. 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. i qfj 

An diesen Fall möchte ich einige Worte über das Klimakterium 
des Mannes und das kritische Alter der Frau anschließen. Der psycho- 
logische Vorgang, soweit er den Abschied von der Jugend bedeutet, ist 
ja bekannt und auch wiederholt beschrieben und besprochen worden. 1 ) 
Der ganze Liebesinstinkt des Menschen sträubt sieh gegen das Alt- 
werden und fordert die Ausnützung der wenigen noch zur Verfügung 
stehenden Jahre. Je geringer die sexuelle Ausbeute vergangener Jahre 
gewesen, desto größer und stürmischer wird das Verlangen, das Ver- 
säumte nachzuholen, „so lange es noch Zeit ist". Was aber die wenigsten 
Forscher berücksichtigt haben, das ist die Bedeutung der Homo- 
sexualität für diese kritische Zeit. Es kann ja auch sein, daß die In- 
volution der Geschlechtsdrüsen dazu beiträgt, das Gegengeschlechtliche 
stärker hervortreten zu lassen. Wer sich die Bisexualität chemisch 
vorstellt — und es gibt ja manche Stützen für diese Theorie — , kann 
dann von einem Siege des Gegengeschlechtlichen im Menschen über das 
Gleichgeschlechtliche reden. Hirschfeld würde von einem Manne sagen: 
Da er jetzt weniger Andrin produziert, habe das Gynäcin die Oberhand 
gewonnen. Vielleicht erklären sich viele Fälle von sogenannter tardiver 
Homosexualität (Krafft-Ebing) auf diese Weise. Habe ich doch einen 
Mann gesprochen, der bis zum 50. Lebensjahre sich sexuell gar nicht 
betätigte und auch keine Ahnung davon hatte, daß er homosexuell war. 
Um diese Zeit kam er in die Kreise der Homosexuellen und ist jetzt ein 
begeisterter Anhänger des dritten Geschlechtes. Vielleicht hängt auch 
der Durchbruch der Homosexualität, der zu Paranoia führt — wir wollen 
in den nächsten Kapiteln davon sprechen — , mit Veränderungen der 
Sexualdrüsen zusammen, die sich dann psychisch äußern müssen. In dem 
Falle Nr. 25 war es die Enttäuschung in der Ehe (beide Frauen hatten 
ihn betrogen) , welche das Manifestwerden der homosexuellen Regungen 
ermöglichte. 

Es ist möglich, daß die schönen Versuche und Operationen von 
Steinach diese Frage klären werden. Ich zweifle daran. Was beweisen 
die Erfolge von Steinach bei Ratten und Kaninchen? Daß die Puber- 
tätsdrüse — wie er das interstitielle Gewebe des Hodens nennt — 
einen großen Einfluß auf die sexuelle Gestaltung des Körpers hat. Das 
wußten wir schon aus den Versuchen von Halbem, Foges, Tandler u. a. 
Die Untersuchungen an Skopzen und Kastraten haben uns das längst 
bewiesen. Wir müßten durch Sektionen erst beweisen können, daß die 
tardive Homosexualität durch Involution der Pubertätsdrüse ein- 
getreten ist; wir müßten nachweisen, daß sie durch Implantierung 

') Vgl. meinen Aufsatz „Da6 kritische Alter des Mannes" in „Nervöse Leute". 
Verlag Paul Knepler, Wien. 



186 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

einer neuen Pubertätsdrüse behoben würde. Tierversuche beweisen 
nichts für den Menschen. Wir haben es überall auch mit der Wirkung 
seelischer Kräfte zu tun, die sich mit körperlichen Ursachen kom- 
binieren. Aber die Möglichkeit, daß die t a r d i v e Homosexualität 
durch Involution der Pubertätsdrüse angeregt und gefördert wird, ist 
nicht von der Hand zu weisen und würde vielleicht zu einer aktiven 
Paranoiatherapie führen können. 

Im späten Alter auftretende Leidenschaften entstehen oft im 
kritischen Alter durch Flucht vor der Homosexualität, ein Mechanismus, 
den wir noch eingehend besprechen müssen. Ich möchte hier nur auf die 
merkwürdige homosexuelle Färbung im kritischen Alter aufmerksam 
machen. Karin Michaelis, die sich mit dem Romane „Das kritische Alter 
der Frau" ein großes Verdienst erworben hat, verabsäumt nicht, diese 
Seite der seelischen Revolution entsprechend zu schildern. Das würde nur 
beweisen, daß dieser Roman den Wert einer guten Biographie hat. Denn 
diese Beobachtung deckt sich durchwegs mit meinen Erfahrungen. In 
dem Romane wird die Neigung der Heldin zu einem Stubenmädchen sehr 
eingehend geschildert. In diesem kritischen Stadium ist der Mann 
besonders bereit, sich in eine homosexuelle Maske zu verlieben .... Ich 
gestehe, daß ich mir diese Vorgänge auch ohne den Einfluß der 
Geschlechtsdrüsen erklären kann. Denn man sieht Fälle, in denen von 
Klimakterium noch keine Rede sein kann. Da ist es die Liebes- 
enttäuschung, wie in dem letzten Falle, welche diese neue homosexuelle 
Welle in Bewegung bringt. Auch die lange Zurückdrängung der homo- 
sexuellen Tendenzen ist zu berücksichtigen. 

Typisch ist das Verhalten aller dieser Menschen, die ihre Homo- 
sexualität nicht sehen wollen. Sie verlieben sich mit einer derartigen 
Intensität, sie stehen unter einem derartigen Willen zur Liebe, daß die 
Leidenschaft dann alle vorherigen Leidenschaften übertrifft. Hier 
eröffnen sich neue Ausblicke zur Psychologie des Don Juan, des 
sogenannten „Wüstlings", und der Messalina . . . Auf der Flucht vor 
der Homosexualität stürzt sich das Individuum in eine gesteigerte 
Heterosexualität (mit Kompromißbildungen und Benützung von homo- 
sexuellen Masken) , die aber selten die Ruhepunkte der Befriedigung 
gewährt. Der Wollüstling ist immer der Mensch, 
der seine Wollust nicht gefunden hat. Wer sie 
gefunden hat, der hat auch immer wieder die Wellentäler der Libido, 
die Ruhepausen des Sattseins. Wer sie nur scheinbar gefunden hat, 
wird bald wieder von dem nicht gesättigten Triebe gejagt werden, sie 
immer wieder zu suchen. So wenig wie eine Zwangshandlung den 
Neurotiker dauernd beruhigen kann, weil sie nur eine Symbolhandlung 
und ein Ersatz einer anderen Handlung ist, so wenig kann die in die 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. i Q7 

Hoterosexualität getragene unerledigte Homosexualität durch einen 
heterosexuellen Exzeß zur Ruhe kommen. Der Sexualtrieb ist ja — 
wie Freud mit Recht betont — komplexer Natur und kommt selten in 
seiner ganzen Stärke und Totalität zur Anwendung. Der ganze Trieb, 
ungeteilt, ungehemmt, ist das unerreichte Ideal aller Menschen; der 
Zustand des Verliebens ist die Erwartung einer bisher nicht erreichten 
Befriedigung. 

Im kritischen Alter des Mannes und der Frau brechen oft schwere 
Zwangsneurosen aus, die irrtümlicherweise auf Aufregungen, Überan- 
strengungen und andere nebensächliche Momente zurückgeführt werden. 
Jede dieser Zwangsneurosen ist ein kompliziertes Rätsel, das die Auf- 
gabe hat, die treibenden psychischen Kräfte vor sich und der Welt zu 
verbergen. Sehr häufig lassen sich hinter den verschiedenen „ver- 
rückten" Symptomen die Schutzbauten gegen die Homosexualität nach- 
weisen. 

Der nächste Fall bietet uns eine interessante Auslese von Sym- 
bolismen und Symbolhandlungen, die leicht verständlich werden, wenn 
man den Schlüssel gefunden hat. 

Fall Nr. 26. Herr Beta erkrankt im Alter von 60 Jahren an einer eigent- 
lich akut ausbrechenden Neurose. Plötzlich überfällt ihn die Angst vor der 
Tuberkulose. Er ist der festen Überzeugung, daß er tuberkulös ist, und der 
Ausspruch berühmter Ärzte kann ihn nur für einige Tage beruhigen. Er liest 
alle populären Werke über Tuberkulose und auch die wissenschaftlichen 
Bücher von Cornet, Koch und anderen Forschern. Er hat sich ein ganzes 
System zurechtgelegt, wie man die Tuberkulose heilen kann. Er glaubt, daß 
kalte Luft das beste ist, und macht große Spaziergänge im Freien, will nur bei 
offenen Fenstern schlafen, fährt nach Davos und lebt am liebsten in Orten, 
wo man Wintersport treibt. Er ist überzeugter Anhänger der Tröpfchen- 
infektion und meidet infolgedessen die Nähe von . . . Männern. 

„Warum gerade von Männern? Kann man durch Frauen nicht ebenso 
infiziert werden?" 

„Nein! Frauen expektorieren nicht so kräftig. Die Männer expektorieren 
in weitem Strahle, Frauen nur in einem kleinen Umkreis." 

„Woher haben Sie diese Kenntnisse?" 

„Sehen Sie, das habe ich durch Studium und Nachdenken gewonnen. 
Ich dachte mir, Husten und Urinieren sind zwei sehr ähnliche Vorgänge. In 
beiden kommen Ausscheidungen des Organismus vom Innern in die Atmo- 
sphäre. Eine Frau uriniert auch nur mit kleinem, nicht weit reichendem 
Strahle. Männer urinieren sehr kräftig und können einige Meter weit den 
Urin entleeren." 

Schon dieser Vergleich verriet mir, daß es sich bei dieser Angst vor 
Tuberkulose um einen versteckten sexuellen Trieb handeln müsse. Allein 
Beta setzt diesen Vergleich noch fort. 

„Männer sind auch imstande zu ejakulieren, während Frauen nur ein 
kleines Stück Schleim ausstoßen sollen, das in der Scheide bleibt .... 



188 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Wie dem auch sei, ich fürchte besonders die Infektion durch einen tuber- 
kulösen Mann." 

Ich erkundigte mich, wie das Leiden entstanden sei und wie lange es 
besteht, und hörte folgende sehr bezeichnende Begebenheit: 

„Ich lebte längere Zeit mit einem Neffen zusammen, der bei mir wohnte 
und ein eigenes Zimmer hatte. Einmal kam meine verheiratete Tochter zu 
uns auf Besuch, weil ihr Kind Keuchhusten hatte und ihr Luftveränderung 
empfohlen wurde." 

(Es ist charakteristisch, daß er sich vor der Ansteckung mit Keuch- 
husten nicht fürchtete, obwohl ihm ein böser Fall bekannt war, daß ein 
älterer Herr sich infiziert hatte und viele Monate krank war. Die Angst 
vor der Tuberkulose erweist sich dadurch als einzige „überwertige" Idee.) 

„Ich mußte — fuhr er fort — mit meinem Neffen in einem Zimmer 
schlafen. Er war erst vor einigen Monaten aus Meran zurückgekommen 
und galt zwar als geheilt . . . Aber Sie wissen ja, wie diese Heilungen bei 
näherer Betrachtung aussehen. In der Nacht war ich schon aufgeregt und 
hörte den Neffen ein paar Mal husten. Ich merkte, daß er nicht schlief, und 
konnte auch keinen Schlaf finden, weil ich daran dachte, daß ich mich sicher 
infizieren würde. Am nächsten Morgen schon lief ich zu meinem Hausarzt, 
der mich auslachte, aber auf mein dringendes Befragen mir sagte: „Wenn 
Sie solche Angst haben, so schlafen Sie halt in einem anderen Zimmer." 
Ich ließ mir das nicht zweimal sagen und übernachtete nun einige Wochen 
in einem Hotel. Doch da begann mich der Gedanke zu plagen, daß hier 
vielleicht wieder ein Tuberkulöser übernachtet haben konnte, und ich fand 
wieder keinen Schlaf. Ich schwitzte bei Nacht und glaubte nun den Ärzten 
nicht und war überzeugt, daß dies das erste Stadium der Tuberkulose 
wäre . . ." 

Wir merken, daß der alte Herr durch die Anwesenheit des Neffen 
homosexuell erregt wurde und daß die Homosexualität sich ihm als Bild 
der Tuberkulose bewußtseinsfähig machte. 

„Ich könnte mir die Haare ausreißen, daß ich diesen Unsinn ge- 
macht habe." 

„Welchen Unsinn?" 

„Nun, mit dem Neffen allein in einem Zimmer zu schlafen. Wenn ich 
wenigstens eine spanische Wand vorgestellt hätte. Aber man denkt leider 
in seinem Leichtsinn nicht an die Folgen . . ." 

Überdies zeigt Beta eine Reihe von Zwangshandlungen, welche sich 
leicht durchblicken lassen, wenn man einmal weiß, daß bei ihm „Tuber- 
kulose" „Homosexualität" bedeutet. Er geht auf der Gasse und bemerkt aus 
der Ferne, daß ihm ein Mann entgegenkommt. Er weicht aus und geht auf 
die andere Seite; er reicht keinem Mann, auch seinen Freunden, nicht mehr 
die Hand; sie könnte ja Tuberkelbazillen tragen. Alle Stätten, wo Männer 
nackt zu sehen sind, Bäder, Sportspiele, sind Verbreitungsherde der 
Tuberkulose. 

Überdies macht sich in seinem Wesen ein weiblicher Zug bemerkbar. 
Er hat sich den Bart rasieren lassen, weil Haare Brutstätten für Tuberkel- 
bazillen sind; er ist jetzt rührselig, weinerlich, unentschlossen, weichlich 



Latente Homosexualität. — Maske» der Homosexualität usw. 1 ÖQ 

geworden. Er findet, daß die Mode der kurzen Röcke nicht kleidsam ist 
und trägt einen langen Rock, der fast wie ein Kaftan aussieht. 1 ) Es handelt 
Bich um einen vollkommenen Durchbruch der Weiblichkeit, der schon einen 
Übergang zu den Paranoiaformen bildet, auf die wir später zu sprechen 
kommen werden. Auch erwacht in ihm Eifersucht auf seine Frau und er 
findet sich zurückgesetzt, nicht genügend beachtet. Er ist aufgeregt, schlaf- 
los, lebensüberdrüssig. Die Analyse wird nach einigen Stunden abgebrochen. 

Solche Kranke zittern vor der Wahrheit, eilen von Arzt zu Arzt 
und wollen eigentlich nur eines : ihr Geheimnis behalten und die Homo- 
sexualität in der maskierten Form weiter pflegen. Einmal entlarvt, 
wäre es ihnen nicht so leicht möglich. Sie werden immer unter allerlei 
Vorwänden nach einigen Stunden der Behandlung verschwinden, wobei 
in Betracht zu ziehen ist, daß sie ja den Arzt auch als Mann betrachten, 
ihre homosexuelle Liebe auf ihn übertragen und nun die Gefahr des 
Zusammenseins mit dem geliebten Objekte fliehen. 

An diesem Falle glaube ich gezeigt zu haben, welche wunderliche 
Verkleidung der Durchbruch der Homosexualität herbeiführt. Ähn- 
liche Formen sind auch die Angst vor der Syphilis, die Angst vor Blut- 
vergiftung, die Angst vor Berührung. Hinter diesem Schreckbilde 
Syphilis steckt ein anderes Verbot. Ich glaubte früher, daß es sich bei 
der Syphilidophobie nur um den Inzest handelt. Jetzt weiß ich, daß 
es sich um die Angst vor „der verbotenen Liebe" handelt. 
Die Syphilis wird ein Symbol des Inzestes oder der Homosexualität. 
Infiziert werden heißt: mit homosexuellen oder inzestuösen Tendenzen 
durchseucht werden. Die Bilder sind der Sprache des Alltags ent- 
nommen. Man spricht immer, daß ganz Berlin mit Homosexualität 
infiziert sei; die Gegner der Homosexuellen wettern gegen die Seuche, 
welche das deutsche Volk verpeste; man bewahrt einen Jungen vor 
der Ansteckung der Homosexualität. Ist es also wunderlich, wenn 
die krankhaften Ausdrucksformen der Neurose dann die gleichen Bilder 
annehmen? Die Entstehung solcher Angstzustände in höherem Alter 
ist immer verdächtig auf einen Durchbruch der Homosexualität, gegen 
die dann neue Sicherungen errichtet werden müssen. Wollte ich alle 
diese Formen hier beschreiben, ich müßte ein neues Werk über Angst- 
zustände vollenden. Wir wissen es ja, daß alle Neurosen eine bisexuelle 
Analyse verlangen. Ich möchte aber behaupten, daß der Beitrag der 
Homosexualität zur Neurose ein viel größerer ist als der aller anderen 
verpönten Triebrichtungen. 

Ich wende mich zu der Schilderung eines Charakters, bei dem 
man am allerwenigsten die Homosexualität als treibende Kraft ver- 
muten würde: zum Don Juan. Von der Messalina werden wir später 



1 ) Ähnliche Züge finden sich bei Jean Jacques Rousseau. 



190 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

in dem Buche über die sexuelle Anästhesie der Frau sprechen. Aber 
der Don Juan erfordert eine gesonderte Abhandlung. Man denke, ein 
Mann, der sein Leben in den Dienst der Frauen stellt, der Tag und 
Nacht nur an neue Eroberungen denkt, der jede Frau schön findet, 
wenn die Stunde es verlangt, für den keine zu alt, keine zu häßlich 
ist, wenn er sie für sein Register braucht, dieser Mann sollte an 
latenter Homosexualität leiden? Und doch ist es so, und je mehr ich 
Gelftgenheit habe, die Psychologie des Frauenjägers kennen zu lernen, 
desto fester wird meine Überzeugung, daß hinter dem rastlosen Treiben 
die Jagd nach dem Manne steckt. So viele Erklärungen man auch 
über den Don Juan, diesem Vorläufer Faustens, gefunden hat, keine 
löst restlos sein. Wesen auf. Erst die Heranziehung der latenten 
Homosexualität macht uns den Typus verständlich. 

Welche Charaktereigenschaften sind für den Don Juan typisch? 
Erstens: Seine leichte Entflammbarkeit. Zweitens: Die Wahllosigkeit 
seines Geschmackes. Drittens: Das rasche Erkalten. Natürlich gibt 
es verschiedene Übergangsformen und Zwischenstufen. Ich wähle nur 
den Grundtypus heraus, wie er mir in einigen Beispielen bekannt ist. 
Die Trias „rasch entflammt — nicht wählerisch — rasch erkaltet" 
gestattet mannigfache Variationen. Besonders die Wahl der Liebes- 
objekte wird bei manchen Frauenjägern durch eine bestimmte feti- 
schistische Vorliebe (z. B. rotes Haar, Jungfrau, bestimmte Gestalt, 
bestimmter Beruf) eingeengt. Es gibt unter den Don Juans Sammler 
bestimmter Typen. Ich kannte einen Witwensammler. Die Größe der 
Begierde war proportional zur Kürze des Witwenstandes. Nur Frauen 
in Trauer zogen ihn an. Aber in dieser Variation war er dann wahllos. 
Ob sie jung oder alt, 6chön oder häßlich war, das war ihm gleich, 
wenn sie nur eine Witwe war. Sein Stolz waren die Witwen, die am 
Tage des Begräbnisses seine Geliebten wurden. 

Oskar A. H. Schmitz 1 ) hat einen feinen Unterschied zwischen dem 
Typus des Don Juans und dem des Casanova gemacht: „Don Juan ist ein 
betrügerischer, listiger Verführer, dem die damit verbundene Besitzergreifung, 
die Gefahr, die Betätigung seiner Macht und Herrschaftsgelüste Hauptsache 
ist, der aber an sich unerotisch ist, während Casanova der Erotiker par 
excellence ist, auch verschlagen und betrügerisch, aber nicht um seine Macht 
— sondern um sein sinnliches Liebesbedürfnis angenehm zu befriedigen. Don 
Juan kennt nur die Weiber, für Casanova ist jede „das Weib". Don Juan ist 
dämonisch, teuflisch, er geht auf das Verderben der von ihm verführten 
Weiber aus, er stößt sie absichtlich ins Unglück, Casanova ist menschlich, 
sorgt immer für das Glück seiner Geliebten und widmet ihnen ein zärtliches 
Andenken. Don Juan verachtet die Weiber, er i6t der Typus des Misogynen, 
des satanischen Frauenhassers, Casanova ist typischer Feminist, besitzt ein 



J ) Don Juan, CaBanova und andere erotische Charaktere. (Stuttgart 190G.) 



Latente Homosexualität. — Maskcu der Homosexualität usw. 



191 



tiefes Verständnis für die Frauenseele, wird durch die Liebe nicht enttäuscht 
und braucht die ständige Berührung mit dem weiblichen Wesen für Bein 
Lebensglück. Don Juan verführt durch sein dämonisches Wesen, durch die 
Anziehungskraft der brutal-wilden Gewalt, Casanova durch die von ihm 
ausgehende sinnliche Atmosphäre." 

Bloch führt noch einen dritten Typus ein, den Pseudo-Don Juan oder 
besser Pseudo-Casanova, den immer enttäuschten Sucher, der am besten durch 
Retif de la Bretonne repräsentiert wird. Er sucht die wahre Liebe und 
findet sie nie. 

Wenn ich auch zugeben muß, daß der Verführer zwischen diesen Typen 
schwankt, so möchte ich in allen drei Typen nur die Vertreter einer latenten 
Homosexualität sehen. Keiner findet sein Ideal. Retif de la Bretonne ist 
der ewig enttäuschte, weil er die wahre Liebe nie finden wird; in seiner 
Liebe steckt noch viel Anbetung der Trau. Es ist eine Flucht in die Frau 
vor dem Mann. Casanova beweist sich immer aufs neue, was er für ein 
Mann und Kerl ist. Das Weib ist ihm Mittel, sein Persönlichkeitsgefühl zu 
erhöhen. Er darf das Objekt nicht entwerten, sonst verringert er die Größe 
seiner Siege. Der Don Juan liegt schon auf der Linie, die zum berüchtigten 
Marquis de Sade führt. Er haßt das Weib, weil es nicht imstande ist, ihm 
die große Liebe einzuflößen. Er sucht ewig Erlösung und hat keine Be- 
rührungspunkte mit dem fliegenden Holländer, der die Liebe bis in den Tod 
sucht. Aber ich kann nicht bestätigen, daß diese Typen so scharf geschieden 
sind, wie Schmitz und Bloch es glauben machen. Es finden sich die feinsten 
Übergänge und Variationen. Sie wechseln mit den Zeiten den Charakter und 
gehen in einen anderen Typus über. 

Wir bleiben daher beim Don Juan als Repräsentanten der Gattung 
des Verführers. Ist doch allen diesen Typen gemeinsam, daß sie nicht Treue 
halten und ihre Liebe nicht monopolisieren können. Und das ist für mich 
das Entscheidende. 

Die leichte Reizbarkeit, der Haß gegen die Frauen, die latente 
Grausamkeit, die ewige Liebesbereitschaft zeigen uns, daß der Don 
Juan im Grunde genommen immer unbefriedigt ist. Der wichtigste 
Moment ist für ihn die Eroberung der Frau. In dieser Eroberung zeigt 
sich etwas vom Haß gegen die Frau, der bei allen Homosexuellen — 
latenten und manifesten — eine so große Bedeutung hat. Für den 
richtigen Don Juan ist die Eroberung der Frau ein Problem, das seine 
Spielerfreude reizt. Wird es auch bei der einen gehen und bei der 
anderen und bei der dritten? Jede neue Eroberung überzeugt ihn von 
seiner eigenen Unwiderstehlichkeit, von dem Zauber seiner Reize, so 
daß er sich sagen kann: Du bist doch ein ganzer Mann! Er muß sich 
immer wieder beweisen, daß er ein Mann ist, weil er seine Weiblich- 
keit zu stark fühlt; er kann die Frauen mit Hilfe dieser Weiblichkeit 
am leichtesten erobern, weil er aus sich heraus weiß und fühlt, was 
die Frauen verlangen. Ist er doch selbst eine Frau in Männerkleidern. 
Sein Narzissmus (die krankhafte Selbstliebe) verlangt immer wieder 
neue Beweise seiner Unwiderstehlichkeit. Dieser Mann aber, der allö 



192 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Perversionen an Frauen übt und der auch in der Abwechslung der 
Liebesarten sein Suchen nach bestimmten Reizen verrät, wird sich nie 
dazu hinreißen lassen, einen homosexuellen Akt zu begehen, obwohl 
er sonst nicht wählerisch ist und von allem Bösen und Verbotenen 
gekostet hat. Er findet die Homosexuellen ekelhaft und unausstehlich, 
er müsse ausspucken, wenn er so einen Kerl sehe, er möchte alle diese 
Männer und Frauen einsperren lassen, diese Männer ausrotten wie eine 
Seuche. Er ist zu dem Problem der Homosexualität mit einem Affekt 
eingestellt, der uns beweist, daß hinter diesen negativen Formen des 
Ekels und der neurotischen Abwehr die positiven Triebriehtungen des 
Verlangens versteckt werden. Er sucht auch Frauen, die sich dem 
männlichen Typus nähern, denen die sekundären Geschlechtsmerkmale 
fehlen, ganz magere, ephebenhafte Frauen, Matronen, Mädchen, die 
noch Kinder sind, als Übergangsformen zum männlichen Typus. 
Manchmal verraten gewisse Abneigungen, wie sie Hirschfeld als Anti- 
fetisch beschreibt, den homosexuellen Charakter und die Schutzmaß- 
regeln gegen die Homosexualität. Der eine verträgt keine Frauen, die 
große Füße haben, der andere keine Frau, die am Körper behaart ist. 
Da komme ihm das Brechen an. Der dritte wird durch das Schnurr- 
bärtchen abgestoßen, durch eine tiefe Stimme. Es gibt da alle Über- 
gangsformen. Der eine sucht den vollendeten Typus Weib, der andere 
den Typus, der sich mein- dem Manne nähert, ohne den anderen zu 
verschmähen. 

Er sucht immer, weil er ja im geheimen nach dem Manne sucht. 
Sein Sexualziel ist der Mann. Von jedem Weibe erhofft er die große 
Lust, die ihn einmal befriedigt. Von jeder muß er sich enttäuscht ab- 
wenden, da er ja nicht befriedigt werden kann. In der Eroberung und 
in dem Verlassen der Frau zeigt sich wieder seine niedere Wertung 
der Frau. Der Frauenschätzer ist eigentlich kein Don Juan, da er 
seine Sexualität meistens auf wenige Frauen verteilt und von der Über- 
wertung dieser Frauen seine Schlüsse auf das ganze Geschlecht zieht. 
Der Don Juan benimmt sich so, als ob er die Frauen schätzen würde. 
In der Geste aber, mit der er sie entläßt, liegt die ganze Verachtung 
der Frau. Er schätzt nur die Frauen, die ihm widerstehen und die 
er nicht erobern kann. Solcher Widerstand kann auch dazu führen, 
daß der Don Juan heiratet, um in einer unglücklichen Ehe das alte 
Leben fortzuführen. Denn er hat wieder nicht den Mann gefunden. 

Charakteristisch ist bei näherer Untersuchung, daß die Wahl des 
zu erobernden Objektes so oft durch homosexuelle Zünder erklärt 
werden kann. Der Don Juan, der nach verheirateten Frauen jagt, legt 
großen Wert darauf, daß ihm die Männer dieser Frauen gefallen. Das 
steigert natürlich sein Selbstbewußtsein, denn es ist schwerer, einem 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. ^93 

schönen Manne Hörner aufzusetzen als einem häßlichen. Ein solcher 
Don Juan sagte mir einmal: „Ich habe alle möglichen Frauen besessen, 
nur nicht die Frau eines dummen Kerls. So einen dummen Menschen 
zu betrügen, das würde ich für eine Gemeinheit halten." Dieser Typus 
legt offenbar Wert darauf, sich mit einem klugen Rivalen zu messen. 
(Wenn du so klug bist, solltest du auf deine Frau besser aufpassen.) 
Der Akzent liegt aber auf dem Umstände, daß ihm der Mann gefällt, 
daß er den Mann bewundert und ihn als klugen Mann anerkennt. Er 
muß erst den Mann lieben, ehe er seine Frau erobert, und er kann nur 
kluge Männer lieben. Das ist seine Liebesbedingung. Maupassant 
schildert in einer Novelle einen solchen Typus. Der Held kann nur 
die Frauen von Männern besitzen, die ihm sympathisch und seine 
Freunde sind. Einen extremen Typus dieser Art werden wir in dem 
Kapitel „Eifersucht" kennen lernen. 

Fall Nr. 27. Herr U. 0. ist jetzt 49 Jahre alt und macht eine schwere 
seelische Krise durch. Er erzählt, daß er glücklich verheiratet gewesen, bis 
eine Schauspielerin seinen Weg gekreuzt habe. In diese habe er sich so 
verliebt, daß er nicht loskommen könne, das Haus vernachlässige, seinem 
Berufe nicht nachgehen könne und im Begriffe stand, einen Selbstmord zu 
begehen. Er habe sonst die Frauen nicht so lange lieben können und wäre 
bald mit einer jeden fertig geworden. Nach einigen Wochen kam eine 
andere daran. 

„Sagten Sie nicht, daß Sie glücklich verheiratet sind?" 

„Ja. Das hat mich nie gestört. Ich kann keiner Frau treu sein. Ich 
muß immer Abwechslung haben. Ich bin ein polygamer Mensch. Diese Frau 
ist die erste, der ich treu bin. Nicht meiner Frau, die ich schon in der 
ersten Woche der Ehe betrogen habe, nein, der Geliebten, die mich ganz 
aus dem Gleichgewicht gebracht hat, bin ich treu! Denken Sie: Ich dulde 
es, daß sie mit anderen Männern verkehrt, von denen sie sich aushalten läßt. 
Wer mir das früher gesagt hätte! — Ich nehme mir auch jedesmal vor, 
nicht mehr zu ihr zu gehen und Schluß zu machen. Ich habe es meiner 
Frau, die ganz gebrochen ist, auch geschworen. Ich bin immer zu schwach . . . 
Retten Sie mich! Befreien Sie mich aus diesen unwürdigen Banden! Geben 
Sie mich meiner Familie wieder!" 

.... Die Lebensgeschichte dieses Mannes ist die oft gehörte anderer 
Neurotiker. Er begann sehr früh sexuell zu verstehen und zu onanieren. 
Schon im sechsten Jahre begannen seine ersten onanistischen Akte in der 
Schule; er glaubt aber, daß es auch 6chon vorher der Fall gewesen. .Er 
hatte allerlei Spielkameraden, mit denen er die „gewöhnlichen kindlichen 
Scherze" trieb. Die gewöhnlichen kindlichen Scherze entpuppten sich als: 
Fellatio, Päderastie, manuelle Onanie und Zoophilie. Sie richten einen Hund 
ab, der ihnen dann durch Lecken den höchsten Orgasmus erzeugte. Die 
letzte homosexuelle Liebe hatte er mit 14 Jahren. Es war ein Kollege, mit 
dem er gegenseitige Onanie trieb. Eines Tages wurden sie über den Schaden 
der Onanie belehrt und gingen zusammen in ein Bordell. Sie übten diese 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affektlebons. It. 2. Ann. 13 



194 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Praxis sehr lange aus, weil es ihnen viel mehr Spaß machte. Oft wechselten 
sie dann die Frauen. (Eine nicht so seltene Form, wie Latenthomosexuelle 
zu großem Orgasmus kommen und auf Umwegen den Freund benützen. Jn 
Lupanaren sehr häufig geübt.) Bald jedoch bildete er sich zum richtige]! 
Don Juan aus. Schon mit 16 Jahren war er ein vollendeter Frauenjäger 
und brachte es auch dahin, daß die Frau seines Gymnasialprofessors seine 
Geliebte wurde. Er begehrte jede Frau, alt oder jung, schön oder häßlich 
Er behauptet, seine größten Genüsse alten Frauen zu verdanken und pro- 
duziert mir einen Brief von Franklin an junge Leute, der ihnen rät, sich 
an die alten Frauen zu halten. Diese leichtbetonte Gerontophilie hinderte 
ihn nicht, mit unreifen Mädchen, ja fast noch Kindern zu beginnen. Sein 
ganzes Sinnen und Trachten vom Morgen bis zum Abend waren Frauen. 
Wie er erwachte, stellte er sich die Frage: Was wirst du heute erleben* 
Ist er mit einer Frau allein im Zimmer, so hat er nur einen Gedanken'- 
Wie kann ich sie gewinnen? Er betrachtet jede Frau nur als Objekt seiner 
Lust und wird ihrer sehr rasch müde. Mit Ausnahme einer älteren Dame 
d.e er immer zeitweise besucht, auch jetzt in der Zeit seiner großen Liebe' 
.st er keiner langer als einige Wochen treu geblieben. Oft hatte er schon 
nach einmaligem Besitz einen Ekel vor dieser Frau und dachte sich: Du 
bist auch nicht besser als die anderen. Er hat seit dem 16. Jahre durch die 
ganze Zeit fast jeden Tag verkehrt und öfters mehrere Male am Tage. 
Mit 32 Jahren lernte er seine Frau kennen. Ihr Vater war sein Bürovorstand, 
? *nl A n \i t n 6r L . mmer diG g pößte Verehrung hatte! 

Tochrl; L M Ti : h -? n g „ bt V n ' cht Viele! ") Er Gratete seine 

.ftMHM. L q U a G andei ' en FraUGn Stellte ' und führte eine sehr 

gluckliche Ehe Seine Angst war nur, daß seine Frau von seinen Eskapaden 

erfahren konnte. Denn vor ihm war keine Schürze sicher und er hatte schon 

?M en nr r t? . ren der Ehe mit der Köchin seines Hauses ein Verhältnis. 
Schließlich brachte er sich dazu, im Hause nichts anzufangen und war so 
vorsichtig, daß seine Frau ihm nicht auf seine Abwege kam. Er hatte dann 
eine Reihe von Frauen und Mädchen, die ihm immer zur Verfügung 'standen 
wann er gerade nach ihnen Lust hatte. Da lernte er einen jungen Mann 
Kennen, der ihm sehr sympathisch war. Nur eines stieß ihn an ihm ab- 
Daß er ein Homosexueller war und noch darauf stolz war. Das konnte er 

hfl ^ ^ gab 8ich alle Mühe ' seinen Freund zur Frauenliebe zu 
bekehren. Das mißlang vollkommen, aber sein neuer Freund führte ihn in 
homosexuelle Kreise ein, die ihn „nur als Kulturmenschen" interessierten. 
Er besuchte ein Caf 6, wo die Homosexuellen zusammenkamen, und merkte, 
daß sich auch viele Intellektuelle unter ihnen befanden. Besonders wunderte 
ihn, daß das gemeinsame Los die sozialen Unterschiede vollkommen nivellierte. 
Em Graf verkehrte mit einem Kellner und einem Postbediensteten, als wären 
es seine intimen Freunde. Nach einigen Wochen lernte er die Schwester 
seines neuen Freundes kennen und verliebte sich auf den ersten Blick in 
sie. Das war seine große Liebe! 

Es war klar, daß der Umgang mit den Homosexuellen seine latente 
Homosexualität von Hemmungen befreit hatte und daß die homosexuelle 
Welle ihn zu ergreifen drohte. Dagegen gab es nur eine Rettung: Die 
Flucht in die Liebe. Die Liebe zu seinem Freunde wurde die Liebe zu seiner 
Schwester, die ihm außerordentlich ähnlich sah. Beim Koitus mit der neuen 
Geliebten kam er bald auf die Idee, den Succubus abzugeben und auch die 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. 195 

anale Form der Befriedigung zu wählen, wobei er einen ihm vorher un- 
geahnten Orgasmus empfand. 

Durch anonyme Briefe erfuhr seine Frau bald die ganze Wahrheit. 
Auch war er ihr gegenüber bald sehr schwach potent und konnte nur mit 
Mühe den ehelichen Pflichten genügen. 

In diesem Falle wirkte die Analyse wahre Wunder. Er lernte bald 
die Quellen seiner Fixierung begreifen und wunderte sich nur, daß er so 
blind gewesen und nicht selbst bemerkt hatte, daß er den Bruder in der 
Schwester liebte. Er machte sich von der Schauspielerin auf würdige Weise 
los. Er stellte ihr den Antrag, sie möge alle Verhältnisse lösen, dann wolle 
er sein Wort halten und sie heiraten. Er liebte sie noch immer, aber er 
war sehend geworden. Sie lachte ihm ins Gesicht. Ob er wohl die Kosten 
ihrer Toiletten und ihre sonstigen Ansprüche befriedigen könne? Damit 
war das Ende dieser Liebe unvermeidlich. Er schämte sich, daß er eine 
solche Frau seiner Gattin hatte vorziehen können. Auffallend war ein Traum, 
der die völlige Lösung seiner Fixierung brachte. 

Ich bin mit Otto — so hieß der junge Freund — in einem Zimmer. 
Er kam auf mich zu und sagte: Merkst du denn nicht, daß ich dich 
liebe und nach dir verlange. Ich wehrte mich gegen seine Liebkosungen 
und zog einen Revolver aus der Tasche. Ich hielt ihn hoch und wollte 
auf den Freund schießen. Da verwandelte sich der Freund in meinen 
Sohn und die blauen treuherzigen Augen meines Kindes baten flehend: 
Schone mich! Da ließ ich die Waffe fallen und lief aus dem Zimmer. 

Der junge Freund hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem eigenen 
Sohne, dem er sich vor der neuen Liebe gerne gewidmet hatte . . . 

Wir können aus diesem Falle lernen, daß es auch eine große 
Liebe gibt, die den Verliebten vor sich selbst retten soll. Es gibt 
Zeiten, in denen man lieben muß und dann das Liebesobjekt, auch wenn 
es nicht den strengen Anforderungen entspricht, überwertet wird, um 
in dem Rausche des Verliebtseins (wie in jedem anderen Rausche) 
zu vergessen. Jede Liebe, die im späteren Alter auftritt, kann einen 
Versuch bedeuten, sich mit allen Kräften in die HeteroSexualität zu 
retten. Das Kennzeichen einer solchen Liebe ist das Übertriebene und 
Zwangsmäßige. Der Verliebte kann nicht eine Stunde ohne seine Liebe 
sein; er möchte sie immer um sich haben; sie soll ihn überall hin- 
begleiten; selbst im Schlafe hält er die Hände der Liebsten, daß sie 
ihn vor jeder Versuchung schützen solle. Und ich habe Fälle gesehen 
— und werde bald über einen solchen berichten — , in denen die Liebe 
alle Stürme überdauerte und als ein gelungener Heilungsprozeß zu 
bezeichnen ist. 

In der Analyse kommt es oft vor, daß diese Patienten auf den 
Arzt übertragen, sich in ihn verlieben und in dieser Liebesbereitschaft 
dann irgend ein weibliches Wesen finden, das ihnen zufällig in den 
Weg läuft, in das sie sich „rasend" verlieben und das nun ihre Rettung 
aus der sexuellen Gefahr bedeutet. Die Gefahr ist die Homosexualität. 

13* 






196 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Don Juan, Casanova, Retif de la Bretonne, sie fliehen alle den 
Mann und suchen Erlösung beim Weibe. Retif ist Fußfetischist Die 
Wahl dieses Fetisch, der ausgesprochen bisexuell ist, beweist schon 
eine latente Homosexualität. Auf der Flucht vor homosexuellen 
Regungen geraten die großen Frauenhelden oft in die schwersten 
Neurosen Der nächste Fall wird uns die Schilderung eines solchen 
neurotischen Schürzenjägers bringen. 

Fall Nr. 28. Herr G.K., ein hervorragender Erfinder 32 Jahre alt 

dbÄÄMdE ^ ^^f Y ° n "rdigen MÄ£ 
nachsehen TJotIvT^ ftl ** kr « muß " Er ™ß *rkä zwanzigmai 
S dmch die wln , ^schlössen sind. Dann beginnt eine Wande- 

lS'vShLZ Wohnimg und eine hochnotpeinliche Untersuchung, ob denn 

SSS?&^.^ WÜ ' d " ^»^ Ermüdet v"n d J5 

ve .teckt hegt. Bei diesem Rundgange werden alle Fenster und Türen «* 

Ärseh 5Ä t f w- :,**, i6t GS SCh ° n S * ät nach Mitterna ht Er 
andere Tu tLh Be "" .^ P 1 «** 0* der Zweifel, ob er diese oder die 
22? h grundllch zugemacht hätte, . ob der Gasometer bestimmt 

!T^ dT\Z' ^f " begimt auf8 neUG mit Sich zu kämpT™ Der VerSd 
whlVÄ g6naU nach S esehen > ^ brauchst nicht mehr aufzustehen 

aer lag beginnt schon zu dammern. Nun bleibt er im Bette schläft oft 

p sfSÄs £iad 

kann er sich das erlauben. Auch die Dienstboten werden so hoch entlohn ' 
daß sie gerne in dem „verrückten Hause» bleiben. Nachmittags arbe et er 
in seinem chemischen Laboratorium. Seine Arbeiten haben ihn berühmt 






Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. 197 

gemacht. Er ist ein sehr fähiger Chemiker, der geniale Ideen hat und dessen 
Patente seinen Reichtum geschaffen haben. 

Überdies wird er von einer Zwangsvorstellung verfolgt, die sehr 
sonderbar ist. Er will immer wissen, wie seine Frau gefällt und ob man 
sie für eine schöne Frau hält. Seine größte Sorgo ist ihre Toilette. Er 
verbringt viele Nachmittage mit ihr in Salons bei Schneiderinnen und bei 
Modistinnen. Er macht ihr Vorwürfe, sie verstünde sich nicht zu kleiden, 
sie lege keine Sorgfalt auf ihre Schönheit. Dabei ist es ihm gleichgültig, 
wie sie im Hause herumgeht. Diese Sorge bezieht sich immer auf den Ein- 
druck, den die Frau auf andere Männer macht. Es kränkt ihn auch, wenn 
andere Frauen seine Frau nicht schön finden, aber lange nicht so, wie wenn 
er das von Männern voraussetzt. Da er den Abend fürchtet, geht er gerne 
in Gesellschaften. (Natürlich verschiebt sich dann sein Zeremoniell und er 
schläft noch später ein.) Da ist es seine Hauptsorge, wie seine Frau gefällt. 
Sagt ihm ein Mann: „Ihre Frau sieht heute prachtvoll aus!" Oder sagt 
ihm ein fremder Herr: „Wer ist denn jene schöne Frau?" — wie es ihm 
schon auf Bällen passiert ist, so ist er überglücklich. Oder er stellt seine 
Frau einem Herrn vor und der sagt ihm später: „Ich wußte gar nicht, 
daß Sie eine so schöne Frau haben!" — dann ist er selig und seine Frau 
hat einen guten Tag. Er kauft ihr am nächsten Tage Schmuck, ist zärtlich, 
überhäuft sie mit Schmeicheleien. Merkt er aber, daß seine Frau nicht be- 
achtet wird, oder gibt es eine andere schönere Frau im Saale, so ist er 
unglücklich. Er macht dann seiner Frau die heftigsten Vorwürfe, sie hätte 
sich nicht schön genug gekleidet, er zürnt, er tobt, er wettert, er grollt 
mehrere Tage, bis eine neue Episode, in der er merkt, daß seine Frau 
Männern und Frauen gefällt, ihn wieder beruhigt. Er kann es nicht ver- 
tragen, wenn er hört, daß ein anderer eine schöne Frau hat. Er ruht dann 
nicht, bis er die Bekanntschaft dieser schönen Frau gemacht hat, und ist 
selig, wenn ihm ein Herr sagt: Ihre Frau ist ja viel schöner! Hört er 
aber, daß eine fremde Frau gelobt wird, ohne daß seine Frau erwähnt wird, 
so ist er wieder sehr deprimiert und seine Frau hat eine schlechte Zeit zu 
erwarten. Seine Vettern — er hat keine Brüder — haben alle sehr schöne 
Frauen. Es bildet seine Hauptsorge zu untersuchen, ob seine Frau schöner 
ist. Er legt diese Frage oft seinen Bekannten vor — recht unauffällig, denn 
von diesen Dingen dürfen sie keine Ahnung haben — und ein Ausspruch eines 
ihm sonst gleichgültigen Menschen entscheidet über die Stimmung des Tages. 
Er ist daher glücklich, wenn er sieht, daß man seiner Frau den Hof macht. 
Er ist nur betrübt, wenn junge Leute da sind und sich um seine Frau nicht 
kümmern. Er ist nicht eifersüchtig, da er seine Frau kennt, sich auf sie 
verlassen kann und weil seine Frau eigentlich nie allein ist. Sie ist ent- 
weder mit ihm oder in Begleitung ihrer Mutter. Deshalb freut es ihn un- 
bändig, wenn er sie von Herren umschwärmt sieht. Er führt sie auch an 
alle Orte, wo eine Schönheitskonkurrenz stattfindet, und läßt es sich viel 
Geld kosten, damit seine Frau den Preis davonträgt. Siegt eine andere, so 
ist er wieder unglücklich und beneidet den Mann, der eine 60 schöne Frau 
besitzt oder besitzen wird. 

Dieser Mann ist überdies ein Don Juan und seiner Frau nie treu ge- 
wesen. Er hat eine zweite Wohnung, in der er verschiedene Mädchen und 
auch die Frauen seiner Freunde empfängt, die ihm sehr gut gefallen und 
die auf seine Vorschläge eingehen. Da er ein sehr stattlicher, hoher, schöner 






198 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Mann ist, so hat er großes Glück bei Damen. Überdies empfängt er noch 
verschiedene Mädchen in seinem Laboratorium, das auch einen Raum besitzt, 
den er für diese Zwecke verwendet. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht 
neben seiner Frau eine andere — irgend eine andere — besitzt. Er sieht 
sehr gut aus, hie und da etwas blaß, fühlt sich körperlich sehr frisch und 
leistungsfällig. Er arbeitet eigentlich nur zwei bis drei Stunden im Tage. 
In dieser Zeit leistet er viel mehr als andere Menschen in einem Tage." 

Bemerkenswert ist auch die Art seiner sexuellen Befriedigung. Während 
er bei seiner Frau immer nur den normalen Koitus ausübt, benützt er seine 
Mädchen und Frauen dazu, die Art der Befriedigung zu vollziehen, bei der 
er den größten Orgasmus erzielt. Er gibt ihnen seinen Phallus in die Hand 
und küßt sie, dum puella membrum erectum tenet et premit. Mitunter voll- 
zieht er Koitus, wenn der Partner es verlangt. Dann aber erfolgt interruptio 
und wieder die Handmanipulation. Da er sehr potent ist, bringt er es zu- 
stande, die Frau zu befriedigen, dann noch vor seiner Ejakulation den Penis 
der Geliebten zur manuellen Bearbeitung zu überlassen. Andere perverse 
Akte sind vorgekommen. Er hat alles versucht. Die erwähnte Form der 
Befriedigung zieht er allen anderen vor. Ein gewisses Schamgefühl hinderte 
ihn, sie auch von seiner Frau zu verlangen. 

ir _* ,? dne A-namnese ist sehr dürftig. Er erinnert sich nicht an besondere 
V ortalle der Kindheit und der ersten Jugend. Er begann sehr früh zu 
onanieren und onanierte bis zu seiner Verheiratung jeden Abend vor dem 
Einschlafen. Schon vor der Ehe hatte er ähnliche Zustände wie jetzt, aber 
er war mit der Untersuchung in einer halben Stunde fertig. Allerdings 
onanierte er täglich, auch wenn er mit Frauen verkehrt hatte. In seine 
Wohnung nahm er die Frauen nie. Die kamen damals immer in sein Labo- 
ratorium. Er hängt sehr an seiner Mutter, die noch heute eine begehrens- 
werte Frau ist, und verehrt seinen Vater, der ihn sehr strenge, aber sehr 
gerecht aufgezogen hatte und leichte neurotische Züge aufwies. An homo- 
sexuelle Episoden kann er sich nicht erinnern. Er onanierte übermäßig und 
begann mit 18 Jahren den Verkehr mit Frauen und dann wurde er ein 
Frauenjäger mit einem ganz bestimmten Geschmack. Seine Frauen mußten 
alle sehr weiß sein, einen blendenden Teint zeigen, schöne, rundliche, echt 
weibliche Körperformen haben, aber nicht zu dick und überdies sehr schön 
seih. Doch ersetzen der weiße Teint und die Glätte der Haut auch die Schön- 
heit. Zu diesem weißen Gesichte fordert er dunkle, feurige Augen. Dieser 
Typus scheint sich an das Bild der Mutter zu halten, die eine auffallend 
schöne Frau war und noch heute die Spuren ihrer einstigen Schönheit mit 
Würde trägt. Dann hat er einige Eigen tümlichkeiten (Antifaschismus). 
Wenn er merkt, daß eine Frau am Körper behaart ist, so erlischt seine Libido 
sofort. So eine Frau ist ihm wie eine Frau mit einem Schnur rbärtchen 
ekelhaft, Ekelhaft sind ihm alle Frauen, welche eckige Formen und keinen 
Busen haben und an einen Mann erinnern. „Ein Weib muß ein Weib sein?" 
ist sein Ausspruch. Er haßt alle Blaustrümpfe und emanzipierten Frauen- 
zimmer und hat seiner Frau den Umgang mit einer Freundin verboten, 
weil sie sich allen modernen Frauenbewegungen anschließt. 

In der Analyse spricht er erst immer von seiner Frau. Nach seinen 
Berichten hat er einen Engel an Geduld geheiratet. Es gehört auch eine 
große Liebe dazu, die Schrullen und Launen dieses Mannes zu ertragen. 
Aber die Frau liebte diesen Mann und gewöhnte sich an alles, weil sie 



Latente Homosexualität. — Masken der Homosexualität usw. 199 

merkte, daß er sie liebte und weil sie dachte: Jeder Mann hat seine Eigen- 
tümlichkeiten. Sie war glücklich und die Wohnung widerhallte von ihrem 
Gesänge. Quälte er sie mit seinen ungerechten Vorwürfen, so hielt die Ver- 
stimmung bei ihr nicht lange an. Ja, sie schmeichelte ihm sogar eine Ver- 
zeihung und ein Lächeln ab, so daß ihre Ehe als eine Musterehe galt. Er 
betont, daß seine Frau ein Ideal sei. Wenn nun in der Analyse jemand 
mit einem Lobe anfängt, so kann man sicher sein, daß die zweite Kom- 
ponente, der Haß, nachfolgen wird. Erst die Vorzüge — dann die Nachteile. 
Nun schien diese Frau wirklich keine schwachen Seiten zu haben. Er wußte 
nur Gutes von ihr zu berichten und von seiner Sorge um ihre Schönheit. 

Doch bald — nach einigen Wochen — änderte sich der Ton. Er wußte 
von einem schweren Trauma zu erzählen, das für ihn von größter Bedeutung 
war und seine Ehe eigentlich umgestaltete. Er hatte sich vorgenommen, 
seiner Frau treu zu bleiben und das Leben des Don Juan aufzugeben. Er 
hatte vor der Hochzeit mit sechs Mädchen zugleich ein Verhältnis und mußte 
immer fürchten, daß die eine es von der anderen erfahren werde. Er wollte 
ruhig leben und seiner Frau treu sein. Und er schwur sich, mit der Ehe die 
Onanie aufzugeben. Das konnte er ja in der Ehe, weil er vor dem Einschlafen 
statt zu onanieren mit seiner Frau verkehren wollte. Nun hatte er vor der 
Hochzeit die Angst, seine Frau könnte am Busen behaart sein. Das würde 
er nicht vertragen. Er wollte schon verlangen, daß seine Frau sich von einem 
Arzt untersuchen lassen solle, aber er schämte sich, als geistig hochstehender 
Mann, dies von seiner Frau zu verlangen. In der Brautnacht entdeckte er 
einige Härchen an der Brust und einen leichten weichen Flaum am Bauche. 
Er war so entsetzt, daß er am liebsten seine Frau zurückgeschickt hätte. 
Er war viele, viele Monate unglücklich und weinte jede Nacht. War ihm 
doch eine Hoffnung gestorben: eine solche Frau zu finden, die ihm alle 
anderen Frauen ersetzen könnte. 

Diese Vorstellung von den Haaren seiner Frau machte ihn zum un- 
glücklichen Menschen und verhinderte seine moralische Resurrektion. Er 
wollte ja ein anderer Mensch werden. Aber es zog ihn zu schönen, weißen 
Frauen und marmorglatten Leibern, bei denen ihn keine Behaarung an einen 
Mann erinnern konnte. 

Das ist ja das wesentliche Merkmal und die Ursache dieser Erscheinung, 
die ich bisher nicht erklärt habe. Der Mann ist ausgesprochen bisexuell mit 
starker Neigung zur Homosexualität. Diese Homosexualität wurde — wie 
er betonte — bisher nur durch die Onanie befriedigt. Er suchte Vollweiber, 
um den Mann zu vergessen. Er suchte eine schöne Frau, weil er von dieser 
Schönheit erhoffte, sie werde alle Gedanken an Männer verdrängen und sein 
Begehren ganz auf sich lenken. Er wollte die schönste Frau der Welt 
haben: Helena. Gefiel seine Frau den Männern, so stachelte dies seine 
homosexuelle Komponente derart, daß er sie mit größerem Genuß besitzen 
konnte. Er wollte aber nur den Gedanken an einen Mann verdrängen. Be- 
sonders vor dem Einschlafen trat diese Angst vor dem Manne (Dieb, Ein- 
brecher), die auch eine Angst vor der Onanie war, deutlich hervor. In seinem 
Kopfe, in seinem Hirn lebte dieser Mann und mahnte ihn und verlangte 
Erlösung. Diesen Mann wollte er nicht Sehen und dieser Mann ließ ihn 
nicht einschlafen. Er aber projizierte diesen Einbrecher in seine Wohnung, 
untersuchte Kasten, als wollte er sich sagen: Ich habe keine Spur einer 
homosexuellen Neigung. 



200 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



Dies war auch, was er mir sagte, wenn ich auf die homosexuelle Be- 
deutung seiner Zwangshandlungen zurückkam: Ein solcher Don 
Juan wie ich! Ich widme meine ganze Kraft dem Kult ufc 
der Frau. Der Gedanke an einen Mann ist mir widerlich' 

Ich erkläre ihm, daß der Ekel nur verdrängte Begierde wäre Wen» 
ihm der Mann gleichgültig wäre, dann wäre das beweisender. 

„Also, er ist mir vollkommen gleichgültig." 

So sucht er zu beweisen, daß er nicht homosexuell empfindet. Wir ver- 
stehen aber, daß die Haare, die er an seiner Frau entdeckte, ihn an die 
fatale Homosexualität erinnerten. Er war so unglücklich, daß er ernstlich 
den Gedanken einer Scheidung erwog. Was ihn an den Mann erinnerte, war 
ihm peinlich. Er stürzte sich in den Frauenkultus, um den Mann zu ver- 
gessen. Er gab auch seine Vereine und Männergesellschaften auf, weil er 
immer mit seiner Frau zusammen sein wollte. 

Ich übergehe die anderweitige Bedeutung dieser Neurose, weil deren 
Analyse uns von unserem Thema abbringen würde. Ich will nur ein LS 
geben wie wenig den Angaben der Menschen zu trauen ist, die uns einen 
Lebensbericht bringen und behaupten, sie erinnern sich an alles. In ZZ 
Leben wäre nie das oder jene* vorgekommen. In sexuellen Dingen E 
alle Menschen, bewußt, unbewußt und nebenbewußt. 

**, P + aCl l Q1 T\ länge I en ' immer wei ter vorschreitenden Analyse kommt 
der Patient selbst zur Überzeugung, daß er sich gegen die Homo" xuS 
wehren müsse. Er versteht jetzt seinen plötzlichen Entschluß zur Ehe nac £ 

sfoh X™? immer VOrg T en , 0mraen hattö ' ein geselle « bleiben Er hatte 
SSt« Z S V" Labora " ten vei ' öchaut ' der ein hübscher Junge mit 
glatten roten Wangen war. Diesen Menschen beschenkte er reichlich und 
dachte schon daran, ihn ausbilden zu lassen, um einen Freund m ihmTi 
haben. Damals traten die ersten Zwangshandlungen auf. Er heiratete war 

Z BÄ *** 5 atte S" dnige Jahre vollkommen ^he. Z hat e 
das Bild eines anderen Mannes, der früher im Auslande lebte und ietzt 
wieder m seine Heimat zurückgekommen war, seine Ruhe verscheucht Es 
war dies einer seiner Vettern. 

nichf ««SJiw 6 !;* II &iC \ WOran er wahl -Hch seit Jahren 
fügen - L l hat + te ~ d ft nn er wollte mich nicht be- 
lügen daß er mit dem Vetter durch ein ganzes Iihr 
in Verhältnis hatte. Sie schliefen in einer Pension 
1 einem Zimmer. Der Vetter kam immer in sein Bett 

Der Vett rhi L Uen SlCh immer V ° r dera EinVchlafe" 
verlangte mZZ^f-T Mani P ulationen > ^ er von seinen Geliebten 
verlangte. Manuelle Befriedigung. Bei seiner Frau wollte er aber alle Er-' 

££££ Abt tT SeXUa : ität tllS f' Sie S ° Ute -der'iese Fot der 
üeiriedgung üben noch m ihrem Äußeren an einen Mann erinnern Sie 
sollte ihn vor dem homosexuellen Teufel, der in der Onanie SflSfSÄ 

«itJ M S3T- E] L mnerUng . kam noch eine Pülle homosexueller Züge 
£ g J k Sie ,? ier mcht anführen - Schon von der Kindheit an war 
dieser Mann bisexuell eingestellt mit starker Betonung der Ne gung zu 

NaTX SüÄSV"* ate Kh $ n ? d zeigte viele weibliche »ÄSSi 

Nach der Pubertät kam es zur Verdrängung der Homosexualität, die nur 
m der Onanie fortlebte Denn der onanistische Akt geht vor dem Einschlafe» 
vor sich, m einer Art Halbtraum, in dem der Vetter und andere Männer 



Latente Homosexualität, — Masken derjlomosexualität usw. 2 01 

vorkommen. Die latente Homosexualität war die wichtigste Ursache seiner 
JNeurose. 

Der Erfolg der Analyse war ein glänzender. Patient gab die Zwangs- 
handlungen bald auf und konnte ruhig schlafen. Sein Leben regelte sich- 
er war bald kern Don Juan mehr. Er ließ seine Frau jene Manipulationen 
machen, welche für Seinen Orgasmus und für seine Ruhe unentbehrlich sind. 
Ich sehe ihn zeitweise. Er behauptet, noch immer treu zu sein. Die ver^ 
schiedenen haßlichen Szenen haben aufgehört, seit er ihre Quelle kennt. 
Die Homosexualität wird von ihm offen bekämpft, nicht aus moralischen 
Gründen, sondern aus Angst vor dem Gesetz und in dem Wunsche, seiner 
.trau ein ganzer Mann zu sein. 

Alle diese Beobachtungen beweisen uns, daß die Homosexualität 
in der Dynamik der „polygamischen Neurose" eine überragende Be- 
deutung besitzt. Die Beobachtung, daß jede Liebe eine Ichliebe ist 
bestätigt sich aufs neue. Don Juan sucht sich im Weibe und findet 
in ihr jenes Stück Weiblichkeit, das ihn eben zum Don Juan macht.') 

f i P t\l 1&t ^ SChr gefreUt ' iD dm erwähnten Buch * von Oskar A.H.Schmitz 
folgende Stelle zu finden: 

„Casanova wird der Frau alle jene Eigenschaften gönnen, die man aus Un- 
verstand „männlich" nennt, so wie ihm selbst viele weibliche Züge anhaften Die Ein- 
teilung der Menschen in Männer und Frauen ist bequem. Aber wer versucht,' erotischen 
1 roblemen auf den Grund zu kommen, der bedenke, daß es ebenso wenig absolute Männer 
und Frauen g,bt als absolut Jähzornige, Gutmütige, Geizige, Germanen, Semiten 
Das alles smd, gleich den Charakteren des Theophrast, psychische Elemente, die einen 
Namen haben müssen. Aber sie kommen nur in Verbindungen vor, die wir eingangs 
den chem.schen verglichen und entgegenstellten. Ich meine, beobachtet zu haben daß 
Manner von allzu ausgesprochener Virilität nicht besonders anziehend auf Frauen 
wirken, sondern teils erschreckend, teils erheiternd. Umgekehrt hat Verstand und Tapfer- 
keit alle großen Verführerinnen ausgezeichnet - manche sind wahre Amazonen gewesen 
■ und ^wir sehen mit hoher Genugtuung den „crampon" mit dem Anlehnungsinstinkt 
des fcpheus in unserer Zeit aussterben. Auch das Verschwinden Don Juans mag zum 
Teil durch seine allzu aufdringliche Männlichkeit mitbedingt sein. Der Erotiker muß 
eine Reihe weiblicher Eigenschaften besitzen; ja kleine, mehr weibliche Laster wie 
Eitelkeit, Empfindlichkeit, Geschwätzigkeit brauchen keine Hindernisse für seine Erfol-e 
zu sein. Am wenigsten sind sie es Frauen gegenüber, die selbst ziemlich frei von de» 
Untugenden ihres Geschlechtes sind." 

V™° fcke Beobachtung macht dem Autor alle Ehre und zeigt ein Verständnis 
für die Fragen der Erotik, das seiner Zeit weit voraus ist. 



Die Homosexualität. 

in. 

Satyriasis und Nymphomanie. 

Wenn man die letzten Funken einer 
Leidenschaft im Herzen trügt, wird man 
sieh eher einer neuen hingeben, als wenn 
man gänzlich geheilt ist. 

La Rochefoucauld . 

Wir haben aus dem letzten Falle gelernt, wie ein verstecktes 
Sexualziel den Menschen ruhelos macht und ihn trotz häufiger sexueller 
Betätigung immer in sexueller Appetenz, immer hungrig, immer be- 
gehrend läßt. Wie ein Motor treibt der hungrige Trieb den Menschen 
zu allerlei Symbolhandlungen; er jagt ihn auf jede Lu6t, die nicht 
unter der Wirkung der Hemmung steht, und raubt ihm Schlaf und 
Ruhe. Alle diese Symbolhandlungen, das Untersuchen der Türen, das 
Nachsehen unter dem Bette, entstammen der Furcht des Kranken vor 
der Homosexualität. Die Türen seiner Seele müssen fest geschlossen 
werden, damit der gefürchteto Feind nicht eindringen kann. Noch eine 
Reihe von Handlungen vollzog der Kranke, die sinnreich die Inversion 
symbolisieren. Er drehte gewisse Gegenstände, die mehr nach links 
standen, mehr nach rechts. Das pflegte ihn zu beruhigen. Warum tat 
er das? Weil im Bewußtsein die rechte Seite immer das Erlaubte, die 
linke das Verbotene symbolisiert. Er drehte manche Gegenstände um 
und stellte sie auf den Kopf, um zu sehen, ob sie sich so halten und 
behaupten können. Fielen sie um, so war er sehr beunruhigt, standen 
sie fest, so war er zufrieden. Mitunter passierte es ihm, daß eine 
Vase auch umgekehrt stehen konnte. War sie nicht zu erschüttern, so 
war er auch zufrieden. Seine Phantasien spielten mit der Möglichkeit, 
die Sexualität umzukehren. Ging das ohne Gefahr ab, so hieß das 
soviel als: Selbst wenn du homosexuell wirst, mußt du noch nicht 
fallen und bleibst sicher und unerschüttert. Nach einer solchen Symbol- 
handlung trat unerwartet eine Erektion auf und er flüchtete zu seiner 
Frau, der er nur deshalb zürnte, weil sie ihn nicht genügend fesseln 



Satyriasis und Nymphomanie. «OH 

konnte. Solche Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach einer großen 
heterosexuellen Leidenschaft, welche sie das Homosexuelle vergessen 
macht. Meist kommt ihnen die Psyche zu Hilfe und sie finden Frauen, 
welche ihnen so viel Seelisches geben können, daß sie über den Mangel 
der physischen Anziehungskraft hinwegkommen. Sie sublimieren ihre 
Homosexualität, veredeln die ganze Sexualität, durchsetzen sie mit 
geistiger Erotik und helfen sich mit der seelischen Ekstase über die 
mangelnde körperliche hinweg. 

Wo diese Transkription in künstlerische Ekstasen ausbleibt, wo 
die Flamme nur physisch lodern kann, kommt es zu einem permanenten 
Liebeshunger, den wir Satyriasis nennen. Dieser Zustand ist wohl 
zu trennen von dem Priapismus, der nur organische Ursachen hat und 
in einer permanenten Erektion besteht. Der Priapismus wird häufig 
durch Erkrankungen der Corpora cavernosa verursacht, durch Diabetes, 
durch Rückenmarksläsionen, und ist dem Kranken höchst unangenehm. 
Es fehlt eigentlich der Trieb, das gereizte Organ fordert sozusagen 
nichts, es fülüt sich nur krank. Der seelische Antrieb fehlt vollkommen. 
Die Kranken empfinden die Erektion lästig, sie koitieren nur, um die 
Erektion, die schmerzhaft ist, loszuwerden. 'Der an Satyriasis Er- 
krankte dagegen wird immerfort von innen heraus zur Befriedigung 
getrieben und es passiert ihm oft, daß er zu einem Sexualakt nicht 
die Erektion aufbringen kann. Das Drängen ist mehr psychisch. Die 
Satyriasis ist der Versuch, durch organische Ableitung einen psychischen 
Antrieb zu erschöpfen. Eine Überleitung des Priapismus in das 
Seelische, ich meine die Konstruktion einer Neigung auf Grund des 
priapistischen Reizzustandes, ist mir nicht bekannt. 

Die Satyriasis kann verschiedene Ursachen haben. Wir haben ja 
gesehen, daß Menschen mit sadistischen Phantasien, mit nekrophilen 
Tendenzen, mit allerlei infantilen mysophilen Vorstellungen onanieren. 
In allen diesen Fällen kann, wenn die Onanie aufgegeben wird, ein 
Zustand entstehen, der der Satyriasis sehr ähnlich ist. Diese Menschen 
versuchen alle eine Ableitung auf das Normale. Immerhin kann ich 
nach meinen Erfahrungen sagen, daß die eben erwähnten Momente 
hinter der Bedeutung der latenten Homosexualität zurücktreten. Der 
wichtigste und stärkste Motor ist die Homosexualität. Aber ich kenne 
auch einen Homosexuellen, bei dem die latente Hetero Sexualität eine 
ähnliche homosexuell gerichtete Satyriasis hervorgerufen hat. 

Wir wollen uns jetzt mit einem Falle beschäftigen, der uns 
wichtige Aufschlüsse über diese Zusammenhänge geben wird. 

Fall Nr. 29. Herr Alfred V., Privatbeamter, 26 Jahre alt, klagt über 
eine ganze Menge von nervösen Beschwerden. In erster Linie steht seine 






204 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



Unfähigkeit zur Arbeit. Er ist ohne jede Beschäftigung, weil er es in keinem 
Büro aushalten kann. Er kann seine Gedanken nicht konzentrieren, weil 
er immer an Frauenzimmer denken muß. Er erwacht früh morgens und sein 
erster Gedanke ist: Jetzt könnte ich zu einer Dirne gehen. Er überlegt 
und findet, daß es noch viel zu früh ist. Dann geht er in das Cafe und 
versucht die Zeitung zu lesen. Das gelingt ihm nur mit großer Mühe. 
Meistens wird er mit der Zeitung rasch fertig und vertieft sich dann in 
die Annoncen, welche von Anfragen, ehrbaren Annäherungsversuchen, offenen 
und versteckten Anträgen handeln. So vergehen einige Stunden, während 
er auch zum Fenster hinaus sieht und sich die Frauen, die vorübergehen, an- 
sieht. Dann macht er seinen Spaziergang und versucht, Mädchen anzusprechen 
und Bekanntschaften zu machen. Wenn er merkt, „daß sie aufs Geld fliegen", 
so bricht er das Gespräch ab. Denn dann sucht er lieber eine wirkliche 
Dirne, ehe er eine Halbdirne bezahlt. Manchmal gelingt es ihm, ein Mädchen 
zu finden, das auf seine Intentionen eingeht. Dann geht er schon am Vor- 
mittag ins Hotel. Für eine "Weile ist er dann ruhig und er hat das Gefühl, 
daß er jetzt eine oder einige Stunden arbeiten könnte. Bald aber packt ihn 
wieder das Verlangen, das immer zuerst ein rein seelischer Antrieb ist. E s 
ist nicht die Erektion, die ihn zu einer Dirne treibt, 
sondern das Verlangen und die Unruhe. Erst bei der Puella 
kommt es zu einer Erektion. Seine Potenz ist dann sehr verschieden. Manch- 
mal ist er sehr rasch fertig, ein anderes Mal braucht er eine halbe Stunde, 
um die Ejakulation und den Orgasmus zu erzwingen. Das dritte Mal kann 
er mehrere Male hintereinander verkehren, während er bisweilen schon nach 
dem ersten Male für einige Stunden beruhigt ist. 

Der Zustand wird von ihm als qualvoll und unangenehm empfunden. 
Er möchte 'sich auch, wie andere Menschen, um Kunst und Wissenschaft 
bekümmern, möchte auch einmal ein vernünftiges Gespräch führen können. 
Er kann aber nur über „Schweinereien" sprechen. Je toller und zynischer, 
desto besser. Er hat das Bedürfnis, besonders mit Dirnen, die ordinärsten 
Ausdrücke zu gebrauchen, was ihm ein großes Lustgefühl bereitet. Er leidet 
auch an Zornanfällen, in denen er fast die Besinnung verliert. Wenn ihm 
etwas nicht nach Wunsch geht, wird er leicht wütend. Er kann in solchen 
Zuständen Gegenstände zerbrechen (z. B. einem Sessel die Füße ausbrechen), 
Sachen zum Fenster hinausschleudern, gleichgültig, ob Leute getroffen 
werden können oder nicht, er kann der Wirtin die größten Grobheiten sagen. 
Er hatte schon unzählige Konflikte und Streitigkeiten, weil er sich nicht 
das geringste gefallen läßt. Er war einige Monate auf einem guten Posten 
und mußte weggehen, weil er dem Chef Grobheiten sagte. Er war immer 
wütend, wenn er zuviel Arbeit bekam. Arbeit ist sein rotes Tuch. Er fand 
auf seinem Schreibtische 20 Briefe, die er erledigen sollte. Statt zu arbeiten, 
begann er zu fluchen. Was sich die Leute dächten? Wie könnte das ein 
Mensch leisten? Das wäre eine Frechheit! usw. ... So vergingen einige 
Stunden, ehe er überhaupt zu arbeiten anfing. Dann ging es sehr flink und 
er war immer rascher fertig als alle anderen im Büro. Er wunderte sich, 
daß er nicht längst hinausgeworfen wurde. Sein Chef hatte eine Engels- 
geduld. Schließlich riß auch diesem guten Menschen die Geduld und er 
kündigte ihm. Seit damals konnte er auf keinem Posten bleiben. Er hielt 
nur einige Tage aus, obwohl die Vorgesetzten zufrieden waren. Denn bald 
suchte er Händel und war rasch wieder draußen. 












Satyiiasis und Nymphomanie. <r>,y 

Er schildert mir eingehend sein Sexualleben. Wichtig ist aber 
seine Behauptung, daß er nie etwas mit Homosexuellen 
zu tun hatte; daß er wohl wisse, daß es Homosexuelle 
gebe. iJas waren Schweine, vor denen er einen unaus- 
sprechlichen Ekel habe . 

Nun lassen wir Alfred das Wort. In der Darstellung seines Lebens 
terisTercn VerSChiedene Bemerkun gen, welche den ganzen Menschen charak- 

n^n Ä ha '°! die Erinneru n n g an mei ™ erste Kindheit ganz verloren. Ich 
weiß nicht mehr, was vorgefallen ist, und entsinne mich erst der Zeit, da 

norvnf 011 ? ft f?°£ ^ - ^t™* *»' daß meine Elte ™ *»ide sehr 
S*2t, 1Ä ? m daS , T Zlge K lf meiner Eltern - Eine » B ^der verlor 
n Ä I n,h v Un + ter m,r ^bekannten Umständen. In meiner Familie, besonders 

J n ' Slnd mehrere Fäl]e VOn Wah "sinn vorgekommen. 

Meine Gcschlechtslust meldete sich schon in sehr frühem Alter Ich 

Sto g£Ä* SCh °f T" Si f ben J ,f hren V ° r meinem Vatef sdmmlos 
mit dem Ghede spielte, weil ich nicht wußte, daß es etwas Böses war Der 

Vater schrie mich an und verbot mir das. Das hatte aber trotz seiner 
Z SnTI n T^i F ^ lge ' da ? ich heimlich fortsetzte > was ^h vorher oZ 
ArSÄin H« ^'l Um i die ? dt beg f mien melne Aufm erksamkeit und 
elnf svltpLLi n abzunebmen - Aus den Spielen wurde aber bald 

tZen^tZ% ?T me ' dle 1Ch °£ ne Maß betrieb - Mit zehn Jahi^n 
Hatten wn in der Schule einen ganzen Onaniebund und trieben allerlei Din-e 

zusammen. Es blieb nicht allein bei der manuellen Befriedigung - - - 
Zu dieser Zeit hatte ich furchtbare nächtliche Träume. Ich sah wilde 

iZl T de vo V h f en 1 überfallen und S ebissen > ^h wurde von fremden 
Männern erschossen, Einbrecher stürzten sich auf mich, Räuber wollten mich 
entfuhren, mein Vater stieß oft in Träumen mit einem großen langen Stocke 
t S^ x e ' Se nachtllcllen Träume erregten mich außerordentlich, ich las 
jede Wacht wie im Fieber und war ganz in Schweiß gebadet. 

Am Morgen war ich wie gerädert. Ich starrte in der Schule vor mich hin 
und hielt mimer die Hand am Penis, ja, ich onanierte oft während der Stunde 
Die Arbeitslust und die Fähigkeit, aufzupassen und mitzuarbeiten, wurden 
immer geringer. Ich machte allerlei Versuche, mich zur Arbeit zu zwinge' 
oder ach suchte alle möglichen Schwindeleien, um der Arbeit zu entgehen' 
Eine eigentümliche Erscheinung war schon damal ' 

gut austiel. Ich lernte nicht ungern, aber nur das was 

L"h mich ak !n C at U fr T **«'«•*««•»■ WM *« So intereJe^ 
ich mich als Knabe für Mineralogie, Astronomie und Botanik und erwarb 
sehr große Kenntnisse m diesen Fächern. Nie hätte ich den hunder™, 
Teil dieser Wissenschaften lernen können, wenn ich sie als Schulaufgab 
bekommen hatte ... Alles, was mir Pflicht war, schien mir unerträglich 
Die Arbeit war eine schwere und immer unangenehme Pflicht. So machte 
ich in der Schule schlechte Fortschritte. Nur mit Hilfe von Hauslehrern und 
durcb Pr ° tekt !° n eri ' eicllt e ich schließlich das „Einjährige". (Das Recht, als 
Einjahrigfreiwilhger zu dienen.) Und das erst im l6tzten Moment mit 
20 Jahren, wie ich Gefahr lief, drei Jahre dienen zu müssen. In einigen 
Wochen lernte ich den ganzen Stoff, weil ich wußte, daß es mir sonst schlecht 
ergehen würde. Ich kannte sonst keinen Mittelweg, nur die Extreme Ich 






206 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

konnte fünf Stunden ohne Unterbrechung über meinen astronomischen Büchern 
6itzen, mich mit meinen Pflanzen und Steinen beschäftigen, und wenn ich 
eine halbe Stunde für die Schule arbeitete, wurde ich wütend und zerriß 
das Heft. 

Ich habe kein gutes Gedächtnis für das Vergangene. Einzelne Dinge 
behalte ich aber sehr gut. So habe ich an eine Reise in Thüringen, die ich 
im zehnten Jahre mit meinem Oheim machte, gar keine Erinnerung. Ich 
lebte diese Reise wie im Traum. Ich machte diese Reise ein zweites Mal 
und da erinnerte ich mich nur an einer Stelle, daß ich 
schon einmal da war. Das war ein Stein, über den ich 
das erstemal stolperte und dann hinfiel. 

Ich wurde als Knabe für meine Faulheit oft gestraft und sogar ver- 
prügelt, wenn ich trotzig war. Ich kam mir ungerecht behandelt vor und 
betrachtete meine Faulheit als eine Eigenschaft, für die ich nichts konnte. 
Ich war immer unruhig, immer launisch, oft übertrieben lustig und dann 
wieder sehr deprimiert. 

Die Onanie betrieb ich ohne Maß. Ich onanierte täglich — selten, daß 
ein Tag ausfiel, manchmal sogar mehrere Maleim Tag — bis zum 21. Lebens- 
jahre, wo ich das erstemal eine Dirne aufsuchte. Da beschloß ich, die Onanie 
aufzugehen, und schlug plötzlich um. Ich verkehrte am Anfang nur normal 
und hatte großen Genuß. Nur daß ich sehr oft verkehren mußte, weil es 
mir sonst sehr schlecht mit den Nerven ging. Beim Militär fühlte ich mich 
ausgezeichnet. Ich konnte alle körperlichen Strapazen vertragen und war 
sehr stolz in meiner Uniform. Da ich sehr hoch und sehr stark bin, so fiel 
ich allgemein in meiner Gardeuniform auf und alle Mädels blickten mir 
nach, was mich nicht wenig stolz machte. Doch onanierte ich damals noch 
und hielt mich vom Verkehr zurück. Beim Militär war ich oft nervös, wenn 
ich einen Befehl ausführen mußte oder lange auf einem Posten stand. Ich 
drückte mich, wo ich konnte, und schließlich benützte ich den Schlag eines 
Pferdes, um frei zu werden und noch eine Zeitlang eine Unfallsrente zu 
erhalten. 

Wenn ich imstande bin, einen anderen zu übervorteilen, und besonders 
eine Autorität, so macht mir das ein unbändiges Vergnügen. 

Ich kam nach dem Militär in eine Stellung. Da ich täglich mit Frauen 
verkehrte, so war ich immerhin leidlich arbeitsfähig. Ich vertrug nur nicht, 
wenn ich zwei Arbeiten auf einmal bekam. Ich mußte immer eine Arbeit 
nach der anderen machen. Aber ich hielt mich immerhin leidlich, wechselte 
meine Stellen, weil ich mit meinen Vorgesetzten immer Krach hatte und 
auch der schweren Arbeit immer auswich. Dann kam ich nach Wien in eine 
Stellung, wo ich mich etwas länger hielt. Das Geschäft interessierte mich, 
weil es sieh um einen Artikel handelte, mit dem ich mich gern beschäftigte. 
Hier begann ich unruhig zu werden und diese Unruhe wuchs, als wir nach 
Berlin übersiedelten. Ich fand keine Befriedigung mehr im 
normalen Verkehre. Ich lernte eine Französin kennen, 
die meine Geliebte wurde und mit der ich alle nur möglichen Perversitäten 
trieb. Ich wurde immer mehr arbeitsunfähig, stierte oft stundenlang auf die 
Arbeit. Ich weiß nicht, ob das von der Berliner Luft kommt, die ich nicht 
vertrage, oder von einem Sturze, den ich auf der Eisenbahn mitmachte. 
Ich gab die Stelle auf, d. h. mein Chef riet mir selber, die Stelle aufzugeben, 



Satyriasis und Nymphomanie. 207 

obwohl ich einen großen Vertrauensposten hatte, auf den ich sehr stolz war, 
da mein Vater für mich eine große Kaution erlegte. Aber ich wurde immer 
erregter, es trieb mich immer mehr und mehr zu den Weibern. Ich hatte 
nichts anderes mehr im Kopfe und zermarterte mein Hirn, um neue, noch 
nicht dagewesene Perversitäten zu ersinnen und zu probieren. Ich ließ mir 
auch podicem lambere, was mir zeitweilig großen Genuß bereitete, aber mich 
nur für einige Stunden beruhigte. Dann jagte ich wieder auf die Friedrichs- 
Straße und suchte andere Mädchen, die mir neben meiner Geliebten reichlich 
zur Verfügung standen. Ich brauchte für diese Abenteuer sehr viel Geld, 
das ich- mir damals zum Teil noch verdienen konnte. Es war mir immer 
ein angenehmer Gedanke, zu wissen, daß der Vater meine Ver- 
gnügungen bezahlen mußte. 

Meine Aufregung erreichte aber den Höhepunkt, als mein Vater mich 
in Berlin besuchte und in Charlottenburg wohnte. Ich hatte eine förmliche 
Angst, ihn zu sehen, und so kam es, daß er meist allein war und mich 
nicht zu Gesichte bekam. Er bewog mich nun, einen Professor aufzusuchen, 
der mich in ein Sanatorium steckte. Ich wurde dort viel ruhiger, aber das 
war nur äußerlich. Innerlich tobte der Kampf. Der Arzt verlangte, ich 
solle jetzt für eine Weile die Frauen aufgeben, ich sei überreizt und ruiniere 
mich dadurch. So lebte ich einige Wochen abstinent, aber in jeder Nacht 
verwirrten sich meine Gedanken und ich fürchtete direkt, den Verstand zu 
verlieren. Da griff ich zu meinem alten Mittel, zur Onanie. Und das, obwohl 
der Arzt und der Professor sagten, mein Leiden sei die Folge der unmäßigen 
Onanie. Ich war nun in schweren Konflikten, merkte aber deutlich die Ruhe, 
die nach dem Onanieren auftrat. Allerdings wurde ich in den drei Monaten 
Sanatoriumsbehandlung nicht arbeitsfähig. Ich werde sofort schwermütig 
und das Leben verliert seinen Reiz, ,wenn ich arbeiten muß. Schon in den 
ersten Minuten drängt sich mir der Gedanke an ein Weib auf und ich muß 
schließlich unterbrechen und auf die Gasse eilen. Aus dem Sanatorium kam 
ich direkt nach Wien zurück, wo der alte Jammer anfing. Ich suchte Ärzte 
auf und erhielt Brom die schwere Menge. Alle Medizinen und auch die vielen 
Kaltwasserkuren halfen mir gar nichts. Nur wenn ich in einer Nacht dreimal 
mit Genuß verkehren kann, habe ich am nächsten Tage etwas Ruhe. Ich 
bin dann für eine kleine Weile entschlußfällig und kann ein bißchen arbeiten. 
Schon am nächsten Tage, meist 6chon am Morgen, tritt wieder der Drang 
nach Frauen ein und der enorme Reizzustand, der mich ganz rasend macht. 
Ich werde wütend und schwermütig. Nach einem Koitus, der mich nicht 
befriedigt, geht es mir am schlechtesten. Da bin ich sehr gereizt und 
möchte gleich wieder ein Weib besitzen, das mich besser befriedigt. Manch- 
mal sehne ich mich nach der echten Liebe und der Gesellschaft eines lieben 
Wesens. Ich fühle dann das Grauen der Einsamkeit, die mich erdrosselt. 
Ich schreie förmlich nach Luft und laufe wieder auf die Straße, wo mir die 
Genüsse winken. Es ist mir so, als ob ein anderer in mir 
sitzen und mich so von Genuß zu Genuß jagen würde. 
Ich fühle alles Edle in mir; allein der andere zwingt mich, ein böser Mensch 
zu sein. 

Ich komme mir vor, wie ein Mensch, der einen unstillbaren Hunger 
hat. Oft habe ich an den armen Prometheus gedacht, der ewig dürsten und 
hungern muß. So tobt in mir ein unstillbarer Hunger nach Liebe und 
Liebesgenuß und ich habe keinen anderen Gedanken, als diesen Hungor 



208 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



irgendwie zu stillen. Ich komme mir vor wie eine Maschine, die nur dazu 
da ist, um dem Penis Lust zuzuführen. 

Ich habe mir oft vorgenommen, mich zu ändern. Aber ich kann über- 
haupt keinen Entschluß ausführen, nichts unternehmen. Ich kann nur Frauen 
aufsuchen! Ich kann nur noch koitieren, alle anderen Fähigkeiten sind in 
mir erloschen. Alles in mir ist schwankend und unsicher. Heute fühle ich 
eine gewisse Frömmigkeit, morgen mache ich mich über Pfaffen und Kirche 
lustig. Heute entschließe ich mich, etwas Neues zu lernen oder eine Stelle 
anzunehmen, morgen habe ich schon einen anderen Entschluß. Ich will 
mir einen neuen Hut kaufen. Ich nehme mir vor, ich werde heute in ein 
bestimmtes Geschäft gehen. Ich gehe hin und bleibe vor der Auslage stehen 
und kann mich nicht entschließen. Nein, sage ich, ich werde mir jetzt doch 
keinen neuen Hut kaufen. Und dazwischen immer die Gedanken an die 
Weiber, die mich nicht eine Sekunde in Ruhe lassen! Ich renne die Gassen 
hinauf und hinunter und sehe mir hunderte Dirnen an, ehe ich mich ent- 
schließe, mit einer zu gehen. 

Ich mache keine Unterschiede zwischen Alten und Jungen, zwischen 
Häßlichen und Schönen. Ich überlege lange und dann falle ich auf die erste 
beste hinein. Wenn ich nur nachher beruhigt wäre! Das dauert manchmal 
eine Stunde, manchmal im besten Fall einen Tag, dann muß ich schon wieder 
laufen und suchen. Ich brauche manchmal drei Frauenzimmer an einem Tage. 

Meine schlechteste Zeit war die, da ich einen Tripper hatte (der noch 
nicht ganz geheilt ist). Ich sollte da einige Zeit nicht verkehren. Ich konnte 
aber dem Doktor nicht gehorchen, weil ich fühlte, daß ich sonst zugrunde 
gehen würde. Ich verkehrte ruhig weiter und freute mich innerlich, daß so 
viele andere auch werden leiden müssen, wie ich gelitten habe. Dann empfinde 
ich wieder Reue über meine Schlechtigkeit, komme mir ganz verworfen vor, 
wie ein Verbrecher und nehme mir vor, mich zu bessern. Ich bin dann tief 
traurig und habe einige Stunden Ruhe von den erotischen Gedanken. Dann 
fangen sie aber wieder. an und geben mir keine Ruhe bei Tag und bei Nacht." 

Wir haben das erschütternde Geständnis dieses armen Kranken gehört. 
Seine Jagd nach der Wollust hat die Tragik, die der Dichter so treffend 
charakterisiert: „Und im Genuß verschmacht' ich nach Begierde." Seine 
tiefen Verstimmungen zeigen uns, daß die Krankheit einer Krise zustrebt. 
Denn die Verstimmungen werden häufiger und die Möglichkeiten der Be- 
friedigung immer seltener. Deshalb suchte er auch den Arzt auf. Er fühlt, 
daß es so nicht weiter gehen kann. Er kann und will nicht länger so leben. 
Er möchte arbeiten können wie andere Menschen und auch andere Gedankea 
fassen können, als die sexuellen. 

In dem Berichte des Patienten fallen uns zwei Vorfälle auf. Erstens 
der von ihm betonte Umstand, daß er die erste Reise in Thüringen voll- 
kommen vergessen hat — bis auf die kleine Begebenheit vom Sturze — und 
der Umstand, daß sich in Berlin seine Neurose so verschlimmert hatte, da 
er schon auf dem Wege war, gesund zu werden. Wir sehen, er gab die 
Onanie aus eigenem Antrieb auf, versuchte sie durch den Verkehr mit Frauen 
zu ersetzen, wurde etwas arbeitsfähig, hatte eine Vertrauensstelle, wurde 
ihr trotz aller Störungen nach dem Ausspruche seiner Vorgesetzten ge- 
recht . . und dann tritt allmählich eine arge Verschlimmerung seines 



Satyriasis und Nymphomanie. OQ9 

Leidens ein. In Berlin muß irgend ein Ereignis oder ein starker Eindruck 
diese Wandlung zum Bösen hervorgerufen haben. 

Hervorzuheben ist, daß der Patient bestreitet, jemals homosexuelle 
Akte getrieben zu haben. Er habe vor „solchen Menschen" einen furchtbaren 
Ekel. Die Szenen aus der Kindheit, die zählten doch nichts! Das machten 
ja a 1 1 e Jungens und da müßten aus allen Jungens Homosexuelle geworden 
sein. Sie sind alle verheiratet und leben meist sehr glücklich in ihrer Ehe. 
„Ich habe nur — sagt er — einen entsetzlichen Hunger nach Weibern. 
Die Männer existieren für mich nicht." 

In der ersten Nacht träumt er: 

Ich sehe ein wildbewegtes Meer vor mir. Die Wogen sind in 
ständiger Erregung. Ich denke mir: Es wäre schade, wenn diese Be- 
wegung aufhören würde. Ein Schiff fährt ab, und auf diesem Schiffe 
hegt alles, was ich liebe. Ich glaube, meine Mutter ist auch auf dem 
Schiffe. Eine Musikkapelle spielt auf dem Bord: Ach wie ist's möglich 
dann, daß ich dich lassen kann. Ich erwache sehr traurig und miß- 
gestimmt. 

Solch ein erster Traum ist oin Widerstandstraum und bedeutet daß 
der Kranke nicht gesund werden will. Seine Seele ist ein Meer, das in 
standiger Erregung ist. „Ich denke, es ist schade, daß das aufhören soll" 
bedeutet: ich will gar nicht ruhig werden. Das Schiff symbolisiert die 
Krankheit, die Neurose. Dieses Leiden umfaßt alles, was er liebte, auch 
seine Mutter. Und das alles soll er verlieren? Es ist unmöglich. Er kann 
auf seine infantile Sexualität nicht verzichten. Er will. ein Kind bleiben 
und will krank sein. 

So vollzieht sich die Analyse unter sehr großen Widerständen, aber sie 
kommt sehr rasch vorwärts. Ich will die Resultate zusammenfassen und 
mich auf die wichtigsten Punkte beschränken. 

Über sein Sexualleben wird immer mehr Licht gebreitet. Es kommt 
zutage, daß er in seinem Berichte eine wichtige Form der Lustgewinnung 
verschwiegen hatte, weil er sich schämte. Er fröhnt einer sehr kuriosen 
Form infantiler Sexualität. Sie muß ziemlich verbreitet sein, ich habe sie 
aber in dieser Form nur zweimal getroffen. 

Alle zwei Wochen muß er folgendes machen: Er legt sich in 
den Unterkleidern ins Bett und läßt seinen Stuhl. 
Dann bleibt er im Stuhle noch einige Stunden liegen. 
Nach dieser Prozedur gibt er sich große Mühe, alle Spuren zu verwischen. 
Er wascht die Hosen und das Hemd, eventuell verbrennt er sie. Auch im 
Bade, in dem er immer sexuell sehr erregt ist, kommt es zu ähnlichen 
Szenen. Im Bade zieht er die Prozedur vor, weil er sich dort reinigen kann. 
Er nimmt dann ein Paket mit reiner Wäsche mit. Im öffentlichen Badhaus 
steht in jeder Kabine eine Ottomane. Auf diese legt er sich zuerst und 
läßt den Stuhl. So bleibt er unter. großer Lust liegen, onaniert dabei oder 
es kommt spontan zur Ejakulation. Dann badet er, um rein zu werden, 
. packt die schmutzige Wäsche zusammen und wirft sie dann in einen Fluß 
oder anderswohin, wo sie schnell verschwinden kann. 

In dieser Szene spielt er das Kind, das in den Windeln liegt. Er preßt 
auch die Decke so fest zusammen, daß er sich nicht rühren kann, als wäre 

Stekel, Störungen des Trieb- und Äffektloben6. IT. 2. Aufl. ,, 



210 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

er angebunden. Er wiederholt infantile Szenen des Reinigens durch die 
Mutter, wobei er in seiner Phantasie zugleich Mutter und Kind spielt. 

Gegen diese sonderbare Paraphilie kämpft er mit aller Macht und 
muß ihr doch immer wieder erliegen. Die längste Pause war bisher vier 
Wochen. Nach dieser „Schmutzorgie" — wie er das bezeichnet — ist er 
sehr deprimiert und schämt sich vor sich selbst. Er hatte noch keinem 
Menschen darüber Erwähnung getan und selbst im Sanatorium wußte es 
der Arzt nicht. Im Sanatorium kam es auch einige Male vor, aber nur in 
seinem Zimmer, weil die Bäder nicht separiert waren. Bei Besprechung des 
sexuellen Infantilismus werden wir einige ähnliche Fälle kennen lernen. 

Sein Verhältnis zur Mutter ist sehr wechselnd, aber nie so affekt- 
betont, wie das zum Vater. Mit der Mutter kann er ruhige und mitunter 
liebenswürdige Briefe wechseln, mit dem Vater nie. Zur Mutter empfindet 
er eine gewisse Zuneigung. "Wie er schon als Kind vor dem Vater offen 
onanierte, so macht er auch jetzt vor mir aus seinem Sexualleben kein 
Geheimnis. Er spricht über alles hemmungslos. Er habe seine Mutter in 
der Kindheit sehr begehrt und sich oft gewünscht, er könnte sie besitzen. 
Jetzt sei seine Mutter eine alte Frau, die teilweise gelähmt sei. Trotzdem 
habe er bei seinem letzten Aufenthalte bemerkt, daß sie noch schön sei und 
er war wiederholt in Versuchung, sich auf sie zu stürzen. In solchen Zeiten 
pflegte er sie 'sehr schroff und höhnisch zu behandeln und sich über sie und 
ihr Alter lustig zu machen. Er fing schon wiederholt mit alten Frauen an. 
Im letzten Quartier war eine ältere Frau, die schon viele Runzeln hatte, 
mit der er sieh einließ und ein Verhältnis hatte, das nur sehr kurze Zeit 
dauerte, weil er plötzlich Streit suchte und auszog. Das ist überhaupt die 
Art, wie er mit allen Menschen auseinanderkommt. Er gerät wegen Kleinig- 
keiten in Streit, ist dann sehr aufgeregt und macht einen fürchterlichen 
Spektakel. Dann ist er mit den Menschen fertig. 

Wir werden dann sehen, daß das die Art ist, wie er sich 
gegen Versuchungen schützt. Er streitet nur mit 
Menschen, denen er gut ist und die eine Beziehung zu 
seinen sexuellen Phantasien haben. So kommt er auch von 
seiner Mutter los und verläßt sie meist nach einem großen Streit. Deshalb 
lassen ihn seine Eltern, obgleich sie mit großer Liebe an ihm hängen, 
immer in der Fremde weilen. Seine Briefe sind ja auch aufregend, aber 
noch viel besser zu vertragen als die Szenen im Hause. 

Viel schlimmer steht es mit dem Verhältnis zu 'seinem Vater. Er 
spricht leicht sehr böse über seinen Vater: Ausdrücke, wie „der alte Schuft", 
„der alte Gauner", „Er soll mich gern haben", sind an der Tagesordnung. 
Er weiß keinen Grund anzugeben, weshalb er seinem Vater so zürnt. Das 
heißt, er hat tausend Gründe, aber sie sind alle nicht stichhältig. Der 
Vater habe ihn falsch erzogen; der Vater sei an seiner Krankheit schuld; 
der Vater sei enorm reich und sage immer, er habe gar nichts; der Vater 
lebe nur für die Mutter und habe für ihn gar nichts übrig. Er will sich 
selbständig machen und vom Vater für diesen Zweck Geld verlangen. Schon 
bei dem Gedanken, der Vater könnte ihm das Geld abschlagen, gerät er in 
Raserei. „Ich fahre hin und erschlage ihn und schieße mich dann nieder." 
Solche Mordphantasien gegen den Vater kehren gar nicht selten wieder. 

Wie nahe steht der Neurotiker dem Verbrecher! Er hat allerlei Be- ■ 
schuldigungen gegen den Vater auf Lager, die weit über das Normale hinaus- 



/ 



'" Satyriasis und Nymphomanie. 91 1 

gehen. Eines Tages kommt er und sagt, er wisse nun nach einer schlaflosen 
Nacht die* Ursache seiner Krankheit: Der Vater habe seinen Bruder er- 
mordet. Der Bruder wäre hoffnungslos krank und dem Vater schon lange 
lästig gewesen. Er wisse es ganz bestimmt und wolle nach Hause fahren 
und es dem Vater sagen und das ganze Erbteil vom Vater verlangen. Schon 
als Knabe war es ihm klar, daß der Vater seinen Bruder umgebracht hatte. 
Der Vater sprach immer so verlegen von diesem Kinde und wich immer aus, 
wenn er auf den Bruder zu sprechen kam. 

Er beurteilt den Vater nach seinem Innern. In ihm lebt die Seele 
eines Mörders, wie ja alle seine Triebe eine pathologische Stärke zeigen. 
Diese Verdächtigung des Vaters ist psychologisch dadurch begründet, daß 
er in seiner Jugend dem Bruder den Tod wünschte, weil er keinen Konkurrenten 
im Elteinhause haben wollte und er immer daran dachte, daß das reiche 
Erbe des Vaters werde geteilt werden müssen. Er war aber kein Mensch, 
der teilen konnte. Alles wollte er für sich allein haben. Er wollte seinen 
Bruder ermorden und hatte ganz abenteuerliche Pläne in seiner Phantasie 
ausgearbeitet. Jetzt schob er diese Phantasie auf den Vater, während er 
für sich ein edles Trauer- und Reuemotiv konstruierte, wenn das Thema 
Bruder angeschlagen wird. Er ist unglücklich, daß er keinen Bruder hat, 
der Vater hätte ihn seines Liebsten beraubt. Wenn der Bruder leben würde, 
wäre er nicht krank, nur das Mitwifesen um das Verbrechen des Vaters habe 
ihn so krank gemacht. Der Vater gelte als hochanständiger Mensch und habe 
in seiner Heimat alle kommunalen Würden, er sei Bürgermeister und selbst 
vom Kaiser ausgezeichnet worden, er könnte ihn aber doch ins Kriminal 
bringen, wenn er wollte. Er ist von Neid erfüllt, daß der Vater es so weit 
gebracht hat; die eigene Unfähigkeit wird am liebsten mit der Krankheit 
entschuldigt. 

Es dauert lange, bis hinter dieser dicken Schichte von Haß und Neid 
die ursprüngliche Liebe zum Vater zum Vorschein kommt. Der Analytiker 
merkt, daß sein Leiden mit einer bestimmten Einstellung zum Vater zu- 
sammenhängt. Doch diese Auflösungen gehen allmählich und langsam vor 
sich und Aufklärungen, für die der Kranke noch nicht reif ist, können mehr 
schaden als nützen. Die Kunst der Analyse ist es, die Erkenntnisse mit- 
zuteilen, die entsprechend vorbereitet sind. So ist unser Kranker noch nicht 
reif für die Erkenntnis, daß er seinen Vater liebt. Immerhin beginnt er 
langsam von den Vorzügen seines Vaters zu erzählen, von seinem großen 
Ansehen, das er genieße, von seinem Wissen, von seiner großen Bibliothek. 
Immer schöner tritt das Bild des Vaters hervor. Er erzählt Szenen 
aus der Jugend, da der Vater mit ihm botanisierte und ihn in diese Wissen- 
schaft einweihte, er korrigiert seine Mordphantasien und gibt zu, daß alles 
nur in seiner überhitzten Phantasie - besteht. In diesem Stadium, in dem 
er in mir deutlich den Vater sieht, beginnt er auch gegen mich aggressiv 
zu werden und gebraucht ein Wort, das eine Beleidigung enthält. Ich habe 
ihm schon klar gemacht, daß er in mir den Vater sieht. Nun will er mich 
behandeln wie den Vater. Ich breche sofort die Behandlung ab. Nach drei 
Tagen kommt er reuig und ganz gebrochen zurück und bittet um Verzeihung. 
Es werde nicht mehr vorkommen, ich solle ihn doch nicht im Stiche lassen, 
er könne nicht so krank bleiben und fühle, daß ich ihn retten werde. Dies 
war der einzige Konflikt, den ich mit ihm hatte, und seit damals benahm 
er sich tadellos und hängt noch heute in großer Anerkennung und Dankbar- 

14* 



212 Zweiter Teil. Die Homosexualität 

keit an mir. Jetzt war er reif, zu lernen, wie stark seine verdrängte Homo- 
sexualität seine Beziehungen zu den Vorgesetzten, zum Vater und zu mir 
beeinflußt. Das sieht er nun alles ein. Er gesteht, daß er sich in. den letzten 
Chef verliebt habe und deshalb aus dem Geschäfte mußte. Er teilt mir 
einen Traum mit, den er verschwiegen hatte, in dem er mit mir homo- 
sexuelle Beziehungen hatte, und er gesteht, daß er sich für seinen Vater 
in der Kindheit sehr begeisterte und ihn leidenschaftlich liebte. 

Aber noch mehr erfahren wir. Wir lernen, wie die Verschlimmerung 
in Berlin zustande gekommen. In seinem' Quartier befand sich ein reizender 
Junge von 14 Jahren, den er zur Nachhilfe unterrichtete. Mit diesem 
Jungen begann er zu spielen. Er masturbierte ihn und 
ließ sich von ihm mast'urbieren. Das Verhältnis dauerte un- 
gefähr drei Monate. Es waren die ersten drei Monate seines Berliner Auf- 
enthaltes. Dann hatte er Reue, suchte mit der Hausfrau einen Streit und 
zog aus. Von diesem Moment aber trat der Drang nach den Frauen auf. 
Es war seine letzte homosexuelle Periode. Vor diesem Knaben hatte er 
schon andere Knaben verführt und sie immer willig zu diesen Akten ge- 
funden. Ein öffentlicher Prozeß, in dem der Täter wegen des gleichen 
Deliktes bestraft wurde, weckte in ihm den Entschluß, die homosexuellen 
Beziehungen aufzugeben. Es sei auch seit der Berliner Episode nichts mehr 
vorgekommen. 

Die Satyriasis entstand durch die Verdrängung 
der homosexuellen Triebrichtung. Hinter dem leiden- 
schaftlichen Trieb zum Weibe steckt der unbefriedigte 
Trieb zum Manne. 

Nun wird dem Patienten klar, daß er mit den Knaben die Szene spielte, 
die er von seinem Vater erwartete. Sein Haß gegen den Vater ist verschmähte 
Liebe. Wir werden in dem Kapitel, das vom Sadismus handelt, diese Ein- 
stellung der Söhne zum Vater noch einmal besprechen. Unser Patient er- 
wartete, der Vater werde das mit ihm machen, was er mit den Jungen machte. 
Wir sehen auch, was auf die ersten Angaben der Patienten zu geben ist. 
Allmählich kommen immer mehr solcher Kinderszenen zum Vorschein, und 
bald wissen wir, daß es früher seine größte Sorge war, sich einen schönen 
Jungen zu verschaffen und daß ihn Jungens mehr reizen als Mädchen. Er 
will bei den Mädchen seinen Drang zu den Jungens vergessen und hofft, 
durch eine vermehrte heterosexuelle Betätigung die homosexuelle überflüssig 
zu machen, Sein Drang nach Weibern, sein ewiges Denken an die Weiber 
dient nur dazu, den Gedanken an den Mann nicht aufkommen zu lassen. 
Zwangsgedanken dienen oft dazu, andere Gedanken nicht aufkommen zu 
lassen. Es ist das Gesetz der Ablenkung, das im psychischen Leben des 
Neurotikers eine bedeutsame Rolle spielt. 

Nun überträgt er in der Behandlung — wie vorauszusehen — alle 
Leidenschaften auf mich. Er hat Träume, die er sehr ungern erzählt, in 
denen er mich nackt sieht und meinen Penis in die Hand nimmt oder gar 
Fellatio macht. Er erinnert sich jetzt, wie leidenschaftlich er den Vater 
beobachtete, wie gern er mit ihm badete und wie er sich gern versteckte, 
um den Phallus des Vaters zu sehen. Die Auflösung dieser Übertragung 
und die Rückführung auf seinen Vater will ihm anfangs nicht gefallen, wird 
aber -immer deutlicher. Er ist oft bis zu einer Woche abstinent und hört 
nun auf, zu Dirnen zu laufen, ohne daß/ ich es ihm verboten hätte. Die 



l 



Satvriasis und Nymphomanie. 91g 

erwachende zurückgestaute Homosexualität hat diesen Umweg nicht mehr 
nötig. Sie zeigt sich offen und wird offen überwunden. Er erkrankt wieder 
an Angstzuständen. Seine Wirtin erzählt, daß er bei Nacht 'stöhnt und 
ächzt und auch schreit. Er träumt von wilden Männern und Einbrechern. 
Er wird sentimental und sanft und verändert sich sehr zu seinem Vorteile. 
Er sucht nirgends Händel und beginnt wieder ins Theater zu gehen und 
Bücher zu lesen, was er schon Jahre nicht mehr machte. Seine Briefe an 
den Vater werden ruhiger und vernünftiger. Er wird sparsam und braucht 
weniger Geld, als der Vater ihm schickt. 

Da passiert ihm etwas, was sein Leben auf eine neue Bahn bringen 
sollte. Es ist das typische Erlebnis dieser Menschen, die in Behandlung 
stehen. Sie losen sich aus den infantilen Banden und verlieben sich während 
der Analyse. 1 ) 

Auch unser Patient war in höchster Liebesbereitschaft. Seine Homo- 
sexualität, die ganz verdrängt war — er dachte nie mehr an Jungens — , war 
wieder manifest geworden. Er spielte nun seinen höchsten Trumpf aus. Er 
verliebte sich in ein Mädchen, das ihm alle anderen Frauen und auch den 
Mann ersetzen sollte. Er brannte für den Mann und verbrannte bei dem 
Mädchen. Das. geschah auf so merkwürdige und zugleich so typische Art 
und Weise, daß ich darauf ausführlich zurückkommen muß. 

Er hatte noch immer die Gewohnheit, Mädchen auf der Gasse anzu- 
sprechen, auch wenn er keine anderen Absichten hatte, als. sich zu unterhalten. 
So traf er eines Abends ein niedliches kleines Mädchen, das eher wie ein 
Junge aussah, sprach sie keck an und verliebte sich sofort in sie. Nach drei 
Tagen nannte er sich schon ihren Bräutigam und nach sechs Tagen fand 
schon die Verlobung statt. Er hatte kein anderes Thema als seine Liebe. 
Als wollte er sich an mir und dem Vater rächen, sprach er von nichts 
anderem als von seiner Liebe und von seinem Glücke. Die Satyriasis war 
von einem seelischen Rausch abgelöst, der noch viel stärker war. Er wählte 
ein Mädchen aus einfachem Hause, um seinen Eltern recht weh zu tun. Er 
nahm sich das Mädchen, obwohl sie nicht virgo intacta war (weil ihm das 
gleichgültig war). Er teilte das den Eltern mit und das war die schwerste 
Rache, die er ihnen antun konnte. Sie gaben sehr viel auf ihre soziale 
Stellung; nun sollte ihr Sohn die Tochter eines Kondukteurs heiraten, ein 
Mädchen, das gar keine Bildung genossen hatte und in einem Laden als 
Verkäuferin angestellt war. Und er drohte seinen Eltern, er werde sich das 
Leben nehmen, wenn er das Mädchen nicht bekommen würde. Er würde sie 
auch gegen den Willen der Eltern heiraten. Seine Liebe sei so grenzenlos, 
eine solche Liebe habe es überhaupt noch nie gegeben! Schon der Gedanke,' 
daß der Vater die Verlobung stören könnte, bringt ihn so in Wut, daß 
er an Mord und alle möglichen Gewalttaten denken muß. 

Ich riet dem Vater, den Sohn dadurch zu entwaffnen, daß er ihm gar 
keinen Widerstand entgegensetzte. Er solle nur eine Bedingung stellen: 
Der Sohn solle sich und seine Frau selbst erhalten. Nur ein Mann, der eine 
Frau erhalten könne, habe das Recht, zu heiraten. Den gleichen Standpunkt 
verteidigte ich und machte dem Verliebten begreiflich, daß er durch die 
Arbeit von seinem Vater unabhängig werden würde. Er begriff bald, daß er 
gerade von seinem eigenen Gelde und seiner Arbeit nicht leben wollte. Es 

J ) Vgl. Angstzustände, S. 417. 



\ 



214 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

war seine größte Lust, zu denken, daß der Vater jeden Koitus bezahlen 
müsse und daß er mit dem Gelde des Vaters koitiere. 

Nun gestand er mir, daß er schon einmal heiraten wollte. Es war in 
Berlin, kurz nach dem Aufgeben der homosexuellen Verhältnisse mit den 
Jungen. Da lernte er eine Dirne kennen, die mit ihm ein Verhältnis einging. 
Diese wollte er heiraten und schon damals führte er dem Vater die gleiche 
ich kenne. Dies Vorgehen ist typisch, und jeder erfahrene Nervenarzt wird 
in solchen Fällen wiederholt ausgeführt. Es ist nicht der einzige Fall, den 
ich kenne. Dies Vorgehen ist typisch, und jeder erfahrene Nervenarzt wird 
jedes Jahr einige Male in ähnlichen Fällen zu Rate gezogen werden. Dieses 
Mädchen war die Französin, welche ihm den hohen Unterricht in allen 
Paraphilien gab. Der Vater war natürlich verzweifelt und drohte mit Fluch 
und Enterben. Das war es ja, was unser Patient wollte. Er fürchtete nur 
den zärtlichen Vater und brauchte ihn immer zornig, um eine sichere Scheide- 
wand zwischen sich und dem Vater aufzurichten. Unser Patient fühlte sich 
auch von seinem Vater verschmäht. In der wichtigen Berliner Zeit klammerte 
er sich an die Französin, ruhte nicht eher, bis der Vater sie kennen lernte, 
wollte immer mit ihr zusammen sein und fürchtete das Alleinsein mit 
dem Vater. 

Von hier aus ergaben sich Assoziationen zu der Reise mit dem Vater, 
die er nach Thüringen gemacht hatte. Es war nicht der Oheim, sondern 
sein Vater, und er hat Erinnerungen, daß er mit seinem Vater wiederholt 
ein Bett teilte und daß er glücklich war, weil der Vater diese Reise mit 
ihm und nicht mit der Mutter machte. Wir erinnern, daß er von dieser 
Reise nur den Vorfall von dem Sturze behalten hat. Es handelt sich um 
eine Deckerinnerung. Hinter diesem Sturze verbergen sich ganz andere Be- 
gebenheiten. Es handelt sich um einen Sündenfall. Ich verweise darauf, daß 
er auch die Rezidive des Leidens und die Verschlimmerung auf einen Sturz 
zurückführt. Dieser Sturz geschah in einer Rodelbahn. Er soll eine Zeitlang 
bewußtlos gelegen sein, aber schon nach einer halben Stunde wieder „quietsch- 
fidel" gerodelt haben. So arg kann also der Sturz nicht gewesen sein. 
Jedenfalls liegt das Rätsel des Falles in den Phantasien, mit denen er die 
Reise in Thüringen umsponnen hatte. Durch das öftere Zusammenschlafen 
kam die Fiktion seinem Bewußtsein näher, er ersetze dem Vater die Mutter. 
In diesem Traumzustande absolvierte er die Reise als eine Frau, als die 
Mutter, und dichtet den Sündenfall hinzu, der sich nie ereignet hat und 
dessen symbolische Vertretung die Szene mit dem wirklichen Fall übernimmt. 

Nun befindet er sich in einer neuen homosexuellen Gefahr. Er ist 
täglich mit mir beisammen und produziert allerlei Kunststücke, um sich 
von mir untersuchen zu lassen und mir seinen Penis zu zeigen. Er glaube, 
er habe wieder eine Gonorrhöe, er müsse an Phthiriasis leiden, ich solle 
ihn doch untersuchen, es sei doch blöd, daß er zu einem anderen Arzt gehen 
solle. Ich löse alle diese Symptomhandlungen auf und er bestätigt mir, 
daß auch direkte Phantasien, in denen ich eine Rolle spiele, aufgetreten 
sind. Er rächt sich aber dadurch, daß er mir jetzt stundenlang nur von 
seiner Braut und ihren Zärtlichkeiten erzählt. Er hat kein anderes Thema! 
Er müßte sie fortwährend um sich haben, dann wäre er ruhig. Nicht eine 
Sekunde sollte sie ihn allein lassen. Tag und Nacht müßte er ihre Hand 
halten, . . . dann wäre er gegen die Homosexualität sicher. Schließlich 
muß ich ihn aufmerksam machen, daß ich die Behandlung unterbreche, wenn 



Satyriasis und Nymphomanie. 215 

er kein anderes Thema habe. Und siehe da! Nun geht es wieder um ein 
Stück weiter. Er weiß jetzt, daß er sich durch die Verlobung vor der 
Homosexualität und seinen Schmutzonanieakten retten will. Er sieht aber 
auch, daß er in seiner Braut einen Ersatz seiner Mutter gefunden hat. Er 
umgibt sie mit allen Zärtlichkeiten, wie ein Mensch, der wirklich liebt, und 
allmählich verwandelt sich der Rausch in eine wahre und tiefe Zuneigung. 
Noch gibt es furchtbare Stürme zwischen ihm und der Braut. Noch wütet 
er gegen seinen Vater und gegen alle Autorität. Er ist ein Anarchist, der 
gegen jede Autorität kämpft und sich zur ganzen Welt mit Trotz ein- 
gestellt hat. Aber der Vater, von mir gelenkt, bleibt milde und entwaffnet 
seinen Trotz. Die ganze Verlobung erfüllt nicht mehr den Zweck, die Eltern 
zu kränken. Die Eltern gehen auf alles ein, verlangen nur Arbeitsfähigkeit. 
Diese fange ich an zu bezweifehi und bringe ihn so in Trotzeinstellung zu 
mir. Er will mir zeigen, daß er arbeiten kann. Ich bemitleide bei jeder 
Gelegenheit seine Braut, ein stilles, braves Mädchen. Er werde sie ja sicher 
verlassen. Er habe kein Talent zur Treue. Justament nicht! — fühlt er. 
Er will mir nun zeigen, daß er treu sein kann. 

Nach einigen Wochen schon findet er eine Stelle und bewährt sich 
durch Fleiß und Geschicklichkeit, so daß sein Gehalt rasch gebessert wird. 
Nun heiratet er bald und wird in jedem Sinne des Wortes ein anderer Mensch. 

Allerdings gab es viel Arbeit. Seine hypertrophischen Größenwahn- 
ideen, seine Vorstellung, ihm wäre alles erlaubt, was den anderen verboten' 
ist, seinen Trotz gegen die Gesellschaft und gegen jede Autorität galt es 
durch soziale Strömungen zu ersetzen. Es gelang allmählich. Er wurde 
bescheiden und liebenswürdig . . . 

Die Möglichkeit seiner Genesung hing davon ab, daß er sich dauernd 
von seinen Eltern trennte. Denn ein kurzer Aufenthalt zu Hause belehrte 
ihn, daß die Affekte ihn zu Hause überwältigten, und er reiste schleunigst 
ab, um mit den Eltern in Frieden auszukommen. 

Die erste Zeit richtete sich der ganze Trieb auf die Braut und er 
wartete gar nicht bis zur Hochzeit. Er steigerte seine Leistungen ins Un- 
glaubliche. Das dauerte aber nicht lange und allmählich beruhigten sich 
die Wogen. Er wurde in jeder Hinsicht ruhiger und verkehrte in gemessenen 
Zwischenräumen mit seiner Frau. Eine Gravidität und die Geburt eines 
Kindes nötigten ihn zu langen Pausen, die er sehr leicht vertragen konnte, 
ohne seiner Frau untreu zu werden. Ich weiß nicht, wie lange diese Besse- 
rung anhalten wird. Jetzt ist er schon drei Jahre in Amt und Würden und 
ein braver, bescheidener Mensch, der mit Grauen an die Vergangenheit 
zurückdenkt. Seine Eltern haben eich in die Ehe gefügt und die Geburt 
zweier Enkel hat sie vollends mit den Tatsachen ausgesöhnt. 

Auf das Wesen der Satyriasis fällt von diesem Fall ein helles Licht. 
Wir erfahren aber auch, warum ihm die Luft in Berlin nicht behagt hat. 
Er war im Begriffe, dort homosexuell zu werden. In Berlin gab es in seinem 
Büro auch einen Homosexuellen, der ihn in die Berliner Kreise einführen 
wollte. Er faßte plötzlich eine heftige Zuneigung zu seinem Chef, der ihm 
täglich mehr imponierte und ihm täglich besser gefiel. Er wurde eifersüchtig 
auf die anderen Kollegen und wußte schließlich kein anderes Mittel, als die 
Rettung in den Streit und in die Grobheit. Er suchte Händel mit dem Chef, 
um sich von ihm zu trennen und sich vor Zärtlichkeiten zu sichern. 



216 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Interessant ist, daß er in den Szenen mit dem Knaben sich mit seinem 
Vater identifizierte. Er spielte die Verführungsszene, die 
er vergebens von seinem Vater erwartet hatte. Die 
Identifizierung mit dem Vater ging so weit, daß er sich alt, müde und ab- 
gelebt fühlte und der Ansicht war, er müsse bald sterben. In seinen kopro- 
philen Szenen aber war er Säugling. Nun ist es bedeutsam, auch zu kon- 
statieren, welche Rolle er spielte, als er sich in seine Frau verliebte. Dar- 
über möchte ich noch einige Worte sagen. 

In der ersten Zeit der jungen Liebe identifizierte sich der Patient mit 
seiner Mutter, während das Mädchen für ihn immer ein Junge, meistens er 
selbst, war. Er spielte eine Liebesszene von Mutter und Sohn und wunderte 
sich, daß er solcher mütterlichen Gefühle fähig war. Er betonte seine starke 
Weiblichkeit. Er hätte ein weibliches Becken, wäre bartlos, hätte Gynäko- 
mastie. Organisch zeigt -sich jenes Entgegenkommen zum bisexuellen Typus, 
der mir bei genauer Untersuchung noch in keiner Neurose gefehlt hat. Er 
wurde auch aufmerksam, galant, entgegenkommend, zierlich, manieriert. 
Manchmal aber wurde die Braut zur Mutter und er spielte das Kind. Er 
legte sich auf ihren Schoß und sagte: „Jetzt möchte ich in dich ganz hinein- 
kriechen und wie ein Kind im Mutterschoße liegen. Da würde ich mich 
sicher fühlen." Beim Koitus war er sehr gern Succubus und einmal hatte 
er einen kleinen Anfall. In diesem Anfall wurde ihm die Phantasie bewußt, 
er verkehre mit seiner Mutter. Das war keine von mir beeinflußte Phantasie. 
Ich ließ mir alles vom Kranken berichten, ohne ihn in eine gewisse Richtung 
zu drängen. 

Mit der fortschreitenden Besserung hörte diese Identifizierung mit der 
Mutter auf. Er versöhnte 'sich mit den Eltern, wechselte mit dem Vater 
freundschaftliche Briefe, fühlte sich als erwerbender Mann. Er wurde zum 
erstenmal im Leben er selbst. 

Er kam zum Bewußtsein seiner eigenen Persön- 
lichkeit. Er liebte jetzt die Frau als ihr~Mann und 
fühlte sich eigener Vater, der eine eigene Mutter hat. 

Das mag vielen wie eine Selbstverständlichkeit und banal klingen. 
Und doch liegt aller Fortschritt, den ich erzielen konnte, in der Zer- 
störung der Identifizierungen mit seinen Eltern, in der Zerstörung 
seiner Projektion auf das Elternhaus. Vorher war immer die deter- 
minierende Kraft: Was werden meine Eltern dazu' sagen? Der Ge- 
danke, daß der Vater sich kränken würde, erfüllte ihn mit Liust. Er 
wollte den Mann, den er als die Ursache seiner Leiden betrachtete, 
für seine Lieblosigkeit strafen, ihn immer in Erregung halten. Er 
vertrug alles eher, als den Vater gleichgültig zu wissen. Er löste. sich 
nun vom Infantilismus los. Er war kein Kind mehr, er war ein Mann. 
Durch alle Verwandlungen und Masken kam er zu sich zurück. 

Seine Homosexualität bestand nach wie vor. Aber sie lag vor 
ihm klar da, er erkannte sie in dem Verhältnis zu seinen neuen Vor- 
gesetzten, zu seinen Freunden und zu seinen Ärzten. Er konnte sie 
überwinden und unschädlich machen. Vielleicht konnte er auch einen 



Satyriasis und Nymphomanie. 017 

Teil auf seinen Sohn übertragen. Eines ist sicher: Er ist mit ihr 
fertig geworden und so weit fertig, daß sie ihn nicht stört. Er ist 
lebensfähig und arbeitsfähig. Solche Resultate wären ohne die Kunst 
der Analyse und ohne die erzieherische Kunst des Arztes nicht mög- 
lich gewesen. Das Los dieses Mannes ohne Behandlung wäre wahr- 
scheinlich Selbstmord gewesen. 

Es wäre noch hervorzuheben, daß sich aus der Verzweiflungs- 
liebe eine echte Neigung entwickelte. Er sah seine Frau, sprach sie an 
und liebte sie schon. Und die Ehe wird immer besser. Kleine Stürme 
kommen vor - wo fehlen sie? - aber sie gehen vorüber und in seinem 
Heim genießt er ein stilles, bescheidenes Glück. Der Traum von seiner 
großen historischen Mission ist ausgeträumt. Er wollte ein Napoleon 
werden oder Herostratos, ein Satan und Don Juan, ein Bombenwerfer 
und sitzt nun als guter und bescheidener Buchhalter in einem Büro 
und rechnet Ziffernkolonnen zusammen, bringt seiner Frau und den 
Kindern kleine Überraschungen und freut sich, wenn er vom Hause 
eine Unterstützung erhält, die er nicht benötigt und für sein Töchter- 
chen zurücklegt. 

Der Fall zeigt uns aber auch die Beziehungen der Homosexualität 
zur Familie und zum Inzestproblem. Doch davon später . 

Bei Krafft-Ebing finde ich einen Fall, der meine Beobachtungen in 
jeder Hinsicht bestätigt. , 

, .- . Fal1 Nr ' 30 - » Herr X -' 35 Jahre, ledig, Beamter, war immer gesund, 
kräftig, von lebhaftem sinnlichen Temperament, hatte abnorm früh und 
mächtig sich regenden Sexualtrieb, masturbierte schon als kleiner Knabe, 
koitierte zum erstenmal schon mit 14 Jahren, angeblich mit Genuß und 
voller Potenz. 15 Jahre alt, versuchte ihn ein Mann zu verführen, marm- 
stuprierte ihn. X. empfand Abscheu, befreite sich aus dieser „ekelhaften" 
Situation. Er exzedierte herangewachsen in unbändiger 
Libido mit Koitus, wurde 1880 neurasthenisch, litt an Erektions- 
schwäche und Ejaculatio praecox, wurde damit immer weniger 
potent und empfand auch keinen Genuß mehr beim 
sexuellen Akt. Zu jener Zeit der sexuellen Dekadenz hatte er noch 
eine Zeitlang eine ihm früher fremde und ihm noch jetzt unbegreifliche 
Neigung zum sexuellen Verkehr cum puellis non pubibus XII ad XIII annorum. 
Seine Libido steigerte sich mit abnehmender Potenz. Allmählich bekam er 
Neigung zu Knaben von 13-14 Jahren. Es trieb ihn, an solche sich an- 
zudrängen. Quodsi ei occasio data est, ut tangere posset pueros, qui ei 
placuere, penis vehementer se erexit tum maxime quum crura puerorum 
tangere potuisset. Abhinc feminas non cupivit. Nonnunquam feminas ad 
coitum coegit sed erectio , debilis, eiaculatio praematura erat sine ulla 
voluptate. Es interessierten ihn nur noch junge Burschen. Er träumte von 
ihnen, bekam dabei Pollution. Von 1882 ab hatte er ab und zu Gelegenheit, 
concumbere cum juvenibus. Er war dann sexuell mächtig erregt, half sich 
mit Masturbation. Nur ausnahmsweise wagte er es, socios concumbentes 



218 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

längere et masturbationen inutuam adsequi. Päderastie verabscheute er. 
Meist war er genötigt, seinem sexuellen Bedürfnisse durch solitäre Mastur- 
oation zu genügen. Er stellte sich dabei das Erinnerungsbild sympathischer 
Knaben vor. Nach sexuellem Verkehr mit solchen fühlte er sich jeweils 
gekräftigt, erfrischt, aber moralisch gedrückt in dem Bewußtsein, eine per- 
verse, unsittliche, strafbare Handlung begangen zu haben. Er empfand es 
höchst peinlich, daß sein abscheulicher Trieb mächtiger sei als sein Wille. 
X. vermutet, daß seine Liebe zum eigenen Geschlecht durch maßlose Exzesse 
im natürlichen Geschlechtsgenusse entstanden sei, beklagt tief seine 
Lage, fragt anläßlich einer Konsultation im Dezember 1888, ob es kein 
Mittel gebe, um ihn zu normaler Sexualität zurückzubringen, da er ja eigent- 
lich keinen Horror feminae habe und gerne heiraten würde. — Außer Er- 
scheinungen sexueller und spinaler Neurasthenie mäßigen Grades bietet der 
intelligente, von Degenerationszeichen freie Patient keine Krankheits- 
symptome." 

Wir haben es hier mit einem Schulfall zu tun, wie man ihn deut- 
licher und plastischer kaum finden kann. Im Beginne des sexuellen 
Lebens steht ein Trauma, das für ihn von allergrößter Bedeutung 
scheint. Denn er spielt immer wieder diese Szene mit verkehrten 
Rollen. Er wurde von einem Manne manustupriert, als er noch ein 
Knabe war. Nun sucht er, der Mann, diesen Knaben. Zuerst versuchte 
er durch Exzesse im Koitieren diesen homosexuellen Trieb zurück- 
zudrängen. Es gelang ihm nicht. Er wurde bei Frauen impotent oder 
schwach potent. Er führt diese Erscheinung irrtümlicherweise auf die 
Exzesse zurück, während nur die mangelnde heterosexuelle Libido die 
Ursache war. Denn er klagt über vehemente Erektionen bei Berührung 
von Knaben. Auch das Schwinden des Orgasmus bei heterosexuellen 
Akten ist sehr charakteristisch für diese Fälle. Wir werden dies 
Symptom bei der Besprechung der Impotenz des Mannes noch ein- 
gehend würdigen. 

Ähnliche Fälle haben die alten Beobachter auf die Vermutung 
gebracht, durch Ausschweifungen stumpfe sieh der heterosexuelle Trieb 
ab, so daß die Männer, um sich zu reizen, homosexuelle Akte begehen. 
Die Anschauung lebt noch in den Köpfen vieler Ärzte. Sie halten die 
Homosexualität für die Folgen der Ausschweifung, der Homosexuelle 
ist ihnen ein ekelhafter Wüstling. Ich brauche nicht erst zu betonen, 
wie verkehrt und lächerlich dieser Standpunkt ist. Man trifft unter 
den Homosexuellen die keuschesten Menschen, auffallend viel Idealisten 
und Künstler. Man braucht nur einen Blick auf die Liste homo- 
sexueller Künstler zu werfen. Es finden sich darunter die größten 
führenden Geister der Menschheit. 

Die Nymphomanie zeigt die gleiche homosexuelle Ursache wie 
die Satyriasis. Wir werden bei Besprechung der sexuellen Anästhesie 
der Frau einige Typen von Frauen kennen lernen, welche deutlich den 



Satyriasis und Nymphomanie. 91 g 

nymphomanischen Charakter zeigen, zumindesten Messalinen sind. 1 ) 
Sie sind meistens anästhetisch, was schon an und für sich sehr inter- 
essant ist und sich auch bei den gewöhnlichen Prostituierten findet. 
Sie haben den gleichen unstillbaren Hunger nach dem Manne, wie sie 
der Don Juan nach dem Weibe hat. Das Charakteristische ist, daß 
sie eben keine Befriedigung finden. Alle diese ewig suchenden Menschen, 
Ahasver, der fliegende Holländer, Faust und Don Juan, die verdammt 
sind, zu wandern und zu suchen und nie zur Ruhe kommen, schildern 
eigentlich eine Libido, die ihr Sexualziel nicht finden kann. 2 ) So gibt 
es unter den Frauen auch ewige Sucherinnen, die immer nach dem 
Manne verlangen, der /sie ganz befriedigt und dauernd fesselt. Die 
Verhältnisse beim Weibe sind noch viel komplizierter als die beim 
Manne. Ich will jetzt nur einen Fall flüchtig skizzieren, so weit wir 
es für das Verständnis unseres Themas brauchen. Wir werden bei der 
Besprechung der Dyspareunie (III. Band) auf dieses Thema noch 
zurückkommen. 

Fall Nr. 31. Eine junge, auffallend schöne Frau — nennen wir sie 
Adele — kommt zu mir mit einer selten gehörten Klage. Sie habe einen 
braven Mann aus Liebe geheiratet und liebe ihn noch immer. Sie habe 
aber gar kein Talent zur Treue. Sie besitze gar keine Widerstandskraft. 
Sie sei das leichte Opfer jedes Mannes, der sich ihr nähere. Sie sei die 
berüchtigte Frau, die kein „Nein" sagen könne. Ihr Mann habe keine Ahnung 
von ihrem Treiben und vergöttere sie. Sie habe manchmal schwere Gewissens- 
bisse, so auch heute, und möchte ein Mittel haben, das sie beruhigt, so 
daß sie nicht von früh bis abends an erotische Dinge denken müsse. Was 
ich ihr aber nicht glauben werde, sei der Umstand, daß sie in den Um- 
armungen der Männer kalt bleibe und immer durch Onanie nachhelfen müsse. 
Nur beim Kunnilingus komme sie zu einem großen Orgasmus. Sie glaube, 
wenn ihr Mann sie auf diese Weise befriedigen würde, so könnte sie ihm treu 
sein. Sie traue sich nicht, es von ihm zu verlangen, da er sie dann ver- 
achten würde. 

Aus ihrer Lebensgeschichte entnehme ich folgende Tatsachen. Adele 
hatte schon als Kind Erfahrungen auf dem Gebiete der Liebe gesammelt. 
Sie war ungefähr acht Jahre alt, als ihr Bruder anfing, mit ihr den Koitus 
auszuführen. Sie war damals sehr sinnlich und behauptet, es hätte ihr einen 
großen Genuß bereitet. Der Bruder war zwei Jahre älter. Alle Kinder des 
Hauses, wo sie wohnten, waren schon so früh verdorben. Oft kam es zu 

*) Vgl. Band III, Analyse einer Messalina. 
• 2 ) Faust findet es vorübergehend im Gretchen. Aber es ist nur eine Episode 
und er sucht rastlos weiter, bis er das schönste Weib „Helena" findet. Der fliegende 
Holländer wird von einem Weibe erlöst, das ihn bis zum Tode treu liebt. Das ist eine 
Projektion der eigenen Treulosigkeit auf das Weib. Er möchte ein Weib so lieben, 
daß sie ihn erlösen könnte. Im Ahasver ist das Problem durch das Religiöse verdeckt, 
das sich auch im Don Juan als die Vergeltung des höchsten Vaters durchsetzt. Alle 
vier müssen treulos 6ein und können nicht bei einem Weibe bleiben. 



220 /weiter Teil. Die Homosexualität. 

förmlichen Orgien. Sie wurde von dem Bruder dann seinen Freunden ab- 
getreten, wenn die Freunde ihm "die Schwestern abtreten konnten. Sie er- 
innere sich, einmal von vier Buben hintereinander benützt worden zu sein. 1 ) 
Diese Szenen dauerten mehr als ein Jahr. Dann entdeckte die Mutter eines 
anderen Mädchens den Unfug und es wäre fast ein öffentlicher Prozeß daraus 
geworden. Es gab Szenen und Untersuchungen, aber sie logen sich alle 
heraus. Seit dieser Zeit onanierte sie und konnte das „Laster" bis heute 
nicht aufgeben. Sie hatte aber schon als Backlisch kein anderes Ziel, als 
den Männern zu gefallen. Sie war sehr kokett und leichtfertig, besserte 
sich für eine Zeitlang und war sehr fromm und zurückhaltend, wollte sogar 
in ein Kloster gehen und das Gelübde der Keuschheit ablegen. 

Diese fromme Periode hielt nicht lange an. Sie wurde wieder kokett und 
verschaffte sich alle möglichen erotischen Bücher, welche sie sehr aufregten, 
so daß sio oft mehrere Male in einer Nacht onanieren mußte. Mit siebzehn 
Jahren wurde sie das Opfer eines Schülers ihres Vaters, der Klavierprofessor 
an der musikalischen Hochschule war. Sie war mit dem jungen Manne einige 
Minuten allein. Er küßte sie, was sie sich ohne Widerstreben gefallen ließ. 
Dann setzte er sie auf sich — es gab in diesem Lehizimmer keinen Diwan — 
und sie verlor ihre Unschuld. Sie wußte nicht, wie das gekommen war. Das 
Ganze spielte sich in einigen Minuten ab. Sie floh nun diesen Schüler, der ihr 
überall nachstellte, und lebte nun einige Wochen in einer fürchterlichen Angst, 
daß sie in die Hoffnung kommen werde. Es ging aber glücklich vorüber. Sie 
merkte bald, daß alle Männer in sie versessen waren. Junge Burschen und alte 
Männer liefen ihr nach. Die Mutter, der sie weinend das Erlebnis mit dem 
Schüler erzählt hatte und die es dem Vater verschwieg (weil er sonst den 
Burschen umbringen würde!), bewachte sie nun sorgsam, ließ sie nie mehr allein 
und sagte immer: „Kind, du mußt bald heiraten. Du hast zu heißes Blut." 
Mit neunzehn Jahren fand sie ihren Mann, in den sie sich mit einer Glut 
verliebte, daß sie der Spott der ganzen Stadt wurde. Sie hatte keinen 
anderen Gedanken als ihren Bräutigam. Schon in den ersten Wochen der 
Brautzeit fiel sie ihrem Manne in die Arme und leistete ihm keinen Wider- 
stand, als er sie ganz besitzen wollte. Er war so aufgeregt, daß er nicht 
merkte, daß sie keine Virgo war. Sie hatte nur einen „kleinen Genuß'' 
dabei, jedenfalls regte sie alles furchtbar auf. 

Sogar in der Brautzeit war sie ihrem Bräutigam nicht treu. Es fing mit 
einem seiner Freunde an, den sie sogar in seiner Wohnung besuchte. Sie war 
unglücklich und wollte sich töten. Aber es kam immer wieder über sie und 
der Leichtsinn siegte über alle Vorsätze. 

Nach der Hochzeit — es waren drei Tage vergangen — fiel ihr ein, 
daß man davon sprach, Dr. X., ein schöner, junger, lediger Mann, wäre ein 
großer Don Juan. Sie beschloß, ihn sofort aufzusuchen und ihn zu verführen. 
Sie klagte ihm, sie hätte einen roten Fleck in der Scheide entdeckt, der sie 
beunruhige. Ob das nicht eine Krankheit wäre? Kurz, sie kam zu ihrem Ziele, 
wurde eine Zeitlang seine Geliebte und lernte hier das erste Mal den Kunni- 



x ) Derartige Vorkommnisse bestätigen meine Ausführungen auf S. 5. Ich höre 
sie so oft, daß sie mir schon als etwas Gewöhnliches vorkommen. Andere werden 
über diese Sittenverderbnis die Hände zusammenschlagen. So sieht es aber hinter den 
Kulissen mancher Kinderstube aus und wer sich die Kinder als asexuelle weiße Lämmer 
vorstellt, wird nie die Menschen gründlich kennen lernen. 









Satyriasis und Nymphomanie. 991 

Iingus kennen. Sie meint, es wäre die hohe Schule der Liebesknnst gewesen. 
Ein anderer Mann verlangte von ihr die anale Form der Kopulation. Das 
alles machte ihr Spaß, obwohl sie nie den Orgasmus hatte wie beim Ona- 
nieren. 

Bald erwachten in ihr quälende Reuegefühle. Sie hatte den besten aller 
Männer. Sie machte sich die heftigsten Vorwürfe und nahm sich täglich vor: 
„Das war das letzte Mal. Es wird nicht mehr vorkommen." Aber schon am 
nächsten Tage trieb es sie, auf die Gasse zu gehen oder einen der Herren 
anzutelephonieren, deren sie eine ganze Reihe zur Verfügung hatte. Interessant 
ist, daß sich in ihrer Liste Ärzte, Advokaten, Offiziere, Beamte, Adelige und 
Bürgerliche befanden. Sie ließ sich nie bezahlen und kein Geschenk geben. 
Dann würde sie sich wie eine Dirne vorkommen. Sie ließ sich auch schon mit 
Kutschern und Chauffeuren ein, hatte aber nachher einen solchen Ekel, daß 
sie es nicht mehr. tat, obwohl die Versuchung immer wieder da war. 

Eine Gonorrhöe, die sie akquirierte, zwang sie, vor dem Manne ein 
Frauenleiden zu spielen und eine lange Zeit zu abstinieren. Allerdings be- 
herrschte sie wegen des Mannes, der sie krank gemacht hatte, ein solcher 
Zorn, daß sie sich vornahm, sich an den Männern zu rächen und alle Männer 
ihrer Bekanntschaft krank zu machen. Es kam nicht zur Ausführung dieses 
Planes, da ihr der Frauenarzt jeden Verkehr verboten hatte. Aber zweimal 
konnte sie nicht Widerstand leisten und infizierte zwei andere Männer 

Sie bat mich, sie zu hypnotisieren. Es sei kein anderer Gedanke in 
ihrem Kopfe als Männer und wieder Männer. Sie denke nur an die sexuellen 
Szenen und habe sich schon vorgestellt, sie würde einmal wie Agrippina in 
ein Lupanar gehen, um sich von so vielen Männern besitzen zu lassen, bis sie 
endlich vollkommen befriedigt sei. Vielleicht werde sie dann einmal Ruhe 
haben. Wenn sie heute einen fremden Mann kennen lerne, so träume sie schon 
in der Nacht, daß sie mit ihm einen Verkehr habe. 

Ich frage sie, ob sie sich diese Träume gemerkt habe und ob diese Träume 
eine besondere Form der Sexualität betonten oder ob es sich immer um das 
Normale handeln würde. 

Sie antwortete zögernd: „Immer das Normale. Nur bin ich meistens 
oben . . . Wie kommt das? Ich habe schon oft darüber nachgedacht." 
„Haben Sie heute auch einen solchen Traum gehabt?" 
„Lassen Sie mich nachdenken. Freilich. Ein dummer Traum . . ." 
„Bitte, erzählen Sie ihn." 

„Ich bin mit meinem Schwager in einem Bette. 
Ein Mensch, der mir nicht einmal im Traume einfällt!" 
„Er ist Ihnen doch im Traume eingefallen!" 

„Ich weiß aber nicht, wie ich dazu komme. Ich habe nie von ihm ge- 
träumt." 

„Auch nichts mit ihm erlebt?" 

„Nein ... mit ihm nie. ' Obwohl er mir nachstellt und ich weiß, daß 
ich ihm sehr gefalle. Ich liebe meine Schwester zu sehr, als daß ich ihr das 
antun würde, obwohl meine Schwester auch nicht treu ist und es auch nicht 
sehr genau nimmt. Das liegt in der Familie. Doch ich will mit dem Schwager 
nichts zu tun haben. Der Traum war ein Unsinn, ich habe das meiste ver- 
gessen. Er war viel länger!" 



\ 



222 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Ich merke, daß sie sich um den Traum drücken will, und ersuche um 
genaue Mitteilung des ganzen Traumes. „Nun also" — meint sie — „der Traum 
war folgender": 

Ich liege mit meinem Schwager im Bette. Es ist, als ob ich der 
Mann wäre und er eine Frau. Er hat keinen Schnurrbart und liegt unter 
mir. Plötzlich verwandelt er sich in meine Schwester und ich küsse sie 
leidenschaftlich. Siehst du! sagt sie: das hättest du längst tun sollen, 
dann wärest du gesund." 

Wir erkundigen uns nach ihrem Verhältnis zur Schwester und hören, 
daß sie schon einige Monate nicht mit ihr verkehrt und daß sie seit dieser 
Zeit sehr nervös ist und noch männersüchtiger als vorher. „Wenn ich mich 
mit meiner Schwester unterhalte, so kann ich alle Männer vergessen. Sie ist 
eine geistreiche Person und so bezaubernd. Wenn Sie sie kennen lernen, Sie 
werden sich sofort in sie verlieben." 

Hört man solche Aussprüche, und man hört sie nicht selten, so kann 
man die Diagnose stellen: Dieser Mensch liebt selbst den gerade gerühmten 
Menschen und deshalb findet er es selbstverständlich, daß man sich in ihn 
verliebt. 1 ) 

Weitere Auskünfte ergeben, daß sie nur einen Gedanken hat: ihre 
Schwester. Sie findet die Schwester am schönsten gekleidet, sie findet die 
Schwester immer geistreich, immer entzückend. 

Warum sie mit ihr den Verkehr abgebrochen habe? 

Weil die Schwester egoistisch sei und sich um sie nicht kümmere. Sie 
wäre einige Wochen krank gelegen und die Schwester habe sie wie einen 
Hund liegen lassen und sich um sie nicht gekümmert; sie brauche die Schwester 
zu Einkäufen, sie könne nun einmal nie allein kaufen und sei die Würzen für 
alle Kaufleute, die Schwester sei aber für sie nicht zu haben. Dafür laufe sie 
mit einer Freundin herum, die eine ekelhafte und liederliche Person sei. Sie 
würde sich schämen, mit einer so verrufenen Frau sich öffentlich zu zeigen; 
wenn sie ihr Mann wäre, würde sie ihr das verbieten . . . Übrigens wäre es 
gar keine Sünde, wenn sie sich mit dem Schwager einlassen würde; die 



*) Ich behandelte einmal einen Mann, der sich von seiner Frau geschieden hatte, 
eine andere Dame aus Liebe heiraten wollte und mit seiner Frau prozessieren mußte. 
Im Laufe der Verhandlungen, die notwendig waren, wiederholte der Patient immer: 
„Mit meiner ersten Frau mache ich Sie nicht bekannt. Sie würden sich sofort in sie 
verlieben. Der kann kein Mann widerstehen." Ich wußte bald, daß seine neurotischen 
Störungen auf diese unterdrückte Liebe zur ersten Frau zurückgingen. Er hörte immer 
Töne, die er nicht fassen konnte. Melodien, die auf keinen Inhalt zurückgingen. Aber 
einmal konnte ich eine solche Melodie fassen. Es war ein Lied, dessen Text er nicht 
kannte. Allmählich kam ihm die Erinnerung und der Text hatte eine deutliche Be- 
ziehung -zu seiner ersten Frau. Diese unfaßbaren Melodien gestatten ihm, an sie zu 
denken und sein Bewußtsein darüber hinwegzutäuschen, daß er sie noch immer nicht 
vergessen habe. Einige charakteristische Strophen aus dem Liede von Eichendorff: „Ich 
kam vom Walde hernieder — Da stand noch das alte Haus — Mein Liebchen schaute 
wieder — Wie einst zum Fenster hinaus. — — Sie hat einen andern genommen — 
Ich war draußen in Schlacht und Sieg — Nun ist alles anders gekommen — Ich 
wollt, es war wieder Krieg — — ". Diese Verse enthalten die Darstellung seines 
schweren Konfliktes. 






Satyriasis und Nymphomanie. 990 

Schwester sei ihm auch nicht treu und habe ein Verhältnis mit einem Ober- 
leutnant und der dumme Mensch merke das nicht und es sei sein bester 
Freund . . . 

So plätschert es unaufhörlich wie ein Springbrunnen. Sie erwacht und 
denkt den ganzen Tag an die Schwester und träumt jede Nacht von der 
Schwester. Ich habe durch Wochen ihre Träume beobachtet. Es gibt keinen 
Traum, in dem die Schwester nicht vorkommt, und keinen, in dem sich nicht 
Anspielungen auf die erotischen Beziehungen zu ihr finden. 

Schließlich enthüllt sich in der Analyse ihre Kindheit und sie erinnert 
sich, daß sie mit der Schwester lange Zeit in einem Bette schlief und sie sich 
gegenseitig den Kunnilingus machten. Es sei schon so lange her, daß sie es 
vergessen habe. Der Vorfall erklärt auch ihr Wesen. Sie ist ewig auf der 
Suchenach einem Weibe. Eigentlich nach einem Weibe, nach ihrer 
Schwester. Diese will sie vergessen, diese Szene will sie durch neue Eindrücke 
aus ihrem Gedächtnisse löschen. 

Wir sehen, wie die latente Homosexualität sie allen Männern in 
die Arme trieb. Wir sehen aber auch die Beziehungen der Homosexualität 
zur Familie, Beziehungen, die wir eingehender studieren und auf ihre 
Bedeutung prüfen müssen. 



Die Homosexualität. 

IV. 
Der rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 

„leb wüßte kaum noch etwas anderes 
geltend zu machen , das dermaßen zerstöre- 
risch der Gesundheit und Rassen kräftig- 
keit, namentlich der Europäer zugesetzt hat 
als das asketische Ideal; man darf es ohne 
Übertreibung das eigentliche Verhäng- 
nis in der Gesuudheitsgeschiclite des euro- 
päischen Menschen nennen. ~ XT - , , 
1 Niofzsche. 

Wir haben bisher vom Don Juan und von der Messalina gesprochen, 
die sich aktiv betätigen, und es gelang uns, als treibendes Moment die 
latente Homosexualität nachzuweisen. Zu diesen extremen Typen gibt 
es unzählige fließende "Übergänge. Die Natur verblüfft uns nirgends 
so durch den Reichtum der Variationen und Kombinationen wie in 
den Ausdrucksformen menschlicher Sexualität. 

Sehr interessante Typen bilden der steckengebliebene Don Juan 
und die steckengebliebene Messalina. Sie benehmen sich ganz wie der 
wahre ausgebildete Typus. Sie zeigen den gleichen unbändigen und 
ruhelosen Trieb. Aber die heterosexuelle Handlung bleibt in ihrer 
Entwicklung irgendwo stecken. Ich rede nicht von dem Don Juan der 
Phantasie, nicht von der Messalina, welcher der Mut fehlt, ihre Triebe 
auszuleben. Deren gibt es unzählige und ein Stück von diesem Typus 
lebt ja in jedem Menschen und wird von uns als polygame Veranlagung 
betrachtet. 

Der Typus, den ich jetzt beschreiben will, liegt auf dem Wege 
zum Asketen. Es ist ja klar, daß die Askese nie zustande kommen 
kann, wenn nicht ein starker homosexueller Trieb das heterosexuelle 
Ideal entwertet hat. Denn jede Handlung ist ein Produkt aus Trieb 
und Hemmung. Ein üb er starker Trieb wird auch die stärksten 
Hemmungen überwinden. Wenn aber der eine Teil der sexuellen Energie 
durch homosexuelle Einstellungen gebunden ist, so wird die Aggression 



/ 



Der rudimentäre Dem Juan — die moderne Messalina. 995 

immer nur mit einem geringen Teil der Kraft ausgeführt werden 
können. Sie bleibt ganz aus, und dann haben wir den Asketen vor 
uns, oder sie bleibt in der Mitte stecken, sie führt nicht zum erwünschten 
Ziel, und dann haben wir eben den „steckengebliebenen Don Juan". 

Es gibt eine Unzahl Männer, die sich den ganzen Tag immer nur 
mit den Möglichkeiten von Eroberungen beschäftigen, ,sie einleiten, sie 
sehr geschickt fortsetzen und sie dann plötzlich abbrechen, . . . weil 
sie Pech haben. Sie beneiden die Menschen, welche so glücklich sind, 
erobern zu können, und jammern über ihr Mißgeschick, das sie um die 
schönsten Früchte bringt, die ihnen eben in den Schoß zu fallen schienen 
und nun für sie ewig verloren sind. Besser als alle allgemeinen Be- 
trachtungen wird uns ein einziger Fall belehren können: 

Fall Nr. 32. Herr Xaver Z. möchte gern ein Lebemann sein, wie die 
meisten seiner Kollegen. Er behauptet, seine Schüchternheit bringe ihn um 
alle seine Erfolge. Er ist schon 29 Jahre alt und hat es noch nicht zu einem 
richtigen Verhältnis gebracht. Wacht er am Morgen auf, so denkt er gleich: 
Wird es dir heute gelingen, ein Mädchen anzusprechen und zu erobern? Den 
ganzen Tag über beschäftigt er sich mit diesem Gedanken, so daß er immer 
zerstreut ist und keine Arbeit flott machen kann. Auch mit seinen Leistungen 
im Geschäft ist er unzufrieden. Andere arbeiten so leicht und bringen alles 
so rasch zustande, er ist langsam und nicht genug energisch. Er glaubt, es 
fehle ihm an Initiative. Er ist immer müde und deprimiert, hat auch schon 
einige Male Sanatorien aufgesucht und vergeblich eine Besserung erstrebt. 
Er kann kaum den Abend erwarten, damit er auf der Straße sein Glück ver- 
suchen kann. Er spricht verschiedene Mädchen an und es wird nie etwas daraus. 
Er hat es auch mit einer Annonce versucht und steht mit mehreren Mädchen in 
Korrespondenz. Es bleibt immer bei den platonischen Verhältnissen. Er bringt 
entweder nicht den Mut auf, das Mädchen aufzufordern, sich mit ihm intimer 
einzulassen, oder sein Ansinnen wird mit Empörung abgewiesen. Er fühlt, daß 
er anders als die anderen Menschen ist, und das drückt ihn nieder. Er ist immer 
einsam und die Sonntage sind ihm eine Qual. Er sucht sich Bekannte aus, die 
arm sind, denen er ein Nachtmahl zahlen kann, damit er nicht „so allein" ist. 

Er ist auch Reisender. Er fühlt, daß er seine Sache schlecht macht. Er 
hat keine suggestive Gewalt auf seine Kunden, er kann ihnen nicht zureden 
wie andere Reisende. Er ist gleichgültig und läßt sofort ab, wie er merkt, 
daß der Kunde nicht willig ist, zu kaufen. Er ist bei seinem älteren Bruder 
angestellt. Das sei noch sein Glück. Ein anderer Chef hätte ihn schon längst 
entlassen. Sein Bruder aber mache ihm zwar keine Vorwürfe, er aber lese sie 
aus seinen Augen. 

Über sein Sexualleben weiß er zu berichten, daß er sehr früh begonnen 
habe, sich für das Sexuelle zu interessieren. Er erinnert sich nicht an den An- 
fang. So viel sei ihm bewußt, daß er schon mit 10 Jahren onaniert habe und 
dies „Laster" bis zum 20. Jahre fortgesetzt habe. Dann sei er aufgeklärt 
worden und habe sich langsam die Onanie abgewöhnt. Immerhin sei es noch 
bis in die letzte Zeit vorgekommen, daß er hie und da in Zwischenräumen von 
zwei Monaten onaniert habe, wenn er sehr verzweifelt gewesen sei. 

Stekol, Störungen dos Trieb- und Affoktlobons. II. 2. Aufl. 15 



226 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

• Im 20. Lebensjahre begann er zu Dirnen zu geben. Seit damals verkehrt 
er mit sehr guter Potenz mit Dirnen ungefähr alle zwei Wochen einmal oder 
hie und da mit Mädchen, die er auf den Straßen findet und die sich auch be- 
zahlen lassen. Bei den Dirnen hatte er eigentlich kein Vergnügen. Er tat es 
mehr aus Verpflichtung, weil seine Kollegen alle mit Frauen verkehrten und 
er es auch tun wollte. Er mache das mehr aus Gesundheitsrücksichten als aus 
einem inneren Drange heraus. Allerdings müsse er sich denken, daß das in 
einem richtigen Verhältnis, in dem das Mädchen sich aus Liebe hingebe, ganz 
anders sein dürfte. Deshalb sei er ja so unglücklich, daß er noch keine Geliebte 
gefunden habe. Denn die Mädchen, die er auf der Straße auflesen mußte und 
die mit ihm ins Hotel gingen, wären alle eigentlich auch nur feile Dirnen, weil 
sie schließlich doch Geld oder ein Geschenk verlangten. 

Er sei ein ausgesprochener Pechvogel. Andere junge Leute hätten immer 
Glück, ihm gehe aber alles schief aus. Es müsse in seinem Wesen etwas liegen, 
das die Menschen abstoße, wenn sie ihn näher kennen lernten. 

Würde man diese Klagen alle als Tatsachen hinnehmen, so könnte man 
an sein besonderes Pech glauben. Es zeigt sich aber, daß er sich sein Pech 
konstruiert, daß er sich seine Niederlagen arrangiert. Er ist ein Don Juan, 
dessen einleitende Gefechte tadellos von statten gehen. In der Ausführung 
tritt dann das sogenannte Pech ein und aus der Eroberung wird eine Blamage. 1 ) 
Es stellt sich nämlich heraus, daß er eine Unmenge von Eroberungen vollzogen 
und sich immer aus rasch herbeigezogenen Motiven im letzten Moment zurück- 
gezogen hat. Alle diese Erlebnisse gleichen einander, nur daß der Grund des 
Abbruches immer ein anderer ist. Ich glaube am besten zu tun, wenn ich von 
seinen Abenteuern das letzte berichte, weil es besonders charakteristisch ist. 

Es war an einem Sonntag. Xaver fühlte sich wieder ganz allein und ver- 
lassen und hielt Ausschau nach einem Mädchen. Sein älterer Freund, den er 
im Cafe hätte treffen sollen, hatte ihn im Stiche gelassen. Heute mußte es 
gelingen. Er ist des Alleinseins und der Einsamkeit müde. Heute wird er ein 
Mädchen ansprechen. Er macht mehrere Versuche, aber es handelt sich immer 
um Mädchen, welche Geld verlangen und ihm nicht gut gefallen. Endlich sieht 
er eine feine, schlanke, biegsame Gestalt, die rasch an ihm vorübergeht. Er 
eilt ihr nach, — es ist ein elegantes, sehr schönes Mädchen. Er spricht sie 
an und betont gleich, sie möge das nicht schlecht auffassen, er habe „nur ehr- 
bare Absichten". Er fühle sich so verlassen und möchte den Abend in ange- 
nehmer Gesellschaft verbringen. Das Mädchen ist nicht ungehalten, läßt sich 
begleiten und gesteht schließlich, daß sie auch allein sei und sich fürchterlich 
„mopse". Er ärgert sich, daß er ihr „nur eine ehrbare" Bekanntschaft ver- 
sprochen, und überlegt immer wieder während des Spazierganges, ob er ihr 
nicht einen anderen Antrag' machen soll. Es beginnt zu regnen; sie gehen in 
ein Cafe, wo man auch Musik hören kann ; dann gehen sie in ein Gasthaus zum 
Nachtmahl. Er zeigt sich sehr galant, trägt alle Kosten und begleitet sie nach 
Hause. Das Mädchen erzählt, sie hätte ein Telephon, da sie ein kleines Ge- 
schäft habe, er könne sie anrufen. S,ie beschließen, den nächsten Sonntag zu- 
sammen zu verbringen. Die ganze Woche macht er einen Kriegsplan und 
nimmt sich vor, er werde die Schüchternheit ablegen und ihr einen Antrag' 
machen. Er ruft sie an und sie besprechen zusammen, in die Oper zu gehen 



') Vgl. das Kapitel „Der Pechvogel" in „Das liebe Ich". 2. Auflage. Verlag von 
Otto Salle, Berlin 1920. 



;Der rudimentäre Don Juan — die moderne Mcssalina. 907 

und dann gemeinsam zu nachtmahlen. Sonntags kauft er vormittags die Karten 
und ^11 sie ihr schicken. Plötzlich kommt ihm die Idee, er solle lieber das 
Verhältnis lassen. Er schickt die Karte an einen Freund und telefoniert dem 
Madchen, es waren Verwandte gekommen, er könne nicht ins Theater gehen 
Er sei darüber unglücklich usw. 

Der Freund war aber verhindert, er blieb allein, die Karte verfiel. Er 

«Ä,S? T ^ T d kam gaM traUrig nach Hause ' Wie «a ^n aber 

ri wm t h S aU J < merkSa 1 m mad ] e ' daß er einfach vor dem Mädchen geflohen 
sei, will er das nicht einsehen und meint, Schuld wäre seine Schwester. 

Q^wjd . lhr ai S S mä ! llt Und Sie gefragt > was ich machen soU. Die 

bchwester sagte mir: Sie wird dich zum Narren halten, es wird dich Geld 
kosten und du wirst nichts davon haben." ' 

„Erzählen Sie denn der Schwester alles?" 

.,, » FreilicQ - Wir r eden ganz ungeniert über alle sexuellen Themen. Die 
Schwester hat es so eingeführt und ich finde es natürlich. Warum soll ich mich 
nicht mit meiner Schwester beraten?" 

wollt. 1 ? a^^ •"? auf ' da \f 7°? der Schwester den abweisenden Rat hören 
wollte daß er sich vor dem Verhältnis und seinen etwaigen Folgen gefürchtet 

un^daß d,T S H mm ' "f l hm der / reUnd ****** als g dl"fn 

SÜmfw Z T 6r ^ rte an den Freund den Sinn hatte = Mir ist ein 
*reund wichtiger als eine Freundin. 

Es gelingt mir immer wieder zu beweisen, daß er sich sein Pech in sehr 
geschickter und manchmal auch ungeschickter Weise arrangierte, um die Ver- 
pflichtung zum Lebemann zu erfüllen, ohne aber seine innere Einstellung zu 
gefährden. Daß ihm aber die Einleitung der Eroberung genügt und daß er 
dann freiwillig auf das Ende verzichtet hätte. 

Das bestreitet er energisch, will auch nichts von homosexuellen Einstel- 
lungen wissen. Er behauptet, er wäre sofort gesund, wenn er nur ein richtiges 
Verhältnis hätte. Die Jagd nach dem Verhältnis wird fortgesetzt Es war 
eigentlich unglaublich, wie viele Eroberungen er in der Woche machen 
konnte. Er war ein schöner interessanter Mensch und die Herzen flogen ihm 
zu. Er wußte es aber immer so einzurichten, daß er brechen konnte Er fand 
im letzten Moment immer Bedenken oder Fehler; die ihn hinderten intim 
zu werden. 

Sehr schön trat das am Silvester zutage. Eine Dame aus der Ferne mit 
der er korrespondierte — sie hatten auch die Photographien gewechselt — ■ 
sagt sieh für den Silvesterabend an. Er sollte sie am Abend auf der Bahn 
erwarten und dann wollten sie das neue Jahr gemeinsam feiern. Er ging zum 
Zug und verpaßte ihn, weil er auf einem anderen Steige wartete. Am nächsten 
läge gelang es ihm, sie aufzufinden. Sie war natürlich schon erzürnt Diesmal 
woUte er es besser machen und forderte das Mädchen sofort auf mit ihm in 
ein Hotel zu gehen. Natürlich war sie beleidigt und ließ ihn sofort abblitzen.' 
Er hatte diese Zurückweisung durch den brüsken Antrag direkt provoziert. 
Er manovenerte so geschickt, daß aus jedem Sieg eine Niederlage wurde. 

Er versäumte .die Rendezvous oder wurde im letzten Moment, wenn es 
schon sehr kritisch war, geizig, sogar schmutzig, machte irgend eine unge- 
schickte Bemerkung. So sagte er einem Mädchen, das schon bereit war, mit 
ihm ins Hotel zu gehen: „Ach, alle Damen sind gleich, sie fliegen alle auf 
die Männer und sind glücklich, wenn sie einen erwischen." Sie sah ihn groß an. 

15* 



228 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

„So denken Sie von den Mädchen, die mit Ihnen gehen? Dann will ich mit 
Ihnen nichts zu tun haben" . . . Dreht© sich um und ließ ihn stehen. 

Das hinderte ihn nicht, wieder den Mädchen nachzujagen, sogar Frauen 
anzusprechen und immer wieder über sein Pech zu jammern. Dabei war sein 
sexuelles Bedürfnis kein großes. Er wurde nicht von der körperlichen Begierde 
gejagt. Es war eine geistige Peitsche, die ihn immer wieder zu den Frauen 
trieb. Zugleich suchte er Freunde und fand auch sie nicht, wie er sie haben 
wollte. Nur der letzte Freund war nach seinem Geschmack, „weil er ihn ver- 
stand". Mit ihm ging er gemeinsam in ein Lupanar. Es war das erstemal, 
daß er einen stärker betonten Orgasmus gefühlt hatte. Wir kennen ja diese 
Gewohnheit vieler Männer als eine bequeme Maske der Homosexualität. Über 
die Motive seines Handelns gibt uns ein Traum Aufschluß, der mir für das 
Verständnis der Homosexualität von größter Bedeutung erscheint. 

Wir haben schon längst konstatiert, daß es sich um eine latente Homo- 
sexualität handelt, die nach dem Prinzip der Ablenkung verdrängt werden soll. 
Xaver spricht so viel von den Frauen, denkt den ganzen Tag an die Frauen, 
um nicht an die Männer denken zu müssen. Er versucht es, sich auf die Frauen 
abzulenken, bringt es aber nie zu einem intimen Verhältnis, weil die Trieb- 
kraft nicht groß genug ist. Das bessere Weib ist für ihn ein „Noli me tan- 
gere", es besteht eine Hemmung, die ihn von jedem nicht bezahlten Weibe 
trennt. Die Dirne wird aber nicht als Weib gewertet und hat auch einen 
größeren Reiz, weil sie mit anderen Männern verkehrt. Sie gestattet die Be- 
nützung eines Teiles der homosexuellen Triebkraft. 

Nun wollen wir uns mit seinem Traume befassen. Näcke *j hat mit Recht 
aufmerksam gemacht, daß der Traum das feinste Reagens auf die Homosexua- 
lität ist. Leider war er noch nicht in die Mysterien der Traumdeutung ein- 
gedrungen und hält sich an den manifesten Trauminhalt. Wie viel reicher wird 
die Bedeutung des Traumes, wenn man ihn lesen kann und seine geheime 
Symbolik entziffert! 

Ich werde von Männern verfolgt und fürchte, daß sie mir etwas 
antun werden. Ein Mann mit einem großen Säbel läuft besonders schnell 
und berührt mich schon mit der Spitze des Säbels, der krumm war wie 
die Säbel der Türken. Ich flüchte mich auf den Friedhof zum Grabe 
meiner Mutter. Dort finde ich meine Kusine, die auch vor den Räubern 
Angst hat. Wir wollen uns erst verbergen, dann blicken wir vorsichtig 
herum und sehen, daß die Luft rein ist. Wir fahren dann in einem 
Wagen zusammen vom Friedhof auf einer endlosen dunklen Landstraße. 
Ich schmiege mich an sie, als ob sie mich gegen Räuber schützen könnte, 
und schäme mich, so wenig männlich zu sein . . . 

Nun darf man aus der deutlichen homosexuellen Bedeutung eines 
/ Traumes noch nicht den Schluß ziehen, daß der.Träumer homosexuell ist. Denn 

jeder Traum ist, wie ich in der „Sprache des Traumes" bewiesen habe, bi- 
sexuell und in jedem Traume lassen sich diese homosexuellen Tendenzen nach- 
weisen. Der Traum beweist uns immer wieder die Bi- 
sexualität der Menschen und auch die Träume der 
Homosexuellen sind alle bisexuell. Wir erkennen nur die 



*) „Der Traum als feinstes Reagens für die Art des sexuellen Empfindens." 
Monatsschrift für Kriminalpsychologie, 1905 und viele andere Arbeiten. 



Der rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 929 

Stärke der verdrängten Homosexualität und enträtseln aus dem Traume 
leichter die Motive, die den Menschen in eine monosexuelle Richtung gedrängt 
haben . . - 1 ) 

Dieser Traum beginnt mit einer typischen homosexuellen Verfolgungs- 
szene. Es sind seine homosexuellen Ideen, die ihn verfolgen. Der große krumme 
Säbel ist ein bekanntes phallisches Symbol. Daß ihn der Säbel von hinten be- 
rührt, ist jetzt nicht schwer zu verstehen. Auch warum der Säbel krumm ist, 
wenn man erfährt, daß sein Bruder eine Hypospadie hat und in der Tat einen 
krummen Phallus hat, über den er schon mit einem Arzte gesprochen hat. 
Der Mann hat einen großen schwarzen Bart genau wie sein Bruder und die 
gleiche Gestalt. Wir sehen also, daß der Bruder, der sich aus dem Schwärm 
der verfolgenden Männer loslöst, gewissermaßen den Vertreter der homosexu- 
ellen Verfolgungen darstellt. 

Er flüchtet auf den Friedhof zu dem Grabe seiner Mutter. Die Mutter 
soll ihn vor der Homosexualität retten. Sie, die Vertreterin der Weiblichkeit, 
ist es, zu der er sich rettet, wenn ihn die Männer verfolgen. Die Kusine, ist 
die Frau eines anderen Bruders. Sie ist das typische Inzestkompromiß. Viele 
Neurotiker, die an ihre Familie fixiert sind, heiraten schließlich eine Kusine. 
Die Kusine, die er am Grab der Mutter findet, wird seine Rettung und mit 
ihr fährt er dann die dunkle Landstraße des Lebens, ein halber Mann . . . 

Er erzählt, daß er diese Kusine hätte heiraten 'sollen, daß sie aber 
sein Bruder heiratete, weil er zu lange überlegte und immer zauderte. Er 
dachte sich aber, er könnte auch der Geliebte dieser Kusine werden. 2 ) Ihn 



. ') Würden die. Homosexuellen, wie Näcke es annimmt, nur homosexuell träumen, 
so wäre diese Tatsache ein wichtiges Argument gegen meine Annahme, daß alle Menschen, 
auch die Homosexuellen, bisexuell sind. Nun trifft man bei echten Homosexuellen sehr 
häufig heterosexuelle Träume, wenn man danach forscht. Hirschfeld fand bei einer 
Rundfrage bei 100 Homosexuellen, daß 13% auch heterosexuelle Situationen träumten. 
Eine analytische Erforschung des Traumlebens würde aus diesen 13% bald 100 machen! 
Bei vielen sind die heterosexuellen Träume mit Angst verbunden. Sie träumen, daß sie 
verheiratet und impotent sind, oder daß 6ie in Gefahr kommen, heterosexuell zu ver- 
kehren. Es bestätigt sich immer wieder, daß der Traum uns gestattet, alle bei Tage 
vom Bewußtsein verpönten Regungen auszuleben. 

") Es kommt nach meinen Erfahrungen gar nicht selten vor, daß zwei Brüder 
eine Geliebte haben. Ich kenne sogar drei Brüder, die abwechselnd ein Stubenmädchen 
benützen und sich schon mehrere Jahre dabei sehr wohl fühlen. Diese Maske der 
Homosexualität führt zu gewaltigen Ehedramen. (Brüder, die sich in die Schwägerin 
verlieben, sie entführen usw.) Ein Kuriosum aber stellt ein Fall meiner Beobachtung 
dar. Ein Bruder gestattete seinem jüngeren Bruder, seine Prau zu benützen. Er 
nötigte ihn schließlich, zu ihm zu ziehen. Zu beider Leidwesen 6tarb die Frau, die 
sich in diesem Dualitätsverhältnisse sehr wohl fühlte und in jeder Hinsicht auf ihre 
Kosten kam. Eine Influenza machte ihrem Leben ein rasches Ende. Der ' Schmerz 
der Brüder schien unermeßlich. Aber sie konnten ohne Weib nicht leben. Sie suchten 
so lange, bis sie wieder ein Wesen fanden, das bereit war, auf die Zwei-Brüder-Ehe ein- 
zugehen. Diesmal heiratete der jüngere Bruder und der ältere erhielt das Recht der 
Mitbenützung. — In derselben Familie gibt es noch ein Kuriosum. Der Vater der 
zweiten Frau hatte eine Licblingstochter, um die sich ein braver Mann vergebens 
bewarb. Der Vater wollte die Einwilligung nicht geben. Schließlich ließ er sich herbei 
— unter der Bedingung, daß er die ganze Zeit im Bette nebenan schlafen dürfe. Auf 



-30 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

re:zen fast nur die Frauen seiner Brüder und seine Schwestern. Endlos 
sind die Phantasien, welche sich mit komplizierten Inzestverhältnissen be- 
fassen. Auch beide Schwestern spielen eine große Rolle. Nicht grundlos fing 
er mit der Schwester die Besprechung der sexuellen Themen an. Mit 
lauernder Berechnung teilte er ihr alle seine Abenteuer mit. Auch das er- 
wähnte, bei welchem die Schwester ihm, wie vorher in vielen Fällen, ab- 
geraten hatte. Er hatte die heimliche Erwartung, sie werde ihm sagen: 
„Wozu in die Ferne schweifen? Warum suchst du das bei anderen Frauen 
was du bei mir finden kannst?" ... 

Jetzt verstehen wir die Hemmung, die zwischen ihm und dem „besseren" 
Weibe hegt. Sie alle tragen etwas von der Schwester und der Mutter an 
sich. Sie alle sind mit dem Inzestverbote belegt. Er sucht ein Verhältnis 

und kann es nicht finden. Er sucht die Schwester und er sucht 

den Mann. 

Die Frauen seiner beiden Brüder sind der Gegenstand seines Neides 
und seines Begehrens. Wenn er Anliegen und Beschwerden hat, geht er nie 
zu den Brüdern, sondern immer zu den Schwägerinnen. Den Brüdern gegen- 
über hat er ein schlechtes Gewissen. Er ist immer schüchtern und verlegen 
m ihrer Gegenwart. In seinen älteren Bruder ist er verliebt, ohne es sich 
eingestehen zu wollen. Er bewundert ihn, seine Tatkraft und seine Energie 
bein Bruder pflegt hie und da zu singen. In seinen Ohren klingt die Stimme 
so suß, daß er ihn für den besten Sänger der Welt erklärt. Er fühlt sich 
von dem Bruder zurückgesetzt und vernachlässigt. Der Bruder merkt nicht 
wie schwer krank er ist und wie er leidet. Er ist einst ein heiterer Bursche 
gewesen und ist jetzt (seit dem Aufgeben der Onanie!) . traurig geworden. 
Aber der Bruder merkt nichts davon und fragt ihn nie, wie es ihm gehe 
und ob er sich auch wohl befinde. Wenn er nur die Kraft hätte, das Geschäft 
des Bruders zu verlassen! Er drückt seinen Wert herunter, um sich noch 
fester an den Bruder zu binden. Er könnte es nicht überleben, dem Bruder 
ferne zu sein. Er macht auf der Reise keine Geschäfte, weil er überhaupt 
nicht reisen will und weil er seinem Bruder die großen Geschäfte nicht gönnt. 
Noch gespannter ist das Verhältnis zum zweiten Bruder, der in der Jugend 
sein Spielgenosse war. Er besucht ihn nie und spricht mit ihm verlegen 
einige Worte, wenn er nicht ausweichen kann. Er zeigt jene Verlegenheit 
seinem Bruder gegenüber, welche die Menschen haben, die eine bestimmte 
erotische Einstellung verbergen wollen. 1 ) 

diese Bedingung ging der Bewerber ein, wobei ihn allerdings auch andere Motive lockten. 
Das Mädchen war sehr reich und er hoffte, den Alten zu beerben. Ich konnte leider 
nicht erfahren, wie sich der „Herr Papa" in der Brautnacht benommen hatte. Die 
ganze Familie wußte aber, daß er im zweiten Bette dabei war. Die zwei Betten standen 
nebeneinander. Er scheint also als Kiebitz mitgenossen zu haben. Und solche grauen- 
hafte Verhältnisse entweihen die Menschen mit dem heiligen Namen: Liebe! 

x ) Ein sehr charakteristischer Traum des Patienten sei hier mitgeteilt: „Ich , 
bin im Geschäfte d-es Bruders. Er legt mir Unterröcke vor, die' 
ich notieren soll. Ich will das nicht machen, gehe aus dem 
Geschäfte und sage: Der Bruder kann mich gern haben!" Der 
Bruder verlangte, er solle heiraten. Das ist der Traumanlaß, der sich in dem Bilde 
von den notierten Unterröcken äußert. Er aber sucht nur die Liebe des Bruders. Die 
Schmähung „Er kann mich gern haben!" enthält ja bekanntlich die Aufforderung zu 






Der rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 93^ 

Er ist jetzt gerade auf dem Wege, sich in einen Homosexuellen zu 
verwandeln. Irgendeine Gelegenheit, und die Homosexualität wird manifest. 
Der letzte Freund ist ihm wichtiger als alle Mädchen. 

Das trat ja deutlich zutage, als er dem Freunde die Karte, welche er 
für die neue Freundin gekauft hatte, schickte. Damals brach ein Teil der 
inneren Kräfte durch. Sonst versteht er es meisterhaft, seine homosexuellen 
Regungen zu verbergen. Seine Freunde und Bürokollegen halten ihn für 
einen vom Glück begünstigten Don Juan und ahnen nicht, daß er niemals 
die letzten Konsequenzen zieht. Für alle Welt ist er ein Lebemann. Man 
sieht ihn immer mit Mädchen, immer in Gesellschaft - schöner Frauen; er 
läuft ihnen auf der Straße nach, er zeigt sich mit ihnen in öffentlichen 
Lokalen; er spricht im Geschäfte von nichts anderem als von Eroberungen 
und Abenteuern. Allerdings nie zu seinen Brüdern. Vor dem jüngeren Bruder, 
der sein Spielgenosse war, spricht er nie über Sexuelle Themen. Die Analyse 
dauerte nicht lange. Aber schon nach einigen Wochen kamen Erlebnisse mit 
diesem Bruder ans Tageslicht, welche uns diese Scheu erklären. 

Wenn wir die merkwürdige Tatsache berücksichtigen, daß Xaver den 
lebhaften Wunsch hat, ein Don Juan zu werden, so werden wir die Größe 
seiner moralischen Hemmungen ermessen können. Er ist lange Zeit sehr 
fromm gewesen und hat sich allmählich in einen Freigeist verwandelt. Die 
Analyse zeigt, daß seine Frömmigkeit in unverminderter Stärke fortbesteht. 
Der Don Juan ist für ihn das unerreichbare Ideal des hemmungslosen 
Menschen, den kein Bedenken in seinen Unternehmungen stört. Er aber hört 
in den letzten entscheidenden Momenten eine innere Stimme, die ihm zuruft: 
„Tu es nicht! Es ist eine Sünde!" 

Es ist die Stimme seiner Mutter, die es nie an moralischen Reden hat 
fehlen lassen, die ihn vor den Gefahren der Großstadt warnte, die er so 
innig liebte und verehrte. Wie oft führen seine Träume auf den Friedhof, 
wo seine Mutter liegt! Als wollten sie ihm das teuere Bild vor Augen führen 
und ihn ermahnen, das Böse zu fliehen und die rechten Wege Gottes zu 
wandeln! 

Wir sehen an diesem Beispiele die Bedeutung der Familie für die 
Entstehung der Homosexualität, wie sie Hirschfeld als echte Homo- 
sexualität bezeichnet. Wir haben eine Fixierung an die Schwestern 
konstatieren können, wir lernen auch eine Fixierung an die Mutter 
kennen und die heiße Liebe zu den Brüdern, welche sich besonders in 
dem Verhältnis zu dem älteren Bruder äußert, dessen Frau er im 
Traume auf einem Wagen entführt. Diese Kusine ist eine Maske seines 
Bruders. Sie hat durch den Besitz seines Bruders für ihn einen großen 
Reiz erhalten. Vorher war sie ihm eigentlich ganz gleichgültig. Die 
homosexuellen Erlebnisse mit dem jüngeren Bruder gehen auf das 
16. Lebensjahr zurück! 



einem Liebesakte (Anilingus). Diese anale Reizung ist eine seiner stärksten Paraphilien. 
Er leidet immerwährend an einem „Zucken im After". Das Zucken wird so stark, daß 
er nicht schlafen kann. Er konsultierte auch wegen dieses Leidens einen Arzt, der 
keine Oxyuren konstatieren konnte und meinte, es werde nur ein „nervöses Zucken" sein. 



232 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Sein Drang nach Verhältnissen war der Drang zur Weiblichkeit 
auf der Flucht vor den ihn verfolgenden Männern. 

Eine ganz andere Konstellation zeigt der nächste Patient. War 
Xaver stark genug, sich durch eigenartiges Mißgeschick von den ge- 
fährlichen Frauen zu befreien, so konnte wieder der nun folgende 
Patient sich diese Sicherheit durch ein Leiden verschaffen, das zwar 
sehr quälend war, aber sich als Schutzvorrichtung vortrefflich bewährte. 

Fall Nr. 33. Herr Christoph — so wollen wir den Patienten nennen — 
leidet an einem chronischen Magenleiden, das nach Ansicht mehrerer Ärzte 
ein nervöses Übel sein 'soll. Er hat Anfälle von heftigen Magenschmerzen 
und Appetitlosigkeit, so daß er furchtbar abgemagert ist und wie ein 
Schwertuberkulöser aussieht.* (Lunge und alle anderen Organe- sind voll- 
kommen gesund!) Er kann jetzt kein Fleisch vertragen, das macht ihm die 
größten Schmerzen, und er muß schon brechen, wenn er den ersten Bissen 
in den Mund 'steckt, Er bestreitet, daß er jemals onaniert hätte, und be- 
hauptet, sein Sexualleben sei ganz normal. Er habe früher regelmäßig Dirnen 
aufgesucht, habe aber fast gar keinen Genuß gefunden, wahrscheinlich weil 
er einen Ekel vor Dirnen habe und sich mit einem anständigen Mädchen aus 
ethischen Motiven nicht einlassen wollte; Er möchte hypnotisiert werden, 
um den Ekel vor dem Essen zu verlieren. Ich lehne die Hypnose ab und 
empfehle ihm eine genaue Analyse. Nur diese könne ihm den Weg zur 
Heilung zeigen. Er meint, er hätte mir nichts verschwiegen. Er habe mir 
alles gesagt und beharrt auf der Hypnose, die ich entschieden ablehne. 

Er verspricht, sich die Sache zu überlegen. Meine Fragen wären ihm so 
überraschend gekommen. Er war darauf nicht vorbereitet. Er gehört zu den 
Menschen, die alles genau überlegen müssen und nie im Affekt handeln. Es 
gehört zu seinen Schutzmaßregeln gegen die Tücken des Lebens: „Lasse dich 
nicht überfallen! Überlege alles!'" 

Er kommt nun einige Male und spricht stets von seinen Schmerzen. 
Eines Tages meint er, es hätte keinen Sinn, er wolle ausbleiben. Doch schon 
am nächsten Tage kommt er und bringt mir ein großes Schriftstück: „Sie 
haben mich öfters nach meinen Träumen gefragt. Ich habe die Träume dieser 
Nacht aufgeschrieben. Ich träume immer viel und lebhaft und ungefähr so 
wie heute Nacht. Ich habe aber auch meine aufrichtige Lebensbeichte mit- 
gebracht und will Ihnen Gelegenheit geben, mich ganz genau kennen zu 
lernen. Sie erfahren aus der Lebensbeichte die Tatsachen, die mich krank 
gemacht haben. Ich sehe — ich komme mit dem Verschweigen nicht weiten. 
Nun soll die Wahrheit zutage treten!" • 

Und nun lassen wir die Lebensgeschichte und. dann den Traum in der 
Fassung folgen, wie ich sie erhalten habe: 

• 

„Meine Krankengeschichte, zugleich meine Biographie. 

Ich war bis zu meinem 4. Lebensjahre im Elternhause und kam dann 
auf ein Jahr zu den Eltern meiner Mutter in Pflege. Der Beruf meines 
Vaters brachte es mit sich, daß er monatelang, mitunter ein ganzes Jahr 
seiner Familie fernbleiben mußte. Ich wurde von den Großeltern liebevoll 
behandelt, und da sie fromm waren, war auch meine Erziehung danach ge- 






Der rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 233 

artet. Sie wohnten in einem schön gelegenen Dorfe, einem alten, beliebten 
Wallfahrtsorte. Der um den Ort führende Fluß war der Tummelplatz für 
uns Kinder. Wegen der damit verbundenen Ertrinkungsgefahr bildete ich die 
ständige Sorge meiner Großeltern, so daß sie mich nach Möglichkeit in ihrer 
Nähe hielten. Ich ging täglich mit ihnen in die Kirche, machte mit ihnen 
Besuche, in der Regel bei alten Leuten, wo man fast ausschließlich fromme 
Gespräche führte und mir bei jeder Gelegenheit einschärfte, ja recht fleißig 
zu beten und brav zu sein, unter Androhung aller erdenklichen Schreckmittel. 

Einmal verkleidete sich ein altes häßliches Weib als Hexe und wollte 
mich betsäumigen, ungebärdigen Jungen mitnehmen. Das jagte mir derart 
große Angst ein, daß ich sehr lange unter diesem Eindruck stand. 

Es wurden mir eine Unmenge schauriger Begebnisse und Wunder- 
wirkungen, die sich an die dortige Mutter Gottes knüpften, erzählt und 
die Stellen gezeigt, wo sich das zugetragen. 

Ich kam dann wieder zu der Mutter zurück. Bald darauf kam ich in 
die Schule. Von der Schwester lernte ich schon frühzeitig in der Fibel lesen 
und konnte bald in meinem Lieblingsbuche, einer alten, großen Bibel, selbst 
lesen, während ich früher aufs Fragen angewiesen war. 

Ich habe gar oft anderen Spielen entsagt und mich lieber mit dieser 
Bibel in eine stille Ecke zurückgezogen. Es ist auf dem Lande üblich, alle 
Va Jahre in der Kirche eine öffentliche Religionsprüfung abzuhalten. Zu 
dieser hatte sich meine um 2 1 / 2 Jahre ältere Schwester längere Zeit vor- 
bereitet, da sie nicht ganz leicht lernte. Ich folgte dem Studium mit großem 
Interesse und hatte alles auch mit auswendig gelernt. 

In der Kirche wurde dann geprüft und auf eine Frage wußte niemand 
Bescheid. Ich Knirps hatte es mir gemerkt, weil es die Schwester gelernt 
hatte, gab Zeichen, der Vikar fragte mich, und zu aller Staunen wußte ich 
die Antwort. Es war das Gebet „Vater unser". Die Leute haben mich nach- 
her sehr belobt und beschenkt und sagten: „Knabe, aus dir wird ein geist- 
licher Herr werden." Dieser Vorsatz faßte tiefe Wurzel bei mir. 

In einem Alter von ca. 7 1 / 2 Jahren hat mich ein 12jähriges Mädchen 
zu einem unzüchtigen Spiel verleitet, wir spielten gegenseitig mit den Ge- 
schlechtsorganen, ich mußte mit ihr herumbalgen usw. Dies wiederholte sich 
sehr häufig. Ich fand daran großen Gefallen und stand stets unter dem 
Eindrucke dieses Erlebnisses. Ich hatte dann großen Drang, es auch mit 
anderen Mädchen zu praktizieren. Als nach einem Jahr die 
Schwester meiner Mutter bei uns zu Besuche weilte 
und mich sehr liebkoste, hatte ich ganz andere Gefühle 
dabei und konnte mich nur schwer zurückhalten, sie 
aufzufordern, daß sie ähnliches Spiel mit mir treibe 
wie das erste Mädchen. 

Beim Beginn des 3. Schuljahres bekamen wir einen neuen Lehrer. 
Dieser wurde bald auf mich aufmerksam, da ich gut lernte, und ich wurde 
sein Lieblingsschüler. Dieser Lehrer hatte die unsaubere 
Gewohnheit, mich zu seinem Tische zurufen, wo er, 
mit mir sprechend, mich beim Glied hielt und solange 
damit spielte, bis e's steif ward. Ich grübelte viel darüber nach, 
was es für eine Bedeutung haben sollte; jemanden etwas zu sagen, wagte 
ich jedoch nicht. 



234 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



Am Ende des Schuljahres übersiedelten wir nach Wien, um hier ständig 
Wohnsitz zu nehmen. Ich hatte unsägliches Heimweh; die Zurücksetzung, 
die mir überall widerfuhr, hat mir den Wiener Aufenthalt gänzlich verleidet 
und ich trug mich heimlich mit dem Vorsatz, lieber Hungers zu Sterben, 
als hier zu bleiben. Es wurde mir gedroht, wenn ich sitzen bleibe, daß ich 
nicht mehr nach Hause fahren dürfe und daß ich in eine Besserungsanstalt 
käme; mit letzterer hatten sie mich besonders erschreckt, als sie mir, aller- 
dings falsche, Schriftstücke vorwiesen, wonach meine Aufnahme dorthin schon 
beschlossen wäre. Dies und die beständige Angst in der Schule, wo wir einen 
rabiaten Lehrer hatten, der die Kinder sehr mißhandelte (dazu konnte ich 
kein Wort deutsch!), alle diese Vorgänge haben mein Gemüt stark zerrüttet; 
es übertrug sich denn auch auf den körperlichen Zustand, ich magerte sehr 
ab und lebte in einer Art Taumel dahin. Im Stillen schuf ich mir oft Er- 
leichterung durch Tränen. 

Auch diese Zeit wurde überwunden. Nach zwei Jahren wurde ich auch 
hier einer der ersten Schüler. Ich hatte einen Schulkameraden, dessen 
16jähriger Bruder krankheitshalber ein Jahr zu Hause lag und mit dem wir 
spielten. Von Jen beiden wurde ich ziemlich gründlich in die „Schweinerei' 1 
eingeweiht. Diese Brüder schliefen zusammen in einem Bette, das hinter 
jenen der Eltern stand, und hatten oft Gelegenheit, die Eltern beim Bei- 
schlaf zu beobachten. • Sie schilderten mir das immer und zeigten mir auch 
das befleckte Hemd ihrer Mutter. Dies übte große Wirkung auf mich und 
ich begann dann auch meine Eltern zu beobachten. Ich hatte bis zu meinem 
12. Lebensjahr mit der Schwester in einem Bette zusammen geschlafen. Dann 
schlief ich in dem Bette neben meiner Mutter, da der Vater größtenteils 
abwesend war. 

Meine Phantasie nahm derart ungesunde Dimensionen an, daß ich den 
bei uns wohnenden Onkel, einen Bruder der Mutter, in Verdacht hatte, er 
unterhielte ein strafbares Verhältnis mit meiner Mutter. Ich beruhigte mich 
langsam, da ich trotz meiner scharfen Beobachtung nichts wahrnehmen 
konnte. 

Mit ca. 13 Jahren lernte ich von anderen Schulgefährten onanieren. 
Ich habe es nicht sehr häufig betrieben aus Furcht vor der Sünde und stand 
im ständigen Konflikt. Ich hatte dann einmal ein Buch zur Hand bekommen, 
wo über die Onanie mit ihren schrecklichen Folgeerscheinungen geschrieben 
wurde. Dies war geeignet, mich jetzt ganz davon abzuwenden, und als 
sicheren Schutz schwur ich dann mit ca. 14V 2 Jahren 
an dem Grabe meines Großvaters, daß ich bis zu meinem 
20. Lebensjahre keinen wie immer gearteten geschlecht- 
lichen Verkehr führen werde. Ich hatte bei meinem starken Be- 
dürfnis nach Befriedigung darunter sehr zu leiden. Den Schwur habe ich 
so ziemlich gehalten. 

Mit 14 Jahren kam ich an eine höhere Lehranstalt. Ich hatte unter 
meinen Mitschülern die geringste Vorbildung und es wurde mir von einem 
Professor bedeutet, daß ich mich nicht lange des Daseins an der Anstalt 
werde freuen können. Das war eine schwere Sorge für mich. Es war mir 
sehr bange zumute bei dem Gedanken, daß mir die Möglichkeit eines frei- 
willig gewählten Berufes auf diese Art gefährdet würde. 

Als bei der ersten Zensur bloß ich und ein zweiter Mitschüler durch- 
gekommen waren, so betrachtete ich es als eine Fügung 



Der rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 2"5 

G o 1 1 e s, um so mehr, als meine mich sehr liebende Großmutter stets eifrie 
für mich betete. 

Man ließ mich unter der Bedingung studieren, daß ich von der Ent- 
richtung des nicht unbeträchtlichen Schulgeldes befreit werde. Die gänzliche 
Befreiung bedingt Vorzugsschüler zu sein. Ich führte mich verhältnismäßig 
bald in die Lehrfächer ein, die ungenügende Vorbildung wettmachend. 

Mein häuslicher Fleiß ließ, viel zu wünschen übrig. Ich hatte stets 
großes Vertrauen auf den Beistand Gottes, und seine Hilfe - nicht zuletzt 
meine reichen eigenen Fähigkeiten - hatten mich das vorgesteckte Ziel, 
Vorzugsschuler zu werden - nach zwei Jahren erreichen lassen 

Während dieser Zeit trat jenes Mädchen, das mich als Kind zur Un- 
zucht verleitet hatte, wieder in meine Nähe. Durch ihr verleitendes Gebaren 
-hat sie mich vollständig aus der Ruhe gebracht. 

««v I<5h h ! U ? ? {t 17V2 Jahren » unsch uldige" Liebschaften mit anderen 
Madchen unterhalten, aber die sich gar oft bietenden Ge- 
legenheiten zum Koi tus ni cht .benütz t. Beweggrund: Angst 
vor dem „unmoralischen Handeln". 

Ich schlief mit meiner Schwester und einer Kusine in einem Zimmer 
Ich konzentrierte meine Aufmerksamkeit auf die Kusine. Die sich bietenden 
verlockenden Gelegenheiten hielten mich beständig in Erregung, um so mehr, 
als ich wahrnehmen konnte, daß die Kusine selbst ihre Zuneigung und Wünsche 
nur mühsam unterdrückte. Allein ich widerstand allen Versuchungen und 
blieb keusch. 

Gegen Ende des letzten Studienjahres lernte ich ein Mädchen näher 
Rennen, das schon lange vorher meine Aufmerksamkeit geweckt hatte Wir 
faßten große Zuneigung, konnten aber leider nur selten zusammentreffen, 
und das nur unter schwierigen Umständen. Wir waren gezwungen uns 
schließlich zu trennen; da ich das Mädchen aufrichtig liebte, litt ich dar- 
unter sehr. Bei dem verstohlenen Zusammentreffen hatte sich meiner immer 
vorher eine unerklärliche Aufregung bemächtigt, die sich auf den Magen 
übertrug; aß ich dabei, so reizte es mich zum Erbrechen. 

Nach Beendigung der Studien kam ich zu einer hiesigen Firma in 
Stellung. Ich knüpfte die Bekanntschaft mit einem anderen Mädchen an 
und wir hatten sonderbarerweise auch große Schwierig- 
keiten zu überwinden, um zusammentreffen zu können. Als wir 
nach zirka einem Jahre ungehindert verkehren konnten, erfaßte mich 
nach kurzer Zeit eine große Gleichgültigkeit gegen 
diesesVerhältnis und ich hatte nur den einen Wunsch, von solchen 
tollen Liebschaften nichts wissen zu müssen. 

Hatte mich früher vor dem Koitus mit einem anständigen Mädchen der 
Gedanke, es sei unwürdiges, unehrenhaftes Handeln, zurückgehalten, so trat 
jetzt eine sonderbare Erscheinung auf, ein vom Magen herrührendes Un- 
behagen, sogar Brechreiz, aber immer vor dem Zusammentreffen. War ich 
einmal in der Gesellschaft des Mädchens, so verschwand die Geschichte. 

Also immer vor dem Stelldichein und bei den Gedanken an dieses. 

Ich ließ von jedem Verhältnis ab, aber mein Zustand verschlechterte 
sich immer mehr und mehr. Ich mußte täglich mehrmals erbrechen, nicht 
einmal eine Semmel konnte ich verzehren, selbst reine Suppe konnte ich nur 
mit großer Schwierigkeit essen. Bei jedem Bissen reizte es mich zum Er- 



I.. .', 



23g Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

brechen und trinken konnte ich auch nichts. Außerdem litt ich an Schlaf- 
losigkeit und heftigen neurasthenischen Schmerzen. 

Schließlich mußte ich ein volles Jahr ausspannen und nahm während 
dieser Zeit vier Monate Landaufenthalt, ohne daß sich mein Zustand merk- 
lich gebessert hätte. 

Es kostete mich viel Anstrengung, meinen starken sexuellen Drang 
zu unterdrücken. Der Verkehr mit einem Freudenmädchen mutete mich 
schändlich an, jener mit Anständigen war teils durch meine moralischen 
Ansichten, teils durch ungünstige örtliche Verhältnisse unmöglich. 

Seit dem Auftreten der Krankheit war das Hindernis von selbst ge- 
geben. Erst auf Anraten eines Arztes entschloß ich mich, mit Freudenmädchen 
zu verkehren." 

Dieser merkwürdige Fall ist wie ein Schulbeispiel geeignet, alle 
Momente, die im Leben eines Menschen eine sexuelle Einstellung entschieden, 
zu illustrieren. Es ist ein einfacher Mann, der die deutsche Sprache noch 
immer nicht vollkommen beherrscht, und er hat nicht allzuviel verdrängt. 
Seine Jugend und sein sexuelles Streben liegen scheinbar ganz offen vor ihm. 
Er hat viele Traumen erlebt, aber er kennt sie alle. Wir sehen die wichtige 
religiöse Grundlage. Er ist jetzt gar nicht mehr fromm und will nicht mehr 
in die Kirche gehen. Trotzdem dürfte es nicht schwer sein, hinter seiner 
Angst vor dem unmoralischen Handeln die Angst vor der Strafe des Himmels 
zu erkennen, die Folgen der moralischen Erziehung. Dieser Mann ist durch 
Angst erzogen worden. Es war die so verwerfliche Erziehung zur Furcht- 
samkeit, welche die Angstneurose züchtet. Hexen erschienen, um ihn zu 
warnen, in der Schule wurde er durch Drohungen zu den höchsten Leistungen 
angespornt. Dabei dieser starke Sexualtrieb und doch die Möglichkeit, zu 
widerstehen. Woher nahm er die Kraft, sich der Kusine nicht zu nähern, 
obwohl er so heiß nach ihr begehrte und sie ihn sogar dazu aufforderte? 
War es die Nähe der Schwester, die im gleichen Zimmer schlief? Mit der 
Schwester waren auch Szenen vorgefallen, welche die sonst sehr aufrichtige 
Lebensbeichte verschwiegen hatte. Er flieht den Inzest, aber er muß außer 
den religiösen und moralischen Hemmungen noch eine andere Hemmung 
haben, die ihn vor dem Weibe beschützt. Seine Anfälle vor einem Rendezvous 
sind Ekel. Ekel und Angst sollen ihn vor der Sünde beschützen. Wir kennen 
diesen Ekel vor dem Weibe, der besonders von den meisten echten Homo- 
sexuellen betont wird. Wir wissen, daß dieser Ekel einer verdrängten Be- 
gierde gleichkommt, daß diese Begierde aus irgend einem Grunde als mit 
dem Bewußtsein unverträglich abgewiesen und nur in der negativen Form 
als Ekel zugelassen wird. Sie dient dann der Abwehr und dem Schutze 
gerade vor jenen Kräften, die so heiß begehrt werden. 

Der Ekel vor dem Weibe soll das Inzestmotiv verdecken. Weil er in 
jedem Weibe die Großmutter, Mutter und Schwester sieht, wa's ihm offen 
bewußt war, kann er sich diesem Weibe nicht nähern. Quo me vertam? Er 
hat noch den Weg zur Homosexualität offen, da ihm der Weg zum Weibe 
versperrt ist. Die Episode mit dem Lehrer, die „Schweinereien" mit den 
Mitschülern waren Vorbereitungen . . . Hier setzt die Verdrängung ein. Er 
weiß nichts von seiner Homosexualität. Aber der Traum ist verräterisch und 
erzählt uns mehr, als dem Kranken bewußt ist. Deshalb wollen wir die 
Analyse mit einer Analyse dieses Traumes anfangen. 



Der rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 237 

Der Traum dieser Nacht. 

„Ich stand vor dem Eingang eines Hauses in meinem Geburtsorte 
und betrachtete die nahe Gebirgslandschaft. 

Während ich so in Betrachtung versunken war, kam gerade mein 
Vetter, der aushilfsweise an dem Tage die Feldarbeiten selbst besorgte, 
nach Hause gefahren und hielt, bevor er zum großen Tore fuhr, bei mir 
an. Er machte zu mir einige scherzhafte Bemerkungen; unter anderem: 
es wäre für dich wohl gesünder, wenn du auch ein wenig ackern würdest, 
anstatt zu faulenzen. 

Ich wies auf die zwei einer Egge vorgespannten Pferde, die ja 
ganz prächtig waren, und erwiderte im Scherze: ja, sehr gerne sogar, 
aber nicht mit einem so elenden Gespann. Die zwei gehören schon 
längst in die Wurst', besonders der linke da gebärdet 'sich gar so stolz 
und ist doch nur ein alter Krampen (Mähre). 

Kaum daß ich zu Ende gesprochen, bäumte sich wütend dieses 
Pferd, riß die Zugstränge entzwei, um sich dann auf mich zu stürzen. 

Ich ergriff die Flucht, lief in den ersten Stock hinauf, sprang in 
die Küche und schlug die Türe zu. Ich lief in ein zweites Zimmer und 
verbarrikadierte die Türe mit allerlei Möbelstücken. Allein das Pferd 
war schon auch an dieser Türe, stampfte drauf los, bis es ihm gelang, 
auch in dieses Zimmer einzudringen. 

Mittlerweile war ich in ein anderes Zimmer geeilt, verdammte 
wieder auf dieselbe Art die Türe, erkannte jedoch, daß auch dieser 
Widerstand nicht wirksam sein wird. Ich sah mich nun rasch im Zimmer 
nach einem anderen Hilfsmittel um und gewahrte zu meiner Über- 
raschung meine Schwester hinter mir. 

Das Pferd hatte die Türe schon so weit demoliert, daß es den 
Kopf hindurchdrängen konnte, und schnaubte wütend aus den geweiteten 
Nüstern. 

Die Schwester schob mir einen kleinen runden Ofen zu, indem sie 
mir zurief, mich mit den Ofenringen zur Wehre zu setzen, mit diesen 
werde ich schon den Gegner bewältigen können. 

■ Das Pferd wollte schon hereinstürzen, da schleuderte ich ihm die 
Ringe wuchtig entgegen und schließlich den ganzen Ofen. Im letzten 
kritischen Augenblicke gewahrte ich eine andere Türe, huschte hinaus, 
rannte zur Treppe und — erwachte. 

Ich ging den ganzen Traum noch einmal in Gedanken durch, ver- 
gewisserte mich auf diese Art, ihn meinem Arzte lückenlos wiedergeben 
zu können. Bald verfiel ich in einen leichten Schlummer und träumte, 
ich wäre bei dem 'mich behandelnden Arzte. 

Dieser bewohnte ein geräumiges Haus mit großen Treppenanlagen. 
Auf einer Galerie traf ich mit ihm zusammen; er hatte in einem 
Schranke zu schaffen. Ich nahm abseits von ihm Platz und erzählte 
ihm den vorgehend geschilderten Traum. 

Er entfernte sich auf eine Weile, um dringendes noch zu besorgen, 
da er in einer halben Stunde abzureisen hatte. Er rief mich dann zu 
sich herunter, schnürte sich gerade die Schuhe und forderte mich auf, 
in meiner Erzählung fortzufahren. 



238 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Nachdem ich geendet hatte, entfernte ich mich und ging auf eine 
seitlich gelegene Tür zu und begegnete dort meiner Mutter. Ich wechselte 
einige Worte mit ihr, öffnete die Türe, die in eine mit Glas gedeckte 
Halle führte, und sah eine Lokomotive oberhalb eines offenen Feuers 
gelagert. 

Der Zugsführer (Maschinist) rüttelte an verschiedenen Maschinen- 
teilen vergebens, es wollte ihm nicht gelingen, die - Maschine in Gang 
zu setzen. Währenddessen kam der Arzt hinzu, schaute auf die Uhr und 
bemerkte unruhig, daß es schon hoch an der Zeit sei. Plötzlich kam 
ein Dienstmädchen die Treppe heruntergelaufen und brachte drei zu- 
geschnürte, mit Papierabfällen gefüllte Pakete. 

Um die arbeitsfähige Dampfspannung zu erreichen, war es not- 
wendig, rasch nachzuheizen. Der Arzt wollte es selbst versuchen und 
»schleuderte ein Paket ins Feuer. Es verbrannte rasch, war jedoch 
wirkungslos. 

Da deutete die Mutter an eine andere Stelle, dort müsse es un- 
bedingt gehen, nahm ein zweites Paket, warf es an die Stelle, erzielte 
jedoch dasselbe Resultat wie der Arzt. 

Mit den Worten: „Das muß anders gemacht werden, seht so!" 
faßte ich das dritte Paket, schwang mich auf einen vorspringenden, von 
Flammen bestrichenen Maschinenteil und legte das Paket an die höchste 
Stelle der Feuerung. Die Flammen loderten hoch, auf, das Sicherheits- 
ventil begann zu zischen, es ertönte ein Pfeifen und die Maschine setzte 
sich langsam in Bewegung. 

Der Arzt sprang auf, reichte mir noch flugs die Hand, ich hatte 
gerade noch Zeit zu fragen, wohin er fährt. Nach Brunn, bekam ich 
zur Antwort. Kurze Verwunderung — ich war wieder erwacht. 

Nachdem ich wieder eingeschlummert war, hatte ich einen, dem 
ersten Fall ähnlichen Traum. Ich befand mich in einer vornehm ein- 
gerichteten Wohnung. 

Es wurde die Türe geöffnet und eine junge, hübsche Dame trat 
ein. Sie blickte mich längere Zeit an und lächelte dann boshaft. Ich 
verlor meine ruhige Fassung nicht und sagte etwas zu ihr. . Sie wurde 
immer erregter, erhob ihren Arm, in dem sie eine Waffe hielt, und 
machte Miene, sich auf mich zu stürzen. 

Ich sah sie gefaßt an, als dürfte sie mir nichts anhaben können. 
Darauf stürzte sie sich auf mich. Ich sprang in ein Nebenzimmer, sie 
lief mir nach und so ging die tolle Jagd durch mehrere Räume. 

Gerade wollte ich wieder eine Tür aufklinken, da, in demselben 
Augenblicke, erschien sie hinter mir, in der Hand ein perolinspritzen- 
artiges Instrument haltend. Sie spritzte daraus eine weiße, seifen- 
wasserähnliche Flüssigkeit. Sie spritzte einigemal, ohne mich zu treffen, 
nur auf die Kleider waren einige Tropfen gefallen. Ich dachte, es sei 
eine ätzende Flüssigkeit, und wollte weiter flüchten. 

Als sie wieder zu einer neuen Attacke ausholen wollte, schlug 
ich rasch die Türe zu, es klemmte sich dabei die Spritze zwischen Tür 
und Türrahmen. 

Ich entwand ihr die Spritze, schleuderte sie zur Seite, faßte die 
Frau am Halse und wollte sie zu Boden werfen. Sie aber umschlang 
meinen Hals, küßte mich heiß und fiel auf ein Sofa, mich mitziehend. 



Der rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 



239 



Ich hielt sie mit der linken Hand umschlungen, während ich sie mit 
der rechten zwischen den Beinen anfaßte. Ich empfand ein wohliges 
Gefühl; während wir uns unverwandt in die Augen blickten, glitten 
Wir nieder. 

Sie sagte, sie wollte mir ja nichts Böses tun, lächelte herzlich, 
zog mich an sich, ihr Gesicht begann sich plötzlich zu verändern, es 
lächelte mich jetzt meine Schwester an. 

Von Liebe übermannt, wollte ich sie stürmisch an mich drücken 
— da ging plötzlich die Türe auf und hereingestürmt kam eine ältere 
Frau. Ich erschrack, erwachte — Pollution." 

Das erste Traumstück beginnt in seinem Geburtsort und seinem 
Geburtshause. Wir kennen aus unseren früheren Analysen die Deutung, und 
ein Freudschüler strenger Observanz wird nicht verlegen sein, diesen Geburts- 
ort als Symbol der Mutter anzusprechen. Wir erfahren, daß der Bruder 
des Vaters ihm sehr ähnlich ist, und sehließen, daß er im Traume für den 
Vater steht. Der Redekampf zwischen dem Onkel und ihm ist die Wieder- 
holung alter Vorwürfe. Er war ja längere Zeit ganz arbeitsunfähig und 
ist heute auch noch nicht imstande, seinem Vater im Geschäfte zu helfen. 
Er begründet das mit seiner Krankheit. Die inzestuöse Einstellung zur 
Mutter ist ziemlich durchsichtig. Die Hemmungen, welche bestehen, so daß 
er dem Vater nicht im Geschäfte helfen kann, rühren zum Teil von einer 
Haßeinstellung als Rivale her. Am Vortage des Traumes hatte er mit 
dem Vater einen kleinen Disput, weil der Vater in einer Rechnung einen 
Fehler gemacht hatte, den er nicht einsehen wollte. Im Traume rächt er 
sich für den Vorwurf des „Nichtackernwollens x ) (ackern für koitieren) durch 
eine Anspielung auf das Alter des Vaters. Er sei nicht mehr recht für die 
Ehe tauglich. Das Elternpaar sei schon alt, es lebe viel zu lange („Die 
zwei gehören schon in die Wurst'!"), und der Linke (der Vater) wäre" ein 
alter Krampen. (Er ist eine Mähre — ist auch eine Anspielung auf die 
Heimat . . . Mähren.) Dann kommt allerdings die Rache des geschmähten 
Vaters als Verfolgung durch das Pferd. 

Der Träumer erzählt, daß er sich seiner Inzestgedanken 
auf Mutter und Schwester voll bewußt gewesen ist und 
nur geglaubt habe, es wäre das alles schon vorbei. Er 
träume aber noch jetzt hie und da von einem Verkehre mit der Mutter 
und besonders häufig mit der Schwester. Er habe aber geglaubt, daß diese 
Träume nichts zu bedeuten hätten und nur der Nachklang einer überwundenen 
Periode wären. Er erinnere sich aber nicht, jemals den Vater in seine 
sexuellen Phantasien einbezogen zu haben. 

Wir erkennen aber die bipolare Einstellung gegen den Vater. Sein 
Leiden muß auch mit einer nicht überwältigten Homosexualität zusammen- 
hängen. Nun deutet seine Krankengeschichte eine Begebenheit der Kindheit 
an, die ihn tief beeindruckt hat. Gerade in diesem „Geburtsorte" gab es in 
der Schule einen Lehrer, der die guten Schüler auf sehr merkwürdige, einzig 
dastehende Art belohnte. Wenn einer sehr gut entsprach und der Lehrer 

') Er ist ja in der Tat faul, und der Acker seines Geistes trägt auch keine 
Früchte. 



240 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

sehr zufrieden war, so sprach er: Gut mein Sohn! Du sollst belohnt werden! 
— und gab ihm den erigierten Penis in die Hand, den der Knabe bis zur 
Ejakulation behalten durfte. Das geschah öffentlich vor der ganzen Klasse! 
Dieser Lehrer konnte den Unfug bis vor fünf Jahren ungeniert weiter treiben, 
dann erst mußte er infolge einer Anzeige den Ort verlassen, ohne mit dem 
Gericht in Berührung zu kommen. Christoph, der ein besonderer Liebhng des 
Lehrers war, wurde die Ehre oft zuteil und er war der am häufigsten Aus- 
erkorene. Er soll auch der schönste unter allen Knaben gewesen sein. Von 
diesem Erlebnisse an ziehen sich homosexuelle Szenen bis zum 17. Lebensjahre, 
in dem sie plötzlich abbrechen. Jetzt weiß er nicht, daß diese Szenen Zeichen 
von Homosexualität waren, und behauptet nur, daß er „vor allen diesen 
homosexuellen Sachen" einen fürchterlichen Ekel hat. Der Knabe hat un- 
bewußt Tendenzen, die verlangen, daß der Vater das gleiche machen soll 
wie der Herr Lehrer. So ein Beispiel fordert ja zu dieser Art Belohnung 
heraus. 

Er wird von homosexuellen Gedanken verfolgt. 
(Das linke Pferd!) Wir kommen jetzt zur funktionellen Bedeutung des 
Traumes. Er stellt eine Verfolgung dar. Die Beziehung zum Arzt ist klar. 
Er wird jetzt vom Arzt durch alle seine Erinnerungen (die Flucht von 
Zimmern!) verfolgt. Diese Flucht von Zimmern wird von Freud gewöhnlich 
als eine Flucht von Frauenzimmern (Lupanar) aufgefaßt. Ich habe schon 
wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß es sich um die Kammern der 
Seele handelt, daß die Verfolgung durch alle Gemächer des Kopfes geht 
(Hirn gleich dem obersten Stocke ... dem Oberstübchen . . . Vergleiche die 
Redensart: Der Mann ist im Oberstübchen nicht ganz richtig). Wir sehen, 
wie ihn ein bestimmter Gedanke über alle seine Barrieren und Hindernisse 
verfolgt, wie er sich dieses versuchenden Gedankens nicht erwehren kann. 
Die Hilfe kommt ihm von der Schwester. Sie schiebt ihm einen kleinen Ofen 
zu, der ihn vor dem Pferde rettet. Der Ofen und die Ringe symbolisieren 
die Weiblichkeit der Schwester . . . Der Traum sagt: Vor der homosexuellen 
Einstellung zum Vater kann dich nur die Schwester, kann dich nur eine 
Frau retten. Der Traum zeigt auch die prospektive Tendenz : Er wirft 
die Schwester dem Vater hin und rettet sich durch eine andere Tür. Er 
wird seine Komplexe überwinden. Die Beziehung zum Arzt ist auch klar: 
Er wird meiner weiteren Verfolgung dadurch entgehen, daß er mir die Inzest- 
wünsche auf die Schwester, nach denen ich ihn nicht gefragt habe, eingestehen 
wird. Der Traum drückt den Vorsatz aus, mir seine Phantasien und Er- 
lebnisse mit der Schwe'ster mitzuteilen. Aber dadurch hofft er einer weiteren 
Untersuchung seiner Begehrungsvorstellungen zu entgehen und mir die Ein- 
stellung zu Vater und Mutter verschweigen zu dürfen. 

Nun schläft der Träumer wieder ein, wiederholt den Traum, um ihn 
erzählen zu können. Wir können annehmen, daß der Traum schon bei der 
ersten Wiederholung redigiert und verändert wird. Wir bekommen dann nur 
einen Auszug, der das Wesentliche verschweigt ... Er erzählt mir im 
nächsten Traume den Traum. Solche Träume erhält man sehr selten. Wenn 
eine Dame träumt, sie hätte ihren Traum dem Arzt erzählt, so hat sie das 
Peinliche schon im Traume erledigt und die Erinnerung für den Traum ver- 
schwindet, ebenso wie in den Fällen, da die Kranken erzählen: „Heute habe 
ich etwas Wichtiges geträumt. Ich sagte mir noch im Traume oder Halb- 
schlaf, das mußt du dem Doktor St. erzählen. Ich weiß es nicht mehr. Aber 



Der rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 941 

es war sehr wichtig." Damit wird der Arzt zum Besten gehalten, der Wider- 
stand wird im Traum überwunden, der Wunsch, es zu erzählen, wird im 
Traum erfüllt, der Wunsch, es zu verschweigen, ist der stärkere; so setzen 
sich beim Träumer beide- Strömungen durch. 

Der nächste Traum: Wieder eine Darstellung der Analyse. Ich stehe 
in dem oberen Stockwerke vor einem Schranke, der sein Gehirn oder seine 
verschlossene Seele symbolisiert. Aber die Analyse wird nicht lange dauern. 
Die wilde Jagd nach seinen Geheimnissen und Schätzen wird bald aufhören. 
Der Arzt muß verreisen (sterben!). Hier tritt der Arzt das Erbe des Vaters 
an. Der Traum zeigt die deutliche Übertragung vom Vater auf den Arzt. 
Im ersten Traum erscheint die Verfolgung durch den Vater, im zweiten und 
dritten ist der Vater schon ganz ausgeschaltet. Sein Name ist im Traum 
überhaupt nicht genannt, er ist ja das Geheimnis, von dem nicht gesprochen 
werden darf . . . Der Arzt schnürt die Schuhe; das ist ebenfalls ein be- 
kanntes Todessymbol und der deutliche Wunsch, die Behandlung los zu werden. 

Nun soll eine Maschine in Gang gesetzt werden. Er ist Maschinen- 
ingenieur und hat täglich mit Maschinen zu tun. Die Maschine ist ein 
Symbol seiner Seele, die so schlecht funktioniert, ein Symbol für ihn selbst, 
für alles Kräftige und Treibende in ihm. Was dem Arzt und der Mutter 
nicht gelingt, das gelingt ihm aus eigenen Kräften. . Zuerst versuche ich, die 
Maschine in Gang zu bringen. Ich nehme den mysteriösen Papierbällen 
und lege ihn vorne; die Mutter besorgt die Feuerung in der Mitte. 
Er aber schwingt sich in die Höhe und besorgt die Feuerung b e n. 1 ) Er 
ist der Höchste, er triumphiert über mich und meine Unfähigkeit, ihn zu 
heilen. Ich fahre dann nach Brunn. Dazu-, fällt ihm ein Schüler ein, 
der immer nach Brunn nach Hause fuhr. Er erinnert sich einer Situation, 
in der er Lehrer war. Ich bin also ein Schüler, ich soll bei ihm lernen, 
wie man eine Maschine in Gang bringt. Wenn ich auch etwas von kranken 
Seelen verstehe, von seinem Fache (er ist Maschineningenieur!) habe ich keine 
Ahnung, da ist er der Meister und ich der Ignorant. Dieser Trostgedanke 
dient dazu, um sein Selbstbewußtsein zu stärken und kein Gefühl der Minder- 
wertigkeit mir gegenüber aufkommen zu lassen. Dabei finden sich eine Menge 
Schmähungen auf den impotenten Vater und den ebenso unfähigen Arzt. 
Er ist täglich eine halbe Stunde. bei mir. Er merkte schon, daß ich auf die 
Uhr blicke, ob seine Zeit vorüber ist. Im Traume kommt die halbe Stunde 
vor und das Blicken auf die Uhr. Er zeigte einen Tag vorher seinem Vater, 
wie eine Auf gab^ technischer Natur gelöst werden müsse. In diesem Traume 
zeigt er auch mir, daß die Sache anders gemacht werden müsse. 

Wir sehen, wie die Beziehungen zum Arzt, als dem Repräsentanten 
des Vaters, den ganzen Traum durchsetzen. Damit wäre aber die Bedeutung 
des Traumes nicht erschöpft. Denn er ist ein Pollutionstraum. Es ist inter- 
essant zu beobachten, wie der onanistische Akt, der dann als Pollution (Lust 
ohne Schuld!) aufgefaßt wird, in den drei Traumstücken vorbereitet wird. 
Im ersten Traumstück flieht er vor der Homosexualität, wobei deutlich die: 
Beziehungen der Homosexualität zum Mutterkomplex zutage treten. Im 
zweiten Traumstück heißt es, die Maschine der Sexualität in Gang bringen. 
Es gelingt dies weder dem Vater (dem Maschinenführcr, der an der Maschine 
herummanipuliert), noch der Mutter, noch dem Arzt. Er allein ist das 

*) Nachträgliche Ergänzung. 

Stelsol, Stümngeu de« Triob- und Affekilobon». II. 2. Aufl. ig 



242 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

imstande. Hier verrät sich der geheime Stolz des Onanisten, die Genug- 
tuung des Autoerotikers. (Der von Flammen bestrichene Vorsprung ein 
phallisches Symbol. 1 ) Die Onanie erweist 'sich als Sicherung gegen alle 

sexuellen Gefahren. Das Sicherheitsventil zischt und entlädt sich — 

ein Vorbild der bald nachfolgenden Pollution. 

Doch die Angst vor der Onanie, die großen Affekte, die Angst vor 
Homosexualität und dem Inzest wecken ihn aus dem Schlafe. Das Bewußt- 
sein (der Maschinführer) versucht immer wieder sich der Gedanken zu be- 
mächtigen und die Gespenster der Nacht zu bannen. Die Gedanken an einen 
Mann und an die Schwester werden unterbrochen und er schläft wieder ein 
Dreimal muß er verschiedene Situationen träumen, bis die Angst sich in 
Verlangen gewandelt hat. Erst floh er vor dem Pferd und der Schwester 
dann verließ er den Arzt und die Mutter und endlich kommt die Erlösung! 
Er konnte der Homosexualität standhalten, er konnte die heterosexuellen 
Inzestwunsche abwehren. Jetzt aber spielt der Trieb seinen 
höchsten und stärksten Trumpf aus, um die letzten 
Hemmungen zu überwinden: die B i s exualitä t. Das Mäd- 
chen mit dem Phallus, seine Schwester erscheint ... und verfolgt ihn 
Es verfolgen ihn offenbar die Gedanken: gib nach und onaniere. Er wehrt 
sich, er flieht vor diesen Gedanken. Er ist es ja, den er im Traum sieht. 
Er sieht das Weibliche in sich, das Weib mit dem Phallus, und dieser Ge- 
danke laßt ihm keine Ruhe durch die Flucht der nächtlichen Stunden. Er 
stürzt sich auf die weibliche Person und will sie würgen: So kämpft 
er mit seinem Triebe, so wehrt er sich gegen den Auto- 
er otismus. Der Trieb aber merkt die Schwäche seines Widerstandes 
und gibt ihm zu bedenken, daß er nur sein Gutes wolle. Er greift mit der 
Rechten an seine Genitalien und mit der Linken markiert er eine Um- 
armung. Da kommt der Orgasmus (die Schwester lächelt ihn an!) und 
wahrt nicht lange. Denn eine alte Frau erscheint. Die Tür geht auf, d. h. die 
Tore des Bewußtseins öffnen sich 2 ) und die Reue bemächtigt sieh seiner 
Seele. Er wacht auf und ärgert sich über die Pollution. Die alte Frau 
kann auch das Symbol der Mutter sein. 3 ) Dafür habe ich ja keine Anhalts- 
punkte, weil der Patient sie ganz anders beschreibt. 

Wie verhält sich dieser Traum in hezug auf seinen Inhalt? Ist er 
eine Wunscherfüllung, ist er eine Warnung, ist er eine Prophezeiung? Sicher 
werden in diesem Traume sehr viele Wünsche erfüllt. Er ist standhaft gegen 
so viele Versuchungen, er umarmt seine Schwester, er triumphiert über den 
Vater und den Arzt. Doch das Wichtigste ist, daß dieser Traum die Pol- 
lution als Sicherung gegen alle Gefahren der Sexualität einleitet und gegen 
alle inneren Hindernisse durchführt. 

Eine andere Bedeutung des Traumes muß noch hervorgehoben 'werden 
Seme Neurose muß doch in dem Traum in irgend einer Person oder einem 
Gegenstande symbolisiert sein. Der Patient sagte auf die Frage, was ihm 
zu der Maschine einfalle: meine Krankheit. Die mit Glas gedeckte Halle: 
das Durchsichtige seiner Krankheit; die Maschine: seine Neurose. Nun 
vergleicht der Kranke immer seinen Körper mit einer Dampfmaschine und 

*) Nachträgliche Ergänzung. 

2 ) Die Schwellensymbolik Silberere. 

3 ) Eine weitere Bedeutung des alten Weibes wird später erörtert. 



Der rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 243 

besonders seinen Magen. Er hat ja allerlei Hungerprozeduren hinter sich. 
Er konnte nicht essen und magerte fürchterlich ab, sieht wie ein Skelett 
aus, weil er seinen Sexualtrieb aushungern und sich für seine sündigen 
Regungen bestrafen wollte. Dieser Mann hat 'sich mit seiner 
Neurose ein wunderbares Sicherheitsventil einge- 
richtet. Will er zu einem Mädchen gehen, so erkrankt er an so heftigen 
Magenschmerzen, daß ein Rendezvous unmöglich ist. Diese Magenschmerzen 
produziert er aber dadurch, daß er schon vorher vor Aufregung und Brech- 
reiz nicht essen kann. Wir merken, wie schlau diese Inszenierung seiner 
Magenstörung ist. Erst werden der Ekel und der Brechreiz produziert, um 
die Nahrungsaufnahme zu verhindern. Dann aber bohrt der Hunger, und 
dieser Hunger wird als Magenkrampf aufgefaßt und wird so stark, daß der 
Hunger die Liebe ertötet. Die Begierde nach Nahrung ist 
dann stärker als die Begierde nach dem Weibe. Nach 
solchen Attacken überfällt ihn ein Heißhunger. 

Es fällt ihm ein, daß er schon nach dem ersten Traume mit fürchter- 
lichem Hunger erwachte. Dieser Hunger steigerte sich im zweiten Erwachen, 
um nach der Pollution vollkommen zu verschwinden. 

Was ich in den „Nervösen Angstzuständen" behauptet habe, nämlich 
daß der Hunger die sexuelle Libido vertreten kann, wird hier klar aus- 
geführt und illustriert. Jetzt verstehen wir auch die Heizung der Maschine 
mit Papier. Der Kalorienwert des Papieres ist ebenso gering wie der 
Kalorienwert der Nahrung, welche er in sexuellen Gefahren zu sich nimmt. 
Er hat also in seinem Magen ein ganz wunderbares Sicherheitsventil ge- 
funden. Er hungert sich aus und die Befriedigung des Essens ersetzt ihm 
die sexuelle Befriedigung. Er erzählt eine Unmenge von .Erlebnissen, die 
alle beweisen, wie geschickt er seine Neurose verwendet. Ihn reizt 
jedes Mädchen und er bringt es so weit, daß sie ihm 
ein Rendezvous gibt, in seine Wohnung kommt oder 
ins Hotel mit ihm geht, aber nie ist es zu einem Verkehr 
gekommen. 

Für die Analyse ergeben sich schlechte Aussichten. Er will auf sein 
Sicherheitsventil, die Neurose, nicht verzichten, er will die Art seiner 
Heizung fortsetzen und wünscht den Arzt über alle Berge. Ja, er will sich 
lieber zur Onanie bekehren, will die Reue und die eigenen Vorwürfe erdulden, 
doch auf seine Sicherung nicht verzichten. 

Wir sehen einen nach innen gerichteten Willen zur Macht und eine 
entschieden weibliche Einstellung; der Orgasmus tritt auf, wie er sich als 
Weib fühlt. Und die höchste Lust ist immer an die 
stärksten Strömungen des Innern gebunden. Er flieht 
die Weiber nicht, weil er eine Niederlage fürchtet, denn er hat seine Potenz 
bei Dirnen so kräftig erwiesen und ist ihrer so sicher, daß er sie überall 
verwenden kann, wo keine moralischen Hemmungen vorliegen. Bei an- 
ständigen Mädchen erscheint die Assoziation zur Schwester, bei Frauen die zur 
Mutter. Die Homosexualität ist durch die Beziehungen 
zum Vater verbarrikadiert. Und hinter allen Hemmungen steckt 
eine übergroße Religiosität, die bei ihm jahrelang manifest dauerte und 
nun scheinbar überwunden ist. Er wollte Geistlicher werden und gab diesen 
Plan erst mit 14 Jahren auf. Es ist sehr wahrscheinlich, daß alle seine 

16* 



244 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Störungen in einer Ehe verschwinden werden, wenn es gelingt, ihn von seinem 
Elternhause zu lösen. 

Ich glaube, auch dem der Traumdeutung Unkundigen wird die Perolin- 
spritze, aus der eine weiße, seifenartige Flüssigkeit herausspritzt, als phäni- 
sches Symbol erkennbar sein. Es wird aber verständlich, daß er sich im 
16. Jahre in einen Kollegen verliebte, weil er seiner Schwester ähnlich sah. 
Die nie verdrängten Inzestgedanken an die Schwester nötigten zur Abwehr. 
Die anständigen Mädchen wurden alle Schwestern und wurden wie Schwestern 
behandelt. Die Dirnen differenzierte er von seiner Schwester und durfte bei 
ihnen potent sein. Aber auch der Weg zur HomosexuaUtät war ihm durch 
die Schwester versperrt. Er sah in allen Jungen die Schwester mit dem Phallus. 

Bedeutsam aber ist, daß die weitere Analyse eine sexuelle Fixierung 
an den Vater zeigte, wie ich sie in dieser Stärke kaum beobachtet habe. 
Hinter der scheinbaren Verachtung des Vaters, hinter seiner Manier, über 
ihn zu lächeln, steckte eine Liebe, die unersättlich und nie zu befriedigen 
war. Das böse Beispiel des Lehrers verlangte die Lieba in Formen, welche 
nur im Bereiche der Phantasie möglich waren. (Spätere Träume brachten 
mich in ähnliche Situationen!) So schwebte er zwischen Homosexualität und 
dem Don Juanismus. 

Wie kommt es aber, daß diese Menschen stecken bleiben und sich nicht 
zum richtigen Don Juan entwickeln? Das hängt mit einer außerordentlich 
starken inneren Frömmigkeit zusammen. Diese rudimentären Typen sind 
zuviel mit Moral belastet. Sie spielen wohl gerne den Unmoralischen, sorgen 
aber dafür, daß die Moral schließlich als Siegerin hervorgeht. 

Ich möchte noch einige Worte über die religiöse Bedeutung des Traumes 
sagen. Es ist merkwürdig, wie von allen Traumdeutern die naheliegende 
religiöse Bedeutung der Träume übersehen wird, obgleich sie doch die Be- 
deutung der Religion für das Seelenleben kennen und bedenken sollten,' daß 
eine solche gewaltige Kraft sich auch im Traum ausdrücken muß. Der 
Träumer ist lange Jahre sehr fromm gewesen. Hexen und Teufel spielten 
in seiner Phantasie die Rolle der Verführer. Auch in dem Traum ist hier 
die Beziehung zum Teufel ausgesprochen, der den schwachen Menschen ver- 
führt: zum Trinken, zum Huren, kurz zur Sünde. Die homosexuelle Regung 
wird häufig als Teufelswerk betrachtet. 

Unser Patient, der so lange fromm war, ist jetzt ein Atheist und 
Freigeist. Er mußte seiner Mutter schwören, jeden Sonntag in die Kirche 
zu gehen, was er mit 20 Jahren aufgab. Die Mutter protestierte erst da- 
gegen und war sehr unglücklich und fügte sich erst, als ihr Sohn sie von 
seinem vollkommenen Unglauben überzeugte. Sie sagte ihm aber wiederholt: 
Ich glaube bestimmt, daß Gott dich erleuchten wird und du eines Tages 
wieder fromm sein wirst. Darüber lacht er nur und ist überzeugt, daß diese 
Zeit nie kommen wird. Noch frömmer war seine Großmutter, bei der er 
jeden Sommer zu Gast war. Ein Traum, der zwei Wochen nach dem eben 
analysierten geträumt wurde, lautet: 

„Ich bin bei meiner Großmutter. Sie geht früh morgens in die 
Kirche und fordert mich auf, mitzugehen. Ich weigere mich. Am 
nächsten Morgen wiederholt sie die Aufforderung. Ich bekomme heftige 
Magenschmerzen und sage: Ich werde ein Sonnenbad nehmen. Das ist 
dasselbe ..." 



D er rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 245 

Wir sehen, wie die Imperative der Kindheit in der Mahnung der Groß- 
mutter im Traume lebendig werden. Wir konstatieren einen Zusammenhang 
zwischen der Weigerung, in die Kirche zu gehen, und den Magenschmerzen 
und lernen, daß die Sonnenbäder des Patienten eine Ersatzreligion sind, wie 
ich das wiederholt betont habe. Wir forschen nach und hören, daß der 
Kranke jeden Abend mit der Versuchung kämpft, ein „Vater unser" zu 
sagen; daß er das abwehrt und sich gesteht: „Das ist doch ein Unsinn! 
Du glaubst ja diese Sachen nicht mehr." Trotzdem passiert es ihm im Halb- 
schlafe, daß er einige Sätze aus dem „Vater unser" betet, weil er sich wieder 
als Kind fühlt. Er trägt zwei kleine Marienmünzen immer bei sich, die er 
in e,inem Wallfahrtsort erhalten hatte. „Es ist so mehr ein Aberglauben. 
Ich trage sie immer in meiner Börse, weil ich glaube, daß sie mir Glück 
bringen." Er hat 'sein Gebetbuch der jüngeren Schwester geschenkt, wo er 
es dann immer wieder sehen und in die Hand nehmen kann. Er besucht 
Kirchen, weil er sich für Kirchenmusik interessiert. — — — 

Wie zeigt sich das im Traume? Der Teufel erscheint ihm in der 
Gestalt des Pferdes 1 ) und will ihn durch seine Teufelskünste verführen. 
Deshalb kommt das Pferd durch alle Türen und über alle Hindernisse. Er 
glaubte eine Zeitlang fest an den Teufel. Er ging in eine Kirche, wo der 
Pfarrer sehr viel vom Teufel sprach, auch behauptete, es gäbe lebende Zeugen, 
die einen Teufel gesehen hätten. Sein Großvater war ganz empört, daß der 
Pfarrer den Gläubigen so dumme Geschichten erzähle und weigerte sich, 
ferner in die Kirche zu gehen. Er wurde aber immer mit der Angst vor 
dem Teufel erzogen. War er schlimm, so hieß es, der Teufel werde ihn holen. 
Wollte er nicht beten, so ließ man im Nebenzimmer klappern und der 
Teufel wurde angesagt. Demselben Erziehungszwecke diente die Hexe. Eine 
alte, häßliche Frau kam einmal als Hexe in sein Zimmer und schreckte ihn 
und die anderen Kinder so furchtbar, daß sie noch viele Jahre an diese ent- 
setzliche, schreckliche Erscheinung denken mußten. Im Traume wird er vom 
Teufel verfolgt, vor dem er sich rettet. Im zweiten Traumstück ist er selbst 
der Teufel und kann zaubern. Dies war die stärkste Sehnsucht seiner Jugend 
und er hätte sich gern dem Teufel verschrieben, um zaubern zu können. 
Nur durch Teufelskünste bringt er die höllische Maschine in Bewegung. I n 
seiner Kindheit war es auch sein heißer Wunsch, sich 
eine Lokomotive durch Zauber zu erbauen und mit 
ihr zu fahren, wohin er wollte. 

Die Magd, die ihm drei Papierknäuel bringt (Anspielung auf die 
heilige Dreieinigkeit?), (seine Liebesbriefe?), ist wie in vielen Träumen ein 
Symbol der Himmelsmagd, wofür ich viele Beweise erbringen könnte. Er 
war ein schwärmerischer Marienverehrer. Er muß erst diesen Kult aufgeben, 
um zaubern zu können. Doch der Traum ist ein Kompromiß aus beiden 
Regungen und drückt auch eine polare Strömung aus: Er heizt mit himm- 
lischem Feuer, mit dem Glauben, der ihn schützt und sein Leben auf die 
richtige Bahn bringt. Er wünscht mich zum Teufel, um seine geheime Re- 
ligion weiter führen zu können. Doch der alte Kinderwunsch, Zauberer zu 
sein, geht am deutlichsten hervor. (Der Traum stellt eben nicht einen 
Wunsch dar, sondern ein Konglomerat von Wünschen, die im wirren Durch- 
einander durch die Seele ziehen.) Im Traum, der sich anschließt, ist der 



x ) Der Pferdefuß ist ja das charakteristische Zeichen des Teufels! 



246 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



Zauber ebenso durchsichtig. Die religiöse Bedeutung des Anspritzens (mit 
Weihwasser . . . Perolin reinigt und desinfiziert die Luft!) ist leicht zu 
erkennen, ebenso wie die Vermengung von religiösen und sexuellen Motiven, 
die in der Neurose und Psychose eine so überragende Rolle spielen. 1 ) Er 
erliegt der Versuchung, er wird von einer Teufeline verführt. Das alte Weib 
am Schluß ist die Hexe seiner Kindheit, die erscheint, um den Sünder zu 
bestrafen. (Er gibt auch eine starke Gerontophilie zu und hat sich einmal 
in eine 60jährige Dame verliebt.) 

Die Bibel, die Evangelien, seine Gebetbücher, seine Beichtzettel, sie 
befinden sich alle in den Papierknäueln, die er verbrennen muß, um sich von 
allen religiösen Hemmungen zu befreien. 

Der Traum zeigt also eine prospektive Tendenz, die Hemmungen der 
Religion, die Angst vor Hölle und Teufel, die Angst vor Hexen zu über- 
winden und sich den Trieben hinzugeben. Er wird sein Leben in die Hand 
nehmen, wird seine Maschine selbst heizen, wird sich Frauen hingeben, die 
alle das Bild seiner Schwester tragen werden. Deutlich drückt auch der 
Traum aus, daß die Homosexualität auf diese Weise fixiert wird, daß alle 
Frauen Affektwerte der Mutter und Schwester erhalten. Er befindet sich 
auf einer sexuellen Leitlinie, die vom Weibe weg zum Manne führt. Diese 
will er verlassen und, alle Hemmungen überwindend, ein normaler Mensch 
werden. Er benötigt nicht mehr die Sicherungen seiner Neurose, er ist sein 
eigener Herr, empört sich gegen die religiösen Imperative, wird selbst zum 
Zauberer und Gott. Er macht hemmungslos, wozu es ihn treibt. 

Wir erhalten durch diesen Patienten einen tiefen Einblick in den 
Mechanismus, der zur ausschließlichen Homosexualität treibt. Dieser 
Patient hätte ein Homosexueller werden können und hätte uns dann 
die bekannte homosexuelle Lebensgeschichte erzählt. Er war lange 
Zeit sanft wie ein Mädchen, spielte bei der Großmutter mit Puppen, 
kochte sehr gerne und zog die Gesellschaft von kleinen Mädchen vor. 
Diese Erlebnisse haben viele Heterosexuelle, aber sie vergessen sie. 
Später, wenn sie sich für die alleinige unumschränkte Homosexualität- 
entschieden haben, werden diese Erinnerungen als Beweis der ange- 
borenen Homosexualität hervorgesucht und durch Wiederholung ver- 
größert und fixiert. 

Doch gab es in seinem Leben eine Episode, die ihn in die Bahn 
der Homosexualität hätte drängen können: Die Szene mit dem Lehrer, 
die noch dazu öffentlich war. Doch was dem einen ein Anstoß sein 
kann, sich ganz diesen Reizen zu ergeben, wirkt auf den andern wie 
eine Warnung und hält ihn von dieser sexuellen Leitlinie ab. Jede 
Wirkung kann sich positiv und negativ äußern. Traumen der Kindheit, 
die durch ältere Personen ausgeübt wurden, können eine Gerontophilie 
erzeugen, aber auch eine Neigung zu Kindern, je nachdem das ln- 

*) Vgl. Hans Freimark: „Das sexuelle Moment in der religiösen Ekstase" (Zeit- 
schrift f. Religionsphilosophie, Bd. II, H. 1?); ferner: „Das Hexenproblem" (Die neue 
Generation, 8. Bd.) und „Sexuelle Besessenheit", 9. Bd. 



Der rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 247 

dividuum den Alten oder den Jungen spielen will. Die Verführung 
durch die Mutter kann aber den Menschen ganz der Homosexualität 
zutreiben, wie ich es in einem Falle erfahren habe. Homosexuelle 
haben sehr oft pathologische Mütter, die an Melancholie leiden und 
deren Handlungsweise unberechenbar ist. Meine Erfahrungen haben 
mir leider bewiesen, daß die Traumen nicht nur von Dienstboten, 
sondern auch von den Eltern ausgehen können, und daß derlei Vor- 
kommnisse nicht zu den Ausnahmen gehören. 

Hier wirkt das Erlebnis mit dem Lehrer, dessen abstoßende Öffent- 
lichkeit, als ein Hindernis für die Entwicklung der Homosexualität. 
Der Gedanke: „Du kannst so werden wie dieser Lehrer!" 
hinderte die Entstehung einer sogenannten echten Homosexualität, für 
die alle Vorbedingungen gegeben waren. Es fehlt selbst nicht der 
charakteristische Ekel vor dem Weibe! Es fehlt nicht die inzestuöse 
Verankerung an die weiblichen Mitglieder der Familie. 

Und obwolü dem Patienten so vieles aus dem Sexualleben bewußt 
war, was anderen nur im Dämmerlichte abgetönter Tagesphantasien 
oder in wirren Traumgestalten erscheint, war ihm eines vollkommen 
unklar : sein Verhältnis und seine Einstellung zum Vater. Er ist gegen 
den Vater immer in gereizter Stimmung und vermeidet es, mit ihm allein 
zu sein, da es leicht zu Streit und Auseinandersetzung kommt. Diese 
Empfindlichkeit dem Vater gegenüber beweist, daß sich Affekte ver- 
bergen, deren er nicht Herr werden kann. Was er vom Vater erwartet 
und verlangt, das habe ich schon angedeutet. Er wünscht, von ihm 
wie von dem Lehrer behandelt zu werden. Er hatte in der Behandlung 
auch einen Traum, in dem mir diese Funktion zugewiesen wurde. Er 
ist homosexuell an seinen Vater fixiert, heterosexuell an die weiblichen 
Mitglieder seiner Familie. 

Interessant ist es, zu beobachten, wie der homosexuelle Trieb 
trotz aller Erlebnisse der Kindheit verdrängt und mit Ekel belegt 
wurde. Wir können uns jetzt das Entstehen der Magenschmerzen so er- 
klären. Er denkt immer nur an Frauen und ist ein schöner Fall eines 
steckengebliebenen rudimentären Don Juans. Er knüpft unzählige 
Verhältnisse an und kämpft immer mit Schwierigkeiten. Das heißt, er 
sucht sich schon Objekte, wo diese Schwierigkeiten vorhanden sind, 
weil sie dann nicht gefährlich sind. Werden die Schwierigkeiten (Sym- 
bole des Unerreichbaren, also der Inzestobjekte!) überwunden, so 
schwindet die Liebe oder es funktioniert seine Schutzvorrichtung: der 
Magenschmorz. Er kommt sogar bis ins Hotel mit dem Mädchen, kann 
aber dann vor Schmerzen nicht verkehren. Der starke Brechreiz ist 
Ekel. Er entsteht nicht allein durch die Abwehr der Heterosexualität. 
sondern durch das Vordrängen der homosexuellen Triebkraft. In der 



248 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



entscheidenden Nacht vor dem Rendezvous gärt es in ihm und eine 
Stimme sagt ihm innerlieh: „Eigentlich begehrst du ja gar nicht dieses 
Mädchen, du sehrist dich nach einem Manne, wie nach dem Lehrer 
oder nach dem Freunde." — Gegen diese homosexuellen Gedanken 
wird die Schutzvorrichtung des Ekels konstruiert und diese funktioniert 
dann auch gegen das Weib. Denn das Weib als solches ekelt ihn nicht, 
er konnte mit Prostituierten ohne Ekel verkehren. Er empfindet aber 
Ekel vor allen homosexuellen Akten. So steht er zwischen Homo- 
sexualität und Heterosexualität. Beide Wege sind ihm durch seine 

religiösen Hemmungen verschlossen und das Resultat ist dann 

die Askese. 

Der Asket verbirgt sich hier hinter dem rudimentären Don Juan, 
den nur eine Krankheit verhindert, seine Triebe auszuleben. Gehen wir 
einen Schritt weiter, und die Anknüpfungen mit den Frauen unter- 
bleiben, wir haben den Don Juan der Gedanken und den Asketen der 
Realität. Eine weitere Stufe bildet dann die Verdrängung aller 
sexuellen Triebrichtungen. Der Asket wäre also zu defi- 
nieren als das Individuum, das im narzisstischen 
Stadium stecken geblieben ist, weil ihm beide 
Wege des All-Er o t i s mus (Homo- und" Het er o s exua- 
lität) verschlossen sind. Jedes monosexuelle Ob- 
jekt allein bringt die Triebkraft für einen se- 
xuellenAktnichtauf/dadie religio sen Hemmungen 
unüberwindlich sind. Sein ewig unerreichtes 
Ideal ist ein bisexuelles Wesen, ist eine Leiden- 
schaft von solcher Stärke, daß sie alle Hinder- 
nisse überwinden kann. Die Askese ist keine frei- 
willige, sondern eine durch die sexuelle Konstel^ 
lation erzwungene. 

Unser Patient hat sein sexuelles Ideal im Traume gefunden. Es 
ist die Schwester, die einen Phallus hat. Da erliegt er, der starke 
Kämpfer, gegen seine Triebe fcnd onaniert. Dem Bewußtsein wird dieser 
onanistische Akt d-ann als Pollution seiner Bedeutung beraubt und 
als ein Zufall dargestellt, für den man nichts kann. 

Freud betont mit Recht, daß den Psychologen besonders jene 
Fälle interessieren, die eine späte Entwicklung der Homosexualität 
zeigen, den Zustand, den Krafft-Ebing als tardive Homosexualität be- 
schrieben hat. Nach einer heterosexuellen oder bisexuellen Periode 
tritt dann die Entwicklung zur Homosexualität ein. Wir werden später 
einige Fälle von tardiver Homosexualität besprechen und versuchen, 
die Motive dieser Änderung aufzuweisen. Der nächste Fall bildet 
einen Übergang und zeigt uns einen Menschen, der sich noch im Kampfe 



Der rudimentäre Dou Juan — die moderne Messalina. 



249 



mit beiden Tendenzen befindet.- Es handelt sich um eine rudimentäre 
Messalina, ein interessantes weibliches Gegenstück zu dem eben be- 
schriebenen Patienten. 

Fall Nr. 34. Frl. Wanda K. beklagt sich über einen unseligen Zwie- 
spalt ihres Wesens, der ihr den vollen Genuß des Lebens unmöglich macht. 
Sie leidet an* heftigem unstillbaren Erbrechen, das sich aber nur einstellt, 
wenn sie ein Rendezvous haben soll. Sie hat die freiesten Ansichten, „die 
ein modernes Mädchen haben kann und soll". Sie lernt Männer kennen, die 
Sie interessieren und auch sexuell aufregen. Sie weiß, sie wird nie heiraten, 
bie ist 29 Jahre alt und noch, immer sehr schön und begehrenswert. Wie 
lange wird das noch dauern? Sie will ihr Leben genießen, sie will nicht 
sterben, ehe sie die Liebe, die alles gibt und nimmt, kennen gelernt hat. 
Aber sie hat einen nervösen Magen, der sie immer im letzten Moment hindert 
Sie erzählt ein Beispiel: „Letzten Sonntag sollte ich mit einem Herrn den 
ich auf der Straße kennen gelernt habe, einen Ausflug machen. Ich bin gar 
nicht prüde und lasse mich gerne ansprechen. Ich denke schon auf der 
Gasse: Wer wird mich heute ansprechen?, kokettiere wohl ein bißchen und 
kranke mich wenn ich nicht beachtet werde. Vor einigen Wochen spricht 
mich ein sehr eleganter älterer Herr an. Er ist sehr intelligent, was für 

mi $],!° 5 aUptsaehe ist - Ich kann nur mit Intellektuellen verkehren. Un- 
gebildete Menschen sind mir ein Greuel. Wir unterhalten uns ausgezeichnet 
und er wartet jetzt jeden Tag auf mich; wenn das Geschäft, wo ich an- 
gestellt bin, sperrt, sehe ich ihn schon an der Straßenecke. Dann gehen 
wir spazieren und reden über allerlei. Er hat es noch nie gewagt, über 
erotische Dinge zu sprechen. Ich habe also gar keinen Anlaßt, mich zu 
furchten. Trotzdem erwarte und ersehne ich den Moment, wo er anfängt 
und ich ihm zeigen kann, daß ich ein modernes Mädchen bin, die vor nichts 
zurückschreckt, wenn ihr ein Mann gefällt und sympathisch ist. Mehr ver- 
lange ich ja nicht. Man kann doch nicht gleich verliebt sein. Nun, wir be- 
sprechen für den Sonntag einen Ausflug in die Umgebung Wiens. ■ Ich bin 
schon Samstag sehr aufgeregt, male mir aus, wie er allmählich auf das 
sexuelle Thema kommen wird, wie er mich im Walde küssen wird, stelle 
mir vor, was ich antworten werde, wie ich mich ein wenig, ein klein wenig, 
sträuben werde und wie ich schließlich nachgebe. Ich bitte Sie! Es ist 
doch Zeit, daß ich aufhöre, eine alte Jungfer zu sein! Ist das nicht eine 
Schande mit meinen 29 Jahren? In meinem Büro haben schon die jungen 
Mädchen alle einen Geliebten und manche sogar mehrere auf einmal. So 
geht es fortwährend durch meinen Kopf. Ich bin sehr gut aufgelegt und 
pfeife sogar ein Liedchen. Aber am Abend kann ich bereits nichts mehr 
essen. Mein Magen ist wie abgesperrt, Es geht nichts hinein. Ich hoffe 
auf den Morgen. Stehe früh auf, richte mir das Touristenkostüm her und 
will mich ans Frühstück setzen. Ich kämpfe mit Brechreiz, zwinge mich 
doch zu einem Frühstück, das ich jedoch sofort erbrechen muß. Und dann 
setzt ein Brechreiz ein, der nicht aufhören will, so daß ich zu Hause bleiben 
muß und der Herr vergeblich beim Rendezvousplatz auf mich wartet. Natür- 
lich läßt er mich laufen, wenn das zweimal passiert und . . . es passiert 
mir leider immer." 

Sie weiß eine unerschöpfliche Fülle ähnlicher Erlebnisse zu berichten, 
die immer mit dem Erbrechen ihren Abschluß fanden. Sie hat eine ganze 



250 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Auswahl von Verehrern, junge, alte, reiche,, arme, gebildete und minder- 
gebildete, welche alle glauben, sie könnten sie erobern, da sie sehr offen und 
kokett ist und auch ungeniert über alle sexuellen Themen spricht. Sie ist 
Mitglied von Frauenvereinigungen, wie Mutterschutz, welche das unehelich 
geborene Kind beschützen, kämpft für die sexuelle Freiheit des Mädchens, 
ist eine Shannistin. Jeder Mann aber, der die Probe auf die Praxis macht, 
lernt erstaunt, welcher Unterschied zwischen ihren theoretischen Anschau- 
ungen und ihrem Benehmen besteht. Sie weicht allen Gelegenheiten aus, 
die ihr gefährlich werden können. Ein Bürokollege ersucht sie, ihn in seiner 
Wohnung zu besuchen. Er sammelt Bilder, sie interessiert sich für Bilder 
und er möchte ihr gerne seine Gemälde zeigen. Sie erfindet alle möglichen 
Vorwände, um diesen Besuch aufzuschieben, und erscheint schließlich in seiner 
Wohnung mit einer Freundin ... Sie hatte schon so viele Vergewaltigungs- 
szenen vorphantasiert, daß sie schließlich alle Unbefangenheit verloren hatte. 

Interessant ist es, daß dieser Seelenzustand sich erst nach einer Ver- 
lobung ausgebildet hat. Sie war bis zu ihrem 23. Jahre ein ganz normales 
Mädchen, nicht anders als alle andern. Da lernte sie einen Mann kennen, 
der sich in guten Verhältnissen befand und ihr auch sehr sympathisch war. 
Er verlobte sich mit ihr und sie war überglücklich und so verliebt, wie ein 
junges Mädchen sein kann, das der Meinung ist, sein Ideal gefunden zu haben. 

Der Bräutigam hatte nur einen Fehler: Er war furchtbar eifersüchtig. 
Er quälte sie mit Fragen über ihre Vergangenheit und sie mußte alles 
beichten, was einem Mädchen passieren kann. Nun, sie erzählte ihm, daß sie 
in den Katecheten, den Klavierprofessor und in eine Lehrerin verliebt ge- 
wesen, daß aber sonst nichts von Bedeutung in ihrem Leben vorgefallen 
wäre. Er aber hörte nicht auf zu quälen und zu fragen, sie solle lieber 
alles vor der Hochzeit sagen, er werde ihr alles verzeihen, er wolle nur 
nicht der Betrogene sein, er verlange vollkommene Klarheit und Wahrheit 
zwischen ihnen. 

Eines Nachts wachte sie aus einem Traume auf, in dem sie mit ihrem 
Bruder verkehrt hatte. Da fiel ihr ein Erlebnis ein, an das sie ganz ver- 
gessen hatte. Sie war bei dem verheirateten Bruder auf dem Lande zu Besuch. 
Seine Frau war zu Verwandten gefahren und er forderte sie auf, im Bette 
seiner Frau zu schlafen. Sie tat es und hatte dabei keinen erotischen Ge- 
danken, denn es handelte sich um den Bruder, vor dem sie sich nie geniert 
hatte, wie vor den anderen Brüdern, deren sie noch vier hatte. In der 
Nacht fühlte sie, wie die Hand des Bruders sie betastete. Er kam zu ihr 
ins Bett und küßte sie, sie war ganz schlaftrunken und glaubte zu träumen. 
Sie küßte ihn wieder und sie umarmten sich heiß. Sie weiß auch, daß sie 
sein Glied in die Hand nahm. Sie glaubt, daß der Bruder sich ungeheuer 
beherrschen mußte und wieder in sein Bett ging. Es ist ihr alles dunkel 
erinnerlich aus jener Nacht. Nur so viel weiß sie, daß es zu keinem Koitus 
gekommen ist. 

Diese Erinnerung erschreckte sie und sie wußte nun, daß sie ihren 
Bräutigam belogen hatte. Es handelte 'sich nur um eine Nacht, denn am 
nächsten Tage reiste sie ab und ihr Bruder riet ihr selbst dazu. Sie be- 
suchte eine Freundin in der Nähe und kam erst, bis die Schwägerin wieder 
da war. Aber sie fühlte, sie mußte ihrem Bräutigam, der ihr alles anver- 
traut hatte, auch die volle Wahrheit sagen. Sie erzählte ihm diese Szene, 
die sich fast im Traum abgespielt hatte. Er begann zu forschen und zu 



Der rudimentäre Don Juan — die moderne Messalina. 251 

fragen, daß ihr angst und bange wurde und sie schon selbst zu zweifeln 
begann. Sie konnte aber nur wiederholen, was sie wußte: Daß es zwischen 
ihr und dem Bruder wohl zu Küssen und Streicheln, aber nicht zu einem 
Koitus gekommen war. 

Ihr Bräutigam blieb nun einige Tage aus. Dann erhielt sie ein 
Schreiben, daß er nach ihren Mitteilungen nicht in der Lage sei, sie zum 
Altar zu führen und sich als freier Mann betrachte. Er sandte ihr den 
Verlobungsring zurück und ersuchte um Retournierung aller seiner Geschenke 
und Briefe. 

Sie war wie vor den Kopf geschlagen. Das also war der Dank für ihre 
Aufrichtigkeit! So hatte der Mann, den sie über alles geliebt hatte, sein 
Versprechen gehalten! Mußte sie nicht zur Ansicht kommen, daß er nur 
einen Vorwand vor sich selbst und vor ihr gesucht hatte, um wieder frei 
zu werden?! 

Da kam eine Periode, in der sie alle Männer haßte. 
Sie machte keine Ausnahme und begann auch den Bruder 
zu hassen, der an dem Unglück schuld war.. 

Dann kam der zweite Vorsatz: Es ist nicht wert, 
daß man anständig ist. Du- wirst leichtsinnig werden 
wie alle deine Freundinnen! 

Kurze Zeit nachher hörte der Haß gegen die 
Männer scheinbar auf und es trat das unaufhörliche 
buchen auf, das sie den ganzen Tag beschäftigte. Zu- 
gleich damit das Erbrechen! 

Es war, als wenn ein ungeheures Liebesbedürfnis mit einem ebenso 
starken Ekel kämpfen müßte. Ihr Trost in diesen schweren Tagen waren 
eine Freundin und die Schwester, an die sie sich sehr innig anschloß. 

Ihre Träume aber zeigen, daß hinter der Jagd nach den Männern etwas 
ganz anderes steckte: Der homosexuelle Trieb, der jetzt machtvoll- vor- 
drängte und mit Gewalt durch Liebschaften mit Männern zurückgedrängt 
werden mußte. Sie zeigte eine Reihe von untrüglichen Zeichen. Sie begann 
sich einfach und mehr männlich zu kleiden ; sie ließ sich die Haare schneiden 
und begann Zigaretten zu rauchen; ihr Wesen, ihr Gang wurden energisch 
und männlicher; sie verlor ihre Milde und Sanftmut und wurde hart und 
stark. In ihrem ganzen Wesen drückte sich ein Wunsch aus: Ich möchte 
ein Mann sein, der hat e's viel besser. Und merkwürdig! Jetzt fing sie an 
zu gefallen und die Männer stellten ihr zu Dutzenden nach. Aber sie spielte 
mit sich und mit den Bewerbern, von denen einzelne es vielleicht ernst 
gemeint hätten, wenn sie sie näher hätte herankommen lassen. 

Aber ihr Verlangen ging nicht mehr nach den Männern. Sie war auf 
dem Wege, homosexuell zu werden, und machte die letzten Kämpfe mit. 
Der Ekel galt nur der Abwehr und Sicherung der homosexuellen Regungen. 
Ihre Träume waren erfüllt von homosexuellen Szenen. Sie war selbst er- 
staunt, als sie begann, ihre Träume zu beobachten. Gleich der erste Traum, 
den sie mir mitteilte, handelte von der Schwester und der Freundin: 

Ich bin mit der Freundin am Gänsehäufel *) und wir sind beide 
ganz nackt. Ich sage: Bist du aber schön gewachsen. Du bist viel 
schöner als ein Mann. Sie umarmte mich und küßte mich auf den Busen, 

*) Ein Strandbad an der Donau in Wien. 



252 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

auf die Stelle, wo ich so empfindlich bin. Ich erwache mit Angst, Herz- 
klopfen und Brechreiz. 

Weitere Träume variieren diese Themen in endloser Reihenfolge. 
Männer 'spielen selten eine Rolle. Hie und da wird sie von ihnen verfolgt 
und flüchtet sich zu der Schwester oder Freundin. So stellt sieh ihr Konflikt 
auch in den Träumen als eine Flucht vor dem Mann in die Homosexua- 
lität dar. 1 ) 

Auch dieses Mädchen spielte den Freigeist und war innerlich 
fromm. Sie besuchte Sonntags die Kirche, um Kirchenmusik zu hören, 
sie glaubte nichts, aber sie betete hie und da aus alter Gewohnheit, sie 
las gerne in der Bibel, sie wehrte sich gegen leise Stimmen, welche sie 
drängten, wieder zu beichten. Eines Tages sagte sie: „Wissen Sie, 
ich dachte mir gestern, wenn ich wieder fromm sein und beichten könnte, 
dann wäre alles wieder gut . ." 

Wir sehen hier ein Mädchen, das auf dem besten Wege war, eine 
normale, heterosexuell empfindende Frau zu sein. Sie erlebt ein 
schweres Trauma und beginnt, alle Männer zu hassen und zu verachten. 
Sie kehrt sich von den Männern ab. Erleichtert wird diese Abkehr da- 
durch, daß die Männer alle Ersatz für die Liebe des Bruders werden, 
welche verdrängt und vergessen durch ihre traurigen Erlebnisse wieder 
neu aufflammen mußte. Deshalb konnte sie sich noch am besten mit 
älteren Männern unterhalten und auch mit ihnen Ausflüge usw. machen, 
ohne allzusehr vom Brechreiz belästigt zu werden. Die Gefahr war 
geringer und es stand hinter ihnen nicht das Bild des Bruders . . . 
Sie wendet sich von den Männern ab und beginnt die Sexualität in 
ein anderes Strombett zu leiten. Es handelt sich also um eine Re- 
gression im Sinne Freude auf die scheinbar überwundene Kindheits- 
periode. Sie wird auch im Hause fügsamer und folgt den Anordnungen 
ihrer Mutter, denen sie die letzten Jahre meist keine Beachtung ge- 
schenkt hatte. Sie fixiert sich wieder an ihre Familie, sie wird wieder 
fromm wie als Kind. Die Periode des Brechens ist der letzte Kampf 
gegen die Überwältigung durch die Homosexualität. 



1 ) Ich sehe sie nach 4 Jahren wieder. Sie kommt triumphierend in meine 
Ordination. „Ihre Prophezeiung, ich werde nie heiraten und als alte Jungfer sterben, 
hat sich nicht erfüllt!" Sie erzählt, daß sie mit einem verheirateten Manne Bekanntschaft 
angeknüpft hat Er führte sie in ein Restaurant und sie mußte Champagner trinken. 
Auf dem Heimweg deflorierte er sie im halbtrunkenen Zustande auf einer Bank im 
Rathauspark . . . Wozu hätte sie bisher Zurückhaltung geübt? Es wäre alles für die 
Katz! ... Sie gibt an, keinen Orgasmus gehabt zu haben. Sie wisse auch nicht, ob 
sie den Mann wieder sehen werde. — Nach einigen Monaten schreibt sie mir: „Ich 
habe Wien für immer verlassen. Ich glaube, Sie haben doch recht. Ich werde niemals 
mehr etwas erleben. Es steht wirklich nicht dafür!" 



Der rudimentäre Don Juan — die* moderne Messalina. 253 

Überblicken wir die drei eben analysierten Fälle, so imponiert 
uns in erster Linie der gewaltige Einfluß einer inneren, nicht offen 
eingestandenen Religiosität. Beide Männer waren auf der sexuellen 
Leitlinie, die von der Homosexualität zur Polygamie abzweigt. Sie 
waren aber nicht imstande, die religiösen Hemmungen zu überwinden. 
Zu schwach, sich offen zur Askese zu bekennen, suchten sie die kom- 
plizierten neurotischen Umwege, um sich gegen alle Gefahren zu 
sichern. Der eine spielte mit großem Geschick den Pechvogel, der gern 
ein Libertin sein möchte und vom Schicksal daran gehindert wurde, 
der andere ließ sich durch einen Magensehmerz zur Tugend zwingen. 
Sein Gegenstück ist das „moderne Mädchen", das für freie Liebe und 
Mutterrecht schwärmt und ihre Tugend mit Hilfe eines neurotischen 
-Brechreizes vor allen Überraschungen schützt. Wieder können wir den 
Neurotiker als Schauspieler bewundern, der es so meisterhaft versteht, 
vor der Welt und" sich selbst eine Rolle zu spielen und dabei sein 
wahres Wesen zu verbergen. Alle Menschen, denen die innere 
Freiheit fehlt, benehmen sich so, als ob sie frei wären. Sie fügen 
sich scheinbar einem fortschrittlichen sozialen Imperativ der Gegen- 
wart, während sie heimlich die Religion ihrer Väter ausüben. 

Man versteht aber, daß auch die homosexuelle Betätigung als die 
größere Sünde und Naturwidrigkeit unmöglich wurde. Die Religion 
bleibt als Schutz und Ausweg zugleich. Wir begreifen auch, daß diesen 
Menschen bei einer anderen Erziehung zwei Wege offen waren, welche 
sie infolge ihrer Hemmungen nicht betreten konnten. 

Das Mädchen kann noch homosexuell werden und manche Er- 
lebnisse der letzten Zeit sprechen dafür, daß die Hemmung dem homo- 
sexuellen Ansturm nicht werde standhalten können. In diesem Falle 
lag aber das traumatische Erlebnis, das sie allen Männern feind machte, 
nicht in der frühen Jugend. Es ist ein großer Irrtum, wenn man glaubt, 
daß Traumen in einem gewissen Alter ihre pathogene Kraft verlieren. 1 ) 

Es gibt Perioden in unserem Leben, in denen wir unverletzlich 
sind. Dann aber kommen Zeiten, die uns allen stärkeren Einflüssen 
zugänglich und überempfindlich zeigen. Jedes Jahrzehnt hat seine 
Krisen und schmerzhaften Perioden, in denen wir eine besondere Dis- 
position zeigen. 



') Vgl. das Kapitel „Das sexuelle Trauma der Erwachsenen", Bd. III 



Die Homosexualität. 

v. 

Homosexualität und Alkohol. 

Die Kranken sind die größte Gefahr 
für die Gesunden; nicht von den Stärksten 
kommt das Unheil für die Starken, son- 
dern von den Schwächsten. Nietzsche. 

Die Erfahrungen der Analyse haben uns ge- 
zeigt, wie lückenhaft und unvollständig die Ana- 
mnesen sind, welche uns die Patienten erzählen. 

Erst im Laufe von Wochen melden sich die „verdrängten" Er- 
innerungen und alle die Einstellungen, welche die Patienten nicht 
sehen wollten. Dann merken die Analysierten mit Erstaunen, daß sie 
sich gar nicht gekannt haben. Die Lösung des Problems wäre also 
so anzustreben, daß man eine große Anzahl von Homosexuellen ana- 
lysieren sollte. Nun ergeben sich merkwürdige Tatsachen, welche alle 
Analytiker bestätigen werden, und welche von den Anhängern der an- 
geborenen Homosexualität als Zeichen eines natürlichen Zustandes 
gedeutet werden: Die überwiegende Mehrzahl der 
Homosexuellen ist anscheine n.d mit ihrem Zu- 
stande sehr zufrieden und will gar nicht davon 
befreit werden. Sie kommen zum Analytiker, wenn sie mit dem 
Strafgesetze in Konflikt geraten sind oder wenn sie fürchten, in 
Konflikt zu geraten. Sie wollen nicht heterosexuell empfinden, sie sind 
stolz auf ihren Zustand und betonen es immer wieder, daß nur die 
soziale Ächtung sie unglücklich mache. Sie gehören zu den merk- 
würdigen Menschen, die ihr Unglück nicht sehen wollen. Deshalb immer 
dio Auskunft: Seit ich homosexuell verkehre, bin ich glücklich. Ich 
begehre nichts Anderes! Nur eine bescheidene Minderzahl wünscht 
sich „Weib und Kind" und normalen Zustand, fürchtet ihn aber eben- 
so wie der „Männerheld", der auf seine Homosexualität stolz ist. 

Wir dürfen nicht vergessen, daß die ausschließliche Homo- 
sexualität das Endprodukt eines langen, schwierigen, seelischen Prozesses 
darstellt, eine Art Selbstheilung aus einem schier unlöslichen Kon- 



Homosexualität und Alkohol. 25ö 

liikte. Der gefährliche heterosexuelle Weg ist scheinbar ganz verödet, 
weil er durch Hemmungen ungangbar gemacht wurde. Diese Hemmungen 
aufheben, heißt den Konflikt wieder akut machen, heißt, einen ab- 
geschlossenen Kampf wieder aufs neue eröffnen. Dem Homosexuellen 
bedeutet sein Zustand Ruhe und Frieden. Es ist freilich ein fauler 
Frieden und die heterosexuellen Kräfte sind noch immer stark genug, 
um neurotische Symptome zu bilden. Aber es ist doch ein Ausweg, 
den zu verlassen die Angst verbietet. Ebenso, wie die an Platzangst 
erkrankte Frau, die schließlich ihr Haus nicht verläßt, um diesen 
Preis angstfrei geworden ist und erst wieder an Angst erkrankt, wenn 
sie ihre Barrieren, die den Bezirk des Friedens, ihre Zone des 
Schweigens der inneren Stimmen, überschreiten will, ebenso werden 
beim Homosexuellen alle Kräfte der Abwehr wieder lebendig, wenn er 
sich heterosexuell betätigen will. Vor dem Weibe hat er Ekel oder 
Abscheu, es ist ihm nur scheinbar gleichgültig, aber nie wird er ein- 
gestehen wollen, daß er — Angst vor dem Weibe hat. Er 
trägt lieber die Maske des Indifferenten, er nähert sich dem Weibe 
nur als Intellektueller, schätzt sie als Freundin, aber er flieht sie als 
Geliebte. 

Darin gleicht der Homosexuelle dem Fetischisten : Er hat sein 
Kompromiß gefunden, er hat sich in die Beschränkung eingelebt und 
möchte seine Entsagung gerne als etwas Organisches, Fertiges, "Über- 
nommenes ausgeben. Deshalb werden wir in den meisten Fällen die 
bekannte Geschichte hören, daß der Homosexuelle schon als Kind 
homosexuell empfunden hat, daß er anders war als die anderen, daß 
er eine Ausnahmsstellung eingenommen hat. 

Der Stolz auf seine Krankheit, die immer 
wiederholte und betonte Ausnahme, die Opposi- 
tionsstellung gegen das formale erschweren eine 
nachträgliche Korrektur des Zustande s. 1 ) 

1 ) Ausgezeichnete Menschenkenntnis verraten die Worte von Hans Freimark 
über „Züchtbarkeit der Homosexualität": „Nur ein wenig Psychologie gehört dazu um 
zu begreifen, daß manchen Naturen das Besondere, das in den Augen der Allgemein- 
heit den Homosexuellen anhaftet, interessant und auszeichnend erscheint. Widerstände 
gegen homosexuelle Akte sind zunächst ja nicht zu überwinden. Das aber was man 
als homosexuelles Wesen bezeichnet, wirkt apart, wenn auch vielfach apart im üblen 
Sinne. Aber das genügt, junge Leute, die sich durch nichts anderes auszuzeichnen 
wissen, zu veranlassen, dieses „aparte Gebaren" nachzuahmen und sich schließlich in 
ihm zu verstricken . . . Einmal solche Pose angenommen, wird sie 
schließlich zur Wahrheit, wozu der Verkehr in den betreffenden Kreisen 
nicht wenig beiträgt. Eine solche Beeinflussung ist natürlich nur bei jugendlichen 
Personen möglich. Die aber kommen einzig in Frage. Man hat eingewendet, daß bei 
der Konstanz des Triebe6 eine solche Metamorphose nicht wahrscheinlich sei. Da aber 



256 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Wie sollte man auch einen Homosexuellen heilen können? Macht 
man ihn heterosexuell, so verdrängt er seine Homosexualität und wird 
aus diesem Grunde neurotisch, wollte man ihn aber bisexuell machen, 
so hätte man sich den Bann der ganzen Gesellschaft zugezogen. Der 
einzige Weg zur Heilung wäre dann, daß man die Hemmungen, die 
zwischen ihm und dem Weibe liegen, beseitigt, ihn de facto wieder 
bisexuell und praktisch heterosexuell macht. Das ist freilich 
möglich und kann durch die Analyse erzielt werden, wenn die Patienten 
die Geduld und den Willen haben, auszuhalten. Wo dieser Wille 
fehlt, kann kein Therapeut etwas erzielen. Und er fehlt leider in den 
meisten Fällen. 

Die Analyse hat uns gelehrt, wie trügerisch die ersten Berichte 
der Kranken sind, wie parteiisch sie sich die Vergangenheit merken. 
Wir machen alle eine einseitige Auswalü der Erinnerungen und fixieren 
bloß solche, welche uns in unsere jeweilige Einstellung hineinpassen. 
Es war für mich eine große Überraschung, als ich den ersten Homo- 
sexuellen analysieren durfte, leider mit sehr geringen Erfahrungen und 
einer noch unentwickelten Kenntnis der Technik und des Widerstandes. 
(Damals glaubte ich noch an den Willen des Kranken zur Gesundheit; 
heute habe ich mich überzeugt, daß der Wille zur Krankheit die 
stärkste Macht ist, gegen die wir kämpfen müssen.) Ich hörte nun von 
diesem Homosexuellen die mir bekannte Lebensgeschichte, das Bestehen 
und das alleinige Bestehen homosexueller Empfindungen seit der Kind- 
heit. Mein Erstaunen war sehr groß, als nach drei Wochen eine ganze 
Menge heterosexueller Erlebnisse aus der Kindheit berichtet wurden. 
Ich lernte mit einem Male, daß die Homosexualität etwas Entstan- 
denes und nicht etwas Angeborenes ist. Etwas Erworbenes, 
nicht etwas Übernommenes. Ich war so befangen von Hirschfelds 
Zwischenstufentheorie, daß ich diesem Funde nicht traute 
und weitere Bestätigungen abwartete. Da berichtete auf dem ersten 
psychanalytischen Kongresse Sadger über ähnliche Erfahrungen auf 
Grund der Psychanalyse. Freilich, die Psychogenese der Homosexua- 
lität stellte sich Sadger sehr einfach vor, und ich gestehe, daß auch 
ich eine Zeitlang in der Abkehr von der Mutterimago, die jedes Weib 
bieten sollte, die alleinige Ursache der Homosexualität erblickte. 1 ) 



von allen Forschern das Bestehen einer gewissen indifferenten Periode zugegeben wird, 
man auch weiter zugesteht, daß in dieser Periode das Individuum sich einer seiner 
späteren Art entgegengesetzten Erotik hingeben kann, 60 kann man die Möglich- 
keit nicht ausschließen, daß schwache Charaktere vom ursprünglichen Ziel ihrer 
Entwicklung abgelenkt werden können." 

*) „Aus der Abwehr der Inzestphantasie erfolgt die Flucht in die Homosexua- 
lität." Nervöse Angstzustände. 1. Aufl., 1908, S. 311. 



Homosexualität und Alkohol. e>;s7 

Allein meine seit vielen Jahren emsig fortgesetzten Forschungen haben " 
mir gezeigt, daß dieses Problem sehr kompliziert ist und daß es offen- 
bar mehrere Entstehungsarten gibt, daß mehrere Momente zusammen- 
wirken müssen und können, um die Verödung des heterosexuellen und 
die Verbreiterung des homosexuellen Strombettes zu bewirken. 

Zuerst fiel mir auf, daß auch beim Homosexuellen in vielen Fällen 
die Hemmungen wegfallen und er wieder heterosexuell wird. Jeder 
Kenner der Homosexualität wird mir bestätigen, daß es hie und da 
vorkommt, daß ein echter Homosexueller sich ändert und unvermutet 
sich in ein weibliches Wesen verliebt oder heiratet und sich nach dieser 
Veränderung ganz wohl befindet. So erzählt z. B. Tarnowsky 1 ) in 
seinem Werke „Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes' 1 : 
„Ich kannte einen Päderasten, der fast ausschließlich mit Jünglingen 
Beziehungen unterhielt; in verhältnismäßig hohen Jahren verliebte er 
sich leidenschaftlich in ein junges Mädchen, mit dem er sich 
verheiratete und Kinder erzeugte. Er war nur deshalb imstande, mit 
seiner Frau den Geschlechtsakt auszuüben, weil ihr Gesicht einem 
jungen Manne ähnelte,' den er einst liebte." Diese Rationalisierung, 
diese plötzliche Änderung kann man hie und da hören. Es ist sehr 
wahrscheinlich, daß der junge Mann, den der Patient Tamowskys einst 
liebte, seiner Schwester oder irgend einer anderen weiblichen Person 
ähnelte und daß der Mann auf diesem Umwege wieder zu seinem ersten 
heterosexuellen Ideal zurückgekommen ist. Erst vor einigen Tagen 
stellte sich mir ein „überzeugter" Homosexueller vor, der sich plötzlich 
in eine Kabarettsängerin verliebt hatte und sie heiraten wollte. Sie 
war ein „Spiegelbild" einer längst verstorbenen Schwester! Vorher 
wollte er von einem Verkehr mit Frauen nichts wissen! Solche Fälle 
— wohlgemerkt ohne jede Behandlung — werden in homosexuellen 
Zirkeln lebhaft besprochen und als große Neuigkeit verbreitet. Es 
wird über den „Abtrünnigen" wie über den Verräter an einer heiligen 
Sache losgezogen, er wird aus dem Zirkel verbannt, ausgestoßen. 
Anathema sit ! Die Fälle sind nicht selten. Sie werden aber den Ärzten 
gegenüber gerne verschwiegen und die homosexuellen Ärzte konsta- 
tieren sofort, daß es sich nur um eine „P s e u d o homosexualität" ge- 
handelt habe. Ein „echte r" Homosexueller wäre so etwas nicht 
imstande. Leider tragen die homosexuellen Ärzte am meisten zur Ver- 
wirrung der Frage bei. Sie sind Partei und Richter zugleich, wollen 
objektiv sein, haben sich strenge geprüft usw. — diese Kenner 
der eigenen Seelen! Was habe ich nicht alles erlebt mit diesen Kennern, 
die sich einbilden, ihr eigenes Innere erforscht zu haben ! Wer einmal 



x ) Berlin 1886, Verlag August Hirschwald. 
Stekel, Störungen des Trieb- und Affoktlobens. II. 2. Aufl. 17 



258 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Gelegenheit gehabt hat, einen Psychanalytiker zu analysieren, der 
wird immer wieder erstaunt sein über diese Blindheit den eigenen 
Einstellungen gegenüber. Die Psychanalyse, an anderen geübt, hindert 
nicht, daß man sich gründlich verkennt. Ich habe Dutzende von 
Analytikern analysiert und fand das bezeichnende Wort vom „ana- 
lytischen Skotom". Jeder ist für die Komplexe bei sich und bei anderen 
blind, die er noch nicht bewältigt hat. Der homosexuelle Arzt ist für 
seinen Zustand auch blind und darf nie und nimmer Zeuge sein, ob 
die Homosexualität erworben oder angeboren ist. 

Es gibt Zustände, in denen der Vorhang, der die inneren Ein- 
stellungen, die Verdrängungen und Verschiebungen, die Metamorphosen 
und Verkehrungen verhüllt, von stärkeren Gewalten bei Seite geschoben 
wird und wir auch die Kräfte sehen, die hinter den Kulissen des Be- 
wußtseins walten. Solche Zustände sind Zeiträume, in denen die 
Hemmungen aufgehoben werden. Der Wahnsinn läßt uns 
mitunter Wahrheiten sehen, welche die Vernunft 
scheu verbirgt. Auch der Alkohol kann die Schleier 
zerreißen, welche den inneren Menschen verbergen. > 
Es ist schon vielen Ärzten aufgefallen, daß Menschen, die ganz hetero- 
sexuell eingestellt sind, nie an Homosexualität dachten, im Rausche 
homosexuelle Delikte begingen, die ihnen im wachen Zustande ganz 
unbegreiflich waren. Ich hatte einen Lehrer zu begutachten, der sich 
in einem Rauschzustande — das erste Mal in seinem Leben — an 
einem Knaben vergriffen und ihn zur Unzucht verleitet hatte. Er war 
so unglücklich, als er erwachte, hatte eine so tiefe Reue, daß er sich 
das Leben nehmen wollte und mit Mühe abgehalten werden konnte, sich 
selbst dem Gerichte zu stellen. Er fiel aber einer Denunziation zum 
Opfer. Es gelang mir zu erwirken, daß die Untersuchung mangels 
sicherer Beweise niedergeschlagen wurde. Ausschlag gaben sein tadel- 
loses Vorleben und die Bestätigung, daß er ein großer Damenfreund 
war und sich nie für Männer und Knaben interessiert hatte. Ich habe 
ja schon darauf hingewiesen, daß sich unter den Alkoholabstinenten 
und Temperenzlern eine ganze Menge finden, welche den Alkohol 
fürchten, da er die Hemmungen aufhebt und verdrängte Gelüste 
aggressionsfähig macht. 

J. E. Colla hat in der „Vierteljahrschrift für gerichtliche Medizin 
und öffentliches Sanitätswesen" (Dritte Folge, Bd. 31, 1906) „Drei 
Fälle homosexueller Handlungen in Rauschzuständen" publiziert. 

Im ersten Falle handelt es sich um einen 29jährigen Alkoholiker, 
der schon Unsummen für Dirnen und Bachanalien ausgegeben hatte; 
nach einer längeren Abstinenzperiode in einem Sanatorium betrinkt er 
sich, wird von einem Homosexuellen verführt und versucht bald darauf 



Homosexualität und Alkohol. 2i)'J 

in angetrunkenem Zustande, einen Knecht zu attackieren. Immer wieder 
Rezidiven, wenn er berauscht ist. Im nüchternen Zustande hetero- 
sexuelle Ausschweifungen. Ein deutlicher Beweis für die Richtigkeit 
meiner Ausführungen über die Zusammenhänge von latenter Homo- 
sexualität und Satyriasis. Im zweiten Fall wird eine beherrschte Homo- 
sexualität im Rausche übermächtig. Auch der dritte Fall das gleiche 
Bild: Ein 37]ähriger protestantischer Geistlicher, Alkoholiker, verliert 
im Rausche die Selbstbeherrschung und erregt in einem Pissoir durch 
unzüchtige Handlungen öffentliches Ärgernis. 

Numa Praetorius, der ausgezeichnete Kenner der Homosexualität, 
berichtet: „In vielen Fällen kommen unter dem Einfluß des Alkohols 
homosexuelle Handlungen vor. So z. B. kenne ich einen homosexuellen 
früheren Polizeikommissär, der im Rauschzustand auf heterosexuelle 
Kameraden, die ihn reizen, homosexuelle Angriffe macht, obgleich er 
die homosexuelle Welt und viele Homosexuelle kennt und auch im 
nüchternen Zustande mit Leuten, vor denen er sicher ist, verkehrt. Er 
hat infolge dieser Berührungen heterosexuelle Kameraden im Rausch 
nicht nur seine Stellung als Polizeikommissär, sondern auch später 
infolge ähnlicher Vorkommnisse eine gute Stelle in einer Fabrik ver- 
loren. Ein anderer dreißigjähriger homosexueller Kaufmann erleidet im 
Rauschzustande eine ganz erhebliche Steigerung seines Triebes, auch er 
hat sich schon an irrige Adressen in diesem Zustande gewendet. Nicht 
mit Unrecht hat man behauptet, daß im Rausch das wahre Wesen 
eines Menschen sich offenbart, jedenfalls entpuppt sich in der Trunken- 
heit die wahre Geschlechtsnatur, nachdem die gewohnten Hemmungen 
wegfallen. Gerade hier gilt : in vino veritas." (Jahrbuch f , sex. Zwischen- 
stufen, Bd. 8.) 

Diese Fälle zeigen mit Ausnahme des ersten nur eine Verstärkung 
des sonst beherrschten homosexuellen Triebes. Aber es kommt sehr 
häufig vor, daß Heterosexuelle im Rausche ihre erste homosexuelle 
Aggression ausführen. 

So bemerkt Praetorius an anderer Stelle: 

„Wie aus verschiedenen veröffentlichten Biographien und auch aus 
mehreren mir mündlich mitgeteilten Fällen hervorgeht, zeigen sich 
manche junge Leute, die sonst anscheinend ganz normal fühlen und 
jedenfalls verkehren, im Rausche mit Vergnügen und anscheinend mit 
mehr als pseudo-homosexuellem Fühlen zu gleichgeschlechtlichem Ver- 
kehr geneigt. Ihre eigentliche heterosexuelle Natur wird aber durch 
diesen gelegentlichen gleichgeschlechtlichen Verkehr, ja durch dieses 
gelegentliche Fühlen nicht geändert." 

Hugo Deutsch 1 ) hat einen sehr instruktiven Fall publiziert, der 
keineswegs ein Unikum darstellt, wie der Autor meint, auf den wir 
aber an dieser Stelle hinweisen wollen. 

Fall Nr. 35. „Ein 39 Jahre alter, intelligenter Arbeiter wendet sich 
an die Fürsorgestelle für Trinker um Rat und Auskunft. Er habe als Kind 



a ) Alkohol und Homosexualität. Wiener klin. Wochenschr., 1913, Nr. 3. 

17* 



260 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

schwere Rachitis durchgemacht, begann erst im Alter von vier Jahren zu 
gehen; habe in späteren Knaben- und Jünglings jähren stark onaniert, später 
gelegentlich mit Mädchen verkehrt; seit zwei Jahren Bei er verheiratet, 
habe zwei Kinder. Bis auf kleine Unfälle habe er keine Erkrankungen durch- 
gemacht. Im Alkoholgenusse sei er sehr mäßig, pflege hie und da anläßlich 
einer Vereinssitzung oder Versammlung einen halben bis einen Liter Bier 
zu trinken. Er werde dadurch immer stark sexuell erregt, und zwar 
fühle er dabei immer das Gelüste, sich an jugendliche 
männliche Personen anzudrücken 1 ) und deren Genitale 
zu betasten. Er habe diesem Verlangen immer widerstehen können, bis 
er auf dem Heimweg von einer Vereinssitzung, bei der er wieder zwei Glas 
Bier getrunken, einem jungen Burschen begegnete, den er einlud, mit ihm 
in ein Gasthaus zu gehen, wo er ihm ein Glas Bier zahlte und unter dem 
Tische dessen Genitale betastete. Ein Gast bemerkte dies, machte einen 
Wachmann aufmerksam, der ihn verhaftete. Er war darüber in großer Ver- 
zweiflung, bloß der Gedanke an die Frau und die Kinder habe ihn ab- 
gehalten, einen Selbstmord zu begehen. Er lebe seither vollkommen abstinent, 
da er die Gefahr auch mäßigen Alkoholgenusses für sich erkannte. Im 
nüchternen Zustande ist seine Libido nur auf das Weib gerichtet, er habe 
sogar „Abscheu" und „Widerwillen" gegen homosexuelle 
Geschlechtsbetätigung. Wann zum ersten Male nach Biergenuß 
diese „Gelüste" aufgetreten sind, kann er sich nicht erinnern. Die Familien- 
anamnese ist in dieser Hinsicht belanglos, sein Aussehen nicht weibisch." 
Deutsch glaubt, daß es sich um einen Fall von Bisexualität handelt, 
die zum Vorschein kommt, wenn durch den Genuß mäßiger Alkoholdosen 
die vorhandenen Hemmungen aufgehoben werden. 

Auch Hirschfeld hat einige einschlägige Beobachtungen gemacht 
(1. c. S. 209) . Er erwähnt den Fall eines Regierungsassessors, der nach 
einer „schweren Sitzung" an Kaisers Geburtstag einen Bäckerjungen 
attackierte; ferner den Fall eines anscheinend ganz heterosexuellen 
Oberlehrers, der sich nach einer großen Kneiperei an einem Kellner 
' vergriffen hatte. Er teilt auch ein Gutachten mit, das er über einen 
Offizier ausstellte, der nach einem Kneipgelage von seinem Burschen 
verlangte, er solle ihm ein Klistier verabreichen, und der ihn zu einem 
homosexuellen Verkehr aufforderte. In seinem Gutachten findet Hirsch- 
feld diese Aufforderung, wenn sie wirklich stattgefunden habe, als im 
Widerspruche stehend zu der ganzen Persönlichkeit und plädiert für 
Freispruch, da sich der Beschuldigte zur Zeit der geschilderten Vor- 
gänge im Zustande einer krankhaften Veränderung seines Geistes be- 
funden habe. Wir werden aber in diesen Tatsachen Beweise der Bi- 
sexualität aller Menschen sehen, auch für den Durchbruch einer 
latenten Homosexualität nach Wegfall der Hemmungen plädieren. 

*) Auch Krafft-Ebing erwähnt einen jungen Mann, der seine erste homosexuelle 
Aggression im Rausche ausführte. Ein Mann, der bisher immer im Lupanar reüssiert 
hatte, greift im angeheiterten Zustande 6einem Freunde an die Genitalien, sie mastur- 
bieren einander . . . und er ist seither ein Homosexueller. 



Homosexualität und Alkohol. 261 

Eine erschöpfende, meisterhafte Darstellung dieser Frage hat 
uns Otto Juliusburger in seinem Aufsatze „Zur Psychologie des Al- 
koholi^mus" 1 ) gegeben. Dieser Autor berichtet, daß er in Fällen 
von Dipsomanie deutlich den Durchbruch un- 
bewußter Homosexualität beobachten konnte, und 
führt in geistreicher Weise die Beziehungen des Alkohols zur Homo- 
sexualität aus. 

Juliusburger beschreibt den Fall eines Dipsomanen, bei dem die 
homosexuelle Liebe zum Onkel in den Perioden des Trinkens in 
äußerst durchsichtiger Weise auftrat. In diesen Perioden hatte der 
Kranke das Bedürfnis, Herren, und zwar nur Herren freizuhalten und 
ihnen alles zu bestellen, was sie wünschten, — „offenbar ein Symbol, 
um seine Liebe zu bezeugen". „Eine Quelle der Angst und Unruhe", 
sagt Juliusburger, „welche den sogenannten dipsomanischen Anfall 
einleiten oder ganz an seine Stelle treten, erblicke ich in dem Kampfe 
und den intrapsychischen Spannungen der psychosexuellen Komponenten 
des Individuums." Über die Ansichten Juliusburgere, bezüglich des Zu- 
sammenhanges von Eifersuchtswahn der Alkoholiker und Sadismus 
werde ich noch einmal in dem Kapitel „Homosexualität und Eifersucht" 
zurückkommen. 

Viel interessanter für unsere Untersuchungen ist der Umstand, 
daß die Homosexuellen im Rausche leicht zu heterosexuellen Akten zu 
bringen sind. Natürlich nicht alle, aber die Tatsache als solche ist 
nicht zu leugnen. Es lassen sich ja auch nicht alle Heterosexuellen 
im Rausche zu homosexuellen Handlungen hinreißen. Oft sind die 
Hemmungen viel stärker als die Macht des Alkohols. 

Ich habe zirka hundert Homosexuelle über die Gelegenheiten 
ausgefragt, wann sie mit einem Weibe verkehrt haben. Viele zögerten 
erst mit der Antwort, doch konnte ich immerhin einen sehr großen 
Prozentsatz konstatieren. Einige gaben mir die Antwort: „Das ist 
mir nur möglieh, wenn ich mir einen Rausch antrinke." Oder: „Ich 
bin einmal im Rausche von einem Mädchen verführt worden." Man 
darf überhaupt nicht glauben, daß die Homosexuellen den Frauen gegen- 
über impotent sind. Es gibt mehr Bisexuelle unter ihnen, als sie ein- 
gestehen wollen, weil sie ja gerne vor dem Forum und zu ihrer Ent- 
schuldigung anführen, es wäre der Verkehr mit einer Frau absolut un- 
möglich. Ich habe einen kleinen Fragebogen in Wiener homosexuellen 
Kreisen zirkulieren lassen und auch diese Frage gestellt. Viele be- 
kennen Abscheu vor dem Weibe, viele nur ein platonisches Verhältnis, 
aber es kommen auch Antworten vor, wie: „Ich habe in meinem 



*) Zentralblatt für Pßychoanalyse und Psychotherapie, III. Bd., S. 1. 



262 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

34. Lebensjahre mit einer Frau verkehrt, hatte dabei Lustempfindung, 
bin aber nach vier Monaten wieder ausschließlich homosexuell." Oder: 
„Ich verkehre hie und da mit Frauen." Ferner: „Ich kann nach langer 
persönlicher Zuneigung auch mit einem Weibe verkehren." Ein anderer: 
„Ich habe einmal mit einem Weibe verkehrt und ganz angenehme Emp- 
findungen erlebt, habe aber seither keine Reprise folgen lassen." -- 
„Seinerzeit verkehrt, jetzt nicht mehr." — Kein Versuch. Vermutlich 
beim Weibe impotent." — „Verkehr früher angenehm. Allmählich 
schwand der Reiz, daher Verkehr jetzt absolut unmöglich." — „Bi- 
sexuell" — betont ein Anderer lakonisch. Mindestens ein Viertel 
meiner bewußt Homosexuellen sind eigentlich Bisexuelle mit nach- 
träglicher Korrektur der Bisexualität aus Ursachen, die wir bald be- 
sprechen werden. 1 ) 

Doch betrachten wir den nächsten Fall. Er zeigt uns ganz deut- 
lich, wie unter dem Einfluß des Alkohols heterosexuelle Tendenzen 
bei einem Homosexuellen auftreten und wie andrerseits unter dem 
Drucke der Gefahr die heterosexuelle Betätigung durch Übung immer 
mehr Libido in das heterosexuelle Strombett leitet: 

Fall Nr. 36. Herr D. S., ein 35jähriger Beamter, ist schon seit 15 Jahren 
ausschließlich homosexuell. Der Vater starb, als er 7 Jahre alt war. Er 
erinnert sich nur dunkel an ihn. Die Mutter war immer sehr streng und 
sehr energisch, außerordentlich nervös, mußte öftere in Sanatorien gehen. 
Er gibt an, seit der Kindheit nur homosexuell empfunden zu haben. Er 
interessierte sich nur für Knaben, wurde von seiner Mutter immer weiblich 
erzogen. Er begann sehr früh zu onanieren und trieb schon mit 12 Jahren 
mit Kameraden mutuelle Päderastie. Mit 17 Jahren versuchte er es mit 
D-.rnen. Er war nicht gleich potent, sie mußten ihn erst lange reizen, dann 
hatte er einen Genuß, der nicht stark war, wohl weil er sich immer wieder 
an die Geschlechtskrankheiten erinnern mußte, die er in einem Panoptikum 
in Wachs gesehen hatte. Auch dachte er immer an die Mutter 
und was sie sagen würde, wenn sie das wüßte. Zu dieser 
Zeit bis zu dem 21. Jahre verkehrte er in monatlichen Perioden mit Dirnen. 
Dann verliebte er sich in seinen Chef, der ein außerordentlich schöner Mann 
war. (Er liefert eine schwärmerische Schilderung seines ersten Ideals. Dieser 

*) Interessant ist auch der Fall eines Gymnasialprofessors, der im Depressions- 
zustande homosexuell und im Exaltationszustande eines Morphiumrausches heterosexuell 
fühlte (Hirschfeld). Es 'gibt Menschen, welche zwei Leben führen, die mit einander 
alternieren: ein homosexuelles und ein heterosexuelles. Es ist, als ob sie ewig auf der 
Suche nach dem bisexuellen Ideal wären. Auch Krafft-Ebing (Jahrbuch für sexuelle 
Zwischenstufen, Bd. III) beschreibt eine Hysterische, welche sich jedesmal, wenn ihre 
Neurose in einem Sanatorium gebessert wurde, zu Männern hingezogen fühlte, während 
sie im Stadium der Krankheit homosexuell fühlte. Was heißt das anderes, als daß im 
Stadium der Neurose die heterosexuellen Triebkräfte verdrängt wurden? Denn trotz 
reichlicher gleichgeschlechtlicher Befriedigung erlitt sie die schwersten Anfälle von 
Hysterie, während nach Besserungen die Liebe zu Männern erwachte. 



Homosexualität und Alkohol. 263 

Schilderung ist nicht zu trauen. Denn die Photographie seines letzten Ideals, 
von ihm als Adonis gepriesen, zeigt das trottelhafte, stumpfe, eher häßliche 
Gesicht eines Kanoniers.) Dieser Chef war ein Homosexueller, der ihn leicht 
verführte und auch in die homosexuellen Kreise einführte. Nun wurde er 
sich erst seines Zustandes bewußt und verkehrte nur mit reifen, wohlaus- 
gebildeten Männern. Er habe einen feinen Geschmack und nicht jeder Mann 
könnte ihm gefallen. (Dabei zeigt er mir stolz die oben erwähnte Photo- 
graphie des Soldaten.) Leider sei ihm das Unglück passiert, daß er in einem 
Park überrascht wurde, als er das Glied eines Kutschers in die Hand nahm. 
Er sei jetzt in. strafgerichtlicher Untersuchung. Er wäre glücklich, wenn 
er wieder zur alten Befriedigung zurückkehren könnte. Auf die Frage, ob 
er in der ganzen Zeit von 22—35 Jahren nicht mit Frauen verkehrt habe, 
wird er verlegen und gesteht, daß es einige Male vorgekommen sei, daß 
er aber immer berauscht gewesen wäre. Im nüchternen Zu- 
stande sei es ihm nie passiert. Und nach jedem Verkehr mit einem Frauen- 
zimmer habe er einen solchen Katzenjammer, daß ihm seine eigene 
Mutter, der er immer all"es anvertraut- habe, geraten 
habe, mit Männern zu verkehren, da sie die Beob- 
achtung gemacht hatte, daß er sich nachher ganz er- 
frischt fühle, während er nach seinen Besuchen im 
Bordell einige Tage melancholisch war. Ich brauche er- 
fahrenen Analytikern nicht zu betonen, daß die Mutter ihre Eifersucht 
anderen Frauen gegenüber auf diese Weise mißbraucht hat, um den Sohn 
auf homosexuelle Bahnen zu leiten. Sie war auf Männer niemals eifersüchtig: 
Das war ja etwas anderes. (Dies Vorkommnis ist nicht so selten. Mir sagte 
die Mutter eines Homosexuellen: Ich bin nie eifersüchtig, wenn 0. einen 
neuen Freund hat, obwohl er sie alle schwärmerisch liebt. Den Gedanken, 
daß er sich einer Frau hingibt, könnte ich nicht ertragen.) D. S. aber ge- 
horchte den Ratschlägen seiner Mutter. Er sagt: „Ich habe dann aufgehört 
zu trinken und wurde ein fanatischer Homosexueller." 

Da der Kranke, ein hoher Staatsbeamter, leicht seine Stelle verlieren 
konnte, empfahl ich ihm, nur mit Frauen zu verkehren und konnte ihn mit 
Hinsicht auf die Tendenz, sich behandeln zu lassen, aus den Fangarmen der 
Justiz befreien. Er versuchte es mit Frauen, immer nach einer kleinen Dosis 
Alkohol, und es ging immer besser, so daß er schließlich heiratete und 
zwar eine Frau, die um 20 Jahre älter war als er. Diese Frau war ein 
Ersatz seiner Mutter! Nähere Erklärungen über die Psychologie ähnlicher 
Fälle folgen später. Ich wollte nur auf die Wirkung des Alkohols aufmerk- 
sam machen. Der Alkohol ermöglichte ihm das Ausleben in heterosexuellen 
Bahnen. 

In dem letzten Falle wurde der heterosexuelle Akt erst durch 
Aufhebung von Hemmungen möglich. Solche Kräfte wirken auch bei 
der bekannten Morgenerektion der psychisch Impotenten mit. Homo- 
sexuelle haben des Morgens auch heterosexuelle Träume, an die sie 
sich meist nicht erinnern können oder — wollen. Ich möchte hier nur 
erwähnen, daß die Traumarbeit in jeder Nacht eine Aufhebung der 
Hemmungen besorgt und daß diese Hemmungen erst am Morgen ganz 
überwunden sind. Die Träume der ersten Schlafstunden sind immer 



264 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



reicher an Hemmungen, die als „Warnungen" auftreten, die gegen den 
Morgen zu, werden immer hemmungsärmer. (Der Traum des Onanisten 
den ich hier ausführlich mitgeteilt habe, ist ein schönes Beispiel von 
Überwindung der Hemmungen im c Laufe der Nacht. Vgl. Fall Nr 33 
S. 237.) Deshalb hört man oft von „echten Homosexuellen", sie hätten 
erst gegen Morgen die Möglichkeit, mit einem Weibe zu verkehren 
■Da sind eben alle Hemmungen, welche zwischen ihnen und dem 
Weibe liegen, mehr oder weniger aufgehoben. Hirschfeld faßt aber 
diese unleugbare Tatsache ganz anders auf: 

Mnr „ "^ ucl ; die Gliedschwellungen, mit welchen viele Männer in den 
Morgenstunden erwachen, haben nichts mit dem Geschlechts t r i e b zu 
tun sondern Sind durch die Druckreize der gefüllten Harnblase bedingt. 

auf dT?^ v f u e „. mi( ? einmal ein verheirateter Homosexueller 
auf, der sechs Kinder hatte, das siebente stand zu erwarten. Ich fragte 
ihn wie dies möglich gewesen wäre. „Das ist doch so einfach," bemerkte 
FriiÄw 6 ^T^^ein, „ich benütze stets meine 
Fruherektionen. Diese Kinder verdanken also nicht dem Geschlechts- 

]^L7 d 7 n >< der TT*? Harnblase des Vaters ihr Leben " AÄ 

sa/en dnßt" * höchstwahrscheinlich nur „Diuretika"; das will 

bezu"' £f t 5f r mee ' r 1CÜeS f , nige Nahrun S s - ™d Arzneimittel in 
bezug auf die Forderung der geschlechtlichen Potenz genießen ihrem 

• trSSEäfw ZUZUSChreiben ^ *™ M-kte nCÄ 
„Ähnlich wirken auch die alkoholischen Getränke, welche, in nicht 
zu großen Mengen genossen, den Geschlechtstrieb aufstacheln. Die 
JLxme in Baccho und Venere werden ja seit altersher als zusammen- 
gehörig betrachtet. Es kommt hier allerdings hinzu, daß der Alkohol 
die Kratt der Gegenvorstellungen herabsetzt, während er die Sinnes- 
scharfe zu vermindern scheint. So erklärt es sich, daß Heterosexuelle 
gelegentlich angeben, sie hätten unter Alkoholeinfluß mit dem Manne 

IS* <? ( J 1 S 0SeX L l i e1 , 1 ?' Sie könnten an getrunken mit dem Weibe 
verkehren." (Hirschfeld 1. c. S. 189.) 

Mir ist aber diese Tatsache, daß die Homosexuellen im trunkenen 
Zustande sich auch heterosexuell betätigen können, ein Beweis ihrer 
^Sexualität, ein Beweis, daß sie die heterosexuelle Komponente ihres 
Geschlechtstriebes verdrängt haben. 

Über die unsinnige Hypothese der Morgenerektionen auf Grund 
der gefüllten Blase werde ich im Buche über Impotenz etwas ausführ- 
licher sprechen. Ich glaube nicht an die Blasensteife. 1 ) Tatsache 
ist aber, daß der Traum so lange arbeitet, bis die 
vorhandenen psychischen Hemmungen aufgehoben 
sind. Der Patient Hirschfelds kann nur des Morgens koitieren, 

9 Vergleiche meine Arbeit „Die psychische Impotenz des Mannes". Zeitschrift 
für Sexualwissenschaft, 1916, und die Ausführungen in Band IV. 



Homosexualität und Alkohol. 265 

weil er bei Tag und des Abends unter der Herrschaft von Hemmungen 
steht, die ihn dem Weibe gegenüber impotent machen. 

Daß diese Impotenz nicht immer Schwäche darstellt, beweist 
der nächste Fall. 

Fall Nr. 37. Herr G. H., ein homosexueller Arzt, teilt mir mit, daß er 
aus Angst vor kriminellen Delikten, Alkoholabstinenz einhalte. Er sei schon 
seit der Kindheit homosexuell, habe nie zu einem Weibe eine Hinneigung 
empfunden. Onanie seit dem 9. Lebensjahre. Sie entstand, als ihn einmal 
•ein Onkel auf die Schultern hob. Er hatte dabei ein starkes Lustgefühl und 
begann bald an seinen Genitalien zu reiben, während er sich vorstellte, daß 
er vom Onkel oder einem anderen Manne getragen werde. Nie habe er den 
Wunsch gehabt, sich von einem Weibe tragen zu lassen. Das würde ihm 
erniedrigend und gemein vorkommen. Seine Versuche im Bordell, die er in 
der Zeit von 19 bis 24 vorgenommen, scheiterten alle an seinem Ekel vor 
den käuflichen Weibern. Vielleicht hätte er mit einem besseren Mädchen 
einen Koitus zusammenbringen können, eine gewisse Scheu habe ihn ver- 
hindert, sich den Mädchen zu nähern. Gebildete emanzipierte Mädchen seien 
ihm em Greuel! Er hatte mit einem Kollegen längere Zeit ein Verhältnis. 
Koitus inter femora. Im 28. Jahre nach einem Zechgelage sei er einem 
Madchen begegnet, mit dem er ins Hotel gegangen sei. Dort sofort heftige 
Erektion und Koitus. Mit Eintreten des Orgasmus hatte er 
das Verlangen, das Mädchen zu erdrosseln. Ein furchtbarer 
Haß gegen das unschuldige Wesen stieg in ihm auf. Er eilte so rasch als 
möglich davon. Er glaubt, er wollte sich rächen, daß sie ihn durch den 
Koitus erniedrigt habe. 

Wir merken eine sadistische Einstellung zur Frau, die sich hinter 
der Scheu vor Frauen verbirgt. Er fürchtet sich selbst, fürchtet seine 
kriminellen Instinkte. Bei diesem Falle spielen Probleme aus dem 
Kampf der Geschlechter (aus dem instinktiven Geschlechtshaß des 
Mannes gegen das Weib) eine Rolle. Wir wollen die Bedeutung dieser 
Einstellung später ausführlich besprechen. Wir sehen in diesem Fall 
den Durchbruch einer heterosexuellen-sadistischen Triebkraft unter dem 
Einflüsse von Alkohol hervortreten. Es ist, als hätte der Alkohol die 
Sicherungen gelöst, welche das Bewußtsein gegen die sadistischen 
Triebe errichtet hatte. 

Wie interessant ist erst der Fall, den uns Moll in seinem Werke 
„Die konträre Sexualempfindung" (3. Auflage) mitteilt! Ich lasse ihn 
hier im Auszuge folgen, weil er für unser Thema bedeutsame Momente 
enthält. 

Fall Nr. 38. Fräulein X. ist 26 Jahre alt. Ihren Vater schildert die 
Patientin als einen gesunden, aber sehr jähzornigen Mann. Bereits 
im Alter von 5 Jahren hat die X. mit einem kleinen Knaben 
sexuelle Handlungen vorgenommen. Sie gibt geradezu an, sie hätte ein Ver- 
hältnis mit dem damals 4 Jahre alten Jungen gehabt. Die Händlungen be- 
standen in mutuellem Kunnilingus. Im Alter von 6 Jahren wurde die 



266 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



X. in die Schule geschickt und kam hier bald mit kleinen Mädchen in sehr 
intimen Verkehr. Mit mehreren derselben hat sie in gleicher Weise wie mit 
dem Knaben durch gegenseitigen Kunnilingus sexuell verkehrt. Von 
dem Augenblick an, wo sie mit den Mädchen zusammen war, war die hetero- 
sexuelle Neigung bei der X. geschwunden ; sie hat mit einem Knaben niemals 
mehr in der geschilderten Weise verkehrt. Wir werden sehen, daß sie sich 
später gelegentlich von erwachsenen Männern gebrauchen ließ; aber es wird 
sich dabei ergeben, daß nur ein heterosexueller Akt stattfand, ohne daß 
geschlechtliche Zuneigung bestand. Im 12. Lebensjahre trat bei der X. die 
Periode ein. In der damabgen Zeit verkehrte sie viel mit den Kindern einer, 
befreundeten Familie, die eine Erzieherin hatten, mit der sie, die X., sehr 
bald ein intimes Verhältnis anknüpfte. Die X. wurde von der Erzieherin 
veranlaßt, mit ihr sexuelle Handlungen, besonders den Kunnilingus, 
vorzunehmen, so daß bald die eine, bald die andere den aktiven Teil bildete. 
Bei diesem Verkehr wurde die X., 'soweit sie sich erinnert, zum erstenmal 
geschlechtlich befriedigt. Das Verhältnis zwischen beiden dauerte längere 
Zeit. — Nun unterscheidet sich Fräulein X. von gewöhnlichen Tribaden da- 
durch, daß sie auch andere Arten der Befriedigung liebt. Sie kam sehr bald 
dazu, nicht nur an den Genitalien, sondern auch an dem Anus feminarum 
ämatarum lambere. Widerlich wäre ihr der Gedanke, bei einem Mann 
einen solchen Akt auszuführen. Ebenso wie wir ferner wissen, daß es ein- 
zelne perverse Männer gibt, die sich urinam feminae dileetae in 
os proprium immittere lassen, ebenso finden wir, daß Fräulein X. 
bei sich von einem anderen Mädchen dasselbe gern tun läßt. Schon vor einer 
Reihe von Jahren ist die X. dazu gekommen, faeces amicao in os 
proprium iniieere zu lassen; hierbei wird sie sexuell bis zu Wol- 
lustgefühl und Erguß befriedigt. Die Ausführung solcher Handlungen hat 
sie zuerst während des mehrjährigen Verhältnisses ausgeübt, das sie mit 
dem oben erwähnten Mädchen Y. hatte. Einen großen Reiz übt es auch auf 
die X. aus, wenn sie sanguinem .menstruationis amicae 
lambit et devorat; doch fügt sie hinzu, daß sie diese ekelhaften 
Handlungen nur dann ausüben könnte, wenn das gegenseitige Vertrauen 
vollständig ist und das Verhältnis schon längere Zeit gewährt hat. Die 
Patientin erzählt ferner, daß sie auch, wenn sie mit der Rute geschlagen 
wird, sexuell erregt wird. Auf die Frage, wie sie darauf gekommen ist, 
erwiderte sie, sie kannte einen Herrn, der 'sich von seinem 
früheren Verhältnis mit der Rute schlagen ließ. Die 
Schläge, die ihr zugefügt werden, müssen aber unbedingt von einem Weibe 
herrühren, wenn sie sieh sexuell erregen soll. Sie hat sieh sehr oft von 
ihrer Freundin, mit der sie auch die oben erwähnten ekelhaften Handlungen 
ausführte, flagellieren lassen. Es sei noch kurz erwähnt, daß bei dem gegen- 
seitigen Küssen Fräulein X. es sehr liebt, sich von ihrer Freundin beißen zu 
lassen, und zwar am liebsten ins Ohrläppchen. Es kann hierbei soweit kommen, 
daß Schmerzempfindung eintritt und das Ohrläppchen stark anschwillt. 

Es ist notwendig, genauer das Verhältnis von Fräulein X. zum männ- 
lichen Geschlecht zu erörtern. Sie erinnert sich nicht, daß 
sie jemals eine wahre Neigung zu einem Manne gehabt 
liat. Wohl aber wurde sie auf einer Gesellschaft nach 
einem längeren Weingelage von einem Manne verleitet, 
bei ihm zu schlafen. Sie hatte sich schon immer gewundert, daß sie 



Homosexualität uiid Alkohol. og- 

kcine Neigung zum männlichen Geschlecht empfand, und der Wunsch, hier- 
über Klarheit zu erhalten und gleichzeitig ihr vom Trinken herbeigeführter 
Rauschzustand führte sie dazu, jene Nacht mit dem Manne zu verbringen. 
InJessen hatte sie bei dem Koitus keinerlei Vergnügen. Einige Zeit darauf 
näherte sich ihr ein anderer Herr, der sich in sie verliebte, ohne daß sie 
auch nur im geringsten die Neigung erwiderte. Trotzdem wollte sie 
noch einmal versuchen, ob sie nicht Neigung für einen 
Mann erwerben könnte. Sie ließ sich daher von jenem Mann ver- 
leiten, mit ihm einige Male geschlechtlich zu verkehren; indessen weiß sie 
noch genau, daß der Koitus auch nicht die Spur einer Aufregung bei ihr 
herbeiführte. Die X. veranlaßte nun diesen Mann, den Kunnilingus mit 
ihr auszuführen. Hierbei wurde sie sexuell erregt und befriedigt; doch ohne 
nähere Frage gibt sie an, es sei unbedingt bei ihr notwendig gewesen, sich 
in der Phantasie vorzustellen, daß der den Kunnilingus machende 
Mann ein Weib sei ; denn sonst hätte sie auch bei dem Kunnilingus 
eine Befriedigung nicht gehabt. Die oben geschilderten ekelhaften 
Handlungen mit einem Manne vorzunehmen, wären der X. 
im höchsten Grade widerwärtig. (Moll, 1. c. S. 565.) 

Dieser Fall erscheint mir höchst bemerkenswert. Er unterstützt 
meine Ausführungen über die Wirkung des Alkohols bei den Homo- 
sexuellen. Fräulein X. verschleiert die Tatsache und meint, es wäre 
der Wunsch gewesen, sich Klarheit zu verschaffen, ob sie keine Neigung 
zum männlichen Geschlechte habe. Das Fehlen des Orgasmus im Ver- 
kehr mit dein ersten Manne beweist uns höchstens, daß die Hemmungen 
auch durch den Alkohol nicht aufgehoben wurden. Schließlich läßt sie 
sich noch ein zweites Mal verleiten und empfindet auch beim Kunni- 
lingus des Mannes. Interessant ist ferner der Umstand, daß ihr erstes 
Erlebnis mit einem Knaben spielte. Es entspricht das vollkommen 
meinen Erfahrungen. Auch son,st spielt der Mann bei ihr eine größere 
Rolle, als sie sich eingestehen will. Auf die Flagellation kommt sie, 
weil sie einen Herrn kannte, der sich von seinem früheren Verhältnis 
schlagen ließ. Die Beziehung dieser Paraphilie zum strengen, jäh- 
zornigen Vater ist ziemlich durchsichtig. Ihre mysophilen Akte an 
Frauenzimmern zeigen, daß sie sich dem Manne nicht 
unterwerfen will, daß sie aber die Unterwerfung 
unter eine Frau als eine Huldigung an ihr eigenes 
Geschlecht auffaßt. Näheres über diese merkwürdige Ein- 
stellung wird in meinem Werke über Masochismus abgehandelt werden. 
Die anderen Handlungen zeigen einen sexuellen Infantilismus, wie er 
in so „polymorph-perverser" Form wohl selten beobachtet werden kann. 

Auch Fleischmann 1 ) führt einige Fälle an, in denen die homo- 
sexuelle Verführung im Rausche stattfand. Er schildert aber auch den 



J ) Beiträge zur Lehre von der konträren Sexualempfindung. Zeit6chr. f. Psych 
u.Neurol., Bd. VII, 1911. 



268 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 






Fall eines Homosexuellen, der im Rausche mit Frauen verkehren kann. 
„Mit 28 Jahren," erzählt der Autor, „betrat ich zum ersten Male ein 
Bordell und konnte, durch feurige Weine angeregt, ein Mädchen ein- 
mal koitieren; im nüchternen Zustande hätten mich keine 20 Pferde 
in das Lusthaus gebracht!" meint der Urning. Aber immer wieder 
gelingt ihm nach Alkoholgenuß ein Koitus. 

Wir sehen, daß der Zwang, sich zu berauschen, offenbar die Folge 
eines unbefriedigten Triebes ist. Immer wieder bestätigen die Er- 
fahrungen der Analyse, daß fast jede Sucht, sich zu betäuben und zu. 
berauschen, eine unbefriedigte Sexualität verrät. Unter den Alkoho- 
listen, Morphinisten, Kokainisten finden sich immer die stark Para- 
philen und Bisexuellen, welche eine Komponente ihres Geschlechts- 
triebes unterdrückt haben. Ebenso wird jeder unbefangene Beobachter 
die gleichen Erfahrungen bei den Homosexuellen machen, die ja meiner 
Ansicht nach auch Bisexuelle mit unterdrückter heterosexueller Kom- 
ponente sind. Ich kann Näcke 1 ) nicht zustimmen, wenn er behauptet, 
daß der Urning an sich nur wenig trinkt und selten Säufer werde. 
Auch nicht, daß in homosexuellen Kreisen eine durchschnittliche 
Mäßigkeit herrscht. Gewiß, ich kenne auch viele mäßige Homosexuelle, 
aber das Material, das ich beobachtet habe und das mir aus den Be- 
richten objektiver Ärzte vorliegt, spricht eine andere Sprache. 

Wie vieles von dem, was sich im Rausche vollzieht, kommt nie 
zur allgemeinen Kenntnis! Vielleicht haben die infantilen Erlebnisse 
mit trunkenen Eltern eine größere Bedeutung in der Psychogenese der 
Homosexualität, als wir zur Zeit ahnen können! 

Hie und da kommt es vor, daß sich alkoholisierte oder patho- 
logische Eltern an ihren Kindern vergreifen. Daß noch merkwürdige 
Sitten in der Erziehung der Kinder existieren, habe ich in der Kinder- 
stube beobachten können. Mir berichtete ein Patient, daß seine Mutter 
bis zu seinem sechsten Lebensjahre die Gewohnheit hatte, mit seinem 
Penis zu .spielen. Auch seine Frau pflege auf diese bequeme Weise das 
unruhige Kind zur Ruhe zu bringen. Es sei ein unfehlbares harmloses 
Mittel. 

Fall Nr. 39. Herr T. Z., ein homosexueller Chemiker, der sich für 
Psychanalyse theoretisch interessiert, schreibt mir: „Vielleicht ist der Bei- 
trag, den ich Ihnen liefern kann, für Sie von irgend einem Nutzen. Ich habe 
oft darüber nachgedacht, ob Traumen auf die Entwicklung meiner Sexualität 
einen Einfluß gehabt haben könnten. Mir fiel aber kein Erlebnis ein, das 
ich zu meinem Zustande in Verbindung bringen konnte. Ich habe mich schon 
sehr früh für das männliche Glied interessiert und dies Interesse ist mir 
bis heute geblieben. Schon der Anblick eines erigierten Penis genügt mir, 



*) Alkohol und Homosexualität. Allg. Zeitschr. f. Psych, u. gerichtl. Med, Bd. 68. 









Homosexualität und Alkohol. 269 

um die höchste Lust hervorzurufen. Auf der Straße blicke ich immer auf 
die bewußte Stelle und schätze die Größe des Gliedes, beschäftige mich 
damit in der Phantasie. Ich habe immer vor dem Spiegel onaniert und 
dabei meinen Penis beobachtet. Es hat aber sehr lange gedauert, ehe ich 
meine Scheu überwinden konnte und Gesinnungsgenossen suchte. Vor einigen 
Tagen hatte ich einen Traum, in dem mir mein vor zehn Jahren verstorbener 
Vater erschien. Er war der beste Mann der Welt, leider ein Quartalsäufer. 
In solchen Zuständen behandelte er die Mutter sehr roh. Nun träumte ich 
eine Szene, die mich so erschreckte, daß ich erwachte. Ich sah, wie mir mein 
Vater Membrum erectum in die Hand gab! Und wie ein Blitz fiel es mir 
ein, daß er es in betrunkenem Zustande wiederholt getan hat. Ich hänge 
aber mit allen Fasern an meiner Mutter, die für mich das Ideal eines Weibes 
ist, das ich im Leben nie mehr finden kann. Sonst gilt meine Liebe nur 
dem Manne, und zwar dem Manne aus dem Volke. Lösen Sie mein Rätsel! 
Ich fühle mich zu ordinären Kutschern, zu Menschen, wie man sie in den 
Schnapsbuden (!) findet, hingezogen. Nur ein einziges Mal konnte ich 
mit einer Dirne verkehren. Damals war ich so berauscht, daß ich etwas tat, 
was ich bei Verstände nie hätte ausführen können . . ." 

Ich betone noch einmal: Der Durchbruch heterosexueller Regungen 
nach Alkoholgenuß beweist uns eben das Vorhandensein dieser Ten- 
denzen und zeigt uns, daß diese heterosexuellen Tendenzen unter ge- 
wöhnlichen Verhältnissen einer Sperrung unterliegen. Sie sind in einem 
seelischen Safe aufbewahrt, der jedoch unter gewissen Umständen zu 
öffnen ist. Der Alkohol ist mitunter ein alles öffnender Schlüssel. 

Interessant ist auch die Sublimierung, welche die heterosexuelle 
Liebe bei den Homosexuellen erfährt. Sie bemühen sich, das andere 
Geschlecht zu asexualisieren, sind aber doch zum großen Teil auf 
heterosexuelle Freundschaft angewiesen. Ich kenne eine ganze Reihe 
solcher Homosexueller, welche mütterliche und schwesterliche, ja auch 
großmütterliche Freundinnen haben, welche ihnen geradezu unentbehr- 
lich sind. Wir Analytiker kennen die Quelle dieser asexuellen Emp- 
findungen. Sie entstammen einem Verbot und sind auch die Folge 
einer Hemmung, welche allein die Sexualität betrifft und die sub- 
lim i e r t e Erotik passieren läßt. Man findet auch unter den Homo- 
sexuellen viele Weiberhasser. 

Sie hassen oft alle Frauen mit einer einzigen Ausnahme: ihre 
Mutter.. Mitunter ist eine Schwester, eine Tante, eine mütterliche 
Freundin von diesem Hasse ausgenommen. Sie betonen dann immer 
wieder: Es ist eine Ausnahme. Allein das Gesetz der Bipolarität 
sagt uns, daß neben diesem gewaltigen Hasse eine ebenso gewaltige 
Liebe vorhanden sein muß. Mitunter verbirgt sich der Haß und die 
Homosexuellen posieren Gleichgültigkeit. Die nähere Analyse zeigt die 
falsche Einstellung, die gespielte Indifferenz als eine Angst, die echte 
zu verraten. Hinter der Gleichgültigkeit verbirgt sich eine Angst vor 



270 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



dem Weibe, hinter der Angst kann sich wieder die sadistische Ein- 
stellung zum Weibe verbergen. So schachtelt der Homosexuelle seine 
Gefühle in einander, verkehrt sie, verdreht sie, überträgt sie und 
dämpft und unterstreicht sie, bis die eigentliche Einstellung unkennt- 
lich wird. * Oberflächliche Beobachter notieren: Herr X. haßt die 
Frauen! . . . 

Was hinter diesem Weiberhaß steckt, hat mit aller Schärfe Bloch 
(1. c.) ausgesprochen. Er zitiert den berühmten Frauenhasser Euripides 
und macht dazu eine treffende Erklärung. Wir lassen dem Autor 
das Wort: 

„Im „Jon", „Hippolytos", „Hekabe", „Kyklops" des Euripides 
finden sich die schärfsten Ausfälle gegen das weibliche Geschlecht. Am 
berühmtesten ist die Stelle aus dem „Hippolytos" (Vers 602—637, 
650-655): 

„Was hast du doch der Menschen gleißend Ungemach, — Die 
Frau'n, o Zeus, an dieses Sonnenlicht gebracht? — Trägst du Ver- 
langen, ein Geschlecht von Sterblichen — Zu schaffen, sollten diese 
nicht vom Weibe sein; — Nein, Männer mußten, wenn sie dir des 
Eisens Wucht, — Gold oder Erz in deinem Tempel dargebracht, — Nach- 
wuchs von Kindern aus des Gottes Hand dafür — Als Gegengabe nehmen, 
nach dem echten Wert — Des Dargebotenen Jeder, und im freien Haus — 
Als Freie wohnen ohne das Geschlecht der Frau'n." 

„Da haben wir schon die ganze Quintessenz der modernen Miso- 
gynie. Aber Euripides verrät uns auch ihren letzten Beweggrund. 
„Das Unbezwinglichste von allen ist ein Weib," sagt er in 
einem Fragment. Hinc illae lacrimae! Nur die Männer i die dem Weibe 
nicht gewachsen sind, die es nicht als freie Persönlichkeit auf sich 
wirken ließen, die so wenig ihrer selbst sicher sind, daß 
sie vom weiblichen Wesen eine Einbuße, Beeinträchtigung oder gar 
Vernichtung der eigenen Individualität befürchten, nur diese sind die 
echten Weiberhasser." (Bloch, 1. c. S. 533.) 

Wie nahe kommt Bloch hier der Lösung des Problems und wie 
deutlich- hat er schon vor Alfred Adler 1 ), der die Homosexualität auf 
die Angst vor dem geschlechtlichen Partner zurückführt, diesen Stand- 
punkt eingenommen! Leider zieht er nicht die weiteren Schlüsse aus 
dieser richtigen Beobachtung. 2 ) 



l ) Das Problem der Homosexualität. München 1917. 

■) Auch Jakob Kläsi hat in einer Arbeit aus der Bleuler-Klinik (Beitrag zur 
Differentialdiagnose zwischen angeborener und hysteriform erworbener Homosexualität. 
Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., 1919, Bd. LH, H. 1/3) in einer Reihe von Fällen als 
Ursache der Homosexualität den Impotenzkomplex, also Angst vor dem Weibe, entdeckt. 
Leider unterscheidet er noch angeborene und hysteriforme Fälle. Das Verfahren, das 
er zur Erforschung anwendet, stellt eine Kombination von vertiefter Anamnese mit 
Assoziationsexperimenten dar und kann die durchdringende Kraft einer wirklichen 
Analyse nicht ersetzen. 



Homosexualität und Alkohol. 271 

Haß, Angst, Ekel und Scham sind die Hemmun- 
gen, welche den Homosexuellen von dem geschlecht- 
lichen Partner abhalten. 

Betrachten wir zuerst den Ekel. Wie kommt er zustande? Ich 
habe in den „Angstzuständen" darüber ausführlich berichtet. Allein 
es gibt auch einen Ekel, der als solcher positiv wirkt. Ekel muß nicht 
immer verdrängte Begierde sein! Wenn ich heute ein Frauenzimmer 
sehe, das über und über mit Furunkeln bedeckt ist, so werde ich mich 
ekeln, wenn ich erfahre, daß das eine alte Tante ist, der ich einen Be- 
grüßungskuß geben soll. In diesem Falle kann nur der Wahn eines 
Überanalytikers die unterdrückte Komponente der Libido entdecken. 

Wir wissen aber, daß hie und da die Homosexualität durch Ein- 
drücke entstehen kann, welche die Abwehrreaktion (Haß, Angst, Ekel 
und Scham) mobilisieren. Diese negativen Kräfte schützen dann das 
Individuum gegen ihre eigenen positiven Tendenzen. Der Ekel verbirgt 
die Begierde, der Haß die Liebe, die Angst das Verlangen; und die 
Scham — die Schamlosigkeit. 

Aber der Alkohol kann alle Abwehrreaktionen aus negativen 
Werten zu positiven machen. Aus dem Ekel wird Begierde, aus dem 
Haß Liebe, aus der Angst das Verlangen und aus der Scham die 
Schamlosigkeit. Tritt zu dieser Umwertung in das Positive noch der 
furchtbare, verdrängte Sadismus hinzu, der sich nicht zur dauernden 
Liebe gublimieren konnte, so verwandelt sich der gesittete Kulturmensch 
in den Verbrecher, der uns ja nur eine Stufe der Entwicklung der 
Menschheit repräsentiert. 



Die Homosexualität. 

vi. 

Tardive Homosexualität. — Bedeutung der sexuellen Infektionen. — 

Einfluß der Traumen. 

Wären nicht die Details unseres geschlechtlichen Lebens so un- 
endlich mannigfaltig und läge es nicht bei den meisten Menschen fast 
in allen wichtigen Erscheinungen und Fragen unterhalb des Bewußtseins, 
und wäre es nicht eine Wesenheit der Liebe, immer wieder die Schleier 
des Mysteriums über unsere sexuellen Empfindungen zu werfen, so daß 
allen stark empfindenden unverdorbenen Menschen, namentlich in der 
wichtigen Periode der Geschlechtsreife, Zynismen und Ollenheiten über 
das geschlechtliche Leben sogar als unwahr erschienen (Frauen und 
keusche Jünglinge sind schon beleidigt, wenn man über die Liebe 
auch nur wissenschaftlich , anders als schwärmerisch, allgemein oder 
poetisch metaphorisch redet) und hätten wir nicht endlich mit der 
großen Heuchelei und Verlogenheit der Gesellschaft in erotischen Dingen 
zu rechnen , so daß sogar die Anormalen und Perversen von ihr an- 
gesteckt werden, die es gar nicht mehr nötig haben, zu lügen und 
unwissend zu bleiben; kurz, könnten wir unsere Erotik in seelischer 
und körperlicher Hinsicht bis zu den letzten Zusammenhängen ana- 
lysieren, dann würden wir vielleicht mit Schauder erfahren, 
einen wie kleinen Bruchteil unseres Lebens wir unserem 

eigentlichen Geschlecht angehören. 

Leo Berg. 

Die spät entstandene Homosexualität ist vielleicht am 
besten geeignet, unsere Betrachtungen über die Psychogenese der 
Homosexualität einzuleiten und uns zu den schwierigen komplizierten 
Fällen zu führen. 

Es gibt in der Tat eine Reihe von Fällen, in denen die Homo- 
sexualität durch Ekel vor dem anderen Geschlechte zu entstehen 
scheint. In diesem Sinne fassen viele Autoren die Entstehung der 
Homosexualität bei den Prostituierten auf. So bemerkt Bloch über 
die,ses Thema: 

„Die von Natur heterosexuellen Prostituierten werden nun aus zwei 
Gründen, homosexuell. Erstens durch den Verkehr und den Einfluß ihrer 
echt lesbischen Gefährtinnen, den das innige Solidaritätsgefühl aller 
Prostituierten noch besonders verstärkt. Zweitens durch den mit der Zeit 
sich immer tiefer einwurzelnden, aus den Lebenserfahrungen 
geschöpften Widerwillen gegen den Verkehr mit Männern, 



Tardive Homosexualität. — Bedeutung der sexuellen Infektionen. 27 '6 

den sie nur in seiner brutalen Geschlechtsroheit kennen lernen. Der 
ständige Zwang, die tierische Sinnlichkeit blasierter Lebemänner durch 
die ekelhaftesten Prozeduren befriedigen zu müssen, flößt ihnen schließ- 
lich einen unüberwindlichen Widerwillen gegen das männliche Geschlecht 
ein, so daß sie alle zärtlicheren Gefühle, die sie hegen, dem eigenen 
Geschlechte zuwenden. Die homosexuelle Verbindung erscheint ihnen, 
wie Eulenburg mit Recht bemerkt (Sexuale Neuropathie, S. 143—144), 
als etwas „Höheres, Reineres und Unschuldigeres", in einem idealeren 
Licht als der Geschlechtsverkehr mit Männern." (Bloch, 1. c. S. 603.) 

Auch Krafft-Ebing (Neue Studien 1. c.) ist der gleichen Ansicht 
und meint, daß sich „viele Prostituierte von großer Sinnlichkeit, an- 
gewidert von dem Umgang mit perversen oder impotenten Männern, 
von denen sie zu abscheulichen geschlechtlichen Handlungen mißbraucht 
werden, zu sympathischen Personen des eigenen Geschlechtes flüchten''. 

Ich habe schon bei der Besprechung der Messalina darauf hin- 
gewiesen, daß es die latente Homosexualität ist, welche die Frauen 
zu Dirnen macht. Sie flüchten vor der Frau in die Orgie mit Männern, 
in eine Reihe von Männern. Sie hoffen, durch die Quantität zu er- 
setzen, was die Qualität nicht leisten kann. Wir haben viel mehr Grund, 
anzunehmen, daß jene Frauen Dirnen werden, die stärker nach der 
homosexuellen Seite tendieren. Das mag auch nur für die Mehrzahl, 
nicht für alle Fälle gelten. Denn es gibt Dirnen, welche sich mit allen 
Fasern ihrer Seele an den Geliebten (den Zuhälter) schließen und nur 
bei ihm Orgasmus empfinden, während sie in den Armen aller anderen 
Männer kalt bleiben. Hie und da mag auch der Mechanismus ins Ge- 
wicht fallen, den Bloch und Krafft-Ebing annehmen. Bei schon vor- 
handener ausgesprochener Neigung zur Homosexualität wird der durch 
verschiedene Umstände hervorgerufene Ekel leichter als Hemmung für 
die Hetero Sexualität wirken können, i 

Das sehen wir aus den Krankengeschichten der Homosexuellen. 
Häufig stoßen wir auf die Angabe, daß die Männer oder auch Frauen 
nach einer Infektion, besonders nach einer Gonorrhöe, homosexuell 
werden. Die Angst vor der Infektion spielt auch in der Psychogenese 
der Homosexualität eine große Rolle. 1 ) 

Krafft-Ebing erwähnt (Über tardive Homosexualität usw.) den 
Fall eines 27jährigen Mannes, der mit 19 Jahren nach 7jähriger ex- 



*) Es ist nicht richtig, daß die Homosexuellen keiner Infektionsmöglichkeit aus- 
gesetzt sind. Ich untersuchte einen homosexuellen Apotheker, der 6ich in Venedig eine 
schwere Gonorrhöe des Anus geholt hatte. Er gestand mir, daß er auch andere Männer 
infiziert hatte, weil er sich geärgert hatte, daß er so hereingefallen war. Im großen 
und ganzen sind aber Infektionen viel seltener als beim heterosexuellen Verkehr, was 
auch mit der Art der Befriedigung, bei der ja die anale Copulatio eigentlich selten 
vorkommt, zusammenhängt. 

Stokol, Störungen des Trieb- und Affolttlebens. II. 2. Aufl. 18 



274 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



zesßiver Onanie zu Weibern ging und mit Genuß koitierte. Nach 
einer Gonorrhöe stellte sich ein solcher Ekel 
vor dem Weib ein, daß er im Lupanar impotent war. 
Alte homosexuell-masochißtische Phantasien erwachten wieder, und er 
erlag bald der Verführung. 1 ) Ich verweise besonders auf den Umstand, 
daß dieser Mann im Verkehr mit Frauen Orgasmus erzielen konnte. 
Trotzdem war dann das Erlebnis von solcher Bedeutung, daß es die 
Abwehrreaktionen der heterosexuellen Triebe durch einen intensiven Ekel 
verstärken konnte. (In anderen Fällen tritt dann ein Ekel vor den 
Dirnen auf, und der Mann sehnt sich nach einem gesunden Weibe.) 
Die Infektion wird oft die Wurzel eines fanatischen Frauenhasses, 
ohne daß es zur Entwicklung einer manifesten Homosexualität kommt. 2 ) 
Der nächste Fall eigener Beobachtung gehört in diese Gruppe: 

Fall Nr. 40. Herr I. P., ein 39jähriger Ingenieur, stellt sich mir als 
ein typischer Angstneurotiker vor. Er kann sein Zimmer nicht verlassen, 
muß sich überallhin von einem Wärter begleiten lassen. Lebt seit 10 Jahren 
abstinent, nachdem er das Unglück hatte, eine sehr schwere Lues bei einer 
sogenannten „anständigen Frau" zu akquirieren. Seit diesem Erlebnis be- 
herrscht ihn ein fanatischer Frauenhaß. Er liest mit Vorliebe Strindberg, 
schwärmt für Weininger und hat die Broschüre von Möbius: „Der physio- 
logische Schwachsinn des Weibes" in eine fremde Sprache übersetzt. Vor 
der homosexuellen Betätigung hat er keinen Ekel, aber er behauptet, sie 
hätte für ihn keinen Reiz., Die Analyse zeigt, daß die Angstzustände als 
Sicherung gegen einen homosexuellen Akt auftreten. Nach der Lues war 
er im Begriffe, homosexuell zu werden. Gegen diese Triebrichtung schützt 
er sich nun durch allerlei Abwehrmaßregeln. Der Weg zum Weibe ist durch 
Ekel und Haß vollkommen versperrt. Die Heilung der Angstzustände war 
nicht allzu schwer. Nach einigen Jahren traf ich ihn als verheirateten Mann. 
Er hatte eine Frau geheiratet, die um 10 Jahre älter war als er und sich 
durch einen absoluten Mangel jeder Weiblichkeit auszeichnete. Er ist in 
der Ehe vollkommen potent, behauptet Orgasmus zu haben und glaubt, er 
hätte noch einen größeren Orgasmus, wenn er nicht ein Kondom benützen 

) Ich möchte auch betonen, daß die erBte homosexuelle Betätigung oft nach den 
Zwanzigern eintritt, wenn wir von den Akten der mutuellen Befriedigung zwischen 
Knaben und Mädchen absehen, die bei keinem Menschen — mit geringen Ausnahmen — 
in der Kindheit fehlen. Zwischen kleinen Kindern (4—8 Jahren) ist homosexuelle Be- 
tätigung sehr häufig, dann scheint bei manchen eine kurze Latenzzeit zu kommen. In 
der Zeit von 10—15 Jahren machen fast alle Knaben und alle Mädchen ihre homo- 
sexuelle Liebe (entweder nur platonisch oder grob sexuell) durch. Nach der Pubertät 
gibt es Schwankungen; Individuen, die später homosexuell werden, betätigen sich noch 
heterosexuell, machen allerlei Versuche und ziehen Bich dann wegen Impotenz oder 
einem unangenehmen heterosexuellen Erlebnis (Infektion, Paternitätsklage usw.) auf die 
Homosexualität zurück. 

2 ) Bloch hat bekanntlich darauf aufmerksam gemacht, daß der Antifeminismus 
und der Pessimismus von Schopenhauer auf eine in der Jugend überstandene Syphilis 
zurückzuführen sind. 



Tardive Homosexualität. — Bedeutung der sexuellen Infektionen. 275 

würde. Er will als Luetiker keine kranken Kinder in die Welt setzen. 
Er zieht den Coitus a posteriori und den Situs inversus vor und begründet 
das in theoretischer Weise wegen des Baues der weiblichen Genitalien . . . 

Über den Zusammenhang zwischen sexueller Infektion und Homo- 
sexualität gibt uns auch eine Beobachtung von Fleischmann*) deut- 
liche Aufklärungen. Es handelt sich um eine Urlinde. 

Fall Nr. 41. Uneheliches Kind. Vater starker Trinker. Wurde schlecht 
erzogen, vernachlässigt und geschlagen. War schon in der Jugend arbeits- 
scheu und diebisch. Gefängnis. Arbeitshaus. „Mit 16 Jahren mußte ich 
mein Brot selbst verdienen. Meine erste Stellung war im Restaurant als 
Biermädchen. Dort lernte ich Herrn X. kennen, der mir meine Unschuld raubte 
und mich geschlechtskrank machte. Im Krankenhaus sah und hörte 
ich alles mögliche. Von der Stunde an arbeitete ich nichts mehr. Die Jahre 
vergingen abwechselnd, gekämpft mit Not und Elend; Gefängnis. Arbeits- 
haus, Dunkelarrest. Im Arbeitshaus legten sich fast alle Mädchen nachts 
zusammen und von der Zeit an konnte mich kein Mann mehr interessieren. 
Ich verkehre nur mit Mädchen, die hübsch sind. Seit einem Jahr bin ich 
Prostituierte — meistens betrunken, um zu vergessen, was aus mir ge- 
worden und welcher krankhaften Zuneigung ich verfallen bin." 

Das erste sexuelle Erlebnis des armen Mädchens eine Infektion! 
Dann erfolgte die homosexuelle Verführung und das heterosexuelle 
Strombett verödet. (Die schon einmal betonte Homosexualität der 
Prostituierten.) Auch der Alkoholismus, offenbar um ihre Sehnsucht 
nach wahrer Liebe zu betäuben. Daß der Haß gegen den Vater eine 
Rolle spielen muß, daß dieser gegen den Trinker und den Mann, der 
sie als Bastard in die Welt setzte, leicht auf a 1 1 e Männer überspringt, 
ist ja einleuchtend. 

Auch die beiden Fälle aus der Beobachtung von Ziemke'-) 
sprechen eine deutliche Sprache. 

Fall Nr. 42. Künstler. Wurde im Alter von 16 bis 17 Jahren von 
einem Verwandten zur Onanie verführt, die er ein Jahr lang regelmäßig 
wöchentlich einmal ausübte. Mit 18 Jahren zum erstenmal Verkehr mit dein 
nnderen Geschlecht, wobei er sich eine Gonorrhöe holte, später noch 
einmal Koitus mit einer Prostituierten: niemals Interesse für das weibliche 
Geschlecht, dagegen hatte er schon alß 9jähriger Junge Gefallen am Anblick 
der Genitalien von Männern, bekam dabei Erektion. Die ersten sexuellen 
Träume waren, wie er sicher angibt, homosexuellen Inhaltes und blieben 
auch später so. Hat später wiederholt sexuellen Verkehr mit anderen Männern 
gehabt, fühlte sich immer frisch und lebendig danach, dagegen hatte er 
einen Ekel vor dem normalen Geschlechtsakt. Sein Sexualobjekt waren 
Männer mittleren Alters. Kennt die Literatur über Homosexualität. 



1 ) Beiträge zur Lehre der konträren Geschlechtsempfindung. Zeitschr. f. d. ges. 
Neurol. u. Path., 1911. 

'•) Zur Entstehung sexueller Perversitäten und ihrer Beurteilung vor Gericht. 
ArchiT f. Psychiatrie, Bd. 51, 1913. 

18* 



276 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Fall Nr. 43. Früherer Offizier, 38 Jahre alt, die Mutter soll nervös ge- 
wesen sein. Als Kind auffallend schüchtern, zurückhaltend gegen Alters- 
personen und Fremde. Auf dem Gymnasium zweimal sitzen geblieben, ging 
mit dem Primanerzeugnis ab, besuchte die Fähnrichspresse und bestand das 
Offiziersexamen. Wurde wegen Mißbrauchs der Dienstgewalt nach einigen 
Jahren aus dem Heere entlassen, ging nach Südwest-Afrika, wurde Farmer 
und Frachtenfahrer und beteiligte sich als Freiwilliger an verschiedenen 
kleinen Aufständen. 

Die ersten sexuellen Erregungen traten im 12. Jahre ein, bis dahin 
will er überhaupt von geschlechtlichen Dingen noch nichts gewußt haben. 
Damals hatte er ein Erlebnis, das seine Aufmerksamkeit zum ersten Male auf 
das Geschlechtsleben lenkte; er spielte mit seiner jüngeren Schwester und 
einem 10jährigen Vetter Menagerie und saß dabei auf dem Rücken des Vetters. 
Als er anfing, in unbändiger Weise auf dessen Rücken Reitbewegungen zu 
machen, merkte er,. daß ihm das Glied steif und er vorn naß wurde, wobei 
er angenehmes Gefühl hatte. Von der Bedeutung des Vorganges hatte er keine 
Ahnung, schämte sich aber, anderen etwas davon zu erzählen. Sehr bald ver- 
suchte er, ähnliche Situationen absichtlich herbeizuführen; wenn ihm dies ge- 
lang, suchte er auch die Ejakulation zu erreichen. Er versicherte, daß er 
damals weder zu seinem Vetter, an dem allein er seinen Trieb befriedigte, 
noch zu anderen Männern oder Knaben eine besondere Zuneigung empfunden 
habe, es sei ihm lediglich darauf angekommen, die Ejakulation hervorzurufen. 
Erst später, während seiner Gymnasialzeit, wo er Gelegenheit fand, sich in 
gleicher Weise zu befriedigen, habe er an einem Altersgenossen, einem kräftigen 
und hübschen Jungen, Gefallen gefunden und von nun an mehr und mehr den 
geschlechtlichen Vorgang mit der Person des passiven Teils in Beziehung ge- 
bracht. Schon als er den Knaben kennen lernte, habe sich ihm die Vorstellung 
aufgedrängt, daß er an ihm gern seinen Geschlechtstrieb in der ihm eigen- 
tümlichen Weise befriedigen möchte. Unter irgend einem Vorwand habe er sich 
beim Spielen auf den Rücken des Freundes gesetzt und Reitbewegungen ge- 
macht, bis Ejakulation erfolgte. In der Folge fand er sehr häufig Gelegenheit, 
mit Altersgenossen in der von ihm gewünschten Weise zu verkehren. Nach 
Alkoholgenuß war es ihm besonders schwer, seinen Trieb zu zügeln; 
so kam es, daß er sich häufiger mit Soldaten einließ und eines Tages angezeigt 
wurde, was zu seiner Dienstentlassung führte. Um sich von seiner unnatür- 
lichen Neigung zu heilen, knüpfte er ein Verhältnis mit einem Mädchen an, 
verkehrte auch einige Male ohne Genuß in normaler Weise mit ihr, indem 
er sich die ihm gewohnte Situation bei Männern vorstellte, und holte sich dabei 
eine Gonorrhöe. Er ging dann nach Südwestafrika, konnte aber auch 
dort nicht Herr seines Triebes werden, verging eich wiederholt an jungen 
Hottentotten und wurde schließlich zu Gefängnis verurteilt und aus dem Lande 
gewiesen. 

In diesem Falle scheint die Gonorrhöe der heterosexuellen 
Periode ein Ende gemacht zu haben. 

Aus meinen Sprechstunden erinnere ich mich noch einiger Fälle, 
in denen die Homosexualität nach einer Gonorrhöe aufgetreten war. Ich 
besitze darüber keine ausführlichen Aufzeichnungen. Es gab nämlich 
eine lange Zeit, in der ich an die angeborene Homosexualität im Sinne 



Tardive Homosexualität. — Bedeutung der sexuellen Infektionen. 277 

Hirschfelds glaubte und alle derartigen Patienten zurückwies und mich 
mit ihnen nicht analytisch beschäftigte. Damals stand ich in homo- 
sexuellen Kreisen als ihr Vertrauensmann in großem Ansehen. Seit ich 
gelerot habe, daß die Homosexuellen bisexuelle Neurotiker mit ver- 
drängter Heterosexualität sind, ist der Zulauf solcher Menschen viel 
spärlicher und sie kommen meistens nur, wenn sie mit dem Gesetz in 
Konflikt kommen. Die Solidarität der Homosexuellen und ihr Wille zur 
Homosexualität gehen Hand in Hand. Ihre geheime Organisation ist 
vorzüglich, und selbst wo feste Organisationen fehlen, kennen sie sich 
und empfehlen einander Freunde und Genossen. ( 

Fall Nr. 44. Dr. S. K., ein 32jähriger Arzt, ledig, erzählt mir, daß er 
eine ausgesprochene heterosexuelle Vergangenheit hatte. Allerdings sei das 
Verlangen damals rein physisch gewesen, und die seelische Beteiligung hätte 
damals vollkommen gefehlt. Er infizierte sich als Schiffsarzt in einer Hafen- 
stadt mit schwerer Gonorrhöe, die ihn durch sechs lange Monate quälte. Er 
hatte alle möglichen Komplikationen: Epididymitis, eine Posterior, Prosta- 
titis und zuletzt einen gonorrhoischen Gelenksrheumatismus. Seit dieser In- 
fektion hatte er einen unüberwindlichen Ekel vor jedem Weibe. Es war in 
Alexandrien, da kam er zufällig in die Kabine und beobachtete, wie ein Schiffs- 
leutnant einen eingeborenen Knaben pädizierte. Er wußte es, daß die Knaben 
immer in den Hafenorten an Bord kamen und sich den homosexuellen Männern 
offerierten. Er bekam beim Anblick der Szene einen' furchtbaren Brechreiz 
und wollte den Verkehr mit dem Kollegen abbrechen. Allein dieser offenharte 
eich ihm und erzählte ihm, er wäre durch Verführung homosexuell geworden 
und seit jener Zeit bei Frauen absolut impotent. Er bat ihn, das Geheimnis 
zu wahren und ihn nicht zu verraten. Es war der einzige Intellektuelle, mit 
dem er an Bord gern verkehrte. Nach einigen Wochen hatten sie ein Verhält- 
nis miteinander. „Ich lernte erst jetzt kennen, was Liebe ist, und war nie so 
glücklich wie damals. Ich konnte nun meine heterosexuelle Vergangenheit 
nicht begreifen. Doch las ich in den Tagebüchern von Platen, daß er als 
Jüngling auch ein Mädchen namens Euphrasia liebte und erst später erkannte, 
wohin sein Geschlechtstrieb tendierte. Bei mir war es ähnlich. Ich war 6chon 
homosexuell geboren und erst meine Erlebnisse haben mir die Augen geöffnet." 

Hier leiten die Gonorrhöe und die leichte Gelegenheit der Tropen- 
reise die Entstehung der Homosexualität ein. Aber täuscht sich der 
Kollege nicht über die Stärke seiner homosexuellen Einstellung? Inter- 
essant ist, wie sofort die homosexuelle Neigung durch psychische 
Faktoren verschönert und idealisiert wird. Zeigen doch die Homo- 
sexuellen mitunter einen stärkeren Liebeswahnsinn als die Hetero- 
sexuellen. Solche Grade von Liebesraserei wie unter Homosexuellen 
kann man unter den Heterosexuellen kaum beobachten. Es i,st eine 
Flucht in die Homosexualität, ein Versenken in die eine Richtung, 
welche als Versuch der Psyche aufzufassen ist, alle anderen Ein- 
stellungen in den Wogen der großen Leidenschaft untergehen zu lassen. 
Sehr häufig werden wir bei Homosexuellen der Behauptung begegnen, 



278 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 






ihre heterosexuelle Neigung sei nur physisch gewesen. 1 ) Seelisch 
könnten sie nur homosexuell lieben. In der Tat sieht man, daß viele 
Männer ihr Bedürfnis nach seelischer Liebe vollkommen zu Freund- 
schaft sublimieren, während die Frau ihnen das Instrument der Sünde 
(instrumentum diaboli) bleibt. 

So erzählt ein homosexueller Patient von Bloch, der schon des- 
halb interessant ist, weil er sich an seine heterosexuelle Periode 
erinnert: 

„In welchem Alter die geschlechtlichen Neigungen auftraten, ver- 
mag ich nicht anzugeben. Der Geschlechtstrieb ist auf den Mann gerichtet. 
Er war vor und während der Pubertätszeit vollkommen unbestimmt, 
ich glaube sogar, ich hegte in dieser Zeit den "Wunsch, einmal den Akt 
mit einem Mädchen ausüben zu dürfen. Liebe war das aber nicht, sondern 
ein rein physisches Verlangen, die seelische Seite des Triebes fehlte in 
der Zeit noch vollkommen. Der Trieb erstreckt sich nur auf den Jüngling. 
Ich habe bisher weder weiblichen noch männlichen Geschlechtsverkehr 
gehabt, glaube aber, daß ich zum normalen Akt fähig wäre; aber ein 
Genuß wäre es mir nicht, sondern nichts weiter als Onanie. Es besteht 
vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber dem weiblichen Geschlecht, aber 
kein Haß oder Ekel.. Die Liebesträume bezogen- sich stets auf Personen 
desselben Geschlechtes. (Bloch I.e. S. 566.) 

Auch bei Frauen tritt oft die Homosexualität nach einer In- 
fektion auf: 

Fall Nr. 45. Fräulein Erna, 42 Jahre alt, Schriftstellerin, zeigt auffallend 
männliche Züge, benimmt sich burschikos wie ein Mann, raucht, trinkt, ist 
Vorkämpferin für Frauenbewegung, Stimmrechtlerin. Behauptet, angeboren 
homosexuell zu sein, spielte schon als Kind nur männliche Spiele, war wilder 
als alle Brüder. Galt immer als verdorbener Bub. Hatte keine Ahnung von 
ihrer Homosexualität. War schon sehr früh Onanistin und hatte schon mit 
15 Jahren ein Verhältnis mit einem Offizier, der sie deflorierte. Behauptet 
aber, es wäre alles rein, sinnlich gewesen. Hat auch bei Männern Orgasmus 
gehabt. Wurde mit 19 Jahren von einem Offizier infiziert. Seit da- 
malsein heftiger Ekel gegen jeden Mann. Mit 22 Jahren 
faßte sie eine schwärmerische Liebe zu einer Freundin. Sie hatten ein Verhält- 
nis, bei dem sie den Mann spielte. Sie schnallte sich einen künstlichen Phallus 
um, trug im Hause Männerkleider. Es war eine regelrechte Ehe. „Seit jener 
Zeit weiß ich erst, was Liebe heißt. Die Männer habe ich nur begehrt. Es 
war eine rein physische Angelegenheit. Nun liebe ich schon seit zwanzig 
Jahren nur Frauen." Hatte sehr viele Verhältnisse nach der ersten „homo- 
sexuellen Ehe", die nur drei Jahre dauerte, da ihre Freundin ihr untreu 
wurde und bald darauf heiratete. 



')' Wie wir später sehen werden, kommt diese Einstellung daher, daß sie ihre 
ganze heterosexuelle seelische Erotik an die Familie fixiert haben. Heterosexuelle Männer 
beschränken sich in dieser Lage oft nur auf die physische Befriedigung bei Dirnen, 
während sie bei anderen Frauen impotent sind. 



Tardive Homosexualität. - Bedeutung der sexuellen Infektionen. 279 

Wie beweisend sind erst die Fälle, in denen die homosexuelle 
Einstellung nach einem schweren Trauma entsteht! Nicht immer ist 
es die Gonorrhöe. Oft sind es ganz andere Erlebnisse, wie ich aus 
einigen Beobachtungen beweisen kann. Doch lassen wir zuerst einen 
Fall Krafft-Ebings für diese Tatsachen sprechen: 

Fall Nr. 46. Fräulein X., 22 Jahre alt, gilt als Beaute, wird um- 
schwärmt von der Herrenwelt, ist eine entschieden sinnliche Natur, wäre wie 
geschaffen zu einer Aspasia, lehnte aber alle ihr gemachten Anträge ab. .Nur 
für einen ihrer Verehrer, einen jungen Gelehrten, zeigte sie Entgegenkommen, 
wurde intim mit ihm, gestattete ihm Küsse, aber nicht wie ein 
1 i e b e n d e s W e i b, und als Herr T. einmal dem Ziele seiner Wünsche sich 
nahe glaubte, bat sie unter Tränen, ihr so etwas nicht anzutun, da sie dazu 
nicht etwa aus moralischen Gründen, sondern austiefereneeelischen 
absolut unfähig sei. Auf das erfolglose Rendezvous folgten briefliche Konfi- 
denzen, aus welchen sich der sichere Schluß auf konträre Sexualempfindung 
ergab. ' Fräulein X. stammt von einem dem Potus ergebenen Vater und von 
hysteropathischer Mutter. Sie ist von neuropathischer Konstitution, hat vollen 
Busen, ist die äußere Erscheinung eines selten schönen Weibes, wirkt aber 
auffällig durch burschikoses Wesen, hat entschieden männliche Neigungen, 
turnt, reitet, raucht, hat strammes Auftreten und entschieden männlichen 
Gang. Neuerlich ist sie auffällig geworden durch schwärmerische Freund- 
schaftsverhältnisse für junge Damen. Sie hat eine solche bei sich, teilt mit 
ihr das Lager. Bis zur Pubertät will Fräulein X. sexuell ganz indifferent ge- 
wesen sein. Mit 17 Jahren machte sie in einem Badeort die Bekanntschaft 
eines jungen Ausländers, der durch seine „königliche" Gestalt einen 
faszinierenden Eindruck auf sie machte. S ie war glücklich, mit ihm 
einen Abend hindurch tanzen zu dürfen. Am folgenden Abend in 
der Dämmerung wurde sie Zeugin einer emporenden 
Szene - sie sah nämlich jenen entzückenden Mann 
von ihrem Fenster aus im Gebüsch futuare more 
bestiarum mulierem quandam inter mens t r u at 1 o nem. 
Adspectu sanguinis currentis et libidinis quasi 
bestialis viri fühlte sich Fräulein X ganz entsetzt, 
wie vernichtet, hatte Mühe, ihr seelisches Gleich- 
gewicht wieder zu erringen, war eine Zeitlang schlaf- 
und appetitlos und sah in dem Manne von nun an den 
Inbegriff der Gemeinheit. 

Zwei Jahre später näherte sich ihr in einem öffentlichen Garten eine 
junge Dame, lächelte sie an und warf einen ganz eigentümlichen Blick 
auf sie der ihr tief in die Seele drang. Am folgenden Tage trieb es die Ä. 
förmlich diesen Park wieder aufzusuchen. Die Dame war schon da, •schien 
auf sie zu warten. Man begrüßte sich wie alte liebe Bekannte, plauderte, 
scherzte, gab eich täglich neue Rendezvous, die sich, als die Jahreszeit un- 
günstig wurde, im Boudoir der jungen Dame fortsetzten. „Eines iages, 
berichtet Fräulein X. in ihren Konfidenzen, „führte sie mich zu ihrem Diwan, 
und während sie 'sich setzte, ließ sie mich zu ihren Füßen gleiten, bie 
heftete ihre scheuen Augen auf mich, strich mir die Haare aus der btirn 
und sagte: „Ach, wenn ich dich nur einmal so ordentlich heb haben durfte. 



280 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Darf ich?" Ich bejahte, und während wir nun so nebeneinander saßen und 
uns in die Augen schauten, glitten wir hinüber in jene Strömung, wo es 
kein Zurück mehr gibt. — Sie war bestrickend schön. Für mich war dies 
alles neu und berauschend, man gab sich hin, voll und ganz ungehemmt im 
glühendsten Rausch weiblichen Sinnentaumels. Ich glaube nicht, daß je ein 
Mann das zauberhaft Berauschende, Zarte und Pikante trifft — der Mann 

ist doch zu wenig feinfühlend, zu wenig sensitiv. Unser wildes Spiel 

hatte so lange gedauert, bis ich ermattet zurücksank, kraftlos, entnervt. 
Ich lag, durch diese Erschlaffung eingeschlafen, auf ihrem Bette, als mich 
plötzlich ein unsagbares, nie gekanntes Gefühl jäh emporfahren ließ — ein 
Schauer durchrieselte meinen ganzen Körper, ich sah J. auf mir — cunni- 
bJiguin perhciens - es war für sie der höchste Genuß, tandem mihi non 
hcebat altrum quam osculos dare ad mammas — wobei sie jedesmal in kon- 
vulsivische Zuckungen geriet." 

Fräulein X. bekannte noch, daß sie in diesem homosexuellen Verkehr 
sich immer als Mann dem Weibs gegenüber fühlte und daß sie, faute 
de mieux, einmal einen ihrer Anbeter zum Kunnilingus zuließ. (Kraft t- 
Ebing, 1. c. Beobachtung 165.) 

Man versetze sich in die Lage einer exaltierten Natur, wie dieses 
Mädchen es war. Sie macht den ersten holden Wahn der Liebe durch, 
sie ist im Begriffe, ein Weib zu werden, sie findet „ihn" königlich, 
ihn „den Herrlichsten von allen", und plötzlich muß sie erleben, daß 
sich dieser Gott als ein Tier erweist. Eifersucht und Empörung 
mußten sich bei ihr zu einem so gewaltigen Affekt vereinen, daß sie 
von einem namenlosen Haß gegen alle Männer befallen wurde. 

Wie viele Frauen mögen auf diese Weise zu Urlinden geworden 
sein! Man ziehe auch in Betracht, daß die homosexuelle Liebe bei 
vielen Frauen sich nur in Küssen und Umarmungen äußert und ihnen 
ästhetisch schöner erscheint als der Erguß der heterosexuellen. Die 
Angst vor dem Phallus ist ein Phänomen, das sehr leicht durch irgend 
einen zufälligen infantilen Eindruck entstehen kann. Die X. wird aller- 
dings auch in der homosexuellen Liebe nicht bloß Ästhetin, aber man 
horche auf ihre Worte: „Der Mann ist zu wenig feinfühlend!" 

Dieser hochinteressante Fall zeigt uns die Entstehung "der Homo- 
sexualität durch ein Trauma, das allerdings auf das sensitive, schwär- 
merische Wesen ganz außerordentlich erschütternd wirken mußte und 
die vorhandene Anlage zur Homosexualität verstärkte. Aber noch 
immer ist sie eigentlich bisexuell, und es erscheint mir nicht ausge- 
schlossen, daß sie den Horror vor dem Manne überwindet. Zu be- 
denken ist, daß der Vater ein Potator war und daß sie möglicherweise 
auch im Hause Szenen erlebt hat, welche der geschilderten ähnlich 
waren. Wie schade, daß dieser Fall nicht analysiert wurde! Trau- 

matischeSzenenim vorgeschrittenen Alterwirken 
besonders stark, wenn sie sich aus ähnlichen Er- 



Tardive Homosexualität. — Bedeutung der sexuellen Infektionen. 281 

lebnissen der Kindheit ihre infantile Resonanz 
holen. Und ausgeschlossen ist es nicht, daß diese Patientin die 
ganze Szene nicht erlebt, sondern nur halluziniert hat, 
daß sie eine einmal in der Kindheit erlebte Szene nun in der Phantasie 
noch einmal erlebte. 

Eine bemerkenswerte Parallele zu diesem Falle bietet die nächste 

eigene Beobachtung. 

Fall Nr. 47. Frl. £.' S. kommt mit 32 Jahren wegen verschiedener 
Zwangsvorstellungen in meine Behandlung. Sie gesteht, daß sie eine Urlinde 
sei und sich nie zu Männern hingezogen gefühlt habe. Ihr Vater, schon 
drei Jahre tot, war ein schwerer Potator, die Mutter lieb, bescheiden, in 
keiner Hinsicht neurotisch. Unsere Patientin hatte schon einige Male Ge- 
legenheit gehabt, sich zu verheiraten, aber sie zieht sich immer vor den 
Männern scheu zurück, wenn sie ihr näher treten wollen. Eine gewisse 
Neigung hat sie für ältere verheiratete Männer und sie versteht es, wie man 
seine Freundin mit ihrem Manne betrügen könne. „Ich habe Pech gehabt'' 
— sagt sie — „wenn mir schon ein Mann gefallen hat, so war er an eine 
Freundin vergeben." Wirklich verhebt war sie nur in Mädchen und in Frauen. 
Ihre erste Schwärmerei war eine Lehrerin, welche sie auch in der Wohnung 
besuchte. Diese Lehrerin wollte, daß das reiche Mädchen ihren Bruder heiraten 
sollte, und brachte die beiden immer zusammen. Der Bruder gefiel ihr, weil 
er der Geliebten ähnlich sah. War die Schwester nicht im Zimmer, so lang- 
weilte sie sich mit dem Verehrer und wurde einsilbig, so daß die Unter- 
haltung stockte. Der Lehrerin sandte sie Blumen und machte ihr gern 
kostbare Geschenke. Es war ihre Sehnsucht, mit der Lehrerin einmal in 
einem Bette zu schlafen und sie träumte oft davon. Sie machte ihr sogar 
den Vorschlag, mit ihr zusammen eine Reise zu machen. Die Lehrerin konnte 
nicht fahren und zog sich sogar zurück, weil ihr die Huldigungen ihrer 
Schülerin doch zu stürmisch schienen. Sie litt auch unter der Eifersucht 
ihrer Verehrerin, die ganz krank wurde, wenn auch andere Mädchen zu ihr 
kamen. Allerdings gab es in der Klasse einen ganzen Bund, der die Lehrerin 
verehrte. 

Später liebte sie eine Freundin, und sie küßten sich unzählige Male, 
wobei sie ein herrliches, heißes Gefühl durchströmte. Der Kuß eines Vetters 
hingegen ließ sie ganz kalt. Sie habe nun mal für Männer nichts übrig. 
Sie wußte lange nicht, daß sie homosexuell sei, aber daß sie anders sei als 
die anderen Mädchen, das war ihr schon in der Kindheit klar. Sie war 
immer wild wie ein Bub und die Mutter sagte ihr oft: In dir stecken zehn 
schlechte Knaben. Sie kletterte auf alle Bäume, war wild und ausgelassen 
und spielte am liebsten mit den Knaben, wollte nicht mit Puppen spielen, 
bat um ein Reitpferd und ein Schießgewehr, so daß der Vater ganz ver- 
zweifelt war und manchmal ausrief: Die ist wirklich ein verdorbener Bub! 

In der Analyse treten aber zahlreiche homosexuelle und heterosexuelle 
Erlebnisse aus der Kindheit hervor. Sie hatte noch mit 12 Jahren ein Er- 
lebnis mit einem Vetter, der des Nachts zu ihr ins Bett kam und mit ihr 
spielte. Sie könne sich nicht erinnern, ob es zu einem Koitus gekommen 
wäre. Auch mit Gespielinnen hatte sie verschiedene Abenteuer. Sie gesteht 
auch, daß sie schon seit dem 12. Jahre, von einem Fräulein verführt, onanierte 



282 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

und daß sie sich früher immer vorgestellt habe, daß ein Mann mit ihr den 
Koitus ausführe. Ja, noch mit 16 Jahren war sie in einen Freund ihres 
Vaters bis über die Ohren verliebt. Er war viel jünger als der Vater und 
war aus der gleichen Burschenschaft. 

Während sie erst über den Vater nur sehr anerkennende Äußerungen 
macht (das Trinken wäre nicht so arg gewesen) und die Erinnerungen von 
seiner Liebenswürdigkeit, Milde und seinem Ansehen sprechen, beginnt sich 
allmählich ein immer stärker anschwellender Haß zu melden. Der Vater 
habe sie eigentlich in schlechten Verhältnissen zurückgelassen. Jeder habe 
sie für Millionäre gehalten, weil der Vater ein so großes Haus geführt habe. 
Nach seinem Tode zeigte es sich, daß er das Kapital angegriffen hatte, 
und daß nur ihre Mitgift intakt war, die groß genug war, daß sie und 
die Mutter bescheiden leben konnten. Die Mutter sei immer eine Märtyrerin 
gewesen. Der Vater hielt es die letzten zehn Jahre mit der Köchin im Hause. 
Es war dies eine dicke, unförmige, ordinäre Person. Die Mutter und sie 
waren eigentlich geduldet. Einmal hatte die Mutter versucht, die Köchin 
hinauszuwerfen, da wurde der Vater roh und fast gewalttätig und wies der 
Mutter die Türe: Sie könne mit ihrer Tochter gehen, wohin sie wolle. Die 
Köchin war dann so frech und unausstehlich, daß die arme Mama tagelang 
vor sich hinweinte und sich schließlich in das Los ergab. Erst als der 
Vater schwer krank Wurde, konnte man die Köchin aus dem Hause weisen. 
Die kecke Person machte noch einen Prozeß, weil der Vater ihr angeblich 
eine Rente und lebenslängliche Versorgung versprochen habe. Sie verlor den 
Prozeß, weil der Vater, auf dem Krankenbette einvernommen, diese An- 
gaben als völlig erlogen bezeichnete. Noch mehr erzählt die Patientin, er- 
innert sich aber nicht, daß sie je etwas von Intimitäten zwischen dem Vater 
und der Köchin gesehen habe. 

Ihre Träume jedoch weisen darauf hin. So träumte sie unter anderem : 

Ich gehe vorsichtig in die Küche und finde die Köchin dorten 
nicht. Dann steige ich leise über die Hintertreppe in die Mansarde 
und sehe durch das Schlüsselloch, wie die Köchin mit dem Kutscher 
in einem Bette zusammen liegen. 

Sie erinnert sich, daß der Kutscher noch da war, als die Köchin jünger 
war, und daß der Vater ihn entließ. Er lauerte einmal Papa auf, als er aus 
dem Wirtshause kam, und wollte den Papa überfallen. Papa war aber stärker 
als der Knecht und warf ihn so zu Boden, daß er ein Bein brach. Doch 
glaubt sie, daß man in der Gegend nicht den Grund des Streites erfuhr, 
sondern annahm, daß der Knecht sich nur für seine Entlassung rächen wollte. 

Schließlich gesteht sie mir, daß sie mir ein Erlebnis zu berichten 
habe, an das sie lange nicht gedacht habe. Sie wollte es mir eigentlich 
schon längst erzählen, wurde aber durch eine unerklärliche Scheu davon ab- 
gehalten. Sie war sechzehn Jahre alt, als sie hörte, wie der Vater aus seinem 
Studierzimmer die Mansarde hinaufstieg. Das Stubenmädchen hatte an 
diesem Tage Ausgang und die Mutter lag unwohl zu Bette. Sie legte die 
Schuhe ab und kroch leise die Stiege hinauf. Die Türe in das Dienstboten- 
zimmer stand offen. Der Vater war leicht berauscht und auch die Köchin, 
die heimlich immer etwas Schnaps trank, schien nicht nüchtern zu sein. Im 
Zimmer brannte eine Kerze und die Stiege war dunkel. Sie konnte alles 



Tardive Homosexualität. — Bedeutung der sexuellen Infektionen. 283 

genau sehen. Sie sah nun, daß pater membrum suum in os ancillae immisit. 
Der Anblick seines roten, leidenschaftlich verzerrten Gesichtes war ihr so 
widerwärtig und so aufregend, daß sie es im Leben nicht vergessen kann. 
Wenn sie heute daran denkt, so müsse sie brechen. (Sie kämpft während der 
Erzählung mit heftigem Brechreiz.) Nach diesem Erlebnis erkrankte sie an 
einem nervösen Magenleiden, das sich hauptsächlich in nervösem Erbrechen 
äußerte. Noch im letzten Jahre kam es zu Perioden, in denen sie kaum einen 
Bissen Fleisch herunterwürgen konnte und Attacken von unstillbarem Er- 
brechen hatte. 

Nach diesem Erlebnis trat die Liebe zur Lehrerin auf. Diese Erinnerung 
determinierte ihre sexuelle Leitlinie und trieb sie zur Homosexualität, weil 
sie alle Männer nach dem Typus Vater beurteilte. Ihre Neigung zu ver- 
heirateten und älteren Männern (immer platonisch!) geht auch auf die Vater- 
imago zurück. Sie suchte einen besseren und edleren Vater. 

Wenn sich ihr ein Mann näherte, so kam ihr die Szene in Erinnerung, 
die alles Elend ihres Hauses, ihre ganze Schmach und die Erniedrigung ihrer 
Mutter, die Leidenschaft ihres Vaters in einem Bilde vereinigte. Sie hatte 
diesen Vater, der glänzende Eigenschaften hatte und in der Gesellschaft sehr 
beliebt war, verehrt und geliebt wie ihre edle Mutter. Dann mußte sie 
diesen Zusammenbruch des Hauses erleben. Mußte das nicht wie eine 
Warnung vor den Männern wirken, wie eine Drohung? Mußte es ihr nicht 
Angst vor dem Mann und seiner Leidenschaft einjagen? Sie zog sich dann 
zurück, weil ihr dies Bild vor Augen stand und ihr sagte: Lasse dich nicht 
von einem Manne betören, denn es könnte dir so ergehen wie deiner Mutter! 

Was wäre aus diesem braven Mädchen geworden, wenn der Vater andere 
Bahnen gewandelt wäre, wenn die Ehe ihrer Eltern glücklich gewesen wäre, 
wenn sie diese furchtbare Szene, die doppelt poinlich wirkte, weil sie von 
den Brutalitäten der Sexualität keine Ahnung hatte, nicht erlebt hätte? Ich 
wage es ruhig zu behaupten, daß sie eine biedere deutsche Hausfrau geworden 
wäre, und sich ihre Homosexualität in sanften Bahnen ausgelebt hätte. So 
ging sie Verhältnisse mit Mädchen ein und zog sich immer mehr von den 
Männern zurück. Sie erlaubte sich auch, Männer zu lieben. Aber sie mußten 
stets verheiratet und unerreichbar sein. Dann bestand keine Gefahr für sie.. 
Als ihr ein Mann einer Freundin, den sie auch seelisch verehrte, erklärte, 
er könnte sich ihretwegen von seiner Frau scheiden lassen, floh sie ihn und 
suchte sich rasch ein anderes unerreichbares Ideal. Alle diese Idealo waren 
praktisch a'sexualisiert und ihre ganze Sexualität lebte sieh bei Frauen aus. 
Die Liebe zwischen Frauen erschien ihr rein und er- 
haben, während die Liebe der Männer ihr brutal vor- 
kam. Selbst der Koitus kam ihr wie eine abscheuliche 
Brutalität vor. 

Dieses Trauma trat nach der Pubertät auf und hatte eine solche 
nachhaltige Wirkung. Es wirft sich die Frage auf, ob die Traumen der 
Kindheit auch die individuelle Form des Geschlechtslebens beeinflussen 
können. Diese Frage ist längst zugunsten der Ansichten von Binet 
entschieden worden, und die Psychanalyse hat manches neue Material 
zur Wirkung der Traumen geliefert. Die engere . Freudschule hat dann 
die Wirkung der Traumen zuerst überschätzt und auch mancherlei 



284 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Vorgänge als Traumen bezeichnet, welche diesen Namen gar nicht ver- 
dienen. Ich möchte aber nochmalß davor warnen, die Bedeutung der 
Traumen zu unterschätzen. Gewisse geringe fetischistische Neigungen 
finden auf diese Weise eine leichte und oft bestätigte Erklärung, wenn- 
gleich gerade die schweren Fälle von Fetischismus, wie wir sehen 
werden, sich durch die Traumen allein nicht erklären lassen. Hier ver- 
sagte die Assoziationshypothese von Bittet vollkommen. Es ist eben 
auch zu bedenken, daß der Neurotiker viele Traumen phantasiert, die 
gar nicht existiert haben, und aus vielen harmlosen Erlebnissen Traumen 
macht, wenn sie ihm in sein System hineinpassen. Er fälscht die Er- 
innerung, wie es alle Homosexuellen machen, wenn sie sich eine rein 
homosexuelle Lebensgeschichte konstruieren. 

Ob aber nicht mancher erste Eindruck für die Zukunft determi- 
nierend wirkt? Sagt doch Jean Paul treffend: „Alles Erste lebt ewig 
im Kinde!" Ich möchte zwei Beobachtungen von Bloch anschließen, 
die uns die Bedeutung des ersten sexuellen Eindruckes trefflich illu- 
strieren. 

Fall Nr. 48. „Ich war etwa 5 Jahre alt, als ich auf einem Spaziergange 
mit dem Kindermädchen in der Anlage sah, wie ein Mann onanierte; ohne 
zu wissen, was dies war, beschäftigte dieses Bild meine Phantasie noch viele 
Jahre. In meinen Träumen bis zu 14 Jahren spielte das Zusammenleben mit 
einem Altersgenossen eine Hauptrolle. Mit 13 Jahren verliebte ich mich in 
einen Schulkameraden, der mir jedoch wenig gewogen war; was, mich an 
ihm besonders interessierte, war der Umstand, daß er geschlechtliche Auf- 
klärung in die Klasse brachte. Durch Wegzug in eine andere Stadt verlor 
ich ihn aus dem Gesicht. Obwohl ich von dem eigentlichen Geschlechtsleben 
damals noch nichts wußte, suchte ich doch Objekte, welche meine Sinnlich- 
keit erregten. 

Ein unbekannter Mann von zirka 35 Jahren verführte mich und trieb, 
sobald er mich traf, mit mir Päderastie. Ich fühlte wohl das Verwerfliche 
in diesem Umgange, war aber zu schwach, als daß ich mich hätte diesem 
Einfluß entziehen können. Nach etwa drei Monaten war er verschwunden. 
Jetzt wußte ich auch, was Onanie ist, zumal in der Schule sehr viele Aus- 
schweifungen vorkamen. 

Mit 18 Jahren verließ ich die Schule, und wie "sich nun bei den anderen 
Kameraden der Trieb zum Weibe zeigte, so fühlte ich immer mehr, wie 
mich alles zum Manne hinzog, öfter versuchte ich, dem Drängen meiner 
Freunde nachgebend, mit -Damen der Halbwelt in Berührung zu kommen, 
doch hat mich dieses jedesmal mit dem größten Abscheu und Widerwillen 
erfüllt. Es ist für mich ein furchtbares Gefühl, wenn ich merke, daß sich 
eine Dame für mich interessiert. Um so mehr interessierte mich daher das 
männliche Geschlecht. Wenn ich einen Mann liebe, so denke ich dabei nicht 
(nur) an die geschlechtliche Vereinigung, sondern ich suche in ihm das zu 
lesen, wa's ich selbst zu geben bereit bin: alleiniges Interesse, Treue, selbst- 
lose Hingabe; wenn ich einen Mann liebe, kenne ich sonst nichts mehr." 
(Bloch, 1. c. S. 565.) 



Tardive Homosexualität. — Bedeutung der sexuellen Infektionen. 285 

Hat es nicht den Anschein, als ob dieses Bild, das der Knabe 
auf einem Spaziergange sah, der „onanierende Mann", ihn dann in die 
homosexuelle Bahn gedrängt hätte? Im vorigen Falle wirkte das 
Trauma wie eine Warnung. In diesem aber wirkt es wie ein ewiger 
Antrieb, weil ja ein Kind noch nicht die moralischen Abwehraffekte 
aufbringt, und die erste Erregung (der Anblick des erigierten Gliedes) 
eine außerordentlich starke gewesen sein muß. Das Bild beschäftigte 
seine Phantasie noch viele Jahre, es fixierte sich, es bohrte sich in 
das Gedächtnis dieses Menschen ein. Im Fall Nr. 47 der K. S. assoziierte 
sich das Trauma mit Ekel; es wurde zur Abwehr der Hetero Sexualität 
verwendet. 1 ) In diesem Fall assoziierte sich die Erinnerung des Vor- 
falles mit Begierde. Es wurde in positiver Form als Antrieb zur 
Homosexualität verwendet. Wir sehen, wie sich das Problem kompliziert. 
Ich gestehe auch, daß ich lange Zeit keine Klarheit gewinnen konnte, 
so lange ich einseitig urteilte und eine Entstehungsmöglichkeit ins 
Auge faßte. Nun weiß ich, daß die Wege zur Homosexualität sehr 
verschieden sind, daß sie eine eingehendere Besprechung erfordern. 
Wir wollen untersuchen, ob psychische Kräfte zur Entstehung jeder 
Homosexualität beitragen, ob es also nur eine seelisch bedingte oder 
auch eine organische Homosexualität gibt. Man könnte ja alle diese 
Fälle als Pseudohomosexualität bezeichnen. 

Ich finde als Beitrag zu dieser Frage bei Bloch noch einen Fall, 
der uns wieder ein Trauma und auch die determinierende Kraft dieses 
Traumas vor Augen führt. Es handelt sich um einen männlichen • 
Homosexuellen. 

Fall Nr. 49. „Seit meiner frühen Kindheit lag etwas Mädchenhaftes 
in meinem ganzen Wesen, sowohl äußerlich, wie (besonders) innerlich. Ge- 
schlechtliche Regungen stellten sich bei mir ungewöhnlich früh ein. IJ n- 
gefäft sechs Jahre war ich alt, als einmal ein Haus- 
lehrer sich auf den Rand des Bettes niedersetzte, in 
dem ich im Fieber lag, mich liebkoste und mit seiner 
Hand membrum meum tetigit: die dabei entstandene 
Wollust war so intensiv, daß sie bis jetzt aus meiner 
Erinnerung ni cht -verschwunden ist. In der Schule, wo ich 
mich stets durch meine Aufführung und Erfolge auszeichnete, habe ich mir 



*3 Das erklärt -uns folgenden Passus bei Hirschfeld (l.c.S.315): „So schrieb mir 
- unus e multis - ein urnischer Schriftsteller: „Die gleichgeschlechtliche Neigung 
trat ein, trotzdem der erste sexuelle Anstoß weiblicher Art war — eine Kindsmagd 
verführte mich — , trotzdem mir das weibliche Geschlecht durch Erziehung von 
Jugend an sozusagen auf dem Präsentierteller gereicht wurde und meine Lektüre nur 
die Weiberliebe verherrlichte." Ich setze hinzu: Sie trat ein, weil sich für ihn der 
erste sexuelle Anstoß mit Ekel assoziierte und weil ihn die Weiberherrschaft zum 
Weiberhaß führte. 



286 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



zuweilen eine gegenseitige „Betastung" mit verschiedenen Schülern gefallen 
lassen. Von welcher Seite ich die ungewöhnliche Intensität des geschlecht- 
lichen Triebes geerbt haben mag, weiß ich nicht, ich erinnere mich aber, 
daß ich gegen mein 12. Jahr schon sehr viel darunter zu leiden hatte und daß 
ich es wie eine Erlösung empfand, als mir ein Kamerad einen einmaligen 
Unterricht in der Onanie gab. Dieser „paradiesische" Zustand dauerte in- 
dessen nicht sehr lange, und seitdem ich das Unnatürliche und Gefährliche 
meines Verfahrens eingesehen habe, führe ich einen furchtbaren und erfolg- 
losen Kampf gegen mich selbst. 

Ich erinnere mich, daß meine Augen von jeher sich unwillkürlich voll 
Sehnsucht auf etwas ältere, vigoröse Männer richteten, 
ohne daß ich dieser Tatsache genügende Beachtung schenkte. Ich glaubte, 
daß ich nur deswegen der Onanie (deren Wirkung ich in meiner Phantasie 
gewiß zum Teil übertreibe) anheimfalle, weil ich nicht die Möglichkeit habe, 
mit Frauen geschlechtlich zu verkehren (sonst pflegte ich zuweilen einen 
freundschaftlichen Umgang mit jungen Mädchen, die sich zu mir äußerst hin- 
gezogen fühlten; ich habe aber immer dafür gesorgt, daß 
solche Liebeserregungen im Keime erstickt wurden, 
weil ich fühlte, daß es mir unmöglich ist, ihnen entgegen zu 
kommen). Ich entschloß mich endlich, bei den Prostituierten, die meinem 
ästhetischen und sittlichen Gefühl zuwider waren, Rettung zu suchen, fand sie 
aber freilich nicht: entweder konnte ich den normalen geschlechtlichen Akt 
überhaupt nicht vollziehen oder es geschah ohne besondere Lust, wobei bald 
darauf die Angst vor der Ansteckung eintrat. Zwar hatte ich oft 
Gelegenheit, ein „Liebesverhältnis" mit einem Weibe anzuknüpfen, ich tat es 
aber nicht und warf mir innerlich meine lächerliche Schüchternheit und mein 
zu empfindliches Gewissen vor. Wenn beides auch wahr ist, so habe ich doch 
•bei dieser Tatsache den Hauptgrund außer acht gelassen, den nämlich, daß 
ich hauptsächlich homosexuell veranlagt bin und daß ich mich vom anderen 
Geschlecht physisch fast gar nicht angezogen fühlte. 

Fast glaubte ich mich für das geschlechtliche Leben überhaupt nicht 
mehr tauglich, als ich eines Tages bemerkte, daß der Anblick eines Membrum 
virile mein ganzes Blut in Aufwallung brachte. Ich erinnerte mich nun, daß 
dies auch früher zuweilen der Fall war, wenn auch in weniger auffallender 
Weise. Ich mußte also im Stillen anerkennen, daß ich doch nicht „wie alle" 
bin. Diese Tatsache, die ich früher ahnte und von der ich mich immer fester 
überzeugte, versetzte mich in Verzweiflung. Da geschah es. daß ein einfaches 
Mädchen sich in mich stark verliebte, und ich ging darauf ein, mit ihm ein 
Verhältnis anzuknüpfen. Während dieser Periode, die mehrere Monate 
dauerte, habe ich mir meine fortdauernde Zuneigung zu Männern vorgeworfen, 
sie ganz zu unterdrücken war jedoch unmöglich. Das Verhältnis mit dem 
Mädchen dauerte noch fort, als ich einmal in einer Bedürfnisanstalt einen 
älteren Herrn bemerkte, der mir sehr auffiel: er 'sah mich prüfend 
an, er neigte sich behutsam, um membrum meum videre, er näherte sich mir 
allmählich, bewegte seine leicht zitternde Hand und . . . membrum meum 
tetigit. Ich war so betroffen und erschrocken, daß ich bald darauf davonlief 
und mich dann einige Zeit hütete, an derselben Stelle vorüberzugehen. Um 
so stärker war nachher der Drang, diesen seltsamen Mann wieder zu finden; 
dies war auch gar nicht schwer. In dem sinn- und erfolglosen Kampfe gegen 



Tardive Homosexualität. — Bedeutung der sexuellen Infektionen. 287 

einen Trieb, der mir mindestens zu einem großen Teil angeboren ist, habe ich 
meine besten Kräfte verloren, trotzdem ich schon seit lange eingesehen habe, 
daß dieser Trieb an und für sich weder krankhaft, noch sündhaft ist." 
(Bloch, 1. c. S. 545.) 

Spricht dieser Fall nicht für die Stärke des ersten Eindruckes 
und für die Wichtigkeit der bisexuellen Grundlage der Homosexualität? 
Der Mann wird von einem älteren Manne verführt und er legt es offen- 
bar immer wieder darauf an, von einem älteren Manne verführt zu 
werden, der immer die Szene aufführt, die ihm unvergeßlich ist. Obwohl 
er sich heterosexuell betätigen kann, bleibt dieser Trieb wie eine 
Zwangsvorstellung bestehen und jagt ihn immer wieder älteren Män- 
nern in die Arme und immer wieder zu der Form der Befriedigung, 
welche die erste in seinem Leben war. Heterosexuelle Regungen werden 
unterdrückt. Er gesteht es ja selbst, daß er dafür sorgte, daß 
solche Liebeserregungen im Keime erstickt 
wurden. Das heißt, er bekämpfte systematisch alle heterosexuellen 
Regungen und begünstigte die homosexuellen. Dann kommt er zu der 
Erkenntnis, daß er nicht so ist wie alle ... Er ist eben bisexuell und 
hat die Gabe, sich bisexuell zu betätigen. Eine genaue Analyse hätte 
noch manche interessante Details erklären können. Wir wollten nur 
zeigen, wie dieser Mann immer wieder seinen Lehrer (Vater?) sucht, 
und wie viel neurotisches Gehaben hinter diesem Triebe steckt. 

Sehr merkwürdig ist auch die nächste Beobachtung von Krafft- 
Ebing. 

Fall Nr. 50. Ein 34jähriger Kaufmann, von neuropathischer Mutter 
stammend, wird mit 9 Jahren von einem Schulkameraden zur Onanie verführt. 
Auch ein homosexuelles Verhältnis mit seinem Bruder. Fellatio. Urolagnie. 
Mit 14 Jahren die erste Liebe zu einem Mitschüler. 

Im 17. Jahre tritt eine große Wandlung in seinem 
Ideal ein. Er liebt nicht mehr junge, schöne Burschen, 
sondern nur dekrepide Greise. 

T. führt das darauf zurück, daß er einmal nachts 
im Nebenzimmer den damals schon betagten Vater 
wollüstig stöhnen hörte, sich dabei sinnlich enorm 
erregte, weil er sich den Vater koitierend dachte. 

Seither spielen homosexuelle Akte aueübende Greise in seinen Traum- 
pollutionen und beim Masturbieren eine hervorragende Rolle. Aber auch unter- 
tags erregte ihn der Anblick eines Greises, ganz besonders wenn dieser recht 
dekrepid und salopp war, so mächtig, daß e6 zuweilen zur Ejakulation kam. 
Versuche im Lupanar mit Weibern mißlangen vollkommen, auch Männer und 
Jünglinge reizten ihn nicht. 

Vom 22. Jahre ab innige, nur platonische Liebe zu einem Greise, den 
er täglich auf seinen Spaziergängen begleitete. Während dieser Spaziergänge 
kam es bei T. zur Ejakulation. Um sich von dieser Sklaverei zu befreien, 
nahm er sich nach einigen mißglückten Versuchen im Lupanar einen 






288 Zweitor Teil. Die Homosexualität. 

dekrepiden Greis mit, der vor ihm koitieren mußte. 
Dieser Anblick reizte ihn so, daß er potent wurde. 
Später wurde der Alte entbehrlich, und er konnte 
allein koitieren. Die Freude dauerte nicht lange, er 
wurde bald impotent. 

Dieser Fall ist in jeder Hinsicht interessant und für unsere Unter- 
suchungen von größter Wichtigkeit. Er beweist uns die große deter j 
minierende Kraft eines kindlichen Erlebnisses und ein Festhalten an 
einer Szene, die immer wieder gespielt wird. Die ganze Libido dieses 
Menschen ist bei dieser Szene verankert. Er spielt sie auch im Lupanar, 
wenn er sich einen dekrepiden Greis mietet, der vor ihm koitiert. Dieser 
Greis wird dann in seiner Phantasie zum Vater, die Dirne wird die 
Mutter, und er ist das zuschauende Kind. Dieses Zuschauen bringt ihn 
so in Erregung, daß er mit dieser Hilfe bei der Dirne potent ist. Aber 
nur so lange, als die reizende Kraft dieser Szene aushält. Dann sinkt er 
in seine frühere Impotenz zurück und sucht immer wieder . . . seinen 
Vater. Es ist ja ganz klar — und nur Blinde können es nicht sehen, 
daß T. den Vater sucht. Sein Wunsch war es offenbar, daß der Vater 
auch mit ihm etwas Sexuelles beginnen sollte. Es ist möglich, daß er 
sich mit der Mutter identifiziert. Doch dafür haben wir keinen Anhalts- 
punkt. Es ist dies deshalb wichtig, weil Sadger und der engere Kreis 
um Freud die Rolle der Mutter bei der Entstehung der „echten Homo- 
sexualität" betonen, und die Bedeutung des Vaters arg vernachlässigt 
wird. Dieser Fall zeigt uns einen „Japhet, der seinen Vater sucht". 
Die Spaziergänge mit dem ehrwürdigen Greise sind Neuauflagen der 
Spaziergänge mit dem Vater. 

Die heterosexuellen Erlebnisse der Jugend kennt dieser Kranke 
nicht, da sie ja wahrscheinlich verdrängt wurden. In anderen Fällen 
von Krafft-Ebing wird aber die heterosexuelle Periode deutlich hervor- 
gehoben. Ich verweise auf die Beobachtung 144. Ich bringe nur den 
Anfang dieser Krankengeschichte: 

Fall Nr. 51. „Ich bin gegenwärtig 31 Jahre alt, schlank, jedoch ziemlich 
kräftig entwickelt, der mannmännlichen Liebe ergeben, daher unverheiratet. 
Meine Verwandten waren alle gesund, geistig normal, mütterlicherseits 
kamen zwei Selbstmorde vor. Der sexuelle Trieb erwachte in mir im 7. Lebens- 
jahre, besonders beim Anblick eines nackten Bauches. Ich befriedigte den 
Trieb, indem ich mein Sputum auf meinen Bauch herabüießen ließ. In meinem 
8. Lebensjahre hatten wir eine kleine Magd von 13 Jahren. Es bereitete mir 
großen Genuß, meine Genitalien mit den ihren in Berührung zu bringen, doch 
konnte meinerseits noch kein Koitus zustande kommen. Im 9. Lebensjahr kam 
ich zu fremden Leuten und bezog das Gymnasium. Ein Mitschüler zeigte mir 
seine Genitalien, wobei ich nur Ekel empfand. Doch befand sich in der 
Familie, wohin mich meine Eltern gegeben hatten, ein bildhübsches Mädchen, 
das mich — ich war etwas über 9 Jahre alt — zum Beischlaf verführte. Der- 



T^rdive Honiosexualitilt. — Bedeutung der sexuellen Infektionen. 289 

selbe bereitete mir große Wollust. Mein Penis wurde, obzwar noch klein, 
steif, und ich vollzog den Beischlaf fast täglich. Dies dauerte einige Monate 
hindurch. Nun brachten mich meine Eltern an ein anderes Gymnasium; ich 
entbehrte das Mädchen sehr und begann in meinein 10. Lebensjahre zu 
onanieren. Indessen erfüllte mich die Onanie stets mit Abscheu, ich betrieb 
sie nur mäßig, empfand jedesmal tiefe Reue, obwohl ich keine nachteiligen 
Folgen verspürte." 

Dieser Mann empfindet sogar Ekel vor den Genitalien seines 
Freundes und Libido beim weibliehen Geschleckte. Er ist auf dem 
besten Wege, ein Heterosexueller zu werden. Im 14. Lebensjahr macht 
er die Liehe zu einem Mitschüler mit, die keinem Menschen um diese 
Zeit fehlt, dem „Normalen" ebensowenig wie dem Homosexuellen. Nach 
der Matura verkehrt er mit Dirnen mit großem Genüsse, aber schon mit 
Benützung homosexueller Triebkräfte. Soldaten müssen vor ihm 
koitieren und der Gedanke, eine Vagina zu besitzen, die ein anderer 
Penis vorher berührt hat, erregt ihn. „Indessen Frauen kann ich 
niemals ohne Ekel küssen; auch meine Angehörigen küsse 
ich bloß auf die Wange" .. . Hinc illae lacrimae! Er sichert 
sich gegen die sexuellen Erregungen, die von seiner Familie kommen. 
Seine Homosexualität hängt irgendwie mit seiner Familie zusammen. 
Die sonderbare Aktion eines Knaben, sich auf den Bauch zu spucken 
und sich vorzustellen, der Speichel wäre Sperma, müßte sien analytisch 
durch ein traumatisches Erlebnis der ersten Lebensjahre erklären 
lassen. Aber deutlich ist die heterosexuelle Einstellung, die allmählich 
unter gewissen Einflüssen und Hemmungen in die bisexuelle und homo- 
sexuelle übergeht. 

Ob die tardive Homosexualität jedesmal durch bestimmte trauma- 
tische Erlebnisse zum Vorschein kommt, das konnte ich nicht eruieren, 
weil ich nicht in der Lage war, einen solchen Fall eingehend zu ana- 
lysieren. Die nächste Beobachtung scheint mir dafür zu sprechen, daß 
Erlebnisse von großem Affektwert die latente Homosexualität manifest 
machen können: 

Fall Nr. 52. Ein 46jähriger Offizier konsultiert mich wegen vollkommener 
Impotenz bei Frauen. Die Impotenz dauere schon seit 4 Jahren. Er habe jetzt 
eine ihm sehr sympathische Dame keimen gelernt, die sich in glänzenden 
materiellen Verhältnissen befinde. Er könnte jetzt ein Glück machen, wenn 
er ein ganzer Mann wäre. Auf die Frage nach den Morgenerektionen errötet, 
er. Es liege nicht an den Erektionen, die ihm bei anderen Gelegenheiten immer 
zur Verfügung stünden. Er sei nur bei Frauen impotent. Schließlich gibt er 
zu, daß er seit dem 38. Jahre homosexuellen Verkehr pflege. Seit dieser Zeit 
habe das Interesse für Frauen nachgelassen und er sei impotent geworden. 
Seine Anamnese ergibt ein'gc wichtige Anhaltspunkte. Er erinnert sich nicht 
an homosexuelle Akte und Regungen in der Kindheit und vor der Pubertät. 
Er war früh reif und onanierte schon in der Volksschule und interessierte 

Stekal, Stomniten des Trieb- und Affokt loben«, n. 2. Au«. ]Q 






290 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

sich nur für Mädchen. Mit 17 Jahren erster Koitus in einem Lupanar. Seit 
damals großes Bedürfnis nach Frauen, aber keine Spur eines homosexuellen 
Verlangens. Er hätte dann eine große, Aufregung durchgemacht und wäre 
lange deprimiert gewesen. Das wäre knapp vor dem ersten homosexuellen Akt 
gewesen. 

„Können Sie mir mitteilen, welcher Art diese Aufregung gewesen ist? 

„Es ist mir peinlich, davon zu sprechen." 

„Sie verlangen doch Hilfe in einer schwierigen Situation. Wie soll ich 
diese Situation beurteilen können, wenn Sie mir nicht dazu das notwendige 
Material liefern?" , 

„Sie haben ja recht. Aber es • gibt Dinge, über die man kaum reden 
kann. Es betrifft nämlich meine Mutter. Doch ich kann mir ja nicht anders 
helfen. Ich will ihnen alles erzählen. Ich habe meine Mutter immer verehrt 
und hochgehalten. Ich war 38 Jahre alt, als ich telegraphisch an ihr Kranken- 
lager gerufen wurde. Sie starb bald nach meiner Ankunft. Ich hatte als 
einziger Sohn die Pflicht, ihren Nachlaß zu ordnen. Ich blätterte in alten 
Briefen und fand in einer Lade einen Stoß von Liebesbriefen. Ich wollte sie 
erst nicht lesen. Dann übermannte mich die Neugierde. Ich dachte: Jeder- 
mann liebt einmal in der Ehe einen anderen, weshalb soll es meiner Mutter 
nicht gestattet sein, da mein Vater schon starb, als sie noch sehr jung war! 
Hätte ich das nicht getan! Ich fand nicht einen, ich fand Hunderte von Briefen 
und . . . von vielen verschiedenen Männern. Die Briefe waren so häßlich, so 
erniedrigend, 60 zynisch, so empörend, daß ich mir entehrt und vernichtet 
vorkam. Ich hatte damals das Heiligste verloren. Vorher wünschte ich mir 
immer, eine Frau zu finden wie die Mutter und bei jedem Ideale schwebte mir 
die Mutter vor. Nun fand ich, daß sie käuflich und für alle .gemeinen 
Handlungen zu haben war. Der Ton, den sich ihre Liebhaber anmaßten, war 
so empörend, daß ich mir das Schlimmste denken konnte. Seit damals habe ich 
einen Zorn gegen alle Frauen gehabt. Bald darauf erlag ich dem Werben 
eines homosexuellen Freundes. Glauben Sie, daß meine Impotenz mit diesem 
Erlebnis in Zusammenhang steht? Ich habe schon oft daran gedacht. Mir 
fällt immer die Lade ein, die ich bei der Mutter gefunden habe, wenn ich zu 
einer Frau gehe. Kann man nach so einem Erlebnis heiraten?" 

Also eine tardive Homosexualität, welche durch ein Erlebnis von 
größter Tragik eingeleitet wurde. Natürlich war der Mann immer latent 
homosexuell. Aber erst das Erlebnis- machte es ihm möglich, eiu 
manifest Homosexueller zu werden. Ich kann leider nicht mitteilen, ob 
er die Frau geheiratet und wieder heterosexuell potent geworden ist, 
weil ich ihn nie wiedergesehen habe. 

Den Lesern wird es aufgefallen sein, daß ich in diesem Kapitel 
so viele Beobachtungen' anderer Ärzte zitiere. Ich verbinde damit einen 
doppelten Zweck. Erstens will ich an fremdem Materiale zeigen, daß es 
eine Psychogenese der Homosexualität gibt; zweitens wehre ich mich 
gegen die leider sehr verbreitete und in einigen Kritiken geäußerte 
Auffassung, daß meine Krankengeschichten dem ,.genius loci" ent- 
sprächen. Als ob der Wiener sich in sexueller Hinsicht von dem Nord- 



Tardive Homosexualität. — Bedeutung der sexuellen Infektionen. 



291 



deutschen oder Engländer unterscheiden würde! Mein Material stammt 
aus der ganzen Welt. Ich habe bisher zwischen zwei 
Nationen in sexueller- Hinsicht noch keinen 
anderen Unterschied gefunden, als daß sich die 
eine besser verstellen kann als die andere. 

Ich lasse jetzt zum Schlüsse dieser Reihe, welche uns von der 
Wirkung der psychischen Traumen auf die Sexualität berichtet, noch 
eine Beobachtung von Pfarrer Pfister 1 ) folgen. 

Fall Nr. 53. „Eine 28jährige, moralisch hochstehende Institute- 
vorsteherin leidet an heftigem Lebensüberdruß, da sie ihre homosexuelle 
Not nicht länger glaubt tragen zu können. Traf sie unterwegs ein junges 
Mädchen, so wurde sie von heißer Begierde, es zu küssen, erfaßt. Wochenlang 
sah sie die Unbekannte, die vielleicht durchaus nicht besonders anmutig war, 
beständig vor sich und konnte nicht mehr schlafen aus Schmerz darüber, daß 
sie ihre Kußwut nicht, wie an einigen früheren Freundinnen, stillen kann. 
Besonderen Schmerz verursacht ihr die Befürchtung, ein ihr anvertrautes 
14jähriges Mädchen durch ihre sinnliche Zärtlichkeit zu homosexueller Gegen- 
liebe verführt zu haben, obwohl es nie zu unanständigen Handlungen kam. 
Die Kleine zittert vor Erregung, wenn sie umarmt wird, und weint vor Liebes- 
gram, wenn sie die Geliebte nicht oft genug sieht. 

Unsero Homosexuelle hatte einen körperlich schönen, aber unbe- 
deutenden, ängstlichen Vater, der die Zügel des Geschäftes und der Erziehung 
ganz seiner energischen und intelligenten Frau überließ. Das Töchterchen 
bewunderte die Mutter und beurteilte schon früh den Vater geringschätzig. Als 
kleines Mädchen war sie normal. Sie spielte gleich gern mit Knaben und 
Mädchen. Mit beiden begegneten ihr ungebührliche Dinge: Mädchen ließen 
sich bei dem gefährlichen Doktorspiel unerlaubte Berührungen zuschulden 
kommen, doch auch ein kleiner kränklicher Knabe, dem das Kind mit 
7—9 Jahren Gesellschaft leisten mußte, gestattete sich ähnliche Delikte. Mit 
etwa acht Jahren verliebte sie sich in einen erwachsenen Vetter, der sie oft in 
die Luft warf, wobei sie einen „eigentümlichen Eindruck" empfand. Als 
Zehn- oder Elfjährige wurde sie von einer 40jährigen 
Haushälterin wiederholt mißbraucht. Entschiedene Homo- 
sexualität brach hervor, als das Mädchen 13 Jahre alt war. Damals verkehrte 
sie viel mit einer Lehrerin, die in manchem der Mutter glich, sie aber an 
Bildung übertraf. Die leidenschaftliche Person, die ausgesprochen homosexuell 
gerichtet war, überhäufte zwei Jahre lang das Mädchen mit stürmischer 
Zärtlichkeit. Damals entwickelte sich in der Kleinen eine wahre Kußwut, 
während die von der sexuellen Haushälterin geweckten Begierden zurück- 
traten. Einige kleine Liebschaften mit Knaben führten auch zu Küssen, doch 
fehlte dabei die Leidenschaft. Jene Verhältnisse wurden mehr der Mode und 
Eitelkeit zuliebe angenommen. 

In der Pension wurde die einseitige erotische Richtung in glühenden 
Freundschaften weiter ausgebildet. Mit 19 Jahren unternahm sie zwei hetero- 
sexuelle erotische Versuche, die aber mißlangen. Der erste betrifft einen blut- 
jungen Künstler von weiblichem Aussehen. Die Liebe war sehr innig, da» 



*) 1. c. S. 169. 



19* 



292 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

junge Mädchen schwelgte in idealen Gesprächen und tauschte gern Küsse mit 
dem Jüngling aus. Nach seiner Abreise kam es zu einer heimweherfüllten 
Korrespondenz, .Versprechungen wurden nicht gegeben. 

Fünf bis sechs Wochen nach der Trennung vom geliebten Freund ver- 
lobte sie sich aus Verzweiflung mit einem wackeren Naturburschen, da sie sich 
zu Hause mit einer Verwandten schlecht vertrug und den Plan einer höheren 
Ausbildung begraben mußte. Sie glaubte auch Liebe für den Bräutigam auf- 
zutreiben, allein gleich nach der öffentlichen Ankündigung ihrer- Verlobung 
kam die Angst, etwas Unmögliches unternommen zu haben, über sie. Der 
schwerfällige, scheue Mensch gleicht offenbar dem Vater. Sieben Monate lang 
heuchelte sie Liebe, brach jeden Morgen Galle und sehnte sich nach dem Tode. 
Zuletzt löste sie ihr Verhältnis auf und konzentrierte ihre Gefühle ganz auf 
Angehörige ihres Geschlechtes. Sie behielt dabei weibliches Feingefühl und 
macht den Eindruck eines echt mädchenhaften Wesens. 

Solange sie homosexuell befriedigt war, kümmerte sio sich um Beruf, 
Natur, Kunst und Religion wenig; sobald ihre Neigung Hemmungen erlitt, 
traten die idealen Interessen stark hervor. Sie selbst verglich diese Schwan- 
kungen mit denen einer Wage. 

Wenn sie heiß liebte, war sie von sexuellen Erregungen frei. V o m u n- 
geliebten Verlobten dagegen wurde sie einige Male 
sexuell irritiert, als er in durchaus dezenter Weise mit ihr koste." 

Pfis^er teilte nun mit, daß die Dame die Analyse vorschnell abbrach, da 
der Heilerfolg zu rasch eintrat. Doch er bringt sehr viel interessantes 
Material, unter anderem ihren ersten Traum, der ja immer das Geheimnis der 
ganzen Neurose enthält. 

Dieser erste Traum lautet: 

Eine Katze biß mich vom am linken Zeigefinger und ließ mich 
lange nicht los. Dann schwoll der Finger an und sprang bis zum Knochen 
auf. Die Sehne war zerrissen, viel Wasser floß heraus. Dann liieß es, 
ich bekomme einen steifen Finger. Ich dachte: „Wie schade, jetzt kann 
ich nicht mehr Klavier spielen!" Ich erwachte und fand meinen Finger 

SO fpst. pincpar-hlnfon rlafl i/»Vi iVin ninVi + l-muin»»«™ 1.^«v,+« " 



so fest eingeschlafen, daß ich ihn nicht bewegen konnte.' 



„Dem Schlaf ging ein verzweifeltes Gebet voraus, das vorübergehende 
Ruhe brachte. Vor der Analyse war das Mädchen äußerst unruhig und sehnte 
sich nach der Geliebten, sagte sich aber, daß sie dann nur neues Unglück 
über jene brächte." 

Die Analyse dieses Traumes, die Pfister leider nicht vollkommen ge- 
lungen ist, zeigt uns, daß ihr gesamtes Gefühlsleben unter der Gewalt des 
infantilen Erlebnisses mit der Haushälterin steht. Die ersten Einfälle dieser 
Träumerin, die sie zu dem Traume in freien Assoziationen vorbringt, beziehen" 
sich auf die Haushälterin, die sich hinter der Figur der Katze verbirgt. 

ich habe einjnal in einem größeren Atffsatz „Die Darstellung der Neu- 
rose im Traume" 1 ) besprochen. In diesem Traume wird das Leiden durch 
einen steifen Finger symbolisiert. „Klavier spielen" ist 
wieder ein Symbol für den Geschlechtsverkehr und Onanie. Wahrscheinlich 






1 ) Zentralblatt für Psychoanalyse, III. Bd., S. 26. 



Tardivc Homosexualität. — Bedeutung der sexuellen Infektionen. 293 

hat das Symbol hier die affektative Färbung von der Onanie bekommen. Aber 
die heterosexuelle Bedeutung ist gleichfalls durchsichtig (Klavier spielen = 
koitieren). Übersetzen wir den Traum, so heißt er: 

Die Haushälterin, diese falsche Katze, welche vor den Eltern die an- 
hängliche Person spielte, machte mich krank durch ihre lang fortgesetzten 
Zärtlichkeiten. '(»Eine Katze biß mich vorn am linken Zeigefinger und ließ 
mich lange nicht mehr los.") Das Übel wurde dann immer ärger, in mir riß 
etwas Wertvolles (die Fähigkeit, einen Mann zu lieben!) und die Form der 
homosexuellen Liebe setzte sich für immer fest (Versteifung!). Nun bin icli 
für die Liebe zu einem Manne untauglich, ich kann keine Mutter werden und 
keine Familie gründen, was mich schon viele Tränen gekostet hat. (Das viele 
Wasser!) 

Nun könnte man vielleicht an dieser Deutung zweifeln und sie als will- 
kürlich und gesucht bezeichnen. Die Patientin erinnert sich aber an weitere 
Details des Traumes, die sie alle mitteilt. Derartige Nachträge sind außer- 
ordentlich wichtig, weil sie das am meisten zensurierte, verdrängte Material 
enthalten. Sie erinnert sich, daß das Kätzchen sie zuerst in den Fuß beißen 
wollte (was ja wegen der Nähe des Genitales von Bedeutung ist). Ferner 
erzählt sie die Fortsetzung des Traumes: 

Das Wasser lief die Treppe hinunter. Ich lief mit meiner Wunde 
zu einer befreundeten Ärztin. Diese kam mir plötzlich in der Nähe eines 
Karussels entgegen. Da sagte die Schwester der Verunglückten: „Die 
kann dir gleich den Finger in Ordnung bringen." Allein die Ärztin ent- 
gegnete: „Es tut mir leid, ich operiere nicht." Sie schickte die Kranke 
zu einem Arzte. 

Die Auflösung ist nicht schwer. Der Jammer ist groß. Die Tränen 
überschwemmen ihr die ganze Seele. (Das Haus als Symbol der Seele!) Sie 
suchte eret eine Ärztin ihrer Leiden. Ein Weib soll sie heilen. Das Leben ist 
ein Ringelspiel (Karussel), alles dreht sich, sie kann ja noch glücklich werden. 
Aber die Ärztin gibt ihr die richtige Antwort. Du brauchst einen Arzt! Nur 
ein Mann kann dich heilen! Ich operiere nicht. Ich kann das Weib 
in dir nicht erwecken (dich nicht deflorieren?). 

Ein weiterer Nachtrag besagt, daß der Finger ein Magazin wie ein 
Repetiergewehr bekam. Die Deutung von Pfister, daß es sich um ein 
phallisches Symbol handelt und daß die Kranke die Phantasie hat, sie wäre 
ein Mann mit einem Phallus, mag ja richtig sein. Eine jede Homosexuelle wird 
den Wunsch haben, ihre psychische Homosexualität in eine physische zu ver- 
wandeln. Viel wichtiger scheint mir aber eine andere Bedeutung des 
Repetierens zu sein. Dies Trauma hatte die Folge, daß sich viele andere 
homosexuelle Traumen anschlössen. Das Erlebnis verlangte 
nach Wiederholung. 

Ich übergehe die weiteren Bedeutungen (Überdeterminationen) des 
Traumes, die Pfister mit großem Scharfsinn hervorgehoben hat. Mir handelte 
es sich dämm, die determinierende Kraft eines Erlebnisses nachzuweisen. 
Freilich stecken hinter dem Erlebnis noch andere Kräfte und es wäre noch 
nachzuweisen, warum dies Erlebnis so auf sie wirken mußte, die bestimmte 
Konstellation der Familie wäre in Rechnung zu stellen usw. Allein der Traum 
weist mit so sicherer Hand auf die Ursache der seelischen Verletzung hin. 



294 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. — Tardive Homosexualität usw. 



daß wir uns aus dem einen Profil ihres Leidens das ganze Bild konstruieren 
können. 

Noch in anderer Hinsicht ist der Fall beweisend. Die Kranke brach die 
Analyse bei Pfister rasch ab, weil sie sich geheilt fühlte. Wir kennen diese 
Scheinheilungen, welche dazu dienen, die Gefahr der Psychanalyse abzu- 
wenden. Diese Kranke will nicht erkennen, daß sie auch heterosexuell fühlt, 
ja daß ihr ganzes Sehnen nach der Erfüllung der Mutterschaft geht. Der 
Traum sagt ja: Ich will ein Weib sein wie alle anderen Weiber, ich will 
Kinder gebären. Rettet mich vor der Gefahr der Homosexualität. — Aber ihr 
Bewußtsein will diese Einstellungen nicht sehen. Sie stürzt sich mit Leiden- 
schaft in die heterosexuelle Richtung. Pfister glaubt, daß sie sich mit dem 
Vater identifiziert. Dann hieße die Szene, in der sie ein Mädchen küßt: Ich 
lasse mich vom Vater (der ein schöner stattlicher Mann war) küssen. Aber 
auch die Mutter pflegte sie gerne leidenschaftlich zu küssen. So scheinen die 
verschiedensten Kräfte tätig zu sein, um bei ihr die Fixierung (Versteifung) 
der Einstellung herbeizuführen. 

In der Tat! Die Homosexualität gleicht einer Ankylose. Die freie 
Beweglichkeit der Sexualität erscheint vollkommen verhindert, eine 
einzige Stellung ist fixiert und jede Bewegung ist nur im Rahmen dieser 
Fixierung möglich. 

Hat die Analyse die Macht, solche psychische Ankylosen aufzu- 
heben und die gebundenen Kräfte frei zu machen? Kann sie in diesem 
Falle die Angst vor dem Manne beheben, das Bangen vor den Aufgaben 
der Weiblichkeit, denen sich die Kranke nicht gewachsen fühlt? Wie 
weit reichen die Möglichkeiten der seelischen Orthopädie bei den Homo- 
sexuellen? Ich muß meine Leser bitten, mir geduldig durch die kom- 
plizierten Untersuchungen zu folgen, ehe wir zur Beantwortung dieser 
Fragen schreiten. 



Die Homosexualität. 

VII. 

Das Verhältnis der Homosexuellen zum anderen Geschlechte. — 
Angst, Ekel, Haß und Wut. — Homosexualität und Epilepsie. — 

Die Forschungen Sadgers. 

Jedermann trügt ein Bild des Weibes 
von der Mutter her in sich : davon wird er 
bestimmt, die Weiber überhaupt zu ver- 
ehren oder sie geringzuschätzen oder gegen 
sie im allgemeinen gleichgültig zu sein. 

Nietzsche. 

Ich habe bei den bisherigen Untersuchungen über Homosexualität 
immer wieder nachweisen können, daß die heterosexuelle Richtung beim 
Homosexuellen nur gehemmt ist, daß es aber unrichtig ist, zu behaupten, 
sie wäre gar nicht vorhanden. Ich habe nachgewiesen, daß es dem 
modernen Kulturmenschen unmöglich ist, seine Bisexualität zu ertragen 
und daß er entweder seine Hetero- oder seine Homosexualität unter- 
drücken muß. Wir mußten uns auch überzeugen, daß die organische 
Bisexualität mit der psychischen Bisexualität nichts zu tun hat. 
Hirschfeld betont es ausdrücklich, daß er die Homosexualität bei sehr 
virilen Männern und sehr weiblichen Frauen konstatieren komite. Das 
ergibt, wie Bloch richtig bemerkt, ein Rätsel, das er das Rätsel der 
Homosexualität nennt. Die organische Theorie der Homosexualität hat 
Schiffbruch gelitten. Man sollte nun glauben, daß sich die Forscher 
zu der psychologischen gewendet hätten. Nein! Die psychischen 
Kräfte werden unterschätzt, und die heterosexuelle Periode der Homo- 
sexuellen wird nicht in Rechnung gezogen. Wenn Hirschfeld schon 
betont, es wäre ein Verdienst der Psychanalyse, daß sie bei jedem 
Homosexuellen die heterosexuelle Richtung nachgewiesen habe, warum 
zieht er aus dieser von ihm anerkannten Tatsache keine Konsequenzen? 
Er kommt zu folgenden Schlüssen: 

I. Die echte Homosexualität ist 's t e t s ein angeborener Zustand. 

IL Dieser angeborene Zustand besteht in einer spezifischen homo- 
sexuellen Konstitution des Gehirns. 



*°6 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

III. Diese spezifische Gehinikonstitution ist durch ein besonderes 
Mischungsverhältnis der männlichen und weiblichen Erb- 
substanz gekennzeichnet. 

IV. Dieses mannwei bliche Mischungsverhältnis ist häufig vergesell- 
schaftet mit stärkerer Labilität des Nervensystems. 

V. Zwischen der spezifischen und nervösen Konstitution des 
Zentralorgans besteht ein kausaler Zusammenhang. 

VI. Alle äußeren Ursachen sind nur wirksam beim Vorhanden- 
sein der inneren homosexuellen Konstitution. 

VII. Die äußeren Ursachen - Anlässe - sind so allgemeine Er- 

SSffftlf^ ? " % d ° r Fä,lG die angeb01 ' ene ^'"osexuele Kon- 
stitution früher oder später erwacht und klar in das Bewußtsein tritt. 

noch T /l, ", H °T? Ua ! ität ist weder *"«**■» noch Entartung, 
noch Laster oder Verbrechen, sondern stellt ein Stück der 

waturordnung dar, eine sexuelle Variante, wie zahlreiche 
r^S g 394.T U " "^ lm Tie '" " mI **!»™**> (mrscMM, 

Unser Material hat uns diese Erkenntnisse nicht bestätigen 
können. Wie darf Hirschfeld von einem angeborenen Zustand der 
Homosexualität sprechen, wenn er an einer anderen Stelle des Werkes 
das Regelmäßige Vorhandensein des heterosexuellen Triebes zugestehen 
muß? Wie behaupten, daß der urnische Mensch als 
Ganzes aus der Tiefe der Individualität empor- 
steigt, wenn jede genaue Untersuchung das Gegenteil beweist? 

Man merke doch den Gegensatz in den Ausführungen: 

q „Man wendet auch hier ein, daß alle diese Abweichungen vom 
bexualtypus in der Kinder- und Reifezeit noch keinen sicheren Schluß 
u, i t°/ 1 no i sexuali( ät zulassen, daß diese Lebensperiode ohnehin in ge- 
schlechtlicher Hinsicht indifferonziert ist, daß sicherlich oft Knaben 
und Madchen, Jünglinge und Jungfrauen vorkommen, die trotz starker 
Anorogynie und sexueller Inkongruenzen später völlig heterosexuell 
werden. Namentlich dürften die der Homosexualität verwandten Uber- 
gangsformen in der Kindheit oft ähnliche Vorstadien wie die 
Homosexualität aufweisen; s o z e i gen a u c h d e r Transvestit 

Willem r! ra ?, SV ? titin ° ft 9Ch0n in früher Jugend 
ihiem Geschlecht nicht entsprechende Züge und 

schon als Shf ?£ T** Passiviste "> Succubisten, Maxisten 
Skta in f Ä 80hl * ,nännlich ' ™ Wiche Aktivisten, Inkubisten, 
«t n t. h t M^dchenzeit nicht sehr weiblich gewesen sein, wiewohl 
Bie nachher das andere Geschlecht lieben, also heterosexuell geartet sind. 
In solchen Fällen pflegt dann aber das Verhalten zu den beiden G<>- 
schlcchtern anders zu sein als beim urnischen Kinde 

Eins kann jedenfalls als sicher gelten. Ist ein Kind urnisch, so 
entwickelt sich aus ihm ein homosexueller Mensch, und zwar mit der- 
selben unabänderlichen Notwendigkeit, mit der sich aus dem „Normal- 
kinde" ein heterosexueller Mensch entwickelt. So steigt die 



Das Verhältnis der Homosexuellen zum anderen Geschlechte. 297 

u mische. Persönlichkeit als ein Ganges elementar 
aus der Tiefe der Individualität empor." (Hirschfeld, 
1. c. S. 121.) 

Natürlich, Hirschfeld hat ein sicheres Mittel, jene Fälle, deren 
Anamnese die Heterosexualität konstatiert, auszuschalten. Er be- 
zeichnet sie als „Pseudohomosexualität" und streicht sie aus der Liste 
der echten urnischen Persönlichkeiten. Bloch aber nennt diese hetero- 
sexuelle Richtung der typischen Homosexuellen eine Art von „Pseudo- 
heterosexualität". 1 ) Auf diese Weise ist eine Beweisführung nicht mög- 
lich. Bloch verlangt ja von einer richtigen Theorie der Homosexualität, 
daß sie uns alle Fälle erklären könne. Dies kann aber die Hirschfeld - 
Theorie vom dritten Geschlechte nicht. Sie läßt sich weder organisch 
noch psychologisch begründen und beweisen. 

Auch die Forschungen und Ergebnisse von Steinach, die von den 
Hirschfeld ianern als unumstößlicher Beweis einer organischen Anlage 
ausgenützt werden, beweisen nur die von mir immer behauptete bi- 
sexuelle organische Anlage des Menschen. Steinach hat bis heute noch 
keine monosexuellen Lebewesen gefunden. 

Wie kommt es aber, daß der Homosexuelle sich so völlig vom 
geschlechtlichen Partner abgewendet hat? A.Adler hat für alle diese 
Fälle die Hypothese der „Angst vor dem geschlechtlichen Partner". 
Diese Beobachtung stimmt für eine Anzahl von Homosexuellen sicher, 
aber nicht für alle. So einfach arbeitet die Natur nicht, und e i n 
Schlüssel allein löst das Rätsel der Homosexualität nicht auf. 

Wir können nach den bisherigen Resultaten unserer Unter- 
suchungen sagen: Dem Homosexuellen ist der Weg zum anderen Ge- 
schlechte versperrt, und zwar durch psychische Kräfte.. Angst, Ekel 
und Haß hemmen die Kraft der heterosexuellen Triebe. Damit sind 
noch nicht alle Hemmungen erschöpft, und wir werden noch weitere 
kennen lernen. Wir müssen uns aber ' mit der Psychogenese dieper 
Hemmungen eingehend und ausführlich beschäftigen. 

Kann die Angst vor dem geschlechtlichen Partner das Individuum 
in die Homosexualität jagen? Diese Frage müssen wir bejahen und 
wir können diese Angst aus einer Reihe von Fällen belegen. 



') „Übrigens kommt bei Homosexuellen, wo die gleichgeschlechtliche Empfindun;; 
<M\-i. nach der Pubertät in bestimmter Weise sich geltend macht, auch eine ganz analoge 
Neigung zum anderen Geschlecht vor und während der Pubertät vor. So erzählte mir 
ein 23jähriger _ typischer Homosexueller, der «jetzt horror femiuae hat, daß er mit 
16 oder 17 Jahren für Mädchen stark geschwärmt habe und ihnen nachgelaufen sei, 
übrigens ohne geschlechtliche Begierden. Diese vorübergehende unklare Schwärmerei 
Homosexueller für das andere Geschlecht ißt eine Art von „Pseudo-Heterosexualität 1- . 
(Bloch, 1. c. S. 597.) 



298 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



Betrachten wir zuerst den Fall von Krafft-Ebing (Beob- 
achtung 159) , weil er einfach und durchsichtig ist. 

Fall Nr. 54. Frau X., 26 Jahre, 7 Jahre verheiratet, gesteht, daß sie 
von jeher mehr zu Personen des eigenen Geschlechtes neige, ihren Mann 
zwar achte und gern habe, jedoch vom ehelichen Verkehr mit ihm angewidert 
sei. Sie habe es dahin gebracht, daß er seit der Geburt des jüngsten Kindes 
ihr ehelich nicht mehr beiwohne. Schon im Pensionat habe sie sich in einer 
Weise für andere junge Damen interessiert, die sie nur. als Liebe bezeichnen 
könne. Episodisch habe sie sich aber auch zu einzelnen 
Herren hingezogen gefühlt, und in letzter Zeit sei 
ihrer Tugend ein Kurmacher geradezu gefährlich ge- 
worden. Sie lebte oft in Angst, daß sie sich mit ihm 
vergessen könnte, und vermeide deshalb, mit ihm allein 
zu sein. Das seien aber nur flüchtige Episoden gegenüber ihrer leiden- 
schaftlichen Neigung • zu Personen des eigenen Geschlechtes. Küsse, Um- 
armungen solcher, intimer Verkehr mit ihnen sei ihre wahre Sehnsucht. Die 
Nichtbefriedigung dieser Dränge martere sie und habe großen Anteil an ihrer 
Nervosität. In einer bestimmten sexuellen Rolle fühlt sich Patientin nicht 
gegenüber Personen des eigenen Geschlechtes, auch wüßte sie mit solchen 
nichts anzufangen, als sie zu küssen, zu umarmen, mit ihnen zu koseu. 
Patientin hält sich selbst für eine sinnliche Natur. Es ist wahrscheinlich, 
daß sie masturbiert. Ihre sexuelle Perversion erscheint ihr „unnatürlich 
krankhaft". Nichts im Benehmen und Äußeren dieser Dame deutet auf eine 
solche Anomalie. Über ihre Kindheit weiß Patientin nichts von Belang zu 
berichten. Sie lernte leicht, war dichterisch und ästhetisch begabt, galt als 
ein bißchen überspannt, das Romanlesen und Sentimentale liebend, von neuro- 
pathischer Konstitution, äußerst empfindlich gegen Temperatui'schwankungen. 
Bemerkenswert ist noch, daß Patientin eines Tages, 10 Jahre alt, da sie 
meinte, die Mutter liebe sie nicht, Zündhölzer im Kaffee einweichte und 
diesen trank, um recht krank zu werdenund damit die 
Liebe der Mutter auf sich zu lenken. 

Hier sehen wir die Neigung zu einem heterosexuellen Verkehr, 
der aber aus Angst nicht gepflegt wird. Diese Frau mit starker homo- 
sexueller Veranlagung, wie schon die Liebe zu ihrer Mutter zeigt, 
heiratete einen Mann, bei dem sie frigide ißt, fürchtet aber, mit einem 
Manne, der ihr gefällt, allein zu sein, weil er ihr zu gefährlich ist. 
Man sieht, wie die ausgesprochene Bisexualität sie dahin führt, sich 
in einen Mann zu verlieben, in der Phantasie seine Geliebte zu werden, 
daß sie aber fürchtet, die Phantasie in Realität umzuwandeln, daß sie 
sich scheut, den heterosexuellen Weg aus „Angst vor der Sünde" zu 
beschreiten. Sie nennt dann diese heterosexuellen Neigungen flüchtige 
Episoden und gibt sich ihren homosexuellen Phantasien hin. Sie be- 
findet sich auf der Flucht vor dem Manne. Sie fürchtet den Mann, den 
sie liebt, weil eine starke Liebe eine Unterwerfung unter den Mann 
bedeuten würde. Sie flieht den Mann, nicht weil er ihr nichts geben 
kann, sondern weil sie ihn fürchtet. Aber wir müßten wissen, wie 




Das Verhältnis der Homosexuellen zum anderen Gcscblechto. 299 

diese Flucht vor dem Manne, die sich auch in der Dyspareunie äußert, 
zustande gekommen ist. Wie wenig sagen uns solche Kranken- 
geschichten, wenn die psychologische Analyse fehlt! Ich habe bei der 
Besprechung der Dyspareunie 1 ) ähnliche Fälle besclnieben und dabei 
zeigen können, wie sich diese Flucht vor dem Mann entwickelt. 

Wir haben von Freud gehört, daß diese Angst eine verdrängte 
Libido sei wie der Ekel. Meine Forschungen haben uns gezeigt, daß 
jede Angst in erster Linie die Angst vor sich .selbst ist. 

Warum aber sollte der Homosexuelle sich vor sich fürchten, wenn 
er mit einem Weibe zusammenkommt? Er fürchtet das Übermaß 
seiner Sexualität, wenn sie sich mit kriminellen Impulsen verbündet. 

Man kann es gar nicht ermessen, wie häufig hinter mancher Im- 
potenz und hinter der Homosexualität die Angst vor der eigenen 
kriminellen Aggression steckt. Krafft-Ebing beschreibt einen typischen 
Bisexuellen, der ein einziges Mal bei einem Weibe Orgasmus empfand. 
Das war aber, als er sich ein Stuprum zuschulden kommen ließ. (Be- 
obachtung 142, S. 273.) „Merkwürdigerweise hatte er dieses einzige 
Mal beim (erzwungenen) Akt ein Wollustgefühl. Gleich nach der Tat 
empfand er Ekel. Als er eine Stunde nach dem Stuprum mit demselben 
Weib und mit dessen Zustimmung koitierte, hatte er kein Wollust- 
gefühl mehr." Das beweist uns, daß sich dieser Orgasmus an die Be- 
dingung einer Vergewaltigung knüpfte. Die Angst ist die Angst vor 
der Gewalttat, der Ekel der Ekel vor .sich selbst, beide bestimmt, den 
Menschen vor Handlungen zu bewahren, gegen die sich sein Ethos 
sträubt. 

Ich kenne eine ganze Menge von Homosexuellen, die es mir ge- 
standen haben, daß sie ein Weib nur koitieren könnten, wenn sie in 
großer Wut wären. Dann aber hätten sie Angst vor sich selbst, so 
gefährlich wären sie. Einer berichtete mir, er habe das Weib fast er- 
drosselt. Andere Homosexuelle fühlen nach einem Koitus eine unaus- 
sprechliche Wut. In diesen Fällen ist die heterosexuelle Betätigung 
an die Bedingung eines kriminellen Aktes assoziiert. Es bestehen un- 
bewußte Phantasien, die Frauen zu stechen, sie zu erdrosseln, zu er- 
schlagen. Diese Menschen sind starke Frauenhasser und der Haß ist 
immer tödlich. 

Ich möchte nur eine einzige einschlägige Beobachtung mitteilen. 

Fall Nr. 55. Herr H. K. ist ein bekannter Homosexueller, der besonders 
die einfachen Männer bevorzugt. Je kräftiger der Mann ist, desto größer 
ist sein Orgasmus. Er wählt mit Vorliebe Packknechte, Lastträger, Möbel- 
packer und andere muskelstarke Menschen. Den größten Orgasmus hatte er 



*) Im III. Bande der Störungen des Trieb- und Affektlebens. 



300 7 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

bei einem Mitglied eines Athletenklubs, der aber einen auffallend kleinen 
Penis hatte. Vor Frauen hat er eine so heillose Angst, daß er mit keiner 
Frau allein im Zimmer bleibt. Er erinnert sich nicht, jemals für eine Frau 
Sinnlichkeit empfunden zu haben. Er versuchte einige Male zu Dirnen zu 
gehen, lief aber sofort aus dem Zimmer, als er mit ihnen allein war. Kalter 
Schweiß trat ihm auf die Stirn und er eilte davon, als wenn er von tausend 
Dämonen gehetzt würde. Die kurze Analyse von einigen Tagen ergibt, daß 
es sich um einen typischen Kriminellen handelt, der lange Zeit mit der 
Phantasio onanierte, daß er eine Frau erwürgt. („Man sollte alle Frauen 
umbringen" . . . ist eine beliebte Redewendung dieses Mannes.) Aber auch 
Männer hat er in seinen Phantasien vergewaltigt und die Idee, einem Manne 
den Anus aufzuschneiden, sei ihm schon einige Male gekommen. 

Die Angst vor den Frauen ist die Angst, er könnte sich vergessen 
und eine der Frauen erdrosseln. Aber er hat auch Angst vor den Männern, 
das heißt, er fürchtet, er könnte auch einem Mann etwas antun. Deshalb 
sichert er sich durch die "Wahl von starken Männern. Sie müssen stärker 
sein als er. Dann ist er sicher, daß er sie nicht vergewaltigen kann. In 
der letzten Zeit suchte er nach einem Mannweibe, das stärker sein sollte als 
er. Offenbar will er auch da geschützt sein . . . gegen eich selbst. Die 
Homosexualität erwies sich als Flucht vor seinen kriminellen heterosexuellen 
Trieben. 

Andere Homosexuelle schützen sich vor dem Weibe mit Ekel. Wie 
nahe hier Haß, Angst und Ekel als Schutzmaßregeln zusammenwirken, 
mögen die nachfolgenden Beobachtungen von Hirschfeld erweisen: 

„Ein Homosexueller teilte mir mit,- daß er zwar mit einem Weibe 
ganz gut verkehren könne, nach dem Akt aber eine solche Wut gegen 
die Frau habe, daß er einmal hinterher vor einer ausgespien hätte; um 
das nicht wieder zu tun, laufe er jetzt immer unmittelbar nach der 
Ejakulation so rasch wie möglich aus dem Zimmer." 

„Bis zu welcher Höhe sich solche Aversion steigern kann, zeigt 
der Fall des homosexuellen Herzogs von Praslin-Choiseul, der 
1864 in Paris seine junge Gattin, die Tochter des Generals Sebastian i, 
post coitum erdrosselte. Es mag hier hinzugefügt werden, daß 
die Mehrzahl der sadistischen Frauen, die masochistischen Männern auf 
deren Wunsch die schwersten körperlichen und geistigen Mißhandlungen 
verabreichen, in Wirklichkeit homosexuelle Frauen sind, die eine sexuelle 
Abneigung gegen Männer haben. Professor Albert Eulenburg sagte mir, 
daß die angeblichen Sadistinnen, die er kennen gelernt hat, sich sämt- 
lich als homosexuell herausgestellt hätten. Auch ich kenne unter zwölf 
Sadistinnen nur drei, die Homosexualität in Abrede stellen." (Hirsch- 
leid, 1. c. S. 96.) 

Erst hören wir von einem Homosexuellen, der aus Angst vor sich 
selbst rechtzeitig davonläuft. Das Anspeien mag der symbolische Er- 
satz einer anderen Handlung sein. Bedürfte es noch eines Beweises für 
die Richtigkeit meiner Ausführungen, der Fall des Herzogs von Praslin- 
Choiseul wäre der klarste, den ich mir wünschen könnte. Natürlich 
verwechselt hier Hirschfeld wie so häufig Ursache und Wirkung. Der 



Das Verhältnis der Homosexuellen zum audereu Gescblechtc. 30]. 

Herzog erdrosselte die Frau nicht, weil er homo- 
sexuell war, sondern er flüchtete in die Homo- 
sexualität, weil er ein Lust m Order war und sich 
gegen seine wilden Triebe schützen wollte. 

Besonders interessant vom kriminell-psychologischen Standpunkte 
sind die Epileptiker, die in den Anfällen ihre gewöhnliche sexuelle 
Richtung ändern. Der Epileptiker ist ein Krimineller, der im epi- 
leptischen Anfall ein Verbrechen begeht. Meist in der Phantasie, hie 
und da kommt es aber auch zu Taten, wie man sie oft gräßlicher nicht 
ausdenken kann. Im epileptischen Anfalle lebt- der Epileptiker seine 
Kriminalität aus. Der Anfall ist ein Äquivalent des Verbrechens. Ich 
muß alle Leser, die sich für diese bedeutsame Frage interessieren, auf 
meine Originalarbeit verweisen. 1 ) Ich habe mich sehr gewundert, daß 
sie von den Neurologen und Kriminalisten so wenig gewürdigt wurde. 
Es ist dies schon das Los der Psychanalytiker. Die hohe Wissenschaft 
hat uns ja mit dem großen Bann belegt und so werden unsere Arbeiten' 
nicht einmal referiert und finden keinen Eingang in die Literatur, auch 

■ 

wenn sie von grundlegender Bedeutung sind, wie mein Aufsatz über 
Epilepsie. 

Die Epilepsie, mit Ausnahme der Jackson-Epilepsie, ist eine be- 
sondere Form der Hysterie. Auch im hysterischen Anfalle setzen sich 
unbewußte Kräfte durch, und das Individuum erledigt verschiedene 
Triebregungen mit Ausschaltung des Bewußtseins. Der epileptische 
Anfall ist mehr krimineller, der hysterische rein sexueller Natur. 
Natürlich kann der epileptische Anfall auch ein sexuelles Verbrechen 
(Lustmord) ersetzen, und dies ist sehr häufig auch der Inhalt der An- 
fälle. Man wird es dann verstehen, daß Homosexuelle, die vor dem 
Lustmorde fliehen, an Anfällen erkranken, in denen sie sich ausleben. 
Wir werden ein solches Beispiel bei der Besprechung des Sadismus'-) 
ausführlich analysieren. Ich möchte hier nur auf die 
interessante Tatsache aufmerksam machen, daß 
Heterosexuelle im epileptischen Anfalle homo- 
sexuelle Akte begehen und umgekehrt. 

Fall Nr. 56. Herr W. A., ein 39jähriger, kräftiger junger Mann aus 
der Umgebung Wiens, kommt in meine Behandlung und wird mir jedesmal 
von einem Begleiter vorgeführt. Er leidet seit dem 16. Lebensjahre an 
Anfällen, fiel schon mehrere Male auf der Straße um. Deshalb will er 
nicht allein gehen und spaziert immer in Gesellschaft seines Begleiters, 



*) Nervöse Angstzustände. 3. Auflage, S. 523. 

2 ) Band VII der Störungen des Trieb- und Affektlebens. 



302 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

eines einfachen Menschen, an den er sich sehr attachiert hat. Er ist jetzt 
vollkommen arbeitsunfähig, da es sich herausgestellt hat, daß die Anfälle 
viel häufiger kommen, wenn er arbeitet. Mit Hilfe seiner Anfälle hat er 
durchgesetzt, daß er von seinem wohlhabenden Vater auf dem Lande gehalten 
wird und nichts anderes zu tun hat, als spazieren zu gehen. Er ist sanft 
und gefügig, so lange man ihm zu willen ist. Er gerät aber in große Wut, 
wenn man ihm widerspricht. Diese Wut zeigt er nicht, sondern beherrscht 
sich und hat bald darauf einen Anfall, vor dem er alles rot sieht. ' Er macht 
sich heftige Vorwürfe, daß er nichts geworden ist und seine Eltern so kränken 
muß. Seine ethische Anschauung ist eine sehr hohe, was differential- 
diagnostisch gegenüber der echten Epilepsie von großer Bedeutung ist. Er 
jammert über sein verlorenes Leben und möchte gerne geheilt sein. Wenn 
es nur einen Weg gäbe, um ihn von dem Leiden zu befreien! Von seinem 
Sexualleben erzählt er, daß er ausgesprochen homosexuell 'sei, und ihn be- 
sonders Knaben und sehr junge schöne Männer reizen. Der Begleiter ist . 
offenbar eine Sicherung gegen seine homosexuellen Regungen. Wenn er Knaben 
sieht, die ihm gefallen, klammert er sich an seinen Wärter und simuliert, 
daß er Angst habe, es werde zu einem Anfalle kommen. Jetzt auf dem Lande 
habe er die Anfälle nur des Nachts in seinem Bette. Er erinnert sich nicht 
an eine Aura, außer daß er alles rot sieht, und kann sich auch an keinen 
Traum erinnern, der den Anfall einleitet und begleitet. Er onaniert zeit- 
weilig; immer mit der Phantasie, daß er mit kleinen schönen Jungen 
spielt. Ich mache den Eltern den Vorschlag, ihn analytisch behandeln zu 
lassen. Bei der Aussichtslosigkeit der bisherigen Therapie hätte er wenigstens 
eine Chance, gesund zu werden. Der Vater war damit auch einverstanden. 
Doch da der Kranke ziemlich weit von Wien wohnte, riet ich dem Vater, den 
Sohn für die Dauer der Behandlung nach Wien zu nehmen. Der Vater war 
auch damit einverstanden. Am nächsten Tage aber kam die Mutter und bat 
mich, zu bewirken, daß der Sohn nicht in Wien bleibe. Er komme dann in 
die Wohnung und sie habe vor ihm fürchterliche Angst. Ihr Mann wisse 
das nicht, sie habe es ihm verschwiegen. In den Anfällen komme es vor, 
daß der Sohn sich auf sie stürze und sie vergewaltigen wolle. Sie habe es 
einmal nur mit dem Aufgebot der letzten Kräfte verhindern können. Dabei 
rolle er die Augen und drohe ihr, daß sie sterben müsse, sie sei an allem 
schuld. Ich ließ den Kranken daraufhin nur zweimal in der Woche zu mir 
kommen. Allein schon beim dritten Mal blieb er aus, weil ich als erste Be- 
dingung für die Behandlung verlangte, daß er sich beschäftigen möge. Schon 
am nächsten Tage reagierte er mit einigen Anfällen. Der Vater fand, daß 
seinen Sohn „die Behandlung zu sehr aufrege", und ich willigte gern in den 
Abbruch der Analyse, weil der Vater sich ganz auf die Seite des Sohnes 
stellte und gegen jede Beschäftigung lebhaft protestierte. 

Der Fall zeigt den Durchbruch der Heterosexualität im Anfall« 
und affektive Beziehungen zur Mutter, wie sie so viele Homosexuelle 
aufweisen, wovon wir später noch sprechen wollen. 

Umgekehrt kommt es auch vor, daß Heterosexuelle im Anfall» 
homosexuelle Akte begehen. Immer wird eich im Anfalle die verdrängte 
Komponente der Sexualität durchsetzen. 



Das Verhältnis der Homosexuellen zum anderen Geschlechte. 3Q3 

Tarnowsky spricht auch von „epileptischer P ä d e r- 
a s t i e". 1 ) Meistens seien „die epileptischen Päderasten" aktiv. Er 
führt als Beispiel einen kriminellen Fall seiner Beobachtung an. Ein 
junger, reicher, anscheinend völlig heterosexueller Mann ging nach 
einer üppigen Mahlzeit, bei der er viel Wein getrunken hatte, in die 
Wohnung seiner Geliebten. Als er die Herrin nicht zu Hause traf, 
ging er in ein Zimmer, in dem ein 14jähriger Bursche schlief, not- 
züchtigte diesen und, als auf sein Geschrei die Zofe herbeieilte, diese. 
Darauf schlief er 12 Stunden. Nach dem Erwachen war die Episode 
mit dem Jungen seinem Gedächtnis völlig entschwunden. Es wurde 
festgestellt, daß er besonders nach Alkoholgcnuß epileptische Anfälle 
hatte. Nachdem auch Tarnowsky solche Anfälle wiederholt an ihm 
beobachtet hatte, wurde das Verfahren eingestellt. Hirschfeld bemerkt 
dazu: „Im allgemeinen beeinflußt die epileptische Neurose — die ich 
im übrigen bei Homosexuellen nur selten beobachtet habe — die 
Homosexualität nur in der Weise, daß sie die Hemmungen in Fortfall 
bringt und die Impulsivität des Trieblebens steigert. Einen besonders 
schweren, hierhergehörigen Fall habe ich zurzeit in Begutachtung, 
einen an Epilepsie leidenden Diener, der in einem Zorn- und Wutanfall 
einen Jungen zu Tode würgte und dann zerstückelte. Hier, wie in 
anderen Fällen, handelt es sich aber von vornherein um eine Vergesell- 
schaftung von Homosexualität und Epilepsie. Zuzugeben ist allerdings, 
' daß sich in den epileptischen Verwirrtheitszuständen ein so völliger 
Umschwung aller psychischen Faktoren vollzieht, daß auch Äußerungen, 
die dem Bewußtsein jedenfalls völlig fremd sind und auch dem Unter- 
bewußtsein, soweit sich dieses ermitteln läßt, fernliegen, vorkommen 
können. So beobachtete auch Burchard bei einem völlig normalsexuellen 
Epileptiker in Verwirrtheitszuständen homosexuelle Attacken auf Mit- 
patienten." (Hirschfeld, 1. c. S. 214.) 

Vom epileptischen Anfall gilt dasselbe, was ich vom Alkohol ge- 
sagt habe. Er hebt die Hemmungen auf und die bisexuelle und kriminelle 
Natur des Menschen kommt unverfälscht zum Ausdruck. Es ist auch 
bemerkenswert, daß der Patient von Tarnowsky vor dem Anfall Al- 
kohol genossen hatte. 

Daß die Anfälle auch simuliert sein können, beweist folgende 
Beobachtung. 

Fall Nr. 57. Herr Z.T., ein an Angstzuständen leidender Bisexueller, 
erzählt, daß er einmal sehr darunter gelitten hatte, daß die Mutter den 
Bruder in einer Krankheit sehr verhätschelte. Er war — damals 22 Jahre 






') B. Tarnowsky, Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinne6. Eine 
forensisch-psychiatrische Studie. Berlin 1886, S. 51 ff. 



304 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

alt — noch immer maßlos eifersüchtig. Einmal war er mit der Mutter allein 
im Zimmer. Er wußte nicht, was er tat, er stürzte sich auf die Mutter und 
wollte sich an ihr vergreifen. Die Mutter schrie, und es kamen die Schwester 
und die Dienstboten herbei. Er aber simulierte einen epileptischen Anfall, 
stürzte zu Boden und blieb so eine Stunde scheinbar bewußtlos liegen Es 
wurden Ärzte geholt, welche den Zustand als eine Epilepsie auffaßten. Er 
machte, als wenn er nichts hören würde, und stellte sich noch zwei Tage 
vollkommen verwirrt. Er schämte sich unendlich wegen seiner Tat. Es 
wurde ihm kein Vorwurf gemacht, und er kam noch für zwei Monate in ein 
schönes Sanatorium. 

Wie nahe liegen Spiel und Krankheit bei jedem Neurotiker! Dieser 
Mann litt auch unter der Angst und dem Ekel vor dem Weibe, welche aber 
einer analytischen Behandlung vollkommen wichen, ebenso wie seine schweren 
Angstzustände. Es war einer meiner schönsten therapeutischen Erfolge. 

Wir kommen nun zur Besprechung des Ekels, den die Homo- 
sexuellen vor dem anderen Geschlechte empfinden. Ich habe schon 
wiederholt betont, daß dieser Ekel eine verdrängte Begierde darstellt, 
daß er eine Abwehr unerträglicher Vorstellungen besorgen muß. Den 
gleichen Ekel zeigen die Heterosexuellen, welche ihre Homosexualität 
unterdrückt haben, vor dem eigenen Geschlechte. Diese Erfahrung 
macht schon der Anfänger in der Analyse, und es gehört heute schon 
zum psychologischen Abc, dies konstatieren zu können. Nichtsdesto- 
weniger werden uns immer wieder als Beweise der Homosexualität Ekel 
und Abscheu vor dem Weibe vorgeführt. Ekel ist kein Beweis eines 
Fehlens der Libido! Die Homosexuellen müßten eine vollkommene In- 
differenz gegen das andere Geschlecht zeigen. Sie spielen diese In- 
differenz manchmal, aber ihre Stellung zum Weibe ist immer affektativ 
und negativistisch. Hirschfeld widerspricht sich wiederholt in dieser 
Frage. 

Einmal betont er, daß der echte Homosexuelle sich zum Weibe 
indifferent verhält, daß er keinen Ekel zeigt: 

„Ich befinde mich auch hier in Übereinstimmung mit Numa Pra«- 
torius, der in einer Kritik 1 ) einmal bemerkt, daß bei den meisten 
Menschen „zwar nur ein Trieb zu einem bestimmten Geschlechte, 
aber daneben nicht horror, sondern Indifferenz zu dem 
andern besteht". | Er meint, daß auch der Ekel der Heterosexuellen vor 
gleichgeschlechtlichen Handlungen mehr intellektuell, mehr durch die' 
allgemeine Anschauung und Beurteilung begründet, als instinktiv, ge- 
fühlsmäßig vorhanden sei. Läge ein wirklicher horror vor, so würden 
schwerlich so oft und leicht Heterosexuelle den Homosexuellen zu Ge- 
fallen sein, und Homosexuelle, wenn auch nur durch mechanische Reizung, 
„onanieartige Akte" mit dem anderen Geschlecht vornehmen können.' 1 
(Hirschfeld, 1. c. S. 218.) 



J ) Jahrb. f. sex. Zw., Bd. IX, 1908, S. 504. 



Das Verhältnis der Homosexuellen zum anderen Geschlechte. 



305 



An anderen Stellen des Buches hören wir aber das Gegenteil: 

„Ein 26jähriger Arbeiter berichtet: „Als ich, 17 Jahre alt, einmal 
von einem älteren Freunde verleitet wurde, mit einem Weibe geschlecht- 
lichen Umgang zu pflegen — ich wußte damals noch nichts von meiner 
urnischen Natur — , empfand ich eine derartige Übelkeit, daß 
ich Erbrechen bekam. Seitdem hatte ich eine heilige Scheu, vor 
der Berührung mit dem Weibe, bis ich vor wenigen Wochen, zur Ver- 
zweiflung getrieben, mit meiner Natur zu brechen suchte. Es war ver- 
gebens, weder eine richtige Erektion noch Ejakulation trat ein, dagegen 
habe ich mir infolge der vergeblichen Anstrengung eine Gliedentzündung 
zugezogen." 

„Ein Kaufmann aus Bayern: „Die Folgen des wiederholten Ver- 
kehrs mit dem Weib waren schwere Nervenstörungen, starkes Un- 
wohlsein mit Erbrechen und tagelange Migräne. Der Geruch, 
welchen das Weib ausströmt, verursacht mir das größte Unbe- 
hagen, ich bin jetzt unfähig, ein Weib zu befriedigen, wogegen die 
Umarmung eines Soldaten mir ein unaussprechliches Wonnegefühl ver- 
schafft und mich kräftigt und stärkt." (Hirschfeld, 1. c. S. 9G.) 

„Übrigens hört man oft von Homosexuellen, daß es ihnen eher 
möglich sei, ein Weib zu koitieren, als es zu küssen, auch daß ihnen 
die manuelle Berührung der Genitalien eine größere Überwindung koste 
als der eigentliche Akt." (Hirschfeld, 1. c. S. 95.) 

Eine noch deutlichere Sprache tönt aus den nächsten Zeilen 
heraus : 

„Bei hochgestellten Damen, Chefinnen usw. ist es sehr auffallend, 
wie viel unfreundlicher sie die männlichen Angestellten, Diener usw. 
behandeln als das weibliche Personal. Es gibt homosexuelle- Männer, 
die jede weibliche Bedienung perhorreszieren, „prinzipiell" deshalb nicht 
in Restaurants, in denen Kellnerinnen servieren, gehen. Umgekehrt gibt 
es homosexuelle Frauen, die aus ähnlichen Empfindungen heraus Ge- 
schäfte mit männlichem Personal möglichst meiden. Ohne zu wissen 
weshalb, empfinden es homosexuelle Mädchen schon früh als überflüssig 
und lästig, sich von Herren „nach Hause begleiten" zu lassen. Vielen 
Urningen und Urlinden verursacht es schon ein physisches Un- 
behagen, sich von einer Person des anderen Geschlechtes auch nur 
den Paletot anhelfen zu lassen. Es sind mir einige homosexuelle Ärzte 
von übergroßer Sensitivität bekannt, bei denen die Abneigung 
gegen die weiblichen Sexualcharaktere eine so 
hochgradige ist, daß körperliche Untersuchungen 
von Frauen, speziell von deren Geschlechtsteilen 
und Brüsten, für sie mit lebhaften Unlustempfin- 
dungen verbunden sind, die sich bis zu der Unmög- 
lichkeit, die Untersuchung vorzunehmen, steigern 
könne n." . 

„In Charlottenburg kannte ich einen Homosexuellen, der sich 
rühmte, daß niemals ein weibliches Wesen seine Wohnung, die er seit 
mehr als 20 Jahren innehatte, betreten habe. Zimmerreinigung, Küche, 
alles Wirtschaftliche besorgte er sich selbst. Dieser Fall ist nicht Ver- 



Stekel. Störungen des Trieb- uud AffektlebeDB. II. 2. Aufl. 



20 



306 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

einzelt. Andrerseits muß schon hier betont werden, daß nicht etwa jeder 
Weiberfeind und jede Männerfeindin homosexuell sind. Das trifft ebenso- 
wenig zu wie etwa die Voraussetzung, daß alle homosexuellen Männer 
ausgesprochene Misogynen oder alle homosexuellen Frauen Androphoben 
sind." (Hirschfeld, L c. S. 98.) 

Alle diese Mitteilungen beweisen mir, daß es bei den Homo- 
sexuellen keine indifferente Einstellung zum anderen Ge- 
schlechte gibt. Wo sie angegeben wird, ist sie in Zweifel zu ziehen und 
hält den Erfahrungen der Analyse nicht stand. Haß, Wut, Ekel, 
physisches Unbehagen sind Sicherungen gegen das andere Geschlecht. 
Das gilt für die männlichen und weiblichen Homosexuellen. 

Ich werde jetzt meine weiteren Untersuchungen für eine kurze 
Zeit fast nur auf den männlichen Homosexuellen beschränken. Ich will 
es versuchen, klarzustellen, wie ich zu meiner heutigen Anschauung 
gekommen bin. Gerade der Ekel der Homosexuellen 
vor dem Weibe, ihre affektative Ablehnung des 
anderen Geschlechtes hat mich zu neuen An- 
schauungen geführt. Ich hatte Gelegenheit, einen Homo- 
sexuellen zu analysieren. Schon in den ersten Stunden kam jene hetero- 
sexuelle Periode zum Vorschein, welche keinem Homosexuellen fehlt. 
Vorher hatte ich die Analysen der Homosexuellen abgelehnt, da ich ja 
auf dem Boden von Hirschfeld stand und den Uranismus für eine an- 
geborene Erscheinung hielt. Dieser Kranke hatte allerlei Angst- 
zustäride und wollte nicht von der Homosexualität, sondern von der 
Angst befreit werden. Vor allem litt er an Angst vor dem Weibe und 
konnte mit keiner Frau allein bleiben. Unter seinen Bekannten befand 
sich auch ein älteres, sehr sympathisches Fräulein. Sie konnten stunden- 
lange Spaziergänge machen, aber er verlor die Angst nicht und blieb 
mit ihr nie in einem Zimmer allein. Sie plauderten entweder in einem 
Garten oder einem Cafe. Ich durchblickte natürlich diese Angst und 
begann den Homosexuellen, der seit Jahren ein Verhältnis mit einem 
älteren Herrn hatte, auf seine Heterosexualität zu untersuchen. Ich 
war erstaunt, als aus der Kindheit eine Fülle von heterosexuellen Er- 
lebnissen zutage trat. In den ersten Tagen hörte ich noch die be- 
kannte Anamnese der Uranier : die Mädchenspiele, das weibliche Wesen, 
er wäre immer ein Mädchen gewesen usw. . . Aber bald änderte sich 
das Bild, es trat die heterosexuelle Einstellung immer deutlicher hervor. 
Auffallend war seine Liebe zur Mutter. Einseitig, wie ich damals war, 
schloß ich etwas voreilig auf die 'Wurzeln der Homosexualität und 
schrieb in der ersten Auflage der Angstzustände (1908), nachdem ich 
noch einige .ähnliche Erfahrungen gemacht hatte: „Wie meine neuesten 
Forschungen 'beweisen, handelt es sich in diesen Fällen häufig um 



Das Verhältnis der Homosexuellen zum anderen Geschlechte. 3Q7 

Neurosen. Manche Homosexualität bessert sich oder verschwindet 
nach einer psychanalytischen Behandlung. Die Homosexualität ist nur 
die gelungene Abwehr des infantilen Inzestgedankens. Homosexuelle 
Männer haben bei fremden Frauen nie eine erotische Empfindung; sie 
geben an, sie könnten bei diesen Frauen nur wie für eine Schwester 
oder eine Mutter fühlen. Das verrät uns die Wurzel der Homosexualität. 
Der Begriff „Weib" ist mit den Begriffen „Mutter" und „Schwester" 
unlöslich assoziiert. Aus der Abwehr der Inzestphantasie erfolgt die 
Flucht in die Homosexualität. Diese Transponierung wird natürlich 
durch ein entsprechendes somatisches Entgegenkommen ermöglicht. 
Auch der Homosexuelle leidet an den Reminiszenzen der Kindheit. Die 
Homosexualität wäre also nur eine besondere Form neurotischer Ab- 
wehr." Etwas voreilig hatte ich im jugendlichen Ungestüm damals 
meine Forschungsergebnisse formuliert und besonders die thera- 
peutischen Aussichten zu optimistisch aufgefaßt. Ich habe mich später 
vom Gegenteil überzeugt. Viele Patienten, die . sich als geheilt be- 
trachteten, waren nur gebessert und blieben bei ihrem Uranismus. 
Auch darüber werden wir ausführlich sprechen müssen. Ich muß nun 
das Thema „Mutter und Homosexueller" eingehender behandeln. Ich 
habe dies Verhältnis nach dem ersten FreWschen Schema aufgefaßt. 
Ich sah damals noch nicht, daß noch andere Kräfte mitspielen können, 
wie ich sie bereits bisher geschildert habe. So handelte der erste Traum 
meines ersten Homosexuellen von einem Morde, der an einer Frau be- 
gangen wurde; ich verstand diesen Traum nicht. Ich wußte nicht, 
daß die Angst vor dem Weibe die Angst vor den kriminellen Impulsen 
war, daß dieser Kranke ein Sadist war, der sich in die Homosexualität 
rettete, um kein Verbrechen zu begehen. Diese Regungen bestanden 
neben seinen Inzestphantasien, die besonders stark und auch vor der 
Analyse vollkommen bewußt waren. Sie wurden nur als dem Bewußtsein 
unerträglich beiseite geschoben. Bald hatte Sadger seine erste Analyse 
eines Homosexuellen publiziert und in dieser Arbeit die These auf- 
gestellt, die Homosexualität entstünde wie jede Zwangsneurose im 
vierten Lebensjahre, die Analyse müsse trachten, bis in das vierte 
Lebensjahr zu kommen. 1 ) Sadger betonte: „Das stand mir von vor- 



*) Fragment der Psychoanalyse eines Homosexuellen. (Jahrb. f. sex. Zwischen- 
stufen. IX. Bd., 1908. Leipzig, Verlag Max Spohr.) Ein Musterbeispiel, wie eine Psych- 
analyse nicht sein soll, eine hochnotpeinliche Untersuchung, so daß der Analysierte 
gequält ausruft: „Aber erlauben Sie mir, was soll ich Ihnen sagen? Überhaupt die 
letzte Stunde der Analyse, ich weiß nichts. Sie martern mich einfach, 
weiter gar nichts." Die wichtigsten Einstellungen werden übersehen, der Patient 
gefoltert, er müsse gestehen, daß er Sadger liebe, so daß er nach 14 Stunden die 
Flucht ergreift. 

20* 






308 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

hinein fest, erworben konnten homosexuelle Neigungen nur sein, wenn 
dies in den ersten vier Lebensjahren des Uraniers geschehen, genau so 
wie bei der Hysterie und Zwangsneurose, und dies mußte eine Psych- 
analyse aufdecken können. Was auch diese 'nicht zu lösen vermochte, 
war dann angeboren, entsprach der sexuellen Konstitution." 

Diese Arbeit, die voller Einseitigkeiten und Widersprüche ist, 
zeigt noch deutlich das Bestreben, die Homosexualität auf die Liebe 
zum Vater zurückzuführen. Die Mutter spielt eine bescheidene Rolle: 
flüchtig wird erwähnt, der Analysierte hätte keinen Menschen mit 
solcher Glut geliebt wie die Mutter; eine Tante besaß vor dem Tode 
der Mutter die ganze Liebe des Knaben. 

Aber welche Schlußfolgerungen zieht Sadger aus diesem Falle? 
Gar keine! Er freut sich, daß er ein bedeutsames Material ■ zutage ge- 
fördert hat, und weiß doch mit diesem Material nichts anzufangen. 
Zwischen all den Fragen und Antworten findet sich eine sehr wichtige 
Stelle, welche uns einen bedeutsamen Schluß gestattet. Der Kranke 
erzählt von der Liebe zu seiner Mutter: „Und die Liebe ent- 
sprang auch meist dem Mitgefühl, weil der Vater 
später viel trank und sich mit anderen Frauen 
abgab und die Mutter oft weinte, und das tat mir 
sehr leid." 

Das ist eine Beobachtung, die ich oft machen konnte. Kinder 
von Potatoren und Frauenjägern werden leicht 
homosexuell, wenn sie sich vom Vater differen- 
zieren wollen. Sie hassen dann das Weib und hassen alles, was 
der Vater liebte. Sie werden Abstinenzler und trachten sich in jeder 
Hinsicht vom Vater zu unterscheiden. 

Der Patient Sadgere weist auch direkt auf diese Differenzierung 
hin. Er sagt: „Der Vater hatte bestimmt keine homosexuellen Nei- 
gungen, weil er ein großer Frauenliebhaber war. Schon seit der Zeit, 
da er anfing, mir von der Schule zu erzählen — er liebte besonders die 
Franzosen — , sagte er mir auch, ich solle nur eine Französin heiraten, 
und zeigte mir Bilder aus Frankreich und Photographien von Fran- 
zösinnen. Mir wurde das so eingeimpft, daß ich eine Französin heiraten 
sollte." Und welches Resultat erzielte der Vater mit dieser Einimpfung? 
War es Eifersucht oder war es Mitleid und Liebe zur Mutter? Der 
Vater erzielte das Gegenteil von dem, was er anstrebte. Statt Gehor- 
sam nur Trotz. Der Analysierte erzählt: „Später, als mir homosexuelle 
Neigungen zum Bewußtsein kamen, wurde mir alles Fran- 
zösische förmlich verhaßt, besonders die Fran- 
zösinnen, ich empfand keine Liebe mehr für die 
französische Sprache oder für sonst etwas..." 



Das Verhältnis der Homosexuellen zum anderen Geschlechte. 309 

Der Kranke hat eine ausgesprochene Angst vor der Ehe, von der 
er zu Hause ein so trauriges Beispiel sehen konnte. Er träumt, daß 
er verheiratet wird, daß er von einem Geistlichen getraut werden soll, 
und fühlt sich so unglücklich, daß er sich nach dem Erwachen vor Glück 
nicht fassen kann. Er hat Angst vor jeder großen Liebe. „Ich habe 
Angst vor einer wirklichen großen Liebe, weil die mich immer un- 
glücklich machte." Auch sonst zeigt die Analyse Beziehungen zum 
Vater, die von größter Wichtigkeit sind. 

Diese Einstellungen entstehen in der Tat schon in der frühesten 
Kindheit. Wir kennen eben das Kind noch immer nicht und wissen 
nicht, daß sich die „Leitlinien" des Lebens in der Kindheit in aller 
Deutlichkeit zeigen! Bei diesem Knaben mußte sich der Gedanke aus- 
bilden : Werde nicht wie der Vater, und so mußte er die Frauen fliehen, 
weil der Vater ein Frauenliebhaber war. Ob bei dieser Differenzie- 
rung auch die direkte Liebe zum Vater in Frage kommt, möchte ich 
bei diesem Falle nicht entscheiden. Sie scheint mitzuspielen, und viel 
verschmähte Liebe mag auch dazu beitragen, daß sich da6 Kind ganz 
der Mutter zuwendet. Aber genügt nicht der Anblick 
eines liederlichen Trunkenboldes, dem das Bild 
einer stillen, duldenden Mutter gegenüber steht, 
um die Differenzierung einzuleiten und als de- 
terminierende Kraft fortbestehen zu lassen'? 
Hinter der Homosexualität des ersten analysierten Homosexuellen von 
Sadger steckt die Angst, er könnte wie der Vater werden. In der Ana- 
lyse auftauchende blutige Szenen beweisen, daß er auch andere Gründe 
hat, sich vor dem Weibe zu fürchten. Er ist so geartet, daß er kein 
Blut sehen kann. Auch dieser Zustand ist schon die Konvertie- 
rung eines Blutdurstes und deutet auf einen verdrängten Sadismus. 

In Rußland sah er einmal einen Mann, der seiner Frau den Kopf 
mit einem Stein entzweischlug . . . Dieser Vorfall prägte sich ihm so 
ein, daß er ihn nicht vergessen kann, ebenso spricht er auffallend von 
Schlachten und anderen Blutszenen. 1 ) 

Kein Zweifel, der Mann ist ein Sadist und ist es den Frauen 
gegenüber. Er hat allen Grund, sich vor den Frauen zu fürchten. Seine 
Angst ist die Angst vor sich selbst. Er muß zum Manne flüchten, dem 
gegenüber er nicht den instinktiven Geschlechtshaß empfindet, der ihm 
alle heterosexuellen Regungen versperrt. Wenn er mit einer Frau ver- 
kehrt, fühlt er nachher einen so abscheulichen Ekel und Widerwillen, 
alles kommt ihm unnatürlich vor. Er gibt alle diese Versuche auf. 



*) Vgl. die wichtige Stelle S. 418. 



310 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Er sucht offenbar ewig einen gütigen hochstehenden Vater, denn 
er verliebt sich in einen älteren Philosophen, wie er sich rationalisiert, 
aus Verehrung für die Philosophie, von der er Rettung vor seinen 
Leidenschaften erwartet. Die Differenzierung ist ein Befreiungsversuch, 
eine Tendenz, den Vater zu überwinden! Die Liebe zum Philosophen 
ein Vaterersatz! 

Wir sehen, wie wichtig die Jugendgeschichte eines jeden Lebens 
für das Verständnis der Homosexualität ist. Aus der kindlichen Kon- 
stellation läßt sich das Horoskop der Zukunft stellen. Vielleicht 
steckt in dieser unumstößlichen Wahrheit die Wurzel der Stern- 
deutungskunst, „das Gesetz des Planeten, nach dem man das Leben 
angetreten hat". Der Vater .die Sonne, die Mutter der milde Mond 
und die Kinder die Sterne. Je nach der Stellung dieser Gestirne ge- 
staltet sich unser Schicksal. Blinder Zufall und angeborene Kräfte 
wirken zusammen und schaffen den Menschen zu dem, was er ist. 

Doch verfolgen wir weiter die Ergebnisse der Forschungen Sadgere, 
dem das Verdienst nicht genommen werden soll, fleißig an der Lösung 
des Rätsels der Homosexualität gearbeitet zu haben. 

Die nächste Publikation 1 ) erfolgte gleichfalls 1908. Sie zeigt uns 
deutlich jene infantile heterosexuelle Einstellung, welche 
alle Homosexuellen so gern vergessen, und die der echten Homosexua- 
lität vorangeht. 

„Der damals 21jährige Student wurde mir gesandt, weil ihn seine 
homosexuellen Neigungen quälten, die besonders auf junge Leute von 
14—20 Jahren gerichtet waren, nebstdem noch allerlei masochistische 
Gelüste. Beim Weibe (einer Prostituierten, der er bis dahin dreimal 
beigewohnt, die zwei ersten Male spontan, um zu sehen, ob er überhaupt 
potent sei, das drittomal auf ärztliches, sowie auf Vaters Drängen) 
fühlte er sich vollkommen impotent. Auf Befragen, ob er schon 
irgend einmal eine Neigung zum anderen Geschlechte verspürte, erinnert 
er sich bloß, im 2. oder 3. Lebensjahre einem gleichaltrigen Mädchen in 
besondere galanter Weise das Gartentor geöffnet zu haben. Von 
familiärer Belastung weiß er anzugeben, daß ein Bruder der Mutter 
geisteskrank 'sei. Die Mutter selber habe immer etwas Burschikoses und 
Männliches an sich gehabt, der Vater wieder zeigte stets sehr geringe 
Sinnlichkeit, daneben auch deutlich invertierte Züge, die frühverstorbene 
Schwester hatte einen knabenhaften Gesichts- 
a u s d r u c k. Sie bevorzugte Bubenspiele und wünschte sich zu Weih- 
nachten mit 4—5 Jahren ein Schaukelpferd für Knaben. Je eine Kusine 
väterlicher- wie mütterlicherseits waren unverkennbar amphigen in- 
vertiert. Der Kranke selber hatte ein unverhältnismäßig breites Becken 
und äußerst spärliche Bartentwicklung. Als Kind soll er nur mit Puppen, 



/ 
*) J. Sadger: Ist die konträre Sexualempfindung heilbar? In der Zeitßchr. f. 

Scxualwiss., 1908, S. 712 ff. 



Das Verhältnis der Homosexuellen zum anderen Geschlechte. 311 

nie mit Soldaten gespielt haben, er beteiligte sich nie an Knabenspielen 
und lernte auch sticken. 

Demnach ein reiner Fall von Inversion mit masochistischen -.Zügen. 
Was ergab nun die Analyse des obendrein sehr intelligenten Kranken? 
Zunächst etwas Merkwürdiges: Seine früheste Neigung ge- 
hörte den Frauen, und zwar nicht einer, sondern 
gleich einer Anzahl. Die Erstgeliebte war die 
Mutter, von der er sich freilich spä ter abkehrte. 
Mit zwei Jahren fühlte er sich mächtig zu einer alten Kinderfrau hin- 
gezogen, der er direkt einen Heiratsantrag machte und welche er spater 
in wiederholten Träumen der Pubertät zu Koitusphantasien benutzte. 
Etwas später folgte seine besondere Galanterie gegen das gleichaltrige 
Mädchen, die so auffallend war, daß ihn seine Mutter darüber aufzog, 
und er sich darob sehr genierte und ärgerte. 

Auch eine Dienstmagd machte in den allerersten Jahren einen 
tieferen Eindruck auf sein Herz und kehrt in verschiedenen Männertypen 
wieder. Von homosexuellen Neigungen der ersten Jahre führe ich als 
stärkste und allerwichtigste die Liebe zu zwei Vettern an, mit denen 
er vom ersten Jahre ab spielte, dann im zweiten Jahre die zu einem 
9jährigen Baron, im vierten zu einem Knaben, der ihn masturbieren 
lehrte, im sechsten und siebenten zu einem Hauslehrer. Im vierten Jahre 
schlief er aus Anlaß der Entbindung seiner Mutter eine Zeitlang mit 
dem Vater in einem Bette, woran sich eine Reihe homosexueller Wünsche 
und. Phantasien auf diesen knüpfte. Als dann sein Schwesterchen zur 
Welt kam, verliebte er sich alsbald auch in dieses. 
Noch auffälliger sind im siebenten und achten Jahre des Patienten ein 
paar normalgeschlechtliche Verliebtheiten in drei bis vier gleichaltrige 
Schulmädel. Wie sich dann herausstellte, gab jede von diesen etwas für 
einen späteren Typus her, und zwar für Jünglinge sowohl als Mädchen, 
die später sein Wohlgefallen erregten. 

All diese Dinge, die dem Kranken vollständig 
unbewußt gewesen und erst durch monatelange 
Analyse sehr mühsam ausgegraben werden mußten, 
geben ein völlig neues Bild. Sie lehren uns vorerst, wie 
wenig auch der Intelligenteste sich kennt, wie vorsichtig also selbst die 
ehrlichsten Angaben aufzunehmen sind. Zweitens, daß auch scheinbar 
reine Fälle von Inversion der normalgeschlechtlichen Züge nicht ent- 
behren ja daß die letzteren in großer Zahl vorhanden sein können, 
ohne doch dem Kranken bewußt zu sein. Zum dritten endlich, daß die 
Inversion in frühester Kindheit bis zum vierten Lebensjahre 
inklusive festgelegt wird, wenn sie auch meist erst in der Pubertät zum 
Bewußtsein gelangt." 
Schon hier muß ich den ersten Widerspruch erheben. Es ist nicht 
wahr, daß die Inversion schon bis zum vierten Lebensjahre festgelegt 
wird.' Ich habe ja eine ganze Reihe von Fällen analysiert, bei denen 
diese Inversion nach der Pubertät und viel später aufgetreten ist. Die 
Anfänge* homosexueller Einstellung gehen bei -allen Menschen bis 
auf die Kindheit zurück. Bei einem kann diese Abkehr vom anderen 



312 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Geschlecht früher, bei dem anderen später auftreten. Wahr ist 
aber, daß sich in jeder Analyse die heterosexuelle 
Einstellung zeigt, welche von dem Homosexuellen 
vergessen oder sagen wir richtiger verdrängt 
wurde, weil sie ihm in sein System nicht zu passen 
scheint. Analytisch scheint mir dieser Fall Sadgers eine Fixierung 
an die Schwester zu bedeuten. Die Knaben, die er immer wieder Sucht, 
ersetzen ihm die Schwester. Wir werden einige solcher Fälle kennen 
lernen. Nur wer die Kunst der Neurotiker kennt, ihre Ideale zu meta- 
morphosieren, wer diese Verwandlungsfähigkeit aus ihren Träumen 
kennen gelernt hat, der wird das verstehen, daß man in einem Knaben 
ein Mädchen lieben kann. Von Platen wird erzählt, daß er eine un- 
glaubliche Phantasie besessen. Ein Kollege wurde ihm lange Zeit eine 
Eule, der er scheu aus dem Wege ging. In Neapel ließ er sich eine 
Katze auf den Schoß setzen und gab sie mehrere Tage lang für eine 
verwunschene Prinzessin aus. Der echte Fetischismus zeigt uns, welche 
unglaubliche Metamorphosen sich das sexuelle Ideal gefallen lassen 
muß^ Einen Knaben lieben, der ein Symbol der eigenen Person oder 
der Schwester wird, ist bei den Homosexuellen eine alltägliche Sache. 
Sie besitzen wie alle Neurotiker nicht die Gabe, die Welt der Phan- 
tasie von der der Realität zu trennen. Ich habe die Neurose auch 
als die Tyrannei der Symbolismen definiert. Dies stimmt 
besonders für den Neurotiker, der homosexuell wird. Alle Werte werden 
umgewertet und das Objekt wird zum Subjekt und umgekehrt In 
diesem Verwandeln aller Tatsachen bleibt ein Festes und Sicheres: 
Das infantile Ideal, an dem mit der Hartnäckigkeit festgehalten wird, 
welche aus der ewigen, ungestillten Seimsucht stammt. 

Sj^ger tej tt in der nächsten Arbeit die Resultate einer sechsmonat- 
igen Analyse eines Invertierten mit. (Zur Ätiologie der konträren Sexual- 
empfindung. Med. Klinik, 1909, Nr. 2.) Er führt die spezielle Vorliebe seines 
Aranken iur passive Päderastie auf häufige Klistiere in der Kindheit zurück 
(in der rat scheinen mir die vielen überflüssigen Klistiere in der ersten 
Kindheit eine Fmerung des Anus als erogene Zone bewirken zu können.) 
Auch an • diesem Falle weist er die verdrängte Heterosexualität nach. „Es 
verhalt sich mit dem Schwanken der Libido zwischen Mann und Weib wie 
etwa mit der Gesichtsinnervation, die ja bekanntlich auf dem Gleichgewichte 
fußt der von beiden Fazialis innervierten Muskeln. Die Lähmung eines ein- 
zelnen *aziahs aber führt nicht nur zur Schwäche der betreffenden Gesichts- 
halite, sondern obendrein auch zum Krämpfe der anderen. Dieser Krampf 
ist dasjenige, was wir dem Zwang der Sexualobjektwahl gleichsetzen können." 
iJer beschriebene Patient liebte eigentlich nur seinen. Vater, der, selber etwas 
homosexuell, sein Herz in der Kindheit durch übergroße Zärtlichkeit gewann, 
im Gegensatz zur überstrengen Mutter. Im vierten Jahre schlief er 
während einer Gravidität der Mutter im Bette des Vaters, welchem Ereignis 



Das Verhältnis der Homosexuellen zum anderen Geschlechte. 31 3 

Sadger große Bedeutung beimißt. Die homosexuellen Jünglingsobjekte trugen 
Züge der geliebten Schwester. Von der Mutter hätte er sich mit 15 Jahren 
abgewendet, als er sie mit einem bedeutenden Ascites, der wiederholt 
punktiert werden mußte, wiederfand. Dieser Anblick hätte ihn mit Ekel 
vor allen Frauen erfüllt. Als Überdetermination dieser Abkehr führt er 
folgende Erinnerungsspur an: Die Mutter bekam nach dem erwähnten Puer- 
perium einen Fluor albus, der das für Gerüche schon damals empfindliche 
Kind (4 Jahre!) zurückstieß, wenn er der Mutter mit Liebkosungen nahte. 
Auch sei es dem Kranken unvergessen, daß die Mutter die Aggressionen des 
Knaben zwischen 3 und 6 Jahren strenge zurückgewiesen habe. („Er ver- 
suchte damals ihr immer an die Brust zu greifen, wollte in ihr Bett und 
in das Badezimmer, sobald sie badete.") 

So unwahrscheinlich Ärzten, welche die infantile Sexualität nicht 
kennen, solche Aggressionen erscheinen mögen, 'sie finden doch statt und 
manche Mutter hat sie mir bestätigt. Dagegen ist es sehr unwahrscheinlich, 
daß sich ein Kind von vier Jahren an dem Geruch der Mutter stoßen sollte! 
Zu dieser Zeit bildet der Geruch eher ein Stimulans und erscheint fast nie- 
mals mit Ekel belegt. 

Ich wende mich nun zu den letzten und weitgehendsten Folge- 
rungen von Sadger, die er in seiner Arbeit: „Ein Fall von multipler 
Perversion mit hysterischen Absenzen" 1 ) publiziert. 

In dieser Arbeit findet sich ein Kapitel „Neue Beiträge zur 
Theorie der Homosexualität". Sadger läßt sein erwähntes viertes 
Lebensjahr ganz fallen und erklärt: „Die dauernde Neigung zum 
eigenen Geschlechte tritt in der Eegel und jedenfalls am stärksten in 
der Pubertät zutage, frühestens in der Vorpubertät, für unsere Breiten 
also mit 10 oder 11 Jahren. Ein mitunter vermeldeter früherer Beginn 
steht jedenfalls vereinzelt da und hat seine ganz besonderen Gründe." 
Ausgelöst werde die ständige Homosexualität durch ein bedeutsames 
Ereignis, das die Mutter von ihrer Stelle als Helferin und Lehrerin 
verdrängt. Solche Zufälle seien Tod, Vermögenskrach mit folgender 
schwerer Neurose, die zum Aufenthalt in einem Sanatorium zwinge, 
eine unzweckmäßige Verfolgung des Sohnes wegen Onanie und der- 
gleichen Dinge. Dann wende sich die Liebe von der Mutter ab und 
wende sich zum Vater, oder zu älteren oder gleichaltrigen Kameraden, 
die die Mutter ersetzen und den Knaben in die Liebe einführen sollen . . . 
Der Weg zur Homosexualität führe über die Liebe zum eigenen 
Ich, über den Narzissmus. „Die Verliebtheit in die eigene Person, 
hinter welche sich die Verliebtheit in die eigenen Genitalien verbirgt 
(sie!), ist ein nie fehlendes Entwicklungsstadium." Jeder Mann habe 
zwei ursprüngliche Sexualobjekte, an denen er sein Leben lang hafte: 
Die Mutter und die eigene Person. Nur kurze Zeit ersetze der Vater 

*) Jahrb. f. psychoanalytische und psychologische Forschungen, II. Bd., 1910. 
Franz Deuticke, Wien und Leipzig. 



_J 



sjl4 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

die eigene Person, weil dieser als primärer Rivale bei der Mutter bald 
in die feindliche Stellung einrücke. Die Frauen hasse der Urning aus 
einem durchsichtigen Grund: „Wenn schon die beste der Frauen so 
wenig taugt, meine eigene Mutter, wie sollte eine andere bestehen 
können?" 

Nun folgt ein überzeugender Beweis, daß der Urning sich mit 
seiner Mutter identifiziere. Der Urning trachte immer, seinen Geliebten 
zu belehren, und das habe die Mutter getan. (Ob nicht viel mehr der 
Vater?) So habe sein Patient einem Kellner Geologie und Kunst- 
geschichte vorgetragen, Gegenstände, die diesen nicht interessierten 
Das habe aber die Mutter auch getan . . . 

Die meisten Urninge wären einzige Kinder. (Diese Angabe ist 
unrichtig. Hirschfeld fand unter 500 Homosexuellen nur 67 einzige 
Kinder und darunter nur 54 einzige Söhne. Meine Ziffern sind noch 
geringer. Dieser Prozentsatz stimmt mit den Zahlen, welche meine 
Neurotiker überhaupt betreffen.) 

Sadger faßt seine Resultate in fünf Leitsätzen zusammen: 

„1. Der Urning leidet an der Abkehr von der Muttsr (bzw. ersten 
Pflegerin), in deren Liebe er sich schwer getäuscht fühlt. Er verdrängt 
die Mutter, indem er sich mit ihr identifiziert. 2. Der Weg zur Homo- 
sexualität führt über den Narzissmus, d. h. die Liebe zu sich selbst, 
• wie man tatsächlich war, oder, idealisiert, gern gewesen wäre. 3. Im 
Sexualideal des Invertierten finden sich nicht nur Züge früherer weib- 
licher und männlicher Sexualobjekte, sondern noch vielmehr des eigenen 
geliebten Ichs. 4. Aufwachsen in ausschließlicher weiblicher Umgebung 
— der Vater kommt hier nicht in Betracht — befördert die Homo- 
sexualität beim Manne wie beim Weibe aus Gründen, die noch nicht 
genügend bekannt sind. Zudem sind Urninge meist einzige 
Kinder. 5. Unterstützt wird endlich die Inversion durch den „nach- 
träglichen Gehorsam'' gegen die Worte der Mutter. Ich fand nicht selten, 
daß die Mutter frühzeitig ihren Kindern einen selbst ganz harmlosen, 
doch freundschaftlichen Verkehr mit dem anderen Geschlechte als etwas 
Unrechtes und Anstößiges hinstellte, was in leider nur zu buchstäb- 
lichem späteren Gehorsam die Neigung zum eigenen Geschlecht verstärkt." 

Von diesen Leitsätzen ist der erste falsch. Der Homosexuelle 
leidet nicht an der Abkehr von der Mutter, sondern vielmehr an der 
Fixierung. Doch davon später. Ferner zeigen meine Erfahrungen, daß 
Homosexualität auch nach Aufwachsen in rein männlicher Gesellschaft 
entstehen kann. 

Man verdrängt keinen Menschen, wenn man sich mit ihm identi- 
fiziert. Identifizierung ist direkte Liebe, Diffe- 
renzierung ist Verdrängung. Nun identifizieren sich 
viele Homosexuelle mit ihrer Mutter, daran ist gar kein Zweifel. Aber 



Das Verhältnis der Homosexuellen zum anderen Geschlechte. 315 

diese Identifizierung setzt schon die Verdrängung des Vaterideals 
voraus. Das Rätsel der Homosexualität ist nie- 
mals einseitig zu erklären und einige Fälle, in 
denen die Mutter gar keine Rolle spielt, stehen 
mir auch zur Verfügung. 

Die einzige psychologische Hypothese, die besteht — ich meine 
die von Sadger — fällt durch ihre , Einseitigkeit in sich zusammen. 
Sie gilt für einzelne Fälle. Sie vernachlässigt aber die wichtige Be- 
deutung des Sadismus vollkommen, übersieht, daß die Liebe zum Vater 
viel wichtiger und verdrängter als die zur Mutter ist, übersieht die 
Identifizierung mit dem Vater und die Differenzierung von dem Vater 
vollkommen und gibt keine Erklärung für die Spätformen der Homo- 
sexualität, die uns am meisten interessieren. (Tardive Homosexualität.) 
Denn was das Erwachen der Homosexualität anbelangt, so schwanken 
nach allen Beobachtern die Zahlen zwischen dem fünften und dem 
zwanzigsten Lebensjahre und noch darüber hinaus. Ich "nenne hier die 
Zahlen von 20 Fällen, die ich als die ersten meinen Protokollen ent- 
nehme. Die Homosexualität wurde bewußt mit 12, 10, 12, 15, 16, 22, 
13, 11, 14, 8, 14, 12, 17, 17, 17, 13, 21, 15, 17, 24 (Durchschnitt = 15) . 

Es sind durchwegs hohe Ziffern, es findet sich bloß ein Mann, 
dessen bewußte homosexuelle Einstellung im achten Lebensjahre 
begonnen hatte. Nun ist das sicher nicht richtig. Denn wir wissen, 
daß die homosexuelle Regung schon in dem- ersten Lebensjahre auf- 
tritt und sicherlich, die Kinder in den ersten Lebensjahren schon deut- 
lich bisexuell empfinden. Die Zahlen sind deshalb von Bedeutung, weil 
sie uns zeigen, daß der „echten Homosexualität" eine lange Latenz- 
zeit vorausgeht. 



• 



Die Homosexualität. 



VIII. 
Die Familie des Homosexuellen. — 



Sein Verhalten zur Mutter. 



Die Knabenliebe ist so alt wie die 
Menschheit und man könnte daher sagen, 
sie liege in der Natur, ob sie gleich gegen 
die Natur sei. (J^. 

Alle Forscher, die sieh mit dem Problem der Homosexualität be- 
fassen, betonen, daß die Homosexualität familiär auftritt, und finden 
darin eine Stütze für die Annahme, sie wäre angeboren. Homosexuelle 
haben häufig einen homosexuellen Bruder, eine homosexuelle Schwester, 
die Mutter ist eine Urlinde oder der Vater ein Urning, der trotz seiner 
Anlage geheiratet hat. Bedenkt man, daß ich die Neurose und die 
Homosexualität (als eine bestimmte Form der Neurose) als eine Rück- 
schlagserscheinung auffasse, erwägt man, daß alle Neurotiker sich 
durch eine starke Betonung aller Sexualtriebe auszeichnen, so versteht 
man diese Tatsachen. Nicht die Homosexualität wird vererbt, sondern 
die prägnante bisexuelle Anlage, welche ja die Disposition zur Er- 
krankung abgibt. Ferner ist zu bedenken, daß die Einflüsse des 
Familienmilieus auf alle Kinder gleich wirken müssen. Das eine ist 
glücklicher und entgeht der dauernden Schädigung, das andere wird 
schwerer betroffen. 

Bevor wir den Einfluß der Familie auf die Entstehung der Homo- 
sexualität genauer studieren, müssen wir noch zwei wichtige Momente 
hervorheben. Das eine ist die Spaltung der Liebe in eine geistige und 
körperliche, das andere die doppelte Einstellung des Homosexuellen als 
Weib oder .als Mann. Von dieser Spaltung der Liebe in die beiden 
Komponenten wird noch an anderer Stelle viel zu reden sein. Hier 
möchte ich nur betonen, daß die Menschen es sehr gerne so arrangieren, 
daß sie einen der beiden Haupttriebe geistig, den anderen körperlich 
besetzen. Nennen wir die geistige Liebe „Erotik", die körperliche 
„Sexualität". Der Durchschnitt der Heterosexuellen verwendet seine 
Erotik für die Männerfreundschaft, seine Sexualität für die hetero- 



• 



Die Familie des Homosexuellen. — Sein Verhalten zur Mutter. 317 

sexuelle Liebe, wobei sich der Fortschritt der Kultur darin äußert, daß 
auch in der heterosexuellen Liebe immer mehr sublimiert wird, d. h. ein 
immer wachsender Anteil an Erotik auftritt. Der Homosexuelle kann 
z. B'. seine Erotik den Frauen zuwenden, seine Sexualität den Männern. 1 ) 
Er kann auch unter Umständen seine ganze Erotik homosexuell be- 
setzen und die ganze Sexualität verdrängen. Oder er bemüht sich, bei 
seinem sexuellen Ideal auch geistige Vorzüge zu finden, er trachtet 
auch, einen Teil der Erotik in homosexuelle Bahnen zu lenken. So 
entstehen die wunderlichsten Variationen. Nehmen wir zum Beispiel 
den Homosexuellen, der nur Kutscher, Hausknechte, Soldaten, Dienst- 
männer, Bauern sucht. Sein sexuelles Ideal sind nur Männer aus 
niederen Ständen. Dieser Mann hat die ganze Erotik auf edle Frauen 
übertragen. Er pflegt Freundschaften mit älteren Damen, manchmal 
auch mit feinen Männern, aber er kann sich nur bei einfachen Leuten 
sexuell betätigen. In diesem Vorgehen liegt schon ein "Werturteil der 
Sexualität. Sie stellt sich ihm endopsychisch als ein Herabsinken auf eine 
niedere Stufe dar, als eine Rückkehr zu den ersten Quellen der Natur. 
Dieses Verhältnis wird dadurch kompliziert, daß es von Wichtigkeit 
ist, ob er sich beim homosexuellen Akte als Mann oder als Weib fühlt. 
Ist er aktiver Homosexueller, so behält er seine Individualität, er spielt 
das Ich oder identifiziert sich mit einem männlichen Ideale, dem Vater, 
dem Bruder, dem Lehrer usw. Oder er spielt eine passive Rolle, dann 
identifiziert er sich mit einem Weibe, der Mutter oder ihrem polaren 
Gegenstücke, der Dirne. Hie und da kommt es vor, daß beide Rollen 
gespielt werden, daß sich die Beziehungen zwischen Erotik und Sexua- 
lität verschieben und verkehren. Das macht das Verwirrende des 
Problems aus. Der Urning beginnt alle Erotik auf Männer zu über- 
tragen und empfindet beim Weibe nur Sexualität, die aber in Ekel 
konvertiert ist. Oder eine Urlinde liebt seelisch nur Frauen und findet 
alle Männer ekelhaft, unausstehlich, widerwärtig. Die Einstellung hängt 
von der spezifischen Szene ab, die aufgeführt werden soll. 

Für die Beurteilung und das psychologische Verständnis eines 
jeden Falles ist es von größter Bedeutung, die Frage zu beantworten: 
Was spielt der Homosexuelle in seiner Szene? Was stellt ihm der 
homosexuelle Akt in der Phantasie dar? Dabei ist von der Realität 
in den meisten Fällen abzusehen. 

So manche dunkle unverständliche Paraphilie verliert ihre Ab- 
sonderlichkeit, wenn man die Szene erfährt, die immer wieder vor- 

*) Wir haben gesehen, daß auch die Besetzung der Homosexualität durch geistige 
und körperliche Liebe vor sich gehen kann. Homosexuelle betonen zu auffallend und 
emphatisch die Unmöglichkeit einer erotischen Einstellung zum anderen Geschlechte. 
Sie verraten damit ihre Angst vor dieser Einstellung. 



31g J Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

gespielt wird. Denn für den Neurotiker gilt das Gesetz Nietzsches 
von der Wiederkehr des Gleichen. 

Die Szenen, die er spielt, sind entweder Erlebtes oder nur Ge- 
wünschtes, Ersehntes und Nie-Erlebtes. Der menschlichen Natur ent- 
spricht es, daß das Nie-Erlebte eine größere motorische Kraft entfalten 
kann wie das Erlebte. Das Erlebte wirkt als retrospektive Tendenz, 
das Erwünschte als prospektive. (So konnte ich sagen: Die schwersten 
Traumen sind, die sich nie ereignet haben.) Der unerfüllte 
Wunsch ist die treibende Kraft der meisten Neurosen. Das „Ewig- 
Ersehnte" — „Ewig-Verlorene" — „Nie-Erreichte" bildet den Welt- 
schmerz aller Lebensmüden, die vergebens das Unmögliche möglich 
machen wollten. An der Realität zerschellen alle Wahngebilde des 
Neurotikers. Deshalb flieht er alle realen Werte und baut sich seine 
„zweite Welt", in der er Herrscher ist und seine Wünsche als Träume 
erleben kann. Das Nie-Erlebte wird zum S t e t s - E r- 
träumten! 

Die Charakterbildung des Menschen beginnt in den ersten Lebens- 
jahren. An seiner Umgebung prüft er seine Kräfte, an den ihn um- 
gebenden Beispielen formt er sich das Bild des Lebens. Übergroße 
Väter müssen dann Kinder haben, die an sich zweifeln, weil sie das 
Bild des genialen Vaters niederdrückt und ein Gefühl der Minderwertig- 
keit erzeugt, das ihrem Leben den Stempel aufdrückt. Jedes Kind hat 
einen Wunsch: den Vater zu übertreffen. Dieser Wunsch mag sich 
zuerst darin äußern, den Vater zu erreichen, so groß und stark zu sein 
wie der Vater. Schließlich mündet der Wunsch in einen stillen Wett- 
bewerb, der sich zwischen Vätern und Söhnen und zwischen Mutter 
und Tochter abspielt, so lange die Welt existiert. Nach einem starken 
Vater formt sich der starke Sohn. Wie aber, wenn der Vater schwach 
ist und die Mutter im Hause regiert? Was für ein sonderbares Weltbild 
muß 60 ein Kind in sich aufnehmen? Muß es nicht glauben, die Frauen 
regierten die Welt, muß es sich nicht zu dieser Frage so stellen, daß 
es sich entweder wünscht, ein Weib zu sein und zu herrschen, oder 
als Mann dem Weibe zu entfliehen, wenn es seinen „Willen zur Macht" 
durchsetzen will? 

In diesen Konflikt mischt sich die Sexualität, mischt sich die 
Erotik und verwirrt die kindliche Seele, schiebt die Entscheidung 
hinaus, erfüllt das kindliche Herz mit Angst und Zweifel. 

Alfred Adler, der diesen Zusammenhängen mit großem Scharf- 
sinn nachgespürt hat, hat einen wichtigen Faktor in der Dynamik der 
Neurosen in dem „männlichen Proteste" erblickt. Aus dem Wunsche 



Die Familie des Homosexuellen. — Sein Verhalten zur Mutter. B19 

„Ich will ein ganzer Mann sein!" wären alle Reaktionen und Schutz- 
bauten des Neurotikers zu erklären. Die Homosexualität zeigt uns 
diesen Protest in einer sonderbaren Verzerrung. Der Homosexuelle 
schreit: Ich will ein Weib sein! Er kann sogar bis zum Transvestismus 
gehen und sich als Weib kleiden. Adler hilft sich durch einen un- 
erlaubten Kunstgriff und meint: Es wäre ein männlicher Protest mit 
weiblichen Mitteln. Auf diesem Wege hoffe der Homosexuelle sein 
Persönlichkeitsgefühl zu erhöhen; er fliehe das Weib, weil er eine 
Niederlage fürchte, er weiche den Entscheidungen aus. Das stimmt nur 
für einzelne Züge, aber nie für das Gesamtbild. Beim Problem der 
Homosexualität scheitert die Hypothese von Adler vollkommen. 

Das Maßgebende ist, daß sich in der Seele des Kindes ein Wunsch 
festsetzt, der sich meist nach dem Kräfteparallelogramm der Familie 
richtet. Ist die Mutter die Starke, die Herrin, so muß der Wunsch 
entstehen: Ich möchte so sein wie die Mutter! Ich möchte wie sie 
herrschen und erobern! Die Liebe zur Mutter kann diesen Identifizie- 
rungsprozeß steigern und vollends zur zielsetzenden Kraft gestalten. 
Das Kind wird schon in frühen Jahren die Mutter nachahmen, wird 
sich weiblich gebärden, wird mit Puppen spielen, wird kochen, wird 
gerne Mädchenkleider anlegen. Es kann diese Einstellung überwinden 
oder es bleibt in ihr stecken, es greift auf sie zurück und wird erst 
später ein Homosexueller. (Tardive Homosexualität.) Ich spreche jetzt 
der Einfachheit halber von Knaben. Der gleiche Effekt kann aber 
erzielt werden, wenn ein brutaler Vater die Mutter unterdrückt, das Kind 
die Mutter leiden sieht, der Vater ihm als ein abschreckendes Beispiel 
erscheint. Dann kann der „Wille zur Macht" im Kinde 
sich dem „Willen zum Ethos" beugen. Das Kind 
wünscht: Ich will lieber nicht herrschen, wenn ich so werde wie der 
Vater und will lieber so sein wie die Mutter. Liebt dieses Kind den 
tyrannischen Vater, so kann das Kind homosexuell und passiv werden: 
Ein Weib und einem starken Mann ergeben. 

Das sind einige willkürlich herausgegriffene Beispiele aus dem 
Leben. Ich habe sie hervorgehoben, weil man so oft von Homosexuellen 
hört, sie hätten eine energische starke Mutter gehabt, der Vater wäre 
in der Ehe eigentlich der weibliche Teil gewesen. Natürlich kommt 
auch das Gegenteil vor. Ebenso häufig ist die Angabe, daß die Mutter 
schwer neurotisch gewesen . -. . Es gibt keine allgemeine Regel in der 
Psychogenese der Homosexualität. Jeder Fall erfordert eine in- 
dividuelle Lösung. ' Deshalb sind die Leitsätze von Sadger als un- 
umstößliche Axiome absolut nicht zu verwenden. Jeder dritte Fall 
wirft sie über den Haufen. 



320 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Es führen viele Wege zur Homosexualität. 
Wir können unmöglich alle beschreiben. Wir 
können nur einzelne Typen hervorheben. 

Wir wenden uns nun zu der Besprechung des wichtigen Themas: 
Wie verhält sich der Neurotiker zu seiner Mutter? Wir haben gesehen, 
daß Analytiker die Homosexualität mit der verdrängten Liebe zur 
Mutter in Beziehung bringen. Halten wir uns zuerst an meine kleine 
Statistik. Meine 20 Homosexuellen antworten auf die Frage: „Haben 
Sie eine besondere Vorliebe für die Mutter oder den Vater? Oder Rh- 
eines Ihrer Geschwister?" 

„Nur für die Mutter — Mutter — keine besondere Vorliebe — 
beide gleich - für die Mutter - für den Vater — keine besondere 
Vorliebe — eher für die Mutter — liebe die ganze Familie außerordent- 
lich — für den Vater — Mutter — für meinen Vater — Mutter — 
Mutter — Mutter — Mutter — Ich liebe besonders einen Bruder (alle 
anderen gleich) — den Vater — die Mutter." 

Ungefähr die Hälfte betonen eine stärkere Liebe für die Mutter. 
Nun habe ich diese Fälle herausgewählt, weil ich gerade an einem Falle 
sehr prägnant nachweisen kann, daß sich hinter der Liebe zur Mutter 
eine leidenschaftliche Ablehnung des Vaters verbirgt; ein anderer hat 
die Liebe zur Schwester, die in der Psychogenese seiner Homosexualität 
eine große Rolle spielt, ganz verschwiegen. Eine solche Statistik be- 
darf der Überprüfung durch die Analyse. Aber auch nach dieser Prüfung 
bleibt noch immer ein gewisser Prozentsatz, bei dem die übertriebene 
Liebe zur Mutter besonders deutlich ist. Auch unter den Fällen, in 
denen die stärkere Liebe zum Vater betont wird. 

Hirschfeld betont das Attachement des männlichen Urnings an 
seine Mutter als ein konstantes Vorkommen. Er behauptet: 

„Zu einem Weibe allerdings fühlt sich der Homosexuelle in 
einer ganz besonderen Liebe hingezogen: zu seiner Mutter und auch hier 
fehlt nicht die Analogie, die uns oft ein besonders inniges Verhältnis 
zwischen der urnischen Tochter und ihrem Vater zeigt. 1 ) Das 
Attachement des Homosexuellen an seine Mutter ist so typisch, daß die 
* reudache Schule in diesem „Mutterkomplex" eine Ursache der Homo- 
sexualität hat erbhcken wollen. Ich halte diese Folgerung 
für einen Trugschluß. Der Homosexuelle entwickelt sich nicht 
zum Urning, weil er sich schon als Kind zu der Mutter so stark hingezogen 
fühlt, sondern früher ahnend als wissend lehnt er eich in dem unbe- 
stimmten Gefühl seiner Schwäche und Sonderart an die Mutter an, die 
ihrerseits, ebenfalls instinktiv, ihn oft zu ihrem Lieblingskinde 
macht. " 



*) Auch da6 Gegenteil kommt vor. 



Die Familie des Homosexuellen. — Sein Verhalten zur Mutter. 321 

Diese Folgerung von Hirschfeld möchte ich nicht unterschreiben. 
Der Urning ist häufig das Lieblingskind der Mutter, oft schon ehe er 
geboren wurde. Seine Bevorzugung erwidert das Kind durch eine 
leidenschaftliche Liebe zur Mutter, mit welcher es sich dann voll- 
kommen identifiziert. Oft hatte sich die Mutter ein Mädchen gewünscht 
und erzieht den Knaben dann wie ein Mädchen. So kannte ich einen 
Urning, dem seine Mutter lange Zeit keine Höschen geben wollte, den 
sie immer um sich hatte, dem sie in den ersten Kinderjahren die Geni- 
talien in einer Hautfalte versteckte und ihm sagte : Du bist ein Mädel. 
Er wurde noch als größerer Knabe öfters in Mädchenkleider gesteckt 
und hatte noch im späteren Alter eine ausgesprochene Neigung zum 
Transvestismus. 

Es gibt zweifellos viele Fälle, in denen die direkte Liebe zur 
Mutter alles Lieben zum weiblichen Geschlechte absorbiert hat. 

So sagt ein Urning aus der Beobachtung von Hirschfeld: 

„Meine Mutter war mein Alles, sie war mein bester Freund, sie war 
das Alpha und Omega meines Lebens. Für sie hatte ich viel schöne 
Pläne geschmiedet, um ihr Alter zu verschönern ... Da ereignete sich 
die Katastrophe, die fast *die Vernichtung meines' Lebens bedeutete, der 
Tod entriß mir meine so innigstgeliebte Mutter. Die Nachricht ihrer 
Erkrankung, die mich das Schlimmste befürchten ließ, traf mich im Norden 
von Irland und die Qualen, die ich in den zwei Tagen und zwei Nächten 
auf der Eeise nach Deutschland ausstand, können keine Worte beschreiben. 
Leute verließen mein Kupee in der Bahn, weil sie fürchteten, ich könne 
wahnsinnig werden . . . Ich pflegte meine Mutter Tag und Nacht drei 
Wochen lang, da entriß sie mir Gott, und ich blieb als einsamer Wanderer, 
an Leib und Seele gebrochen, zurück. Dies war ein Schlag, von dem ich 
mich nio erholen konnte. Ich kehrte des Vergessens wegen in meine alte 
Tätigkeit nach England zurück, aber alles war umsonst. Vergessenheit 
gab es für mich nicht, der Schmerz nagte Tag und Nacht an meiner Seele 
und meinem Körper. Ich hatte alle Widerstandskraft verloren. So ging 
ich wieder nach meiner Heimat in das alte Familienhaus, wo meine 
Familie schon 100 Jahre gelebt hatte. Oft war ich dem Wahnsinne nahe 
und fühlte mich nur etwas ruhiger auf dem Friedhof an den Gräbern 
. meiner Eltern. Da ich keine Ruhe fand, reiste ich. In allen Kirchen und 
Kathedralen der Städte und allen Kapellen der Dörfer habe ich Gott 
für die Seele meiner geliebten Mutter angefleht. Der ewig quälende 
Schmerz über den Tod meiner geliebten Mutter hatte meine Nerven sehr 
angegriffen . . . Durch diese heftigen Gemütsbewegungen fühlte ich mich 
wie gelähmt, mein Denkvermögen war paralysiert, ich verfiel in Trüb- 
sinn und Melancholie, obgleich ich mich oft anstrengte, mich aufzuraffen. 
Ich gab allen Briefwechsel auf, da niemand mich zu trösten vermochte. 
Als diese Welt, die zwischen meiner Mutter und mir herrschte, erlosch, 
hatte das Leben kein Interesse mehr für mich." 

Stokol, Störungen dos Trieb- und Affektlobens. II. 2. Aufl. 9J . 

t 

/ 



322 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



Das Verhältnis der Urlinde zum Vater und des Urnings zur Mutter 
betont auch das Grundschema von Hirschfeld: 



Urnischer Knabe: 

Er bevorzugt Mädchenspiele, 
meidet ausgesprochene Knaben- 
spiele, hat viel Mädchenhaftes im 
Charakter und Benehmen, häufig 
■ auch im Aussehen. (Bemerkungen 
der Umgebung : „Er ist das reine 
Mädchen.") 



Urnisches Mädchen: 

Sie bevorzugt Knabenspicle, 
hat Abneigung gegen weibliche 
Handarbeiten- Näschereien usw., 
vi»l „Knabenhaftes" in Wesen, 
Bewegungen, oft aucli im Aus- 
sehen. (Bemerkungen: „Sie ist 
wie ein Junge.") 



II. Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht: 

Er befindet sich lieber in Ge- 
sellschaft von Mädchen. 

Seelische Fixierung an die 
Mutter. 



III. Verhalten gegenüber 
(unbewußt erotisch gefärbt): 

Instinktive Zurückhaltung 
und Schamhaftigkeit gegenüber 
Knaben. Oft schwärmerische Ver- 
ehrung eines Lehrers oder Mit- 
schülers. 



Sie tummelt sich lieber mit 
Knaben. 

Innigeres Verhältnis ' zum 
Vater. 

dem eigenen Geschlecht 



Die Schamhaftigkeit ' ist 
gegenüber Mädchen größer. 
• Häufig Schwärmerei für eine 
Lehrerin, Mitschülerin oder eine 
andere weibliehe Person. 



Wie mächtig aber der Einfluß der Mutter durch die Erziehung 
wirken kann, beweist eine Stelle aus einem Krankenbericht: 

„Ein junger Leutnant erzählt: Sobald ich dem Schulzimmer entflohen 
war, eilte ich zu meinen Freundinnen. Meine Mutter liebte es, mfch zu 
ihren Geschäftsgängen mitzunehmen und fragte mich dann bei Einkäufen, 
wie mir dieses oder jenes gefiele.- Bei jedem neuen Hut, den sich meine 
Mutter kaufte, wurde ich als Modell verwandt, das heißt, mir wurden die 
verschiedenen Damenhüte auf den Kopf gesetzt und der mich am besten 
kleidete, den erkor meine Mutter für sich. „Du siehst wie ein kleines 
Mädchen aus," sagte mir meine Mutter häufig bei der Hutprobe, „s c h a d e. 
daß du kein Mädel geworden bist." (Hirschfeld, 1. c. S. 113.) 

Dies „schade, daß du kein Mädchen geworden 
b i s t", zeigt uns, wie die Mutter die Seele des jungen Kindes, die ja 
so plastisch ist, beeinflußt. Hirschfeld aber meint, die Verhältnisse 
lägen umgekehrt. Die Eltern ahnten die homosexuelle Anlage ihres 
Kindes und behandelten es danach:. 

„Oft unterstützen die Angehörigen die. Veranlagung urnischor 
Kinder und beschäftigen sie dementsprechend. Die Väter fühlen sich zu 
urnischen Töchtern besonders hingezogen — die Mütter verwenden hin- 



Die Familie des Homosexuellen. — Sein Verhalten zur Mutter. 323 

gegen ihre urnischen Söhne gern zu allerlei häuslichen Beschäftigungen. 
Man glaube jedoch nicht, daß erst durch die Erziehung diese femininen 
oder virilen Eigenschaften hervorgerufen werden, bei einem nicht urnischen 
Knaben würde die Mutter überhaupt nicht solche Verwendung suchen. 
Wenn Krafft-Ebing in seiner Epikrise des Falles der Gräfin S a r 1 1 a 
Vay schreibt: „eine Marotte des Vaters war es unter anderem, daß er 
S. ganz als Knaben erzog, sie reiten, kutschieren, jagen ließ, ihre Energie 
als Mann bewunderte, sie Sandor nannte. Dagegen ließ dieser närrische 
Vater seinen zweiten Sohn in Weiberkleidung gehen und als Mädchen er- 
ziehen", so darf man zugunsten des Vaters annehmen, daß er vermutlich 
nur der ausgesprochenen Neigung und dem starken Drängen der Kinder 
allzu willfährig entgegenkam." {Hirschfeld, 1. c. S. 112.) 

Freilich, wenn man alles so willkürlich auslegt und zu Ehren des 
Vaters annimmt, er habe einen großen psychologischen Scharfsinn 
erwiesen, so kann man alles beweisen. 

Wer offene Augen hat, wird aus diesen Beobachtungen und , aus 
einem anderen Falle von Hirschfeld, der in der Tat eine bedeutsame 
Veröffentlichung darstellt, weil er den ganzen Jammer der Homo- 
sexuellen offenbart, seine Schlüsse ziehen können. Ein Urning erzählt 
von seiner Mutter: 

„Inmitten seines Kummers fühlte er sich plötzlich umarmt, geküßt, 
die Mutter hielt ihn fest umschlungen ; sie zog sein kleines Gesicht an 
das ihrige und ihre Tränen flössen zusammen, bis sie ihn getröstet hatte 
und seine Augen wieder lachten. Das waren unvergeßliche Momente im 
Leben des homosexuellen Kindes. Er spürte, daß sein treuester Freund 
die Mutter war, und sein dankbares Herz malte sich aus, wie er sie be- 
schenken sollte neben anderen Müttern. Sein ganzes Wünschen und Hoffen 
drehte sich um sie. Ihretwegen machte er seine Schulaufgaben ä ihretwegen 
hütete er sich, den Vater zu erzürnen; sie sollte nicht seinetwegen ge- 
scholten werden. Sie zufrieden zu sehen, war sein Lebensziel. Daß sie 
es nicht war, fühlte er, ebenso wio daß auch er daran mitschuldig sei, 
und mit verdoppelter Zärtlichkeit hing er an ihr, der stillen Dulderin. 

Inzwischen ward er 16 Jahre, es reifte in ihm das Geschlecht, und 
eine verwirrende Unruhe erfaßte ihn. Die Kameraden erzählten ihm galante 
Abenteuer. Nichts von allem, was sie glücklich machte, verspürte er. 
Er fühlte sich vielmehr tief unglücklich, als sein bester Freund ihn mit 
einem Mädchen „verriet". Er fing an, sich über sich selbst klarer zu 
werden, und die erschreckende Erkenntnis, daß er sich seiner verirrten 
Gefühle zu schämen hatte, machte ihn erbeben.- Er wollte alles daran 
setzen, in die rechte Bahn zu kommen. Aber hier zu Hause konnte er 
mit seinem Geheimnis nicht leben; seiner Mutter, die er über alles liebte, 
wollte er das Herz nicht erschweren; er mußte fort; so verließ er das 
Elternhaus, ging in die Fremde, um sein Geschlechtsleben zu reparieren. 
In der Ferne erhielt er die- zärtlichen Briefe seiner Mutter, an die er wie 
an eine Geliebte schrieb. Nach zweijähriger Abwesenheit kehrte er in 
die Heimat zurück. Sein Leben entwickelte sich fortab unter den 
Augen der Mutter, in der er den Inbegriff aller 

21* 



/ 






;)->4: Zweitor Teil. Die Homosexualität. 

Weiblichkeit sah. Seine Liaisons mit Frauen waren keusch. Er 
verehrte sie und hatte das Verlangen, ihnen zu dienen. Früh ward er ihr 
Vertrauter, denn seine weibliche Seele machte ihn zu ihrem natürlichen Ge- 
nossen. Dennoch war er tief unglücklich, da seine Gefühle für sie sich 
nie in Sinnlichkeit umsetzten — die geschlechtliche An- 
ziehung blieb au s.„ (Hirschield, 1. c. S. 105.) 

Dieser Urning gesteht es ja mit seinen eigenen Worten, daß er 
in der Mutter den Inbegriff aller Weiblichkeit sah. Der Schluß ist 
dann leicht zu ziehen. Jedes Weib hat ein Stück von der Mutter an 
sich! Solche Fälle waren es, die ich zuerst beobachten konnte und 
die mich zu dem voreiligen Schluß verleiteten, jeder Homosexuelle 
sei an seine Mutter fixiert und fliehe die Frauen, weil als unüberwind- 
liche Hemmung ' zwischen ihm und dem Weibe das , Bild der Mutter 
stehe. 1 ) 

Eine andere Bemerkung- von Hirschfeld scheint mir von größter 
Bedeutung zu sein. 

„Was das von Sadger und anderen Freudschülern hervorgehobene 
starke Attachement der Homosexuellen an ihre Mutter betrifft, so liegt 
dieses in der Tat vor, und zwar erstreckt es sich bei fast allen Homo- 
sexuellen über die eigene Kindheit hinaus auf die ganze Lebenszeit der 
Mütter. Wir sahen, daß viele, die ihre Mutter im vorgerückten Alter 
verloren, sich lange Zeit nicht von diesem Schlag erholen konnten. Es 
erscheint aber viel naheliegender, anzunehmen, daß diese starke Liebe 
zur Mutter nicht als Ursache der Homosexualität anzusehen ist, sondern 
als Folge. Abgesehen von seiner feminineren Natur, verweist auch der 
Mangel eigener Häuslichkeit den Homosexuellen inniger und länger an 
seine Mutter, besonders wenn diese, was gerade bei homosexuellen 
Kindern nicht selten, eine stärkere Persönlichkeit ist. Bei Urningen, 
die eine Ehe eingehen, ist diese Hingabe an die Mutter nicht 60 ausge- 
sprochen, vielfach überträgt sich dann dieser nicht erotische, wenn aucli 
äußerlich erotische Liebe leicht vortäuschende Gefühlskomplex auf die 
Gattin." .(Hirschfeld, I.e. S..?44.) 

Mit diesen Worten und der Möglichkeit der Übertragung der 
Mutterliebe auf ein anderes weibliches Wesen gibt ja Hirschfeld die 
Heilungsmöglichkeit zu, welche die Analytiker anstreben. Nur möchte 
ich davor warnen, die ganze Frage der Homosexualität durch die Be- 
tonung der einen Tatsache erledigen zu wollen. 



*) In einem Roman, der eine Selbstbiographie und ein Bekenntnis ist, erzählt 
der Seid, daß er bei 6einem ersten Besuch im Lupanar immer an seine Mutter denken 
mußte. (Erlebnisse des Zöglings Taxil. Wiener Verlag.) Dieses Buch ist auch interessant 
weil es die homosexuellen Begebenheiten einer Kadettenschule ausführlich schildert. 
Diese Tatsache, daß junge Menschen bei den ersten Besuchen im Bordell an ihre Mutter" 
denken müssen, ist häufig die Ursache einer vollkommenen Impotenz. Vgl. Weininger: 
(„G eschlecht und Charakte r") da6 Kapitel : Mutter und Dirne. 



J 



Die Familie des Homosexuellen. — Sein Verhalten zur Mutter. 325 

In erster Linie möchte ich hervorheben, daß es zwei Muttertypen 
in der Geschichte der Urnings gibt: die starke Mutter und die schwache 
Mutter. Beide kommen vor und beide können das Schicksal ihres Kindes 
determinieren. Hirschfeld betont, daß der Urning sich 
leicht an die starke Mutter attachieft. Dies stimmt 
auch mit meinen Beobachtungen und zeigt uns einen ganz bestimmten. 
Typus von Homosexualität, den ich bald beschreiben werde. Die starke 
Mutter beherrscht ein schwaches Kind ihr ganzes Leben lang, sie läßt 
es nicht mehr, los und bestimmt sein Verhalten zum weibliehen 
Geschlechte. 

Es wird auch von Interesse sein, diesbezüglich die Ansicht eines 
Mannes zu hören, der in einer Millionenstadt der geistige Führer der 
Homosexuellen ist, sie organisiert und große Erfahrungen hat. Dieser 
Herr schreibt mir: 

Sehr geehrter Herr Doktor! 

Ihrem geschätzten Wunsch entsprechend gestatte ich mir, Ihnen nach- 
stehend einige Lebensbeschreibungen zu übermitteln. 

Vorher möchte ich Ihnen noch das Resultat einer Rundfrage mitteilen: 
Ich habe sie an 800 Personen gestellt. Es ist sehr bemerkenswert, daß keiner 
der Befragten wußte, daß seine Antwort für mich von besonderem Interesse sei, 
da dieselbe in ganz alltäglichen Gesprächen eingeflochten war. Es dürfte dem- 
nach auch der Einwand, der in medizinischen Kreisen sonst sehr oft erhoben 
wird, nicht stichhältig sein, nämlich, daß den Aussagen von Patienten kein 
oder sehr wenig Wert beizumessen sei, da dieselben unwahre oder zumindestens 
unwillkürlich zu ihren Gunsten beeinflußte Darstellungen geben. 

Unter 800 Befragten erklärten 65 % , d a ß ihre M utteräu ß e r s t 
energisch und selbständig sei, während der Vater sanft und 
gutmütig, sowie unselbständig und sehr leicht zu beeinflussen wäre. 

Meines Erachtens sind diese 65% durch Vererbung übertragene Fälle, 
in den restlichen 35% -dürften sich ja gewiß auch noch eine Anzahl derselben 
verbergen, doch konnte ich dies selbstverständlich n,icht feststellen, interessant 
aber müßte hier eine ärztliche Untersuchung .sein. 

Ebenso sprechen für eine weitaus überwiegende angeborene Veranlagung 
die so häufigen Erscheinungen, daß in Familien, in welchen eines der Kinder 
homosexuell ist, alle oder doch zumindestens die meisten seiner Geschwister 
ebenfalls gleichgeschlechtliche Veranlagung aufweisen. 

* 
Einige Beispiele. 

1. U. Seh., 26 Jahre, Kaufmann. Die Mutter äußerst selb- 
.ständig, in allen Fragen tonangebend. Der Vater gutmütig, 
leicht zu beeinflussen. U. Seh. war vor einigen Jahren in Behandlung von 
Prof. Pilz. Er verkehrte dann auch geschlechtlich mit Mädchen, hatte aber 
nach dem Akt stets Abscheu und das Bedürfnis, mit Männern zu verkehren. 
Anfangs setzte er diesem Verlangen Widerstand entgegen, nach zirka zwei 
Monaten aber — er war inzwischen körperlich stark herabgekommen — gab 
er allmählich wieder nach und verkehrt heute ausschließlich mit Männern. 






326 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Sein um fünf Jahre jüngerer Bruder ist Schauspieler und ebenfalls homosexuell 
Sein älterer Bruder, auch Kaufmann, ist in seinem Sexualleben vollkommen 
normal, jedoch sehr unselbständig und launenhaft. Seine Schwester ist eben- 
falls heterosexuell, hat aber äußerst männliche Züge und Körperformen 
leichten Bartanflug und eine Baßstimme, welche selbst bei einem Manne als 
äußerst tief bezeichnet werden müßte. 

2. Graf X 25 Jahre, Mutter sehr energisch. Derselbe ist 
auch in seinen Bewegungen äußerst feminin, ziemlich unvorsichtig und war 
schon m einige unangenehme Affären verwickelt, in welchen wir auch mit Er- 
folg intervenierten. Von seinen drei Brüdern sind zwei ebenfalls homosexuell 
von der Familie im weiteren Sinne gesprochen, auch zwei seiner Vettern. ' ' 

3 :. 1 ? arl ~*\ , 28Janre > Bankbeamter. Hat schon eeit sechs Jahren mit 
seinen alteren Ivo legen verkehrt. Derselbe ist sehr stark feminin und hat 
das Bedürfnis, stete m Angst zu leben. Stete fürchtet er, daß jemand seiner 
Angehörigen von seiner Veranlagung erfahren könnte, obwohl er Ausländer 
ist und gar memanden Bekannten hier ansässig hat. Bietet sich aber einmal 
ftieliir kein Grund, so hat er bald einen anderen ausfindig gemacht. So bei- 
spielsweise fürchtet er sich auch auf dem Gehwege, auch ganz an dessen 
Innenseite von einem Automobil überführt zu werden, etc. Da derselbe 
aber sonst geistig vollkommen normal ist, schließe ich auf eine stark maso- 
chistische Veranlagung, welcher die eigene Angst Befriedigung gewährt. Eine 
direkte Art der masochistischen Betätigung liegt nicht vor. Hingegen ver- 
kehrt u nur mit Personen der niedersten Gesellschafteschiehte (Pflasterer 
Kutscher etc.), Wobei wahrscheinlich auch die hiedurch erhöhte Gefahr ihm 
den Anreiz bietet. Seine Mutter ist .normal veranlagt, jedoch eine äußeret 
e ner g i s c h e Frau, leitete stets die Bewirtschaftung ihrer Güter selbständig 
und hat .auch bei einem Einbruch in ihre Wohnung die beiden Strolche nieder- 
geschlagen und dingfest gemacht. Sie ist jetzt das zweitemal verheiratet 
hat kleinen Bartanflug und trägt in ihrer Wohnung auch häufig Männer- 
kleidung. 

Wir werden uns nicht wundern, wenn der Experte die Tatsache 
betont, daß. die Homosexualität in vielen Fällen gehäuft auftritt. 
Gleiche Ursachen, gleiche Wirkungen. Auch die Tatsache, daß 65% 
der Homosexuellen sehr energische Mütter haben, kann an und für 
sich nicht als ein Moment herangezogen werden, das für die Psycho- 
genem der Homosexualität typisch ist. Der Experte meint wohl,' daß 
es sich um männliche Frauen handelt, so daß sie dann auch weibliche 
Söhne zur Welt brachten. 

Ich möchte jetzt an einem Fall eigener Beobachtung' ausführen, 
in welcher Weise die Homosexualität durch eine energische Mutter zu- 
stande kommt, aber gleich im Anschluß daran einen Fall vorführen, 
in dem das Gegenteil beobachtet wurde. Auch sind jene hochinter- 
essanten Fälle in Betracht zu ziehen, da der Homosexuelle früh von 
seiner Mutter entfernt, wurde oder eine hatte, die früh verstarb. (Ich 
kenne mehrere Homosexuelle, . deren Mutter bei ihrer Geburt starb. 1 ) 



/ / 



Die Familie des Homosexuellen. - Sein Vorhalten zur Mutter. 327 

Unmöglich kann man sich dann wie Badger mit dem Einfluß der Pflege- 
person helfen. Denn alle jene Hemmungen, welche die sexuelle Ein- 
stellung zur Mutter verhindern, können bei der Pflegeperson (Amme, 
Kinderfrau usw.) wegfallen . . . und trotzdem tritt die Homosexualität 
auf. Der Weg zur Homosexualität steht eben jedem Menschen offen. 
Die Kräfte, die ihn zum gleichen Geschlechte drängen, sind hetero- 
genster Natur. 

Fall Nr. 58. Herr Ypsilon, ein Theologe im Alter von 33 Jahren, erzählt, 
daß er schon seit der Jugend homosexuell sei und schwer darunter leide. „Ich 
habe eine solche Zuneigung zu schönen Knaben, daß ich am ganzen Körper 
zu zittern anfange, wenn so ein Junge vorbeigeht. Ich fürchte, daß ich mir 
einmal in der Schule werde etwas zu schulden kommen lassen. Ich möchte 
mich von dem krankhaften Trieb befreien lassen, wenn es irgendwie angeht. 
Ich kenne aber alle Schriften von Hirschfeld und weiß, daß es für mich keine 
Hilfe gibt, da der Zustand angeboren ist. Ich stamme aus einer wohlhabenden 
Familie, die sehr kinderreich ist. Alle unsere Verwandten haben mindestens 
ein halbes Dutzend Kinder: Ich wurde auch als das siebente der Kinder ge- 
boren, der einzige Knabe unter lauter Mädchen. Nach mir kam noch eine 
kleine Schwester und dann starb mein Vater. Ich war sechs Jahre alt, als 
mir sein Tod berichtet wurde. Ich erinnere mich noch, daß ich ziemlich gleich- 
gültig war und weiter mit meinen Puppen spielte, so daß meine Tante mir 
vorwarf, ich wäre ein garstiger Junge und hätte gar kein Herz. Ich wußte 
noch nicht, was ich verloren hatte. Vielleicht wäre alles mit mir anders ge- 
kommen, wenn ich vom Vater erzogen worden wäre. Doch auch daran zweifle 
ich. Mein Vater war ein guter, schwächlicher Mann, der meiner ^Mutter nicht 
gewachsen war. Die Mutter war der Herr im Hause und der Vater soll sie 
immer sehr respektiert und alles getan haben, was sie von ihm verlangte. 
'Ich erinnere mich noch an Spaziergänge mit dem Vater, in denen er sehr 
langsam ging, weil er herzleidend war. Er stützte sich manchmal auf seinen 
dicken Stock und mußte immer tief Atem holen. Vielleicht stammt daher 
meine Gewohnheit, während der Spaziergänge stehen zu bleiben und tief auf- 
zuatmen. Die Mutter war sehr nervös, leicht erregbar, litt viel an Migräne, 
während der das ganze Haus mäuschenstille sein mußte. Sie war sehr energisch 
und sehr strenge. Ich wurde auch wiederholt von ihr gesehlagen und nicht 
immer war die Strafe am Platze. Ich war ein sanftes, leicht lenkbares Kind, 
das sich keine Gedanken darüber machte und leicht vergessen konnte. Ich 
war nachdenklich und träumerisch und oft so in meine Spiele versunken,' daß 
ich die ganze Welt um mich vergaß. Ich beneidete die Schwestern, die so 
viele Puppen hatten, und zog die Puppen meinen Soldaten vor. Ich kränkte 
mich, wenn man mir Säbel und Soldaten brachte, und wünschte mir eine schöne, 
große Puppe zu Weihnachten. Es war immer mein Schmerz, daß ich sie 
nie erhielt. Wenn mir aber die Schwestern ihre Puppen borgten, war ich 
überglücklich. Ich hatte leider keine Knaben als Gespielen, nur meine 
Schwestern und ihre Freundinnen, und wurde als einziger Bub oft von ihnen 
gehänselt und hinausgeschickt, wenn sie wisperten und sich „Geheimnisse -1 
mitteilten. Es hieß dann immer: „Das geht dich nichte an! Das ist nur für 
Mädels!" Ich war schüchtern und feige und lief davon, wenn fremde Knaben 
mit mir raufen wollten. 



328 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 






Ich war trotzdem sehr stolz, daß ich der einzige Junge in der Familie 
war, weil ich wieder von den Verwandten sehr gehätschelt wurde. Nur kränkte 
ich mich, daß man immer von mir mehr verlangte, weil ich ein Junge war. 
Ich mußte viel mehr lernen und beneidete oft die Schwestern, daß es ihnen 
besser ging. Ich hatte auch oft Streit mit ihnen und erinnere mich, daß ich 
trotz meiner Sanftmut sehr wild werden konnte. Ich ging einmal mit einem 
Messerchen auf eine Schwester los, die mich in Wuf gebracht hatte, so daß 
sie zitternd zur Mama lief. Damals wurde ich gehörig verhauen. Ich weiß 
aber seit jenem Erlebnis, daß in mir auch eine große Wildheit steckt, die 
mich zu den gefährlichsten Taten treiben könnte. Ich erleide deshalb lieber 
Unrecht und stecke manches ein, weil ich fürchte, es könnte sonst meine Wut 
wieder zum Vorschein kommen. 

Ich war sehr talentiert und lernte ursprünglich sehr leicht. Später wurde 
ich zerstreut und mußte alle Kraft zusammennehmen, um in der Schule auf- 
passen zu können. Ich war sehr naiv und unschuldig und glaubte noch lange 
an das Storchmarchen. In der Schule verliebte ich mich in einen Jungen. Ich 
glaube, ich war damals ungefähr 11 Jahre alt. Ich bewunderte ihn und wollte 
ihm gern m. allen Stücken gleichen. Da er der beste Schüler war, so bemühte 
ich mich auch, vorwärts zu kommen, und war bald sein Rivale. Ich war sehr 
eifersüchtig, wenn er mit anderen Knaben verkehrte und durfte ihn nicht näher 
kennen lernen, weil er armer Leute Kind war, und seine Familie meiner Mutter 
die immer einen ausgesprochenen Patrizierstolz hatte, nicht paßte. Ich aber 
war glücklich, wenn ich nur ein paar Worte mit ihm reden durfte. Um die 
Madchen kümmerte ich mich gar nicht und wunderte mich, daß die anderen 
Schüler so oft von Mädchen sprachen und ihnen nachliefen. Ohne verführt zu 
werden, fing ich mit 13 Jahren zu onanieren an und war sehr glücklich darüber, 
eine so schöne Kunst erfunden zu haben. Ich wußte damals noch nicht, daß 
dies die Quelle meines schweren Leidens werden sollte. Allmählich wurde ich 
von meinen Mitschülern aufgeklärt; die rohe Wirklichkeit widerte mich an. 
ich hörte alle diese Gespräche, und sie blieben an mir nicht haften. 

Um diese Zeit entstand in mir der Wunsch, Geistlicher zu werden. Ich 
war immer sehr fromm und meine Mutter nahm mich schon als sehr kleines 
Kiud jeden Sonntag in die Kirche mit. Ich dachte, auf der Kanzel stehen und 
predigen sei das Höchste, was ein Mensch erreichen konnte. Besonders machte 
es auf mich einen tiefen Eindruck, als einmal ein Superintendent zu uns ins 
Haus kam und meine fromme Mutter ihm die Hand küßte. An diese Szene habe 
ich oft denken müssen und seit ich die modernen psychologischen Schriften 
und besonders Ihre Bücher kenne, bin ich der Ansicht, daß dieser Eindruck es 
war, der mich zum geistlichen Berufe drängte. 

u tu I( i WiH Ihnen nicht verschw eigen, daß ich um die Zeit der Matura eine 
heftige Periode des Zweifels mitmachte, und mein Glauben unter dem Eindruck 
der Schriften von Haeckel, die mir ein Kollege borgte, sehr zu wanken anfing. 
In meiner Not ging ich zu dem Superintendenten, der mich vollends von der 
Haltlosigkeit dieser Werke überzeugte und meinen Glauben neu bestärkte. Ich 
hatte noch mit meiner Mutter zu kämpfen, die trotz ihrer Frömmigkeit mit 
meiner Berufswahl nicht zufrieden war. Ich sollte die Güter meines Vaters über- 
nehmen und mich dafür ausbilden lassen. Es widerstrebte mir, und es gelang 
mir mit Hilfe des Superintendenten, meine Mutter zu bestimmen, einzuwilligen. 
Noch hatte ich nicht das Bewußtsein meiner Abnormität. Ich war schon 
19 Jahre alt und war der festen Überzeugung, ich könnte mit einer Frau ver- 






Die Familie des Homosexuellen. — Sein Verhalten zur Mutter. 329 

kehren, wenn ich nur wollte. In dem ersten Jahre meiner Hochschulstudien ließ 
ich mich nach einer wüsten Trinkerei von Kollegen verleiten, mit ihnen ins 
Bordell zu gehen. Im Rausche verkehrte ich einmal — ich glaube ohne jeden 
Genuß — : und mußte dies Erlebnis teuer bezahlen. Denn das Erwachen am 
nächsten Tage war fürchterlich. Ich kam mir entwürdigt und entmenscht vor 
und schämte mich vor meinen Freunden und vor mir selbst. Am liebsten hätte 
ich mir das Leben genommen, so verzweifelt war ich damals. Ich fürchtete auch, 
ich hätte mich infiziert. Ich hatte schon viel über Geschlechtskrankheiten ge- 
hört und glaubte nun fest, daß ich krank sein müßte. Ich schämte mich aber, 
zu einem Arzt zu gehen . . . Erst das eingehende Studium einiger populär- 
wissenschaftlicher Bücher gab mir die Beruhigung, daß das böse Erlebnis keine 
Folgen nach sich gezogen hatte. 

Da kam ein Prozeß, der das Thema Homosexualität ins Haus brachte. 
Ich kam plötzlich zur Erkenntnis, daß ich abnormal war. Bisher war ich ge- 
neigt, die Schwärmerei für schöne Knaben als eine Art griechischen Schön- 
heitskultus zu betrachten. Ich wollte mir keine Rechenschaft geben. Nun stand 
es in aller Klarheit vor mir, und ich mußte mir gestehen, daß ich so war wie 
der Angeklagte des Prozesses. Es handelte sich um einen Lehrer, der einige 
seiner Schüler verführt hatte. 

Ich nahm mir vor, die Leidenschaft für Knaben auszurotten und den 
Verkehr mit Frauen aufzunehmen. Leider konnte ich mich nie als Mann er- 
weisen, weil ich einen Ekel vor den Frauen empfand, wenigstens vor denen, 
die ich kennen lernte. Sie — es handelte sich natürlich immer nur um Dirnen 
— hatten alle einen fürchterlichen Geruch, der mich zur Verzweiflung brachte 
und jede sexuelle Erregung unmöglich machte. Immer mußte ich konstatieren, 
daß die Dirne einen eigenartigen Gestank ausströmte, wenn sie sich auszog. 
Ich konnte diesen Gestank auch konstatieren, wenn das Mädchen stark parfü- 
miert war, was bei diesen Frauen so oft der Fall ist. 

Ich hoffte, daß ich durch eine rasche Heirat auf die Bahn des Normalen 
gelangen könnte. Ich war ja reich und unabhängig. Nach meinem Examen er- 
hielt ich eine Stelle als Religionsprofessor an einem Gymnasium. In dieser 
Stadt lernte ich ein älteres, sehr sympathisches Mädchen kennen. Ich pflegte 
mit ihr anregenden Umgang und überzeugte mich, daß sie in jeder Hinsicht 
ein vortreffliches Wesen war. Wir standen schon fast vor der Verlobung. Ich 
war glücklich, daß ich niemals an ihr jenen unangenehmen Geruch der ex- 
tremen Weiblichkeit beobachten konnte, der mich aus dem Bordell vertrieben 
hatte. Da merkte ich eines Tages, daß sie ihre jüngere Schwester sehr ener- 
gisch anfuhr, so daß es zu einem kleinen Streit kam. Die Schwester warf ihr 
nun vor, daß sie „herrschsüchtig" wäre. Dies Wort fiel wie ein Feuerbrand 
in meine Seele. Ich hasse alle herrschsüchtigen Frauen und finde Männer, die 
unter dem Pantoffel stehen, lächerlich. Ich hatte nun keine Ruhe und überlegte 
immer hin und her. Ich mußte mir sagen, daß ich der schwächere Teil bin, 
und daß sie mich vollständig beherrschen werde. Ich glaube aber, es war nur 
ein Vorwand, um nicht heiraten zu müssen. Denn immer mehr verfolgten mich 
die Gedanken an die Knaben, und ich verliebte mich in einen meiner Schüler, 
so daß ich fast wahnsinnig wurde, weil fch den sündigen Gedanken aus meinem 
Kopfe jagen wollte. Schließlich habe ich diese Leidenschaft überwunden. Aber 
nur dadurch, daß ich täglich dem anderen Laster, der Onanie, fröhnte. Da 
war ich zu schwach, um zu widerstehen, und obwohl ich weiß, daß ich mich 
für mein ganzes Loben schädige, bin ich doch nicht imstande, ohne die Onanie 



330 Zweiter Teil. Die Homosexualität, 

zu leben. Denn nach der Onanie bin ich viel ruhiger und kann wenigstens, 
schlafen." 

Dieser Bericht ist eine der gewöhnlichen Beichten, wie wir sie von Ho- 
mosexuellen hören. Ich schlage dem Kranken eine längere Behandlung vor, 
auf die er gern eingeht. Solche Fälle sind schon aus dorn Grunde dankbarer, 
weil der entschiedene Wille zur Heterosexualität vorhanden ist. Andere Homo- 
sexuelle, die nur aus Not (z.B. wegen gerichtlicher Verfolgung) sich analy- 
sieren lassen, haben nur einen Wunsch: Die Analyse möglichst rasch hinter 
sich zu haben und ihre Paraphilie zu behalten. 

Die Analyse ging ziemlich flott vor sich. Zuerst trat zutage, daß er noch 
eine Reihe heterosexueller Episoden erlebt hatte, die er in dem ersten Bericht 
unterschlagen hatte. Er hatte sich so in den Gedanken der 
angeborenen Homosexualität eingelebt, daß er alle 
anderen Erlebnisse aus seinem Gedächtnisse ver- 
loren hatte. Nicht wirklich verloren, auch nicht im Sinne Freuds so 
verdrängt, daß sie ihm vollkommen unbewußt waren. Eigentlich wußte er 
alles. Er wollte nicht daran denken. Wenn ich fragte :• Weshalb haben Sie 
mir diesen oder jenen Vorfall verschwiegen, so sagte er: „Ich habe nicht 
daran gedacht. Mit Absicht habe ich nichts verschwiegen. Das andere kam 
mir in den Sinn, und an diese Szene habe ich nicht gedacht." 

Zuerst erwähnt er, daß er schon vor der ersten Neigung, die ganz blaß 
und nur angedeutet war, eine Bekanntschaft mit e"inem Mädchen hatte. Es war 
im zweiten Jahre der Hochschule. Die Tochter seiner Zimmerfrau zeigte ihm 
deutlich ihre Neigung. Sie gefiel ihm sehr gut, we.il sie knabenhaft aussah und 
jenem Knabentypus ähnelte, der ihm so gefiel. Zart, blond, mit scharfen, feinen 
Gesichtszügen. Sie küßten sich, und sie kam oft zu ihm ins Zimmer, wenn die 
Mutter nicht zu Hause war. Ja, sie kam sogar einige Male in sein Bett, wobei 
er sehr leidenschaftlich erregt wurde. Es war eigentlich das einzige Mädchen, 
bei dem er nichts von dem unangenehmen Geruch verspürte. Aber er rührte 
sie nicht an und berührte auch nicht ihre Genitalien. Davor hatte er eine un- 
überwindliche Abneigung. 1 ) Sie lagen still nebeneinander und hielten sich um- 
schlungen. Als das Mädchen ihm sagte, er könne alles mit ihr machen, was 
er wolle, sie liebe ihn so sehr, daß sie vor gar nichts zurückschrecke, wurde 
er ängstlich und sperrte die Tür ab, so daß sie nicht zu ihm kommen konnte. 
Er sagte ihr dann, er wolle sie nicht unglücklich machen, er habe Angst, er. 
werde die Beherrschung verlieren. Bald darauf verließ er unter irgend einem 
Vorwand die Stadt und suchte eine andere Hochschule auf. Sie korrespondierten 
noch eine Weile, dann aber ließ er ihre Briefe uneröffnet liegen. Er wußte 
nicht, warum. Er denke oft mit Sehnsucht an sie und glaube, sie wäre die 
einzige gewesen, die ihn hätte retten können. Nun habe er sich um sein Glück 
gebracht. Denn er habe vernommen, daß das Mädchen schon verheiratet sei. 

Auf diese Weise benimmt sich der Homosexuelle sehr häufig, wenn er 
Gefahr läuft, heterosexuell zu werden . . . 

Dann erinnert er sich, daß er •noch einen zweiten Versuch bei einem 
Dienstmädchen gemacht habe. Er weiß nicht mehr, ob ihn der Geruch gestört 



*) "Aucli Hirschfeld betont — wie 6ehon erwähnt -r-, daß die Homosexuellen 
Frauen hie und da küssen, aber Vor ihren Genitalien einen großen Horror zeigen. 



•MldM 



i>ic Familie des Homosexuellen. - Sein Verhalten zur Mutter. S81 

hat, aber er führte den Beischlaf aus, ohne zu einem Orgasmus zu kommen. 
Er wurde schließlich sehr müde und wich jeder weiteren Gelegenheit aus, 
mit ihr zusammenzukommen. 

Viel bedeutsamer ist aber, was er allmählich aus seiner Jugend erzählte. 
Der Vater war ein großer Damenfreund, wie ihm seine Tante später gestanden 
hatte. Er hatte einmal eine schwere Syphilis überstanden und war wahrschein- 
lich an den Folgen dieses Leidens gestorben. Er erinnert sich an fürchterliche 
Szenen, die sich im Hause zugetragen hatten. Die Mutter hätte den Vater an- 
geschrien und ihn zornig aus dem Zimmer gewiesen. Ein anderes Mal 
sperrte die Mutter die Türe innen mit einem Riegel ab, so daß der Vater nicht 
in die Wohnung gelangen konnte und ins Hotel schlafen gehen mußte. 

Nach dem Tode des Vaters hörte er im Nebenzimmer, wie die Tante mit 
einer anderen Dame über die Mutter sprach. Sie hätte den Vater ins Grab ge- 
trieben. Er sei etwas später aus dem Gasthause gekommen, und da habe ihm 
die Mutter eine solche Szene gemacht. Der Vater habe sich so aufgeregt, daß 
er einen Herzkrampf bekommen hätte und bald darauf gestorben wäre. Dann 
hörte er etwas von Vergiften und er ahnte schon damals, daß der Vater nicht 
eines natürlichen Todes gestorben sei. Erst später habe er erfahren, daß der 
Vater sich in jener Nacht mit Morphium vergiftet habe. Er wollte mir das 
zuerst nicht sagen, weil er das Andenken seines Vaters nicht entehren wollte. 
Mit seiner Mutter sprach er niemals über die Todesursache seines Vaters. Aber 
eine andere Tante teilte ihm den ganzen Sachverhalt mit. Es scheint, daß der 
Vater sich, etwas hatte zuschulden kommen lassen und in gerichtliche Unter- 
suchung hätte kommen sollen. Die Mutter wußte an jenem Abend davon und 
drohte dem Vater mit Scheidung. Ob nun die Drohung daran schuld war oder 
der Vorfall (er soll sich an einem minderjährigen Mädehen vergriffen haben), 
das, wisse sie nicht. Die Mutter verweigerte jede Auskunft. Wiederholt aber 
hörte er die Mutter sagen: „Er hat dieselben Fehler wie sein Vater. Wenn 
ich nur nicht mit dem Buben Kummer erlebe V Oder: „Ein Junge macht einem 
zehnmal mehr Sorge wie ein Mädchen . . .' 

Eine andere Szene von größter Bedeutung spielte sich mit. seiner 
Schwester ab. Es war kurz nach dem Tode des Vaters und er spielte mit seiner 
jüngeren Schwester. Sie zeigten sich ihre Genitalien, und er legte sich auf sie. 
Sie fühlte Schmerzen und schrie etwas. Da kam die Mutter und überraschte 
sie. Er bekam fürchterliche Schläge und wurde in ein finsteres Zimmer ge- 
sperrt. Die Mutter setzte ihm auseinander, er wäre ein Bösewicht und werde 
sicher einmal im Zuchthause enden. Auch damals hörte er sie sagen, er hätte 
das wilde Blut seines Vater geerbt. 

Es gab noch eine Reihe kleinerer heterosexueller Episoden. Er beob- 
achtete die Dienstmädchen beim Ausziehen und verliebte 6ich in eine kleine 
Kusine, so daß er damit geneckt wurde. 

Schreiten wir nun zur psychologischen Analyse seiner Homosexualität. 
Der Tod seines Vaters und das von ihm belauschte, halb verstandene und halb 
nur geahnte Gespräch über seinen Vater, die Aussprüche der Mutter, waren 
für ihn ein drohender Fingerzeig für die Zukunft. Mußte er sich nicht vor- 
nehmen: Ich will nicht so werden wie der Vater, sonst werde ich früh sterben? 
Mußten die Szenen, in denen der geliebte Vatef eine so klägliche Rolle spielte, 
in ihm nicht die Angst vor dem Weibe entwickeln? Seine Mutter 
war die strenge Herrscherin des Hauses. Vor ihr zitterten alle Kinder, denn 
sie strafte alle Vergehen mit unerbittlicher Strenge. In seinem kindlichen Hirn 



332 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

mußte sich die Vorstellung festsetzen: Die Frauen haben es besser, sie 
herrschen und regieren. Seine Schwester aber bewunderte er und weil er um 
zwei Jahre älter war, so beherrschte er sie und betrachtete sie als sein Spiel- 
zeug. Die schreckliche Szene aber, welche ihm seine Mutter nach dem sexuellen 
Spiel mit der Schwester gemacht hatte, ihre drohenden, rollenden Augen, die 
empfindliche Züchtigung, das Einsperren in das finstere Zimmer schafften feste 
Assoziationen zwischen dem Begriffe „Lust beim. Weibe" und „empfindliche 
Strafe". Auf jedes Verlangen mußte zuerst in Erinnerung an diese Szene 
eine Angstreaktion erfolgen. Nimmt man noch dazu, daß die Bilder vom Tode 
des Vaters als ewige Warnung vor frühem Tod und Krankheit durch seine 
Seele zogen, addiert man zu diesen Einflüssen das Bild der herrschenden 
Frau, so wird einem klar, daß dieser Mann vor dem Weibe zittern und 
zum Manne flüchten mußte. Unterstützt wurde diese Flucht durch seine weib- 
liche Anlage, die sich besonders in seinem Wesen äußerte. Aber er konnte 
sich auch im Momente der Gefahr als ein ganzer Mann beweisen. Er hatte 
eigentlich nur eine Angst: das Weib. 

In seinen Nächten schreckte ihn hie und da ein grauenhaftes Bild: Er 
sah eine riesenhafte Figur, wie ein Götzenbild, weib- 
lich und ganz nackt. Sie rollte furchtbar mit gläser- 
nen Augen, so daß er vor Schrecken vor ihren Thron 
hinfiel und nicht aufzuschauen wagte. Er erwachte dann 
mit Herzklopfen und konnte lange keinen Schlaf finden. 

Was er gesehen, .war der Götze „Weib", vor dem er sich so fürchtete, 
es war das Bild seiner Mutter und der anderen furchtbaren Frauen, zu deren 
Füßen sich die Männer werfen müssen, um sie wie eine Gottheit zu verehren. 
Die Angst um seine Selbständigkeit und das Gefühl, daß er verloren sei, wenn 
er eine Frau lieben würde, legten sich zwischen ihn und das Weib. Lieben 
heißt sich unterwerfen und er wollte sich keiner Frau auf dar Welt unter- 
werfen. Er wollte auch keinem Manne Untertan sein und spielte immer den 
Aktiven in seiner Phantasie. 

Wir sehen, dieser Homosexuelle steht unter der Herrschaft einer Angst- 
vorstellung, welche sich als aus der Kindheit stammend erweist. Man könnte 
ebenso von einer Zwangshandlung sprechen. Ich habe anläßlich der psycho- 
logischen Analyse der Zwangshandlungen darauf aufmerksam gemacht, daß 
sich bei Zwangshandlungen immer zwei Punkte finden. 

1. Sie enthalten eine Todesklausel. (Wenn du das machst oder nicht 
machst, so wirst du oder eine andere Person sterben.) 

2. Sie erfüllen irgend einen Imperativ aus der Kindheit. 

Hier sehen wir eine klassische Bestätigung meiner Thesen, die in ver- 
änderter Form (natürlich ohne die Quelle der neuen Erkenntnis zu nennen) 
von anderen, Psychanalytikern benützt wurden. Der Patient Ypsilon fürchtet 
den Tod, wenn er sich mit dem Weibe einläßt. (Sein Vater starb an Syphilis. 
Er leidet an Angst vor Infektionen. Man erinnere sieh an die Angstperiode 
nach dem ersten Koitus im Rausche.) Die Worte der starken Mutter, die Dro- 
hungen nach der Szene mit der Schwester wirken als ein infantiler Imperativ: 
Du sollst kein Weib berühren, denn darauf stehen der Tod und die Hölle. 
Dieses furchtbare Weib, das ihm im Traume erscheint, trägt manchmal eine 
große, lange Schlange. Die Analyse konnte nachweisen, daß sich ein früher 
Eindruck in diesem Traumbilde wiederholte: das bekannte Bild von Stuck 



Die Familie des Homosexuellen. — Sein Verhalten zur Mutter. 333 

„Die Sund e". Das Weib ist das Symbol der Sünde und des Bösen. Schon 
die erste Lektüre der Bibel führte ihm das Weib als Sünde vor und seine 
ganze innere Religion baute sich auf diesem Grunde auf. 

Dazu kam die Differenzierung von dem Vater, den er so liebte, und der 
ein so furchtbares Schicksal genommen. Er wollte nicht so werden wie der 
Vater war. Gerade, weil es seine Mutter gedroht hatte und es ihm als sein 
sicheres Schicksal vorzeichnete. Nun gerade nicht. Er differenzierte sich vom 
Vater. Er wurde ein Frauenfeind, er floh die Frauen und er wollte nicht wie 
der Vater unter die Herrschaft eines Unterrockes kommen. 

Und doch sehnte er sich nach dem Weibe. Er suchte es im Spiegelbilde 
des Knaben, der immer weibliche Züge aufweisen mußte. Es waren die Züge 
seiner Schwester. In jeder Liebe steckt eine Ichliebe. Der Inzest zeigt innige 
Beziehungen zum Narzissmus. In der Schwester fand er das Stück von 
seinem weiblichen Ich, dem er alle seine Huldigungen darbringen wollte. 
Zugleich aber spielte er die Szene seiner Kindheit, welche für ihn eine solche 
Bedeutung hatte. Er spielte mit seiner Schwester. Die Hemmungen, die sich 
daran knüpften, mußten sich auch auf die Knabenliebe übertragen. Er konnte 
nicht zur Tat schreiten. Alle seine Sexualität mußte sich in der Onanie aus- 
leben. In seinen Phantasien, die sehr mühsam zu entdecken waren, liebte er 
nicht nur Knaben, sondern es kam hie und da zu sonderbaren Metamorphosen. 
Die Knaben zerflossen und wandelten sich in knabenhafte Mädchen, welche 
die Züge seiner Schwester trugen. Nie phantasierte er, daß er ein Weib sei. 
Denn das Bild des Vaters war zu schwach, um sich in seinen Phantasien 
festzusetzen. Er blieb in allen.- seinen Träumen der . Knabe, der mit der 
Schwester spielt. 

Doch noch eine zweite Richtung seines Sexuallebens trat in der Analyse 
zutage, die er in der ersten Erzählung angedeutet hatte. Er hatte eine auf- 
fallende Neigung zu alten Frauen. Wir hören diese Tatsache oft von den 
Homosexuellen bestätigen. 1 ) Sie finden in den älteren mütterlichen Frauen oft 
ein Bild der eigenen Mutter, zu der sich manchmal die ganze heterosexuelle 
Liebesfähigkeit flüchtet. Einmal war er nahe daran, sich in eine ältere weiß- 
haarige Frau zu verlieben. Ein anderes Mal hatte er sehr zärtliche Gefühle 
für eine Greisin, die schon 75 Jahre alt war. Ja, er gestand mir, daß er mit 
ihr hätte verkehren können. 

Wir sehen eine merkwürdige Erscheinung. Die Jugend und das Alter 
reizen ihn und kommen für ihn sexuell in Betracht. Was dazwischen liegt, 
scheint ausgelöscht zu sein. Es liege nahe, in solchen Fällen eine Fixierung an 
die Großmutter zu suchen. Allein das bequeme Schema von Freud und von 
Bittet versagt hier vollkommen. Er hat keine Erinnerung an die Großmütter, 
die fern von ihnen wohnte. Es ist nur festzustellen, daß' er sich über Jung 
und Alt sehr viele Gedanken in seiner Kindheit machte und sich sehnsüchtig 
wünschte, alt zu sein. Immerhin will ich es nicht ausschließen, daß ältere 
Personen, von denen er nichts weiß, in seiner Kindheit eine große Rollo 
spielten. 



') Platen, der auch eine flüchtige Liebe zu einem Mädchen mit 20 Jahren hatte, 
liebte' außer seiner Mutter auch seine Hausfrau und deren Mutter. Von Platene Mutter- 
liebe sagt Frey, ßie wäre beispiellos gewesen. Auch Frey betont: Dem Homosexuellen 
ist der Umgang mit bloß freundschaftlichen oder mütterlichen Frauen wohltuend. (Aus 
dem Seelenleben des Grafen Platen. Jahrb. f . sex. . Zwischenst., 1899.) 



334 Zweiter Teil. Die Homosexualität. 

Es kommt nämlich zutage, daß er doch einmal einen heterosexuellen 
Koitus mit großem Orgasmus absolviert hatte. Er wohnte bei einer älteren 
Frau, die eine Großmutter bei sich hatte, mit der er sich sehr viel beschäf- 
tigte und stundenlange Gespräche führte. Es war um diese Zeit, da er sehr 
nervös war. Die alte Frau pflegte ihn und saß stundenlang an seinem Bette. 
Einmal waren sie ganz allein und er hatte Angstgefühle und bat sie, sich zu 
ihm zu setzen. Plötzlich küßte er sie stürmisch und vollzog einen Koitus, 
ohne daß die Matrone sich sträubte. Sie meinte nur, auf ein solches Glück 
hatte sie sich nie mehr gefaßt gemacht. 

Nach einigen Tagen verließ er die Wohnung und verdrängte den ganzen 
Vorfall. Er wollte an ihn nicht denken. Er schämte sich in seine Seele hinein 
und meinte, ich werde mit ihm nicht mehr sprechen, wenn ich dieses greuliche 
Erlebnis erfahren würde . . .*) 

Auch Kinder weiblichen Geschlechtes spielen in seine Phantasie hinein. 
Wie kommt es aber, daß gerade Mädchen und Weiber ausgeschlossen waren, 
während das unreife Mädchen und die Greisin ihn sexuell anzogen? Das 
stammte aus seiner psychischen Einstellung dem Weibe gegenüber. Vor dem 
Kinde und der Greisin fürchtete er sich nicht. Die G reisin 
war schwach; er fühlte sich ihr gegenüber als starker Mann, ^ebenso beim 
unreifen Mädchen. . Nur vor dem starken Weibe brauchte/er zu fürchten. 
Hinter dieser Angst verbarg sich die Angst vor sich selbst. Denn er haßte 
das Weib, dem er sich unterlegen fühlte. Sein Sadismus gegen die Frauen 
tobte sich zuweilen in Traumbildern aus, in denen die Wut des Ohnmächtigen 
über das Weib triumphierte. Zwischen demütiger Liebe und hochmütigem 
Hasse pendelte sein heterosexuelles Fühlen. In seiner Liebe zu alten Frauen 
mischte sich die Liebe zu seiner Mutter, die er trotz ihrer Strenge und viel- 
leicht auch wegen ihrer Strenge ganz außerordentlich liebte. Bei der Dirne 
erwachten in ihm die Gedanken an die Mutter. Es fallen ihm Szenen ein. in 
denen er seine Mutter verdächtigte, mit einem Onkel ein Verhältnis zu haben. 
Er gedenkt eines Bildes, auf dem die beiden photographiert sind, wo sie beide 
so sonderbar lächeln. Der Onkel ist der einzige, dem die Mutter folgt und zu 
Willen ist. Er aber hatte immer eine Antipathie gegen den Onkel, der mit 



*) Ich finde bei Hirschfeld folgenden sehr interessanten Passus: „Auch homo- 
sexuelle Männer lieben vielfach da.s Zusammensein und die Unterhaltung mit Frauen, 
mit denen sie viele gemeinsame Beziehungen verbinden. Namentlich ältere 
Frauen 6ind Homosexuellen sehr sympathisch. Meisners Bemerkung: 
„Gegen ältere Damen und die häufig von der Männerwelt verspotteten alten Jungfern 
ist der Urning voll Artigkeit und Höflichkeit, weshalb ihn diese auch besonders gern 
haben", trifft völlig zu. Nur wenn in den Frauen erotische Gefühle zu dem jüngeren 
Homosexuellen zutage treten, was erfahrungsgemäß nicht selten ist, gerät der Urning 
in eine unbehagliche Lage. Ich kenne einen Fall, in dem sich eine 60jährige Gräfin in 
einen 25jährigen homosexuellen Schriftsteller verliebte, dem sie Hunderttausende schenkte. 
Trotz der ansehnlichen äußeren Vorteile, die der Homosexuelle aus diesem Verhältnis 
zog — beide durchreisten die Welt im elegantesten Stil — , geriet er durch die Ver- 
liebtheit, der alten Dame in einen überaus nervösen Zustand; er meinte, es wäre ihm, 
al6 befände er sich in einem goldenen Käfig. Dritten Personen täuschen diese Ver- 
bindungen zwischen homosexuellen und heterosexuellen Männern und Frauen oft Liebe 
vor, ein Eindruck, der von den Homosexuellen 6elb6t, um der Welt Sand in die Augen 
zu streuen, oft absichtlich noch sehr gefördert wird." (Hirschfeld, 1. c. S. 102.) 






Die Familie des Homosexuellen. — Sein Verhalten zur Mutter. 335 

ihm lieb sein wollte und dem er aus dem Weg lief. So mußte sich ihm das 
Weib nicht nur als furchtbar, sondern auch als treulos und als schlecht auf- 
drängen. Lasse dich nicht mit den Frauen ein! Sie werden dich beherrschen, 
betrügen, in das Grab bringen! Meide sie, wenn du lange leben und gesund 
bleiben willst! 

In der Analyse gelang es, die Angst vor dem Weibe zu lindern und 
das Zwanghafte der Knabenliebe einer sanften Sympathie weichen zu .lassen. 

Wie weit die Heilung, eines Homosexuellen möglich ist, das ist eine 
Frage, die sich nur nach bestimmten Prinzipien beantworten läßt. 

In diesem Falle trat die Möglichkeit ein, mit Frauen zu verkehren. 
Doch daß die Analyse die homosexuelle Triebkraft beseitigt, ist. nach meinen 
vorherigen Ausführungen ja ganz ausgeschlossen. Sie würde ja den Menschen 
durch Verdrängung der Homosexualität wieder neurotisch machen. Wir 
können nur die Verdrängung aufheben, welche die heterosexuelle Komponente 
betroffen hat und den Menschen dann wieder bisexuell machen. Von ver- 
schiedenen Faktoren hängt es dann ab, ob er imstande ist, mit der hetero- 
sexuellen Betätigung allein auszukommen, ob er sich mit Hilfe eines Kom- 
promisses helfen kann. In diesem Falle war die Analyse erfolgreich. Zuerst 
kamen die Wurzeln jener merkwürdigen Erscheinung zutage, daß ihm die 
meisten Frauen wegen ihres Gestankes ekelhaft waren. 

Es war von vorneherein anzunehmen, daß die Analyse eine zurück- 
gedrängte Mysophilie zum Vorschein bringen werde. Zuerst fand sich die Tat- 
sache, daß die Sünde stinkt. Das Weib war die Sünde wie der Teufel. Der 
Teufel stinkt doch immer, und dieser Gestank wird als ein Merkmal 
charakteristischer Art für den Bösen angesehen. Das Weib, die Vertreterin 
der Sünde, mußte also stinken. Er fürchtete sich vor der Sünde, ein Ekel war 
Ekel vor der Sünde. Dann aber zeigte es 6ich, daß er in seiner Kindheit eine 
ausgesprochene Liebe für den Gestank des Kotes hatte, die sich in Rudimenten 
noch heute erhalten hat. Er findet den Geruch des Abortes gar nicht unan- 
genehm, er kann sehr lange im Aborte sitzen bleiben und liest dort mit Vor- 
liebe die Zeitung. Für die eigenen Caprylgerüche (Schweiß zwischen den 
Zehen, Achselschwciß) hat er eine tmleugbare Vorliebe. Als Kind jedoch 
spielte er mit Kot und pflegte es so einzurichten, daß an seinen Hosen immer * 
ein Stück Kot klebte. Seine Mutter pflegte ihn immer zu untersuchen und 
züchtigte ihn sogar, weil er so ein „Schweindr war. Er pflegte auch den Stuhl 
im Zimmer zu machen, die Wände anzuschmieren, die Papiere vom Aborte zu 
sammeln. Hinter dem Ofen hatte er immer eine große Sammlung solcher 
Papiere, zu denen er sehr gerne roch. 

Seine Mutter hatte einen eigentümlichen starken Geruch, der sich zur 
Zeit der Menses sehr verstärkte und ihm zuerst sehr angenehm war und von 
ihm gesucht wurde. Ihr Hemd roch sehr intensiv nach Urin, da sie beim 
Husten und Lachen immer etwas Urin verlor, wie er später von ihrem Haus- 
arzte hörte. Er pflegte sich sehr gerne diese alten Hemden aus der Schmutz- 
wäsche zu holen und daran zu riechen. Eine andere merkwürdige Erscheinung, 
die ich noch in einem ähnlichen Falle beobachtet habe, war, daß er beim 
Niesen immer diesen scharfen Geruch der Mutter verspürte. Später gab er alle 
diese Dinge auf. Doch kam er einmal in ein Hotel, in dessen Bett er ein altes 
Frauenhemd fand, das einen ähnlichen Geruch hatte. Er wollte das Hemd 
wegwerfen und konstatierte zu seinem Erstaunen eine heftige Erregung und 



336 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



eine Erektion von seltener Intensität. Er behielt das Hemd im Bette und 
onanierte einige Male in dieser Nacht. Er weiß jetzt, daß er beim Onanieren 
immer diesen Geruch als Aura verspürt. 

Sein Ekel vor den Prostituierten ist die verdrängte Begierde nach den 
Uringerüchen. Es ist ein Symptom der Abwehr. Doch was er abwehren will, 
das sind seine Inzestgedanken, vor denen er zu den Männern flüchtet. 

•Ich möchte noch über seine weiteren Lebensschicksale berichten. Er 
heiratete eine 1 ältere Dame, eine Witwe, die. Mutter von zwei sehr lieben 
Knaben war. Die Dame ist sanfter Gemütsart, und sehr nachgiebig. Er be- 
hauptet sehr glücklich zu sein und beim Koitus vollen Orgasmus zu empfinden. 
Die Liebe zu den Knaben überträgt er in sublimierter Form auf seine beiden 
Söhne, die er außerordentlich verwöhnt und mit väterlicher Liebe betreut. 

Homosexuelle Phantasien sollen noch hie und da auftreten, aber leicht 
überwunden werden können . . . 

Eine ganz andere Einstellung zeigt der nächste Homosexuelle, 
dessen Mutter als gutmütig, sanft, leicht melancholisch geschildert wird. 

Fall Nr. 59. Herr I. R., ein Mann von 40 Jahren, sucht mich auf, weil er 
wegen einer Erpressung Angst vor einer Gerichtsverhandlung hat. Er hatte 
ein Verhältnis mit einem Diener, das drei Jahre dauerte. Der Diener wurde 
wohl stets für seine Liebesdienste entlohnt, wäre aber so fein und nett gewesen, 
daß er ihm nie eine gemeine Erpressung zugemutet hätte. I. R. war immer 
in bescheidenen Verhältnissen, hatte aber unvermutet eine große Erbschaft ge- 
macht. Nun schrieb ihm der Diener einen Brief, in dem er eine größere Summe 
forderte, weil er in Not sei. „Ich werde vielleicht wegen Erpressung ins 
Kriminal kommen, Sie werden aber auch vor der ganzen Öffentlichkeit blamiert 
sein. Ich bin ein armer Teufel, dem nichts geschehen kann. Sie sind aber 
dann in Wien unmöglich. Ich habe Briefe von Ihnen in Händen, welche einen 
untrüglichen Beweis unserer unerlaubten Beziehungen bilden. Überdies habe 
ich Zeugen, welche unsere intimen Beziehungen bestätigen werden müssen, 
wenn sie vor Gericht unter Eid ausgefragt werden." Ich will nur zuerst 
konstatieren, daß die Polizei in diesem Falle dem Erpresser schnell das Hand- 
werk legte, ohne daß der arme I. R., der dem Selbstmorde nahe war, in- 
kommodiert wurde. Ich aber hatte Gelegenheit, das Seelenleben eines Homo- 
sexuellen kennen zu lernen, der nicht geändert werden wollte und fest daran 
hielt, daß seine Veranlagung vom Hause aus eine homosexuelle war. 

I. R. schwärmte nur für ordinäre Männer. Er hatte viele feine Freunde, 
die ihm gerne zu willen wären. Diese kann er aber nur mit schwärmerischer 
Freundschaft regalieren. Niemals ist es zu einer Erektion gekommen und der 
Versuch eines sexuellen Aktes mißlingt vollkommen. Anders wenn es sich um 
einen Kutscher oder Diener handelt, der recht einfach gekleidet ist und 
schmutzige Hände hat. Diese sind für ihn geradezu ein sexuelles Stimulans. 
Der Akt geht in solcher Weise vor sich, daß der Penis den anderen Penis mit 
der Spitze berührt und solange drückt, bis die Ejakulation erfolgt. Im Mo- 
mente der fremden Ejakulation kommt der eigene Orgasmus, der sehr stark 
ist, wenn er das fremde Sperma auf seinem Sperma fühlt. Die Vermischung 
der beiden Flüssigkeiten versetzt ihn in eine mystische Ekstase. 

Er behauptet von der Kindheit an anders gewesen zu sein als seine 
vier Brüder. Den ersten homosexuellen Akt führte er mit 23 Jahren aus. 



Die Familie des Homosexuellen. — Sein Verhalten zur Mutter. 337 

Vorher hatte er einige Male mit Dirnen verkehrt, weil er sich dazu verpflichtet 
fühlte. Der Genuß wäre sehr gering gewesen. Eigentlich war ihm die Sache 
gleichgültig. 

Schon bei seiner ersten Konsultation sagte er mir : „Wenn meine Mutter 
von dieser Geschichte etwas erfährt, so muß ich mir das Leben nehmen." Die 
Mutter glaubt, daß er ein weibliches „Verhältnis" hat. Wenn er seine Rendez- 
vous mit Männern hat, die er immer bezahlt, ist die Mutter der Ansicht, er 
gehe zu seinem Mädchen oder in ein öffentliches Haus. Sie hindert ihn nicht, 
schickt ihn sogar öfters weg: „Du bist wieder nervös. Du sollst wieder zu 
deinem Mädchen gehen." Als er sich einmal für eine Sängerin interessierte, 
die allerdings etwas Männliches an sich hatte und einen tiefen Alt von wunder- 
barem Timbre aufwies, für den er immer eine Schwärmerei hatte, war seine 
Mutter eifersüchtig und suchte allerlei Gründe, um ihm zu beweisen, daß die 
Sängerin eine „ganz falsche" Person wäre. Er gab dann die Beziehungen bald 
auf, weil er die ewigen Szenen im Hause nicht vertragen konnte. Vorher 
begleitete er überallhin die Mutter, nun wollte er auch einmal mit der Sängerin 
ins Konzert gehen. Seine Mutter machte ihm eine so fürchterliche Szene, daß 
er viele Jahre daran dachte. Denn sie fiel in Ohnmacht und der herbeigeholte 
Hausarzt gab ihm zu verstehen, daß die Mutter viele solcher Szenen nicht 
überleben würde. 

Man sah ihn dann nie ohne Mutter. Sie gingen zusammen spazieren, 
sie gingen zusammen in die Theater, Konzerte, sie machten gemeinsam alle 
Ausflüge, kurz er ersetzte der Mutter vollkommen den Vater. Der Vater lebte 
von der Mutter getrennt. Sie hatte sich von ihm geschieden, wie sie erfahren 
hatte, daß er mit ordinären Männern Verhältnisse hatte. Dies hatte sie dem 
Sohn erzählt, der vorher nicht wußte, weshalb seine Eltern nicht zusammen 
lebten. Sie sagte ihm das einmal, als er schon 22 Jahre alt war und sie darum 
befragte. Diese Erzählung erregte ihn so, daß er einige Nächte nicht schlafen 
konnte. Er kam dann bald dazu, die Szene, die ihm die Mutter erzählte, selbst 
zu erleben und blieb nun in Banden dieser Leidenschaft. Vor seiner Mutter 
hütete er ängstlich sein Geheimnis. Sie hatte in verächtlichem Tone von diesen 
Schweinereien gesprochen und sich oft glücklich gepriesen, daß er ganz anders 
geartet wäre. Sie würde sicherlich sterben, wenn sie das von ihm erfahren 
würde, und das könnte er nicht überleben. 

Den Vater sehe er fast gar nicht. Er lebe nicht in Wien und käme nur 
selten hierher. Die ersten Jahre besuchte er den Knaben, durfte ihn aber nie 
allein sehen, das war ausgemacht. Die peinlichen Szenen — seine Mutter war 
immer anwesend — sind ihm noch immer in Erinnerung. Der Vater ver- 
zichtete dann vollkommen auf jedes Wiedersehen. Er gab sein Geschäft auf, 
in dem er reich geworden. Er war nämlich ein berühmter Damenschneider 
und durch seinen exquisiten Geschmack berühmt. 

Die Ursache, weshalb er den Verkehr durch den Kontakt der Phalli aus- 
führt, weiß er nicht anzugeben. Er meint, die schmutzige Hand des Arbeiters 
würde er nicht ertragen. Auf die geschilderte Weise käme eine innige Be- 
rührung zustande, und es werde doch eine gewisse Distanz eingehalten. Diese 
Erklärung kann richtig sein, scheint mir dazu zu dienen, eine Zwangshandlung 
mit dem Verstände zu erklären (zu „rationalisieren", wie Jones treffend diesen 
Mechanismus bezeichnet). Es ließ sich aber bei längerer Analyse eine andere 
Begründung finden. 

Stekol, Störungen dea Trieb- und Affektlebens. IT. 2. Aufl. 22 



338 Zweiter Teil. Die Homosexualität, 

Es wurde klar, daß er in dem fremden, ordinären, schmutzigen Manne 
seinen Vater suchte. Die Mutter sprach vom Vater nie anders, als dieser „or- 
dinäre, schmutzige Mensch, dem ich nie die Hand reichen könnte. Mich ekelt, 
wenn ich an eine Berührung denke. Und ich kann es nicht ausdenken, daß 
ich seine Frau gewesen bin". 

Oft hatte es seine Phantasie beschäftigt, wie die Eltern verkehrt haben 
mögen. In der Kindheit hatte er solche Szenen belauscht, denn seine Eltern 
waren sehr unvorsichtig. Er hatte sich gewünscht, an Stelle der Mutter zu sein, 
denn er liebte damals den Vater ganz außerordentlich. Die bewußte Szene hat 
also folgende Phantasie zur Grundlage : Er spielt die Mutter, mit der er sich 
vollkommen identifiziert. Der ordinäre Kerl ist der Vater. Die Berührung der 
Glieder symbolisiert den Koitus, die Vermischung der Samenflüssigkeiten die 
Befruchtung. 1 ) In der Sängerin liebte er aber eine Imago seiner Mutter. Die 
Mutter hatte eine wunderbar schöne, tiefe Altstimme. Die Sängerin hatte das 
gleiche Timbre . . . Hier versuchte er eine Art Selbstheilung, eine Über- 
tragung aller Erotik und Sexualität von der Mutter auf ein Ersatzobjekt. Seine 
Liebe pendelte zwischen Vater und Mutter. In der Mutter verkörperte sich ihm 
der Begriff Weib, der aber aller Sexualität entkleidet wurde. Auch der Mann 
durfte nicht in allen seinen Vertretern sexuell sein. Den Freunden wurde die 
Erotik reserviert, aber die sexuelle Betätigung bei ihnen blieb unmöglich. 
Nur der ordinäre Typus Mann war ihm sexueU zugänglich. ' Er hatte sein 
ganzes Leben gegen die Sexualität als das Tierische und Ordinäre angekämpft, 
als das Erniedrigende. Er mußte fallen, wenn er sexuell empfinden sollte. Er 
mußte diesen Fall als Erniedrigung empfinden und sich nach den reinen 
Höhen der Freundschaft sehnen. Diese Wertung wurde ihm von seiner 
schwärmerischen exaltierten Mutter eingeimpft, welche ihren Sohn anders 
haben wollte als die anderen Männer. Er sollte das Tierische ganz über- 
winden . . . Seine Mutter hatte ihm gestanden, daß sie beim Verkehr mit ihrem 
Manne nie etwas empfunden hatte. Sie wüßte nicht, weshalb die Menschheit 
auf solche gemeine Dinge einen solchen Wert lege. Diese Wertung der Mutter 
wurde seine Weltanschauung. Ihre Ausführungen über die Frauen, vor denen 
sie ihn bei jeder Gelegenheit warnte, deren Tücke sie immer wieder hervorhob, 
deren Falschheit sie ihm mit tausend Beispielen belegte, mußte seine 
sexuelle Leitlinie vom Weibe abbiegen, um so mehr, als die sexuelle Bin- 
dung an die Mutter immer fester wurde, als er mit seiner Mutter eine 
Ehe führte, eine Ehe nach ihrem Geschmacke, in dem nichts fehlte als 
der sexuelle Verkehr. Er betonte, daß seine Mutter eine sanfte, leicht 
melancholische Frau war. Sie gab sich ganz in Kunst und Kunstbegeisterung 

aU j m Sle War doch stark und ener S isch in dera beharrlichen Erziehen 
und Modeln ihres Kindes. Sie hörte nicht auf, ihn von den anderen Frauen 
abzuziehen. 

Daß er seinem Vater nachgeriet, mögen andere als hereditäre Belastung 
auffassen. Er suchte erst die Männer auf, nachdem ihm die Mutter den wahren 
Grund ihrer Scheidung mitgeteilt hatte. Das zeigt uns deutlich, daß die alte 
Liebe zum Vater lebendig wurde, und er sich der Mutter gegenüber als der 



*) Ich verstand erst später, daß es sich um eine „Mutterleibsphantasie" 
handelte. Er stellte sich eine Situation im Mutterleibe vor, bei der er im Leibe der 
Mutter die Wonnen des Beischlafes mitgenießen konnte. 



Die Familie des Homosexuellen. — Sein Verbalten zur Mutter. 3B9 

Vater fühlte. Er mußte dann so handeln wie der Vater, er mußte die kalte 
Mutter mit einem Manne betrügen. 

Leider konnte ich eine weitere Analyse nicht durchsetzen. Herr I. R. 
verließ nach der Regelung seiner Affäre dankbar seinen Helfer und ließ nichts 
weiter von sich hören. 

Deutlich ist zu ersehen, daß die Mutter allein das Schicksal ihres 
Sohnes nicht determiniert. Das Beispiel und das Schicksal des Vaters, 
sein Wesen wirken auch bestimmend mit. Freilich, der große Einfluß 
der Mutter, die schon in der frühen Kindheit das weiche Herz d'es 
Kindes zu beeinflussen beginnt, leuchtet aus diesen Beispielen hervor. 
Wie groß der Egoismus der Mütter sein kann, wie bestimmend die 
Angst, ihren Lieblingsknäben einmal zu verlieren und einem anderen 
Weibe zu überlassen, das kann nur der ermessen, der Gelegenheit 
gehabt hat, solche Mütter zu analysieren und alle Abgründe zu er- 
messen, welche der Begriff Mutterliebe in sich faßt. 

Wenn eine Mutter einem zehnjährigen Knaben auf dem Sterbe- 
bette zum letzten Segen die Worte zurufen kann: „Hüte dich vor den 
Frauen!" dann ist noch viel mehr möglich. 1 ) Dann ist auch die heim- 
liche Minierarbeit, welche in dem Kinde diese Angst vor den Frauen 
großzieht, zu begreifen. Man muß aber verstehen, daß verschiedene 
Kräfte von verschiedenen Seiten das gleiche Ziel erreichen können. Wir 
werden im nächsten Kapitel auch von den Einflüssen des Vaters 
sprechen können und immer wieder gestehen müssen, daß viele, viele 
Wege in das Reich der „echten Homosexualität" führen, aus dem es 
angeblich kein Entrinnen mehr gibt . . . 

Wenden wir uns zu zwei interessanten Beobachtungen von Fere. 
welche seinem hochinteressanten Werke „L'Instinct Sexuel" ent- 
nommen sind. 

Fall Nr. 60. M. P., 41 Jahre alt, ist der einzige Sohn eines im Alter von 
74 Jahren an Gehirnschlag verstorbenen Vaters. Er wurde von einem Onkel, 
welcher fünfzehn Monate jünger war als sein Vater und welcher beinahe im 
selben Alter wie dieser und an derselben Krankheit starb, erzogen. Dieser 
Onkel war Junggeselle. Er hat persönlich keinen Anverwandten gekannt. 
Man weiß nichts aus seiner frühesten Jugend, außer daß er an nächtlichen 
Angstzuständen und Bettnässen bis zu seinem zwölften Lebensjahr gelitten 
hatte. Seine Mutter weckte ihn zu bestimmten Stunden, um den Urinabgang 
zu vermeiden; der Erfolg war nur ein teilweiser. Manchmal konnte er dann 
nicht wieder einschlafen, dann nahm sie ihn zu sich ins Bett, 
um ihn wieder zu beruhigen. Eines Nachts, während 
er sich bewegte, streifte er seine Mutter an einem 
behaarten Körperteil; dieser Kontakt rief plötzlich 
den Gedanken an ein Tier wach. Er sprang schreiend 



- 1 ) Ich habe inzwischen Mütter kennen gelernt, die mir gestanden haben, mit 
ihrem Söhnchen „gespielt" zu haben. 

22* 
/ • 



340 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 






aus dem Bett und wollte sich nur mehr in sein eigenes 
legen. Es brauchte lange Zeit, bis er sich beruhigte. Wenn man dieses 
Ereignis als Ausgangspunkt seiner Krankheit annimmt, so steht es fest, daß er 
noch nicht 3 Jahre alt war. Von diesem Augenblick an machte er, wenn seine 
Mutter oder später seine Amme, die in ihren Diensten verblieben war, ihn in ihr 
Bett nahmen, alle möglichen Anstrengungen, um nicht wieder in seines zurück- 
gelegt zu werden. Er wurde von dem Gedanken verfolgt, 
sich über .die Empfindung, die ihm so großen 
Schrecken eingejagt hatte und welche ihm nie ge- 
nügend erklärt worden war, Aufklärung zu ver- 
schaff e.n. Er stellte sich schlafend, um seine Amme während sie sich anzog 
beobachten zu können. Es dauerte einige Monate, bevor er „das Tier" ent- 
deckte. Aber die Kenntnis seines Sitzes klärten ihn nicht über sein Wesen 
auf; seine ewigen Fragen hatten nur eine strengere Beaufsichtigung zur 
Folge; schließlich gab er es auf, von seiner Umgebung Aufklärungen zu 
erlangen, aber seine Unruhe legte sieh nicht. Er war nicht ganz 8 Jahre alt, 
als ihn ein Buch über Anatomie in ziemlich verworrener Weise aufklärte. 
^ Und er begriff, daß alle Frauen mit demselben Tiere versehen seien, daß 
•sie ihn aber nicht auf dieselbe Art wie seine Amme lieben und ihn nicht 
gegen alle Gefahren schützen würden. Er begann Widerwillen gegen die 
Berührung von Frauen zu zeigen und vertrug es nicht, wenn ihn eine andere als 
seine Amme auf den Schoß nahm, obwohl er aus eigenem An- 
trieb den Männern auf die Kniee kletterte. Junge Mädchen 
bis zum 13., 14. oder 15. Jahre flößten ihm nicht denselben Widerwillen ein, 
er spielte mit ihnen ohne jegliche Hemmung. Er zeigte keine anderen nervösen 
Störungen .als das Bettnässen, welches (immer schwächer werdend) andauerte; 
aber der Gedanke, der Ursache seines Widerwillens gegen die Frauen auf den 
Grund zu kommen, ließ ihm keine Buhe. Er wagte hie und da an die Dienst- 
mädchen und .an seine Kameraden eine Frage zu stellen, deren Beantwortung 
aber eher dazu beitrug, seine Neugierde zu reizen als sie zu befriedigen. 

Er war beiläufig 12 Jahre alt, als ihm ein Buch über venerische Krank- 
heiten, welches im Gebrauch der vornehmen Welt stand, in die Hände fiel; 
es genügte, um ihn aufzuklären, aber nicht um ihm seinen Widerwillen zu 
nehmen. Er begann, sich gegen die Amme zu wehren, deren Berührung ihm 
eine peinliche Angst verursachte. Das Bettnässen hatte aufgehört. Er begann 
Masturbation mit einigen Kameraden, ohne jedoch einem davon freund- 
schaftlich zugetan zu sein. Erst im Alter von 15 Jahren faßte er eine heftige 
Zuneigung zu einem 17jährigen Jungen, dessen Sexualmerkmale besonders 
entwickelt waren. (Er hatte eine kräftige Muskulatur, beginnenden Bartwuchs 
und eine sonore Stimme.) Diese Zuneigung veranlaßte ihn, sich von allen 
anderen zufälligen Neigungen fernzuhalten. Aber nachdem dieser Junge, 
wenigstens was ihn betraf, keinerlei ähnliche Neigungen zeigte, war das Ver- 
hältnis ein rein freundschaftliches und dauerte sogar bis zum Austritte aus 
der Schule. Er glaubt, daß sein Kamerad nie seine wirklichen Gefühle ihm 
gegenüber bemerkt hat. 

Er masturbierte nur in großen Zwischenräumen, aber hatte oft erotische 
Träume, wo nur Knaben eine Rolle spielten. 

Er war 22 Jahre alt, als sein Freund durch äußere Umstände gezwungen 
war, sieh von ihm zu trennen. Erst von diesem Augenblick an begann er nach 
Gelegenheiten zu suchen, um in den Gymnasien, Fechtböden und öffentlichen 



Die Familie des Homosexuellen. - Sein Verhalten zur Mutter. 



341 



Bädern Männer mit ausgesprochenen sexuellen Merkmalen zu treffen. Er emp- 
fand dabei eine gewisse sexuelle Erregung, aber niemals so stark, üaii. es inn zu 
MbSTSf sonst welchen herausfoxdemdea Handlungen ^*^ e 
Er hatte bei niemandem solche Neigungen bemerkt, Chatte ^ ditemm al üie 
Hoffnung ihnen bei jemandem zu begegnen. Er war sich wohK beWttJSV ^ 
er 2te den Frauen anders war als die anderen Männer; aber er konnte 
seh nicht helfen und die Sache mit dem „Tier" und die daraus folgende 
Furcht d e nach seiner Meinung nichts mit seinem Widerwillen u .tun hat* 
kamen ihm höchst lächerlich vor. Er litt darunter, nicht wie die andern zu sein 
mT die Hoffnung auf eine Heirat und Vaterfreuden aufgeben zu müssen 
Mittlerweile haL er sich eine gute Stellung in Industriekreisen verschaff 
„ "abe «nötigt ziemlich weit außerhalb der Stadt zu wohnen; es fehlte 
mm iede Zerstreuung; der Gedanke an eine Heirat verfolgte ihn. Er war 
27 Jahre alt als er beschloß, seine Männlichkeit auf die Probe zu stellen; 
bei einer GescStereise versuchte er in einem Bordell das erste Mal einen 
SsSteÄr. Trotz seines Entschlusses nützte er das Entgegenkommen 
SÄen Ohne Resultat aus; erst das vierte Mal hatte er einen Erfolg 
m verST weil er die Erinnerung an seinen Schulfreund zu Hilfe rief. 
Er ImpSnTdnr^aue keine Befriedigung, und dieser Teilerfolg unterließ eine 
tiefe Erschöpfung, die ganz verschieden war von der Ermüdung, welche er nach 
SelbstbeSgung oder Spielereien mit anderen Burschen empfunden hatte. 
™tnd emfger Monate machte er mit Intervallen von einigen Wochen 
Serum Verbuche, die jedoch nur durch »|»^^g*£ 
Mittels von Erfolg begleitet waren. Jeder neue \ ersuch hatte ihn m .einen 

Mng eWen Gestände ^^^Z^Z^^^ » 
hörte wohl, was um ihn gesprochen wurtte, ^are * . „ , . 

antworten. Diese Störungen dauerten nur einen^ Augenblick^ heßen aber eine 
Emnfindung zurück, die er ziemlich treffend mit „Ruckst öS in nie 
V?rgangenheit" bezeichnet. Es schien ihm als ob die jüngsten ^Er- 
eignisse, besonders die des Tages, in die Feme gerückt seien, daß die Zeit die 
seit jenen Ereignissen verflossen war, plötzlich eine längere sei, und daß er zu 
allem, was er noch zu tun habe, zu spät kommen würde Er seheint wahrend 
dieser Anfälle nicht das Bewußtsein verloren zu haben; öfters war er von ihnen 
in seinem Bureau heimgesucht worden und konnte er, indem er seine Augen 
auf die Pendeluhr heftete, bemessen, daß sie nur einige Sekunden dauerten; 
trotzdem schienen ihm, wenn die Sinne ihre volle Schärfe wiedergewonnen 
hatten, die kürzlich verflossenen Ereignisse Stunden weit zurückzuliegen; und 
obwohl er eine Sinnestäuschung festzustellen imstande war, hatte er das 
Bedürfnis, sich zu beeilen und die verlorene Zeit wiederzugewinnen. Diese 
Störungen traten während der folgenden Jahre beiläufig einmal monat- 
lich auf. 

Seit er auf seine Heiratspläne verziehtet hat, hat er sich zu einer kon- 
tinuierlichen Arbeit gezwungen, um so viel als möglich sexuellen Erregungen 
aus dem Wege zu gehen. Trotzdem blieb er erotischen Träumen, wo aus- 
schließlich Männer eine Rolle spielten, unterworfen. Mehrere Male hat es ihn 
stark zu Männern hingezogen, da er aber auf keine Erwiderung seiner Gefühle 
hoffen konnte, sind diese Anwandlungen ohne Folgen geblieben. 



342 



Zweiter Teil. Die Homosexualität. 



Im Frühling des Jahres 1895 sind diese Schwindelanfälle infolge von 
Übermüdung heftiger geworden und haben öfters zu Ohnmaehtsanfällen ge- 
führt. Diese hatten eine rückwirkende, vollkommene Gedächtnisschwäche 
von einer bis zu zwei Stunden zur Folge, dann setzte die Erinnerung, mit einer 
Hemmung ähnlich der früheren, wieder ein. 

Diese Verschlimmerung seines Zustandes nötigte ihn, ärztliche Hilfe 
in Ansprach zu nehmen. Er schrieb diesen Zustand der Enthaltsamkeit zu 
die er durch die oben angeführten Tatsachen erklärt, 

Ende November desselben Jahres erwachte er durch einen heftigen 

Kopfschmerz, welcher durch -eine rauchende Lampe verursacht war Um 8 Uhr 

morgens, als er in sein Bureau kam, verlor er plötzlich das Bewußtsein. 

Erst zwei Stunden später, in seinem Bett, kam er wieder zu sich; er erinnerte 

sich nicht mehr daran, daß.er des Morgens aufgestanden war. Er hatte sich 

in die Zunge gebissen, hatte in seine Kleider uriniert, und die Quetschungen 

die er an verschiedenen Körperteilen hatte, zeigten von heftigen Konvulsionen! 

beither hat er sich einer Bromkur unterzogen, durch die er neuerliche Krämpfe 

und bchwmdelanf alle vermieden hat; aber seine sexuelle Anomalie ist die alte 
geblieben. 

Dieser geradezu außerordentliche Fall zeigt uns in Reinkultur 
die Entstehung einer Homo